Posts mit dem Label Selbsthass werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Selbsthass werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 22. Mai 2025

Die autoritäre Persönlichkeit und die Trump-Unterstützer

Die New Yorker Psychotherapeutin Harriet Fraad hat sich die Frage gestellt, warum nach all den bisherigen desaströsen Folgen der zweiten Trump-Regierung noch immer 39% der Amerikaner diese Politik für gut befinden. Sie hat sich bei ihrer Analyse auf die Studien zur autoritären Persönlichkeit von Wilhelm Reich, Erich Fromm, Else Frenkel-Brunswik und Theodor W. Adorno bezogen. Betroffen von der Zustimmung vieler Deutscher zum Nationalsozialismus, untersuchte das Frankfurter Institut für Sozialforschung den Zusammenhang von Autoritätshörigkeit und Familie. Die Forschungen wurden dann im Exil fortgeführt und später in die Kritische Theorie der Frankfurter Schule aufgenommen, die in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts stark an Einfluss gewonnen hat.

Die grundlegende Theorie besagt, dass sich autoritäre Charakterstrukturen entwickeln, wenn jemand als Kleinkind von den Eltern autoritär behandelt wurde. Diese Prägung wäre später kaum beeinflussbar und zeichne sich durch Gewaltbereitschaft und Feindseligkeit gegen Andere und gegen Unterlegene aus. Es kommt zu Projektionen auf ethnische, politische oder religiöse Minderheiten, denen alles Böse unterstellt wird.

Die Notwendigkeit einer „demokratischen Erziehung“, in der das Kind mit seinem Gefühlen und Bedürfnissen geachtet wird, kann aus diesen Studien abgeleitet werden. Tatsächlich kam es in Westeuropa und in Teilen der USA zu einer Welle der gewaltfreien und anti-autoritären Erziehung. Sie schoss vielleicht manchmal übers Ziel, in dem den Kindern zu wenig Grenzen gesetzt wurden, hatte aber zur Folge, dass längerfristig die Gewalt gegen Kinder zunehmend verpönt wurde. Auch wenn bis heute die Gewalt aus den Kinderzimmern noch nicht vollständig verschwunden ist, wird sie von einer großen Mehrheit der Menschen in Westeuropa abgelehnt.

Der Bible-Belt und die schwarze Pädagogik

In den USA hat sich dieser Ansatz nur bedingt durchgesetzt. Die Staaten hatten keine Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten, und deshalb blieben in vielen Gegenden Traditionen aufrecht, die in der Vormoderne verwurzelt sind und deren rigide Erziehungsprinzipien mit der Unterstützung evangelikaler Kirchen und Sekten weiter praktiziert werden. Insbesondere im Südosten der USA, im sogenannten Bible-Belt sind Erziehungshaltungen verbreitet, wie sie vor der Aufklärung weitgehend selbstverständlich waren, aber seither, und vor allem seit dem Nationalsozialismus stark in Frage gestellt wurden. Auf diese Phänomene bezieht sich die Analyse von Harriet Fraad. 

Sie sieht in James Dobson den Hauptpropagandist einer Pädagogik, die ihren Zweck in der Unterordnung der Kinder unter die Herrschaft der Eltern sieht. Der „Erziehungsguru“ hat 17 Ehrendoktortitel von Hochschulen mit religiöser Trägerschaft erhalten und vertritt in seinen Reden und Büchern folgende Meinungen: Körperliche Bestrafung sollte auf jeden kindlichen Ungehorsam folgen und nicht etwa als letztes Mittel angewandt werden. Er ist zwar gegen Kindesmisshandlung, aber „ein bisschen Schmerz kann schon bei einem jungen Kind viel erreichen. Die Schläge sollen jedoch von ausreichender Härte sein, damit das Kind wirklich weint.“ Er glaubt, dass Männer die Verpflichtung gegenüber Gott haben, ihre Familien zu führen, und Frauen die Verpflichtung gegenüber Gott haben, sich der Autorität ihres Ehemanns zu unterwerfen. Außerdem hält er die Homosexualität für eine heilbare Krankheit.

In dieser Pädagogik geht es darum, den Willen des Kindes möglichst früh zu brechen, damit die unbedingte Bereitschaft zum Gehorsam nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Die Devise lautet: Wenn die Zeiten hart werden, musst du ohne jede Widerrede der Autorität gehorchen. Zwar ist diese Regel aus tribalen Zeiten abgeleitet, in denen es wichtig war, dass bei Gefahr nicht lange herumgeredet wurde. Aber in der schwarzen Pädagogik ist es der elterliche Stress, der die Not ausmacht, und schuld an diesen Belastungen sind immer die Kinder. Also müssen sie lernen, Befehle und Anordnungen ohne Widerspruch zu befolgen. 

Gehorsam als Überlebensstrategie

Nach dem französischen Philosophen Louis Althusser gibt es drei Systeme, die bewirken, dass sich die Menschen willenlos der staatlichen Autorität unterordnen, ohne dass diese Gewalt anwenden muss: die autoritäre Religion, die autoritäre Familie und das autoritäre Bildungssystem. Kinder, die in solchen Systemen aufgewachsen sind, haben gelernt, dass es das Beste ist, zu kuschen und zu gehorchen, dann sind sie sicher. Das sind Kinder, die wissen, dass es sinnlos ist, Befehle in Frage zu stellen oder dagegen aufzubegehren.

Sie haben gelernt, dass sie gehorchen müssen, auch wenn es gegen ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen geht. Wichtig sind nur die Bedürfnisse und Interessen der Autoritäten, mit dem Glauben, wenn diese befriedigt sind, gehe es allen besser. Sie wollen gar nicht wissen, was wirklich passiert, weil das zu viel Angst auslösen würde. Der allmächtige Vater muss unterstützt werden, um jeden Preis, denn sonst ist die eigene Sicherheit in Gefahr. Alle Fragen und alle Zweifel müssen ausradiert werden, damit der allmächtige Vater ein sicherer Anhaltspunkt bleiben kann. Dafür nehmen die Kinder in Kauf, dass sie ihre eigenen Wünsche zurückstellen, bis sie sie gar nicht mehr erkennen. Sie haben durch die Bestrafungen gelernt, dass ihr Wille und ihre Bedürfnisse schlecht oder böse sind, was so viel bedeutet wie dass sie selber schlecht und böse sind. 

Der Hass, aus dem die Eltern die Rechtfertigung für die Unterdrückung der Kinder ableiten, wird von den Kindern verinnerlicht und in einen Selbsthass umgewandelt. Später findet sich dann der Ausweg, den Selbsthass gegen andere Gruppen zu wenden – die sind dann die Bösen. Da sie Autoritäten vertrauen, glauben sie ihnen auch, wenn diese die Böse benennen und anklagen und folgen ihnen mit diesem Hass. 

Gegen die eigenen Interessen wählen

Aus dieser Dynamik wird auch verständlich, warum viele Menschen Politiker wählen und unterstützen, die gegen ihren eigenen Vorteil und gegen ihre eigenen Interessen ihre Politik betreiben. Es geht diesen Menschen nicht um ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen, denn sie haben gelernt, dass diese nicht wichtig sind – vielmehr geht es ihnen um die Bedürfnisse und Interessen der Autoritäten, denen sie folgen. Sie vertrauen ihnen blindlings und meinen, dass sie immer Recht haben, so wie der eigene autoritäre Vater immer Recht haben musste. Wenn die Führerfigur meint, dass das Einheben von Zöllen für alle im eigenen Land Vorteile bringt, dann unterstützen sie die Maßnahme, selbst wenn sie selber die Zeche zahlen müssen. Wenn die Autorität verkündet, dass die Ausländer an allem Schuld sind, dann befürworten sie deren Vertreibung, auch wenn sie gegen das Recht verstößt oder der Wirtschaft nachhaltig schadet. 

Geistige Dumpfheit

Eine Folge der autoritären Erziehung besteht in einer geistigen Dumpfheit, die als Folge der Unterdrückung der eigenen Impulse, Bedürfnisse und Willensäußerungen entsteht. Menschen mit dieser Geschichte sind nicht dumm, obwohl sie sich oft dumm, im Sinn der Selbstschädigung verhalten. Sie haben nur als Überlebensprinzip angenommen, dass das Nachdenken sinnlos und sogar gefährlich ist, weil es die Sicherheit unterminieren könnte, die eine gnädig gestimmte Autorität garantiert. Und deshalb müssen alle bekämpft werden, die an der Autorität zweifeln, sie kritisieren oder lächerlich machen.

Hier zum Podcast von Harriet Fraad.

Zum Weiterlesen: 

Aufklärung - der natürliche Feind rechter Ideologien
Hass, Zerstörung und Krieg
Taktiken zur Machtergreifung
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts


Samstag, 1. Juni 2024

Selbsthass und Körperscham

Der eigene Körper zählt zu den Vorgegebenheiten unseres Lebens, auf die wir nur einen geringen Einfluss haben. Unsere Augen- und Haarfarbe, unsere Körpergröße und die Form der Schönheit unseres Äußeren sind durch die genetischen Anlagen vorbestimmt. Sicher gibt es noch weitere Einflüsse auf unsere Außenerscheinung, wie z.B. die Ernährung oder die emotionale Stabilität, mit der wir aufgewachsen sind. Es gibt auch Korrekturmöglichkeiten für körperliche Mängel durch die moderne Medizin. Aber all diesen Eingriffen sind Grenzen gesetzt, die in unserem Genom festgelegt sind.

Die Kultur ist Trägerin von Wertmaßstäben und Idealen, was den menschlichen Körper anbetrifft. Körperliche Fitness z.B. ist ein moderner Standard. In früheren Zeiten war ein beleibter Körper Anzeichen von Wohlhabenheit, heutzutage gilt er als Hinweis auf schlechte Essgewohnheiten und mangelnde Bewegungsfreude. Die Schlankheit als Markenzeichen weiblicher Schönheit hat sich erst dann als Idealmaß etabliert, als sich durch den Einfluss der Empfängnisverhütung die kulturellen Bilder von Weiblichkeit und Fortpflanzungsfähigkeit entkoppelt haben. 

Psychologen haben festgestellt, dass es Menschen, deren Äußeres nach den gängigen Maßstäben als schön wahrgenommen wird (und das sind nach anderen Forschungen ca. 10 Prozent), leichter haben im Leben. Ihnen wird grundsätzlich mehr Vertrauen entgegengebracht als hässlichen Personen. Sie finden leichter eine Arbeit und einen Partner. Für Menschen, die dem Ideal weniger entsprechen, gibt es dann nur die Möglichkeit, den Leistungsidealen, die ebenso von der Kultur vorgegeben sind, zu entsprechen, und auf diese Weise Anerkennung zu erlangen. Nach wie vor sind in vielen Bereichen die Männer vor den Frauen bevorzugt. Männer, die es zu Ruhm oder Geld gebracht haben, wirken relativ unabhängig von ihrem Äußeren auf Frauen attraktiv, während reiche Frauen ohne äußere Zier viel schlechter bei den Männern  ankommen.

Als Mängel und Schwächen wahrgenommene Aspekte der eigenen Körperlichkeit sowie nicht erreichte Schönheits- oder Leistungsideale geben Anlass für Scham und Selbsthass. Ein Körper, für dessen Aussehen man keine Verantwortung hat, der einem aber nicht gefällt, wie er ist, kann für den Verstand zum Objekt für eine permanent wirksame Selbstablehnung werden, die kontinuierlich den Selbstwert untergräbt. Auf diesen einzigen Körper, den wir haben, wird das ganze Unglück projiziert, das erfahren wird und mit jedem Blick in den Spiegel Bestätigung findet. Der Hass drückt die Spannung zwischen der Ohnmacht und dem Selbstvernichtungswunsch aus.

Mediale Ideale

Die allgegenwärtige Medienwelt, in der wir uns tagtäglich aufhalten, verstärkt und verschärft die Idealansprüche, die den Menschen auferlegt werden und denen sie sich oft leichtfertig unterordnen. Viele Menschen machen ihren eigenen Körper zum Schauobjekt auf diversen Plattformen, und die Aufrufe und Likes, die dafür einlangen, bestimmen den Selbstwert und die Selbstachtung. Manche Leute schönen die veröffentlichten Bilder von sich selbst mittels Bildbearbeitung und künstlicher Intelligenz und schaffen sich damit ein Doppelleben – ein reales mit einem ungenügenden Körper und ein virtuelles mit dem idealen Aussehen. Die irreale Präsenz in der Welt der sozialen Medien soll das quälende Schamgefühl ausgleichen, das das Leben in der realen Welt kennzeichnet. Je mehr Zeit mit dem selbstgeschaffenen Bild von sich selbst verbracht wird, desto realer wird es im eigenen Kopf und desto schemenhafter wird die wirkliche Wirklichkeit, bis die Abwehr des Schamgefühls in Wahnvorstellungen mündet.

Auch hier handelt es sich um verinnerlichte fremde Stimmen, die das körperliche Selbstempfinden dominieren. Die kulturellen oder subkulturellen Gebote sind besonders dann wirksam, wenn zunächst der Selbstbezug und daraus dann der Selbstwert von früh an geschwächt wurden. Zuerst sind es die abschätzigen Blicke der Eltern, die das Schamgefühl auslösen, dann die Begutachtungen durch die Gruppe der Gleichaltrigen und schließlich die medialen Scheinwelten, die das Innenempfinden in Geiselhaft nehmen. Die Menschen orientieren sich in ihrem Aufwachsen zunehmend an äußeren Instanzen, weil die innere Sicherheit für Werthaltungen und Normen schon von den Anfängen her geschwächt ist. Es sind dann andere, an die die Zuständigkeit für die Bestätigung des Eigenwertes abgetreten wird, in dem Fall die anonyme Mächte der kulturellen Normen. So zu sein und dem zu entsprechen, wie es diese Werte verlangen, wird dann zur existenziellen Notwendigkeit. Denn es droht beim Nichterreichen dieser Ideale die Existenzscham mit ihrer Wucht, begleitet vom Selbsthass auf das Äußere. Die äußere Körperform ist nun mit dem gesamten unsicheren Selbst aufgeladen.

Von dieser Gefühlsdynamik wird eine riesige und stetig wachsende Industrie für Kosmetika, Schönheitsmittel und -operationen, Beauty-Wellness sowie der gesamte Wirtschaftssektor der Mode in Betrieb gehalten. Die Glitzer- und Glamourwelt, die immer wieder neue Leitfiguren hervorbringt, lebt von diesen Mechanismen und befeuert und belebt sie auch dadurch, dass sie in den jungen Leuten die Hoffnung weckt, nach oben kommen zu können, zu den Schönen und Reichen zu zählen und die allgemeine Bewunderung zu ernten – oder die Ängste schürt, es nicht zu schaffen und in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

Das Schöne an der Schönheit

Natürlich spielen viele andere Motive und Bedürfnisse im Umfeld der Schönheitsbegriffe mit. Die Menschen wollen sich aus vielen Gründen schön machen, sie wollen füreinander ihre Schönheit teilen, anerkennen und anerkannt werden. Viel Kreativität findet in diesen Bereichen Ausdruck. Es gibt auch wichtige Zusammenhänge zwischen Schönheit und Gesundheit. Das Äußere eines Menschen kann wegen einer Krankheit an Schönheit einbüßen, während ein gesund gehaltener Körper in sich eine Schönheit trägt, die nicht immer mit kulturell geprägten Schönheitsbegriffen gemessen werden kann.

Doch wie in allen menschlichen Angelegenheiten gibt es auch hier Licht- und Schattenseiten. Jede Fixierung auf das Äußere und seinen Glanz oder sein Elend trägt und nährt narzisstische Züge, die durch ökonomische Antriebe und kulturelle noch zusätzlich verstärkt werden. Das nach außen wirksame Bild ist maßgeblich und bestimmt über das Innere. Immer, wenn der Wert der eigenen Innerlichkeit ignoriert wird und der Bezug dazu verzerrt oder unterbrochen ist, entstehen Schamgefühle, und sobald diese Selbstmissachtung als unangenehmes Gefühl spürbar wird, kann die Scham in Selbsthass umschlagen. Die Quelle des Übels ist das unvollkommene Äußere, das der Hass in seiner vorgegebenen Form beseitigen will.

Zum Weiterlesen:
Selbsthass: Sich selbst der ärgste Feind sein
Schönheit wird die Welt retten
Schönheitsideale und Wahrnehmungsschwächen


Samstag, 10. Juli 2021

Akzeptiere was ist - einfach ist es nicht... (Teil 1)

Akzeptiere alles so, wie es ist. Das ist ein bekannter spiritueller Vorschlag, den viele Lehrer in diesem Bereich einbringen. Wir sparen uns Konflikte mit der Wirklichkeit, wenn wir ihm folgen. Wir nutzen diesen Zugang, um eins mit dem Ganzen zu werden. Denn jedes Nicht-Akzeptieren schafft eine Kluft zwischen mir und dem Ganzen, und für jede Auseinandersetzung zwischen meinem mickrigen Ich und all dem, was sonst noch ist, stehen meine Karten nicht wirklich günstig. Und jede Kluft belastet uns mit Gefühlen der Unzufriedenheit und des Mangels. Sie erzeugt Stressgefühle und schneidet uns auch von den Mitmenschen ab.

Es gibt allerdings eine Reihe von Missverständnissen um dieses spirituelle Lehrstück herum, die ich im Folgenden näher beleuchten möchte.

Viele nehmen an, dass Akzeptieren so viel bedeute, wie etwas gutzuheißen, zu bejahen, zu unterstützen. Das ist in diesem Zusammenhang nicht gemeint. Vielmehr heißt Akzeptanz hier, die Existenz von etwas oder jemanden in dessen Existenz, also in seinem Sein anzuerkennen, also einen Teil der Wirklichkeit als wirklich zu bestätigen. Es werden dabei keine Bewertungsmaßstäbe angewendet. Das Gegenteil wäre es, einen Aspekt oder einen Bereich der Wirklichkeit abzulehnen im Sinn von: Ich will nicht, dass dies oder jenes existiert. Der Politiker X soll weg, weil er nur Unheil anrichtet. Das Corona-Virus soll verschwinden, weil es uns so viele Probleme beschert. Die Menschen sollen aufhören Fleisch zu essen, Auto zu fahren, Flugreisen zu machen, gegen die Erderwärmung zu demonstrieren, rechtsgerichtete oder linksgerichtete, konservative oder liberale Parteien zu wählen. So berechtigt diese Anliegen sein mögen, so wenig ändert sich durch das Ablehnen. Der Politiker bleibt im Amt, das Virus befällt weiterhin Menschen, es wird weiter Fleisch gegessen, autogefahren, geflogen, demonstriert, die falsche Wahlentscheidung getroffen.

Im Fall des Akzeptierens tritt der eigene Wille zurück hinter das Zulassen dessen, was ist. In der Ablehnung möchte der Wille das, was einem nicht passt, zurechtrücken oder verschwinden lassen. Im ersten Fall lassen wir das Ganze in seinem So-Sein gelten, im zweiten Fall stellen wir uns mit unserem eigenen Bestreben und Wollen in Opposition zu ihm.

Es  geht bei dieser Form des Akzeptierens um ein An-Nehmen, ein Nehmen im Sinn von Wahr-Nehmen oder zur Kenntnis nehmen. Wir empfangen, was die Wirklichkeit uns bietet. Es geht um ein bloßes Feststellen und Konstatieren, ohne zu berücksichtigen, ob das, was ist, angenehm oder unangenehm, sympathisch oder unsympathisch für uns ist, ob wir es wollen oder nicht. Gemeint ist also, die Wirklichkeit ohne subjektive Bewertung und ohne eigene Intentionen und Interessen zu erleben.

Die Wut im Nichtakzeptieren

Hat das Nichtakzeptieren Nebenwirkungen?

Unter den vielen Nebenwirkungen (die alle unter dem Titel: "Wie machen wir uns unglücklich?" Platz finden könnten) gibt es einen selten beleuchteten Aspekt der Nichtakzeptanz: Er besteht darin, dass die Trennung einer Verbindung etwas Gewaltsames beinhaltet. Das Ablehnen enthält eine Beimischung von Aggression: Etwas, das da ist, das wir aber in seiner Existenz nicht wollen, soll verschwinden.

Es ist die Zielrichtung des Hasses, die die Ablehnung der Wirklichkeit hervorbringt. Was einem nicht passt, wird aus der Wirklichkeit getilgt, zumindest in der subjektiven Fantasie. Der Hass will sein Objekt vernichten. Er verkörpert die Energie der Nichtakzeptanz. Hass ist nur dort möglich, wo die Verbundenheit von Ich und Welt zerbrochen ist. Er will diesen Spalt gewalttätig durch das Zerstören des ungewollten Anderen aufheben – ein hoffnungsloses Unterfangen, weil die andere Seite die existente Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit ist. Hassgetriebenes Handeln kann zwar einzelne Teile der Wirklichkeit vernichten, aber es zerstört dabei gleichzeitig immer auch einzelne Teile der eigenen inneren Wirklichkeit. Das große Ganze der Wirklichkeit verändert sich dadurch in bestimmten Aspekten, ohne jemals unterzugehen. 

Hass ist immer auch Selbsthass. Die konsequenteste Handlung des Hasses ist deshalb der Selbstmord, ein Ausweg, den viele wählen, die mit dem Weg des Hasses zeitweilig erfolgreich waren, bis sie, in sich selber zerstört, an der Übermacht der Realität scheiterten.

Ein bekanntes Klavierrondo von Ludwig van Beethoven trägt den Untertitel: „Die Wut über den verlorenen Groschen“ (op. 129), und das Stück kann als künstlerische Verarbeitung eines Frustrationserlebnisses verstanden werden, als Beispiel für eine Frustrations-Aggressionsschleife. Der Groschen ist verloren, Ärger entsteht, die Selbstanklage über die eigene Unachtsamkeit folgt, und das Innere ist mit sich selbst beschäftigt – außer der kreative Impuls meldet sich, die missliche Erfahrung in ein virtuoses Klavierstück umzumünzen. Damit ist die Verbindung zum Ganzen wieder hergestellt.

Akzeptanz und Ego-Abstinenz

Die nicht einfache Aufgabe beim Akzeptieren liegt darin, das Eigene beiseite zu lassen. Die Anforderung ist, sich nicht einzumischen, den eigenen Senf in der Tube zu lassen. Liebe Wirklichkeit, du bist, wie du bist, ob es uns passt oder nicht. Wir nehmen dich in deinem So-Sein – genau so, wie du bist.  

Was ist, war immer schon vorher da, vor unseren Meinungen und Vorbehalten, Bewertungen und Einschätzungen. Unser Erleben zeigt uns, was ist, und dann erst meldet sich unsere Bewertungsmaschine, um es in Kategorien einzuschlichten. Sofort sind wir weg vom Erleben und bei unseren Gedanken über das Erlebte. Sofort nehmen wir die Interpretationen wichtiger, weil wir glauben, dass wir sie brauchen, um unsere Überlebenschancen einzuschätzen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn es ums Überleben geht. Oft ist es aber nur unser besorgtes Denken, das uns eine Lebensgefahr suggeriert, ohne dass das wirklich der Fall ist. Fast immer, wenn wir mit der Wirklichkeit auseinanderfallen, haben wir es mit einer Überreaktion zu tun, die von unserem Angstdenken angestiftet ist und nichts mit dem zu tun hat, was gerade Sache ist.

Bewusstheit

Wie bringen wir es also zuwege, dass sich das Denken nicht zwischen uns und die Wirklichkeit drängt?

Es geht nicht anders als mit Bewusstheit. Unsere inneren Bewertungsmechanismen arbeiten blitzschnell und wir merken es gar nicht, dass wir schon in einer wirklichkeitsverneinenden Schleife hängen und unsere Einschätzung über das stellen, was wir erleben.

Sobald wir aber merken, auf welchem Kanal wir sind (innen oder außen), haben wir die Chance, unsere Aufmerksamkeit auf die Wirklichkeit zurückzulenken und zu klären, was zur aktuellen Situation gehört und was nicht. Dann können wir die reale Situation abschätzen und überprüfen, ob sie wirklich so bedrohlich ist, wie uns das Denken einreden will. Unsere Angst ist immer unsere Angst und wurde nur durch irgendeinen Aspekt der Wirklichkeit ausgelöst, den wir in bestimmter Weise interpretiert haben. Mit Bewusstheit klären wir, ob diese Interpretation zur aktuellen Situation passt oder aus früheren Erfahrungen, die in die Gegenwart projiziert wurden, stammt und dorthin zurückgegeben werden kann.

Im Erkennen dieser Zusammenhänge finden wir zurück zur Akzeptanz, zur Einstimmung mit dem Ganzen der Wirklichkeit, ohne das Zutun unserer Interpretationen und Bewertungen. Wir bemerken diese Übereinkunft daran, dass sich alles friedlich in uns anfühlt.

Zum Weiterlesen:

Sag Ja zum Moment
Das Ja zum Selbst

Die eigene Wahrheit und die Verbundenheit mit anderen
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)
Akzeptieren, was ist (Teil 8)

Samstag, 27. April 2019

Selbsthass: Sich selbst der ärgste Feind zu sein

„Ich bin mir selbst mein ärgster Feind“, diesen Satz hören wir manchmal, und er führt uns auf die Spur des Selbsthasses. Tatsächlich können wir am unbarmherzigsten mit uns selber sein, denn wir können uns nie entkommen. Wenn uns jemand anderer schlecht behandelt, können wir ihm aus dem Weg gehen; wenn wir uns selber feindselig gegenübertreten, gibt es keine Ausweichmöglichkeit, und die Verteidigung gegen die Angriffe ist auch äußerst schwierig. Wir laufen herum wie spätmittelalterliche Selbstgeißler, die sich permanent für ihre Sünden bestrafen und nie überlegen, ob das, was sie da tun, nicht selbst sündhaft sein könnte.

Der Selbsthass ist die stärkste und ärgste Form der Selbstverleugnung und
Selbstabtrennung. Wir machen uns selbst zu unserem eigenen Gegner und Feind. Wir wünschen uns selbst die Auslöschung. Selbsthass äußert sich in quälenden und selbstabwertenden Gedanken und Gefühlen, Schuldkomplexen und Selbstanklagen. Wir sind uns selbst das leidende Opfer auf der einen Seite und der vernichtende Täter auf der anderen.


Selbstkritik am Anderssein


Die amerikanischen Psychologen Robert und Lisa Firestone haben herausgefunden, dass der am weitesten verbreitete selbstkritische Gedanke bei den Testpersonen ist: „Du bist anders als die anderen“, aber in der abwertenden Form: „Du gehörst nicht dazu, du bist schlechter, weniger hübsch oder intelligent“ usw. Natürlich ist jeder anders, aber im Grund gleich wertvoll und gut. Doch der innere Kritiker, die Instanz in uns, die diese Vergleiche vornimmt, gibt ihnen die negative Färbung. Dieser Persönlichkeitsteil agiert als Anti-Selbst, als perfider Coach, der nicht unseren Erfolg und unser Weiterkommen im Leben will, sondern unser Scheitern. Er kann Sätze erfinden wie: „Ich werde es nie schaffen.“ „Das wird nicht gut enden.“ „Ich werde nicht geliebt, die anderen tun nur so, also sollte ich ihnen nicht vertrauen.“ Damit kann der innere Kritiker unser Leben an allen Ecken und Enden sabotierten.

Eine US-Studie mit mehr als 3.000 jugendlichen Mädchen zeigte, dass sieben von zehn glauben, dass sie nicht gut genug sind. Sie haben das Gefühl, dass sie sich in Bezug auf ihr Aussehen, ihre Studienleistung und ihre persönlichen Beziehungen nicht mit anderen messen können. Die gleiche Studie zeigte, dass 75 Prozent der Mädchen mit geringem Selbstwertgefühl „negative Aktivitäten wie ungesunde Essensgewohnheiten, Ritzen, Mobbing, Rauchen oder Trinken ausüben, wenn sie sich schlecht fühlen“. Nach anderen Studien beschränkt sich dieser Mangel an Selbstwert nicht auf die Gruppe von adoleszenten Mädchen, sondern ist weit in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft verbreitet. 

Es ist eben nicht überraschend, dass der Selbsthass leicht in selbstschädigendes Verhalten mündet: beginnend mit Fehlleistungen, Unfällen und Ungeschicklichkeiten über selbstverursachte Misserfolge und Karriereabbrüche bis zu Drogenabhängigkeit, Selbstverletzungen und Selbstmord. Hass will Vernichtung, und vernichtet werden soll alles Selbständige, Individuelle am eigenen Leben. 

Aber auch Störungen und Krankheiten können der Ausdruck einer zerstörerischen Beziehung zu sich selbst sein, am augenfälligsten am Beispiel der Bulimie und der Magersucht. Viele andere Erkrankungen können auch durch die Komponente einer aggressiv abwertenden Selbstbeziehung verursacht oder mitverursacht sein, z.B. Krebs, bei dem sich bestimmte Körperzellen aggressiv auf Kosten der anderen vermehren, oder Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem Entzündungen produziert statt sie zu heilen. Wie auch soll sich ein Körper gesund entwickeln können, wenn derart massive Spannungen und Konflikte zwischen Körper und Geist vorherrschen?

Fast unweigerlich wird auch die Seele in Mitleidenschaft gezogen. Der Selbsthass geht sehr oft mit Depressionen einher, weil die in sich kreisenden selbstabwertenden Gedanken soviel Energie in Anspruch nehmen, dass die eigene Lebendigkeit immer geringer wird und die Quellen und Ressourcen immer unzugänglicher werden. Zudem wird es immer schwieriger, nach außen zu gehen, um selbstwertstärkende Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen, was wieder die Spirale nach unten zieht. Im extremen Fall kann sich die Persönlichkeit multipel in voneinander unabhängige Teile aufspalten.



Die Wurzeln des Selbsthasses


Wer die früheren Beiträge über den Hass gelesen hat, wird nicht verwundert sein, dass auch beim Selbsthass die Ursachen in den frühen Lebensjahren liegen und den Hass und die Ablehnung spiegeln, die von den Bezugspersonen entgegengebracht wurden. Kinder, die hochgesteckten Erwartungen entsprechen sollen und nicht können, die für Ungeschicklichkeiten strenge Kritik bekommen, die laufend auf Fehler hingewiesen werden, ohne dass ihre Leistungen Anerkennung finden, können schwer einen stabilen Selbstwert entwickeln. Die Grundlagen für die Unterbrechung der Selbstbeziehung können noch früher angelegt sein, z.B. wenn ein Kind nicht gewollt war oder einen Abtreibungsversuch überleben musste. Die Ablehnung des eigenen Lebens oder des eigenen Wesens zieht schwere Verletzungen der eigenen Integrität und Würde nach sich, Wunden, aus denen dann der Selbsthass entstehen kann. 

Denn der eigene Wert bemisst sich daran, wieviel Wertschätzung entgegengebracht wurde, vor allem in den frühen Lebensphasen. Besteht ein hoher Mangel, wird auch die Basis für die Selbstachtung sehr schwach und die Wurzel für Selbsthass ist gelegt. Es kann sein, dass das Kind dann besonders bedürftig nach Anerkennung wird, aber sich dadurch noch mehr Ablehnung einhandelt, vor allem in den Kinder- und Jugendlichengruppen, in die es dann kommt. Denn Kinder können oft erbarmungslos auf die Schwächen ihrer Gleichaltrigen reagieren, und dann kommt es schnell zum Mobbing. Wer nicht genügend Selbstbewusstsein aufbringt, wird von der Gruppe an den Rand gespielt. Das kann den Selbsthass noch weiter steigern, weil die Betroffenen die ganze Schuld an der Ausgrenzung auf sich nehmen.


Narzisstische Netze


Was ist der Grund, warum der Selbsthass so viel mit dem Anderssein und Nicht-Dazugehören zu tun hat? All die Abwertungen und Herabsetzungen, die wir im Lauf der Kindheit erleben, all die Bedrohungen, denen wir durch Ablehnung und Nicht-Gewolltsein ausgesetzt sind, haben damit zu tun, dass wir meinen, nicht so sein zu dürfen, wie wir sind. Wir sind in unserem Wesen geschaffen und entwickeln uns auf unsere Weise. Wir haben es aber mit Menschen zu tun, von denen unser Überleben abhängt, die ihre Erwartungen und Projektionen wichtiger nehmen als uns und unser Sein. Wir sollen uns diesen Erwartungen anpassen und schaffen es immer wieder nicht, weil wir nicht dauernd gegen uns selbst agieren können. 

Deshalb ist es so schlimm, anders zu sein als die anderen. Wir meinen, nur wenn wir so sind, wie es die anderen, vor allem die Eltern, später die anderen Kinder, die Lehrer und andere Autoritätspersonen, von uns wollen, werden wir akzeptiert und dürfen dazugehören und uns sicher fühlen. Weichen wir davon ab, dann steht unser Überleben in Frage und wir sind mit Existenzängsten konfrontiert. 

Dazu kommt, dass Kinder die Selbstkritik und Selbstablehnung, die die Eltern sich selber gegenüber bewusst oder unbewusst entgegenbringen, spüren können und auf sich selber beziehen. Wenn die Eltern an sich selber leiden, meinen die Kinder häufig, sie würden an ihnen und ihrem Verhalten leiden. Um den Eltern ihr Leben leichter zu machen, übernehmen die Kinder den Hass, indem sie – auf der unbewussten Ebene – zu sich selber sagen: Ich hasse mich ohnehin selber, da braucht ihr euch nicht mehr so viel über euch selber und über mich zu ärgern. Was die Eltern an sich selbst nicht mögen, möchten die Kinder besser machen, scheitern aber oft daran, und lehnen sich dann gleich selber wieder mehr ab.

Immer also, wo Kinder in die Netze des Narzissmus geraten, in die Fänge der Projektionen, opfern sie ihre eigenständige Entwicklung und ihre Selbstannahme. Statt dass sich ein autonomer Wille aufbaut, werden die äußeren Erwartungen als innere Autorität errichtet. Der innere Kritiker etabliert seine Diktatur mit der Überzeugung, das Überleben zu sichern. Selbstzweifel und Selbsthass dienen wie ein scheinbar natürliches und notwendiges Mittel für diesen Zweck. 

Das Leben wird zunehmend zu einem mühsamen Überlebenskampf, mit wenig Hoffnung auf Besserung, viel Selbstzweifel und Verzweiflung und subjektiv überinterpretierten Misserfolgserlebnissen. Mehr und mehr dominiert der innere Kritiker, manchmal in seiner harschen und direkten Form: „Was bin ich für ein Idiot?“, manchmal versteckt: „Ach, jetzt gönn ich mir noch ein Bier, wenn das Leben schon so schwer ist!“ Um gleich drauf wieder loszuschlagen: „Jetzt habe ich schon wieder über den Durst getrunken, was bin ich für ein Charakterschwächling.“ 

Auf diese Weise wird der innere Abwerter von einem Persönlichkeitsaspekt zu dominanten, tonangebenden Stimme im inneren Konzert, zum Scheinselbst, mit dem die stärkste Identifikation vorliegt: „So bin ich eben, ich kann nicht anders. Ich werde mich nie ändern.“ Der Pessimismus und die Resignation, die mit der Herrschaft des inneren Kritikers einhergeht, werden auf das ganze eigene Leben und auf die Umgebung ausgedehnt – auch die Entwicklung der Menschheit und der Gesellschaft wird pessimistisch und resignativ gesehen.


Aus dem Selbsthass entrinnen


Hier folgt ein Übungsprozess, der dazu dient, die Macht des inneren Kritikers zu schwächen und damit den Selbsthass zu befrieden. Er ist einem Leitfaden von Robert und Lisa Firestone nachempfunden.
1. Schritt: Die Stimme des inneren Kritikers wird zuerst distanziert und damit die Identifikation gelockert. Die Sätze, die mit Ich beginnen, werden auf Du-Botschaften umformuliert: Statt: „Ich habe schon wieder versagt“, kommt „Du hast schon wieder versagt.“ Damit wird die kritische Stimme von ganz innen ein Stück nach außen gerückt und verliert an Macht. Es fällt dann leichter, auf den Ton der Stimme zu hören und herauszufinden, welche Person aus der früheren Zeit dahintersteckt. 
2. Schritt: In einem zweiten Schritt kann dann der Abwertung eine Aufwertung gegenübergestellt werden. „Du bist ein Idiot!“ „Nein, ich bin ein intelligenter Mensch und lasse mich nicht abwerten.“ Es kommt also zur Gegenwehr, der Selbsthass wird nicht einfach mehr geschluckt, sondern aktiv zurückgewiesen. 
3. Schritt: Im nächsten Übungsteil kann dann ein realistisches Selbstbild aufgebaut werden. „Ich bin nicht vollkommen und mache manchmal Fehler, wie alle anderen auch. Ich bin ein netter Mensch, auch wenn ich mich manchmal ärgere …“ An die Stelle der einseitigen negativen Selbstsicht tritt eine differenzierte und abgewogene Selbsteinschätzung, womit sich die Person mental wieder mehr in die menschliche Umgebung eingliedert. Menschen sind unterschiedlich, jeder ist anders, jeder hat Schwächen und Stärken.
4. Schritt: Das Verhalten kann sich jetzt zunehmend dem neuen Selbstbild anpassen. Die Handlungen erfolgen nicht mehr unter dem Druck des inneren Kritikers, sondern aus dem eigenen Wollen und aus der Rücksichtnahme auf unsere Umgebung. 


Zurück zu uns selber kommen


Diese Schritte in der Distanzierung des inneren Kritikers sind zugleich Schritte auf sich selbst zu, sie nehmen Bezug auf die wertvollen Aspekte und Seiten der eigenen Persönlichkeit. Sie erleichtern die Veränderung des eigenen Verhaltens. Wenn der innere Kritiker mit seiner Macht oft bewirkt hat, Fehler zu machen, um sich in seiner Kritik bestätigen zu können, so gelingt es jetzt, weniger Fehler zu machen und mehr aus ihnen zu lernen. Wenn der innere Kritiker behauptet hat, es mit einem Idioten zu tun zu haben und deshalb Handlungen initiiert hat, die idiotisch waren, so ist jetzt Schluss damit und die eigene Vernunft kann wieder mehr Einfluss auf die eigenen Handlungen gewinnen. Dadurch wird es möglich, in der Außenwelt ein besseres Bild abzugeben und dadurch mehr Anerkennung zu bekommen. Auf diese Weise wird ein positiver, selbst bestätigender Regelkreis in Gang gesetzt. Der Selbsthass wird schwächer und es wird deutlicher wahrgenommen, wenn er sich wieder einmischen möchte. Mehr und mehr gelingt es, seine destruktive Stimme gleich im Ansatz zum Verstummen zu bringen.

Zugleich wird die eigene kreative Lebensorientierung gestärkt, das Leben gemäß den eigenen Werten, Zielen und Visionen. Der innere Kritiker wird zu einer Instanz unter vielen, der nur mehr für die Korrektur von Fehlern, Irrtümern und Irrwegen im Manifestationsprozess herangezogen wird. Die steuernde Instanz ist das eigene, von innen kommende Wollen, das sich mit den Impulsen, die aus der Umgebung kommen, verbindet.

Überall dort, wo sich der Selbsthass zurückzieht, fließt automatisch die Selbstliebe ein, die gewissermaßen nur darauf wartet gespürt zu werden, weil sie unser eigentliches Wesen zum Ausdruck bringt und unsere gesunde Selbstbeziehung verkörpert, an der wir uns mit uns selber erfreuen können. Statt uns selbst abzulehnen, genießen und freuen wir uns an uns selbst. Wir werden zu den besten Freunden von uns selbst. 

Aus dem Feld der Selbstannahme entstehen die sinnvollen und kreativen, unseren Mitmenschen gegenüber respektvollen Handlungen. Gerne tragen wir unseren kleinen Teil zur Weiterentwicklung bei und fühlen uns dabei wertvoll und verbunden.

Zum Weiterlesen: 
Hass und Liebe: Vom Mangel zur Fülle
Mitgefühl mit uns selbst
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses
Liebe und Hass: Eine Polarität