Montag, 14. Mai 2018

Demut als spirituelle Haltung

Die Einsicht in die Begrenztheit unseres Begreifens und Verstehens ist die Grundlage für die Haltung der Demut. Mit ihr anerkennen wir, dass wir beschränkt sind und dass es immer etwas Größeres und Umfassenderes gibt, dem wir uns verdanken. Wir sind keine selbsterzeugende und selbsterhaltende Wesen, sondern wir wurden ohne unser Zutun gezeugt und brauchen so vieles, um weiter leben zu können. Wir werden laufend an diesem Leben erhalten, und dazu trägt so unendlich vieles bei, dass wir es kaum erahnen können. Wissen wir z.B., wer die Banane, die wir gerade essen, gepflückt, den Baum gepflanzt, gewässert, gepflegt hat? Wer dafür gesorgt hat, dass sie den Weg von ihrem Ursprungsort in meinen Obstkorb gefunden hat? Wer mir das Geld gegeben hat, sie zu kaufen? Was mir die Verdauung der gelben Frucht ermöglicht? Und so weiter. Jeder einzelne Akt unseres Lebens hat unermesslich viele Vorbedingungen und Voraussetzungen, damit er überhaupt stattfinden kann, und nur ein Bruchteil davon ist uns bewusst und bekannt.

Die Macher-Mentalität


Nur mit Demut finden wir zu dieser Einsicht. Sie widerspricht unserer Macher-Mentalität: Ich bin der Urheber all meiner Erfolge und Leistungen. Wegen meiner besonderen Qualitäten und Fähigkeiten habe ich das und jenes geschafft, und folglich steht es mir zu, dafür meine Belohnung zu bekommen.

Manche gehen dann so weit, diesen Glauben an die Selbstschöpfung auf die gesamte Wirklichkeit auszubreiten. Das eigene Denken erschafft die Realität, also macht jeder seine Wirklichkeit im Kopf. Die ganze Welt – die eigene Schöpfung. Ob und wieweit auch immer das stimmen mag; vorausgesetzt ist in jedem Fall ein Kopf, ein Gehirn, ein Denken, das so erstaunliche Gedanken hervorzubringen vermag.

Natürlich brauchen wir die Selbstbestätigung, mit der wir unser Tun mit uns selbst verbinden. Sie stärkt unser Selbstbewusstsein und unseren Selbstwert. Sie weist auch darauf hin, dass wir für unsere Handlungen die Verantwortung tragen. Doch wenn wir diese Perspektive absolut setzen, also ihre vielfältigen organischen und sozialen Voraussetzungen nicht miteinbeziehen, geraten wir schnell in die Krallen von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Auf diese Weise trennen wir uns von all den anderen Personen und Faktoren ab, die dazu beitragen, dass wir überhaupt handlungsfähig sind. Und wir müssen auch die Kehrseite in Kauf nehmen,  die sich bemerkbar macht, sobald wir an die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit stoßen. Wenn wir die einzigen Macher unserer Erfolge sind, sind wir auch voll und allein für unsere Misserfolge und unser Scheitern, unsere Schwächen und Krankheiten verantwortlich und müssen die ganze Last alleine tragen.

Demut, die nicht mit Unterordnung oder Unterwerfung verwechselt werden darf, ist die Haltung, in der die eigene Würde mit einer letztlichen Machtlosigkeit verknüpft ist. Sie entlastet von der Mühsal und vom Stress, alles alleine schaffen zu müssen. Mit Demut lassen wir uns von etwas Größerem tragen und halten, indem wir auf die Ansprüche und Anstrengungen der Selbsturheberschaft verzichten. Wir nehmen das größere Bild ins Blickfeld und ordnen uns dort ein, ohne uns selbst zu verkleinern oder zurecht zu schneiden.


Systemische Demut


Im Rahmen der systemischen Vernunft ergibt sich die Haltung der Demut von selbst. Systemisches Denken bedeutet, jeden Teil in Zusammenhang und im Zusammenwirken mit dem Ganzen zu sehen. Das Ganze ist nicht ohne die Teile, die Teile sind nicht ohne das Ganze. Jedes Ganze ist wiederum selbst Teil eines anderen Ganzen. Kein Teil kann das Ganze, dem er angehört, kontrollieren und kommandieren, vielmehr ist er vom Ganzen in einem stärkeren Maß abhängig als umgekehrt. In diesem Sinn enthält jeder Teil die Einstellung der Demut, der Anerkennung des größeren Ganzen.

Oft sehen wir uns nur selbst, in Verhältnis zu anderen und anderem. Ich habe dies oder jenes getan, eine andere Person hat so oder so darauf reagiert. Ich bin da und sie ist dort. Dass wir in dieser Interaktion ein Ganzes bilden, dem wir beide angehören, öffnet eine weitere Perspektive. Wir können dann erkennen, dass wir als Einzelperson die ganze Dynamik nicht in der Hand haben. Erst wenn wir einen Schritt heraus aus dem System treten, können wir mehr davon wahrnehmen, was im Dazwischen abläuft. Wir merken es daran: Solange wir in eine Auseinandersetzung involviert sind, sehen wir nur uns selbst, unsere Anliegen und Interessen sowie die Themen der anderen Person. Gelingt uns eine Distanzierung, können wir zu einer Lösung finden.

Wie beides ineinander wirkt, zeigt sich erst, wenn wir uns in eine neutrale Position begeben, also unsere Anliegen und Interessen zurückstellen. Wir kommen also nur auf die Ebene der systemischen Vernunft, wenn wir einen Akt der Demut setzen: Ohne meine Anliegen und Interessen zu verleugnen, setze ich sie zumindest für eine Zeit zurück und schränke damit auch mein Ego mit seiner dringlichen Tagesordnung ein. Ich anerkenne, dass ich in der Verständigung mit der anderen Person nur weiterkomme, wenn ich auf mein Beharren und Durchsetzen verzichte und ein Verständnis für die Dynamik, in der wir uns beide befinden, entwickle.

Anzuerkennen, dass wir Wirkzusammenhängen unterworfen sind, in die wir zwar Einsicht erlangen können, die wir aber nicht unserem Willen unterordnen können, ist eine Definition von Demut. Es gibt immer, in jeder Situation etwas Größeres, dem wir unsere Existenz und unser So-Sein in diesem Moment verdanken. Dieses Größere ist etwas, das uns so groß sein lässt, wie wir eben sind, das uns also unsere Würde belässt. Das bedeutet Demut.
Hier noch ein paar Beispiele zu diesem Thema.


Demut und Warten


Wir haben einen wichtigen Termin. Doch der Verkehr stockt, und wir kommen nicht weiter. Unsere Macher-Mentalität ist frustriert. Vielleicht ärgern wir uns über uns selber, weil wir zu spät aufgebrochen sind, oder über die anderen, die gerade jetzt unterwegs sein müssen, über die Verantwortlichen für den Verkehr usw. Wir regen uns auf, ohne damit etwas an der Situation ändern zu können. Wir lassen unsere Nerven rotieren und unseren Stresspegel steigen.

Im Grund maßen wir uns in solchen Fällen an, dass sich die Wirklichkeit nach unseren Absichten zu richten hätte. Wir kämpfen gegen Bedingungen, die wir nicht beeinflussen können. Gelingt es uns, Demut angesichts der widrigen Umstände walten zu lassen, können wir entspannen. Wir haben getan, was uns selber möglich ist und akzeptieren, wie es jetzt gerade ist. Wo nichts zu tun ist, erlauben wir uns, ins Nichtstun zu fallen statt zu hadern. Wir ordnen uns wieder ein in die Kette der Ereignisse, die von so vielen Seiten aus gesteuert wird, dass unser eigener Beitrag ohnehin nur minimal ausfällt.


Demut und unser Körper


Auch in Beziehung zu unserem Körper geziemt sich die Haltung der Demut. Wir stoßen auf dieses Thema, wenn wir krank werden oder eine andere Störung der physiologischen Abläufe unliebsam bemerken. Wir haben nur eine sehr geringe bewusste Kontrolle über die vielfältigen Prozesse in unserem Körper, was solange kein Problem ist, als alles klaglos abläuft. Beim Auftreten von Störungen hingegen merken wir schnell, dass wir Zusammenhängen ausgeliefert sind, die wir nur sehr eingeschränkt beeinflussen können. Bakterien oder Viren oder beide und noch mehr breiten sich gerade massiv in unserer Nase aus, die Immunkräfte kämpfen dagegen, und wir leiden unter dem Schnupfen. Wir können dies und jenes Mittelchen nehmen und uns Ruhe gönnen, aber die Eindämmung der Infektion muss unser Immunsystem zustande bringen, und das nimmt sich die Zeit, die es dafür braucht, unabhängig von den wichtigen Terminen, die wir wahrnehmen sollten, von den Aufgaben, die zu erledigen sind, für die wir die Energien bräuchten, die jetzt zur Heilung der Entzündungsvorgänge eingesetzt werden.

Hier geht es wieder darum, unseren eigenen Willen einem umfassenderen Vorgang unterzuordnen und demütig zu sein. Wir tun bei solchen Gelegenheiten am besten daran, wenn wir uns den Prioritäten, die unser Körper aus seiner eigenen Weisheit heraus setzt, anpassen. Auf diese Weise können wir wieder die Übereinstimmung in uns selbst, die wir Gesundheit nennen, herstellen.


Selbstdisziplin und Demut


Wir alle kennen schlechte Gewohnheiten, die sich zu Süchten auswachsen können, wenn sie zu viel Raum in unserem Leben einnehmen. Wir können solche Gewohnheiten durch Selbstdisziplin in Griff kriegen und eindämmen oder ganz zum Verschwinden bringen. Wir machen uns klar, was wir wirklich wollen (im Sinn der kreativen Lebensorientierung) und mobilisieren unsere Willenskraft. Noch besser versuchen wir den emotional geprägten Wurzeln dieser dysfunktionalen Verhaltensweisen auf den Grund zu kommen.

Doch selbst die Willenskraft, die wir aufwenden, wenn wir eine Versuchung an uns vorbeiziehen lassen, ist nicht unser Werk, sondern etwas, das uns geschenkt ist. Manchmal haben wir mehr davon, manchmal weniger, mal sind wir stärker, dann wieder schwächer. Auch diese Zyklen gilt es in Demut anzunehmen, ohne uns dazu verleiten zu lassen, allzu schnell die Anstrengungen zur Festigung unserer Selbstdisziplin fahren zu lassen. Wir können unsere Aufmerksamkeit für die Momente schärfen, in denen wir den passenden inneren Zustand haben, wie er für die Kultivierung von Selbstdisziplin notwendig ist, um diese Gunst am besten für uns zu nutzen.


Demut und persönliches Wachstum


Jeder Schritt in der inneren Entwicklung macht uns freier. Es braucht dabei immer die eigene Anstrengung, den eigenen Einsatz. Insofern können wir uns auch anerkennen, wenn es uns geglückt ist, im inneren Prozess weiter zu kommen, indem sich unsere Handlungs- und Liebesfähigkeit erweitert. Gleichzeitig ist es wichtig anzuerkennen, dass auch bei solchen Entwicklungsschritten Leistung und Gnade zusammenspielen. Oft geschehen die besten Lösungen dann, wenn wir aufgehört haben uns anzustrengen. Wir können auf diesem Weg nichts erzwingen, und das Resultat ist genauso unser Verdienst wie unser Erfolg. Die Perspektive der Demut lässt uns beides sehen und macht uns möglich, unser Ego mit jedem Schritt auf der spirituellen Leiter ein Stück zu verkleinern.


Demut und Metaphysik


Wie im vorigen Blogartikel ausgeführt, stößt unser neugieriges Interesse auf Grenzen des Wissbaren. Wir wollen gerade über das, was nach dem Tod geschieht, eine sichere Auskunft, und darüber, ob es einen Gott gibt und wie der/die ist, und was eigentlich der Sinn unseres Lebens ist. Das sind die wichtigsten „letzten Fragen“ der Metaphysik, auf die es bis heute keine eindeutigen Antworten gibt.

Stattdessen wächst die Gewissheit darüber, dass es gar keine Antworten auf die Fragen geben kann. Wenn wir diese Kränkung unseres hochfliegenden Wissensdurstes, der oft ein verkleideter Kontrollwahn ist, akzeptieren, sind wir in der Position der Demut: Vielen Errungenschaften des geistigen Potentials der Menschheit stehen viele Ungewissheiten gegenüber, und so wird es für immer bleiben. Die Selbstbescheidung der menschlichen Erkenntnis- und Erfahrungsmöglichkeiten erweitert die Wertschätzung für das, was innerhalb dieser Grenzen alles möglich ist. Statt über unser Leben hinausdenken zu wollen, beschäftigen wir uns damit, all die Schätze zu heben, die diese Welt im Inneren wie im Äußeren bereithält.


Spiritualität der Demut


Sobald wir uns auf die Qualität der Demut einlassen, begeben wir uns aus den Ego-geprägten  Lebensfeldern der Macher-Welt in den Bereich der Spiritualität, die es nicht mit der Oberfläche der Dinge zu tun hat, sondern mit deren geistigem Gehalt. Der Geist hat, weil weder räumlich noch zeitlich, keine Grenzen. Er weist immer über das hinaus, was gerade ist. In diesem Sinn können wir nur demütig spirituell sein. Wir haben bestenfalls eine Ahnung von dem, was Geist wirklich ist, und wir haben die Gewissheit, dass da immer mehr da ist als wir erfassen können.

Das bedeutet auch, dass wir selber immer mehr sind, als uns bewusst ist. Nicht nur, dass wir über ein riesiges Repertoire an unbewussten Mustern, Antrieben, Erinnerungen, Bilder usw. verfügen, darüber hinaus ist unsere Geistigkeit, unser Intellekt, unsere Gefühlsweisheit, unsere Intuitionskraft usw. prinzipiell unendlich und nie ausschöpfbar. Das, was unsere bewusste Selbst-Identität ausmacht, ist ein flüchtiger Entwurf, ein fließendes Gebilde in ständiger Veränderung, im Austausch mit all den Kräften unseres Körpers und Geistes, die von jenseits unserer Bewusstheit auf uns einwirken und uns gestalten. Nur aus der Sichtweise der Demut können wir uns ein angemessenes Bild von uns selbst machen.

Die demütige Haltung ist es, die uns den Zugang zur Achtung vor allen anderen Wesen öffnet. Alle sind sie gleichermaßen wertvoll und wunderbar. Wir brauchen uns über niemand anderen und nichts anderes darüber stellen oder uns irgendwo unterordnen. Wir begegnen allem und jedem auf Augenhöhe, im wechselseitigen Anerkennen der Größe und Endlichkeit, das alle gleichmacht, indem es alle Unterschiede schätzt.

Mit der Demut verwenden wir durchgängig das Kleiner-Zeichen: Wir sind immer kleiner im Vergleich zu dem, was uns ausmacht und was uns umgibt. Wir können es nie ganz umgreifen, wir können es nie ganz begreifen. Wir können uns aber ergreifen lassen, in Würde und Demut.



Zum Weiterlesen:
Passive und aktive Demut
Die Gleichberechtigung des Seins

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