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Freitag, 11. Juli 2025

Ich weiß besser als du, was für dich gut ist

Bei dem Satz: „Ich weiß besser als du, was für dich gut ist“ handelt es sich um eine subtile Variante der Formel, mit Bösem Gutes schaffen zu wollen. Das Böse ist in diesem Satz nicht aufs Erste sichtbar, scheint er doch von wohlmeinender Fürsorge auszugehen: „Da ich es gut mit dir meine, muss ich dir sagen, was für dich gut und was schlecht ist.“ Allerdings findet eine Grenzüberschreitung statt, die nicht aus der Liebe sondern aus einem Machtanspruch kommt: „Ich weiß besser über dein Innenleben Bescheid als du selbst. Deshalb kann ich bestimmen, wie du dein Leben leben sollst.“

Es handelt sich also um Bevormundungen, wenn dieser Satz fällt. Sie erscheinen in der Regel wohlgesonnen – sie meinen es gut mit der angesprochenen Person. Doch kommen sie schlecht an, weil sie verletzende Abwertungen enthalten, vor allem die Unterstellung, selbst nicht zu wissen, was hilfreich und gut für das eigene Leben ist, und keine Verantwortung übernehmen zu können. Sie stammen aus einer überheblichen Position, aus der wie bei einer Entmündigung mit dem Innenleben des Kindes umgegangen wird. 

Die Unterscheidung zwischen innen und außen

Eltern wissen natürlich in vielerlei Hinsicht besser als die Kinder, was für sie gut ist. Sie haben ein weitgespanntes Wissen über die Funktionsweise in der äußeren Erwachsenenwelt, das sich die Kinder schrittweise aneignen. Es ist besser für das Kind, wenn es nicht auf die Straße läuft, obwohl es den Impuls dazu hat. Es ist gesünder, nur wenig Süßigkeiten zu essen, obwohl ihm das schmeckt. 

Wichtig ist die Unterscheidung, was die Außenwelt und was die Innenwelt anbetrifft. Denn manche Eltern neigen dazu, ihr überlegenes Wissen bezüglich der äußeren Welt auf die Innenwelt des Kindes zu übertragen, also auf die Gefühle, Bedürfnisse und Interessen des Kindes. Dort kommt es zu Grenzüberschreitungen, die auf das Kind herablassend und entmündigend wirken. Sie melden Herrschaftsansprüche über das Innere des Kindes an und berauben es eines Teiles seiner Innenwelt. Selbst wenn Eltern ihre Kinder besser kennen als alle anderen Menschen, verfügen sie nie über sicheres Wissen über deren Innenleben so, wie sie ein angemessen sicheres Wissen über die Außenwelt haben können. Sie geben vor, die Experten für das Innenleben des Kindes zu sein und maßen sich die Deutungshoheit über die Seele des Kindes an. Damit nehmen sie dem Kind ein Stück seines Selbstbezuges weg, seines inneren Sinnes, der ihm sagt, was gut ist und was nicht. An die Stelle des Selbstbezuges tritt eine Beziehung zwischen einer verinnerlichten Elterninstanz und den eigenen Bedürfnissen und Strebungen. 

Folge von narzisstischen Kränkungen

Solche unbewusst wirkende Tendenzen der Eltern, die Innenwelt ihres Kindes umzudeuten und in Besitz zu nehmen, stammen aus narzisstischen Prägungen. Es sind Tendenzen zur Erweiterung des eigenen Selbst in das Selbst des Kindes hinein, dem damit ein Stück seiner Innerlichkeit weggenommen wird. Statt des Eigenen wird Fremdes eingepflanzt. Solche narzisstischen Übergriffe unterlaufen Eltern, deren Selbstbezug durch Manipulationen und andere Grenzüberschreitungen in der Kindheit geschwächt wurde. Der Mangel an Selbstgefühl, der daraus folgt, führt dann dazu, sich den Mangel an Selbstgefühl von den eigenen Kindern zurückzuholen. Auf diese Weise setzen sich die narzisstischen Muster von einer Generation zur nächsten fort. 

Eine Form dieser Übergriffe besteht darin, dass etwa die Eltern ihren Nachkommen eine Berufswahl aufdrängen wollen, weil sie ja besser wüssten, was für sie geeignet wäre. Der Nachkomme, der sich danach richtet, weil er gelernt hat, das eigene Für-richtig-Halten geringzuschätzen, ergreift dann den Wunschberuf der Eltern und fühlt sich unglücklich damit oder führt ihn schlecht aus. Es kann sein, dass sich irgendwann später das verdrängte Innere meldet und auf einen Berufswechsel drängt. Dann ist ein Teil der eigenen Innerlichkeit wieder zurückgewonnen.

Respekt für die Innenwelt 

Eltern, die die Innenwelt ihrer Kinder ernst nehmen und respektieren, helfen ihnen, ein gutes Fundament für eigene Willensentscheidungen und Lebensorientierungen zu bilden. Das Kind braucht die Sicherheit, von den Eltern in seinen Gefühlen, Bedürfnissen und Interessen angenommen zu sein. Dann kann es auf dieser Basis seine eigenen Werte entwickeln und ihnen gemäß leben. Natürlich können die Eltern immer wieder Hinweise und Ratschläge geben, die dem Kind helfen, andere Perspektiven einnehmen und Alternativen mitbedenken zu können. Aber sie brauchen die Achtsamkeit und die Achtung, dem Kind Entscheidungsspielräume zur Verfügung zu stellen, in denen es seine Bestrebungen ausleben kann und Erfahrungen mit dem Durchführen von Willensakten sammelt. Es wird sich dann auch später im Leben leichter tun, aus der Vielzahl an Angeboten für ein gelingendes Leben das für es individuell passende herauszufinden.

Zum Weiterlesen:

Donnerstag, 11. Juli 2024

Was ist Manipulation?

Wir reden viel von Manipulation, oft ohne uns genauer zu überlegen, was eigentlich gemeint ist. Zunächst ist es klar, dass es um eine Form der Beeinflussung geht. A hat eine Absicht, und er will B dazu bringen, sie auszuführen. Statt einfach zu fragen, ob B die Absicht umsetzen möchte, wird die Absicht verschleiert und es wird versucht, B dazu zu bringen, zu glauben, dass es für ihn am besten ist, wenn er die Absicht von B ausführt. Beispiel: A möchte B einen Rasenmäher verkaufen. Er weiß, dass B schon einen Rasenmäher hat und keinen neuen braucht. Also muss er versuchen, B dazu zu bringen, dass er selber glaubt, einen neuen Rasenmäher zu kaufen. Es geht also darum, die Einstellung von B so zu verändern, dass dann das, was A will, von B gemacht wird, so dass B meint, es selber zu wollen, und damit können alle scheinbar zufrieden sein.

Die Beeinflussung von anderen geschieht unter Ausnutzung ihrer Schwachstellen und Unsicherheiten. Die Botschaft soll dort ins Innere eindringen, wo die Wachsamkeit aussetzt oder schlecht ausgebildet ist. Der Manipulator zieht seinen Gewinn aus der  Naivität, Gutgläubigkeit oder Gier der Menschen, indem er sie für seinen Vorteil empfänglich macht.

Wir nutzen für Manipulation auch den Ausdruck „jemandem etwas einreden“. Damit ist gemeint, dass wir mittels der Sprache die eigene Rede in jemand anderen einpflanzen wollen. Wir wollen, dass die andere Person unsere Rede und damit unsere Sichtweise übernimmt und zu ihrer eigenen macht. Sie soll also introjizieren, was wir aufoktroyieren wollen. Damit wird die Grundlage für ein Machtgefälle gelegt, indem B tut, was A will, und dabei meint, es selber zu wollen.

Es gibt beim Manipulator eine Absicht, mit der er die andere Person in eine bestimmte Richtung lenken will. Es gibt dazu einen bewussten Teil, der es für richtig befindet, dass das Objekt der Manipulation genau das tut, was man von ihr will. Es gibt auch einen unbewussten Teil, der spürt, wo die Schwachstelle der anderen Person ist, über die sie erreicht werden kann, sodass sie zustimmt, obwohl sie von sich aus nicht will. Aus der Zusammenarbeit dieser beiden Teile entsteht die Manipulation, die wirklich wird, sobald die Person B in die von A gewünschte Richtung geht und deren Absicht ausführt.

Manipulation durch Werbung

Bei der Werbung und Propaganda ist die Absicht klar und unverblümt, und ebenso sind die Schwachstellen der Menschen bekannt, durch Erfahrung und wissenschaftliche Erforschung. Es gibt viele Untersuchungen, wie Menschen zu bestimmten Einstellungen und über die Einstellungen zu Handlungen gebracht werden können, ohne dass sie es merken. Wir wissen zwar, was die werbetreibenden Unternehmen von uns wollen, schauen uns aber trotzdem ihre Botschaften an und können uns den Einflüssen nicht entziehen, die auf unsere unbewusst ablaufenden emotionalen Muster und Denkvorgänge wirken. Auch wenn wir gerade kein Parfüm kaufen wollen, fühlen wir uns freudig berührt, wenn wir ein trautes Paar sehen, das sich beim Sonnenuntergang liebkost. Wir wissen, dass das alles für einen bestimmten Zweck inszeniert ist, aber wenn wir irgendwann einmal in einem Geschäft die Marke sehen, für die geworben wurde, kann uns das gleiche Gefühl wieder befallen, und, so die Hoffnung der Manipulatoren, wir greifen diesmal zu und schon ist das Parfüm in der Tasche gelandet. Wir denken vielleicht später, dass wir eigentlich etwas ganz anderes einkaufen wollten, aber nun ist es schon zu spät. Die Manipulationsfalle ist zugeschnappt.

Zur Manipulation gehört, dass die beeinflusste Person nicht erkennen soll, dass sie beeinflusst wurde, sondern zur Meinung gelangen soll, dass sie eine bestimmte Ansicht von sich aus vertritt und für richtig empfindet. Es geht also um eine Fremdbestimmung, um Fernsteuerung, die unbemerkt ablaufen soll.

Die Parabel vom kleinen Hänschen

Es gibt Manipulationen, die dem Manipulator nicht bewusst sind. Sie bilden den Quell für alle späteren Manipulationsimpulse. Sie entstehen in der Eltern-Kind-Interaktion, wenn Eltern Erwartungen an die Kinder haben, die sie nicht direkt ausdrücken, weil sie mit Scham behaftet sind, aber die sie auf eine Weise mitteilen, dass die Kinder ein schlechtes Gewissen ausbilden, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen. Zum Beispiel sagt die Mutter zum Hänschenklein: „Geh nur in die weite Welt hinaus,“ aber ihr Blick drückt ihr großes Leid darüber aus, dass sie verlassen wird. Der kleine Hans geht in die weite Welt, also in seine Autonomie, aber das schlechte Gewissen holt ihn ein, er besinnt sich, weil er spürt, wie traurig die Mutter ist, und kehrt geschwind wieder heim. Vorbei ist es mit der Autonomie, er hat sich der manipulativen Macht der Mutter unterworfen.

Die Mutter „kann nicht anders“, d.h. sie hat keine bewusste Absicht, ihren Sohn zu manipulieren. Scheinbar will sie ja das Beste für ihn. Sie steckt jedoch fest in ihren narzisstischen Besitzansprüchen und übt damit die Macht aus, die ihr in ihr selber fehlt. Wenn der Sohn geht, fällt sie ganz auf sich selbst zurück und merkt, dass sie nichts wert ist. Also muss der Sohn wieder her, um dieses Vakuum zu füllen. Der kleine Hans lernt dabei, dass es keinen direkten Weg zur Erfüllung der Bedürfnisse gibt, sondern dass der immer über Manipulationen führen muss.

NLP und Manipulation

Eine interessante Wendung findet das Thema im NLP. Dort wird die Sache umgedreht: Manipulation gibt es nur, wenn sie von einem Empfänger zugelassen wird. Der augenscheinlich Manipulierte sorgt erst mit seiner Zustimmung dafür, dass der Manipulierende sich manipulierend verhält. Er manipuliert in diesem Sinne den von außen als aktiv gesehenen Manipulator. Wer Manipulation zulässt, macht sie erst zur Manipulation. Manipulation wird damit zu einer alltäglichen Vorgehensweise, die demnach nicht negativ bewertet werden muss. Es handelt sich um Abmachungen mit wechselseitiger Verantwortung.

Formal nachvollziehbar ist, dass es zum Zustandekommen einer Kommunikation immer zwei braucht, so auch bei einer manipulativen Kommunikation. Wenn B auf die manipulative Absicht von A nicht eingeht, entsteht keine Manipulation. Allerdings gehört zur Manipulation die bewusste Absicht zur Manipulation, die darin besteht, B nicht nur zu einer Handlung zu bewegen, z.B. zum Kauf des Rasenmähers, sondern bei ihm eine innere Haltung zu erzeugen, die diesen Kauf als dem eigenen Interesse dienend einschätzt.

Übersehen wird bei dieser Überlegung das Machtgefälle. Der Manipulierende will (bewusst oder unbewusst) der anderen Person seinen Willen aufzwingen. Er sucht einen Weg, auf dem die andere Person nicht merken soll, dass sie überrumpelt wird. Es gibt also immer eine Täuschungsabsicht, und sie markiert den Unterschied zwischen der Manipulation und anderen Formen der Überzeugungsrede. Mit Hilfe der Täuschung soll in die Innenwelt der Adressatin ein fremder Inhalt eingeschmuggelt werden, ohne dass der Schwindel bemerkt wird. Dieser Vorgang kann von beiden Seiten unbewusst ablaufen, wie beim Beispiel vom kleinen Hans, oder bewusst, wie in der Werbung oder bei einem Kundengespräch, bei dem z.B. Nachteile der angebotenen Ware oder Dienstleistung verschwiegen werden, bei dem also Mogelpackungen angepriesen werden. Das bekannte Beispiel sind die Kühlschränke, die an Eskimos verkauft werden.

Dem NLP wird nachgesagt, als Methode manipulativ zu sein und Manipulationstechniken zu lehren. Es gibt NLP-Kurse mit dem Titel: „Manipulieren, aber richtig.“ Ein Buch namens: „Mit NLP manipulieren“ wird folgendermaßen angepriesen: „In diesem Buch erfahren Sie erstmals, wie Sie Menschen mit Hilfe von NLP so manipulieren können, wie Sie es möchten. Mit Hilfe der richtigen NLP Technik lässt sich jeder Mensch marionettenartig so steuern, wie man es möchte. Hierzu bedarf es lediglich der richtigen NLP Technik.“ (Jacobsen, Frank, 2010)

Natürlich sehen das die Vertreter dieser Richtung nicht so und verweisen darauf, dass man mit dem NLP lernen kann, sich nicht manipulieren zu lassen. Das bedeutet aber, man könne nur mit NLP lernen, NLP-basierende Manipulationen zu durchschauen. NLP versucht, Einfluss auf das Unterbewusste des Interaktionspartners zu nehmen, auch ohne dass dieser es bemerkt. Damit liegt es an der ethischen Integrität dessen, der NLP anwendet, ob er mit seinen Techniken andere Menschen zum eigenen Vorteil täuscht oder ob er sie zum Vorteil der angesprochenen Person nutzt. Das NLP stammt ja zu einem gewissen Teil aus der Hypnotherapie (vor allem nach Milton Eriksson), bei der auch direkt auf das Unterbewusste der behandelten Person Einfluss genommen wird. In diesem Rahmen gibt es klare ethische Richtlinien, die die Klienten schützen. Das NLP hat die Anwendungsgebiete der hypnotischen Beeinflussungen auf andere Geschäftsfelder erweitert und wird z.B. in der Wirtschafts- und Politikberatung angewendet. Dort geht es aber um Konkurrenz und schnellen Gewinn unter Umständen auch auf Kosten anderer und nicht um Mitgefühl für Leidenszustände. Wer die Machtaspekte bei der Manipulation ignoriert oder verharmlost, öffnet dem egoistischen Gebrauch der Manipulation Tür und Tor.

Manipulationsuniversen in den sozialen Medien

Wer Unterlegenheitsgefühle, mangelndes Selbstvertrauen oder Angst hat, lässt sich leichter täuschen, ist leicht manipulierbar. Wer als Kind von den Eltern (zumeist unbewusst) manipuliert wurde, ist besonders anfällig für Manipulationen.

Manipulationen haben aber auch deshalb so viel Erfolg, weil es immer schwieriger wird, alle Angebote und Glücksversprechen, die auf uns einprasseln, zu überprüfen. Mit den sozialen Medien haben sich neue Universen der Manipulation geöffnet, in denen jedermann/frau die Manipulationskünste erproben kann, ohne Rücksicht auf irgendwelche ethischen Standards. Medienkompetenz gehört schon längst zu den Grundfähigkeiten im Umgang mit dem Informationsdschungel, dem wir ausgesetzt sind. Wenn wir aber von ungewollten Beeinflussungen frei bleiben wollen, müssen wir die Mühe auf uns nehmen, Faktencheck über Faktencheck durchzuführen.

Gebräuchliche Manipulationstechniken

Es gibt unterschiedliche Manipulationstechniken, die dort wirksam werden, wo es Grenzverletzungen in der Kindheit gegeben hat:

1.   Manipulation durch Wiederholung:
Hier geht es darum, die Botschaft so oft zu wiederholen, bis das Gegenüber „weichgeklopft ist“ und den Widerstand aufgibt. In der Erziehung ist es wichtig, Vorgänge immer wieder zu wiederholen, damit die Kinder lernen können. Wenn aber die Prozeduren, die immer wieder die gleichen sind, dem Kind nicht beim Wachsen helfen, sondern ihm Prügel vor die Füße werfen, wird es keinen kritischen Geist entwickeln.

2.   Manipulation durch Erzeugen von Angst:
Es wird der Eindruck erweckt, dass eine Entscheidung so schnell wie möglich getroffen werden muss, weil sonst ein großer Nachteil entsteht. Die Angst soll das logische und vernünftige Denken abstellen und zu spontanen Handlungen (z.B. Spontankäufen) anleiten.
Das Aufwachsen unter angstgeprägten Umständen macht empfänglich für die Motivation aus Angst.

3.   Manipulation des Denkens:
Ein weites Feld von Möglichkeiten gibt es bei der Beeinflussung der unbewusst ablaufenden Denkvorgänge, z.B. Übertreibungen, Fangfragen oder Faktenverdrehungen. Es werden Aussagen präsentiert, die nicht überprüft werden können, z.B. das Waschmittel wäscht weißer als alle anderen. Kinder, die mit Eltern aufgewachsen sind, die immer rechthatten und rechthaben mussten, merken schwerer, wenn ihre Denkvorgänge beeinflusst werden.

4.   Manipulation des Verhaltens durch Sprache:
Mit der Formulierung: „Man tut etwas (nicht)“ wird suggeriert, dass es sich um eine unumstößliche Norm handelt. Ebenso wirken Aussagen, die als Faktum behaupten, was nur eine Bewertung darstellt: „Es ist unmöglich, sich so zu verhalten.“ Wer mit solchen Mitteln erzogen wurde, neigt dazu, solche Behauptungen für bare Münze zu nehmen und sich danach zu richten.

5.   Manipulation von Informationen:
Informationen brauchen einen Kontext, um Sinn zu machen. Deshalb ist es relativ einfach, den Kontext zu verändern, ohne dass es bemerkt wird, und schon gewinnt die Information eine neue Bedeutung. Z.B. werden Informationen, die dem angepriesenen Produkt zum Nachteil gereichen, als unwichtig bezeichnet, und solche, die das Produkt auszeichnen, als einzig wichtig benannt. Allgemein heißt das, dass Informationen, die der eigenen Sichtweise entgegenstehen, ausgeblendet oder abgewertet, und Informationen, die diese Perspektive unterstützen, herausgestrichen und überbetont werden.
Wer schon als Kind entmutigt wurde, nach dem zu forschen, was die eigenen Normen und Werte sind, wird sich schwertun, sich gegen solche Manipulationen abzuschirmen.

6.   Manipulation von Bedürfnissen:
Unerfüllte Bedürfnisse motivieren uns zum Handeln. Deshalb ist der Zugriff auf die Bedürfnisse bei jeder Manipulation wichtig. Jeder Mensch leidet irgendwo unter einem Mangel, nachdem nie alle Bedürfnisse optimal erfüllt sind. Diesen Mangel aufzuspüren, ist die Kunst der Manipulatorin. Der zweite Schritt besteht darin, das eigene Angebot als perfekte Erfüllung genau dieses Bedürfnisses darzustellen. Viele der Mangelzustände sind emotionaler Natur: zu wenig Aufmerksamkeit, Zuwendung, Mitgefühl und Liebe zu bekommen. Also werden Produkte emotional aufgeladen, sodass sie scheinbar in der Lage sind, emotionalen Mangel auszugleichen. Z.B. suggeriert eine Schokosüßigkeit einen Genuss, der jeden inneren Mangel stillt. Viele, die als Kinder gelernt haben, statt emotionaler Zuwendung mit Nahrungsmitteln oder Medienkonsum abgespeist zu werden, sind anfällig für diese Form der Manipulation.

Zum Weiterlesen:
Manipulation erkennen und entzaubern
Astroturfing - Manipulation vom Feinsten
Die Begrenzung narzisstischer Manipulation
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?

Montag, 4. Juni 2018

Passive und aktive Demut

adobe stock © beerphotographer
Wir gebrauchen das Wort „Demut“ wenig in unserer Umgangssprache. Wir wollen nicht gedemütigt werden, wir wollen keine Demutshaltung einnehmen. Demut wird schnell mit Unterwerfung und Unterordnung in Verbindung gebracht. Das Wort hat auch einen klerikalen Anstrich: Der Mensch soll sich in seiner Not demütig an Gott wenden. In einer säkularen Welt wollen alle ihre Probleme selbst lösen und vertrauen nicht darauf, dass ihnen eine jenseitige Autorität helfen könnte. 

Opfer der erzwungenen Demut


Was können wir also mit diesem Begriff auf dem Weg unserer Seelenerkenntnis anfangen? Wollen wir die Kraft der Haltung der Demut für uns erschließen, müssen wir sie aus dem Kontext der Macht lösen. Die passive Form der Demut entsteht als Reaktion auf eine Aggression, mit der eine andere Person ihren Raum erweitert und dabei unsere Grenzen überschreitet. Wenn wir den Angriff zulassen und einen Teil unseres Territoriums räumen, werden wir in die Position des Unterlegenen und Gedemütigten gezwungen. In Kriegen werden solche Verhaltensweisen häufig ritualisiert, indem sich die Verlierer unterwerfen müssen und dann dennoch misshandelt oder getötet werden. 

Kinder machen häufig die Erfahrung, dass sie sich der höheren Macht der Eltern unterwerfen müssen, die ihnen Grenzen setzen (was förderlich ist), aber auch Grenzen überschreiten (was demütigend wirken kann). Bleiben dabei Grundbedürfnisse auf der Strecke, kann das Kind zur Überzeugung gelangen, dass es nicht wert ist, zu bekommen, was es braucht. Es kann sich nur den Erwartungen der Großen unterordnen und an das, was möglich ist, anpassen. Es entsteht eine ungesunde Haltung der Ohnmacht, Hilflosigkeit und demütigen Abhängigkeit in der Zurücknahme der eigenen Bedürftigkeit. Im Aufwachsen wollen viele Menschen diese unterworfene Position überwinden und sich aus eigener Kraft darüber hinaus entwickeln. Sie haben erlebt, wie schmerzhaft es ist, gedemütigt zu werden und wollen das nie wieder zulassen. Deshalb fühlen sie sich schnell unwohl, wenn von Demut die Rede ist.  Die Angst vor passiver Demut ist verständlich, und sie schützt vor vielen Machtansprüchen und Grenzverletzungen, die rundherum auf ihre Chance warten. Aber sie verhindert die Herausentwicklung aus der Konterabhängigkeit, die in der Angst verborgen ist. „Nie wieder will ich gedemütigt werden, nie wieder will ich hilflos und machtlos da stehen.“ Das Bestreben, jede Form der Abhängigkeit zu vermeiden, weil sie sofort mit Unterdrückung oder Missachtung verbunden wird, hält in der Abhängigkeit fest, die durch die Abwehr erzeugt und aufrechterhalten wird.  


Wiedergewinnung der Integrität


Menschen, die häufige und wiederholte Grenzverletzungen durch ihre Bezugspersonen erlebt haben, können kein gutes Gefühl für Grenzen entwickeln. Sie neigen dann dazu, entweder schnell zurückzuweichen, wenn sie sich angegriffen fühlen und den Schutz im Innenraum zu suchen oder mit Machtstreben den Außenraum zu okkupieren und möglichst viel seelisches Territorium bei anderen Menschen zu besetzen, um auf diese Weise keine Angst mehr vor Grenzverletzungen haben zu müssen. 

Darum scheuen sie davor zurück, mit allem, was kleiner macht und den eigenen Raum schmälert, in Kontakt zu kommen, sei es auch nur auf der begrifflichen Ebene. Demut wird zu einem Unwort. Selbststabilisierung und Selbststärkung tun not und gut. Die Ich-Struktur muss gefestigt sein, ehe die Annäherung an die andere Seite der Demut möglich ist. Die vielen Demütigungen, die vielen Verletzung der Integrität, die im Lauf der Lebensgeschichte vorgekommen sind, müssen im Inneren durchleuchtet, angenommen und aufgelöst werden. Dann kann sich der Blick aus dem Tunnelblick des verletzten Egos zur größeren Perspektive weiten und der Schritt zur aktiven Demut wird möglich. 


Aktive Demut als Entscheidung


Denn die aktive Demut bedeutet etwas grundlegend anderes als die zugefügte und erlittene Demut. Sie hat nichts mit Macht und Ohnmacht zu tun, sie ist vielmehr ein wichtiger Schritt zur Selbstbefreiung. Sie besteht im Schritt sowohl aus der Abhängigkeit wie aus der Gegenabhängigkeit von allen Beziehungsformen, die mit passiver Demütigung zusammenhängen, und das sind primär fast immer die Beziehungen zu den eigenen Eltern und Erziehungspersonen. 

Aktive Demut setzt eine bewusste Absicht und Entscheidung voraus. Es geht um das Einnehmen einer Perspektive auf das Leben, die über die unmittelbaren Selbstinteressen hinausreicht. Es braucht die Bereitschaft zur tiefen Ehrfurcht vor dem Leben und seinen unergründlichen Zusammenhängen. Die Ehrfurcht gilt dem Leben in allen Erscheinungsformen, dem eigenen und dem, was es sonst noch gibt, und sie erstreckt sich über das direkt Lebendige hinaus. Denn auch das Organische schuldet sein Leben allem Nichtorganischen, das es mit am Leben erhält. Alles hängt mit allem zusammen. 

Es ist eine Entscheidung nötig, um zur Haltung der Demut zu gelangen. Bewusst getroffene Entscheidungen führen uns aus den Bedingungszusammenhängen der Überlebenszwänge heraus. Diese wollen uns einreden, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Notwendigkeiten haben: Uns zu unterwerfen oder zu dominieren. Die aktive Demut lässt diese aufgezwungene Alternative hinter sich und wagt den Schritt zur Hingabe an die Weisheit, die eingesehen hat, dass das eigene Überleben nur zum geringsten Teil von den eigenen Handlungen abhängt. 

Auf diesem Weg gelingt die Befreiung von dem fortwährenden Müssen der Überlebenssicherung. Das eigene Leben ist in jedem Moment eine Resultante, eine Folgewirkung aus unzähligen Prozessen und Vorgängen, die vor und weitab unserer Kontrolle und unserem Einfluss liegen. Wie wenig können wir dafür Sorge tragen, dass die Luft, die wir atmen, genug und nicht zu viel Sauerstoff hat und dass die Sonne genug und nicht zu viel scheint und der Regen genug und nicht zu viel gießt, damit unsere Nahrung wachsen kann!  

Aus der Haltung der Demut erkennen und anerkennen wir all diese Zusammenhänge, die uns dauernd und fortwährend schenken, was uns leben und wachsen lässt. Sie verhilft uns zu einer Haltung dem Leben gegenüber, die nicht mehr vom Kämpfen und Krampfen geprägt ist, sondern den Charakter des Fließens annimmt: Aufmerkend auf die Gelegenheiten, die sich bieten, in Angriff nehmend, was zu tun ist und sich aus allem heraushaltend, was Schaden anrichtet.  


Demut gegenüber dem eigenen Leben


Was bedeutet die Demut vor dem eigenen Leben? Zuerst geht es um die Einsicht, dass das eigene Leben ein Geschenk ist, mit all seinen Tief- und Höhepunkten. Alles, was war, gehört zum ganzen, jede Erfahrung umfassenden Bogen. Es geht auch darum anzuerkennen, dass alle Leistungen und Fähigkeiten, alle Lernschritte und Erfolge auf diesen Geschenken beruhen. Jeder eigene Beitrag ist bedingt durch alles, was ihm vorausliegt und was ihn umgibt. Jede individuelle Errungenschaft gelingt, weil anderes den Weg dazu ebnet und geebnet hat. Die eigene Größe und Schönheit, die jeder Mensch und jedes andere Wesen aufweist, verdankt sich in unzählbaren und unübersehbaren Aspekten anderem. 

Diese Einsicht nimmt nichts weg von der eigenen Leistung und Anstrengung, vielmehr fügt sie etwas sehr Wesentliches hinzu: Das Vertrauen auf das Eingebettetsein des Eigenen in dem, was ihm vorausliegt, was es umgibt und dem es sich verdankt. Jeder kann stolz sein und sich an eigenen Fortschritten und Erfolgen erfreuen, aber dieser Stolz ist nur eine kleine Entlastung und Freude im Vergleich zur befreienden Wirkung, die durch das Bewusstsein des eigenen Bedingtseins geschenkt wird. Denn die Verantwortung beschränkt sich auf das eigene Tun, alles weitere obliegt nicht mehr der eigenen Macht.

Ich schreibe diesen Artikel, so gut ich es vermag, stecke hinein an Fleiß und Kreativität, was mir gegeben ist, und bringe es in die Öffentlichkeit, die daraus einen Erfolg oder einen Flop macht. Es wird Leser geben, die etwas aus ihm gewinnen, andere, die ihn enttäuscht überfliegen und viele andere, die ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe einen Beitrag geleistet, alles Weitere unterliegt anderen Kräften und Mächten.  


Demut als Bekenntnis zum Menschsein


Die Perspektive der Demut ist unerlässlich, wenn wir ganz zu unserem Menschsein stehen wollen. In diesem Begriff vereinigen sich die Größe und die Begrenztheit des Menschen, die Fähigkeit, Grenzen des Erkennens und Wissens auszuweiten, neuen Erfahrungen zu vertrauen, noch nicht Dagewesenes zu erschaffen, aber auch verletzlich, gebrechlich, fehleranfällig, moralisch unzuverlässig und vergesslich zu sein. 

Das Leben mit den digitalen Maschinen, die sich immer mehr in unseren Alltag einmischen werden, zeigt uns augenfällig unsere Begrenztheiten: Unser Gedächtnis ist ein Nudelsieb mit riesigen Löchern, unsere intellektuellen Fähigkeiten langsam wie eine Schnecke im Vergleich mit Geschwindigkeiten, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen usw. Wir erkennen aber auch unsere Stärken, die nie von einer Maschine erreicht werden können: Unsere Liebesfähigkeit, unsere überraschende Kreativität, unser individuell unverwechselbarer Humor, einfach die Besonderheit, die uns ausmacht. Was immer findige Erfinder und Konstrukteure einer Maschine an künstlicher Intelligenz beibringen, ist ein Kunstwerk, aber kein Mensch. Die Begrenztheit und Beschränktheit unserer Lernfähigkeit ist nicht nur ein Nachteil, sondern zeigt uns, dass wir immer angewiesen sind auf andere Menschen und andere Informationsquellen. Der Vorteil liegt also darin, dass wir uns immer rückversichern können und müssen, und damit bleiben wir in Verbindung mit den anderen, im Grund mit der Gesamtheit der Menschen. Und damit sind wir wieder beim Begriff der Demut. Nietzsche hat dazu bemerkt, dass die Demut spricht: "Ich glaube, weil ich absurd bin." Einen Roboter zu bauen, der sich für absurd halten kann, wäre absurd, also typisch menschlich. 


Wir wissen um die letzten Grenzen unserer Existenz, stellen uns den Fragen nach dem letzten Sinn und der letzten Bestimmung und können nur in Demut anerkennen, dass wir darauf keine Antwort finden und nie finden werden.

Zum Weiterlesen:
Die Demut und das Ego
Demut als spirituelle Haltung
Reich und arm, Demut und Würde
Demut und Mitmenschlichkeit
Die Gleichberechtigung des Seins
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