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Samstag, 8. Juni 2019

Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Mit illusionslosem Eifer und konzentrierter linkshemisphärischer Intelligenz hat die Menschheit eine immense digitale Welt erschaffen. Ihre Zugänglichkeit und Bedienbarkeit wurde soweit vereinfacht, dass sie schon Kinder verstehen und handhaben können, um sich in ihr wie einer zweiten Welt zu bewegen. Ein Medium ist entstanden, das beinahe alles enthält, was die Menschen an Wissen und an Illusionen hervorgebracht haben und laufend erweitern.

Wie viele Erfindungen und technologischen Neuerungen hat auch diese digitale Revolution ihre Licht- und Schattenseiten. Sie brachte uns Wissens- und Illusionsmaschinen. Zu den unbestreitbar positiven Errungenschaften zählen die niederschwellige Verfügbarkeit von Informationen und die kommunikativen Möglichkeiten der Vernetzung. In diesem Sinn ist die Menschheit mehr zusammengerückt, Bildung ist demokratischer und greifbarer für viele und es sind solidarische Aktionen weltweit möglich geworden. 

Auf der anderen Seite spiegeln sich im Netz auch die dunklen Seiten der Menschen. Es wird zur Information genauso genutzt wie zur Desinformation, zur Aufklärung wie zur Irreführung und Manipulation, zur harmlosen Unterhalten und zum Vorspiegeln von Illusionen und . Zwar hat es Betrügereien und Täuschung schon immer gegeben, aber in der digitalen Welt sind die Möglichkeiten um riesige Dimensionen gewachsen. Die ungeheure und stets wachsende Fülle an Informationen, die abgerufen werden können, steht im krassen Gegensatz zur schwindenden Orientierungsfähigkeit der Nutzer. Unsinnigkeiten, Dummheiten, Lügen und Gemeinheiten stehen nahezu ununterscheidbar neben Weisheiten, Fakten und  nützlichen Informationen. 

Damit wird die Urteilskraft zur wichtigsten digitalen Kompetenz: Wie kann der Spreu vom Weizen unterschieden werden? Wie erkennen wir Desinformation? Wie finden wir zu abgesicherten und vertrauenswürdigen Quellen? Wie können wir uns im Wust und Getümmel der Angebote an Produkten, Dienstleistungen und Informationen orientieren, ohne uns selbst – und unser Selbst – zu verlieren?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass das Medium selbst eine starke Tendenz unterstützt, vom eigenen Inneren abgelenkt zu werden. Nichts in unserem Inneren funktioniert digital, wir sind rein analoge Organismen. Das Digitale ist ein unkörperliches Produkt unseres Geistes. In seiner Sphäre spüren wir uns selbst nicht, außer wir nutzen unsere bewusste Aufmerksamkeit. D.h. die gesamte Welt des Digitalen hat einen illusionären und irrealen Charakter, auch wenn Realität und Aufklärung über das Medium transportiert werden kann. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben lernen, insoferne als die Digitalität zu unserem Leben gehört. Das Umgehen mit dem Widerspruch kann darin bestehen, bei jeder Beschäftigung mit den digitalen Maschinen uns unserer selbst bewusst zu bleiben, indem wir z.B. immer wieder die Aufmerksamkeit auf den Atem und auf unser Fühlen lenken.


Wissen und Unwissen verbreiten


Information und Wissen haben den Dingen eine Eigentümlichkeit voraus. Wenn wir Wissen weitergeben, wird es mehr. Ich erkläre jemandem die Polyvagaltheorie. Damit entsteht ein neues Wissen in dieser Person, und auch mehr Verständnis für die Theorie in meinem Kopf. Gebe ich jemandem einen Apfel, so bleibt das ein Apfel, den ich jetzt nicht mehr habe. Ich verliere also durch das Geben. Wissen hingegen vermehrt sich mit der Weitergabe. Es wird im genauen Sinn nicht geteilt, sondern wandert mehr oder weniger als Ganzes zur anderen Person, während es bei der mitteilenden Person als Ganzes verbleibt und unter Umständen durch das Mitteilen sogar noch weiter wächst.

Was für die Information gilt, gilt auch für die Desinformation und Manipulation. Unwissen oder Antiwissen wird mehr durchs Verbreiten. Dazu kommt, dass sich die unethischen Motive (Gier, Hass, Machtstreben), die hinter dem Täuschen stecken, mit jeder Weitergabe der Falschinformation ebenfalls fortpflanzen, meist ohne Wissen der weitergebenden Menschen. Das Netz hat die Eigenschaft, dass es bestimmte Nachrichten in Windeseile und an große Menschenmengen verbreiten kann, ohne Kontrolle, ob sich die Nachricht auf erfundene oder reale Gegebenheiten bezieht. Es kann damit auch schnell enormer Schaden angerichtet werden. Denn Missinformationen schaffen Misstrauen, Desorientierung, Vorurteile, Verwirrung und Illusionen. Wo immer die Realitätsprüfung fehlt, entsteht ein Stück geistiger Welt, die keine Verbindung zur Wirklichkeit hat, sondern umgekehrt mittels ihrer Fehldeutungen die Wirklichkeitswahrnehmung verzerrt. 

Wo der Wirklichkeitsbezug fehlt, wird nicht nur die innere Wirklichkeit (die Fantasien, Illusionen, Fehldeutungen) mit der äußeren Wirklichkeit verwechselt. Außerdem werden Einstellungen geprägt, die in Handlungen übersetzt werden. Wird z.B. bei einem Menschen die Angst vor einer Katastrophe durch eine Fehlinformation erzeugt, wird die Person ihre Handlungen gemäß der Fehlinformationen ausrichten, um sich vor der vermeintlichen Gefahr zu schützen. Tendenziell wird sie auch die Menschen in ihrer Umgebung mit der Angst anstecken und auf diese Weise den emotionalen Gehalt der gefälschten Nachricht weiterverbreiten.

Es ist leicht ersichtlich, dass alle Radikalismen und extremen politischen Einstellungen sowie alle daraus resultierenden Gewaltakte und zerstörerischen Handlungen aus solchen Wirklichkeitsverwechslungen entstehen: Was im Inneren ist, wird für etwas im Außen gehalten. Die innere Wirklichkeit wird in die Umwelt projiziert. Das Böse wird im Außen identifiziert und damit wird jedes Mittel legitimiert, um es zu bekämpfen.

Damit hat die Täuschung ihr Ziel erreicht, eine Parallelwelt wurde erschaffen, die nicht mehr auf realen Gegebenheiten oder Ereignissen, sondern auf „alternativen Fakten“, also auf Fantasieprodukten beruht. Die Verwirrung ist komplett, und die Menschen sagen dann: „Man kann niemandem mehr vertrauen. Es gibt so viele Meinungen, und ich halte an dem fest, was ich glaube (also an meinen Vorurteilen).“ „Es gibt zu allem Studien, die einen sagen das, die anderen das Gegenteil, also kann man auch den Wissenschaften nicht mehr trauen. Außerdem sind die Wissenschaftler alle gekauft.“

Um die alternativen Fakten gruppieren sich die „alternativen Blasen“, die ihre Formen des Aberglaubens und der Mythologie für real halten und sich gegenseitig bestätigen. Es entstehen mehr und mehr Paralleluniversen, ähnlich wie die Bereiche unterschiedlicher Konfessionen, die nach unterschiedlichen Grundsätzen und Wirklichkeitsauffassung leben.


Paradox am rechten Rand


Paradoxon am Rande: Diejenigen, die in der gesellschaftspolitischen Diskussion die Entstehung von Ghettos und Parallelgesellschaften als Beispiele der Unmöglichkeit der Integration von Fremden kritisieren, sind jene, die sich besonders leicht in illusionären Zirkeln zusammenfinden, d.h. die, ohne es zu merken, selber in eine Parallelgesellschaft abdriften. Sie spielen zwar in einigen Belangen weiter in den allgemeinen Zusammenhängen mit, indem sie ihrer Arbeit nachgehen, Steuern zahlen und zur Wahl gehen, aber in ihrem geistigen Horizont schließen sie sich ab von dem, was in der Realität abläuft. 

Aktuelles österreichisches Beispiel: Ein führender Politiker breitet in einem Gespräch seine Pläne zum Aufbau einer Mediendiktatur und zur Korruption aus. Nachdem diese Realität an die Öffentlichkeit kommt, beginnt die Blase schnell zu reagieren, konstruiert einen Opfermythos und bagatellisiert die Realität als „besoffene Geschichte“. Auf diese Weise wird die moralische Wertung und die Zuteilung von Verantwortung verhindert und das eigene vorkonstruierte Weltbild zwischen den Guten und den Bösen bleibt bestehen, ja wird noch zusätzlich bestätigt. Viele andere sind entsetzt über das, was sich an Realität geoffenbart hat, doch die Blase hat schon längst ihre Rechtfertigung und ihren Mythos erzeugt, der sich über die Wirklichkeit stülpt wie eine Nebelwolke. Ähnlich wie eine türkische Community in einer mitteleuropäischen Großstadt, die die heimische Sprache nicht verwendet, ihre eigenen Gebräuche, Religion und Normenwelt beibehält, bildet die Blase der rechten Politikerfans eine verschworene Gemeinschaft (deshalb auch der Wahlslogan: „Wir halten jetzt erst recht zusammen!“) mit eigenen Normen und Wirklichkeitskonstruktionen, die vom Rest der Gesellschaft abgeschottet ist.


Integrität und wirkliche Wirklichkeit


Persönliche Integrität braucht einen Halt in der Realität, der verloren geht, wenn die Wirklichkeit nicht mehr von eigenen Angst- oder Wunschfantasien unterschieden werden kann. Aus Integrität wird dann moralische Beliebigkeit. Die ethischen Werte erodieren. Schließlich kann jeder alles tun, ohne dass es Folgen hat, und das, was offensichtlich amoralisch ist, wird umgedeutet, umgewertet und schließlich verherrlicht. Das ist auch das verheerende Image, das der gegenwärtigen US-Präsident pflegt und damit vielen als Vorbild für die eigene Unverschämtheit dient. 

In einer Demokratie ist es möglich, dass respektslose und unhöfliche Menschen von respektslosen und unhöflichen Menschen in die höchsten Ämter gewählt werden und von dort aus die Respektslosigkeit und Unhöflichkeit bei ihren Wählern und darüber hinaus verstärken. Im Internet bedarf es nicht einmal mehr einer Wahl, um zum Influenzer, zum Meinungsführer zu werden.  Es braucht nur genügend Clicks, Shares und Likes, schon wird der eigene Stil zum Trend und manifestiert sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Integrität und ethisches Bewusstsein ist kein Kriterium.

Umso mehr braucht es die Kraft und Klarheit der Integrität, den Anspruch der Verantwortung und Integrität hochzuhalten, ohne Kompromisse.   verträgt keine Verwaschenheit und ist immun gegen Täuschung und Verwirrtaktiken. Wollen wir die Integrität in diesem Bereich wahren, gilt es, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen: Quellen überprüfen, recherchieren, vergleichen, publizieren. Auch das wird durch das Internet erleichtert, es gibt mehr und mehr seriöse Seiten, die die Fake-Seiten, Hoaxes und Betrügereien beobachten und dokumentieren. Dies gilt für Propaganda, die im Netz als seriöse Information getarnt ist, Halbwahrheiten, die als ganze präsentiert werden, Wirtschaftsinteressen, die sich als Wissenschaft verkleiden, Vorurteile, die als objektive Wahrheiten verkauft werden, Fantasien, die als Wirklichkeiten dargestellt werden usw. Die kritische Prüfung braucht es überall dort, wo Meinungen und Einstellungen geprägt werden – in den sozialen Medien, bei Internet-Zeitungen, Blogs und Foren. 

Wir können uns in virtuellen oder face-to-face-Gemeinschaften gegenseitig unterstützen, um Irrtümer, Irreführungen und Täuschungen zu korrigieren und Manipulationen zu entlarven. Es geht nicht darum, neue Blasen zu bilden, sondern die bestehenden zu öffnen, sodass sie mit Realitäten und Wahrheiten konfrontiert werden. Es geht darum, integre, offene und tolerante Gemeinschaften zu bilden, Foren der Öffentlichkeit, in denen kritische Diskurse geführt stattfinden und der Prozess der Wahrheitsfindung hochgehalten wird. Selbstreflexion und Selbstkorrektur sind die unabdingbaren Voraussetzung für die ethische Verantwortungsübernahme auch im Bereich des digitalen Datennetzes und seiner kommunikativen Auswirkungen.

Zum Weiterlesen:
Hass im Internet
Der trügerische Zauber der Illusion

Freitag, 19. April 2019

Integrität in der Politik

Die Gemeinwohlorientierung, die unsere Gesellschaft aus den Sackgassen der angst- und giergeleiteten neoliberalen Ökonomie führen kann, kann nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn sie auf ethischer Integrität ruht. Unter Integrität verstehe ich eine hohe ethische Qualität, die Personen zukommt, die in ihrem Handeln und Urteilen von den Erwartungen, Ansprüchen und Begehrlichkeit anderer Menschen unabhängig sind sowie weitgehend frei von inneren destruktiven Antrieben wie Angst, Gier und Hass sind. Auf dieser Grundlage kann ein integrer Mensch seine Entscheidung aus dem eigenen Inneren heraus treffen und dafür die Verantwortung übernehmen. 

Menschen können zu dieser Haltung nur gelangen, wenn sie in ihrem Inneren Ordnung gemacht haben (wenn sie ihre Traumen und Verletzungen aufgearbeitet haben) und wenn sie die Bedeutung des geistigen Wachstums im Sinn der Befreiung von den Einschränkungen und Fesselungen des Egos erkannt und in ihre Lebenspraxis integriert haben. Das Streben nach ethischer Integrität, das einen zentralen Stellenwert für den Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft hat, ist auch ein spirituelles Streben, das die eigenen Überlebensängste und -strategien hinter sich gelassen hat und damit das Ego immer wieder von sich distanzieren kann. 

Integrität kann nur über integre Individuen in die Strukturen der Gesellschaft Eingang finden. Die offene Gesellschaft braucht die Durchlässigkeit für die Integrität auf allen Ebenen, in all ihren Ecken und Winkeln und besonders in den Entscheidungszentralen und meinungsbildenden Knotenpunkten. Und sie kann nur offen bleiben, wenn ein gewisses Maß an Integrität erhalten werden kann. Nur auf diese Weise können integre Strukturen entstehen, mit Verfahrensweisen und Prozeduren, die einzelne Individuen, die aufgrund persönlicher Schwächen aus der Integrität rausfallen, auffangen können und die dadurch entstandenen Folgeschäden schnell in den Griff bekommen. 

Die Integrität ist übrigens eine hohe menschliche kognitiv-emotionale Kompetenz, die nie von digitalen Maschinen übernommen werden kann. Denn sie erwächst aus der menschlichen Liebesfähigkeit (der Erfahrung zu lieben und geliebt zu werden) und dem inneren Verständnis für die Verletzbarkeit und Fehlbarkeit der Existenz, setzt also Erfahrungen voraus, die Maschinen prinzipiell nicht machen können. Außerdem können menschliche Erfahrungen nicht digitalisiert werden.

Viele Menschen spüren intuitiv, dass sie der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit von Politikern vertrauen wollen, denen sie ihre Stimme geben. Politiker, die lügen und täuschen, die das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen, müssen dann mit der berechtigten Wut der enttäuschten Bürger rechnen. Die Quittung kann allerdings nur alle paar Jahre bei der Wahl gelegt werden. 

Wir legen an unsere Politiker mit vollem Recht hohe ethische Maßstäbe an, wenn wir ihnen die Macht über uns und unsere Belange überantworten. Wir geben ihnen mit unserer Stimme einen Vertrauensvorschuss, den sie erst einmal in ihrem Handeln einlösen müssen. Deshalb schauen wir ihnen gerne auf die Finger. Dabei helfen uns die unabhängigen Medien und Journalisten, die die Integrität der Politiker überwachen und Abweichungen von diesen Ansprüchen dokumentieren. Auf diese Weise erfüllen sie eine wichtige Funktion in der Rückkoppelung zwischen den politischen Akteuren und denen, die sie gewählt haben. Das ist auch der Grund, warum sie mit öffentlichen Geldern (Presseförderung etc.) unterstützt werden; umso weniger ist vertretbar, wenn abhängige Medien gefördert werden, die die Selbstdarstellung der Politiker verbreiten, statt kritisch über die Diskrepanzen zwischen Reden und Handeln, Programmatik und Pragmatik zu berichten.


Die Politikverdrossenen


Der Polit-Frust ist eine Reaktion auf die hohen Ansprüchen, die die Staatsbürger zurecht an ihre Volks-Vertreter und Diener (=Minister) stellen. Parteien, die die öffentliche Verschwendung anprangern und selbst verschwenderisch mit Steuergeldern umgehen, Politiker, die die Korruption bekämpfen und selber bestechlich sind, schüren das Misstrauen in die Politik insgesamt. Sie erwecken bei vielen den Eindruck, dass die gesamte Sphäre der Politik von Eigennutz und Machtgier durchtränkt ist, der sich niemand, keine Bewegung und kein Individuum entziehen kann, sobald man sich in diesen Dschungel begeben hat. 

Die Politiker und Parteien, die sich ihre Hände nie schmutzig gemacht haben und mit bestem Wissen und Gewissen für das öffentliche Wohl gearbeitet haben, werden dabei gerne übersehen. Denn sie verschwinden oft so weit unter der Wahrnehmungsschwelle, die von den Skandalen und Verfehlungen geprägt ist, dass sie nicht mehr wiedergewählt werden. Denn die öffentliche Wahrnehmung giert nach dem, was aufregt, nach dem, was das Nervensystem in Alarm versetzt. Die guten Nachrichten sind uninteressant, wir wollen ja statt dessen über alles informiert sein, was uns möglicherweise bedrohen könnte.

Wenn Widersprüche zwischen den eigenen, öffentlich verkündeten Zielen und der aktuellen Politik auftauchen, entsteht starkes Misstrauen, das bei vielen in eine allgemeine Politik-Skepsis und -Verdrossenheit mündet. Wir hören von Parteien, die sich angeblich für die kleinen Leute einsetzen, und ungeniert die Transferleistungen für die Ärmsten und Schwächsten in der Gesellschaft kürzen; Parteien, die sich christlich nennen, und eine menschenfeindliche Sozialpolitik durchsetzen; Parteien, die gegen das Großkapital eingestellt sind, und deren Gewinne fördern usw. Nicht immer kann ein Partei- oder Wahlprogramm eins zu eins praktisch umgesetzt werden, das ist realistisch in den komplexen Spannungsfeldern, in denen die Politik ihre Entscheidungen fällt. Aber wenn die Diskrepanz zu weit auseinanderklafft und nicht mehr erklärt werden kann, verschwindet die Glaubwürdigkeit der Akteure und ihrer Ideologie.

Viele schließen dann daraus, das „ganze System“ wäre unethisch, alle bestallten Vertreter würden nur für die eigene Tasche und Machtabsicherung handeln. Das allgemeine Wohl sei zu Lippenbekenntnissen verkommen, während es in der Praxis mit Füßen getreten wird. Also wenden sich viele Staatsbürger von dem „garstigen Lied“ ab, das in der Politik mehr gekrächzt als gesungen wird, und ziehen sich auf die trotzige Position des Verweigerns zurück: Wir wüssten ja alles besser, aber niemand fragt uns, also sind wir machtlos und hilflos und ziehen uns, weil wir uns missachtet fühlen, in eine Haltung der Verachtung der gesamten Politik gegenüber zurück. 

Die frustrierten Wähler geben ihre Stimme dann allenfalls einer Leitfigur, die neu auf der politischen Bühne auftaucht und vollmundig verspricht, das System als Ganzes von Grund auf umzukrempeln. Dann dauert es oft nicht sehr lange, bis auch bei dieser Person wieder ethische Mängel und Widersprüche auftauchen, kaum ist sie an der Macht. Die enttäuschten Wähler sind erneut frustriert und in ihrer Grundskepsis dem System gegenüber bestätigt. Die gesamte Sphäre der Politik wird in diesem Frustrationsprozess als Degeneration von einer Sache der Allgemeinheit zum Selbstbedienungsladen für eine abgehobene Elite gesehen, an dessen Ende ein System voll von menschenverachtendem Zynismus steht, das nur mit Zynismus verachtet werden kann.

Natürlich helfen Zynismus und Verachtung nicht weiter, weder in der Politik noch in ihrem Publikum. Der Maßstab der Integrität muss bei jeder Maßnahme, bei jeder Verordnung, bei jedem Gesetz und bei jeder Stellungnahme angelegt werden. Widersprüche und Abweichungen von dieser Norm müssen dokumentiert und verbreitet werden. Der kritische Diskurs muss aktiv und vielseitig bleiben, in den Köpfen der Beobachter und am Marktplatz. Die unerbittlichen Forderungen der Ethik, die auf das Gemeinwohl und den gesellschaftlichen Ausgleich hinweisen, müssen immer wieder formuliert, und wenn nötig, mit Nachdruck demonstriert werden. Wenn es den Spitzenpolitikern an Integrität mangelt, muss sie ihnen von den Staatsbürgern entgegengehalten werden. Politiker können nur so integer sein wie es ihre Wähler sind, um diesen Zusammenhang etwas zu überzeichnen. Das heißt, dass es zur Verantwortung für die eigene Integrität gehört, ihre Maßstäbe in den öffentlichen Diskurs einzubringen und ihre Verwirklichung einzumahnen. Nicht nur jede Macht, sondern auch jede Integrität geht vom Volk aus. Das ist das Wechselspiel, das die Demokratie lebendig erhält. 


Nicht-Integrität als Marke


Es gibt Wähler, die sich mit den Widersprüchen der von ihnen verehrten Politiker identifizieren, in denen sie ihre eigenen Widersprüche verehren. Kein Mensch möchte gerne und überzeugt menschenfeindlich und menschenverachtend sein, aber jeder hat menschenfeindliche Tendenzen in sich. Der psychische Mechanismus der Abspaltung springt ein, um diese Diskrepanz zu entschärfen: Man ist nett und freundlich zu den Menschen in der engeren Umgebung und zu Gleichgesinnten, und aggressiv verachtend zu allen, die ferner stehen oder andere Meinungen vertreten. 

Politiker, die in Tat und Rede zu ihrer Menschenfeindlichkeit stehen und sie als Haltung vertreten, ernten bei den einen Abscheu und Verurteilung, während die anderen bei ihnen eine Bestätigung für ihre eigene Menschenfeindlichkeit finden. Der Hass gegen andere Mitglieder der Gesellschaft wird damit zu einer geteilten und öffentlich geduldeten und möglicherweise sogar geschuldeten Tugend, und der auf dieser Schiene erfolgreiche und zu Macht gelangte Politiker dient als Identifikationsobjekt und Legitimierungsinstanz für die eigene Menschenfeindlichkeit. 

Die Nicht-Integrität, also die offen bekundete Abhängigkeit von destruktiven und sozialfeindlichen Persönlichkeitsanteilen ist eine eigene Marke im Feld der politischen Konkurrenz. Wie wir aus der Geschichte wissen, bildet sie die Voraussetzung für die Errichtung totalitärer Diktaturen, und das entbehrt nicht einmal der Logik: Menschenverachtung mündet, wenn sie mit Macht ausgestattet ist, in Menschenvernichtung. Auch wenn dieser Zusammenhang allgemein bekannt ist, gelingt es immer wieder Politikern und Publizisten, auf der Schiene des Hasses Zustimmung und Unterstützung zu bekommen, vor allem von jenen, die es ihren Vorbildern gleichtun wollen.

Die kaltschnäuzige Verbannung der Integrität aus der Politik darf nicht hingenommen werden, im Gegenteil, sie muss mit äußerster Integrität bekämpft werden. Es ist nicht die Tagesaktualität auf der Seite der Integren, aber die langfristige Perspektive. Hassprediger und menschenverachtende Populisten sind wie ein Strohfeuer, das hell auflodert, aber dann über kurz oder lang in Asche zusammenfällt. Der Hass ist nicht als Dauerfutter geeignet, denn er nährt den Hasser nicht, und es ist anstrengend und kräftezehrend, in diesem Feld voller innerer Konflikte zu bleiben. Jeder Hasser sehnt sich nach Frieden, mit der Hoffnung, irgendwann zur Integrität zurückzufinden, die sich viel besser anfühlt.


Die Integrität der Unscheinbaren


Gäbe es nicht auf allen Ebenen des öffentlichen und politischen Lebens, in der Verwaltung und im Bildungssystem Menschen, die in vielleicht nur unscheinbaren Positionen ein Leben lang ihr Bestes auch im ethischen Sinn geben, dann wäre die Gesellschaft schon lange in einen Jeder-gegen-jeden- Krieg zerfallen. Das Ausmaß an Integrität, das ohne Aufsehen in vielen Bereichen besteht, kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter aufrechterhalten, auch wenn es gerade an der Spitze oft zu massiven Ausfällen kommt. Z.B. halte ich den gegenwärtigen österreichischen Innenminister für eine sehr weitgehend integritätsferne Person; dennoch ist die öffentliche Sicherheit noch nicht zusammengebrochen, einesteils, weil es gesetzliche Spielregeln gibt, die ein Minister nicht brechen kann, und andererseits, weil Tausende Mitarbeiter in ihrem Tätigkeitsbereich weiterhin mit einem hohen Maß an Integrität wirken.

Auch wenn wir als Einzelne nur einen winzigen Beitrag zum allgemeinen Wohl leisten können, sind wir wichtig wie jeder und jede andere auch. Wir haben nur unsere kleine Verantwortung, aber diese Verantwortung haben nur wir und sonst niemand, wir stehen zu ihr oder nicht. Wann immer wir diese Verantwortung wahrnehmen, sind wir in der Integrität und steigern damit das Ausmaß der Integrität in der Gesellschaft. Und wir verringern den Spielraum der Nicht-Integrität.

Zum Weiterlesen:
Hass im Internetzeitalter
Nachhaltigkeit in der Demokratie
Wer die Würde nicht respektiert, verliert seine eigene

Montag, 4. Juni 2018

Passive und aktive Demut

adobe stock © beerphotographer
Wir gebrauchen das Wort „Demut“ wenig in unserer Umgangssprache. Wir wollen nicht gedemütigt werden, wir wollen keine Demutshaltung einnehmen. Demut wird schnell mit Unterwerfung und Unterordnung in Verbindung gebracht. Das Wort hat auch einen klerikalen Anstrich: Der Mensch soll sich in seiner Not demütig an Gott wenden. In einer säkularen Welt wollen alle ihre Probleme selbst lösen und vertrauen nicht darauf, dass ihnen eine jenseitige Autorität helfen könnte. 

Opfer der erzwungenen Demut


Was können wir also mit diesem Begriff auf dem Weg unserer Seelenerkenntnis anfangen? Wollen wir die Kraft der Haltung der Demut für uns erschließen, müssen wir sie aus dem Kontext der Macht lösen. Die passive Form der Demut entsteht als Reaktion auf eine Aggression, mit der eine andere Person ihren Raum erweitert und dabei unsere Grenzen überschreitet. Wenn wir den Angriff zulassen und einen Teil unseres Territoriums räumen, werden wir in die Position des Unterlegenen und Gedemütigten gezwungen. In Kriegen werden solche Verhaltensweisen häufig ritualisiert, indem sich die Verlierer unterwerfen müssen und dann dennoch misshandelt oder getötet werden. 

Kinder machen häufig die Erfahrung, dass sie sich der höheren Macht der Eltern unterwerfen müssen, die ihnen Grenzen setzen (was förderlich ist), aber auch Grenzen überschreiten (was demütigend wirken kann). Bleiben dabei Grundbedürfnisse auf der Strecke, kann das Kind zur Überzeugung gelangen, dass es nicht wert ist, zu bekommen, was es braucht. Es kann sich nur den Erwartungen der Großen unterordnen und an das, was möglich ist, anpassen. Es entsteht eine ungesunde Haltung der Ohnmacht, Hilflosigkeit und demütigen Abhängigkeit in der Zurücknahme der eigenen Bedürftigkeit. Im Aufwachsen wollen viele Menschen diese unterworfene Position überwinden und sich aus eigener Kraft darüber hinaus entwickeln. Sie haben erlebt, wie schmerzhaft es ist, gedemütigt zu werden und wollen das nie wieder zulassen. Deshalb fühlen sie sich schnell unwohl, wenn von Demut die Rede ist.  Die Angst vor passiver Demut ist verständlich, und sie schützt vor vielen Machtansprüchen und Grenzverletzungen, die rundherum auf ihre Chance warten. Aber sie verhindert die Herausentwicklung aus der Konterabhängigkeit, die in der Angst verborgen ist. „Nie wieder will ich gedemütigt werden, nie wieder will ich hilflos und machtlos da stehen.“ Das Bestreben, jede Form der Abhängigkeit zu vermeiden, weil sie sofort mit Unterdrückung oder Missachtung verbunden wird, hält in der Abhängigkeit fest, die durch die Abwehr erzeugt und aufrechterhalten wird.  


Wiedergewinnung der Integrität


Menschen, die häufige und wiederholte Grenzverletzungen durch ihre Bezugspersonen erlebt haben, können kein gutes Gefühl für Grenzen entwickeln. Sie neigen dann dazu, entweder schnell zurückzuweichen, wenn sie sich angegriffen fühlen und den Schutz im Innenraum zu suchen oder mit Machtstreben den Außenraum zu okkupieren und möglichst viel seelisches Territorium bei anderen Menschen zu besetzen, um auf diese Weise keine Angst mehr vor Grenzverletzungen haben zu müssen. 

Darum scheuen sie davor zurück, mit allem, was kleiner macht und den eigenen Raum schmälert, in Kontakt zu kommen, sei es auch nur auf der begrifflichen Ebene. Demut wird zu einem Unwort. Selbststabilisierung und Selbststärkung tun not und gut. Die Ich-Struktur muss gefestigt sein, ehe die Annäherung an die andere Seite der Demut möglich ist. Die vielen Demütigungen, die vielen Verletzung der Integrität, die im Lauf der Lebensgeschichte vorgekommen sind, müssen im Inneren durchleuchtet, angenommen und aufgelöst werden. Dann kann sich der Blick aus dem Tunnelblick des verletzten Egos zur größeren Perspektive weiten und der Schritt zur aktiven Demut wird möglich. 


Aktive Demut als Entscheidung


Denn die aktive Demut bedeutet etwas grundlegend anderes als die zugefügte und erlittene Demut. Sie hat nichts mit Macht und Ohnmacht zu tun, sie ist vielmehr ein wichtiger Schritt zur Selbstbefreiung. Sie besteht im Schritt sowohl aus der Abhängigkeit wie aus der Gegenabhängigkeit von allen Beziehungsformen, die mit passiver Demütigung zusammenhängen, und das sind primär fast immer die Beziehungen zu den eigenen Eltern und Erziehungspersonen. 

Aktive Demut setzt eine bewusste Absicht und Entscheidung voraus. Es geht um das Einnehmen einer Perspektive auf das Leben, die über die unmittelbaren Selbstinteressen hinausreicht. Es braucht die Bereitschaft zur tiefen Ehrfurcht vor dem Leben und seinen unergründlichen Zusammenhängen. Die Ehrfurcht gilt dem Leben in allen Erscheinungsformen, dem eigenen und dem, was es sonst noch gibt, und sie erstreckt sich über das direkt Lebendige hinaus. Denn auch das Organische schuldet sein Leben allem Nichtorganischen, das es mit am Leben erhält. Alles hängt mit allem zusammen. 

Es ist eine Entscheidung nötig, um zur Haltung der Demut zu gelangen. Bewusst getroffene Entscheidungen führen uns aus den Bedingungszusammenhängen der Überlebenszwänge heraus. Diese wollen uns einreden, dass wir nur die Wahl zwischen zwei Notwendigkeiten haben: Uns zu unterwerfen oder zu dominieren. Die aktive Demut lässt diese aufgezwungene Alternative hinter sich und wagt den Schritt zur Hingabe an die Weisheit, die eingesehen hat, dass das eigene Überleben nur zum geringsten Teil von den eigenen Handlungen abhängt. 

Auf diesem Weg gelingt die Befreiung von dem fortwährenden Müssen der Überlebenssicherung. Das eigene Leben ist in jedem Moment eine Resultante, eine Folgewirkung aus unzähligen Prozessen und Vorgängen, die vor und weitab unserer Kontrolle und unserem Einfluss liegen. Wie wenig können wir dafür Sorge tragen, dass die Luft, die wir atmen, genug und nicht zu viel Sauerstoff hat und dass die Sonne genug und nicht zu viel scheint und der Regen genug und nicht zu viel gießt, damit unsere Nahrung wachsen kann!  

Aus der Haltung der Demut erkennen und anerkennen wir all diese Zusammenhänge, die uns dauernd und fortwährend schenken, was uns leben und wachsen lässt. Sie verhilft uns zu einer Haltung dem Leben gegenüber, die nicht mehr vom Kämpfen und Krampfen geprägt ist, sondern den Charakter des Fließens annimmt: Aufmerkend auf die Gelegenheiten, die sich bieten, in Angriff nehmend, was zu tun ist und sich aus allem heraushaltend, was Schaden anrichtet.  


Demut gegenüber dem eigenen Leben


Was bedeutet die Demut vor dem eigenen Leben? Zuerst geht es um die Einsicht, dass das eigene Leben ein Geschenk ist, mit all seinen Tief- und Höhepunkten. Alles, was war, gehört zum ganzen, jede Erfahrung umfassenden Bogen. Es geht auch darum anzuerkennen, dass alle Leistungen und Fähigkeiten, alle Lernschritte und Erfolge auf diesen Geschenken beruhen. Jeder eigene Beitrag ist bedingt durch alles, was ihm vorausliegt und was ihn umgibt. Jede individuelle Errungenschaft gelingt, weil anderes den Weg dazu ebnet und geebnet hat. Die eigene Größe und Schönheit, die jeder Mensch und jedes andere Wesen aufweist, verdankt sich in unzählbaren und unübersehbaren Aspekten anderem. 

Diese Einsicht nimmt nichts weg von der eigenen Leistung und Anstrengung, vielmehr fügt sie etwas sehr Wesentliches hinzu: Das Vertrauen auf das Eingebettetsein des Eigenen in dem, was ihm vorausliegt, was es umgibt und dem es sich verdankt. Jeder kann stolz sein und sich an eigenen Fortschritten und Erfolgen erfreuen, aber dieser Stolz ist nur eine kleine Entlastung und Freude im Vergleich zur befreienden Wirkung, die durch das Bewusstsein des eigenen Bedingtseins geschenkt wird. Denn die Verantwortung beschränkt sich auf das eigene Tun, alles weitere obliegt nicht mehr der eigenen Macht.

Ich schreibe diesen Artikel, so gut ich es vermag, stecke hinein an Fleiß und Kreativität, was mir gegeben ist, und bringe es in die Öffentlichkeit, die daraus einen Erfolg oder einen Flop macht. Es wird Leser geben, die etwas aus ihm gewinnen, andere, die ihn enttäuscht überfliegen und viele andere, die ihn nie zu Gesicht bekommen. Ich habe einen Beitrag geleistet, alles Weitere unterliegt anderen Kräften und Mächten.  


Demut als Bekenntnis zum Menschsein


Die Perspektive der Demut ist unerlässlich, wenn wir ganz zu unserem Menschsein stehen wollen. In diesem Begriff vereinigen sich die Größe und die Begrenztheit des Menschen, die Fähigkeit, Grenzen des Erkennens und Wissens auszuweiten, neuen Erfahrungen zu vertrauen, noch nicht Dagewesenes zu erschaffen, aber auch verletzlich, gebrechlich, fehleranfällig, moralisch unzuverlässig und vergesslich zu sein. 

Das Leben mit den digitalen Maschinen, die sich immer mehr in unseren Alltag einmischen werden, zeigt uns augenfällig unsere Begrenztheiten: Unser Gedächtnis ist ein Nudelsieb mit riesigen Löchern, unsere intellektuellen Fähigkeiten langsam wie eine Schnecke im Vergleich mit Geschwindigkeiten, die jenseits unserer Vorstellungskraft liegen usw. Wir erkennen aber auch unsere Stärken, die nie von einer Maschine erreicht werden können: Unsere Liebesfähigkeit, unsere überraschende Kreativität, unser individuell unverwechselbarer Humor, einfach die Besonderheit, die uns ausmacht. Was immer findige Erfinder und Konstrukteure einer Maschine an künstlicher Intelligenz beibringen, ist ein Kunstwerk, aber kein Mensch. Die Begrenztheit und Beschränktheit unserer Lernfähigkeit ist nicht nur ein Nachteil, sondern zeigt uns, dass wir immer angewiesen sind auf andere Menschen und andere Informationsquellen. Der Vorteil liegt also darin, dass wir uns immer rückversichern können und müssen, und damit bleiben wir in Verbindung mit den anderen, im Grund mit der Gesamtheit der Menschen. Und damit sind wir wieder beim Begriff der Demut. Nietzsche hat dazu bemerkt, dass die Demut spricht: "Ich glaube, weil ich absurd bin." Einen Roboter zu bauen, der sich für absurd halten kann, wäre absurd, also typisch menschlich. 


Wir wissen um die letzten Grenzen unserer Existenz, stellen uns den Fragen nach dem letzten Sinn und der letzten Bestimmung und können nur in Demut anerkennen, dass wir darauf keine Antwort finden und nie finden werden.

Zum Weiterlesen:
Die Demut und das Ego
Demut als spirituelle Haltung
Reich und arm, Demut und Würde
Demut und Mitmenschlichkeit
Die Gleichberechtigung des Seins
Letzte Fragen ohne Antworten 
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Donnerstag, 8. März 2018

Öffentliches Urteilen

Die frühere Parteivorsitzende der österreichischen Grünen, Eva Glawischnig, hat für viel Aufsehen gesorgt und heftige Kritik geerntet, als sie vor kurzem erklärte, beim Glücksspielkonzern Novomatic anzuheuern. Die Grünen sind erklärte Gegner und Kritiker des Glücksspiels, und auch ihre ehemalige Vorsitzende hat sich früher in diesem Sinn geäußert.

Politiker unterliegen einem moralischen Maßstab, der sich am Grad der Integrität bemisst. Dieser Maßstab muss von der Öffentlichkeit immer wieder kritisch angelegt werden, denn jeder Politiker trägt sein Amt als „Leihgabe“ von den Mitgliedern dieser Gesellschaft, so zumindest gemäß der traditionellen Legitimation demokratischer Macht nach J.J. Rousseau. Das einzelne Mitglied der Gesellschaft tritt einen Teil seiner Macht an einen politischen Amtsträger ab, der diese möglichst im Sinn der Gesellschaft verwaltet. Der Politiker kann das nur, indem er möglichst weit von Eigeninteressen absieht und das Wohl des Ganzem im Fokus hat. Das versteht man unter Integrität, und jede Abweichung davon muss aufgezeigt und kritisiert werden, sonst erodiert die Rechtfertigung politischer Macht in einer Demokratie und schließlich diese selbst.

Solange Frau Glawischnig ein politisches Amt ausgeführt hat, war sie an ihrer persönlichen Integrität zu bemessen. Seit sie dieses Amt niederlegte, gelten diese Maßstäbe nicht mehr. Wer mit der Dame befreundet ist und ihr nahesteht, kann ihr seine Meinung über den überraschenden Jobantritt mitteilen, doch steht es der politischen Öffentlichkeit nicht zu, diesen Schritt nach den Maßstäben politischer Integrität zu bewerten. Jeder Mensch hat das Recht, seine Ideale und Überzeugungen zu ändern; wenn er das als Politiker macht, verliert er seine Glaubwürdigkeit; als Privatperson können nahestehende Personen irritiert sein. Doch was geht es Personen an, die mit der Dame keinerlei persönlichen Kontakt haben, moralische Urteile abzugeben und die Integrität in Frage zu stellen? Wer maßt sich das Recht an, über fremde Menschen und ihr Verhalten zu urteilen?

Jedem steht es frei, Ansichten über das Glücksspiel und die Organisationen, die es befördern und damit Geschäft machen, zu haben und diese zu äußern. Es ist auch wichtig, zu solchen Themen, die die Gesellschaft und ihre Mitglieder betreffen, Stellung zu beziehen. Lukas Resetarits hat das Glücksspiel einmal als „Deppensteuer“ bezeichnet, weil die Chancen etwas zu gewinnen so gering sind, dass nur ein „Depp“ an das große Glück glauben kann. Glücksspiel heißt Abzocke, Versprechen geben und Erwartungen aufbauen, um sie dann zu enttäuschen. 

Beim Glücksspiel werden menschliche Schwächen zum eigenen Vorteil (für eine Person oder eine Firma) ausgenutzt. Es wird in Kauf genommen und sogar unterstützt, dass Menschen abhängig und süchtig werden. Oft verlieren Menschen und ihre Angehörigen ihre Existenz durch diese Schwächen, für die sie natürlich auf einer Ebene selbst verantwortlich sind. Andererseits kann es auch als Aufgabe der Gesellschaft gesehen werden, solche Ausbeutungsstrukturen einzudämmen und zu unterbinden. Wer in solchen Strukturen arbeitet und von der Abzocke verdient, sollte sich bewusst sein, dass der Schaden, der Menschen mit diesen Geschäften zugefügt wird, immer größer ist als der Nutzen.

All diese Argumente und noch viele mehr sollen im öffentlichen Diskurs benannt werden; sie könnten dazu beitragen, ein kritisches Bewusstsein über dieses Segment der Gesellschaft und des Wirtschaftslebens zu schaffen. Ein Urteil über eine Person hingegen, gleich aus welcher politischen Ecke sie kommt, steht niemandem zu. Wir wissen nichts über die inneren Beweggründe und Antriebe von anderen Menschen, außer sie stehen uns nahe, und sollten uns deshalb tunlichst des Urteilens enthalten. Wir sind keine Richter und keine Moralinstanzen, sondern Menschen mit eigenen Schwächen und Schattenseiten, und wir haben es auch nicht besonders gern, wenn andere über uns urteilen, vor allem dann nicht, wenn sie uns gar nicht kennen.

Dienstag, 27. Mai 2014

Das innere Wissen und sein Betrag für die Welt

Wir können zwei Arten des Wissens nach ihrer Quelle unterscheiden: Wissen, das von außen kommt und Wissen, das von innen kommt. Die Informationen für das äußere Wissen erhalten wir durch die äußeren Sinne, für das Innere brauchen wir die inneren Sinne. Die äußeren Sinne sind bekannt und brauchen keine nähere Erläuterung: Sehen, Hören, Riechen, Tasten. Die inneren Sinne sind jene, die uns Auskunft geben über unsere Körpererfahrungen und Gefühle. Sie entstehen in unserem Nervensystem, ohne dass es notwendigerweise zu einer Einwirkung durch Reize von außen kommt. Diese Informationen werden uns als Empfindungen und als Gefühle bewusst, und im Zusammenwirken mit den Denkfunktionen wird daraus das innere Wissen.

Das innere Wissen hat zwei Vorteile: Es ist uns unmittelbar zugänglich und evident. Es liefert Erkenntnisse, die wir auf anderem Weg nicht gewinnen können. Es hat einen Nachteil: Es ist subjektiv, d.h. andere Menschen können dieses Wissen nur indirekt nachvollziehen, indem wir darüber berichten, gewissermaßen in indirekter Rede. Sowohl intern wie erst im Bericht ist schwer zu unterscheiden, welcher Realitätsebene das innere Wissen entspricht: Der Fantasie, dem Gedächtnis, dem gegenwärtigen Erleben usw. Wir vermischen oft selber „Dichtung und Wahrheit“, wenn es um Erinnerungen geht, verwechseln Gedanken und Gefühle („ich fühle, dass du mich nicht magst“), manipulieren uns selber („das war ja gar nicht so schlimm“) usw. Wenn wir über Erlebtes in uns selbst berichten, kommen noch mehr Verzerrungsfaktoren dazu. Die subjektive Welt ist eben letztlich privat und kann nur mittels Übersetzung veröffentlicht werden.

Inneres Wissen hat also einen wesentlich geringeren Grad an Verbindlichkeit und Überzeugungskraft als äußeres Wissen. Es erfordert einen guten Grad an Vertrauen in die erlebende Person, um über sie hinaus relevant werden zu können. Dennoch repräsentiert es eine ganz wesentliche Komponente unserer Welt, die ja vor allem in unseren Köpfen entsteht.

Das Wissen, das wir in der Innenschau gewinnen, ist nicht nur, wie Wissen grundsätzlich, eine Bereicherung der Welt, sondern dient auch ihrer qualitativen Verbesserung. Wir kommen mit Hilfe dieser Wissensform nicht nur dem Ideal einer ganzheitlichen Beschreibung der Welt näher, ein Ideal, das für die Wissenschaften grundsätzlich erkenntnisleitend ist. Wir leisten auch einen Beitrag zum normativ wirksamen qualitativen Fortschritt, und damit zu einem besseren, friedvolleren Zusammenleben der Menschen.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir das Image des inneren Wissens verbessern, gewissermaßen unseren Glauben daran stärken. Was es dazu braucht, sind verlässliche Experten auf dem Feld der Erkenntnisgewinnung. Die Reputation der Wissenschaften der äußeren Sinne, also vor allem der Naturwissenschaften, stammt daher, dass, wer in diesem Bereich forscht, hohen Standards folgt, z.B. der Unparteilichkeit, der Genauigkeit, der Dokumentierbarkeit usw.

Experten auf dem Gebiet des inneren Wissens müssen über vergleichbare Standards verfügen. Sie orientieren sich an ethischer Integrität, d.h. sie wollen z.B. nicht mittels frei erfundener Erkenntnisse Geld machen, sie haben einen hohen Grad an innerer Sensibilisierung erworben, d.h. sie können zwischen Empfindungen, Gefühlen, Gedanken, Fantasien usw. klar unterscheiden, und sie können reproduzierbares Wissen dokumentieren.

Dazu braucht es eine übergeordnete Instanz, die den einzelnen Wissensformen einen gebührenden Platz zuordnen kann. Es kann für den Erkenntnisfortschritt auf Dauer nicht fruchtbar sein, wenn ein Zweig des Wissens einen Alleinvertretungsanspruch postuliert und durchsetzen will. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn eine Wissensform andere verbieten will. Als Schiedsinstanz, als Zuteilungsinstanz, als Moderator für öffentliche Relevanz kommt der Wissenschaftstheorie eine tragende Vermittler- und Vermittlungsrolle zu.

Die Ganzheit der Welt braucht Bewusstheit in jedem Detail. Dafür müssen alle Wissensformen zusammenwirken, jede hat etwas Wichtiges beizutragen. Jede braucht einen guten Platz im Konzert der Erkenntnisse, ein Platz, von dem aus die anderen Stimmen gut wahrgenommen werden können und der gleichrangige Austausch vonstatten gehen kann. 


Vgl.:
Die Verdinglichungstendenz 
Das innere Wissen und eine neue Methodologie

Montag, 23. Dezember 2013

Österreich hat eine neue (?) Regierung

Die neue österreichische Bundesregierung wurde vor einer Woche angelobt. Sie hat wenig Begeisterung geerntet und musste unter verschiedenen Protesten ihre Arbeit aufnehmen.

Wenn Regierungen ein Ausdruck ihrer Bevölkerung sind, die sie in die Ämter gewählt hat, was sagt das dann über die Österreicher und Österreicherinnen? Manche halten der neuen Regierung zugute, dass sie nicht wesentlich anders ist als die alte. Kontinuität möge sich bewähren in krisengeschüttelten Zeiten. Andere kritisieren gerade dieses. Allem Anschein nach setzen nicht nur die Personen, sondern auch die Programme der neuen Regierung gemächlich und bieder fort, was bisher schon im Gange war. Alle Kommentatoren sind sich einig, dass große Reformschritte und neue bahnbrechende Ideen fehlen.

Das entspricht einer Schiene, die wir alle im Gehirn haben: Was sich bewährt hat, verfolgen wir weiter – bis wir Schiffbruch erleiden, und oft noch darüber hinaus. Es entspringt einem Bedürfnis nach Sicherheit, nach Kontrolle der Zukunft. Wenn die Schritte bescheiden und immer in die gleiche Richtung erfolgen, kann nicht viel passieren, nicht viel Gefährliches und nicht viel Neues.

Es gibt auch eine andere Schiene, die statt der kleinen Schritte Sprünge macht. Sprünge führen auf ein neues Territorium, sie bringen uns schneller an Orte, die wir noch nicht kennen. Das Risiko ist größer, und die Chancen auch. Diese Schiene ist offenbar bei uns schwächer ausgeprägt als die andere, bei den Staatsbürgern als auch bei den Regierungsverantwortlichen.

Viele meinen wohl, dass im Zuge der großen Zockerkrise der letzten Jahre keine Abenteuer eingegangen werden sollten – warum aber nicht? Viele meinen wohl, dass Österreich gut dasteht, mit dem zweithöchsten Prokopfeinkommen in der EU und einer der niedrigsten Arbeitslosenraten und dass deshalb so weiter gewirtschaftet und gewurstelt werden sollte wie bisher – warum nicht anders? Freilich, woher sollte dieser Mut kommen, wenn bei jedem Wort, das ein Politiker spricht, bei jeder Entscheidung, die dann getroffen wird, starr auf die Wähler bei der nächsten Wahl und auf die Interessensgruppen der eigenen Partei gestarrt wird? Wird eine unkonventionelle oder sogar unpopuläre Entscheidung getroffen, sind Verluste zu befürchten: Verluste an Sympathien und Wählerstimmen. Wer will das schon, vor allem hierzulande?

So bleibt alles beim Alten, niemand ist glücklich (bei einer aktuellen Befragung wollen 78% neue Schwerpunkte) und niemand muss sich allzu sehr fürchten. Für jede Angst gibt es ein Beruhigungspflaster – die einen schützen die Pensionisten, die anderen die Millionäre und Milliardäre. Die einen verteidigen die Positionen der Lehrer und der Bauern, die anderen jene des Sozialsystems. So soll die Republik im gleichen Gleichgewicht gehalten werden, das es jetzt schon gibt.

Wir leben in einer Zeit der schnellen Veränderungen, die wir am deutlichsten im Bereich der Technologie bemerken. Alle anderen Bereiche sind im Bann der gleichen Veränderungsgeschwindigkeit, auch wenn sie da und dort unterschiedlich abläuft. Doch scheint sich das noch nicht auf die Art und Weise, wie dieses Land gelenkt und geleitet wird, herumgesprochen zu haben. Auch deshalb ist es für viele unverständlich, dass gerade das Wissenschaftsministerium abgesägt und dem Wirtschaftsminister zugeschlagen wurde, wo besonders in den Wissenschaften der Fortschritt am signifikantesten gefördert wird (neben der Kunst und Kultur, aber die ist ja nur ein Nischenbereich der Politik und notorisch in ihrer Bedeutung für die Gesellschaftsentwicklung unterschätzt).

Auch die Wirtschaft ist ein Bereich schnell wechselnder Neuentwicklungen und Trends. Doch sind diese im Wesentlichen unabhängig von der Politik, die sich vor allem um die Folgewirkung von Entwicklungen in der Wirtschaft kümmern muss, die gegen die Interessen der meisten Menschen gehen. So schurlt die Politik hinter der Wirtschaft her, die in ihrer Eigendynamik ein Desaster nach dem anderen produziert, und kaum haben sich alle vom Schock erholt und fangen an, die riesigen Finanzlöcher zu stopfen, die sich aufgetan haben, kommt schon die nächste Katastrophe. Was ist von einem solchen Wirtschaftssystem zu lernen, außer, dass es so nicht geht? Dennoch erhoffen sich die Parteien, die ja alle die Arbeitsplätze sichern und mehren wollen, von dieser Wirtschaft die Erlösung.

Was wäre zu tun und wird wieder einmal nicht getan? Die Reform des Bildungssystems, das in seinen Grundstrukturen noch fest im 19. Jahrhundert verankert ist, wird weit ins 21. Jahrhundert vertagt. Das Pensionssystem bleibt auf ein paar Jahre hinaus gesichert, also bis zur nächsten Wahl, dann tun sich, wenn man den Experten glauben darf, die großen und rapide wachsenden Fehlbestände auf. Das Steuersystem, das fleißig auf die Einkommen der Mittelschicht zugreift, die Spitzenverdiener weiterhin hätschelt und die Vermögenden neidlos ignoriert, wird solange Geld in die Staatskassen spülen, solange es diese Mittelschicht noch gibt. Da es an deren Ausdünnung arbeitet, arbeitet es auch an der Verwirklichung eines Szenario, das für manche Sozialtheoretiker schon am Horizont auftaucht: Der Zerfall der Gesellschaft in eine immer dünner werdenden Schicht von Superreichen, die die Vermögenswerte und die politischen Entscheidungen kontrollieren, und der großen Masse der immer weiter abrutschenden Unterschichten.

Währenddessen und im Zuge dessen geht der Raubbau weiter, der Raubbau an den Ressourcen der Umwelt und der Menschen. Die Ausbeutung der Menschen durch die Menschen wurde ergänzt durch die Ausbeutung der Natur durch die Menschen und durch die Ausbeutung der Menschen durch sie selbst. Das Gegensteuern, das die Änderung von mächtigen Gewohnheiten und fest zementierten gesellschaftlichen Strukturen erfordern würde, bräuchte Energien und Mittel, die im Sinn des Weitertuns des bisher Üblichen restlos verbraucht werden.

Aufgewendet werden diese Energien und Mittel auch für die Absicherung des Bestehenden in der Abschottung gegen außen. Mit den Befestigungswerken, mit denen wir unsere Staaten wie riesige mittelalterliche Burgen umgeben, werden die Ausbeutungsstrukturen aufrecht gehalten, und die Impulse, die aus der Begegnung mit dem Fremden und Andersartigen entstehen, bleiben ungenutzt. Integriert wird nur, was schon integriert ist.

Was also in der politischen und öffentlichen Landschaft der Republik fehlt und was nicht einmal in Ansätzen sichtbar ist, ist die kreative Fantasie, die Bereitschaft zum Aufbruch, die Leidenschaft für Erneuerung und die bewusste Begegnung mit den kollektiven Ängsten, die all das behindern. So können wir nur selber daran arbeiten, unsere Leben mit diesen Energien zu beleben und wachsen zu lassen, und dieses Wachstum an der Bewusstheit, das immer auch ein Wachstum an Kreativität beinhaltet, wird immer größere Kreise ziehen, bis es Einzug hält in die Entscheidungszirkel und Machtgremien. Dann werden, wie es schon Platon gefordert hat, die Philosophen zu den Staatslenkern und die Staatslenker zu Philosophen, die mit emotionaler und intellektueller Redlichkeit und Integrität ihren Dienst an der Allgemeinheit verrichten.

Mit Nelson Mandela wurde dieser Tage einer betrauert, der uns gezeigt hat, dass wir dieses Potenzial alle in uns tragen. Lassen wir also immer mehr von unserem inneren Nelson-Mandela-Potenzial zur Wirkung kommen!

Samstag, 21. Mai 2011

Kultur der Gier

Neben all den vielerorts geäußerten Kritikpunkten am Fall des Großbankers zum Untersuchungshäftling in New York möchte ich zwei Punkte hervorheben.

Das Szenario ist klassisch, der reiche mächtige Mann und das Zimmermädchen. Vor nicht allzu langer Zeit hätte niemand einem Zimmermädchen und jeder dem reichen mächtigen Mann geglaubt. Nun hat sich das Bild gewandelt. Gewaltanwendung muss verfolgt werden, ohne Ansehen der Person des Täters, wie es im Gesetz steht. Aber immerhin ist bemerkenswert, dass das Gesetz auch Anwendung findet. Das ist ein Anzeichen dafür, dass sich der Kampf für die Rechte der Frauen gelohnt hat. Und es ist zu hoffen, dass die Publizität dieses Falles eine abschreckende Wirkung auf Männer, reiche und weniger reiche, hat.

Der zweite Punkt betrifft die Kultur des Geldes. Ein gebildeter und weltgewandter Mann wird angesichts eines Zimmermädchens "schwach". Er wird (be)gierig. Obwohl sein mutmaßliches Verhalten einen Rückfall vom 21. in länger zurückliegende Jahrhunderte darstellt, passt es strukturell in die materialistische Kultur. Diese ist gekennzeichnet durch den Drang zur Anhäufung von Gütern. Die Innenseite dieses Dranges, also das, was die den Drang ausübenden Menschen spüren, ist die Gier. Die Gier hat kein Ende, sondern kennt nur Pausen, ähnlich wie das Anhäufen von Objekten. Es gibt immer noch mehr zu begehren.

Doch ist diese Logik der Gier schon gebrochen. Ein Mann, der Gier zeigt, ist nicht mehr tragbar. Offensichtlich hat sich unterschwellig etwas in der Kultur des Geldes geändert. Eine Position an den Schaltstellen des großen Geldes ist mit enormer Verantwortung verbunden. Lebenschancen und Schicksale von Millionen von Menschen hängen von Entscheidungen ab, die in diesen Gremien getroffen werden. Es scheint so, dass ein Bewusstsein dafür gewachsen ist, dass nur Menschen mit Integrität für eine derartige Verantwortung geeignet sind.

Und das ist es, wo wir hinkommen sollten: Dass an diesen Schaltstellen Menschen mit Integrität sitzen, das heißt, Menschen, die nicht von ihrer eigenen Gier getrieben sind, sondern von einem Blick und von einem Gefühl für das größere Ganze, für das sie Verantwortung tragen.