Samstag, 23. Juni 2018

Zurück zur organischen Selbststeuerung

Das Überleben der Menschheit auf diesem Planeten ist nach vielen Berechnungen und Studien unter den Bedingungen des gegenwärtigen Erste-Welt-Konsumniveaus, das die anderen Welten mit Recht zunehmend für sich beanspruchen, nicht mehr lange möglich. Irgendwann ist eine Grenze überschritten. Wir wissen nur nicht, wann und auf welche Weise sich der Kollaps abspielen wird. Vermutlich aber werden wir das Desaster erst bemerken, wenn es schon passiert ist.

Es besteht die akute Notwendigkeit von gesetzlichen Regulierungen, die auf der politischen Willensbildung beruhen. Der politische Wille entsteht aus den Werten der Mitwirkenden am demokratischen Diskurs. Also liegt es hier an allen, Meinungsbildung und Bewusstmachung zu verbreiten. Das ist ein Bereich für die individuelle Verantwortung.

Die persönliche Verantwortung hat noch eine weitere wichtige Ebene. Hier ist klar, dass jeder von uns dafür zuständig ist, den ökologischen Fußabdruck in Balance zu halten und damit den notwendigen Beitrag zur Sicherung der Überlebensbedingungen zu leisten. Diese Balance kann nur mit Luxusverzicht und Konsumeinschränkung erreicht werden – etwas unter ein an sich schon hohes Niveau zu gehen (ein Niveau an Wohlstand, das es noch nie zuvor in der Menschheit gegeben hat). Um diese Verantwortung wahrnehmen zu können, braucht der Mensch eine Willensentscheidung, die von innen kommt und bewusst getroffen werden muss. Sie bezieht sich auf das Einschränken und Zurücknehmen von nicht nachhaltigen Verhaltensweisen und Lebensformen und auf die Änderung der entsprechenden Gewohnheiten.

Die Selbstzurücknahme in der rechten Form zu vollziehen, erfordert eine gute Kenntnis der Ego-Grenzen: wo sind es die vielfältigen Muster eines unersättlichen Egos, die das Mehr und das Weniger verlangen, die gierig nachfassen, – und wo ist die Sättigung schon erreicht, wo ist es also in Wirklichkeit schon genug, nämlich in der Wirklichkeit des freien inneren Fließens von organischen und geistigen Bedürfnissen und Befriedigungserlebnissen. So oft schon haben wir die Grenzen durch unsere unbewussten Steuerungen überschritten, dass wir nur mehr über eine vage Ahnung von ihnen verfügen, eine Idee, die sich oftmals nur dort klar äußert, wo die Missachtung schon passiert ist. Wir meinen, wir müssten extrem leiden, wenn wir da oder dort auf einen Luxus verzichten, der uns schon selbstverständlich geworden ist. Also probieren wir es besser gar nicht erst aus.

Konditionierungen statt organischer Selbststeuerung


Konditionierungen haben sich von früh an in unseren Gehirngängen verankert und geradezu unentwirrbar in die organische Selbststeuerung eingewoben. Babys brauchen eine konkordante Form der Bedürfnisbefriedigung, um die Integrität der körperlich-seelischen Bedürfnisstruktur aufrechterhalten zu können. Mit Konkordanz ist gemeint, dass die jeweiligen auftauchenden Mangelzustände von den Betreuungspersonen in stimmiger Weise beantwortet werden, sodass ein aus dem Organismus aufsteigendes Bedürfnis stimmig befriedigt wird, z.B. wenn Hunger auftritt, wird etwas Essbares angeboten, wenn Durst gemeldet wird, gibt es etwas zum Trinken, wenn Unterhaltung gewünscht ist, ist jemand zur Stelle, der gerade spielen will. 

Bei der Konkordanz sind buchstäblich die Herzen aufeinander abgestimmt, und die durch Mangelerlebnisse auftretenden offenen Gestalten werden zeitnahe durch die passenden Angebote wieder geschlossen. Zufriedenheit als bedürfnisgerechte Sattheit setzt ein. Durch dieses konkordante Pulsieren von Wunsch und Erfüllung entwickelt und stabilisiert sich die organische Weisheit als Grundlage für eine Persönlichkeit, die echte Bedürfnisse von konditionierten Reaktionen unterscheiden kann und ihre Kompetenz im Aushalten von Frustrationen und Mangelzuständen ausbaut und verstärkt.

Der Klassiker unter den früh geprägten Korruptionen der organischen Weisheit ist der Ersatz von Liebesbedürfnissen durch Essbares. Das Kind wünscht sich emotionale Aufmerksamkeit und Zuwendung und erhält stattdessen Nahrung. Die Betreuungsperson interpretiert das Bedürfnis des Kindes falsch und reagiert aufgrund dieser Interpretation mit der Überzeugung, genau das Richtige zu tun. Das Kind ist enttäuscht, weil es nicht bekommt, was es eigentlich braucht, aber auch erfreut, weil der Ersatz befriedigt: das Essen schmeckt ja und beruhigt (vor allem, wenn viel Zucker dabei ist). Die erwachsene Person freut sich, weil scheinbar das Bedürfnis befriedigt ist, und diese emotionale Bestätigung verstärkt die Konditionierung bei ihr wie beim Kind: Das Bedürfnis nach Liebe kann durch Essen gestillt werden.

Auf diese Weise wird nicht nur eine Grundlage für spätere Ess- und Suchtstörungen gelegt, sondern dazu noch das Vertrauen in die organische Selbstregulation und in die Bedürfnisstrukturen des eigenen Körpers geschwächt. Einfache organische Bedürfnisse werden in komplexe emotionale Regelwerke übersetzt, aus denen sich Erwartungskonglomerate und künstliche Identitäten ableiten: z.B.: Ich habe jetzt einen Hunger, der nur durch diese oder jene Form von Fleisch gestillt werden. Ohne Fleisch kann ich nicht sein.

Die Selbstentfremdung und innere Selbstverwirrung wird zum Normalzustand, in den sich die Ansprüche und Angebote der Konsumwirtschaft ohne Gegenwehr einnisten, um die Illusion immer wieder zu bestätigen, dass mit steigendem und diversifiziertem Konsum alles besser wird. Schon längst haben sich verschiedene Selbste gebildet, die die einzelnen Aufgaben der Anpassung der Körperempfindungen und Gefühle an die vielfältigen äußeren Erwartungen abdienen. 

Selbstaufopferung und Selbstidealisierung


In diesem Kontext kann eine bewusste Selbstzurücknahme nur als Selbstaufopferung oder als Selbstidealisierung verstanden werden. Die Konditionierungen sind zu fixen Bestandteilen der Ego-Struktur geworden, die sämtliche Abwehrmechanismen zu ihrer Verfügung hat. Das Gespür dafür, wo irrationale Ängste, die hinter jeder Form von Gier und Statussucht stecken, Bedürfnisse erzeugen – und wo das Leben in uns aufzeigt, was es zu seinem Wachsen und Gedeihen braucht und was es dabei behindert und schädigt, ist verloren gegangen. Denn der Kontakt zum Lebensprozess und seinen inneren Zusammenhängen ist durch Störgeräusche überlagert, sodass die Botschaften nur mehr verzerrt übermittelt werden können.

Jede Form von verordneter Selbstkasteiung, die die eigenen Grundbedürfnisse übergeht, führt zum inneren Kampf und Krampf, wodurch wiederum nur die Ego-Ängste gegen den Organismus und seine Bedürfnisse in Stellung gebracht werden. Die Beschränkung, die einem Ideal entspringt, das in der Gruppe oder in der Gesellschaft vorherrscht, wird bekämpft, bis dieses verkümmert. Es wird anderen Idealen untergeordnet, die weniger Ego-Distanzierung erfordern.

Statt sich sinnvoll und selbstbewusst zu beschränken, diktiert das Ego dem Individuum maßlosen manischen Konsum oder auch militante Konsumverweigerung (die manchmal zusätzlich noch mit der moralischen Keule auch von anderen Mitmenschen den gleichen Entbehrungsweg einfordert und selten nicht einmal vor Gewalttaten zurückschreckt).

Was brauchen wir wirklich?


Doch bringen wir den Ausweg nur zustande, wenn wir an einer der Grenzen eine klare Entscheidung fällen, die bereit ist, mit den Mustern zu brechen und die Konsequenzen zu tragen. Muster können nur durch Disziplin überwunden werden. Nachhaltig wirken solche Schritte allerdings nur, wenn die Disziplin von innen kommt, also in keiner Weise von außen aufgezwungen ist, wie z.B. durch die Erwartungen anderer Personen, durch gesellschaftliche Normen oder Idealvorstellungen. 

Es geht um das Durchbrechen der Konditionierungen zur Wiederherstellung der Kommunikation mit der organischen Weisheit, es geht um den Kontakt zu den Selbststeuerungs- und Selbstheilungskräften des Körper-Seele-Systems. Das ist die Grundlage für jene Formen der Selbstzurücknahme, die autonom entschieden werden, unter Berücksichtigung der genuinen körperlichen Bedürfnisse, und nach der Entmachtung der künstlichen Konditionierungen. Es geht also auch um die Wiederherstellung unserer körperlich-seelischen Einheit.

Wir können dabei mit der simplen Frage arbeiten: „Was brauchen wir wirklich?“ Wo befriedigen wir ein elementares und essentielles Bedürfnis und wo folgen wir bloß Gewohnheiten und starren Einstellungen? Wo können wir uns selbst zurücknehmen und dabei für uns selber noch mehr an Freiheit gewinnen? Denn Gewohnheiten schaffen Abhängigkeiten, die uns unfrei machen. Wird uns diese Alternative bewusst, so können wir wählen: Bewusst entschiedene Selbstzurücknahme oder Freiheitsbeschränkung durch unbewusst wirksame Bedürfnis- und Verhaltenskonditionierung –  Freiheit oder suggerierte Scheinfreiheit als Marionette der Güterproduktion.

Im letzteren Fall machen wir so lange weiter, bis wir unsere Zivilisation gegen die Wand gefahren haben, denn es gibt im Rahmen der Konsumlogik keinen triftigen Grund zur Umkehr. Das sollte uns klar sein, wenn wir unsere Wahl treffen – unabhängig davon, wie viele in unsere Richtung gehen oder nicht.

Zum Weiterlesen:

Kommentare:

  1. Hallo

    Danke fürs Schreiben.

    Wo ich übereinstimme: ja, entkonditionieren
    Was ich nicht so sehe: es ist viel einfacher, und sollte mit viel weniger Worten umschrieben werden.

    Das Ursprünglichste, was wir alle gemeinsam hatten und aufgegeben haben ist das Grundgefühl, das Spüren.

    Wer den Mut hat, nur noch im Spüren zu sein, den führt das Spüren durch die gesamte Entkonditionierung zurück in die eigene Natur.

    Ich gebe dazu gerne Auskunft, falls Interesse da ist.
    Jeder Mensch wird so zu seinem autonomen Selbst-'Klärer'.
    Was viele nicht wissen ist, dass das anhaltende im-Spüren-Sein tatsächlich funktioniert, dass man unter all den konditionierten Mitmenschen nicht ins Chaos gerät, sondern daraus heraus.

    Freundlichst,
    Jürg
    (Kontakt: 'Jürg Biner' auf Facebook)

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    1. Danke sehr Jürg, bin ganz der Meinung, dass wir nur im Spüren zur organischen Selbstbestimmung zurückfinden. Unser Inneres weiß, was wir wirklich brauchen; der Weg dorthin hat aber auch seine Fallen, die von unseren Konditionierungen bereitgestellt werden.

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