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Samstag, 29. November 2025

Liebe und Tod des Cornets und der Patriarchalismus

Rainer Maria Rilke zum 150. Geburtstag

In dem Prosagedicht „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Rainer Maria Rilke finden sich einige symbolträchtige Stellen, die aus einer rätselhaften Welt zwischen Wachen und Träumen zu stammen scheinen.

An einer dieser Stellen lesen wir:

„Einer, der weiße Seide trägt, erkennt, dass er nicht erwachen kann; denn er ist wach und verwirrt von Wirklichkeit. So flieht er bange in den Traum und steht im Park, einsam im schwarzen Park. Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: 

'Bist Du die Nacht?' 

Sie lächelt. 

Und da schämt er sich für sein weißes Kleid. Und möchte weit und allein und in Waffen sein. Ganz in Waffen.“

Dieser Text wird meist als Selbstfindung der Hauptfigur der Erzählung interpretiert. Der junge und unerfahrene Cornet sucht die Bestätigung in seiner Männlichkeit und findet zu seinem ersten (und letzten) Abenteuer in der Turmstube des Schlosses, mit der Gräfin. Der obige Text beschreibt die Anfänge dieser Begegnung.

Das Leiden am Patriarchalismus

Hier stelle ich eine Interpretation vor, die das Spannungsfeld des Patriarchalismus ins Blickfeld rückt. Das Prosagedicht ist an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, in einer Zeit, in der die traditionellen Geschlechtsrollen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ins Wanken geraten sind. Aus dieser Perspektive könnte der Ausbruch des 1. Weltkriegs (die „Stahlgewitter“ nach Ernst Jünger) als ein Aufbäumen des Patriarchalismus gegen seinen drohenden Verfall verstanden werden. Im „Cornet“ kündigen sich diese Entwicklungen an und werden mit feiner Hand vorgezeichnet.

Der als „Einer“ Bezeichnete ist der in die Anonymität eines Traumgebildes abgerutschte Cornet, der weiße Seide, ein „unmännliches“ Gewand trägt. Er ist noch nicht ganz Mann und hat deshalb keinen festen Platz in der patriarchalen Ordnung inne. Er will zwar dazugehören und schämt sich, weil er nicht dabei ist. Zugleich aber spürt er auch, dass der Eingang zur Männerwelt über die Frauen geht und dass er diesen Eingang nur finden kann, wenn er die Weiblichkeit in sich zulassen kann. Das gelingt erst, wenn die Ablösung von der Mutter vollzogen ist. Er denkt ein paar Seiten vorher an sie und schreibt ihr einen Brief, von dem er hofft, dass er ihr überbracht wird, auch wenn ihm etwas zustößt. Er bittet sie, auf ihn stolz zu sein, weil er als Cornet die Fahne tragen darf. Die Mutter wird dann nicht mehr erwähnt, bis auf den Schluss, wo ihr Leid über den verlorenen Sohn kurz erwähnt wird.

Im Niemandsland

Da er wohl nicht im Traum ist, weiß er nicht, weshalb er diese Bekleidung trägt und was sie bedeutet. Das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein ist so verwirrend wie das Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit. Die reife Vernunft und der ordnende Verstand stehen nicht zur Verfügung. Ganz in den Traum abzutauchen, soll helfen, der verstörenden Wirklichkeit zu entkommen. 

Im Traum, also in der Welt seines Unbewussten steht er alleine in einem „schwarzen Park“, abgeschnitten von den anderen. Der schwarze Park kann ein Symbol für das Totenreich sein, das im Schlafzustand näher rückt. Sein weißes Gewand steht im Kontrast zur Düsternis des unheimlichen Parks, aber nur scheinbar, denn die Leichen werden auch in weißes Leinen gekleidet. Denn er ist allein in dem Park, fern vom Fest der Unbeschwerten. 

Das Licht lügt, es scheint nur zum Schein, tut nur so, als würde es scheinen. Die Helligkeit gibt keine Sicherheit, sondern nur die Illusion. Die Lüge besteht im Hochhalten einer Moral, die schon längst brüchig ist, weil sie auf Macht und Gewalt beruht und mit der Liebe Schindluder treibt.

Nahe spürt er nur die Nacht, die sich wie eine Frau zu ihm neigt, denn die Nacht ist ein Symbol für das Weibliche. Er ist also dem Geheimnis auf der Spur. Er fragt sie, ob sie die Nacht ist. Ihre Antwort ist ein Lächeln. Ein Lächeln kann viel bedeuten: Wertschätzung, Zuwendung, Verführung, Trost, Entlarvung oder Verachtung. Er kann ihr Lächeln aber nicht lesen, weil ihm dafür die Sensibilität fehlt. Wo hätte er sie je lernen können? Das Aufwachsen im Patriarchalismus fordert von den Männern, ihre Verletzlichkeit durch Härte zu kompensieren.

Die Scham über die Anima

Deshalb trifft ihn von all den Bedeutungen des Lächelns nur eine: Er sieht sich erkannt, in seinem weißen Kleid, in seiner Unschuld und in seiner „Unmännlichkeit“. Dieser Scham will er entrinnen, indem er in eine trotzige Männlichkeit flüchtet: Allein und ganz in Waffen sein. So unerträglich ist die Weichheit und Verletzbarkeit unter der Last des patriarchal verordneten Mannseins. Die Flucht in die Symbole der Gewalt soll ihm Sicherheit vor seinem Unbewussten geben, in dem die Weiblichkeit, seine Anima, ihren Platz beansprucht. In einer von starrer Männlichkeit dominierten Welt muss er sich für die Weichheit und Zartheit, für die weiße Seide schämen und alle diese Strebungen in sich unterdrücken, damit er vor Verachtung und Ausgrenzung geschützt bleibt.

Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.“ Deshalb ist es gar nicht wichtig, die Umstände ihrer Begegnung zu wissen. Es spielt keine Rolle, was mit dem Mann der Gräfin ist noch welchen Namen der Geliebte trägt, denn: „Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.“

Es ist ein neues Geschlecht, weil es nicht an die herrschenden Rollenbilder angepasst ist. Es ist also ein neues Geschlechterverhältnis, das die Normen des Patriarchalismus hinter sich lässt. Es entsteht aus dem Moment der Begegnung und bleibt auf ihn beschränkt. Und es ist von kurzer Dauer, wie alles Vergängliche. Aber es trägt alle Namen in sich.

Liebe und Tod

Die Verbindung von Liebe und Tod, die bei Rilke oft auftaucht, ist ein Erbe des Patriarchalismus. Liebe ist in diesem System begrenzt und beschränkt. Die zugeteilten Geschlechtsrollen erweisen sich als mächtiger als die Liebe, sodass sie dem Tod geweiht ist, kaum dass sie erblühen konnte. Der typische Verlauf einer Liebesbeziehung im Patriarchat beginnt mit Verliebtheit und endet in einem dumpfen ehelichen Nebeneinander-Her-Leben. Wo der Fluss der Gefühle war, herrscht Stillstand und Leblosigkeit. Das ist die milde Form des Todes der Liebe, die brutale findet dort statt, wo die Gewalt  Einzug hält, indem der Hass die Liebe ersetzt. Die Allgegenwart des Todes als Ausfluss von Hass und Gewalt ist die unvermeidliche Nebenwirkung des Geschlechterungleichgewichts im Patriarchalismus. Wenn die Achtung fehlt, bricht sich unweigerlich die Bosheit ihre Bahn, um sich zu rächen. Der Kampf der Geschlechter ist ein Ringen um Anerkennung und Achtung, die beide Seiten schmerzlich vermissen. Es gibt aber kein Entrinnen, solange die Macht der Rollenfixierungen weiter besteht. 

Die postpatriarchale Utopie

Das Zwischenreich, das in dem Zitat vorherrscht, deutet auf die noch lange nicht real gewordene Utopie einer neuen, postpatriarchalen Ordnung hin, in der zwischen Männern und Frauen die Anerkennung der Unterschiede und die Obsorge für die Gemeinsamkeiten im Rahmen von Respekt und Achtung stattfinden. Es ist eine Zukunft, in der die Geschlechter die Geheimnisse der Liebe ohne Machteinflüsse und starre Rollenbilder erkunden können. Diese Utopie umfasst alle Formen der Geschlechtlichkeit, befreit von den Fesseln der patriarchalen Ideologie.

Der Eine, der seine Anima nicht aushalten und sich mit ihr nicht anfreunden kann, der nicht zu seiner Verletzlichkeit stehen darf, muss dann, wieder einsam und verlassen, im Kampf sterben. Die Tragik des männlichen Geschlechts im Patriarchalismus ist in ihrer vollen Tragweite eingetreten. Der männliche Held, der sich auf der Flucht vor der Weiblichkeit (seiner eigener und der in Gestalt der Frauen) der Gewalt verschreibt, muss durch sie umkommen. Zurück bleiben Frauen, die trauern.

Zum Weiterlesen:

Genderspektrum und "Dekadenz"
Geschlechtsidentität - genetisch - biologisch - sozial
Animus und Anima im 21. Jahrhundert
Das Reizthema LBTQ und der Patriarchalismus


Montag, 27. März 2023

Der plötzliche Tod und die moderne Lebensweise

Ist der plötzliche Tod ein Phänomen der Neuzeit und eine Folge der Beschleunigung, die stattgefunden hat? Sicher hat es schon früher plötzliche Todesfälle gegeben, durch Unfälle, Gewalteinwirkung oder durch Herzstillstand. Aber es könnte sein, dass diese Todesart zugenommen hat, so wie auch die allgemeine Geschwindigkeit zugenommen hat. 

Der Verkehrstod 

90 % der Todesfälle durch Unfall geschehen im Straßenverkehr. Die rasante Zunahme der Verkehrstoten hat in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht dazu geführt, dass die Geschwindigkeit der Autos reduziert wurde, sondern dass die Fußgänger und Radfahrer von den Straßen verdrängt wurden. Einschränkungen müssen die potenziellen Opfer auf sich nehmen, nicht die möglichen Täter in ihren schweren Fortbewegungsmaschinen. 

Priorität genießt also die Schnelligkeit, und jeder, der sie stört, wird von den privilegierten Verkehrsflächen verbannt. Das Geschwindigkeitsprinzip im Sinn des expandierenden Kapitalismus hat zur Bevorzugung der schnellen Verkehrsmittel vor den langsameren Verkehrsteilnehmern geführt, und es ist bis heute wirksam. Die Verantwortung für den schnellen Verkehrstod wird damit von den schnelleren und damit lebensgefährlicheren Fortbewegungsmitteln auf die langsameren übertragen. 

Die Anzahl der Verkehrstoten weltweit übertrifft regelmäßig die der Todesfälle durch Kriege, Genozide und Terrorüberfälle bei weitem, und dabei sind diejenigen, deren Leben durch indirekte Folgen des Verkehrs verkürzt wird, z.B. durch Luftverschmutzung, gar nicht mit einberechnet. Miteinbezogen, würden sich die Todesfälle durch Verkehr verdreifachen. Die Beschleunigung fordert ihren Preis, und mit ihr steigen die plötzlichen Todesfälle. Der Tod hält offensichtlich Schritt mit der allgemeinen Zunahme der Schnelligkeit. 

Wir alle wünschen uns einen sanften, langsamen Tod. Wie das schöne Wort besagt, wollen wir friedlich entschlafen, nachdem wir uns von unseren Nächsten verabschiedet haben. Doch führen wir unser Leben so, dass wir alles tun, um dieses Ziel nicht zu erreichen. Wir beschleunigen, wo es nur geht, treiben uns an zu mehr und effektiverer Leistung, haben das Gefühl, dass wir nirgends nachlassen dürfen und meinen, dass auch nur kurzzeitige Untätigkeit der Anfang allen Lasters ist. Wir pumpen immer mehr Energie in alle Abläufe unseres Lebens und sorgen immer weniger für deren Regeneration und Nachhaltigkeit. Wir betreiben Raubbau an uns selbst, nicht nur an den natürlichen Ressourcen um uns herum. Wie also soll unser Leben organisch ausklingen, wenn wir bis zum Äußersten unorganisch leben?  

Krieg und Tod 

Plötzliche Tode gab es in allen Kriegen, aber die Technik, die immer mehr die Kriegführung übernimmt, führt zu immer raffinierteren Formen des Tötens, wo mit einem Atombombenabwurf auf einen Schlag hunderttausende Menschen den plötzlichen Tod finden. Raketen werden abgeschossen und landen in Wohnblöcken, in denen viele Menschen ihren sofortigen Tod finden. Der Einsatz von moderner Tötungstechnik fördert die Anonymisierung des Tötens: Der Töter steht dem Getöteten nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber, sondern drückt auf einen Knopf, das Geschoß nimmt seinen Lauf und findet selbstgesteuert sein Ziel, das es sofort vernichtet. Damit fallen viele Tötungshemmungen weg. Der plötzliche Tod wird zum dauernden Begleiter aller Menschen, die in einem Kriegsgebiet leben. Jede Kriegspartei versichert zwar, dass sie nur deshalb tötet, weil damit das Töten schneller beendet werden kann, aber das Einzige, was diese Todeslogik bewirkt, ist ein noch schnelleres und häufigeres Töten. 

Krankheiten der Zivilisation 

Herzinfarkte waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch für 10% der Todesfälle verantwortlich; zur Jahrtausendwende waren es in den Industrieländern bereits 50%. Diese Anstiege werden zwar mit der gestiegenen Lebenserwartung erklärt; ein Zusammenhang mit der zunehmend hektischeren Lebensweise („der Puls der Zeit schlägt immer schneller“) und dieser Form des raschen Todes drängt sich aber auf.  

Die Corona-Pandemie hat nicht nur gezeigt, wie rasant sich eine Krankheit in der modernen Gesellschaft über Länder und Kontinente ausbreitet. Sie hat auch zu einer Beschleunigung des Sterbens vor allem bei vorbelasteten Menschen geführt. Vor allem die ersten Varianten dieses Virus haben die Intensivstationen in unseren hochentwickelten Gesundheitssystemen sehr bald nach dem Ausbruch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt. Die Entstehung und die Verbreitung des Virus, wie auch immer sie passiert ist, ist ohne die Beschleunigungsvorgänge in unseren Gesellschaften schwer vorstellbar. Das Virus erscheint wie ein Ausdruck der Unbewusstheit, mit der die selbst- und naturausbeutende Lebensweise unserer Industriekultur in rasendem Tempo vorangetrieben wird.  

Die Todesverdrängung 

Die Kehrseite der Todesverdrängung, die in allen Beschleunigungsanstrengungen wirksam ist, liegt in immer neuen Formen des plötzlichen Todes, die durch diese Lebensweise in der einen oder anderen Form hervorgerufen werden. Wir entrinnen unserem Ende nicht, so sehr wir uns auch beeilen, all das zu erledigen, was sich immer wieder von neuem auftut, um erledigt zu werden. Es scheint sogar, als würde dieses Ende umso abrupter kommen, je mehr wir ihm mit unserer Hast und mit unserem Vollstopfen der uns noch verbliebenen Zeit entkommen wollen. 

Zum Weiterlesen:

Die Langsamkeit der Natur
Alles zu seiner Zeit: Ungeduld in der Therapie
Geduld ist die Tugend der Glücklichen
Geduld: Sich dem Leben anvertrauen
Ungeduld beim inneren Wachsen
Die Geschwindigkeitssucht
Langsamer ist schneller


Samstag, 8. Februar 2020

Über den Sinn von Leiden und Schmerzen

Die Frage, warum es Leid im menschlichen Leben gibt, ist mindestens so alt als Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen. Seit es die Theologie gibt, steht sie vor der Frage, wie Gott es zulassen kann, dass es Menschen schlecht geht – das kann doch kein guter Gott sein, der den Menschen zuschaut, wie sie leiden, ohne aus seiner Allmacht heraus einzugreifen, und ein schlechter Gott ist ein Widerspruch in sich. 

Der Ausgangspunkt der Problematik liegt in der Gleichsetzung des Guten mit dem Schmerzfreien und Leidenslosigkeit. Ein gutes Leben muss schmerzlos und beschwerdefrei sein. Dabei verkennen wir – aus naheliegenden Gründen – die Natur des Lebens und damit des guten Lebens. Die naheliegenden Gründe liegen im Wunsch nach Schmerzfreiheit und Wohlgefühl ohne Ende. Wenn wir leiden, fühlen wir uns dagegen eben nicht gut, sondern miserabel, gepeinigt und manchmal sogar verzweifelt. Jeder will genießen und Freude empfinden und unangenehme Erfahrungen möglichst schnell überwinden. Das ist auch ein im Leben grundgelegter Antrieb, der die kreative Seite des Lebens ermöglicht. Denn nur im Zustand innerer Ausgeglichenheit und Entspanntheit können wir schöpferisch aktiv werden und anderen helfen.  

Was ist aber die Natur, die Eigenart des Lebens? Das Leben umfasst alle seine Aspekte und Dimensionen. Organismen sind fühlende Wesen, sie nehmen sich selbst und die Umgebung wahr. Jedes Fühlen ist von einem Kontinuum gekennzeichnet: Zwischen maximaler Bedrohung und maximaler Lebenssteigerung, zwischen maximalem Schmerz und maximalem Wohlgenuss. Wir verfügen über diese Empfindungsfähigkeit, um uns in der Wirklichkeit orientieren zu können, wenn wir unser Überleben sichern. Auf dieser Ebene sind wir genauso ausgestattet wie alle anderen Lebewesen. Ich nehme an, dass sie alle ihre jeweiligen Leidenszustände kennen und irgendeine Form von Schmerz erleben.  

Gäbe es kein Schmerzempfinden, wäre dieses Spektrum eingeschränkt – was auch bei Menschen, die eine spezielle Störungen im Gehirn haben, der Fall ist. Ohne körperliche Schmerzempfindung bekommen wir keine Signale über Probleme in unserem Organismus; ohne seelischen Schmerz erkennen wir nicht, wenn im Sozialsystem etwas schiefläuft. Eine völlige Schmerzbefreiung wäre lebensbedrohlich – für den Organismus und für das Sozialgefüge. 

Der Schmerz ist also ein integraler Teil unseres Welterlebens als lebendige Wesen. Selbst wenn wir ihn minimieren wollen, weil wir natürlicherweise vom Unangenehmen zum Angenehmen streben, gilt es dennoch, ihn zu achten und ihm Sinn zuzugestehen. Sonst schneiden wir vom ganzen Raum des Lebens einen wesentlichen Teil aus und nutzen ihn nur zum Jammern und Einsammeln von Mitleid. Wir Menschen sind vermutlich die einzige Spezies, die überhaupt auf die Idee kommt, die Existenz und Sinnhaftigkeit von Schmerz und Leid in Frage zu stellen. Der Rest der Natur lebt einfach mit diesen Gegebenheiten. 

Wenn wir uns da anschließen, statt eine Sonderrolle in der Natur zu beanspruchen, können wir das Leid in seiner vollen Bedeutung und Sinnhaftigkeit achten. Auf diese Weise sind wir mit dem Ganzen der Natur und des Lebens verbunden. Wir schreiben dem Leben nicht vor, wie es zu sein hat, sondern nehmen es so, wie es ist. Statt einen sinnlosen Kampf zu kämpfen, fühlen wir uns von dem Wissen getragen, dass jedes Leid, so unangenehm es nun mal ist, irgendwann sein Ende hat, wie auch jedes freudvolle Ereignis.  

Schmerzen annehmen 


Schmerzhafte Erfahrungen sind besonders heraufordernde Gelegenheiten für das Annehmen und Akzeptieren. Das heißt auch, dass sie besonders zu unserem inneren Wachsen beitragen. Je schwieriger das Annehmen, desto wertvoller ist es, wenn es uns gelingt. Wir werden unabhängiger von den Wechselfällen des Lebens, vom stimmungsmäßigen Auf und Ab, von Niederlagen und Enttäuschungen, von Verwundungen und Beleidigungen, von Unpässlichkeiten und Krankheiten. Unsere innere Stärke wächst mit jeder gelungenen Akzeptanz schwieriger Lebensumstände. 

Im Einklang mit sich und dem Lebensprozess zu sein, ist die tiefste Form des Glücks, die dem Menschen möglich ist und die von niemandem genommen werden kann. Dazu gehört es, die angenehmen und unangenehmen Erfahrungen gleichermaßen zu umarmen, wie ein gerechter Elternteil die braven und schlimmen Kinder ohne Unterschied liebt. 

Einzelne Menschen haben es geschafft, in den schlimmsten vorstellbaren Situationen bei sich zu bleiben, im Gefängnis oder im KZ, im Krankenbett oder im Sterbeprozess, und sie können uns als Vorbilder dienen, wenn wir mit Leiden und Schmerzen in unserem Leben konfrontiert werden. Wir können unsere Würde aufrechterhalten, selbst unter den entwürdigendsten und unmenschlichsten Umständen, unter Schmerzen und Leiden. Denn die Würde kann uns niemand nehmen, höchstens wir selber, wenn wir uns von der Ganzheit unseres eigenen Lebens abtrennen und uns in herausfordernden Erfahrungen selbst verleugnen. 

Die Schatten des Todes 


Der Alterungsprozess beinhaltet viele schmerzhafte Momente, die mit zunehmender körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit immer häufiger auftreten. Es zwackt hier und zwackt dort, das Gedächtnis wird löchrig und die Marotten werden noch wunderlicher. Dazu kommt, dass das Altern selber die Akzeptanz herausfordert, weil es mit der schmerzhaften Erkenntnis verbunden ist, dass es nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern unausweichlich voranschreitet, relativ unabhängig davon, wie wir es gerne hätten. Das Altern ist der lange Schatten des Todes, der in seiner Strenge und Unausweichlichkeit fordert, dass wir das Sterben lernen, je früher desto besser.  

Als lebende Organismus haben wir ein Ablaufdatum. Ob unser Leben länger oder kürzer als der Durchschnitt dauert, ist nur zum Teil in unserer Hand. Viele, die ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben geführt haben, sind früh gestorben; andere mit unmäßigem oder wenig tugendhaftem Lebenswandel haben ein hohes Alter erreicht. Der Tod ist ein undurchsichtiger Gesell, der sich nicht in die Karten blicken lässt, trotz aller Versuche, das Alterungsgenom zu entschlüsseln und zu manipulieren. Er klopft unerbittlich an unsere Tür, wenn er es für angemessen hält, und gibt seine Gründe nicht preis. Er fordert einzig und allein unsere Bereitschaft zur Hingabe, in der ultimativen Form. 

In jedem Schmerz, in jeder leidvollen Erfahrung kündigt sich der Tod an, als würde er das alles schicken, damit wir uns auf das Treffen mit ihm vorbereiten können. Doch ist der Tod nicht der Meister des Lebens, sondern selbst nur ein Diener im großen Prozess des Werdens und Vergehens, bei dem wir eine Weile mitsegeln, deren Dauer uns zugemessen ist. Jede Schmerzerfahrung können wir zum Einüben in die Hingabe, d.h. in die Endlichkeit und Sterblichkeit nutzen.  

Erwartungsfreiheit 


Erwartungsfrei durchs Leben zu gehen, absichtslos mit dem Leben zu fließen, erfordert viel Grundvertrauen und innere Stabilität. Der Lohn der Vertrauensstärkung ist der hohe Grad an Freiheit und der Zugang zu einer tiefen Form des Glücks, das aus dieser Freiheit kommt. Die Erwartungsfreiheit umfasst auch den geheimnisvollen Tod und lässt ihm seine Freiheit, zu kommen, wann immer es ihm beliebt und gleich welche Form des Endes er uns zubilligt. 

Wir haben dieses Leben als Ganzes, mit seinem Anfang und seinem Ende, mit seinen Schokoladenseiten und Magenkrämpfen. Es hat uns ganz, und wir haben es entweder ganz oder gar nicht. Alles, was uns widerfährt, gehört dazu, ob es uns in den Kram passt oder nicht, ob es uns erfreut oder entsetzt. Akzeptanz gibt es nur in dieser Ganzheit. Wenn wir nur die Rosinen aus dem Lebenskuchen herauspicken, verdirbt der kostbare Rest, indem wir ihn verschmähen. Wir sind dann nicht mit der Annahme, sondern mit dem Verweigern des weniger wohlschmeckenden Teils beschäftigt, der dadurch mehr Bedeutung und Macht bekommt als die verführerischen und vergänglichen Süßigkeiten. Nehmen wir dagegen auch die sauren Kirschen aus dem breiten Angebot des Lebens zu uns, so lernen wir ihren Geschmack kennen und schätzen. Wir erweitern unser Repertoire und unsere Kraft im Umarmen und Halten.  

Das gute Leben ist ein solches, das möglichst viele Schattierungen und Spielarten umfassen und umarmen kann und nichts ausschließen und missachten muss. Das gute Leben ist bereit zum Risiko der Totalität, zur Radikalität des Akzeptierens aller Freuden und Schmerzen. Das gute Leben kann auf alle Versprechen oder Heilsverkündungen von Schmerz- und Leidensfreiheit verzichten, weil es weiß, dass alles, was da ist, alles, was entsteht und vergeht, gut ist, wenn es mit Bewusstheit durchlebt wird. 

Zum Weiterlesen:
Ein kleines Modell des Schmerzes
Von der Hilflosigkeit zur Hingabe 
Die Dimensionen der Verzweiflung

Donnerstag, 7. März 2019

Die Dimensionen der Verzweiflung

Die Verzweiflung ist wie eine Halbschwester der Traurigkeit. Sie taucht dort auf, wo der Ausweg aus dem seelischen Schmerz verbaut erscheint und alles Helle und Lichte im eigenen Leben verschwunden ist. Es ist, als wären wir ganz auf uns selbst zurückgeworfen, als gäbe es keine Hilfe und keine Rettung und als müsste das aktuelle Leid für immer fortdauern. Es gibt keinen Grund mehr für Hoffnung, alle Tore aus der schwierigen Situation scheinen versperrt. Verzweifeln heißt auch, dass wir das Grundvertrauen ins Leben verloren haben. All das, was uns Angst macht und Schmerz bereitet, hat sich über und in uns zusammengeballt, und wir haben die einzige Gewissheit, dass es keine Lösung und Befreiung gibt. Außer dieser Einsicht in die eigene Hilflosigkeit und das eigene Ausgeliefertsein gibt es nichts, was sicher ist und Halt geben könnte.  


Gefühl und Denken


Verzweiflung ist nicht nur ein Gefühl; dieser Zustand ist häufig mit geistiger Irritation oder Verwirrung verbunden. Darum ist sie nur eine Halbschwester der Traurigkeit. Es gibt also eine mentale Komponente, die mitspielt, wenn wir uns verzweifelt fühlen. In der Verzweiflung steckt der Zweifel, die gedankliche Infragestellung dessen, was ist. Wenn der Zweifel überhandnimmt, trennt er sich von allem ab, was ist, einschließlich von sich selbst.  

Auf diese Weise schwindet jede mentale Stärke, die der Verzweiflung abhelfen könnte. Wer fest an sich selber glaubt und sich die eigenen Fähigkeiten im Geist vergegenwärtigen kann, braucht nicht zu verzweifeln. Wenn allerdings selbstvertrauensschwächende Gedanken vorherrschen, vertieft das Denken die Verzweiflung. Das können Gedanken sein wie: „Ich schaffe das nie, es wird nie wieder besser, es gibt keinen Ausweg, ich weiß nicht, was ich tun soll, alles ist vergeblich“ usw.  

Das Verstandesdenken ist Meister im Verallgemeinern: Der momentane Zustand wird zum Ganzen erhoben: Statt „Jetzt sehe ich keinen Ausweg, jetzt habe ich keine Hoffnung, jetzt weiß ich nicht weiter“, nutzt das Denken die Formulierungen mit: „Nie (klappt was…), immer (geht alles daneben …), alles (ist umsonst….), nichts (hilft mir ….)“. Damit wird eine Überzeugung hergestellt, die erst recht keine Chance zum Entkommen erlaubt und die Verzweiflung zementiert. Diese Gedanken werden aus früh geprägten Gedankenmustern gespeist und fließen verstärkend in das Gefühl ein.  

Typisch für den Zustand ist, dass wir nicht genau unterscheiden können, ob wir in einem Gefühl oder im Denken sind. Beides wirkt zusammen, und gerade deshalb ist der Zustand so ausweglos. Das Denken kreist in sich selbst, das Gefühl hält uns in unserer Tiefe und Selbstbezogenheit gefangen.  

In der Verzweiflung geschieht die Hingabe – das Aufgeben der Kontrolle und des Besserwissens, der Verdrängung und der Oberflächlichkeit. Hingabe kann nur geschehen; wir können uns nicht für das Hingeben entscheiden, weil das kein Tun ist, sondern eine Haltung, die dann erscheint, wenn unser Ego beiseitetritt und Platz macht. Es gibt nichts mehr, was getan werden könnte. Ich kann mir selber nicht mehr helfen, also braucht es eine andere Hilfe, die ich nicht selber bereitstellen kann, sondern die von irgendwoher kommt oder eben nicht kommt.  

Im Grund ist es unser Ego, das in der Verzweiflung verzweifelt, weil es mit seinen Strategien am Ende ist. Es scheitert in der Verzweiflung und muss eingestehen, dass es keinen Rat und keine Hilfe anbieten kann. Es kann das Überleben nicht mehr sichern, und damit ist seine Hauptaufgabe obsolet geworden. 


Die Verantwortung abgeben 


Solange im Prozess des Verzweifelns andere Menschen beschuldigt werden oder das eigene Schicksal bejammert wird, ist die Verzweiflung noch nicht voll eingetreten. Vielmehr kennen wir alle die Versuche, die Verantwortung und Urheberschaft für unser Leiden an andere abzutreten, indem wir sie beschuldigen. Und selbst wenn wir scheinbar die Verantwortung zu uns zurücknehmen, indem wir feststellen, dass wir es waren, die alles falsch gemacht haben oder die vom Leben so sträflich benachteiligt wurden, verfügen wir noch im Hadern über einen Ankerpunkt, der uns vor dem Absturz in die volle Verzweiflung rettet. Wir halten uns daran fest, das Opfer anderer Menschen oder widriger Umstände, unseres Körpers oder unseres desolaten Inneren zu sein. Wir bleiben mit dem verbunden, was uns als Täter und Verursacher unseres Leidens erscheint. Die Hoffnung bleibt bestehen, dass sich die Ursachen verwandeln könnten, dass das Schlechte oder Böse noch gut werden könnte, und damit bleibt ein Aspekt der Kontrolle erhalten und die Macht der Verzweiflung ist abgeschwächt. Im Anklagen, Jammern und Klagen sind wir aktiv und kämpfen um eine Verbesserung der Lage, wenn auch meistens ohne Aussicht auf Erfolg.  

Mit solchen Strategien schützen wir uns vor der Wucht der vollen Verzweiflung, die uns in unseren Grundfesten erschüttert. Es ist auch notwendig und gut, dass wir über Mechanismen verfügen, die die Überwältigung durch die Verzweiflung abzufedern, denn an der vollen Verzweiflung kann nicht nur das Ego scheitern, sondern auch die Seele zerbrechen. Wenn die Anker und Gerüste der Persönlichkeit nicht nur erschüttert, sondern beschädigt oder zerstört werden, mündet die Verzweiflung in den physischen und/oder psychischen Zusammenbruch. Wenn es soweit kommt, treibt die Verzweiflung die betroffenen Menschen schließlich in den Suizid. 

Es braucht an diesem Punkt andere Leute, die an uns glauben und uns auch an diesem tiefsten Punkt festen Halt und liebevolle Präsenz schenken. Für viele Menschen ist auch der Kontakt zur Natur eine Stütze. Manchen anderen bleibt nur der Ausweg in eine Form der Ablenkung und Flucht – in Drogen oder andere Abhängigkeiten, die einen Halt vor dem völligen Absturz bieten können, allerdings gegen einen hohen Preis. 


Annehmen, was ist 


Die existenzielle Verzweiflung bleibt solange am Grund der Seele wirksam, solange sie nicht in dieser Tiefe angenommen und durchgestanden ist. Sie wird sich immer wieder melden und das Innenleben überschatten, in den verschiedensten Verkleidungen und Maskierungen. Sie wird die alltäglichen Herausforderungen und Unpässlichkeiten mit einer Note der Bitterkeit versetzen, Meinungsverschiedenheiten in scheinbar unlösbare Konflikte steigern, Krankheiten in seelisches Leiden verwandeln, widrige Welterscheinungen in Grübeleien übersetzen und dem ganzen Leben gegenüber zum Pessimismus neigen. 

Der Seelensucher macht sich dran, die Wurzel der Verzweiflung in frühesten traumatischen Erfahrungen zu finden und dort zu befrieden. Als Ungeborene und Kleinkinder waren die meisten von uns verzweifelt, wenn wir alleine gelassen, nicht verstanden oder lieblos behandelt wurden. Wir haben über so wenige Möglichkeiten verfügt, für unser Überleben zu sorgen, sodass in extremen Situationen nur mehr Verzweiflung und Resignation geblieben sind. 

Mit dem Verständnis, dass wir in der Verzweiflung in einen frühen Erfahrungszustand zurückrutschen, können wir uns bewusst machen, dass wir mit unseren Erwachsenenkompetenzen unser Leben meistern können. Es mag manchmal widrig und überfordernd sein, aber wir haben schon so vieles geschafft und werden auch über diese Hürde hinwegkommen. 


Die Verzweiflung an der Endlichkeit


“In der endlichen Verzweiflung schließe ich mich ein mit dem Endlichen; in der absoluten Verzweiflung schließe ich mich auch für das Unendliche." Mit der Unterscheidung von endlicher und absoluter Verzweiflung weist Kierkegaard auf die spirituelle Dimension der Verzweiflung hin, die ihn in seiner Philosophie und in seinem Leben immer wieder stark beschäftigt hat.  

Auch wenn wir gut mit unserem Leben zurechtkommen, gibt es Herausforderungen, die darüber hinausgehen und die aus anderen Tiefen als die Wunden unserer Kindheit stammen. Denn jedes Leben hat absolute Grenzen, auf die wir immer wieder stoßen. Es sind die kleinen Tode im Leben – Trennungen, Umbrüche durch Übergänge in den Lebensphasen, Krankheiten, Schicksalsschläge, Todesfälle usw., die am Sinn des Lebens verzweifeln lassen.  

Dahinter steht die Unerbittlichkeit der Endlichkeit jedes menschlichen Lebens. Viele Philosophen haben darauf hingewiesen, dass die Tragik des Menschseins mit dem Wissen um die Sterblichkeit verbunden ist. Wir bemühen uns, unser Leben zu meistern und wissen, dass wir irgendwann aus diesem Leben scheiden werden, ohne irgendetwas mitnehmen zu können. Worin soll da der Sinn liegen, fragt die Verzweiflung. Das “Sein zum Tode” oder die “Krankheit zum Tode”, wie die existenzialistischen Philosophen das menschliche Leben charakterisieren, kennzeichnet dieses Sich-der-Unendlichkeit-Verschließen.  

Die radikale Erfahrung der Endlichkeit kann in die Verzweiflung, in die “dunkle Nacht der Seele” (Johannes vom Kreuz) führen. Das Tor zur Unendlichkeit erscheint verschlossen. Tatsächlich wollen wir nicht durchgehen, weil wir nicht wissen, was auf der anderen Seite auf uns wartet. Wir müssten alle Hoffnungen, Illusionen und Erwartungen aufgeben, doch der Mut dazu fehlt. In diesem Sinn ist die Verzweiflung das Verharren auf der Seite der Begrenztheit und Relativität. Allerdings beginnt die eigentliche Suche, die Suche nach dem Absoluten, erst mit dem Durchschreiten dieses Tors.  

Für die spirituelle Sucherin gibt es nur diesen Schritt. Sie lässt sich auf die volle Gewalt der dunklen Nacht der Seele ein und steht sie durch, mit menschlicher Unterstützung oder alleine, und gibt sich ihr ganz hin, bis zur Morgendämmerung, in der das Ego sein Scheitern eingestehen kann und damit seine lebensbeschränkende Macht aufgibt. Hier passt das Zitat von J. Krishnamurti: „Nur ein Bewusstsein, das von Verzweiflung geprägt ist, kann die Wirklichkeit erkennen.“ 

Am Ende des Tunnels 


An diesem Punkt wartet eine neue Form der Freiheit, die sich auf das Vertrauen in das Ganze des Seins gründet. Was könnte noch passieren, was ärger ist als die abgrundtiefe existenzielle Verzweiflung? Die Erfahrung, dass alles, was bisher Sicherheit gab, in Trümmern liegt und dass es trotzdem weitergeht, gründet die innere Sicherheit auf eine Basis, die immer und jederzeit zur Verfügung steht, unabhängig von Umständen und Stimmungen.  

Freiheit heißt dann, von Gegebenheiten und Bedingungen sowohl im Äußeren wie im Inneren unabhängig zu sein. Die Wirklichkeit ändert sich dauernd, unvorhersehbar und unkontrollierbar. Im einen Moment können die Umstände günstig sein und unseren Erwartungen und Wünschen entsprechen. Im nächsten Moment kann das Gegenteil der Fall sein. Wir sind frei, wenn wir uns an dem einen nicht festhalten und vor dem anderen nicht schützen müssen. Die Auseinandersetzung mit der existenzbedrohenden Verzweiflung kann uns lehren, dass die Welt so sein kann, wie sie ist, und dass unsere einzige Aufgabe darin besteht, uns dem, wie sie uns begegnet, immer wieder aufs Neue hinzugeben. 

Montag, 15. Mai 2017

Sorgen entsorgen

Viele der Sorgen, die wir uns machen, zählen zu den überschüssigen und überflüssigen Gedanken, die unseren Kopf füllen und mit denen wir uns selber trefflich quälen können. Wir kennen wohl alle Zustände, in denen es im Gehirn rattert: Was ist, wenn A passiert, und dann B und dann C? Was, wenn die Weltwirtschaft zusammenbricht oder die Umwelt kollabiert? Was, wenn ich morgen nicht rechtzeitig aufwache und den Wecker überhöre? Was, wenn das Flugzeug abstürzt, mit dem ein Freund verreist? Wenn die Milch im Supermarkt schon ausverkauft ist und es regnet, wann wir die Wanderung geplant haben?

Unendlich wie die menschliche Kreativität überhaupt sind die Anlässe für Sorgen, die wir uns ausdenken. Unzählige Szenarien von Peinlichkeiten, Problemen und Katastrophen spinnt die furchtsame Maschinerie in unserem Oberstübchen, Tag für Tag. Diese Gedanken können uns mit ihrer zwingenden Macht gefangen halten, lähmen und in chronische Angst versetzen.

Wie können wir diese lästige Macht brechen, die uns so leicht in ihren Bann zieht? Es ist die Schule der Achtsamkeit, die wir für die Befreiung von Sorgen brauchen. Der erste Schritt besteht darin, zu erkennen, was wir gerade mit uns selber machen: Wir denken uns eine Zukunft aus, von der wir nicht wissen, ob sie eintreten wird. Wir machen daraus Gedankenschleifen, die unsere Aufmerksamkeit fixiert, indem wir immer wieder die angstvollen Zukunftsszenarien durchdenken und mit inneren Bildern anreichern. Wir bauen diese Schleifen noch aus, indem wir uns Sorgen von über- und übermorgen machen.

Die achtsame Reflexion macht uns klar: Wir selber sind es, die diese Gedanken und Bilder produzieren, nicht eine äußere Wirklichkeit, andere Menschen oder Mächte des Schicksals.  Wir sind also selber die Erfinder der Sorgen, wir sind es, die sie nähren und pflegen. So können wir uns als nächstes fragen, ob wir die Sorge, die uns gerade plagt, wollen oder nicht. Gibt es etwas, das wir tun können, um der Sorge abzuhelfen? Wenn ja, dann sollten wir uns sogleich aufmachen, es zu tun. Wenn nein, besteht die Aufgabe darin, die Sorge zu entsorgen, sie also aufzugeben. Wir müssen aufhören, die Sorge mit unserer Aufmerksamkeit zu füttern, indem wir z.B. die Aufmerksamkeit auf anderes richten, uns ablenken oder Tätigkeiten aufnehmen, die unsere Konzentration erfordern. Wir können auch die Angst erforschen, die hinter der Angst steckt, indem wir wahrnehmen, in welchen inneren Zustand uns die sorgenvollen Gedanken versetzen.

Wir können auch die Gegengifte zur Sorgensucht mobilisieren. Wir haben so viel Anlass für Vertrauen ins Leben: Wir haben schon so viel zuwege gebracht und geschafft in diesem Leben, so vieles ist gut gelaufen, so weit sind wir schon gekommen, und die Fehlschläge und Enttäuschungen sind dagegen nur Ausrutscher und Lernkurven auf einer Bahn, die im Großen und Ganzen in eine gute Richtung geht. Also aktivieren wir unser Lebens- und Selbstvertrauen: Wir werden auch diese Herausforderung meistern, der uns die Sorge so zaghaft gegenübertreten lässt. Verbinden wir uns mit der inneren Kraft und besinnen wir uns auf die Ressourcen, über die wir verfügen: Unsere Intelligenz, Tatkraft und unseren Lebensmut. Vergessen wir die Tugend der Leichtigkeit nicht, mit der wir die Schwere der Sorge überwinden können. Mit Flexibilität und Eleganz, mit Kreativität und Lebensfreude haben wir schon so vieles, was sich uns in den Weg gestellt hat, bewältigt und werden das in Zukunft wieder zuwege bringen.

Auf diese Weise können wir Sorgen in Aufgaben umwandeln, an die wir mit Konzentration und Kompetenz herangehen können. Jede bewältigte Aufgabe stärkt unser Vertrauen und reduziert unsere Neigung zum Erfinden von Sorgen.

Das hingegen, womit uns unsere Sorgen beschäftigen und was überhaupt nicht in unserer Macht liegt, können wir nur dem Vertrauen in das größere Ganze übergeben, das für diese Belange zuständig ist. Auch die Menschheit als Ganze hat schon so viele Jahrtausende auf diesem Planeten überlebt und sich als enorm anpassungsfähig und lernbereit erwiesen. Wir wissen nicht, was die Zukunft an Herausforderungen bringen wird, wir wissen aber, mit welchen Problemen die Menschheit schon fertig geworden ist. Darum können wir unser Vertrauen in uns selbst ausweiten auf die große Gemeinschaft der Menschen, von denen so viele schon so viel Gutes geschaffen haben und in jedem Moment schaffen. So viele Ideen sind schon entstanden und verwirklicht worden, die das Leben der Menschen verbessert und erleichtert haben, und das wird auch in Zukunft so bleiben.

Und dann gibt es noch einen Bereich, auf den es keinen Einfluss gibt und der uns Sorgen bereiten kann, der Bereich des Unverfügbaren. Wir können nicht mit absoluter Sicherheit verhindern, dass uns oder unseren Angehörigen eine Krankheit befällt oder ein Unfall passiert. Wir können das Unsere dazu beitragen, indem wir unser Leben bedacht und achtsam führen und das Leben anderer ebenso achtsam respektieren. Aber wir wissen auch, dass immer wieder Brüche und Diskontinuitäten im Lebensprozess geschehen und Unvorhersehbares in unser Leben hereinbrechen kann.  Auch auf diese Bereiche gilt es, unser Vertrauen auszuweiten. Was auch immer geschieht, wir werden irgendwie damit umgehen können, vielleicht besser, vielleicht schlechter. Wir wissen es nicht.

Und im extremsten Fall wird auch irgendwann einmal etwas auftauchen, was wir nicht mehr meistern können und was uns das Leben kostet. Warum sollen wir uns deshalb sorgen? Eines können wir uns sicher sein: Mit dem Tod enden alle Sorgen.

Letztlich geht es ja bei allen Sorgen darum, dass wir befürchten, unser Überleben sei gefährdet, weil ja dies oder jenes passieren könnte. Deshalb sollen wir unsere Überlebensstrategien probeweise mobilisieren, das ist es, was uns die Sorgen einreden wollen. Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass wir über das Ende unserer Existenz keine Kontrolle haben, können wir uns in dieser Hinsicht entspannen. Warum sollten wir uns nicht jetzt schon von Sorgen befreien, die ja doch nur ein innerer Ballast sind, den wir uns unbewusst und unnötig aufladen? Jede verabschiedete Sorge schafft Raum für ein freieres und unbeschwerteres Leben, jedes Loslassen einer Sorge bereitet uns vor auf die größte Ungewissheit unseres Lebens, nämlich dessen Ende.

Zu diesen Ungewissheiten vermeldet Nestroys Knieriem im Kometenlied:
„Da wird einem halt angst und bang, Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang.“

Doch nach Georg Kreisler kann man sich angesichts aller möglichen Katastrophen zumindest auf das Alpenglühn verlassen:
"Das alte Tannenwäldchen schickt die letzten Grüße
Der alte Tag geht nun zum letzten Mal vorbei
Der alte Förster wäscht zum letzten Mal die Füße
Der alte Gockel legt zum letzten Mal ein Ei
Der alte Goldfisch geht zum letzten Male unter
Der alte Jänner kommt zum letzten Mal im Jahr
Das alte Flugzeug fällt zum letzten Mal herunter –
Nur das Alpenglühn, ja, das Alpenglühn
Das alte Alpenglühn gibt's jetzt und immerdar."


Zum Weiterlesen:
Die großen Sorgen und die Verantwortung
Die Sorgen von übermorgen
Sorgen und Planen 

Mittwoch, 30. September 2015

Geld und Schmerz

Quelle: Darvins Illustrierte
Ein interessanter Aspekt der Psychologie des Geldes ist der Zusammenhang zwischen Geldausgeben und und Schmerzempfinden. Geld für eine Dienstleistung oder ein Produkt zu bezahlen, hat mit Loslassen zu tun. Scheine oder Münzen, die sich in meinem Geldbörsel befunden haben, muss ich hergeben. Dieser Prozess des Loslassens ist subtil und gewohnheitsmäßig eingeübt, wenn es um kleine Beträge oder regelmäßige Zahlungen geht, z.B. wenn wir Lebensmittel einkaufen oder ein Busticket lösen. Solange alles im Rahmen unserer Erwartungen ist, erleben wir keinen Problemdruck.

Sobald aber etwas unerwartet teuer ist (wir sind z.B. schon lange nicht mehr mit der Bahn gefahren und sind erschreckt über den Preis eines Fahrscheins), sobald eine Rechnung überraschend eintrudelt (z.B. wir haben nicht mit der saftigen Steuernachzahlung gerechnet) und sobald Ebbe am Konto herrscht, regt sich unser innerer Widerstand und wir geraten in Stress. Wir beginnen, mit dem Schicksal, den Preisen oder den Behörden zu hadern, bis wir schließlich einsehen, dass wir zahlen müssen, um zu kriegen, was wir wollen oder um sonstige Nachteile zu vermeiden. In solchen Situationen erleben wir den Schmerz, der mit dem Loslassen verbunden ist.

„Freiwilliges“ Loslassen ist einfach. Anstelle dessen, was wir an Geld hergeben, erwerben wir etwas, das uns Freude bereitet. Ein Loslassen, dem wir nicht voll zustimmen können, weil es für uns nicht klar ist, ob der Gewinn den Verlust überwiegt (z.B. wir haben eine Sache gekauft und fühlen uns übervorteilt) oder weil es unvermutet und überraschend kommt (z.B. wir verlieren unsere Brieftasche oder werden bestohlen), ist schwieriger, weil es mit Leiden verknüpft ist, das im Inneren zu nagen beginnt: Es fühlt sich an, als hätten wir einen Teil dieses unseres Inneren eingebüßt.

Wir erkennen an solchen Vorgängen unsere beharrlichen Anhaftungen an die Dinge. Geld ist an sich wertlos, steht aber in seiner abstrakten universellen Werthaftigkeit (ich kann mir mit genügend Geld alles kaufen, was es gibt) an oberster Stelle unserer Begierden. Deshalb kann ein Verlust der an sich wertlosen Scheine oder Münzen innere Krisen auslösen.

Um diesen Krisen zu entgehen, horten manche Menschen ihr Geld, und andere geben es so schnell wie möglich gleich wieder aus, sobald sie es in der Hand haben. Andere wiederum denken fortwährend an ihren Kontostand und machen sich laufend Sorgen, was in Zukunft schlechter werden und sie ärmer machen könnte.

Schmerzen machen uns immer auf unsere Endlichkeit aufmerksam. Wir merken, dass wir verwundbar sind, und verwundbare Wesen können nicht ewig leben. Deshalb bietet unser materialistisches System, das System der Todesverdrängung, den einen Versicherungen gegen jegliche Schmerzen und den anderen Vergnügungen und Konsumfreuden ebenso gegen jede Verletzlichkeit an. Wir können uns rundum abpolstern mit den Glücksversprechungen der Welt der Dinge, die ihr volles Repertoire an Verführungskünsten einzusetzen, um das Paradoxe zuwege zu bringen: Uns das Geld aus der Tasche zu ziehen, ohne dass es weh tut.

Ein Trick bei solchen Täuschungsmanövern besteht darin, den Konsumenten das Gefühl zu geben, dass sie mit dem Erwerb eines Gutes nicht nur dieses, sondern den zusätzlichen Nutzen erworben haben, das Gut billiger, günstiger zu bekommen als es „eigentlich“ wert ist. Wenn wir das Gefühl haben, bei einem Einkauf zu „sparen“, also weniger auszugeben als erwartet, wird der Schmerz des Loslassens durch die Freude am vermeintlich doppelten Gewinn ausgeglichen. Deshalb sind manche Menschen geradezu süchtig danach, Rabatte und Preisnachlässe aufzuspüren und danach ihre Einkäufe zu planen, wobei sie oft viel mehr erwerben, als sie wirklich brauchen und damit schließlich mehr Geld ausgeben als gewollt.

Ähnlich einer Stechmücke, die zuerst ein Betäubungsmittel über den Stachel in die Haut injiziert, um sich dann ungestört sättigen zu können, wird auch bei den Einkaufsvorgängen zunächst der Schmerz durch die positiven Gefühle des Inbesitznehmens unterdrückt, und erst nachher spüren wir den Verlustschmerz, vor allem, wenn das Ding, das wir erworben haben, oder sein Preis nicht unseren Vorstellungen oder Erwartungen entspricht.

Alles, was wir mit Geld erwerben, ist wie das Geld dinglich. Wir tauschen Dingliches gegen Dingliches. Das erworbene Ding ist unlebendig, und es bringt uns mit der Realität des Todes in Kontakt, ohne dass wir es merken. Was wir merken, ist der Schmerz des Hergebens, des Verlustes. Darin macht sich unsere Vergänglichkeit bemerkbar, doch so, dass wir in der Üppigkeit der Warenwelt die Hoffnung nie verlieren können, dass Vergängliches durch Vergängliches ersetzt werden kann, wie das kaputte Handy durch ein neues, noch besseres und schöneres, und so weiter bis in alle Ewigkeit. Die Illusion der Unendlichkeit der Warenwelt und Güterproduktion und damit der Unsterblichkeit der Konsumenten ist vielleicht die mächtigste Triebfeder der kapitalistischen Produktion und des materialistischen Konsums.

Geld repräsentiert eine universelle Möglichkeit in der Güterwelt, und sobald es ausgegeben ist, sind Möglichkeiten in der Menge des Ausgegebenen vernichtet. Die Wirklichkeit des Gutes entschädigt uns dafür nicht. Doch probieren wir es immer wieder, wie der Glückspieler am einarmigen Banditen. Mit jedem neuen Versuch wollen wir unsere Endlichkeit überwinden und uns unsterblich machen. Alles, was den Schmerz betäubt, ist deshalb willkommen.

Machen wir uns hingegen bewusst, dass das Loslassen ein wichtiger Teil des Lebensprozesses ist und dass wir uns damit in der Dynamik des Austausches im unendlichen Netz des Gebens und Nehmens bewegen, kann es uns leichter fallen, Geld und Güter zu empfangen und wieder herzugeben und dabei mit einem genauen Spüren unserer Bedürfnisse in Verbindung zu bleiben: Was brauchen wir wirklich, was ist uns wichtig – im Geben wie im Nehmen?



Vgl.: Das Ende des Geldes? 
Die Doppelbotschaft der Ausbeutungsgesellschaft

Freitag, 28. August 2015

Das Erbe und die Endgültigkeit

Quelle: Berliner Zeitung
Familien können über einen Erbstreit auseinanderfallen – Geschwister können sich nicht mehr in die Augen schauen, Eltern vergrämen die Kinder, Hinterbliebene lamentieren den Rest ihres Lebens über entgangenen Reichtumsgewinn aus einem Erbe.

Hinter den vielfältigen und unterschiedlichsten Konstellationen, die durch die Weitergabe von Gütern nach dem Tod entstehen können, möchte ich auf eine Dynamik hinweisen, die innerpsychisch hinter der massiven Emotionalität steckt, die durch Erbangelegenheiten ausgelöst werden kann. Ich gehe dabei nicht darauf ein, was manche Erblasser mit ihrem Testament machen, indem sie z.B. die „Braven“ belohnen und die „Schlimmen“ bestrafen wollen. Mit solchen Aktionen werden bestehende Konflikte bis über das eigene Grab hinaus weiter geschürt. Ich lasse auch den Aspekt der Geschwisterrivalitäten beseite, die aus der Kindheit stammen und bei Erbstreitigkeiten heftig aufbrechen können. Ich möchte hier auf einen anderen Gesichtspunkt hinweisen.

Ein Erbe zu bekommen, sollte eigentlich als Geschenk empfunden werden: Wir haben, was wir haben, und bekommen ohne weitere Leistung etwas dazu. Ein Erbe haben wir uns nicht verdient (außer wir verstehen uns als haupt- oder nebenberufliche Erbschleicher). Jedenfalls sollten wir unser Leben nicht darauf ausrichten, irgendwann ein Erbe zu bekommen, weil wir dabei auf den Tod einer Person spekulieren.

Erben ist mit dem Tod verbunden. Jemand stirbt und hinterlässt seine Güter. Wenn jemand in unserer Umgebung stirbt, werden wir an unsere eigene Endlichkeit erinnert, und das macht uns Angst. Um diese Angst, die uns meist nicht bewusst ist, zu bewältigen, wollen wir uns die Güter der verblichenen Person sichern. Dinge geben Sicherheit, je mehr davon, desto mehr Sicherheit, je weniger davon, desto mehr Angst. Darum streiten wir, oft mit den unfairsten Mitteln und mit gieriger Zähigkeit, möglichst viel für uns aus dem Kuchen herauszuschlagen. Wir wollen aus dem Tod einer Person möglichst viel Leben für uns herausschlagen.

Natürlich ist die Hoffnung illusorisch, durch möglichst viel Haben mehr Leben zu sichern und den Tod zu besiegen. Wir können uns eben nichts mitnehmen, wenn wir dran sind zu gehen, soviel auch immer wir angehäuft haben. Vielleicht können wir den Zeitpunkt des Todes hinauszögern, wenn wir mehr Reichtum auf der Seite haben: Reiche leben länger als Arme, das weiß auch die Statistik. (Eine Reise vom 1. Wiener Bezirk in den 15., Dauer 10 Minuten mit der U-Bahn, also von einem reichen zu einem armen Bezirk, ist auch eine Reise von hoher zu wesentlich geringerer Lebenserwartung.) Aber früher oder später müssen auch die Reichen das Zeitliche segnen, das wissen wir spätestens seit dem Jedermann.

Es ist also unsere eigene Endlichkeit, an die wir erinnert werden, wenn jemand stirbt. Und diese Erinnerung wird an das Dingliche geknüpft, wenn wir eine Erbschaft machen. Unser Unbewusstes versucht, sich vor dem Grauen des eigenen Endes zu schützen, indem es uns auffordert, möglichst viel aus der Verlassenschaft der verstorbenen Person auf unsere Seite zu bringen. Wir können uns dann ganz auf das konzentrieren, was wir besitzen, damit haben wir genug zu tun und müssen nicht an den eigenen Tod denken.

Die Endgültigkeit des Todes spiegelt sich in der Endgültigkeit einer Erbverhandlung. Wenn die Entscheidung gefallen ist, ist sie endgültig. Deshalb müssen wir gleich mit voller Vehemenz auftreten, um unseren Anteil an der Hinterlassenschaft zu reklamieren. Mit der Abhandlung des Erbes akzeptieren wir auch den Tod der verstorbenen Person endgültig. Doch geht das leicht unter, wenn wir bei der Aufteilung des Erbes unsere Gier befriedigen.

Die Endgültigkeit, die uns immense Angst verursacht, spielt also hinter den Kulissen die eigentliche Regie, wenn Erbstreitigkeiten ausbrechen. So erfinden wir immer wieder Ablenkungen vor der Radikalität des Lebensendes. Unsere Gier nach Gütern und Besitzobjekten ist eine von vielen. Je mehr wir diese Ablenkungen durchschauen, desto weniger binden wir uns an Dinge und gewinnen den inneren Freiraum für das, was hinter den Dingen liegt.

Montag, 15. Juni 2015

Die erotische Ökologie von Andreas Weber

Der deutsche Biologe und Umweltphilosoph Andreas Weber hat in seinen Büchern die Schöpferische oder Erotische Ökologie vorgestellt. Viele seiner Gedankengänge decken sich mit den auf diesen Blogseiten erörterten Gedankengängen und führen sie noch weiter.

Weber geht aus von einer untrennbaren Verschränkung von Materie und Geist, die er als Grundlage des gesamten Kosmos sieht. Er meint: "Es gibt keine Subjektivität, die vom Leib entkoppelt wäre." (AF S. 96) und beruft sich dabei auf den namhaften Gehirnforscher Antonio Damasio, für den der Geist gleichsam eine virtuelle Darstellung des lebenden Körpers ist und die Wurzeln des Mentalen in der Subjektivität des Körpers liegen. Zusammengefasst: "Eine Voraussetzung der Schöpferischen Ökologie besteht darin, dass alles, was wir als Geist beschreiben, vollkommen der Materie angehört - freilich ohne dabei auf die Eigenschaften der ‚bloßen‘ Materie zusammenzuschrumpfen." (AF S. 291) "Lange Zeit galt eine solche Verbindung zwischen Außen (der Biochemie des Körpers) und Innen (unserem subjektiven Erleben) in der Biologie als absurd. Heute aber entdecken Molekularbiologen, wie Gefühle, die reine ‚Innendimension‘ also, sogar das Erbmaterial verändern." (L S. 93)

Wir haben keine Möglichkeit zu einer "objektiven" Wahrnehmung, weil uns die Natur mit Wahrnehmungsorganen ausgestattet hat, die uns die Wirklichkeit so liefern, wie es die Natur als für uns passend bestimmt hat. Wir können daran auch grundsätzlich nichts ändern, weil wir weder unsere Augen und Ohren noch unser Gehirn umbauen können. Wir können uns aber dieser Tatsachen bewusst sein und danach unser Bild der Welt ausrichten - als unweigerlich relativ, aber gerade in dieser Relativität äußerst produktiv. Weber nennt das die zarte Empirie: "In ihr weitet sich das eigene Selbst als Echo des ständig vibrierenden schöpferischen Potenzials, und jedes wirklich wahrgenommene Objekt erschafft ein neues Wahrnehmungsorgan in uns.“ (L S. 104)

Da jedoch die Naturwissenschaften in den vergangenen Jahrhunderten unser Verhältnis zur Welt, insbesondere zur Natur mit dem Anspruch auf Objektivität geprägt haben, haben wir das Bewusstsein entwickelt, über der Natur zu stehen. Damit ist einen Gegensatz zwischen Natur und Kultur erfunden worden. Tatsächlich sind wir nach wie vor und primär Naturwesen, direkt und eng mit den anderen Naturwesen verbunden. Deshalb meint Weber: "Wir müssen die Natur für unsere Seele retten." (AF S. 24)

Als Schüler des Biologen und Systemforschers Francisco Varela, der weithin durch das Buch "Der Baum der Erkenntnis" (zusammen mit Umberto Maturana) bekannt wurde, versteht Weber den Aspekt der Selbstschöpfung (Autopoiesis) des Lebens. Jede Körperzelle betreibt diese Selbstschöpfung, indem sie z.B. in der Lage ist, in einer Sekunde bis zum einem Dutzend von zerstörten DNA-Verbindungen zu reparieren.

Wichtig ist für Weber die Innenperspektive, ohne die wir uns selbst und das Leben nicht verstehen können. Er zitiert in diesem Zusammenhang gerne Rainer Maria Rilke, der den Begriff des "Weltinnenraums" geprägt hat. "ˋSeele' heißt Innerlichkeit, und es ist diese, die wir mit den anderen Wesen gemeinsam haben, in wie geringem Maße auch immer." (AF S. 78)

Deshalb gelangt er zur Auffassung, dass wir mit dem Fühlen (was wir hier den inneren Sinn nennen) an unsere Lebensprozesse heranreichen. "Wenn sich die Physik des Lebens am besten als Gefühl beschreiben lässt, dann ist dieses Gefühl doch zugleich immer mit dem Stoff verkoppelt, aus dem der Organismus besteht. Gefühl ohne Materie ist nicht möglich. Das, was sich uns als Gefühl innerlich zeigt, ist etwas, das mit uns als Körper 'äußerlich' geschieht, denn alles Leben ist immer an den Stoff ausgeliefert." (AF S. 78)

Bei allen biologischen Vorgängen gibt es eine innere Seite, die den "Standpunkt, ein Betroffener zu sein" (AF S. 102) beinhaltet. "Dieser Standpunkt ist symbolisch, das heißt, er stellt den Körper nicht dar wie eine Anzeigetafel den Betriebszustand eines Kraftwerks, sondern übersetzt ihn in Empfindung. ... Empfindung ist die gemeinsame Sprache aller Zellen und aller Wesen, die Sprache der Körper und der Dichter." (Ebd.)

Die Empfindung ist also die unterste Quelle der Information aus dem Bereich der Natur, die intern zu Bewusstsein gelangen kann. Sie ist deshalb das wichtigste Tor zum Unbewussten, das wir in der Psychotherapie nutzen können und nutzen müssen, wenn wir an die Wurzeln von Problemen im vorsprachlichen Bereich gelangen wollen.

Und die Heilung von Symptomen und Krankheiten ist die Wiederherstellung der Einheit: "Denn jede Heilung bedeutet, den ungestörten Fluss wiederherzustellen, der den Stoff des Wesens von Augenblick zu Augenblick ordnet." (AF S. 114)

Weber ist bei seinen Versuchen, die Subjektivität der Natur zu verstehen, auf die Universalität der Sprache und die Grundlagen der inneren oder organischen Kommunikation gestoßen. Er meint, dass die "symbolische Sphäre unseres Inneren sich in einer einzigen universellen Sprache, einer ‚Lingua franca‘ des Körpers, ausdrückt. ... Die Buchstaben dieser Sprache sind kein Text außerhalb der Materie. Sie müssen vielmehr als eine Erscheinungsform der Materie einen emotionalen Wert vermitteln, der für Lebewesen sofort lesbar ist. Das Medium der Gefühle muss demnach emotional geformte Materie sein, denn ohne den Stoff könnte die Sprache der Gefühle nicht erscheinen ... Der Geist ist nichts anderes als der Körper – aber in seiner Bedeutung für den Fortgang des Lebensprozesses. Das Medium ist tatsächlich nichts als Materie – aber es ist so geformte Materie, dass sie für ein Lebewesen unmittelbar und unausweichlich eine existenzielle Bedeutung hat." (AF S. 103-104) "Das Kern-Selbst ist die Bedeutung der körperlichen Prozesse. Es ist ihre stets vorhandene, unablösbare seelische Dimension." (AF S. 100)

Die „Lingua franca“, also die Universalsprache des Lebendigen, ist auf diesen Seiten schon mehrfach postuliert worden – die innere Kommunikation als Grundlage aller Lebensprozesse. Auf dieser Ebene lassen sich Physik und Psychologie verbinden. Weber greift dazu auf die Forschungen von Jaak Panksepp über die Kommunikation der Gefühle zurück: "Hat Panksepp recht, dann gibt es wirklich eine Durchgängigkeit der Formen zwischen dem Physischen und dem Psychischen. Dann verbindet eine Kette von Analogien die Fluktuationen der Moleküle in der Zelle mit neuronalen Mustern, mit der Spannung von Körperhaltungen, der Bedeutsamkeit sprachlicher Ausdrücke und der Vibration musikalischer Themen." (SF S. 108)

Die Welt des Denkens ist nur die Fortsetzung dieses Kontinuums: "Das Abstraktionsvermögen ist das Erbe der Natur in uns. Wir sind selbständig geworden, indem wir die symbolische Funktionsweise unserer Körper nach außen getragen haben - in die Kultur." (AF S. 129)

Doch hat dieser große Bogen auch einen Rücklauf, den wir ernst nehmen müssen: "Aber wenn die archaischen Gesellschaften recht haben und alles Kulturelle in der Tiefe eine Ökologie ist, die uns mit der Natur verbindet, dann vernichtet Naturzerstörung letztlich immer die Gesellschaft. Auch in unserem Fall. Ihr Tod wird sich bloß später zeigen.“ (AF S. 129-130) "Kurzum: Wir müssen Natur bewahren, weil wir sie selbst sind, und wir müssen Natur bewahren, weil sie alles ist, was wir nicht sind." (AF S. 279)

Tiefgründig ist auch die Auseinandersetzung mit dem Tod: Je mehr wir unser Leben steigern wollen, desto mehr laden wir den Tod ein. "Lebenwollen um jeden Preis ruft den Tod - den Tod anderer Menschen, anderer Wesen, die Auslöschung von Sprachen, Ideen und, am schlimmsten, von Möglichkeiten und Freiheitsgraden - beständig hervor." (L S. 80-81) Deshalb ist Egoismus immer selbstschädigend, und das Interesse an der gemeinsamen Lebenserhaltung und Lebenssteigerung ein Grundmerkmal des Lebens. Weber kritisiert auch die Esoterik in diesem Zusammenhang: "Esoterik ist im Übrigen nur eine weitere sehr menschliche Weigerung, den Tod zu akzeptieren, indem man die Kontrolle über alles übernimmt, in diesem Fall durch die Illusion, das Ganze ‚geistig‘ zu durchschauen und beherrschen zu können." (L S. 65)

Einen Weg, den Bezug zur Natur zu wahren, sieht Weber darin, die Poetik mit der Rationalität gleichzusetzen: "Poesie ist nicht die Ausnahme. Poesie ist der Maßstab unserer Rationalität." (AF S. 111) Deshalb sind seine theoretischen Texte in poetische Erzählungen eingebettet. Er benennt diese Vorgangsweise der Wirklichkeitserfassung als poetischen Materialismus: "Poetischer Materialismus heißt, dass der Sinn in die Körper eingeschlossen bleibt und wir ihn nicht extrahieren können, ohne diese Körper zu beschädigen.“ (L S. 211)

Ich hoffe, dieser schmale Überblick über zwei Bücher von Andreas Weber hat Appetit auf mehr gemacht! Seine erotische Ökologie bietet viele Schätze und Einsichten.

Andreas Weber: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften. Berliner Taschenbuchverlag 2007 (zit. als AF)
Andreas Weber: Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie. München: Kösel 2014 (zit. als L)

Mittwoch, 22. Mai 2013

Sind wir zwei oder eins? Über Dualitäten und Illusionen

Die meisten Religionen neigen zu einem dualen Ansatz: Es gibt den Leib und es gibt die Seele. Die beiden bilden zusammen für eine Zeit lang ein Wesen, den Menschen. Der Mensch stirbt dann, und anschließend gehen beide wieder getrennte Wege. Sobald in der Menschheit Ideen, die mit einer Weiterexistenz der Seele nach dem Tod zu tun haben, auftauchen, wird davon ausgegangen, dass der Mensch, der vorher eins war, in zwei Teile zerfällt, einen Leichnam, der verwest, und eine Seele, die weiter existiert, sei es in einem Jenseits oder in einer Wiedergeburt.

Das ist ja nur möglich, wenn der Mensch von Anfang an und grundsätzlich als zweigeteilt betrachtet wird, also aus zwei äußerst unterschiedlichen Teilen bestehend. Der eine, so heißt es, ist materiell, der andere immateriell oder geistig. Geist ist das, was nicht materiell ist, und Materie ist das, was nicht geistig ist. Beide definieren sich dadurch, dass sie nicht das jeweils Andere sind.

Manche Religionen (z.B. Hinduismus oder Buddhismus) nehmen dazu noch die Vorstellung, dass die Seele, weil sie sich ja auch nach dem Tod vom Körper trennen kann, anfangs schon von irgendwo anders in den Körper hineinkommt. Da kann es sein, dass sie, wie in der Reinkarnationslehre, schon andere Körper vorher als Aufenthaltsort hatte, oder dass sie, wie in anderen esoterischen Richtungen behauptet wird, aus einer geistigen Welt in die materielle „herab“-steigt.

Fragen an die Dualität


Die Rede von „Orten“ oder „Räumen“ und von räumlichen Richtungen („hinauf“ und „hinunter“) macht uns auf die Schwierigkeit aufmerksam, wie wir uns Geistiges anders als materiell vorstellen  könnten. Denn im Grund stellen wir uns dabei die Seele wie ein Ding vor, nur ohne „Ablaufdatum“. Der französische Philosoph René Descartes hat dementsprechend zwei Arten von Dingen unterschieden, die ausgedehnten und die nicht ausgedehnten, aber Dinge sind es allemal. Wie sollen wir aber zu etwas in Bezug gehen, das weder im Raum noch in der Zeit aufscheint?

Eine andere Problematik mit dem Konzept der Leib-Seele-Dualität liegt darin, dass davon ausgegangen wird, dass die Seele in ihrer irdischen Existenz Veränderungen unterworfen ist.
Sie wird im Lauf des Lebens von den Erfahrungen beeinflusst, die zusammen mit dem Körper gesammelt werden, soll aber trotzdem unabhängig von ihm bleiben, sodass sie sich, nachdem der Körper seine Funktionen aufgegeben hat, von ihm verabschieden kann, ohne daran groß Schaden oder Nutzen zu nehmen. Sie nimmt also offenbar die durch die materielle Existenz gesammelten Erfahrungen mit, allerdings ohne den zugehörigen Körper, der ja diese Erfahrungen mit erzeugt hat. Wie die Umwandlung einer körperlich-geistigen Information in eine rein geistige vonstattengehen soll, ohne dass dabei etwas verloren oder verzerrt wird, bleibt der puren Fantasie überlassen.

Es werden allerdings nach verschiedenen Anschauungen diese gesammelten Lebenserfahrungen beim Weiterleben der vom Körper abgetrennten Seele benötigt, da sie die Grundlage dafür darstellen, wie die Seele nach dem Abschied vom Körper von einer höheren Instanz beurteilt wird. Sie soll ja nach dieser Beurteilung entweder, wie im Christentum, Himmel, Hölle oder Fegefeuer zugeteilt zu bekommen oder, wie im Hinduismus und Buddhismus, für die Existenzform in der nächsten Inkarnation eingestuft wird, also z.B. als Brahmane oder als Regenwurm. Abgesehen von der Frage, wie aus der riesigen Menge an Daten, die sich aus den vielfältigen Erfahrungen ergeben, die ein Mensch im Lauf seines Lebens sammelt, ein zutreffendes und gerechtes Urteil gefällt werden kann, das einer Menschenseele dann auch plausibel erscheint, abgesehen also von der Frage einer fairen Bewertung eines ganzen Lebens, bleibt uns nur die Spekulation zu erklären, wie die entsprechenden Daten überhaupt über den Tod des Körpers, der sie abgespeichert hat, gerettet werden können.

Eine weitere Frage stellt sich: Was verbindet denn anfangs die Seele mit dem Körper? Es muss ja etwas geben, das dafür sorgt, dass die Seele beim oder im Körper bleibt, und etwas, das sie dann wieder freigibt, wenn der Körper sein Leben aushaucht. Was ist das für ein „Kleber“, der mit der Zeit müde wird, bis auseinanderbricht, was er zusammengehalten hat? Sind das die Gefühle, die wir einerseits seelisch und andererseits körperlich erleben? Woher kommen aber diese und wohin gehen sie, wenn es nur zwei Wesenseinheiten gibt? Wenn es eben zwei getrennte Wesenseinheiten gibt, wie soll da etwas existieren können, was in beiden gleichermaßen vorhanden ist – das wäre ja dann eine dritte Wesenheit?

Welche Form von Leben ist es, über die die Seele zum Unterschied vom Körper verfügt? Außer dass es eine „ewige“ Form sein soll, gibt es darüber keine Aussagen. Wir kennen ja sonst nur Formen von Leben, die in belebten, also auch materiellen Wesen stattfinden. Leben beinhaltet z.B. Stoffwechsel und Fortpflanzung. Verfügt die Seele über Stoffe, die getauscht werden und pflanzt sie sich fort? Offenbar nicht. Wie diese nichtmaterielle Lebensform beschaffen ist, können wir wiederum nur in unserer Fantasie ausmalen.

Ohne vorgefasste Konzepte


Und so weiter – es gibt jede Menge ungelöster Fragen an die Dualitätslehren. Probieren wir den radikalen Schnitt und verzichten wir auf die Konzepte aus den verschiedenen religiösen, esoterischen und ideologischen Gedankengebäuden. Was bleibt dann noch übrig?

Gehen wir einmal davon aus, dass dieses „Leben der Seele ohne Körper“ ein Produkt unserer kreativen Fantasie ist, so wie wir uns vorstellen können, dass Steine herumgehen oder Teppiche fliegen. Könnte es sein, dass wir selbst in unserer Fantasie und in unseren Träumen nie aus der materiellen Raum-Zeit herauskommen können, weil unser gesamtes Informationsverarbeitungssystem aus raum-zeitlichen Komponenten besteht (unser Gehirn und unsere Wahrnehmungsorgane enthalten jede Menge Materie)? Zwar sind Informationen immateriell, tauchen aber nirgends unabhängig von Materie auf, sondern gewissermaßen als deren Inneres oder deren Rückseite (das sind natürlich auch schon wieder räumliche Begriffe), die wir nie direkt wahrnehmen können (weil unsere Wahrnehmung nur Gegenständliches erkennt), sondern bloß an ihrer Wirkung erkennen und mit Hilfe dieser Erkenntnis verarbeiten. Die Verarbeitung ist dann wiederum ein materiell-immaterieller Vorgang.

Also gewinnen wir all unser Wissen und auch all unser Glauben aus diesem ineinander verflochtenen Interagieren und Zusammenarbeiten von Materie und Geist. Wie sollen wir uns da eine sinn- und gehaltvolle Vorstellung machen von einem Zustand, in dem eine Komponente dieser Einheit aufgibt und verschwindet? Das wäre so wie wenn wir uns vorstellen, dass der Boden, auf dem wir stehen, weggezogen wird, und dabei zu meinen, dass wir an der gleichen Stelle bleiben können. Wir können die Schwerkraft zwar wegdenken, müssen aber zugeben, dass ein Zustand ohne sie ein reines Gedankenspiel ist, bei dem die Wirklichkeit nicht mittut. Wie also soll die Wirklichkeit mittun, wenn wir uns wünschen, dass eine Seite unserer Leib-Seele-Dualität übrigbleibt, wenn die andere ihren unvermeidlichen Gang in die Verwesung antritt?

Dualität und Dissoziation


An diesem Punkt übergibt der Philosoph an den Psychotherapeuten. Es heißt, die Seele geht rein in den Körper und dann wieder raus. Natürlich erinnert das frappant an den Vorgang der Dissoziation, der eine Reaktion des Nervensystems auf traumatische Erfahrungen darstellt. Passiert ein Trauma, geht die Bewusstheit raus aus dem Körper, und wenn sich dieser wieder beruhigt, geht das Bewusstsein wieder hinein. Weil wir alle diese Erfahrung kennen, übertragen wir dieses Konzept auf unsere Vorstellung von der Seele?

Menschen mit Nahtoderfahrung berichten z.B., dass sie in diesem Zustand keine der üblichen Gefühle (Schmerz, Angst, Wut...) erlebt haben. Für die Ähnlichkeiten zwischen außerkörperlichen Erfahrungen und Dissoziation gibt es wissenschaftliche Belege. Außerkörperliche Erfahrungen, die in Nahtoderfahrungen auftreten können, gleichen den Dissoziationen, die nach Stresserfahrungen auftauchen und die als normal betrachtet werden. Psychiatrische Fälle von Dissoziationen weisen wesentlich stärkere Symptome auf.

Wir können den Vorgang folgendermaßen interpretieren: Der Körper existiert selber in Raum und Zeit, und ebenso seine sinnlichen Wahrnehmungsvorgänge, von denen er abhängig ist. Zu außerkörperlichen Erfahrung kommt es, wenn der Körper ein Notfallprogramm aktiviert und damit die normalen Informationsverarbeitungsvorgänge, also auch die normale Wahrnehmung abschaltet. Damit tritt die Bindung an Raum und Zeit in den Hintergrund, und die Erfahrung einer frei vom Körper losgelösten Seele entsteht als eigene Wirklichkeit. Sie verschwindet aber wieder, wenn sich der Bewusstseinszustand wieder normalisiert.

Wir interpretieren dann unser Erleben so, dass die Seele den Körper verlassen hat und dann wieder zurückgekehrt ist. Allerdings geschah dieses Erleben innerhalb eines Körpers und beruhte auf einer Sinnestäuschung, die als Folge der extremen Belastung des Organismus in der Traumasituation entstanden ist. Ähnlich wie durch die Unterbrechung der Schmerzleitung im Organismus bei einem schweren Unfall dem Bewusstsein vorgetäuscht wird, es wäre nichts Ernsthaftes passiert, suggeriert der traumatisierte Organismus dem Bewusstsein, dass alles in Ordnung ist, weil die „Seele“ jetzt alles von oben aus einer sicheren Distanz beobachten kann.

Solange wir im Körper sind, brauchen wir die Realitätskonstruktion, die mit Raum und Zeit verbunden ist. Wir können einen außerkörperlichen Erfahrungszustand nur fantasieren und konstruieren. Wenn der Körper unter maximalen Stress gerät wie in einer lebensbedrohlichen Situation nach einem Unfall, schaltet sich offenbar die raumzeitliche Wahrnehmung ab und es kommt zu einem Zustand des erweiterten Bewusstseins, in dem besondere Fantasien gebildet werden.

Diese ähneln solchen, die wir auch in tiefer Meditation erfahren können: Alles ist verbunden, alles ist eins, alles ist gut. Der wichtige Unterschied liegt darin, dass die eigentlich spirituelle Erfahrung im Körper verankert ist und nur dadurch eine ganzheitliche sein kann. Jede Erfahrung, die eine Trennung vom Körper enthält, ist keine spirituelle Öffnung, sondern nur die Wiederholung einer Dissoziationserfahrung. Also, im Sinn der Prä-Trans-Verwechslung nach Ken Wilber, sind Dualitätserfahrungen keine spirituellen transpersonalen Erfahrungen, sondern gehören in den präpersonalen Bereich.

Vielleicht reden wir deshalb so leicht und selbstverständlich von paradiesischen Zuständen, die dereinst auf uns warten, weil sie uns zumindest ansatzweise von dissoziativen Erfahrungen bekannt sind? Vielleicht lassen sich deshalb noch immer Menschen mit Versprechungen auf jenseitige paradiesische Freuden zu Taten verleiten, die anderen Menschen die Hölle auf Erden bereiten (wenn sie, wie die Kreuzritter, in Jerusalem ein Blutbad anrichten oder wie Selbstmordattentäter, Schulbusse in die Luft sprengen)?

Vielleicht ist auch diese Dualität, nämlich die von Himmel und Hölle, eine kondensierte Traumageschichte – auf der einen Seite die Hölle als Widerspiegelung aller traumatischen Erfahrungen, auf der anderen Seite der Aufstieg in den Himmel als Erinnerung an alle Dissoziationserfahrungen?

Was ohne Dualität und ohne Illusion bleibt


Jetzt zum „Gegenmodell“: Was bleibt denn, wenn wir auf die Grunddualität von Leib und Seele verzichten?

Jeder Mensch entsteht aus einer Materie-Geist-Samenzelle und einer Materie-Geist-Eizelle. Bei der Empfängnis bildet sich ein neues, einzigartiges Individuum, in einer einzigartigen Einheit von Materie und Geist. Diese Einheit bildet ein individuelles Einheitsbewusstsein. Belastende und nicht integrierbare Erfahrungen reißen es auseinander, sodass ein Dualitätsbewusstsein an die Seite des ursprünglichen Einheitsbewusstseins tritt. Im späteren Leben entwickeln sich auf dieser Grundlage in Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Kulturmustern der Familie und Gesellschaft, in die das Individuum geboren wird, duale Weltbilder und Religionsanschauungen. Diese haben die Funktion, für die erlittenen Verwundungen und Verletzungen Trost und Hoffnung zu spenden. In dem Maß jedoch, in dem die frühen Störungen geheilt werden, schwindet das Bedürfnis nach dualen Modellen der Welterklärung. Die ganzheitliche körperlich-geistige Erfahrung im jeweiligen Moment gewinnt immer mehr Bedeutung.

In gleichem Maß wird die Frage nach dem, was nach dem Tod sein wird, irrelevant. Der Tod selber gehört zur Ganzheit des Lebens. Er birgt ein Geheimnis, das nur scheinbar in der Fantasie gelüftet werden kann, als Schreckens- oder Wunschvorstellung, je nachdem. Denn das Geheimnis bleibt, weil es Teil unseres Menschseins ist, das es zu akzeptieren gilt. Wir können nämlich als Körper-Geist-Wesen nichts von unserem Nicht-mehr- Körper-Geist-Wesen-Sein wissen, weil eben jedes Wissen, über das wir verfügen, aus dieser Einheit von Körper und Geist erwächst, die wir sind.

Wir stoßen hier an eine absolute Grenze unserer Einsichtsmöglichkeiten, die sich nur unser Stolz und unsere Überheblichkeit nicht gefallen lassen will. So vermeinen wir, über das Ganze unseres Lebens verfügen zu können, indem wir zumindest voraus wissen könnten, was nach dem Tod „mit uns“ geschieht. Wenn wir dagegen die absolute Ohnmacht zulassen, die mit dem Sterbenmüssen ohne jede Sicherheit und ohne jede Aussicht auf ein Danach verbunden ist, können wir auf all diese Illusionen verzichten. Dann durchschauen wir sie als bloße Hilfskonstruktionen, die uns im Diesseits helfen sollen, besser mit dem Leben zurecht zu kommen, die aber keinen Aussagewert über das Jenseits haben.

Gelingt es uns, auf diese Konstrukte zu verzichten, haben wir die Freiheit gewonnen, die darin liegt, dass zumindest eine der „letzten Fragen“ ihren Sinn verloren hat. Wir müssen nichts wissen über das, was nach dem Ende der Körper-Seele-Einheit, die wir sind, passiert. Wir brauchen dafür auch keinen Glauben, wenn wir uns bescheiden mit dem, was uns die gegenwärtige Erfahrung in jedem Moment bieten kann an Schönheiten und an Herausforderungen.

Vgl. zur Ähnlichkeit von Nahtoderfahrungen und Dissoziationen: http://folk.uio.no/benjamil/neardeath/neardeath_psych2.pdf