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Dienstag, 15. Juni 2021

Die Schwachen und die Nächstenliebe

In zumindest zwei der verbreitetsten Religionen, dem Christentum und dem Buddhismus, steht nicht der eigene Läuterungs- und Erwachungsweg im Zentrum, sondern die Zuwendung zu anderen Menschen, und zwar gerade zu denen, die am meisten leiden, zu den Schwachen, Kranken und Beladenen. Die christliche Nächstenliebe, ähnlich wie die buddhistische Praxis des Mitgefühls, enthält im Kern eine radikale Absage an jede Form der Kategorisierung der Menschen und den Appell, die Aufmerksamkeit und das Engagement dorthin zu richten, wo am meisten Hilfe von Nöten ist, also dorthin, wo am meisten Leid besteht. Die im vorigen Blogartikel beschriebene spirituelle Überheblichkeit wird durch diese Perspektive ausgehebelt.

Diese Wendung vom Ich zum Du ist frei von Selbstbestätigung des Ichs durch das Du. Es geht also nicht darum, sich wegen einer karitativen Arbeit selbst aufzuwerten. Vielmehr ist ein Akt der Hingabe gemeint, oder, wie es im Buddhismus heißt, des selbstlosen Mitgefühls. In dieser Perspektive gibt es keine Unterschiede unter den Menschen in Hinblick auf Reifegrade oder individuelle Erleuchtungsfortschritte, sondern nur im Hinblick auf die Unterstützungsbedürftigkeit. Jedes Leid verdient Mitgefühl. Je mehr Leid besteht, desto mehr Mitgefühl und Nächstenliebe braucht es.

Es ist die Haltung der Du-Orientierung, die für das eigene innere Wachstum entscheidend ist, nach der biblischen Feststellung: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Der Maßstab für das gelungene Leben ist also der Geringste, nicht der am weitesten Entwickelte oder spirituell Fortgeschrittenste. Vervollkommnung vollzieht sich durch aktives Tun, durch den Einsatz für Leidende. Solange es Menschen gibt, die leiden, braucht es Menschen, die sich ihnen zuwenden und für sie da sind. Solange es irgendwo auf der Welt leidende Lebewesen gibt, leidet jedes Lebewesen.

Dass diese Auffassung auch im Islam vertreten ist, belegt das wunderbare Gedicht des persischen Dichters Sa`di:

ند بنى آدم اعضای یکدیگر

که در آفرینش ز یک گوهرند

چو عضوى بدرد آورَد روزگار 

دگر عضوها را نمانَد قرار

تو کز محنت دیگران بی غمی 

نشاید که نامت نهند آدمی

Die Kinder Adams sind Glieder eines einzigen Körpers,
da sie alle aus derselben Essenz erschaffen sind.
Wenn ein Glied schmerzt,
bleibt den anderen Gliedern keine Ruhe.
Wenn du den Schmerz der anderen nicht spürst,
verdienst du es nicht, Mensch genannt zu werden.

Grundlage der Gesellschaft

Es handelt sich bei der Idee der Nächstenliebe nicht um ein idealistisches Konzept für die Anhänger bestimmter Religionen. Vielmehr geht es um zentrale Grundlagen für jede Gesellschaft, die Sicherheit und Zusammenhalt gewährleistet, die also einen langfristigen Bestand haben will. Hier gilt das Beispiel der Kette, die so gut ist wie ihr schwächstes Glied. Denn Gesellschaften, die die Schwachen aussondern oder „ausmerzen“ (ein Lieblingswort der Nationalsozialisten), erzeugen ein hohes Maß an Angst: Jeder kann einmal schwach werden, jeder wird einmal schwach werden. Sie können nur mit massiver Gewaltandrohung bestehen.

Sicher fühlen können wir uns nur, wenn wir darauf vertrauen können, dass jemand für uns da ist, wenn wir schwach sind, und nicht, dass wir fallen gelassen werden, sobald wir unsere Leistungen nicht mehr erbringen können. Diese Sicherheit geben wir uns, indem wir uns immer wieder darin üben, uns dem Leiden der anderen zu widmen.

Die Ideologie der Vereinzelung

Jeder ist nicht nur seines Glücks, sondern auch seines Überlebens Schmied. So lautet die Losung der Moderne. Die Auffassung, dass jeder für sein eigenes Fortkommen verantwortlich ist und sich nicht um andere zu kümmern braucht, ist der Ideologie des Kapitalismus zu verdanken. Sie hat die Idee dekretiert, dass der individuelle Überlebenstrieb und nicht die sozialen Bedürfnisse die Grundlage für die Gesellschaft darstellen, und damit wurde den Konkurrenzkampf aller gegen alle um die Lebenschancen und Ressourcen entfesselt. Im Neoliberalismus lebt dieses Modell weiter. 

Die Konsequenz liegt in der Entsolidarisierung des menschlichen Zusammenlebens, der der Sozialismus mit der Errichtung eines Sozialstaates entgegenwirken wollte. Doch auch dieser Bereich ist mittlerweile voll in die scheinbaren Sachzwänge des Kapitalismus eingepasst, mit dem Streben nach Kosteneffizienz als oberster Maxime. Gesundheit wird mehr und mehr zur individuellen Verantwortung: Wer bessere Behandlung will, muss dafür tiefer in die Tasche greifen.

Deutungsverluste der traditionellen Religionen

Im Zug dieser Entwicklung ist auch die Bedeutung der christlichen Kirchen mit ihrer Botschaft der Nächstenliebe zurückgegangen und verhallt oft folgenlos angesichts der gewinngetriebenen Vorgänge auf diesem Planeten und in unseren Gesellschaften. Abgesehen von den vielen Beispielen des Hasses und der Gewalt aus der Geschichte der Kirchen haben die Belastungen und Verlockungen des Kapitalismus das Ihre dazu beigetragen, dass die religiösen Botschaften ihre Attraktivität und Glaubwürdigkeit verloren haben. Die Menschen sind voll beschäftigt mit den ökonomischen Drucksituationen, die auf den Einzelnen lasten, und den materiellen Vorteilen, die zum ausgleichenden Konsumieren und Genießen verleiten. Das Weiterwirken der Botschaft der Nächstenliebe in karitativen Nischen ist löblich, erscheint aber angesichts der stetig auseinanderklaffenden Schere zwischen den Reichen und den Armen sowie der Zunahme der Lebensprobleme durch die exzessive Wirtschaftsform wie ein paar Tropfen auf die vielen heißen Steine.

Genug Menschen, die sich ein wenig vom Wohlstand erarbeitet haben, sind von der Angst getrieben, dieses Niveau wieder zu verlieren und vertreten deshalb die neoliberale Ideologie von der Leistungsverantwortung. Sie lassen sich von den entsprechenden Parteien vor ihren Wagen spannen. 

Die herrschende Pandemie hat hier die Gewichte wieder etwas verschoben und die eminente Wichtigkeit des Sozialstaates und des öffentlichen Gesundheitswesens bezeugt, auch hat sich die Diskussion um den Schutz der Schwachen, in diesem Fall der Todkranken auf den Intensivstationen zu deren Gunsten gedreht. Wir wissen aber nicht, wie es nach diesen Erfahrungen weitergeht. In Hinblick auf die Finanzierung der Auswirkungen der Infektionswelle werden sich wieder die wirtschaftsliberalen Stimmen einbringen und nach dem schlanken Staat und dem Zurückfahren der Sozialleistungen rufen.

Die Psychologie der Nächstenliebe

Es gibt auch noch andere, immanente Gründe, warum das Engagement für die Schwachen in ein schiefes Licht geraten ist. Sie sind psychologischer Natur. 

Die Hilfe und Unterstützung, die den Schwachen zukommen, kann die verschiedensten Formen annehmen. Oft wurde kritisiert, dass die Hilfe in Gestalt von Überheblichkeit, Besserwisserei und Entmündigung daherkommt. Eine Hilfe, die die Hilflosen noch hilfloser macht, ist fehlgeleitet. Außerdem: Eine Hilfe, die dem Ruhm der helfenden Person dienen soll, ist heuchlerisch. 

Dazu kommt, dass der Anspruch, das Leid der Mitmenschen zu lindern, angesichts des Ausmaßes an Leid, das es in nächster Nähe und global gibt, zu scheitern. Wenn der vordringliche Daseinszweck der Menschen darin liegt, das Los der Leidenden und Schwachen zu verbessern, entsteht, angesichts all der anderen Motiven und Bedürfnisse, die Menschen abdecken müssen und wollen, ein fortwährender innerer Konflikt: Was darf ich mir selber gönnen angesichts all der Misslichkeiten? Die Folge sind unlösbare Schuldgefühle und eine permanente innere Überforderung. Das Helfersyndrom ist geboren. Friedrich Nietzsche hat von der Sklavenmoral gesprochen, von einer Form der inneren Unfreiheit, die darin besteht, um jeden Preis, auch den der Selbstverleugnung, Nächstenliebe pflegen zu müssen. 

Eine andere, ebenso mangelhafte Form des Umgangs mit dieser ethischen Herausforderung bietet sich in der zynischen Aufkündigung des Anspruchs überhaupt. Es macht ja doch keinen Sinn, weil nur minimal Verbesserungen in der Welt erzielt werden können, während die eigentlichen und hauptsächlichen Probleme, die immer wieder Schwachstellen hervorbringen, unberührt bleiben. Da und dort zu helfen, bringt nicht wirklich etwas, solange sich grundlegend nichts ändert. Oder: Die Schwachen tun nur so, als hätten sie keine Möglichkeiten und machen sich in Wirklichkeit schmarotzend einen Lenz.

Die Nächstenliebe als universelle Aufgabe

Für die Bewältigung der Aufgabe der Nächstenliebe, die sich jedem Menschen stellt, sind alle vorgefertigten oder moralisch formulierten Konzepte überflüssig und hinderlich. Entsprechende Appelle an die Moral sollten wir vordringlich nicht an andere, sondern an uns selber richten. Die Mitte zwischen der Selbstausbeutung im Tun für andere und der autarken Selbstbezogenheit zu finden, erfordert einen lebenslanger Suchprozess, der nie zu Ende ist. Jede neue Situation braucht eine Neubewertung, die auf die äußeren wie auf die inneren Zustände Rücksicht nimmt und die rechte Balance anstrebt. Die Zuwendung zum Du umfasst auch Formen wie ein stilles Mitgefühl, ein Gebet oder ein liebevolles Präsentsein angesichts von Leidenszuständen.

Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns im Helfen ausbluten und ausgebrannt dann selber Hilfe brauchen. Wir müssen immer auch auf unsere eigenen Ressourcen achten und für sie ausreichend sorgen. Wir dürfen die Verantwortung für uns selber nie aus den Augen verlieren.

Es ist aber auch uns selbst nicht geholfen, wenn wir uns gegen Bedürftigkeit und Schwäche um uns herum oder weiter entfernt abhärten und unser Herz vor der Not verschließen und abschotten. Wir werden mit dieser Form der Abwehr ein Stück unmenschlicher. Leute, die die Bettler aus ihrer Stadt vertreiben wollen, machen das nur, weil ihnen das Bild der Armut Angst und Scham einjagt: Die Angst, selber abstürzen zu können, und die Scham, auf der fetteren Seite gelandet zu sein. 

Mitverantwortung für das Wohlergehen aller

Mensch sein heißt, mitverantwortlich zu sein für die Menschengemeinschaft, d.h. für das Wohlergehen aller. In der Praxis gibt es natürlich immer Grenzen, in denen wir diese Verantwortung wahrnehmen können. Doch dürfen diese Grenzen nicht starr werden, indem wir uns vor bestimmten Formen des leidenden Menschseins, die uns Angst machen, Ekel auslösen oder mit Scham konfrontieren, schützen wollen.

Die Herzlosigkeit, die z.B. in Zusammenhang mit der Migrationsfrage, in der Öffentlichkeit und im privaten Rahmen von vielen Menschen propagiert wurde und wird, ist aus Ängsten vor Übervölkerung, Überranntwerden, vor dem legendären Boot, das wegen Überfüllung sinkt, genährt. Sie hat also irrationale Gründe, die tiefer in der Seele verwurzelt sind, als den Betroffenen bewusst ist. Indem diese irrationalen Ängste verbreitet werden, steigt das Unsicherheitsgefühl in der Gesellschaft, das wiederum auf die Protagonisten der Fremdenangst rückwirkt und deren propagandistischen Eifer verstärkt. 

Die offene Gesellschaft, die Karl Popper 1945 proklamiert hat, ist eine Gesellschaft der Solidarität, der gelebten Nächstenliebe, die sich aller, und damit auch der Schwachen und Schwächsten annimmt und zwischen reich und arm, oben und unten ausgleicht, nicht im Sinn einer Gleichmacherei, sondern im Sinn einer gerechten Verteilung und einer gerechten Teilhabe am Ganzen. Grundlage ist die prinzipielle Gleichheit aller Menschen und die unbedingte Werthaftigkeit jedes Menschenwesens.

Die Idee der Gleichheit aller Menschen, was ihre Geburts- und Lebensrechte anbetrifft, ist ein Abkömmling des Begriffs der Nächstenliebe aus dem Christentum, der aber erst durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert Breitenwirkung erlangte und in die ersten Verfassungen aufgenommen wurde. Seither gilt er als Grundbestandteil von modernen Staatswesen und wurde auch von der UNO weltweit deklariert. Das oben zitierte persische Gedicht ziert einen Sitzungssaal im UNO-Hauptquartier in New York. 

Zum Weiterlesen:
Spirituelle Überheblichkeit
Bescheidenheit als Tugend
Die Solidaritätsschranke
Armut ist ein Ärgernis - dem kann abgeholfen werden
Reich und arm - Demut und Würde


Samstag, 8. Februar 2020

Über den Sinn von Leiden und Schmerzen

Die Frage, warum es Leid im menschlichen Leben gibt, ist mindestens so alt als Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen. Seit es die Theologie gibt, steht sie vor der Frage, wie Gott es zulassen kann, dass es Menschen schlecht geht – das kann doch kein guter Gott sein, der den Menschen zuschaut, wie sie leiden, ohne aus seiner Allmacht heraus einzugreifen, und ein schlechter Gott ist ein Widerspruch in sich. 

Der Ausgangspunkt der Problematik liegt in der Gleichsetzung des Guten mit dem Schmerzfreien und Leidenslosigkeit. Ein gutes Leben muss schmerzlos und beschwerdefrei sein. Dabei verkennen wir – aus naheliegenden Gründen – die Natur des Lebens und damit des guten Lebens. Die naheliegenden Gründe liegen im Wunsch nach Schmerzfreiheit und Wohlgefühl ohne Ende. Wenn wir leiden, fühlen wir uns dagegen eben nicht gut, sondern miserabel, gepeinigt und manchmal sogar verzweifelt. Jeder will genießen und Freude empfinden und unangenehme Erfahrungen möglichst schnell überwinden. Das ist auch ein im Leben grundgelegter Antrieb, der die kreative Seite des Lebens ermöglicht. Denn nur im Zustand innerer Ausgeglichenheit und Entspanntheit können wir schöpferisch aktiv werden und anderen helfen.  

Was ist aber die Natur, die Eigenart des Lebens? Das Leben umfasst alle seine Aspekte und Dimensionen. Organismen sind fühlende Wesen, sie nehmen sich selbst und die Umgebung wahr. Jedes Fühlen ist von einem Kontinuum gekennzeichnet: Zwischen maximaler Bedrohung und maximaler Lebenssteigerung, zwischen maximalem Schmerz und maximalem Wohlgenuss. Wir verfügen über diese Empfindungsfähigkeit, um uns in der Wirklichkeit orientieren zu können, wenn wir unser Überleben sichern. Auf dieser Ebene sind wir genauso ausgestattet wie alle anderen Lebewesen. Ich nehme an, dass sie alle ihre jeweiligen Leidenszustände kennen und irgendeine Form von Schmerz erleben.  

Gäbe es kein Schmerzempfinden, wäre dieses Spektrum eingeschränkt – was auch bei Menschen, die eine spezielle Störungen im Gehirn haben, der Fall ist. Ohne körperliche Schmerzempfindung bekommen wir keine Signale über Probleme in unserem Organismus; ohne seelischen Schmerz erkennen wir nicht, wenn im Sozialsystem etwas schiefläuft. Eine völlige Schmerzbefreiung wäre lebensbedrohlich – für den Organismus und für das Sozialgefüge. 

Der Schmerz ist also ein integraler Teil unseres Welterlebens als lebendige Wesen. Selbst wenn wir ihn minimieren wollen, weil wir natürlicherweise vom Unangenehmen zum Angenehmen streben, gilt es dennoch, ihn zu achten und ihm Sinn zuzugestehen. Sonst schneiden wir vom ganzen Raum des Lebens einen wesentlichen Teil aus und nutzen ihn nur zum Jammern und Einsammeln von Mitleid. Wir Menschen sind vermutlich die einzige Spezies, die überhaupt auf die Idee kommt, die Existenz und Sinnhaftigkeit von Schmerz und Leid in Frage zu stellen. Der Rest der Natur lebt einfach mit diesen Gegebenheiten. 

Wenn wir uns da anschließen, statt eine Sonderrolle in der Natur zu beanspruchen, können wir das Leid in seiner vollen Bedeutung und Sinnhaftigkeit achten. Auf diese Weise sind wir mit dem Ganzen der Natur und des Lebens verbunden. Wir schreiben dem Leben nicht vor, wie es zu sein hat, sondern nehmen es so, wie es ist. Statt einen sinnlosen Kampf zu kämpfen, fühlen wir uns von dem Wissen getragen, dass jedes Leid, so unangenehm es nun mal ist, irgendwann sein Ende hat, wie auch jedes freudvolle Ereignis.  

Schmerzen annehmen 


Schmerzhafte Erfahrungen sind besonders heraufordernde Gelegenheiten für das Annehmen und Akzeptieren. Das heißt auch, dass sie besonders zu unserem inneren Wachsen beitragen. Je schwieriger das Annehmen, desto wertvoller ist es, wenn es uns gelingt. Wir werden unabhängiger von den Wechselfällen des Lebens, vom stimmungsmäßigen Auf und Ab, von Niederlagen und Enttäuschungen, von Verwundungen und Beleidigungen, von Unpässlichkeiten und Krankheiten. Unsere innere Stärke wächst mit jeder gelungenen Akzeptanz schwieriger Lebensumstände. 

Im Einklang mit sich und dem Lebensprozess zu sein, ist die tiefste Form des Glücks, die dem Menschen möglich ist und die von niemandem genommen werden kann. Dazu gehört es, die angenehmen und unangenehmen Erfahrungen gleichermaßen zu umarmen, wie ein gerechter Elternteil die braven und schlimmen Kinder ohne Unterschied liebt. 

Einzelne Menschen haben es geschafft, in den schlimmsten vorstellbaren Situationen bei sich zu bleiben, im Gefängnis oder im KZ, im Krankenbett oder im Sterbeprozess, und sie können uns als Vorbilder dienen, wenn wir mit Leiden und Schmerzen in unserem Leben konfrontiert werden. Wir können unsere Würde aufrechterhalten, selbst unter den entwürdigendsten und unmenschlichsten Umständen, unter Schmerzen und Leiden. Denn die Würde kann uns niemand nehmen, höchstens wir selber, wenn wir uns von der Ganzheit unseres eigenen Lebens abtrennen und uns in herausfordernden Erfahrungen selbst verleugnen. 

Die Schatten des Todes 


Der Alterungsprozess beinhaltet viele schmerzhafte Momente, die mit zunehmender körperlicher und geistiger Gebrechlichkeit immer häufiger auftreten. Es zwackt hier und zwackt dort, das Gedächtnis wird löchrig und die Marotten werden noch wunderlicher. Dazu kommt, dass das Altern selber die Akzeptanz herausfordert, weil es mit der schmerzhaften Erkenntnis verbunden ist, dass es nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern unausweichlich voranschreitet, relativ unabhängig davon, wie wir es gerne hätten. Das Altern ist der lange Schatten des Todes, der in seiner Strenge und Unausweichlichkeit fordert, dass wir das Sterben lernen, je früher desto besser.  

Als lebende Organismus haben wir ein Ablaufdatum. Ob unser Leben länger oder kürzer als der Durchschnitt dauert, ist nur zum Teil in unserer Hand. Viele, die ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben geführt haben, sind früh gestorben; andere mit unmäßigem oder wenig tugendhaftem Lebenswandel haben ein hohes Alter erreicht. Der Tod ist ein undurchsichtiger Gesell, der sich nicht in die Karten blicken lässt, trotz aller Versuche, das Alterungsgenom zu entschlüsseln und zu manipulieren. Er klopft unerbittlich an unsere Tür, wenn er es für angemessen hält, und gibt seine Gründe nicht preis. Er fordert einzig und allein unsere Bereitschaft zur Hingabe, in der ultimativen Form. 

In jedem Schmerz, in jeder leidvollen Erfahrung kündigt sich der Tod an, als würde er das alles schicken, damit wir uns auf das Treffen mit ihm vorbereiten können. Doch ist der Tod nicht der Meister des Lebens, sondern selbst nur ein Diener im großen Prozess des Werdens und Vergehens, bei dem wir eine Weile mitsegeln, deren Dauer uns zugemessen ist. Jede Schmerzerfahrung können wir zum Einüben in die Hingabe, d.h. in die Endlichkeit und Sterblichkeit nutzen.  

Erwartungsfreiheit 


Erwartungsfrei durchs Leben zu gehen, absichtslos mit dem Leben zu fließen, erfordert viel Grundvertrauen und innere Stabilität. Der Lohn der Vertrauensstärkung ist der hohe Grad an Freiheit und der Zugang zu einer tiefen Form des Glücks, das aus dieser Freiheit kommt. Die Erwartungsfreiheit umfasst auch den geheimnisvollen Tod und lässt ihm seine Freiheit, zu kommen, wann immer es ihm beliebt und gleich welche Form des Endes er uns zubilligt. 

Wir haben dieses Leben als Ganzes, mit seinem Anfang und seinem Ende, mit seinen Schokoladenseiten und Magenkrämpfen. Es hat uns ganz, und wir haben es entweder ganz oder gar nicht. Alles, was uns widerfährt, gehört dazu, ob es uns in den Kram passt oder nicht, ob es uns erfreut oder entsetzt. Akzeptanz gibt es nur in dieser Ganzheit. Wenn wir nur die Rosinen aus dem Lebenskuchen herauspicken, verdirbt der kostbare Rest, indem wir ihn verschmähen. Wir sind dann nicht mit der Annahme, sondern mit dem Verweigern des weniger wohlschmeckenden Teils beschäftigt, der dadurch mehr Bedeutung und Macht bekommt als die verführerischen und vergänglichen Süßigkeiten. Nehmen wir dagegen auch die sauren Kirschen aus dem breiten Angebot des Lebens zu uns, so lernen wir ihren Geschmack kennen und schätzen. Wir erweitern unser Repertoire und unsere Kraft im Umarmen und Halten.  

Das gute Leben ist ein solches, das möglichst viele Schattierungen und Spielarten umfassen und umarmen kann und nichts ausschließen und missachten muss. Das gute Leben ist bereit zum Risiko der Totalität, zur Radikalität des Akzeptierens aller Freuden und Schmerzen. Das gute Leben kann auf alle Versprechen oder Heilsverkündungen von Schmerz- und Leidensfreiheit verzichten, weil es weiß, dass alles, was da ist, alles, was entsteht und vergeht, gut ist, wenn es mit Bewusstheit durchlebt wird. 

Zum Weiterlesen:
Ein kleines Modell des Schmerzes
Von der Hilflosigkeit zur Hingabe 
Die Dimensionen der Verzweiflung

Freitag, 4. Oktober 2019

Das individuelle Glück und die Ungeheuerlichkeit des Leids

Alle streben wir nach mehr Glück im Leben. Alle wollen wir Schmerzen und Ängste vermeiden und verringern. Alle wollen wir uns wohlfühlen, mit uns, mit unseren Mitmenschen, mit der Welt insgesamt.

Die Welt um uns herum hingegen enthält eine Unmenge an Leid. Die Natur der Erde ächzt unter den Klimaveränderungen, Tierarten sterben aus oder müssen sich neue Lebensräume suchen, die Meere werden immer mehr mit Plastik und Kunststoffen verdreckt; die Menschheit verstrickt sich immer wieder in blutige Konflikte, Hass wird gepredigt, Menschenverachtung und Ausbeutung ist überall präsent.  Wir können nicht einmal abschätzen, ob sich das Leid in Summe verringert infolge all der Fortschritte an Humanität, Krankheitsbekämpfung und Hungereindämmung. Denn andere Form des Leids werden laufend produziert, neue Formen der Grausamkeit oder der subtilen Unterdrückung entstehen, neue Ansätze zum Ressourcenverschleiß, unvorhersehbare Folgen der Rohstoff- und Trinkwasserverknappung tauchen auf usw. Selbst in den Ländern, in denen die Gewinne aus all den Ausbeutungsvorgängen gehortet werden und das Luxusleben mit höchstem Energieverbrauch, leiden die Menschen an Stressbelastung, instabilen Beziehungen und inneren Unausgeglichenheit. 


Das Webwerk des Leidens


Ist es also einfach unredlich und verlogen, sich in irgendein Lebensglück zu versenken, während ringsum das Grauen vorherrscht, Menschen in Bürgerkriegen oder Hungerzonen dem Verrecken preisgegeben sind, Kinder geschlagen und emotional misshandelt, Tiere zum Dahinvegetieren gehalten und ganze Arten ausgerottet werden und so weiter, wir wissen vieles davon und wissen auch, dass es noch viel mehr von diesem Elend jenseits unseres Wissens gibt.

Theodor W. Adorno hat gemeint, dass nach Auschwitz keine Gedichte mehr geschrieben werden können. Ein Grauen kann nicht in eine lyrische Form übersetzt werden. Natürlich sind viele Gedichte nach 1945 geschrieben worden, aber der Mahnruf hat seine Berechtigung. Denn es gibt kein einfaches Hinüberwechseln in die Tagesordnung der Abläufe der gesättigten Konsumwelt und einlullenden Medienlandschaft, wenn so vieles im Argen liegt.   

Andererseits ist niemand gezwungen, sich der negativen Dialektik Adornos anzuschließen, die kategorisch ein richtiges Leben im falschen ausschließt. Die Öffnung für die Glücksmomente im Leben entspannt und erweitert die Sicht auf die vielfältigen Facetten des Lebens. Das Glück ist eine Innenerfahrung, die sich zeigen kann, gleich welche Umstände im Außen herrschen. Es gibt Menschen, die im Gefängnis zur Erleuchtung gefunden haben, andere, die in schwerer Krankheit eine tiefe innere Zufriedenheit erleben konnten – und viele andere, denen solche Erfahrungen nie geschenkt wurden.


Die Lebenskunst, das Ganze zu umarmen



Die Kunst im Leben besteht nicht darin, die üblen Aspekte der Menschheit auszublenden und zu ignorieren, auch nicht darin, sie zu beklagen und zu bejammern. Die Lösung liegt weiters nicht darin, das eigene Glück gegen das Unglück anderer aufzurechnen und sich zu verbieten, solange so viel Unglück herrscht.Die Kunst im Leben besteht eher darin, beides halten zu können: Das innere Glück, so es sich zeigt, und die äußeren Missstände, als ob unsere beiden Hände beides tragen oder als ob zwei Kinder auf unserem Schoß sitzen: Das Glück und das Unglück. Beides darf sein und hat seinen Platz. Beides gehört zur Gesamtheit der Wirklichkeit, die sich in uns selber wiederspiegelt. So wird es Zeiten geben, wo uns all die Missstände und all die Leiden traurig machen, und gleichzeitig eine tiefe Zufriedenheit in uns selber spürbar ist oder andere Zeiten, in denen wir uns an der Schönheit des Außen erfreuen, während unser Inneres unter einem Problem ächzt. 

Wir wollen das Glück mehren, in uns und um uns herum, und das ist auch gut und notwendig so. Schließlich ist das eine unserer wichtigsten Aufgaben in unserem Leben. Zugleich müssen wir damit leben, dass uns das immer wieder misslingen kann, soviel wir uns auch bemühen. Wir sollten auch erkennen, dass das, was wir zu tun vermögen, nicht mehr als der berühmte Tropfen auf einem riesigen heißen Stein ist. Unendlich viel wäre noch zu tun, verschwindend und kümmerlich ist unser Beitrag. Und doch ist es unser Beitrag, etwas, das nur wir selber beitragen können, um die Welt menschlicher zu machen. Diesen Beitrag kann niemand anderer als wir selber leisten, es liegt ganz bei uns, ob er geschieht oder nicht. Leid zu lindern und Freude zu schaffen, wo es geht, bei uns selber und bei den Menschen, den Näheren und den Ferneren, und bei allem, was das Universum ausmacht, ist unsere vordringliche Lebensaufgabe, der wir gemäß dem Vermögen, das wir von diesem Universum mitbekommen haben, verpflichtet sind. Da haben die einen mehr und die anderen weniger erhalten, und das ist auch wichtig anzuerkennen, statt auf die anderen zu zeigen, die angeblich weniger tun als wir selber. 

In dieser Ambivalenz der menschlichen Existenz, die durch uns hindurch wirkt und erschüttert, ob wir es wollen oder nicht, spiegelt sich die Ambivalenz des Universums, das große “stirb und werde”. Wir Menschen sind mit einer einzigartigen Leidensfähigkeit ausgestattet, die uns nicht ruhen lassen kann, solange es Leiden gibt. Wir sind auch mit der Kraft der Verantwortung und vielfältigen Kompetenzen zum praktischen Handeln zugunsten der Minderung des Unglücks und der Mehrung des Glücks ausgestattet. Wir verfügen über Wachstumschancen in den verschiedenen Bereichen unseres Wesens, kognitiv, emotional, sozial und spirituell. Mit jedem Lernschritt in einer dieser Dimensionen erschließen wir mehr Glücksmöglichkeiten in uns und finden Ideen und Energien für die Erweiterung von Glücksmöglichkeiten in der Welt um uns. 

Wir alle haben Fähigkeiten und Potenziale dafür, das Ganze mit all seinen Facetten und in seiner Spannbreite in unser Bewusstsein aufzunehmen. Wir alle verfügen über ein ausreichendes Maß an Empathie und einen Sinn für weltweite Solidarität. Wir alle wissen um unsere individuelle und kollektive Verantwortung. Es geht darum, den Fokus auf diese Verantwortung zu halten und ihn wiederzugewinnen, wenn er uns abhandenkommt. Und es geht darum, Verständnis für uns und alle um uns zu haben, wann und wo auch immer der Fokus verlorengeht und dadurch Leiden entsteht. Je mehr wir unsere Glücksfähigkeit aktivieren, desto mehr können wir beitragen, um mehr Entspannung in die Welt zu bringen. 

Glück ist ansteckend, ähnlich wie Unglück. Wir können die Stimmungen anderer aufhellen, wenn wir ein freundliches Gesicht zeigen oder nette Worte sagen, humorvoll reagieren und eine gelassene Atmosphäre verbreiten. Wir fühlen uns unternehmungslustiger und motivierter. Wir sind aufnahmefähiger und interessierter an allem, was uns umgibt. Also: Je mehr glückliche Menschen es gibt, umso mehr Glück gibt es auf der Erde; das Ausmaß des Leidens und Unglücks vermindert sich mit jedem Stück erlebter Glückseligkeit und Freude. 

Mit sich zufriedene Menschen können mehr zur Weiterentwicklung der Menschheit für mehr Freiheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und geteilten Wohlstand beitragen, als an ihrer Gier, Angst und ihrem Hass leidenden Zeitgenossen. Denn die belastenden Gefühlsmuster werfen uns auf uns selber zurück, während die freudvollen Gefühle unsere Empathie und Hilfsbereitschaft steigern. 

Zum Weiterlesen:
Tiefe, eine Dimension des Menschlichen  
Durch Ambivalenzen wachsen
Das Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit
Die Bescheidenheit als Überlebensnotwendigkeit

Samstag, 30. März 2019

Das Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit

Das Mitgefühl ist eine Haltung, die in einem tiefen Sinn zu unserer Menschlichkeit gehört. Nach Ansicht vieler Forscher ist sie angeboren und hängt mit der Verfasstheit des Menschen als soziales Wesen zusammen. Wir sind keine Einzelwesen, die erst mit Mühe das Zusammenleben erlernen müssen, sondern sind auf Gemeinschaft, Verstehen und Teilen hin angelegt. Und dafür brauchen wir das Mitgefühl. Doch tun wir uns oft schwer mit dieser Einstellung und vermischen oder verwechseln es mit anderen Formen der zwischenmenschlichen Interaktion.

Das Mitgefühl ist die Antwort auf die menschliche Leidensfähigkeit. Wir Menschen sind Wesen, die immer wieder leiden, natürlich nicht nur das und nicht immer das, sondern auch vieles anderes. Aber jeder Mensch hat einen Grundbezug zum Leiden, der auch das Motiv liefert, warum sich Menschen mit religiösen Systemen beschäftigen, die die Erlösung vom Leiden versprechen. Natürlich liegt auch die Ursache für das Entstehen Medizin und der Psychotherapie in der Vielfalt menschlichen Leidens.

Es gibt Leidenszustände, für die wir verantwortlich und zuständig sind und wo wir aufgerufen sind, etwas zu tun. Ein Baby leidet an Magenkrämpfen und die Eltern müssen sich bemühen, Abhilfe zu verschaffen. Wir haben einen Parkschaden verursacht und sorgen dafür, dass der Schaden wieder gutgemacht wird. Wir haben jemanden beleidigt und entschuldigen uns.

Es gibt andererseits menschliche Leidenszustände, für die wir keine persönliche Verantwortung tragen, mit denen wir aber dennoch in Kontakt kommen, wie z.B. die Krankheit oder Armut anderer Menschen. Jedes menschliche Leid verdient unser Mitgefühl, aber nicht jedes menschliche Leid können wir lindern. Es wäre eine anmaßende Überforderung, sich um alles Leid zu kümmern, das um uns herum sichtbar ist; wir kämen kaum bis zur nächsten Straßenecke.

Das neurotische Helfen


Doch manche Menschen neigen zu dieser Überforderung und ziehen wie magisch Menschen an, die ihnen ihre Probleme umhängen, für die sie sich dann zuständig fühlen. Das Helfen wird zwanghaft, und das hat nichts mit Mitgefühl zu tun. Die neurotische Helferin missachtet die eigenen Belastungsgrenzen und sieht sich, getrieben von inneren Zwängen, verpflichtet, jeder Not, die sich in der eigenen Umgebung zeigt, abzuhelfen. Sie beutet sich selbst aus, um vor den anderen und vor sich selbst als gute Person dazustehen. Sie sieht ihre Existenzberechtigung darin, jederzeit für andere da zu sein und scheinbar für sich selbst nichts zu brauchen.

Die Wurzeln dieser Haltung liegen wahrscheinlich in einer Rolle, die in der Kindheit angenommen wurde, um in einem mangelhaften Familiensystem überleben zu können. Die karge Liebe, die zur Verfügung stand, war an die Bedingung geknüpft, selbstlos für andere da zu sein. Solche Bedingungen werden oftmals gar nicht offiziell verkündet, sondern von den überforderten Eltern unbewusst als Auftrag an die Kinder weitergegeben, die sich dann entweder die Aufgabe teilen oder unterschiedliche Rollen einnehmen. Da kann es dann passieren, dass die Rolle des Helfers und Unterstützers an einer Person hängen bleibt. Die Grundlage für eine lebenslange Belastung durch eine giftige Kombination aus Selbstausbeutung und schlechtem Gewissen ist gelegt und ins Unbewusste der Seele eingepflanzt.

Der neurotische Helfer ist nicht durch Mitgefühl angetrieben, sondern durch den Wunsch, an anderen gutzumachen, was an ihm selber schlecht gelaufen ist. All das, das er nicht gekriegt hat, ist er anderen schuldig. Wenn ihr Leid gemildert ist, ist auch das eigene Leid weniger. Es liegt auf der Hand, dass sich die Rechnung nie ausgeht, es tritt immer wieder Leid auf, das nach Abhilfe verlangt. Zudem bleibt das eigene Leid auf der Strecke und meldet sich irgendwann in chronischem Stress und Burn-out-Symptomen.

Abgrenzung der Verantwortung


Wo das Mitgefühl statt dem Helferzwang Platz greifen soll, müssen die Verantwortungsbereiche klar abgegrenzt sein: Die Hauptzuständigkeit für das Leiden liegt bei der leidenden Person. Die mitfühlende Person trägt keine Verantwortung für das Leid, außer sie hat es zugefügt. Immer jedoch trägt sie die Verantwortung für die eigene Haltung und Einstellung, für das Zuwenden oder Abkapseln in Bezug auf das Leid.

Auch wenn es eine klare Abgrenzung der Verantwortungsbereich gibt, wird im Mitgefühl nicht zugleich die menschliche Verbindung gekappt. Wir können uns vom Leid anderer Menschen berühren lassen, ohne für die Umstände die Verantwortung zu übernehmen. Wir können dieses Berührtsein durch die Wahrnehmung eines belasteten Lebens stehen lassen, ohne etwas zu tun zu müssen. Vielleicht ergibt sich aus dem Kontakt mit dem Leid eine helfende Handlung, vielleicht auch nicht. Wir lassen das Elend an uns heran, so dass es an unseren Grenzen ankommt, ohne dass es in unser Inneres eindringt und uns überrollt. Wir haben keine Angst vor dem Leiden der anderen Menschen und sind frei von jeder Last durch irgendeine Pflicht oder Verantwortung.

Ein Mensch sitzt weinend auf einer Parkbank. Wir gehen vorbei und nehmen das Leid wahr und wünschen der Person in Gedanken, dass es besser wird, oder wir setzen uns dazu, um zu trösten oder einfach nur, um da zu sein. Was immer geschieht, ist nebensächlich; wichtig ist die Haltung und die Einstellung, ob es Gleichgültigkeit oder Betulichkeit oder eben Mitgefühl ist. Das macht den Unterschied zwischen der Selbstbezogenheit und der Menschlichkeit, die es nicht ohne Mitmenschlichkeit gibt.

Bei sich und verbunden bleiben


Diese Unterscheidung ist grundlegend für die Haltung des Mitgefühls: Dein Leid bleibt dein Leid, auch wenn ich es wahrnehme und erkenne. Wir tragen nicht das Leid gemeinsam, das kannst nur du, weil es deines ist. Aber wir teilen unser Menschsein und damit unsere Leidensfähigkeit. Wir wissen um die Zerbrechlichkeit unseres Seins, die wir alle in uns haben und die uns verbindet.

Im Mitgefühl sind wir offen und konfrontieren uns mit allem, was die Welt an uns an menschlichen Möglichkeiten heranbringt: Hässlichkeiten, Ekelhaftigkeiten, Erbärmliches, Verkommenes, Hoffungsloses. Wir wissen oder ahnen, dass wir all das auch in uns tragen. Es ist uns nicht fremd, sondern als Teil von uns bekannt und vertraut. Darum können wir uns nicht über diese Formen des Menschseins stellen oder besserwisserisch oder verachtend darüber urteilen. Vielmehr lässt uns das Mitgefühl bescheiden und demütig an die Leidensweisen der Menschen herangehen und mit ihnen in Kontakt kommen.

Obwohl wir all das, woran Menschen leiden können, von uns kennen oder kennen sollten, müssen wir nicht in das fremde Leid eintauchen. Wir bleiben nur im Mitgefühl, wenn wir uns selber in unserem Wesen zeigen, wenn wir dem Leid ein andersartiges Gegenüber bieten, das wir jetzt gerade sind. Denn der mitfühlende Kontakt besteht nicht im Anpassen oder Unterwerfen an den Zustand der anderen Person, sondern in einem kontrastierenden Angebot, das aus der eigenen Kraft und Klarheit stammt. Wir treten einander gegenüber, mit durchlässigen und fließenden Grenzen. Nur so kann sich ein interaktives Spiel entwickeln, das für das Mitgefühl kennzeichnend ist und das leicht und zugleich schwer sein wird. Auf diesem Weg entsteht die wirkungsvollste Hilfe für leidende Menschen.

Im Mitgefühl bleiben wir bei uns und sind zugleich offen für das Leiden der anderen Menschen. Wir lassen zu, dass wir berührt werden und sind zugleich präsent und in Verbindung mit uns selbst. Wir können uns klar von der leidenden Person unterscheiden und ihre Last und ihr Problem bei ihr lassen. Wir vertrauen darauf, dass sie die Herausforderung meistern kann, unter Einsatz eigener Kräfte, die sich auch darin äußern können, um Hilfe zu bitten. Wir schauen auf das Leid, erkennen es und verschließen uns nicht davor. Zugleich lassen wir die Verantwortung dort, wo sie hingehört, und sehen uns nicht in der Pflicht und alleinige Aufgabe, das Leid zu tilgen.

Mitgefühl und Passivität 


Wenn wir bloß aus sicherer Distanz das Leiden im Außen wahrnehmen und uns einreden, dass wir nichts tun können, sind wir nicht im Mitgefühl, sondern in der Abwehr des Leidens. Denn das Mitgefühl steht nicht im Gegensatz zur Aktivität noch zur Passivität. Wir werden aus Mitgefühl aktiv, wenn es das Mitgefühl erwirkt und nicht wenn es das schlechte Gewissen oder das Pflichtbewusstsein befiehlt. Wir bleiben passiv, wenn es die Situation erfordert. Mitfühlend können wir etwas tun, eine Hilfestellung oder einen Rat anbieten, Trost spenden, Verständnis zeigen. Es wirkt aber kein Müssen, kein Zwang, keine Notwendigkeit, sondern das Tun erfließt frei aus dem Mitgefühl.

Es ist ein Tun, das aus Selbstverständlichkeit, Natürlichkeit und menschlichem Teilen geschieht. Wenn es für die andere Person nicht passt, hören wir sofort auf und reagieren nicht mit Ärger, wenn die Hilfe nicht angenommen wird. Das Handeln aus dem Mitgefühl ist durch Leichtigkeit gekennzeichnet. Sobald sich etwas schwer und mühsam anfühlt, wissen wir, dass wir nicht im Mitgefühl sind.

Mitgefühl und Menschenwürde


Im Mitgefühl würdigen wir den anderen, leidenden Menschen, in seinem Leid und auch in seiner Fähigkeit, das Leid zu überwinden. Wenn es passt, reichen wir eine Hand, wenn nicht, bleiben wir in der mitfühlenden Präsenz. Auf diese Weise stärken wir die innere Kraft, die das Leiden überwinden will, und zehren uns selbst nicht aus, getrieben vom uneinlösbaren Wunsch, all die Leiden der Welt zu lindern. Im Mitgefühl bleiben wir in unserer Klarheit und in unserem Vertrauen und geben damit die wirksamste Unterstützung für das Leiden der anderen.

Wenn wir mit einem Bettler auf der Straße Mitleid haben, geben wir ihm Geld und gehen schnell weiter; wenn wir Mitgefühl haben, geben wir ihm seine menschliche Würde zurück. Im Mitgefühl sind wir Bettler wie er.

Mitgefühl und Empathie


Mitfühlen (Empathie) ist nicht das Gleiche wie Mitgefühl, das erstere ist aber eine wichtige Komponente des zweiteren. Wenn wir nur empathisch sind, kann es passieren, dass wir von den Leidenszuständen der anderen Menschen überlastet werden und uns ausgebrannt fühlen. Wir spüren unsere eigene Unfähigkeit, das vielfältige Leid zu lindern, und leiden selber daran. So wird das Mitfühlen schnell zum Mitleid(en).

Am Rand der Empathie gibt es zwei Möglichkeiten: Wir können unser Bewusstsein erweitern und kommen ins Mitgefühl, oder wir folgen einer Konditionierung und landen im schuldbeladenen Mitleid. Es ist wichtig, diesen Unterschied in sich selbst zu erkennen und diese Erkenntnis zu festigen, damit wir nicht in einem von alten Programmierungen gesteuerten vermeintlichen Mitgefühl hängen bleiben.

Der bekannte Spruch: "Geteiltes Leid ist halbes Leid" erscheint in diesem Licht als doppeldeutig. Wenn wir annehmen, dass wir einem anderen Menschen die Hälfte seines Leides abnehmen müssen, geraten wir in die Helferfalle. Wenn wir uns darauf einstellen, mit der leidenden Person zu sein und zu verweilen und in diesem Sinn das Leid zu teilen, bleiben wir im Mitgefühl.

Beim Mitgefühl nehmen wir Bezug auf die andere Person als Ganze, nicht nur auf ihr Leid. Dabei erkennen wir sofort, dass sie mehr ist als ihr Leid und auch mehr in ihrem Leben vermag. Wir sehen die verletzten Seiten und die gesunden. Mit diesem geweiteten Blick können wir genauer abstimmen, welche Handlungen unsererseits hilfreich und welche kontraproduktiv sind.

Im Mitgefühl spüren wir also das Leid der anderen Menschen, ohne selbst zu leiden – aber auch ohne uns selbst besser fühlen zu müssen. Deshalb stärkt uns das Mitgefühl, während die mit alten Programmen verknüpfte Empathie zur Erschöpfung führen kann.

Die Wirkung der Präsenz


Viele Leidenserfahrungen stammen aus Verletzungen auf der Beziehungsebene. Wie wir ganz klein waren, waren wir völlig von anderen Menschen abhängig, und viele der Irritationen in diesen Beziehungen waren für uns existentielle Bedrohungen, die sich im späteren Leben in wichtigen Beziehungen widerspiegeln können. Zum Beispiel können wir bei unvorhersehbaren Trennungen oder bei der Enttäuschung von Erwartungen überreagieren. Das alte Drama wiederholt sich, und die alten Gefühle überschwemmen uns.

Die mitfühlende Präsenz eines Menschen ist uns deshalb oft so wertvoll, weil sie solche Verletzungen und Mängel ausgleicht. Ist eine andere Person über die empathische Ebene mit uns verbunden und mit uns im Gefühl da, so fühlen wir uns nicht nur sicher in unserer Existenz, sondern auch in unserem Wesen, also in der Art und Weise, wie wir als Personen sind. Wir können so sein, wie wir sind.

Allmenschliches Mitgefühl


Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön schreibt: „Mitgefühl wird dann real, wenn wir uns unseres gemeinsamen Menschseins bewusstwerden.“ Im Mitgefühl heben sich alle Rangunterschiede und Statusdifferenzen unter den Menschen auf. Wir sind alle gleich – gleich reich und arm, gleich glücklich und unglücklich. Wir sind alle gleich wertvoll. Wir alle haben zu tragen, die einen ein wenig mehr und die anderen ein wenig weniger. Dementsprechend bezieht sich die buddhistische Symbolfigur des Bodhisattva auf einen Menschen, der mit der eigenen Befreiung die Befreiung aller anderen fühlenden Wesen verbindet, also jemand, der sich bewusst ist, dass ohne die Erlösung aller keine individuelle Erlösung möglich ist.

Das Mitgefühl bewahrt uns also vor jeder Form von Überheblichkeit, Arroganz und Stolz. Wir erkennen unsere Kleinheit, Beschränktheit und Hinfälligkeit. Mitfühlend sind wir auf der gleichen Stufe wie das leidende Wesen.

Die Praxis des Mitgefühls


Die Haltung des Mitgefühls erfordert Übung, damit sie uns in Fleisch und Blut übergeht. Hier folgt eine Form der buddhistischen Metta-Meditation, der Meditation des Mitgefühls: „Mögest du frei sein von Leid und von den Ursachen des Leidens. Mögest du glücklich sein und dich der Ursachen des Glücks erfreuen. Mögest du Heilung finden. Mögest du zu Gleichmut und Frieden gelangen. Möge es dir wohlergehen und mögest du zum Wohlergehen anderer beitragen.“