Donnerstag, 7. März 2019

Die Dimensionen der Verzweiflung

Die Verzweiflung ist wie eine Halbschwester der Traurigkeit. Sie taucht dort auf, wo der Ausweg aus dem seelischen Schmerz verbaut erscheint und alles Helle und Lichte im eigenen Leben verschwunden ist. Es ist, als wären wir ganz auf uns selbst zurückgeworfen, als gäbe es keine Hilfe und keine Rettung und als müsste das aktuelle Leid für immer fortdauern. Es gibt keinen Grund mehr für Hoffnung, alle Tore aus der schwierigen Situation scheinen versperrt. Verzweifeln heißt auch, dass wir das Grundvertrauen ins Leben verloren haben. All das, was uns Angst macht und Schmerz bereitet, hat sich über und in uns zusammengeballt, und wir haben die einzige Gewissheit, dass es keine Lösung und Befreiung gibt. Außer dieser Einsicht in die eigene Hilflosigkeit und das eigene Ausgeliefertsein gibt es nichts, was sicher ist und Halt geben könnte.  

Gefühl und Denken


Verzweiflung ist nicht nur ein Gefühl; dieser Zustand ist häufig mit geistiger Irritation oder Verwirrung verbunden. Darum ist sie nur eine Halbschwester der Traurigkeit. Es gibt also eine mentale Komponente, die mitspielt, wenn wir uns verzweifelt fühlen. In der Verzweiflung steckt der Zweifel, die gedankliche Infragestellung dessen, was ist. Wenn der Zweifel überhandnimmt, trennt er sich von allem ab, was ist, einschließlich von sich selbst.  

Auf diese Weise schwindet jede mentale Stärke, die der Verzweiflung abhelfen könnte. Wer fest an sich selber glaubt und sich die eigenen Fähigkeiten im Geist vergegenwärtigen kann, braucht nicht zu verzweifeln. Wenn allerdings selbstvertrauensschwächende Gedanken vorherrschen, vertieft das Denken die Verzweiflung. Das können Gedanken sein wie: „Ich schaffe das nie, es wird nie wieder besser, es gibt keinen Ausweg, ich weiß nicht, was ich tun soll, alles ist vergeblich“ usw.  

Das Verstandesdenken ist Meister im Verallgemeinern: Der momentane Zustand wird zum Ganzen erhoben: Statt „Jetzt sehe ich keinen Ausweg, jetzt habe ich keine Hoffnung, jetzt weiß ich nicht weiter“, nutzt das Denken die Formulierungen mit: „Nie (klappt was…), immer (geht alles daneben …), alles (ist umsonst….), nichts (hilft mir ….)“. Damit wird eine Überzeugung hergestellt, die erst recht keine Chance zum Entkommen erlaubt und die Verzweiflung zementiert. Diese Gedanken werden aus früh geprägten Gedankenmustern gespeist und fließen verstärkend in das Gefühl ein.  

Typisch für den Zustand ist, dass wir nicht genau unterscheiden können, ob wir in einem Gefühl oder im Denken sind. Beides wirkt zusammen, und gerade deshalb ist der Zustand so ausweglos. Das Denken kreist in sich selbst, das Gefühl hält uns in unserer Tiefe und Selbstbezogenheit gefangen.  

In der Verzweiflung geschieht die Hingabe – das Aufgeben der Kontrolle und des Besserwissens, der Verdrängung und der Oberflächlichkeit. Hingabe kann nur geschehen; wir können uns nicht für das Hingeben entscheiden, weil das kein Tun ist, sondern eine Haltung, die dann erscheint, wenn unser Ego beiseitetritt und Platz macht. Es gibt nichts mehr, was getan werden könnte. Ich kann mir selber nicht mehr helfen, also braucht es eine andere Hilfe, die ich nicht selber bereitstellen kann, sondern die von irgendwoher kommt oder eben nicht kommt.  

Im Grund ist es unser Ego, das in der Verzweiflung verzweifelt, weil es mit seinen Strategien am Ende ist. Es scheitert in der Verzweiflung und muss eingestehen, dass es keinen Rat und keine Hilfe anbieten kann. Es kann das Überleben nicht mehr sichern, und damit ist seine Hauptaufgabe obsolet geworden. 

Die Verantwortung abgeben 


Solange im Prozess des Verzweifelns andere Menschen beschuldigt werden oder das eigene Schicksal bejammert wird, ist die Verzweiflung noch nicht voll eingetreten. Vielmehr kennen wir alle die Versuche, die Verantwortung und Urheberschaft für unser Leiden an andere abzutreten, indem wir sie beschuldigen. Und selbst wenn wir scheinbar die Verantwortung zu uns zurücknehmen, indem wir feststellen, dass wir es waren, die alles falsch gemacht haben oder die vom Leben so sträflich benachteiligt wurden, verfügen wir noch im Hadern über einen Ankerpunkt, der uns vor dem Absturz in die volle Verzweiflung rettet. Wir halten uns daran fest, das Opfer anderer Menschen oder widriger Umstände, unseres Körpers oder unseres desolaten Inneren zu sein. Wir bleiben mit dem verbunden, was uns als Täter und Verursacher unseres Leidens erscheint. Die Hoffnung bleibt bestehen, dass sich die Ursachen verwandeln könnten, dass das Schlechte oder Böse noch gut werden könnte, und damit bleibt ein Aspekt der Kontrolle erhalten und die Macht der Verzweiflung ist abgeschwächt. Im Anklagen, Jammern und Klagen sind wir aktiv und kämpfen um eine Verbesserung der Lage, wenn auch meistens ohne Aussicht auf Erfolg.  

Mit solchen Strategien schützen wir uns vor der Wucht der vollen Verzweiflung, die uns in unseren Grundfesten erschüttert. Es ist auch notwendig und gut, dass wir über Mechanismen verfügen, die die Überwältigung durch die Verzweiflung abzufedern, denn an der vollen Verzweiflung kann nicht nur das Ego scheitern, sondern auch die Seele zerbrechen. Wenn die Anker und Gerüste der Persönlichkeit nicht nur erschüttert, sondern beschädigt oder zerstört werden, mündet die Verzweiflung in den physischen und/oder psychischen Zusammenbruch. Wenn es soweit kommt, treibt die Verzweiflung die betroffenen Menschen schließlich in den Suizid. 

Es braucht an diesem Punkt andere Leute, die an uns glauben und uns auch an diesem tiefsten Punkt festen Halt und liebevolle Präsenz schenken. Für viele Menschen ist auch der Kontakt zur Natur eine Stütze. Manchen anderen bleibt nur der Ausweg in eine Form der Ablenkung und Flucht – in Drogen oder andere Abhängigkeiten, die einen Halt vor dem völligen Absturz bieten können, allerdings gegen einen hohen Preis. 

Annehmen, was ist 


Die existenzielle Verzweiflung bleibt solange am Grund der Seele wirksam, solange sie nicht in dieser Tiefe angenommen und durchgestanden ist. Sie wird sich immer wieder melden und das Innenleben überschatten, in den verschiedensten Verkleidungen und Maskierungen. Sie wird die alltäglichen Herausforderungen und Unpässlichkeiten mit einer Note der Bitterkeit versetzen, Meinungsverschiedenheiten in scheinbar unlösbare Konflikte steigern, Krankheiten in seelisches Leiden verwandeln, widrige Welterscheinungen in Grübeleien übersetzen und dem ganzen Leben gegenüber zum Pessimismus neigen. 

Der Seelensucher macht sich dran, die Wurzel der Verzweiflung in frühesten traumatischen Erfahrungen zu finden und dort zu befrieden. Als Ungeborene und Kleinkinder waren die meisten von uns verzweifelt, wenn wir alleine gelassen, nicht verstanden oder lieblos behandelt wurden. Wir haben über so wenige Möglichkeiten verfügt, für unser Überleben zu sorgen, sodass in extremen Situationen nur mehr Verzweiflung und Resignation geblieben sind. 

Mit dem Verständnis, dass wir in der Verzweiflung in einen frühen Erfahrungszustand zurückrutschen, können wir uns bewusst machen, dass wir mit unseren Erwachsenenkompetenzen unser Leben meistern können. Es mag manchmal widrig und überfordernd sein, aber wir haben schon so vieles geschafft und werden auch über diese Hürde hinwegkommen. 

Die Verzweiflung an der Endlichkeit


“In der endlichen Verzweiflung schließe ich mich ein mit dem Endlichen; in der absoluten Verzweiflung schließe ich mich auch für das Unendliche." Mit der Unterscheidung von endlicher und absoluter Verzweiflung weist Kierkegaard auf die spirituelle Dimension der Verzweiflung hin, die ihn in seiner Philosophie und in seinem Leben immer wieder stark beschäftigt hat.  

Auch wenn wir gut mit unserem Leben zurechtkommen, gibt es Herausforderungen, die darüber hinausgehen und die aus anderen Tiefen als die Wunden unserer Kindheit stammen. Denn jedes Leben hat absolute Grenzen, auf die wir immer wieder stoßen. Es sind die kleinen Tode im Leben – Trennungen, Umbrüche durch Übergänge in den Lebensphasen, Krankheiten, Schicksalsschläge, Todesfälle usw., die am Sinn des Lebens verzweifeln lassen.  

Dahinter steht die Unerbittlichkeit der Endlichkeit jedes menschlichen Lebens. Viele Philosophen haben darauf hingewiesen, dass die Tragik des Menschseins mit dem Wissen um die Sterblichkeit verbunden ist. Wir bemühen uns, unser Leben zu meistern und wissen, dass wir irgendwann aus diesem Leben scheiden werden, ohne irgendetwas mitnehmen zu können. Worin soll da der Sinn liegen, fragt die Verzweiflung. Das “Sein zum Tode” oder die “Krankheit zum Tode”, wie die existenzialistischen Philosophen das menschliche Leben charakterisieren, kennzeichnet dieses Sich-der-Unendlichkeit-Verschließen.  

Die radikale Erfahrung der Endlichkeit kann in die Verzweiflung, in die “dunkle Nacht der Seele” (Johannes vom Kreuz) führen. Das Tor zur Unendlichkeit erscheint verschlossen. Tatsächlich wollen wir nicht durchgehen, weil wir nicht wissen, was auf der anderen Seite auf uns wartet. Wir müssten alle Hoffnungen, Illusionen und Erwartungen aufgeben, doch der Mut dazu fehlt. In diesem Sinn ist die Verzweiflung das Verharren auf der Seite der Begrenztheit und Relativität. Allerdings beginnt die eigentliche Suche, die Suche nach dem Absoluten, erst mit dem Durchschreiten dieses Tors.  

Für die spirituelle Sucherin gibt es nur diesen Schritt. Sie lässt sich auf die volle Gewalt der dunklen Nacht der Seele ein und steht sie durch, mit menschlicher Unterstützung oder alleine, und gibt sich ihr ganz hin, bis zur Morgendämmerung, in der das Ego sein Scheitern eingestehen kann und damit seine lebensbeschränkende Macht aufgibt. Hier passt das Zitat von J. Krishnamurti: „Nur ein Bewusstsein, das von Verzweiflung geprägt ist, kann die Wirklichkeit erkennen.“ 

Am Ende des Tunnels 


An diesem Punkt wartet eine neue Form der Freiheit, die sich auf das Vertrauen in das Ganze des Seins gründet. Was könnte noch passieren, was ärger ist als die abgrundtiefe existenzielle Verzweiflung? Die Erfahrung, dass alles, was bisher Sicherheit gab, in Trümmern liegt und dass es trotzdem weitergeht, gründet die innere Sicherheit auf eine Basis, die immer und jederzeit zur Verfügung steht, unabhängig von Umständen und Stimmungen.  

Freiheit heißt dann, von Gegebenheiten und Bedingungen sowohl im Äußeren wie im Inneren unabhängig zu sein. Die Wirklichkeit ändert sich dauernd, unvorhersehbar und unkontrollierbar. Im einen Moment können die Umstände günstig sein und unseren Erwartungen und Wünschen entsprechen. Im nächsten Moment kann das Gegenteil der Fall sein. Wir sind frei, wenn wir uns an dem einen nicht festhalten und vor dem anderen nicht schützen müssen. Die Auseinandersetzung mit der existenzbedrohenden Verzweiflung kann uns lehren, dass die Welt so sein kann, wie sie ist, und dass unsere einzige Aufgabe darin besteht, uns dem, wie sie uns begegnet, immer wieder aufs Neue hinzugeben. 

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