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Samstag, 29. November 2025

Liebe und Tod des Cornets und der Patriarchalismus

Rainer Maria Rilke zum 150. Geburtstag

In dem Prosagedicht „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Rainer Maria Rilke finden sich einige symbolträchtige Stellen, die aus einer rätselhaften Welt zwischen Wachen und Träumen zu stammen scheinen.

An einer dieser Stellen lesen wir:

„Einer, der weiße Seide trägt, erkennt, dass er nicht erwachen kann; denn er ist wach und verwirrt von Wirklichkeit. So flieht er bange in den Traum und steht im Park, einsam im schwarzen Park. Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: 

'Bist Du die Nacht?' 

Sie lächelt. 

Und da schämt er sich für sein weißes Kleid. Und möchte weit und allein und in Waffen sein. Ganz in Waffen.“

Dieser Text wird meist als Selbstfindung der Hauptfigur der Erzählung interpretiert. Der junge und unerfahrene Cornet sucht die Bestätigung in seiner Männlichkeit und findet zu seinem ersten (und letzten) Abenteuer in der Turmstube des Schlosses, mit der Gräfin. Der obige Text beschreibt die Anfänge dieser Begegnung.

Das Leiden am Patriarchalismus

Hier stelle ich eine Interpretation vor, die das Spannungsfeld des Patriarchalismus ins Blickfeld rückt. Das Prosagedicht ist an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, in einer Zeit, in der die traditionellen Geschlechtsrollen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ins Wanken geraten sind. Aus dieser Perspektive könnte der Ausbruch des 1. Weltkriegs (die „Stahlgewitter“ nach Ernst Jünger) als ein Aufbäumen des Patriarchalismus gegen seinen drohenden Verfall verstanden werden. Im „Cornet“ kündigen sich diese Entwicklungen an und werden mit feiner Hand vorgezeichnet.

Der als „Einer“ Bezeichnete ist der in die Anonymität eines Traumgebildes abgerutschte Cornet, der weiße Seide, ein „unmännliches“ Gewand trägt. Er ist noch nicht ganz Mann und hat deshalb keinen festen Platz in der patriarchalen Ordnung inne. Er will zwar dazugehören und schämt sich, weil er nicht dabei ist. Zugleich aber spürt er auch, dass der Eingang zur Männerwelt über die Frauen geht und dass er diesen Eingang nur finden kann, wenn er die Weiblichkeit in sich zulassen kann. Das gelingt erst, wenn die Ablösung von der Mutter vollzogen ist. Er denkt ein paar Seiten vorher an sie und schreibt ihr einen Brief, von dem er hofft, dass er ihr überbracht wird, auch wenn ihm etwas zustößt. Er bittet sie, auf ihn stolz zu sein, weil er als Cornet die Fahne tragen darf. Die Mutter wird dann nicht mehr erwähnt, bis auf den Schluss, wo ihr Leid über den verlorenen Sohn kurz erwähnt wird.

Im Niemandsland

Da er wohl nicht im Traum ist, weiß er nicht, weshalb er diese Bekleidung trägt und was sie bedeutet. Das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein ist so verwirrend wie das Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit. Die reife Vernunft und der ordnende Verstand stehen nicht zur Verfügung. Ganz in den Traum abzutauchen, soll helfen, der verstörenden Wirklichkeit zu entkommen. 

Im Traum, also in der Welt seines Unbewussten steht er alleine in einem „schwarzen Park“, abgeschnitten von den anderen. Der schwarze Park kann ein Symbol für das Totenreich sein, das im Schlafzustand näher rückt. Sein weißes Gewand steht im Kontrast zur Düsternis des unheimlichen Parks, aber nur scheinbar, denn die Leichen werden auch in weißes Leinen gekleidet. Denn er ist allein in dem Park, fern vom Fest der Unbeschwerten. 

Das Licht lügt, es scheint nur zum Schein, tut nur so, als würde es scheinen. Die Helligkeit gibt keine Sicherheit, sondern nur die Illusion. Die Lüge besteht im Hochhalten einer Moral, die schon längst brüchig ist, weil sie auf Macht und Gewalt beruht und mit der Liebe Schindluder treibt.

Nahe spürt er nur die Nacht, die sich wie eine Frau zu ihm neigt, denn die Nacht ist ein Symbol für das Weibliche. Er ist also dem Geheimnis auf der Spur. Er fragt sie, ob sie die Nacht ist. Ihre Antwort ist ein Lächeln. Ein Lächeln kann viel bedeuten: Wertschätzung, Zuwendung, Verführung, Trost, Entlarvung oder Verachtung. Er kann ihr Lächeln aber nicht lesen, weil ihm dafür die Sensibilität fehlt. Wo hätte er sie je lernen können? Das Aufwachsen im Patriarchalismus fordert von den Männern, ihre Verletzlichkeit durch Härte zu kompensieren.

Die Scham über die Anima

Deshalb trifft ihn von all den Bedeutungen des Lächelns nur eine: Er sieht sich erkannt, in seinem weißen Kleid, in seiner Unschuld und in seiner „Unmännlichkeit“. Dieser Scham will er entrinnen, indem er in eine trotzige Männlichkeit flüchtet: Allein und ganz in Waffen sein. So unerträglich ist die Weichheit und Verletzbarkeit unter der Last des patriarchal verordneten Mannseins. Die Flucht in die Symbole der Gewalt soll ihm Sicherheit vor seinem Unbewussten geben, in dem die Weiblichkeit, seine Anima, ihren Platz beansprucht. In einer von starrer Männlichkeit dominierten Welt muss er sich für die Weichheit und Zartheit, für die weiße Seide schämen und alle diese Strebungen in sich unterdrücken, damit er vor Verachtung und Ausgrenzung geschützt bleibt.

Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.“ Deshalb ist es gar nicht wichtig, die Umstände ihrer Begegnung zu wissen. Es spielt keine Rolle, was mit dem Mann der Gräfin ist noch welchen Namen der Geliebte trägt, denn: „Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.“

Es ist ein neues Geschlecht, weil es nicht an die herrschenden Rollenbilder angepasst ist. Es ist also ein neues Geschlechterverhältnis, das die Normen des Patriarchalismus hinter sich lässt. Es entsteht aus dem Moment der Begegnung und bleibt auf ihn beschränkt. Und es ist von kurzer Dauer, wie alles Vergängliche. Aber es trägt alle Namen in sich.

Liebe und Tod

Die Verbindung von Liebe und Tod, die bei Rilke oft auftaucht, ist ein Erbe des Patriarchalismus. Liebe ist in diesem System begrenzt und beschränkt. Die zugeteilten Geschlechtsrollen erweisen sich als mächtiger als die Liebe, sodass sie dem Tod geweiht ist, kaum dass sie erblühen konnte. Der typische Verlauf einer Liebesbeziehung im Patriarchat beginnt mit Verliebtheit und endet in einem dumpfen ehelichen Nebeneinander-Her-Leben. Wo der Fluss der Gefühle war, herrscht Stillstand und Leblosigkeit. Das ist die milde Form des Todes der Liebe, die brutale findet dort statt, wo die Gewalt  Einzug hält, indem der Hass die Liebe ersetzt. Die Allgegenwart des Todes als Ausfluss von Hass und Gewalt ist die unvermeidliche Nebenwirkung des Geschlechterungleichgewichts im Patriarchalismus. Wenn die Achtung fehlt, bricht sich unweigerlich die Bosheit ihre Bahn, um sich zu rächen. Der Kampf der Geschlechter ist ein Ringen um Anerkennung und Achtung, die beide Seiten schmerzlich vermissen. Es gibt aber kein Entrinnen, solange die Macht der Rollenfixierungen weiter besteht. 

Die postpatriarchale Utopie

Das Zwischenreich, das in dem Zitat vorherrscht, deutet auf die noch lange nicht real gewordene Utopie einer neuen, postpatriarchalen Ordnung hin, in der zwischen Männern und Frauen die Anerkennung der Unterschiede und die Obsorge für die Gemeinsamkeiten im Rahmen von Respekt und Achtung stattfinden. Es ist eine Zukunft, in der die Geschlechter die Geheimnisse der Liebe ohne Machteinflüsse und starre Rollenbilder erkunden können. Diese Utopie umfasst alle Formen der Geschlechtlichkeit, befreit von den Fesseln der patriarchalen Ideologie.

Der Eine, der seine Anima nicht aushalten und sich mit ihr nicht anfreunden kann, der nicht zu seiner Verletzlichkeit stehen darf, muss dann, wieder einsam und verlassen, im Kampf sterben. Die Tragik des männlichen Geschlechts im Patriarchalismus ist in ihrer vollen Tragweite eingetreten. Der männliche Held, der sich auf der Flucht vor der Weiblichkeit (seiner eigener und der in Gestalt der Frauen) der Gewalt verschreibt, muss durch sie umkommen. Zurück bleiben Frauen, die trauern.

Zum Weiterlesen:

Genderspektrum und "Dekadenz"
Geschlechtsidentität - genetisch - biologisch - sozial
Animus und Anima im 21. Jahrhundert
Das Reizthema LBTQ und der Patriarchalismus


Donnerstag, 20. November 2025

Geschlechtsidentität genetisch - biologisch - sozial

Das mit dem Geschlecht ist einfach nicht so einfach wie es sich das einfache Gemüt vieler Einfacher, die nur „normal“ denken wollen, vorstellt. Es gibt doch nur Männer und Frauen, das weiß man seit Menschengedenken. Dann kommt noch ein bisschen Bildung dazu: Das Y-Chromosom macht die Männer zu Männern, während das X-Chromosom die weiblichen Anlagen erhält. XX heißt also weiblich, XY männlich.

Das ist das „chromosomale Geschlecht“. Allerdings, und da wird die Bildungslage schon spärlicher, gibt es noch ein biologisches Geschlecht. Denn, genauer betrachtet, ist ein einziges Gen auf dem Y-Chromosom für das Geschlecht relevant. Das ist das SRY-Gen, das männlich assoziierte Gene aktiviert. Es ist also der primäre genetische Schalter für die männliche Geschlechtsentwicklung. Soweit so klar. 

Allerdings liebt die Biologie die Abweichungen mehr als die Regelmäßigkeit und hält sich nicht an unsere Bedürfnisse nach Einfachheit: Manchmal nämlich springt dieses SRY-Gen vom Y-Chromosom auf ein X-Chromosom. Diese Übertragung geschieht meistens während der Meiose, also während der Spermienbildung im Hoden des Vaters. Das Spermium bringt also diese Kombination zur Eizelle mit, was dann zu folgenden Konstellationen führt: Plötzlich gibt es da ein X mit einem SRY und ein Y ohne SRY. Was bedeutet das? Ein Y ohne SRY bedeutet, dass jemand körperlich weiblich, chromosomal männlich (XY) und genetisch weiblich (ohne SRY) ist. Ein X mit einem SRY bedeutet, dass jemand körperlich männlich, chromosomal weiblich (XX) und genetisch männlich (SRY) ist.

Wie schaut es dann mit den Hormonen aus? Schließlich sind es ja diese Botenstoffe, die die männlichen bzw. weiblichen Körperformen bis hin zu den geschlechtstypischen Gefühlslagen herstellen. Jemand ist dann ein hormoneller Mann, wenn er das „normale“ Maß an männlich assoziierten Hormonen produziert. Gleiches gilt für die Frauen. Allerdings verfügen nicht wenige Frauen über einen höheren Gehalt an „männlichen“ Hormonen als nicht wenige Männer, und wieder gilt das Gleiche für Männer mit mehr weiblich interpretierten Hormonen als viele Frauen. Es kann dann sein, dass ein Körper im Lauf der weiteren Entwicklung nicht genügend Hormone für das genetische Geschlecht entwickelt. Dann ist jemand genetisch männlich oder weiblich, chromosomal männlich oder weiblich, hormonell nicht binär und körperlich nicht binär.

Wenn es da schon keine Einfachheit gibt, hilft vielleicht noch der Blick auf die Zellen. Die Zellen verfügen über Rezeptoren, die die Signale der Sexualhormone zwar wahrnehmen, aber nicht immer darauf reagieren. Also nicht einmal dort finden wir zu klaren Zuordnungen, vielmehr wird es noch komplexer: Jemand kann genetisch männlich oder weiblich, chromosomal männlich oder weiblich, hormonell männlich / weiblich / nicht binär sein, mit Zellen, die die männlichen / weiblichen / nicht-binären Signale hören können oder nicht, und all dies führt zu einem Körper, der männlich / nicht binär / weiblich sein kann.

Je näher man hinschaut, desto komplexer wird die Situation und desto mehr Varianten gibt es. Dabei sind hier die sozialen Geschlechtszuschreibungen und Rollenbilder noch gar nicht erwähnt. In der Geschlechtsidentität eines jeden Menschen ist die ganze lange Geschichte des Patriarchats eingespeichert, mit all ihren Zwängen und oft gewaltsam durchgesetzten Normierungen.

Da es also mit dem biologischen und erst recht mit dem sozialen Geschlecht so kompliziert ist, sollten wir endlich damit aufhören, unsere Mitmenschen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Geschlechtsidentität zu beurteilen oder gar zu diskriminieren. Wir sollten auch aufhören, diese Fragen zu politischen Kampf- und Streitthemen zu machen und mit ihnen Unsicherheit, Misstrauen und Gewaltbereitschaft zu verbreiten. Wir wissen ja nicht einmal über unsere eigenen Chromosomen oder über die Empfangsbereitschaft unserer Zellen genau Bescheid, geschweige denn wissen wir diesbezüglich etwas über die Menschen um uns herum. 

Also sollten wir uns nicht anmaßen, andere abwerten, die nicht einer „Norm“ entsprechen, einer Norm, die wir für selbstverständlich halten, ohne sie überprüft zu haben. Auch wenn die Biologie kompliziert ist, können wir ein freundliches  menschliches Verhalten mit Verständnis und Respekt wählen, das sollte ja nicht so kompliziert sein.

Zum Weiterlesen:
Das Reizthema LBTQ und der Patriarchalismus
Gendern und die Wunden des Patriarchalismus


Donnerstag, 23. Februar 2023

Rollen von Kindern narzisstischer Eltern

Wenn Kinder narzisstische Eltern oder Eltern mit narzisstischen Anteilen haben, tun sie sich schwer, ein intaktes Selbst aufzubauen. Je nach den Prägungen und Defiziten der Eltern neigen sie dazu, bestimmte Rollen einzunehmen. Solche Rollen dienen dann als unbewusste Leitlinien für das Erwachsenenleben und für die Beziehungsgestaltung. Sie prägen auch das Schamempfinden.  

Diese Rollen sind nicht scharf voneinander abgegrenzt, sondern können auch in Kombination oder in verschiedenen Situationen abwechselnd auftreten. So können goldene Kinder zugleich Helfer sein und einen Anteil an Gehirnwäsche mitnehmen. Schwarze Schafe sind oft auch Sündenböcke. Die Wahrheitsverkünder werden meist zu schwarzen Schafen. Bei Einzelkindern kann es sein, dass sie mehrere Rollen übernehmen müssen. 

Es ist in dem Artikel immer von den narzisstischen Eltern die Rede; oft ist es so, dass nur ein Elternteil starke narzisstische Züge ausgeprägt hat. Aber es wird immer auch einen komplementären narzisstischen Teil bei dem anderen Elternteil geben, sonst würde die Beziehung zwischen den Eltern nicht von Dauer sein. 

Im Folgenden werden einige der Rollen, die Kinder in einer Familie mit narzisstischen Eltern einnehmen, näher erläutert. Die Bezeichnungen habe ich aus dem Buch von Turid Müller übernommen: Verdeckter Narzissmus in Beziehungen. (Kailash-Verlag 2022) 

Das goldene Kind

Es wird von den Eltern idealisiert, die es unbewusst als Erweiterung ihres Selbst ansehen und es dazu nutzen, die inneren Defizite aufzufüllen. Solchen Kindern wird missbräuchlich die Erwartung in die Wiege gelegt, die Träume und Sehnsüchte der Eltern zu verwirklichen. Sie haben dann große Probleme, eigene Wünsche und Ziele zu entwickeln und umzusetzen. Alle Errungenschaften und Erfolge des Kindes vereinnahmen die Eltern für sich und erzählen dann: „Wir haben ein ausgezeichnetes Schulzeugnis bekommen!“ „Wir haben den Schönheitswettbewerb gewonnen.”   

Vergoldete Kinder brauchen andere Personen in ihrer Umgebung, um nicht selber zu Narzissten heranzuwachsen, da sie den Narzissmus ihrer Eltern widerspiegeln. Entweder schaffen sie es mit ihrer hohen Anspruchshaltung, erfolgreich zu werden und sich ein Leben voll von Statussymbolen aufzubauen, um von allen bewundert zu werden. Dabei sind Züge des grandiosen Narzissmus unvermeidlich. Oder sie geraten in die Schiene des Versagens, in die depressiv-narzisstische Variante. Sie erwarten, dass ihnen das Leben alles in den Schoß wirft, was sie sich wünschen, ohne sich anstrengen zu müssen. Geschieht das nicht, sind die äußeren Faktoren dafür verantwortlich. Es kann sein, dass sie oft bis weit ins Erwachsenenleben im Haushalt der Eltern verbleiben und an ihrer Erfolglosigkeit und Unselbständigkeit leiden, für die sie die Schuld bei anderen suchen, ohne die Bereitschaft zu entwickeln, sich mit eigener Verantwortung aus der Misere zu befreien. 

Goldene Kinder wissen nur Gutes über ihre Eltern und ihre Kindheit zu erzählen, die in ein verklärtes Licht getaucht wird. Makellos wie die Kindheit gewesen sein soll, so makellos wollen sie als Erwachsene erscheinen. 

Goldene Kinder entwickeln unbewusste Schuldgefühle gegenüber ihren Geschwistern, die benachteiligt worden sind und deshalb Eifersuchtsgefühle entwickelt haben, oder sie kompensieren das schlechte Gewissen damit, ihre Geschwister abzuwerten und zu missachten. Narzisstische Eltern haben oft die starke Neigung, Keile zwischen die Kinder zu treiben, indem die einen bevorzugt und die anderen benachteiligt werden, die einen zu Verbündeten und die anderen zu Sündenböcken oder Außenseitern erklärt werden.  

Für goldene Kinder ist es wichtig, von früh an zu lernen, die eigenen Schamgefühle zu verdrängen oder zu instrumentalisieren. An deren Stelle entstehen starke Neigungen zur Unverschämtheit und Arroganz (bei der grandiosen Variante) oder die Schamgefühle äußern sich in Anklagen gegen die Ungerechtigkeiten und im Vertiefen der Opferrolle, womit die Neigungen zu Selbstzweifeln und Selbstanklagen kaschiert werden. (bei der verdeckten Variante). 

Das gehirngewaschene Kind  

Auch das Schlimme, was ihnen widerfährt, interpretieren sie als Ausdruck elterlicher Liebe, oft initiiert von Eltern, die dem Kind suggerieren, es geschehe alles zu seinem Besten. Selbst missbrauchende Eltern werden idealisiert, es wird die gute Miene zum bösen Spiel von früh an erlernt. Oft sagen die Erwachsenen dann über ihre Kindheit: „Meine Eltern waren wunderbare Eltern, auch wenn sie nicht immer alles richtig gemacht haben. Aber sie hatten es selbst nicht leicht in ihrer Kindheit.“ 

Verdrängung ist einfacher als das Aufrechterhalten des Schmerzes, der Scham und der Sehnsucht nach der Heilung. Allerdings zehrt sie an der Substanz und verhindert den Aufbau eines stabilen Selbstwertes und einer klaren Ich-Identität. Sie verengt zusätzlich den Blick auf die Realität und führt häufig dazu, dass später Partnerschaften mit narzisstischen Menschen eingegangen werden, die die Eltern widerspiegeln.  

Die moralische Reinwaschung der Eltern dient der Unterdrückung der Schamgefühle in mehrfacher Hinsicht: Verdrängt werden muss die Scham über das eigene Schicksal sowie die Scham über die Eltern und deren Unfähigkeit zu lieben, und dazu noch die Scham, die mit jeder Form der Verletzung und des Missbrauchs verbunden ist. Gehirngewaschene Kinder bleiben oft ihr Leben lang mit der Herkunftsfamilie als Schicksalsgemeinschaft verstrickt, mit der heimlichen Hoffnung, dass sie dort endlich einmal die Harmonie schaffen können, die sie immer schon gebraucht hätten und die sie in ihrer Fantasie und ihren Träumen schon längst vorweggenommen haben. 

Im Erwachsenenleben suchen die von dieser Prägung betroffenen Menschen häufig Berufe, in denen sie wenig Verantwortung tragen müssen. Da sie in ihrer Wirklichkeitswahrnehmung verunsichert sind, ziehen sie es vor, klare Vorgaben zu bekommen, nach denen sie sich orientieren können. 

Der Sündenbock

Diese Kinder sind oft betroffen von einer Urscham. Ungewollt oder ganz früh schon abgelehnt, bleiben sie auch nach der Geburt die Projektionsfläche für alles Negative, das die Eltern belastet, und werden beschuldigt, das Unglück der Erwachsenen verursacht zu haben. Sie werden mit den Sünden der Eltern beladen, wie im alten Israel der Bock, dem die Verfehlungen der Gemeinde auf den Rücken geladen wurden und der dann in die Wüste gejagt wurde. Das Kind wird permanent mit der Scham der Eltern beladen und zieht daraus den Schluss, sich für seine Existenz zu schämen. Wenn es nicht da wäre, wäre alles besser. Diese Prägung kann später zum Suizid führen, zu suizidalen Tendenzen oder zu selbstgefährdendem Verhalten. Oft entsteht auch ein starker Impuls, der dann zum zentralen Lebensthema wird, eine Gegenleistung zu erbringen für das, was die eigene Existenz den verblendeten Eltern an Schaden und Leid verursacht hat und endlich Anerkennung zu bekommen.  

Es kann aber auch sein, dass der Sündenbock das Weite sucht und die Familie verlässt, sobald es ihm möglich ist. Denn in dem System kann er in dieser Rolle kaum überleben. Er geht dann den Weg des Rebellen, der Wege sucht, um sich in den verschiedensten Arenen des Lebens für die erlittenen Ungerechtigkeiten zu rächen. 

Das schwarze Schaf 

Es gibt in Familien immer wieder Kinder, die aus der Reihe fallen. Entweder sind sie durch eine Behinderung mit einem Makel behaftet oder sie erwerben Verhaltensauffälligkeiten oder chronische Krankheiten. Es sind Kinder, die es vermissen, um ihrer selbst geliebt zu werden und entwickeln alle möglichen Symptome, um auf diese Weise mehr Liebe zu bekommen. Zugleich leiden sie, weil alle Verhaltensweisen oder Charaktereigenschaften, die sie zum schwarzen Schaf machen, unweigerlich mit Scham verbunden sind. Es kommt auch vor, dass ein Kind einen Charakterzug seiner Eltern in besonderem Maß auslebt, der von ihnen verdrängt wurde, z.B. die Ängstlichkeit, die Aggressivität oder die Empfindlichkeit. Solche Eltern schämen sich dann für ihre Sprösslinge - sie projizieren also die eigene Scham auf es. Das Kind wiederum schämt sich gerade wegen dieser Eigenschaft, für die es kritisiert oder belächelt wird und die es nicht loswerden kann.  

Auch hier wirkt die Wucht einer Urscham. Außenseiter, Ablehnung, die Finger richten sich abwertend auf das Kind, das zum Sammelbecken von Projektionen wird und darunter leidet. Es entwickelt Neigungen zum Erfüllen der negativen Prophezeiungen, sodass das Unbewusste mitwirkt und Fehlleistungen oder Unfälle hervorruft, für die dann wiederum Schamgefühle entstehen. Kinder wollen auf einer Ebene immer, dass die Eltern Recht haben, auch wenn sie selber die Betroffenen sind. Sie sind von der Ausgeschlossenheitsscham betroffen und haben oft später im Leben Probleme damit, sich in eine Gemeinschaft einzufügen.  

Das Helferlein

Kinder, denen es an Liebe mangelt, die aber immer hören, wie lieb sie gehabt werden, ohne dass sie es spüren können, machen sich selbst für den Liebesmangel verantwortlich. Eine Möglichkeit, mit diesem Mangel zurechtzukommen, liegt darin, von früh an Kompetenzen zu entwickeln, mit denen sie den Eltern helfen können. Sie spüren deren Schwächen und wollen sie durch eigene Taten ausgleichen. Das kann so weit gehen, dass sie die ganze Familie managen, für die kleinen Geschwister sorgen oder die Eltern daran erinnern, wann der Müll ausgeleert oder die Stromrechnung bezahlt werden muss. Sie können aus dieser Rolle heraus in einen grandiosen Narzissmus verfallen, bis hin zur Überzeugung, die ganze Welt retten zu müssen.  

Das Helferlein will seine Daseinsberechtigung dadurch sichern, dass es sich nützlich macht und die Schwächen der Eltern ausgleicht. Da es diese Aufgabe nie zur Gänze erfüllen kann, bleibt die Scham über die eigene Unzulänglichkeit bestehen. Die Abhängigkeit von den Eltern und die Notwendigkeit, ihnen zu helfen, bleiben oft ein Leben lang bestehen. Denn die Scham treibt sie an, endlich den in sie gesetzten Erwartungen gerecht zu werden. Die Notlösung der Kindheit wird zur Lebenshaltung: Nur wenn man es schafft, genug für die Eltern zu tun, verdient man es geliebt zu werden.  Oft werden Berufe ergriffen, die mit dem Helfen zu tun haben, weil die Hoffnung besteht, auf diesem Weg endlich Liebe und Anerkennung zu bekommen. 

Die Wahrheitsverkünder

Sie erkennen früh, dass etwas im Familiengefüge nicht stimmt. Sie fallen durch viel Schreien im Babyalter, durch starken Trotz im Kleinkindalter und durch ausgedehnte Rückzüge in die Fantasiewelt in der späteren Kindheit auf. Je größer sie werden, desto deutlicher drücken sie ihr Unbehagen aus, stoßen aber auf die tauben Ohren oder die entrüstete Zurechtweisung der in sich befangenen Eltern. 

Folglich werden sie zu Außenseitern, fühlen sich oft einsam und ausgeschlossen, was wiederum zur Quelle für ihre Scham wird. Da sie sich in irgendeiner Weise anpassen müssen, um im Familiensystem überleben zu können, tun sie das, indem sie irgendeine Form der Verweigerung suchen: Sie reden wenig, werden mürrisch oder aufmüpfig und verhalten sich rebellisch.  

Sie haben eine hohe Sensibilität entwickelt, mit der sie über ein feines Gespür für Gefühle und Stimmungen verfügen. Damit haben sie ein Werkzeug, das ihnen überall dort hilft, wo es um Empathie geht. Es macht es ihnen allerdings auch schwierig macht, tragfähige Beziehungen einzugehen, weil sie jede Unstimmigkeit und jede emotionale Verwerfung sofort spüren und ansprechen müssen. Kleinigkeiten können dann den Anlass für tiefe Zerwürfnisse bilden. Sie haben gelernt, sich auf die eigene Intuition zu verlassen, doch ist diese gewissermaßen auf das eigene Familiensystem geeicht, in dem es zum Überleben gedient hat, und zielt häufig projektiv in die Irre, wenn es auf andere, familienfremde Personen angewendet wird. 

Die Wahrheitsverkünder widmen sich später oft engagiert der Wahrheitssuche und fühlen sich berufen, Therapeuten oder spirituelle Lehrer zu werden. 

Zum Weiterlesen:
Grandioser und verdeckter Narzissmus
Der elterliche Narzissmus und die Selbstfindung


Mittwoch, 16. Oktober 2013

Des Pudels Kern

Oft sprechen wir vom inneren Kern in einem Menschen oder in uns selbst: „Suche deinen inneren Kern, verbinde dich mit ihm, sieh den heilen Kern in jedem anderen Menschen“ usw. Wir nutzen die Metapher des Kernes, um einen Unterschied anzumerken zwischen dem Äußeren oder Äußerlichen und dem Inneren, zwischen dem, was wir als uneigentlich und als eigentlich empfinden (z.B. „So, wie mich die anderen sehen, bin ich gar nicht.“ Oder: „So, wie ich mich gestern verhalten habe, entspricht das nicht dem, was ich bin.“) Also soll der Begriff des Kernes auf unser Wesen, unser Selbst, unser eigentliches Sein verweisen.

Aus der Metapher können wir einige Assoziationen gewinnen: Kerne haben eine harte Schale, die ihren eigentlichen Schatz, den fruchtbringenden Samen, beschützt. Kerne sind fest und solide. Sie geben ihren Inhalt nur unter besonderen Bedingungen preis, wenn es um die Weitergabe des Lebens geht.

Gehen wir auf den Weg der Innenerforschung, werden wir also zu Kernforschern, so können wir diese Schätze finden. Zunächst lösen wir uns dabei von eingefahrenen Mustern und bewältigen tiefsitzende Ängste, die vorher unsere Kreativität blockiert haben. Dadurch melden sich kreative Ideen, die unser Leben und das der anderen bereichern. Jedes Element an Kreativität, dem wir Raum geben, öffnet uns für neue Lebensmöglichkeiten. Damit werden wir mehr und mehr zu dem, was unser Selbst ausmacht, unser eigentliches Wesen, hinter allen Prägungen und Gewohnheiten.

Identitäten

Dr. Faustus und der Pudel

In diesem Prozess lösen wir uns von Identitäten, die wir im Lauf unseres Lebens erworben haben – der Mann oder die Frau, die wir sein wollen, die berufliche Rolle, die wir übernommen haben, die Person, die wir in Freundschaftsbeziehungen sind, die Vorlieben, die wir im Freizeitbereich ausgebildet haben usw. Wir verändern in diesem Verlauf nicht unbedingt das, was wir tun oder wie wir uns verhalten, sondern vor allem die Identifikation mit diesen Verhaltensweisen und den daraus zusammengesetzten Identitäten. Wir erkennen, dass wir so sein können oder auch anders.

Mit jeder Identität, die wir verabschieden, löst sich eine Schale, und wir kommen des Pudels Kern näher. Wir sehen, dass wir wie in einem Lagenlook ein Gewand nach dem anderen ablegen können und damit immer mehr zutage tritt, wer wir „wirklich“ sind. Wir werden dabei Zustände erleben, in denen es uns schließlich völlig egal ist, ob es dieses „wirkliche Ich“ überhaupt gibt oder nicht.

Auf dieser Reise zum Kern können wir den Spruch „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt‘s sich ganz ungeniert“ trefflich nutzen. Wenn wir uns nicht mehr über unseren Ruf definieren, ist ihm sein Einfluss genommen und er ist schon ruiniert. Denn der „Ruf“ hat nur so lange die Macht über uns, unser Verhalten zu kontrollieren, so lange wir uns mit ihm identifizieren. Sobald wir ihm eine identitätsstiftende Funktion absprechen, bricht diese Macht auf ein Häufchen Asche zusammen.

So brauchen wir auch im Alltag keine der selbst auferlegten und der zugeschriebenen Identitäten mehr ernst zu nehmen. Wir können Rollen ausfüllen und völlig leer zurücklassen, wenn wir die Bühne verlassen. Wir schlüpfen in eine Identität wie in ein Kleidungsstück, das uns für bestimmte Zwecke zunutze kommt, und nicht mehr.

Modelle und Verdinglichungen


Unter Stress werden wir immer wieder in die alten gewohnten Rollen und erprobten und abgesicherten Verhaltensmuster zurückfallen. Wir glauben, dass sie uns die Stabilität vermitteln, die wir brauchen, um die Gefahrensituation zu überstehen. Je mehr wir allerdings über uns wissen, desto deutlicher wird uns werden, wenn wir in solche Zustände geraten, und desto seltsamer wird uns erscheinen, wie wir uns dann verhalten. Daran merken wir, dass wir beginnen, uns von einem alten Muster zu entfremden. Wir sind zu einer Identität, die uns lange vertraut war, in Distanz gegangen und nehmen sie nicht mehr so wichtig, sondern erkennen, dass wir auch anders können.

Auch die Beschäftigung mit dem Evolutionsmodell, das in dieser Blogserie immer wieder angesprochen wird, kann zur Verdinglichung führen: Ich ordne mich auf eine bestimmte Stufe der Entwicklung ein und gebe mir damit eine bestimmte Identität, z.B. „Ich verhalte mich meistens personalistisch“. Doch auch diese Identität, diese Festlegung meines Kerns ist nur ein Konzept, das ich von mir selber bilde. Wenn ich die Schale dieses Kerns durchbreche und in den Kern des Kerns hineinspüre, finde ich dort nichts mehr, was sich festhalten ließe. Alles fließt oder: alles ist leer.

Jedes Modell verhilft uns zunächst zu einer Erleichterung. Wir erkennen uns in wichtigen Grundmustern und bekommen durch das Modell die Bestätigung, dass wir in Ordnung sind, wie wir sind und dass wir uns durch die Kritik, die von anderen kommt, nicht grundsätzlich in Frage stellen lassen müssen. Wir bekommen durch das Modell die Unterstützung dabei, zu unserem So-Sein zu stehen, statt uns dauernd nach den Vorstellungen anderer ändern zu müssen. „Ich bin ein Krebs vom Sternzeichen, also passt es zu mir, wenn ich mich gerne zurückziehe.“ „Ich bin ein Fünfer im Enneagramm, also muss ich auch immer wieder mein reflektierendes Denken aktivieren.“

Und jedes Modell kann sich mit der Zeit unserer inneren Befreiung in den Weg stellen. Wir beginnen uns mit ihm zu identifizieren und es zur Fixierung unserer eingewöhnten Haltungen einzusetzen. „Weil ich Sanguiniker bin, werde ich nie verlässlich sein können, das wird sich nie ändern und das will ich auch gar nicht.“ Warum jedoch sollte ein als Sanguiniker nicht einmal die Zuverlässigkeit ausprobieren, auch wenn es ein wenig Überwindung erfordert? Wer stur auf seinen modellhaften Eigenschaften beharrt, verbaut sich diesen Zugewinn an Flexibilität und Freiheit. Die Schale des Kerns wird wieder dicker und undurchdringlicher, fester und dinglicher.

Die Versuchung zur Verdinglichung unserer selbst versteckt sich in allen Ecken und Winkeln unseres Innenlebens. Es ist, als wollte sich unser ängstliches Ego, dem langsam die Felle davonschwimmen, irgendwo auf eine solide Insel retten, um nicht vom Fließen der Ereignisse weggespült zu werden. Wenn alles in Veränderung ist, ist nichts mehr sicher. Deshalb will unser Ego mit aller Macht an unserer Identität festhalten und möchte sie am liebsten in unvergänglichen Stein meißeln.

Das Modell der Modelle


Wenn wir bereit sind, die Krücken, die uns die Identitätsmodelle anbieten, beiseite zu stellen, stoßen wir auf ein letztendliches Modell, ein Modell, das nur auf mich zutrifft, auf mein ganz eigenes Modell. Es repräsentiert meine ganz individuelle Mischung aus all den genetischen Anlagen, Überlieferungen der Vorfahren, Lebenserfahrungen im sozialen, kulturellen und politischen Umfeld, und das alles in permanenter Entwicklung und Veränderung, ein Modell, das sich in jedem Moment eine neue Form gibt und dessen Grundstrukturen sich auch in ihrer Zeit umgestalten.

Mit diesem Modell der Modelle kommt alles, was sich an uns selbst verdinglicht hat, ins Fließen. Da gibt es nichts Festes mehr, sondern einen beständigen Wechsel, ein dauerndes Öffnen und Verabschieden, ein Verändern von Nuancen und Schattierungen. Nichts ist von Dauer, und nichts braucht festgehalten werden. Überzeugungen werden zu Meinungen, die auch anders formuliert werden können. Gewohnheiten werden zu Verhaltensmöglichkeiten unter anderen. Gefühle und Stimmungen sind das, was das Leben im Moment so färbt und dann wieder anders. So ist die innere Freiheit beschaffen.

Und was passiert, wenn wir auch dieses unser ganz eigenes Modell loslassen, wenn wir darauf verzichte, uns irgendein Konzept über uns selbst zu basteln und beschließen, jede Identität, die uns an uns auffällt, postwendend gleich wieder zu entsorgen? Haben wir dann wieder ein Konzept, nämlich das der Konzeptlosigkeit, ein Modell der Modelllosigkeit, einen Kern ohne Kern?

Es liegt wie immer an uns, ob wir etwas aus der Freiheit, die uns die Konzeptlosigkeit bietet, machen, also ob wir uns daraus eine neue Identität basteln oder ob die Freiheit einfach genießen und die Überraschung, die jeder neue Moment bereitet, annehmen. Wann immer uns das gelingt, fühlt sich das Leben als stimmig und erfüllt an – wie gesagt, ohne dass das wiederum in ein Konzept gegossen werden müsste, weil es ja im nächsten Moment wieder anders sein wird.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Zum Verstehen des Männlichen und Weiblichen und der Beziehungen zwischen beiden hat Carl Gustav Jung vor fast hundert Jahren das Modell von Animus und Anima entwickelt. Die Idee dabei ist, dass jeder Mann in sich versteckt weibliche Anteile hat (Anima) und jede Frau einen verborgenen Animus. Wir suchen uns Beziehungspartner aus, die unsere eigenen ungelebten und unbewussten Anteile zum Ausdruck bringen, sodass wir in der Beziehung zu dieser Ganzheit finden wollen. Allerdings scheitert dieser Weg, sobald deutlich wird, dass der Partner oder die Partnerin in der Beziehung den Erwartungen nicht gewachsen ist. Zum einen fließen in die Projektion die Verletzungen und Irritationen ein, die wir als Kind erlebt haben, zum anderen haben wir es mit Archetypen zu tun, die wir gerne mit realen Personen verwechseln.

Die Anima


Die Anima gilt als die weibliche Seite im Unbewussten des Mannes, der Archetyp des Weiblichen. Sie wird als intuitiv, aufnehmend, einfühlsam, aber auch launisch aufgefasst.
Die Anima kann sich störend in Beziehungen einmischen, wenn der Mann von einer Frau erwartet, dass sie so ist wie die archetypische Gestalt in ihm, was keiner realen Frau je gelingen wird. Vielmehr muss der Mann diese Anteile in sich selbst entwickeln, sonst geht er in die Irre und entwickelt eine narzisstische Beziehungsstörung. Dabei ist noch zu beachten, dass der Anima-Archetyp vom Mutterarchetyp überlagert ist und erst einmal von diesem befreit werden muss, bis dem Mann klar wird, wie er seinen weiblichen Pol ausgestalten kann. Der positive Aspekt der Anima ist die Führung nach innen, zum Ernstnehmen der eigenen Empfindungen, Gefühle und Phantasien. Dadurch kann der Mann das empfangende Prinzip in sich entwickeln.

Der Animus


Der Animus repräsentiert die männlichen Aspekte im Unbewussten der Frau, den Archetyp des Männlichen. Er wird als rational, bestimmend und beherrschend beschrieben. Ähnlich wie beim Mann, wirken auch bei der Frau die archetypisch geprägten Rollenerwartungen belastend auf die Beziehung. Sie sind zusätzlich aufgeladen mit den inneren Vaterbildern und Prägungen durch andere männliche Familienmitglieder. Auch hier gilt es, dass die Frau in sich die Qualitäten entwickelt, die ihr Animus für sie bereit hält. Seine positiven Aspekte liegen nach Jung in Mut, Unternehmungsgeist und Wahrhaftigkeit, sowie auch in der Seelenführung zur inneren Wandlung.

Der heilsame Nutzen


C.G. Jungs Intention, diese Archetypen zu beschreiben, lag darin, den Menschen zur Ganzheit (zum Heilsein) zu verhelfen. Als Tiefenpsychologen war es ihm wichtig, verdrängte unbewusste Anteile ins Bewusstsein zu holen und damit der Psyche zugänglich zu machen. Damit wollte er Männern wie Frauen helfen, sich zu finden und zu vervollständigen und damit ihre Beziehungsprobleme besser lösen zu können. Wird nämlich eine Projektion auf den Beziehungspartner erkannt und zurückgenommen, entsteht ein neuer Raum für die Liebesbeziehung. Zugleich fühlt sich jeder mit sich selber besser, wenn alle Seelenanteile ihren Platz im Bewusstsein und in der eigenen Identität haben dürfen.

Allzu mechanistisch aufgefasst, kann allerdings das Modell so missverstanden werden, als ob jeder Mann dem Archetypus, der zugleich als Idealtypus fungiert, möglichst nahe kommen muss, um ein „echter Mann“ zu sein, und umgekehrt so bei der Frau. Jeder Mann müsste dann die für alle gleiche Anima in sich finden, und jede Frau den ebenso allgemein verbindlichen Animus.

Der Archetyp ist jedoch kein Ideal, sondern laut Jung eine Gestalt aus dem kollektiven Unbewussten. Er symbolisiert zentrale menschliche Erfahrungen, die es, wie in diesem Fall die Begegnung von Mann und Frau, in allen Kulturen gibt. Er umfasst eine ganze Bandbreite von Phänomenen, und es ist deshalb leicht irreführend, wenn er mit ganz bestimmten Eigenschaften behaftet wird. Jede inhaltliche Beschreibung des Archetypen greift immer zu kurz.

Folglich kann die Beschäftigung mit Animus und Anima nur dann heilsam wirken, wenn von der jeweils individuellen Ausgestaltung der Archetypen ausgegangen wird, wie sie symbolisch verkleidet in Träumen oder Fantasien auftauchen kann. Dabei hilft der Archetyp mehr als Wegweiser denn als Ziel, das es zu erreichen gilt. Das Ziel ist die innere Ganzheit, das Zu-Sich-Selbst-Kommen in der je eigenen Form und nicht die Anpassung an ein vordefiniertes Muster.

Auch die Traumgestalt, so eindrucksvoll sie sein mag, gilt es nicht nachzuahmen, sondern die eigene Form, die sich darin verbirgt, die individuell wahrnehmbare Bedeutung und der selbst interpretierte und gefundene Symbolgehalt sind die Richtschnur der Exploration und der Garant der integrativen Aneignung.


Rollenbilder


 

Kritisiert wird an Jungs Modell der Rückgriff auf gesellschaftlich vorgeprägte Rollenbilder. Gibt es nicht Frauen, die rational und dominant sind und denen ein wenig mehr Weichheit gut täte? Oder Männer, die nachgiebig und gefühlvoll sind, und denen mehr Durchsetzungskraft nicht schaden könnte? Zu Jungs Zeit waren die Rollenbilder noch klar definiert und zementiert. Doch da hat sich viel geändert. Zwar gibt es nach wie vor das Ziel in der Erziehung, dass Männer zu Männern und Frauen zu Frauen erzogen werden. Auch wenn jede Zeit ihre Männer- und Frauenbilder entwirft und verbreitet, gibt es dazu den Trend, dass diese Bilder immer vielfältiger und vieldeutiger werden, sodass es immer unklarer wird, zu welchen Männern und Frauen erzogen werden soll.  

Darin wird deutlich, dass jeder Mensch eine eigene Mischung aus Animus und Anima bildet, die einen haben mehr von dem einen und die anderen mehr vom anderen. Es gibt “männlichere” Frauen als manche Männer u.U. Eine in die Zukunft gerichtete Idee wäre, dass sich Männer wie Frauen von vordefinierten Rollenbildern lösen und frei ihre Form von Anima und von Animus leben können. Dann dienen uns die beiden Pole als Archetypen, die von jedem Menschen in seiner eigenartigen und einzigartigen Form ausgelegt werden.


Archetypen und das Individuum



Wir sprechen von Archetypen, prägenden Grundideen des kollektiven Unbewussten. Die Wirklichkeit zeigt Männer und Frauen in unterschiedlichster individueller Ausprägung, eine unendliche Vielfalt in der Mischung des Männlichen und Weiblichen, die sich nicht als Pole gegenüberstehen, sondern in einem Kontinuum verschmelzen. Bei der Gestaltung der jeweiligen Animus-Anima-Persönlichkeit wirken die genetisch und epigenetisch weitergegebenen Anlagen ebenso mit wie embryonale Erfahrungen (Geschlechtswunsch der Eltern, eventuell Begegnung mit einem Zwilling, Interaktionserfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft usw.) und natürlich die Rollenbilder, die in der Erziehung und im kulturellen Umfeld vermittelt werden.

Typisch Mann – typisch Frau, die einen vom Mars, die anderen von der Venus, diese Stereotype nähren sich aus den vielfältigen Quellen der Identitätsbildung, von den Hormonen bis zu den Ikonen der Werbewelt. Das Angebot an Männer- und Frauenbilder wird immer vielfältiger und widersprüchlicher. So wird es immer verwirrender für die suchenden Menschen, ihre Identität zu finden und die Klarheit zu gewinnen, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll.

Jung hatte es noch einfach in seiner Zeit, als die „klassischen“ Rollenzuteilungen (der rationale Mann, die gefühlvolle Frau) weitgehend in der Wirklichkeit gefunden werden konnten. Die Gesellschaft hat sich seither rasant weiter entwickelt und ausdifferenziert. Männer, die sich als Frauen fühlen und Frauen, die Männer sein wollen, werden immer weniger ausgegrenzt. Wir wissen heute viel mehr, aus der Pränataldiagnostik z.B., dass sich das männliche Geschlecht dadurch entwickelt, dass die Ausprägung der weiblichen Organe verhindert wird, oder aus der Gehirnforschung, dass sich männliches und weibliches Gehirn hauptsächlich durch ein im Durchschnitt größeres Ausmaß an Testosteron unterscheiden und dass die Ausprägung der „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ stark von der hormonellen Embryonalentwicklung abhängt. Wir wissen aus der Soziologie, wie Geschlechtsrollen laufend konstruiert und wieder dekonstruiert werden. Und wir erleben in den vielfältigen Angeboten der Unterhaltungsindustrie, dass zu jedem Typus eine Unmenge von Stereotypen produziert werden können.


Wollen Sie männlich sein wie Leonardo di Caprio oder Silvio Berlusconi, oder vielleicht wie Johnny Depp (in welcher Filmrolle bitte?)– nein, werden Sie ein echter Mann, endlich! Hätten Sie gerne Ihre Weiblichkeit nach Frau Zeta-Jones oder Frau Merkel, oder eine kreative Mischung aus beiden? Sind Sie schon genug emanzipiert und wissen Sie, wie Sie in der City jederzeit zu Ihrem Traumsex kommen? Wie wollen Sie Ihre Beziehung leben: gemäß Allan & Barbara Pease (Warum Männer immer Sex haben wollen, während sie einparken und Frauen von Liebe träumen, während sie zuhören), nach John Gray (Alles, was Mann (am Mars) wissen muss, und wie Frau es ihm sagen kann (von der Venus aus?)) oder doch nach Cordelia Fine (Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann)?


Jenseits der Klischees


Auf der systemischen Bewusstseinsstufe müssen wir alle starren Rollenzuteilungen aufgeben. Zu jedem Modell gibt es ein Gegenmodell, zu jedem Typus einen Antitypen, und dazwischen jede Menge an Variationen. Jeder Mensch ist eine Abweichung von irgendetwas. Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch ein dualistisches Konzept von Animus und Anima, oder steht es uns eher im Weg, wenn wir uns selber und das jeweils andere Geschlecht besser verstehen und gedeihlicher miteinander auskommen wollen? 

Jedes der Modelle ist schon irgendwo im Streit der Männer und Frauen als Waffe verwendet worden, um den eigenen Standpunkt zu untermauern und durchzusetzen und die andere Person abzuwerten. Ich bin so, weil ich vom Mars bin. Du musst dich ändern, weil du deinen Animus unterdrückt hast... Wir können jedes Modell dazu benutzen, die andere Person einzustufen und zu bewerten, statt ihr zu begegnen. Über Konzepte können wir einen Menschen nie verstehen, und mit Diagnosen kommen wir ihm auch garantiert nicht näher.

Was wir statt dessen brauchen, ist eine Einstellung, aus der heraus wir Menschen begegnen, nicht nur unterschiedlichen Geschlechts, sondern überhaupt und vor allem unterschiedlichen Wesens. Zunächst gilt es, diese Einzigartigkeit zu erkennen und zu würdigen, und erst nachgeordnet die Geschlechtszugehörigkeit. Dafür ist es notwendig, alle Rollenklischees abzulegen und hinter die Prägungen zu blicken, die unsere Kultur in uns hinterlassen hat. Und dass wir uns selbst begegnen als ganz besondere Wesen, dass wir uns selbst so annehmen, wie wir sind, in der uns ganz eigentümlichen Mischung von Animus-Anteilen und Anima-Anteilen, und dass wir in unserer Innenerforschung weitergehen, um noch mehr davon freizulegen. 


Das Animus-Anima-Modell können wir dafür immer wieder auch als Leitfaden nehmen und es dabei zunehmend von den aufgeklebten Rollenbildern befreien, sodass wir schließlich unser ganz eigenes Zusammenspiel von dem, was vielleicht einmal zum männlichen Archetyp gehörte und dem, was einmal zu seinem weiblichen Gegenpol gehörte, in uns erkennen und sein inneres Wachstum beobachtend begleiten können. So kommen wir in eine Spirale der Bereinigung der Bilder von uns selbst und jener, die wir uns von den anderen Menschen machen. Je mehr wir andere Menschen in ihrer Tiefe und Eigenart annehmen können, desto besser gelingt uns das bei uns selbst. Diese Spirale nähert uns mehr und mehr dem an, was wir in der Kommunikation und in der Begegnung eigentlich suchen, ein Erkennen von Mensch zu Mensch.

Literatur: C.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole. Bern: Walter 1995, S. 195