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Montag, 20. April 2026

Die Schwachen und die Starken

Vermutlich tragen wir es in unseren Genen: Wir finde es besser, stark zu sein als schwach. Wer stark ist, kann sich selbst verteidigen; wer schwach ist, ist Stärkeren ausgeliefert und muss sich von ihnen beschützen lassen. Er ist von deren Gnade abhängig. Stärke ist ursprünglich mit Körperkraft gleichgesetzt, später mit Geschicklichkeit: Der geübte Bogenschütze ist dem muskelprotzenden Ringkämpfer überlegen. Auch der schmächtige David hat den riesigen Goliath mit einer Steinschleuder zur Strecke gebracht. Mit dem kulturellen Fortschritt tritt die körperliche Stärke in den Hintergrund, ohne je ihre Bedeutung zu verlieren. Aber anderen Formen der Stärke, die auf Intelligenz beruhen, werden immer wichtiger. Auch im Arbeitsleben schwindet die Bedeutung der Körperkraft zugunsten der Geisteskraft. 

Stärke und Härte

Da die Stärke eng mit der Notwendigkeit der Selbsterhaltung verbunden ist, wird sie schnell mit der Härte assoziiert. Wer stark ist, muss auch hart sein. Hartsein bedeutet Durchhaltevermögen, Ausdauer, Selbstdisziplin, aber auch Rücksichtslosigkeit und Unbarmherzigkeit gegenüber anderen, bis zur Gewalttätigkeit. Die Härte zu sich selbst kann als Tugend durchgehen, falls sie von der Härte gegen andere unterschieden ist.  Allerdings enthält die Härte zu sich selbst die Schlagseite der Selbstausbeutung und der Selbstüberforderung. Das Ignorieren der Bedürfnisse, die mit Schwäche zu tun haben, rächt sich langfristig. 

Härte gegen andere auszuüben, ist von dem Drang nach Macht angetrieben. Die Selbsterhaltung soll dadurch abgesichert werden, dass andere der eigenen Macht unterworfen werden. Die Objekte der Härte sollen ihre Unterlegenheit spüren und sich unterordnen. Die Androhung von Härte ist mit der Bereitschaft verbunden, andere zu verletzen. Sie sollen durch den Schmerz spüren, dass es besser ist, in die ohnmächtige Rolle zu gehen und ihren Willen aufzugeben. 

Wenn Hartes auf die weiche Haut trifft, die einen Körper begrenzt, entsteht Schmerz. Eine Wunde, die etwas Hartes im Körper bewirkt hat, wird im Heilungsprozess von einem harten Schorf abgesichert, gewissermaßen als Schutz davor, nochmals verletzt zu werden. In der Wunde ist auch die Angst gespeichert, nochmals verletzt zu werden. So gibt es nur die Alternative, sich dem Harten unterzuordnen oder Hartes mit Hartem zu bekämpfen. 

Animus und Anima

Das Harte kann dem männlichen Archetyp zugeordnet werden und das Weiche dem Weiblichen. In der Sexualität müssen die Männer hart und die Frauen weich sein, damit eine Vereinigung zustande kommt. Diese Zuordnung spielt auch in anderen Lebensbereichen eine Rolle, z.B. in der Erziehung (Männer sollen [harte] Grenzen setzen, Frauen sollen [weiche] Geborgenheit bieten) oder in der Partnerwahl (Männer sollen äußere Sicherheit vermitteln, Frauen sollen empathische Wärme geben). 

Das Harte befindet sich in der Nachbarschaft des Kriegerischen und Gewalttätigen – ohne emotionale Abhärtung, also ohne der Verleugnung von empathischen Gefühlen ist es nicht möglich, andere Menschen absichtlich und planmäßig zu verletzen oder zu töten. Ohne Empathie werden solche Taten auch ohne Scham und damit ohne Reue ausgeübt. Kriege sind also der Ausfluss des männlichen Archetyps, dem die Balance durch den weiblichen Gegenpol abhandengekommen ist.

Das Weiche dagegen ist mit Einfühlung, Verständnis und Offenheit für Gefühle von Angst, Scham und Hingabe verbunden. Es enthält die Bereitschaft, sich Hilfe und Unterstützung zu suchen, wenn es anders nicht geht, ebenso wie die Bereitschaft, für andere da zu sein, wenn diese in Not sind. 

Archetypen und Stereotypen

Die Archetypen sind immer auch mit Stereotypen verbunden. In Bezug auf die Geschlechtsrollen sind trotz aller Emanzipationsbestrebungen die Zuordnungen weiterhin relativ starr. In der „typisch“ männlichen Sichtweise wird die Weichheit als Symbol für Nachgiebigkeit, Rückgradlosigkeit und Manipulierbarkeit angesehen. Abgewertet als Weichei oder Feigling werden Menschen, die nicht dem Prototyp des martialischen Männlichen entsprechen. Die Verachtung des Weichen enthält eine Verachtung des Weiblichen. In diese Kerbe schlägt das Zitat von Adolf Hitler: „In unseren Augen da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl.“ (Rede an die Hitlerjugend am 14. September 1935)

Aber auch „harte“ Frauen, die „ihren Mann stehen“, werden als unweiblich abgewertet, mit Misstrauen betrachtet und als unsympathisch wahrgenommen. Als gäbe es keine weibliche Form, Stärke zu zeigen und damit Respekt einzufordern. Auch hier spielt die Verachtung eine Rolle: Frauen mit Durchsetzungskraft und Machtstreben wird die Weiblichkeit abgesprochen, womit sie verachtet werden können.

Die rigiden Stereotype befestigen die Rollenzuordnung. Sie behindern die Emanzipation und den Ausgleich der Geschlechtsrollen. Die starren Zuordnungen werden sehr stark von den politischen Rechtsparteien vertreten. Damit wird die Verachtung des Weiblichen gestärkt und die gewaltbereite Seite des Männlichen gerechtfertigt. Deshalb sind rechte Demagogen immer wieder als Kriegstreiber erfolgreich. Die ideologische Aufladung der Geschlechterstereotypen verschärft nur die Spannungen im gesellschaftlichen Klima und darf deshalb nicht gefördert werden. Wo es gelingt, den Austausch zwischen dem Männlichen und Weiblichen, dem Harten und den Weichen ins Fließen zu bringen, in uns selbst und in der Kommunikation, entsteht ein solider Boden für die friedliche Weiterentwicklung der Menschlichkeit.

Die alchymische Hochzeit

C.G. Jung hat auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass die Männer im Lauf ihrer inneren Entwicklung ihren weiblichen Archetyp, die Anima entwickeln und die Frauen den männlichen Animus erschließen. Nur auf diese Weise könne sich der Individuationsprozess seinem Ziel der Ganzheit annähern. Die Vereinigung dieser beiden Seelenteile hat er als alchymische Hochzeit bezeichnet.

Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften belegen diese Einsicht. Menschen mit Offenheit für beide Seiten des Spektrums (Männer, die offen sind für weibliche Qualitäten, und Frauen, die offen sind für männliche Qualitäten) sind anpassungsfähiger und flexibler. Sie sind als Führungskräfte viel effizienter. (Hier zur Quelle)

Es ist wichtig, mehr von der vollen Bandbreite menschlichen Verhaltens zur Verfügung zu haben. So können wir uns in einer Welt, die immer komplexer wird, besser behaupten und orientieren. Je mehr wir über möglichst viele Qualitäten und Handlungsoptionen verfügen, desto besser können wir das Maß an Härte oder Weichheit an die Erfordernisse der jeweiligen Situation anpassen.

Zum Weiterlesen:
Das Schwache besiegt das Starke


Samstag, 29. November 2025

Liebe und Tod des Cornets und der Patriarchalismus

Rainer Maria Rilke zum 150. Geburtstag

In dem Prosagedicht „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ von Rainer Maria Rilke finden sich einige symbolträchtige Stellen, die aus einer rätselhaften Welt zwischen Wachen und Träumen zu stammen scheinen.

An einer dieser Stellen lesen wir:

„Einer, der weiße Seide trägt, erkennt, dass er nicht erwachen kann; denn er ist wach und verwirrt von Wirklichkeit. So flieht er bange in den Traum und steht im Park, einsam im schwarzen Park. Und das Fest ist fern. Und das Licht lügt. Und die Nacht ist nahe um ihn und kühl. Und er fragt eine Frau, die sich zu ihm neigt: 

'Bist Du die Nacht?' 

Sie lächelt. 

Und da schämt er sich für sein weißes Kleid. Und möchte weit und allein und in Waffen sein. Ganz in Waffen.“

Dieser Text wird meist als Selbstfindung der Hauptfigur der Erzählung interpretiert. Der junge und unerfahrene Cornet sucht die Bestätigung in seiner Männlichkeit und findet zu seinem ersten (und letzten) Abenteuer in der Turmstube des Schlosses, mit der Gräfin. Der obige Text beschreibt die Anfänge dieser Begegnung.

Das Leiden am Patriarchalismus

Hier stelle ich eine Interpretation vor, die das Spannungsfeld des Patriarchalismus ins Blickfeld rückt. Das Prosagedicht ist an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden, in einer Zeit, in der die traditionellen Geschlechtsrollen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ins Wanken geraten sind. Aus dieser Perspektive könnte der Ausbruch des 1. Weltkriegs (die „Stahlgewitter“ nach Ernst Jünger) als ein Aufbäumen des Patriarchalismus gegen seinen drohenden Verfall verstanden werden. Im „Cornet“ kündigen sich diese Entwicklungen an und werden mit feiner Hand vorgezeichnet.

Der als „Einer“ Bezeichnete ist der in die Anonymität eines Traumgebildes abgerutschte Cornet, der weiße Seide, ein „unmännliches“ Gewand trägt. Er ist noch nicht ganz Mann und hat deshalb keinen festen Platz in der patriarchalen Ordnung inne. Er will zwar dazugehören und schämt sich, weil er nicht dabei ist. Zugleich aber spürt er auch, dass der Eingang zur Männerwelt über die Frauen geht und dass er diesen Eingang nur finden kann, wenn er die Weiblichkeit in sich zulassen kann. Das gelingt erst, wenn die Ablösung von der Mutter vollzogen ist. Er denkt ein paar Seiten vorher an sie und schreibt ihr einen Brief, von dem er hofft, dass er ihr überbracht wird, auch wenn ihm etwas zustößt. Er bittet sie, auf ihn stolz zu sein, weil er als Cornet die Fahne tragen darf. Die Mutter wird dann nicht mehr erwähnt, bis auf den Schluss, wo ihr Leid über den verlorenen Sohn kurz erwähnt wird.

Im Niemandsland

Da er wohl nicht im Traum ist, weiß er nicht, weshalb er diese Bekleidung trägt und was sie bedeutet. Das Niemandsland zwischen Kindheit und Erwachsensein ist so verwirrend wie das Zwischenreich von Traum und Wirklichkeit. Die reife Vernunft und der ordnende Verstand stehen nicht zur Verfügung. Ganz in den Traum abzutauchen, soll helfen, der verstörenden Wirklichkeit zu entkommen. 

Im Traum, also in der Welt seines Unbewussten steht er alleine in einem „schwarzen Park“, abgeschnitten von den anderen. Der schwarze Park kann ein Symbol für das Totenreich sein, das im Schlafzustand näher rückt. Sein weißes Gewand steht im Kontrast zur Düsternis des unheimlichen Parks, aber nur scheinbar, denn die Leichen werden auch in weißes Leinen gekleidet. Denn er ist allein in dem Park, fern vom Fest der Unbeschwerten. 

Das Licht lügt, es scheint nur zum Schein, tut nur so, als würde es scheinen. Die Helligkeit gibt keine Sicherheit, sondern nur die Illusion. Die Lüge besteht im Hochhalten einer Moral, die schon längst brüchig ist, weil sie auf Macht und Gewalt beruht und mit der Liebe Schindluder treibt.

Nahe spürt er nur die Nacht, die sich wie eine Frau zu ihm neigt, denn die Nacht ist ein Symbol für das Weibliche. Er ist also dem Geheimnis auf der Spur. Er fragt sie, ob sie die Nacht ist. Ihre Antwort ist ein Lächeln. Ein Lächeln kann viel bedeuten: Wertschätzung, Zuwendung, Verführung, Trost, Entlarvung oder Verachtung. Er kann ihr Lächeln aber nicht lesen, weil ihm dafür die Sensibilität fehlt. Wo hätte er sie je lernen können? Das Aufwachsen im Patriarchalismus fordert von den Männern, ihre Verletzlichkeit durch Härte zu kompensieren.

Die Scham über die Anima

Deshalb trifft ihn von all den Bedeutungen des Lächelns nur eine: Er sieht sich erkannt, in seinem weißen Kleid, in seiner Unschuld und in seiner „Unmännlichkeit“. Dieser Scham will er entrinnen, indem er in eine trotzige Männlichkeit flüchtet: Allein und ganz in Waffen sein. So unerträglich ist die Weichheit und Verletzbarkeit unter der Last des patriarchal verordneten Mannseins. Die Flucht in die Symbole der Gewalt soll ihm Sicherheit vor seinem Unbewussten geben, in dem die Weiblichkeit, seine Anima, ihren Platz beansprucht. In einer von starrer Männlichkeit dominierten Welt muss er sich für die Weichheit und Zartheit, für die weiße Seide schämen und alle diese Strebungen in sich unterdrücken, damit er vor Verachtung und Ausgrenzung geschützt bleibt.

Ein paar Zeilen weiter heißt es: „Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.“ Deshalb ist es gar nicht wichtig, die Umstände ihrer Begegnung zu wissen. Es spielt keine Rolle, was mit dem Mann der Gräfin ist noch welchen Namen der Geliebte trägt, denn: „Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen, leise, wie man einen Ohrring abnimmt.“

Es ist ein neues Geschlecht, weil es nicht an die herrschenden Rollenbilder angepasst ist. Es ist also ein neues Geschlechterverhältnis, das die Normen des Patriarchalismus hinter sich lässt. Es entsteht aus dem Moment der Begegnung und bleibt auf ihn beschränkt. Und es ist von kurzer Dauer, wie alles Vergängliche. Aber es trägt alle Namen in sich.

Liebe und Tod

Die Verbindung von Liebe und Tod, die bei Rilke oft auftaucht, ist ein Erbe des Patriarchalismus. Liebe ist in diesem System begrenzt und beschränkt. Die zugeteilten Geschlechtsrollen erweisen sich als mächtiger als die Liebe, sodass sie dem Tod geweiht ist, kaum dass sie erblühen konnte. Der typische Verlauf einer Liebesbeziehung im Patriarchat beginnt mit Verliebtheit und endet in einem dumpfen ehelichen Nebeneinander-Her-Leben. Wo der Fluss der Gefühle war, herrscht Stillstand und Leblosigkeit. Das ist die milde Form des Todes der Liebe, die brutale findet dort statt, wo die Gewalt  Einzug hält, indem der Hass die Liebe ersetzt. Die Allgegenwart des Todes als Ausfluss von Hass und Gewalt ist die unvermeidliche Nebenwirkung des Geschlechterungleichgewichts im Patriarchalismus. Wenn die Achtung fehlt, bricht sich unweigerlich die Bosheit ihre Bahn, um sich zu rächen. Der Kampf der Geschlechter ist ein Ringen um Anerkennung und Achtung, die beide Seiten schmerzlich vermissen. Es gibt aber kein Entrinnen, solange die Macht der Rollenfixierungen weiter besteht. 

Die postpatriarchale Utopie

Das Zwischenreich, das in dem Zitat vorherrscht, deutet auf die noch lange nicht real gewordene Utopie einer neuen, postpatriarchalen Ordnung hin, in der zwischen Männern und Frauen die Anerkennung der Unterschiede und die Obsorge für die Gemeinsamkeiten im Rahmen von Respekt und Achtung stattfinden. Es ist eine Zukunft, in der die Geschlechter die Geheimnisse der Liebe ohne Machteinflüsse und starre Rollenbilder erkunden können. Diese Utopie umfasst alle Formen der Geschlechtlichkeit, befreit von den Fesseln der patriarchalen Ideologie.

Der Eine, der seine Anima nicht aushalten und sich mit ihr nicht anfreunden kann, der nicht zu seiner Verletzlichkeit stehen darf, muss dann, wieder einsam und verlassen, im Kampf sterben. Die Tragik des männlichen Geschlechts im Patriarchalismus ist in ihrer vollen Tragweite eingetreten. Der männliche Held, der sich auf der Flucht vor der Weiblichkeit (seiner eigener und der in Gestalt der Frauen) der Gewalt verschreibt, muss durch sie umkommen. Zurück bleiben Frauen, die trauern.

Zum Weiterlesen:

Genderspektrum und "Dekadenz"
Geschlechtsidentität - genetisch - biologisch - sozial
Animus und Anima im 21. Jahrhundert
Das Reizthema LBTQ und der Patriarchalismus


Donnerstag, 20. April 2017

Sind Frauen emotional kompetenter als Männer?

Häufig heißt es, dass Frauen über mehr emotionale Intelligenz oder Kompetenz verfügen als die Männer. Es wird z.B. darauf hingewiesen, dass schon als Babys die Mädchen mehr Interesse an Stimmen als an Objekten haben als die Jungen, dass sie früher das Sprechen erlernen usw. Aus der Anthropologie wissen wir, dass in allen frühen Kulturen die Frauen für die Kindererziehung, d.h. auch für deren emotionale Regulation zuständig waren. Insofern ist es verständlich anzunehmen, dass das weibliche Geschlecht für das Erleben, Verstehen und Kommunizieren von Gefühlen besser ausgerüstet ist. Was dazu führt, dass sich Frauen gern über das männliche Geschlecht wegen dessen mangelhafter Fähigkeiten im Gefühlsbereich beklagen.

Emotionen sind ein Grundbestandteil des Menschen, beim männlichen wie beim weiblichen Geschlecht. Beide Geschlechter verfügen über die ganze Bandbreite an Gefühlen, und beide über Formen, mit diesen Gefühlen umzugehen, sodass das Sozialsystem in Stabilität bleiben kann. Alle Gefühle haben eine Funktion für die Regelung des Zusammenlebens, und alle, die dazu beitragen, brauchen ein Verständnis für die eigenen Gefühle und die anderer Mitglieder.

Diese Formen haben sich im Lauf der Geschichte stark verändert. Ein großer Einschnitt ist durch die Zurückdrängung des Patriarchats seit dem 19. Jahrhundert erfolgt. Grob vereinfacht könnte man sagen, dass die Frauen im Bekämpfen des Patriarchats mehr zu ihrer Wut gefunden haben, während die Männer durch den Verlust von Machtpositionen zu lernen hatten, ihren Schmerz und ihre Traurigkeit auszudrücken. Diese Entwicklungen sollten langfristig zu einer Entspannung in den Mann-Frau-Verhältnissen beitragen.

Allerdings tragen beide Geschlechter die Spuren des Patriarchats in sich, mit unterschiedlichen Auswirkungen auf die emotionalen Muster. Es scheint, dass es noch lange brauchen könnte, bis hier ein nachpatriarchalisches Miteinander und Zueinander gefunden werden kann. 


Frauen brauchen Zuwendung, Männer suchen Lösungen


Ein typisches Beispiel, das sich in fast jedem der zahlreichen Beziehungsbücher findet, lautet, dass Frauen, wenn sie Probleme haben, jemanden brauchen, der ihnen zuhört, und Männer jemanden, der ihnen Lösungen aufzeigt. Das spielt sich im Zusammenleben dann häufig so ab, dass Frau ein Problem schildert und Mann darauf einen Lösungsweg vorschlägt. Frau ist verstimmt, weil ihr Bedürfnis nach Zuwendung nicht erfüllt wurde. Mann ist daraufhin verstimmt, weil Frau nicht erkennt, wie sehr er sich bemüht hat, Frau zu helfen und ihn statt dessen kritisiert. Frau nimmt an, dass Mann über keine Gefühlskompetenz verfügt, und Mann nimmt das gleiche an. Tatsächlich sind bei beiden Erwartungen enttäuscht worden, die aus der eigenen Prägungen heraus für selbstverständlich gehalten werden: Frau meint, dass es die natürliche Form von Liebe ist, auf die Schilderung von Problemen Zuwendung und Trost zu bekommen, während Mann annimmt, dass sich Liebe darin ausdrückt, für Probleme eine Lösung vorzuschlagen.

Es ist wohl so, dass beide Geschlechter über emotionale Kompetenz und Intelligenz verfügen, die nur geschlechtstypisch unterschiedlich gewichtet ist. Diese Unterschiede dienen offenbar dazu, eine optimale Ergänzung zu ermöglichen, ähnlich wie jeder Mensch über zwei Gehirnhälften verfügt, die sich die Aufgaben aufteilen und ein gutes Zusammenspiel brauchen. So wie keine der Gehirnhälften besser ist, verhält es sich auch mit der Spezialisierung der Gefühlskompetenz zwischen den Geschlechtern: Männer und Frauen verfügen über gemeinsamen und über unterschiedliche Fähigkeiten im Gefühlsbereich und in der Gefühlsverarbeitung.

Wenn der Begriff der emotionalen Intelligenz, wie er von Daniel Goleman vorgeschlagen wurde, überhaupt einen Sinn macht, dann weniger in Hinblick auf eine Hierarchie zwischen Frauen und Männern, sondern auf die Betrachtung von individuellen Unterschieden. Was den Begriff der emotionalen Intelligenz fragwürdig macht, ist die Annahme, dass diese ähnlich genau gemessen werden kann wie die kognitive Intelligenz, denn die Psychologen stoßen auf erhebliche Probleme, das Erleben und Verarbeiten von Emotionen in messbare Strukturen zu übersetzen. Auch stellt sich die Frage, was überhaupt als optimaler Wert angesehen wird: Ist es emotional kompetent, jedes Gefühl sofort auszudrücken, oder ist das hysterisch? Ist es statt dessen das Optimum emotionaler Intelligenz, immer gelassen zu wirken, oder handelt es sich hier um einen pathologischen Fall von Gefühlsunterdrückung?

Die Fähigkeit, kochen zu können, ist nicht besser oder schlechter als die Fähigkeit, Waschmaschinen reparieren zu können. Wohl kann einer oder eine besser oder schlechter kochen und reparieren als andere, aber das muss nichts zu tun haben mit der Zugehörigkeit zum einen oder anderen Geschlecht.

Wir sind unendlich verschieden, auch in Hinblick auf das Gefühlserleben. Offenbar bringen wir unterschiedliche Gefühlsgeschichten mit, die sich aus genetischen Veranlagungen, ererbten und übertragenen Mustern, Lernprozessen im Umgang mit den Bezugspersonen und Peergroups, Traumatisierungen und Ressourcenerfahrungen usw. zusammensetzen. Unsere Gefühlskompetenz ist offenbar eine äußerst komplexe und sehr individuelle Fähigkeit, die sich im Lauf unseres Lebens entwickelt hat und weiter entwickelt. Sie enthält auf der Grundlage all der prägenden Voraussetzungen immer auch eine Lernrichtung, z.B. zu lernen, aggressive Gefühle zu zügeln oder traurige Gefühle ausdrücken zu können, feinere Gefühlsregungen wahrnehmen zu können oder heftige Gefühle zum Ausdruck bringen zu können.


Animus und Anima im 21. Jahrhundert


All das, was in diesem Artikel formuliert wurde, sollte außerdem noch mit der Brille gelesen werden, die aus der Beobachtung der Veränderung der Animus-Anima-Beziehungen im 21. Jahrhundert stammt. Wir sehen eine Entwicklung, in der die herkömmlichen stereotypen Zuordnungen von Eigenschaften zum einen wie zum anderen Geschlecht immer fraglicher werden und die Grenzen und Abgrenzungen dazwischen insgesamt durchlässiger und unübersichtlicher werden. Es gibt z.B. gefühlsoffene, romantisch eingestellte Männer und sachlich orientierte, gefühlskühle Frauen, und all die anderen Spielarten, in einer unendlichen Variabilität, gegen die das „Typisch-Mann“ und „Typisch-Frau“ blass und oberflächlich klingt.

Deshalb liegt die Aufgabe mehr und mehr darin, die speziellen emotionalen Fähigkeiten bei sich und bei den anderen Menschen wertzuschätzen und zugleich an der Weiterentwicklung dieser Fähigkeiten zu arbeiten.


Zum Weiterlesen:
Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Animus und Anima im 21. Jahrhundert

Zum Verstehen des Männlichen und Weiblichen und der Beziehungen zwischen beiden hat Carl Gustav Jung vor fast hundert Jahren das Modell von Animus und Anima entwickelt. Die Idee dabei ist, dass jeder Mann in sich versteckt weibliche Anteile hat (Anima) und jede Frau einen verborgenen Animus. Wir suchen uns Beziehungspartner aus, die unsere eigenen ungelebten und unbewussten Anteile zum Ausdruck bringen, sodass wir in der Beziehung zu dieser Ganzheit finden wollen. Allerdings scheitert dieser Weg, sobald deutlich wird, dass der Partner oder die Partnerin in der Beziehung den Erwartungen nicht gewachsen ist. Zum einen fließen in die Projektion die Verletzungen und Irritationen ein, die wir als Kind erlebt haben, zum anderen haben wir es mit Archetypen zu tun, die wir gerne mit realen Personen verwechseln.

Die Anima


Die Anima gilt als die weibliche Seite im Unbewussten des Mannes, der Archetyp des Weiblichen. Sie wird als intuitiv, aufnehmend, einfühlsam, aber auch launisch aufgefasst.
Die Anima kann sich störend in Beziehungen einmischen, wenn der Mann von einer Frau erwartet, dass sie so ist wie die archetypische Gestalt in ihm, was keiner realen Frau je gelingen wird. Vielmehr muss der Mann diese Anteile in sich selbst entwickeln, sonst geht er in die Irre und entwickelt eine narzisstische Beziehungsstörung. Dabei ist noch zu beachten, dass der Anima-Archetyp vom Mutterarchetyp überlagert ist und erst einmal von diesem befreit werden muss, bis dem Mann klar wird, wie er seinen weiblichen Pol ausgestalten kann. Der positive Aspekt der Anima ist die Führung nach innen, zum Ernstnehmen der eigenen Empfindungen, Gefühle und Phantasien. Dadurch kann der Mann das empfangende Prinzip in sich entwickeln.

Der Animus


Der Animus repräsentiert die männlichen Aspekte im Unbewussten der Frau, den Archetyp des Männlichen. Er wird als rational, bestimmend und beherrschend beschrieben. Ähnlich wie beim Mann, wirken auch bei der Frau die archetypisch geprägten Rollenerwartungen belastend auf die Beziehung. Sie sind zusätzlich aufgeladen mit den inneren Vaterbildern und Prägungen durch andere männliche Familienmitglieder. Auch hier gilt es, dass die Frau in sich die Qualitäten entwickelt, die ihr Animus für sie bereit hält. Seine positiven Aspekte liegen nach Jung in Mut, Unternehmungsgeist und Wahrhaftigkeit, sowie auch in der Seelenführung zur inneren Wandlung.

Der heilsame Nutzen


C.G. Jungs Intention, diese Archetypen zu beschreiben, lag darin, den Menschen zur Ganzheit (zum Heilsein) zu verhelfen. Als Tiefenpsychologen war es ihm wichtig, verdrängte unbewusste Anteile ins Bewusstsein zu holen und damit der Psyche zugänglich zu machen. Damit wollte er Männern wie Frauen helfen, sich zu finden und zu vervollständigen und damit ihre Beziehungsprobleme besser lösen zu können. Wird nämlich eine Projektion auf den Beziehungspartner erkannt und zurückgenommen, entsteht ein neuer Raum für die Liebesbeziehung. Zugleich fühlt sich jeder mit sich selber besser, wenn alle Seelenanteile ihren Platz im Bewusstsein und in der eigenen Identität haben dürfen.

Allzu mechanistisch aufgefasst, kann allerdings das Modell so missverstanden werden, als ob jeder Mann dem Archetypus, der zugleich als Idealtypus fungiert, möglichst nahe kommen muss, um ein „echter Mann“ zu sein, und umgekehrt so bei der Frau. Jeder Mann müsste dann die für alle gleiche Anima in sich finden, und jede Frau den ebenso allgemein verbindlichen Animus.

Der Archetyp ist jedoch kein Ideal, sondern laut Jung eine Gestalt aus dem kollektiven Unbewussten. Er symbolisiert zentrale menschliche Erfahrungen, die es, wie in diesem Fall die Begegnung von Mann und Frau, in allen Kulturen gibt. Er umfasst eine ganze Bandbreite von Phänomenen, und es ist deshalb leicht irreführend, wenn er mit ganz bestimmten Eigenschaften behaftet wird. Jede inhaltliche Beschreibung des Archetypen greift immer zu kurz.

Folglich kann die Beschäftigung mit Animus und Anima nur dann heilsam wirken, wenn von der jeweils individuellen Ausgestaltung der Archetypen ausgegangen wird, wie sie symbolisch verkleidet in Träumen oder Fantasien auftauchen kann. Dabei hilft der Archetyp mehr als Wegweiser denn als Ziel, das es zu erreichen gilt. Das Ziel ist die innere Ganzheit, das Zu-Sich-Selbst-Kommen in der je eigenen Form und nicht die Anpassung an ein vordefiniertes Muster.

Auch die Traumgestalt, so eindrucksvoll sie sein mag, gilt es nicht nachzuahmen, sondern die eigene Form, die sich darin verbirgt, die individuell wahrnehmbare Bedeutung und der selbst interpretierte und gefundene Symbolgehalt sind die Richtschnur der Exploration und der Garant der integrativen Aneignung.


Rollenbilder


 

Kritisiert wird an Jungs Modell der Rückgriff auf gesellschaftlich vorgeprägte Rollenbilder. Gibt es nicht Frauen, die rational und dominant sind und denen ein wenig mehr Weichheit gut täte? Oder Männer, die nachgiebig und gefühlvoll sind, und denen mehr Durchsetzungskraft nicht schaden könnte? Zu Jungs Zeit waren die Rollenbilder noch klar definiert und zementiert. Doch da hat sich viel geändert. Zwar gibt es nach wie vor das Ziel in der Erziehung, dass Männer zu Männern und Frauen zu Frauen erzogen werden. Auch wenn jede Zeit ihre Männer- und Frauenbilder entwirft und verbreitet, gibt es dazu den Trend, dass diese Bilder immer vielfältiger und vieldeutiger werden, sodass es immer unklarer wird, zu welchen Männern und Frauen erzogen werden soll.  

Darin wird deutlich, dass jeder Mensch eine eigene Mischung aus Animus und Anima bildet, die einen haben mehr von dem einen und die anderen mehr vom anderen. Es gibt “männlichere” Frauen als manche Männer u.U. Eine in die Zukunft gerichtete Idee wäre, dass sich Männer wie Frauen von vordefinierten Rollenbildern lösen und frei ihre Form von Anima und von Animus leben können. Dann dienen uns die beiden Pole als Archetypen, die von jedem Menschen in seiner eigenartigen und einzigartigen Form ausgelegt werden.


Archetypen und das Individuum



Wir sprechen von Archetypen, prägenden Grundideen des kollektiven Unbewussten. Die Wirklichkeit zeigt Männer und Frauen in unterschiedlichster individueller Ausprägung, eine unendliche Vielfalt in der Mischung des Männlichen und Weiblichen, die sich nicht als Pole gegenüberstehen, sondern in einem Kontinuum verschmelzen. Bei der Gestaltung der jeweiligen Animus-Anima-Persönlichkeit wirken die genetisch und epigenetisch weitergegebenen Anlagen ebenso mit wie embryonale Erfahrungen (Geschlechtswunsch der Eltern, eventuell Begegnung mit einem Zwilling, Interaktionserfahrungen der Mutter während der Schwangerschaft usw.) und natürlich die Rollenbilder, die in der Erziehung und im kulturellen Umfeld vermittelt werden.

Typisch Mann – typisch Frau, die einen vom Mars, die anderen von der Venus, diese Stereotype nähren sich aus den vielfältigen Quellen der Identitätsbildung, von den Hormonen bis zu den Ikonen der Werbewelt. Das Angebot an Männer- und Frauenbilder wird immer vielfältiger und widersprüchlicher. So wird es immer verwirrender für die suchenden Menschen, ihre Identität zu finden und die Klarheit zu gewinnen, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll.

Jung hatte es noch einfach in seiner Zeit, als die „klassischen“ Rollenzuteilungen (der rationale Mann, die gefühlvolle Frau) weitgehend in der Wirklichkeit gefunden werden konnten. Die Gesellschaft hat sich seither rasant weiter entwickelt und ausdifferenziert. Männer, die sich als Frauen fühlen und Frauen, die Männer sein wollen, werden immer weniger ausgegrenzt. Wir wissen heute viel mehr, aus der Pränataldiagnostik z.B., dass sich das männliche Geschlecht dadurch entwickelt, dass die Ausprägung der weiblichen Organe verhindert wird, oder aus der Gehirnforschung, dass sich männliches und weibliches Gehirn hauptsächlich durch ein im Durchschnitt größeres Ausmaß an Testosteron unterscheiden und dass die Ausprägung der „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ stark von der hormonellen Embryonalentwicklung abhängt. Wir wissen aus der Soziologie, wie Geschlechtsrollen laufend konstruiert und wieder dekonstruiert werden. Und wir erleben in den vielfältigen Angeboten der Unterhaltungsindustrie, dass zu jedem Typus eine Unmenge von Stereotypen produziert werden können.


Wollen Sie männlich sein wie Leonardo di Caprio oder Silvio Berlusconi, oder vielleicht wie Johnny Depp (in welcher Filmrolle bitte?)– nein, werden Sie ein echter Mann, endlich! Hätten Sie gerne Ihre Weiblichkeit nach Frau Zeta-Jones oder Frau Merkel, oder eine kreative Mischung aus beiden? Sind Sie schon genug emanzipiert und wissen Sie, wie Sie in der City jederzeit zu Ihrem Traumsex kommen? Wie wollen Sie Ihre Beziehung leben: gemäß Allan & Barbara Pease (Warum Männer immer Sex haben wollen, während sie einparken und Frauen von Liebe träumen, während sie zuhören), nach John Gray (Alles, was Mann (am Mars) wissen muss, und wie Frau es ihm sagen kann (von der Venus aus?)) oder doch nach Cordelia Fine (Die Macht der Vorurteile über Frau und Mann)?


Jenseits der Klischees


Auf der systemischen Bewusstseinsstufe müssen wir alle starren Rollenzuteilungen aufgeben. Zu jedem Modell gibt es ein Gegenmodell, zu jedem Typus einen Antitypen, und dazwischen jede Menge an Variationen. Jeder Mensch ist eine Abweichung von irgendetwas. Brauchen wir im 21. Jahrhundert noch ein dualistisches Konzept von Animus und Anima, oder steht es uns eher im Weg, wenn wir uns selber und das jeweils andere Geschlecht besser verstehen und gedeihlicher miteinander auskommen wollen? 

Jedes der Modelle ist schon irgendwo im Streit der Männer und Frauen als Waffe verwendet worden, um den eigenen Standpunkt zu untermauern und durchzusetzen und die andere Person abzuwerten. Ich bin so, weil ich vom Mars bin. Du musst dich ändern, weil du deinen Animus unterdrückt hast... Wir können jedes Modell dazu benutzen, die andere Person einzustufen und zu bewerten, statt ihr zu begegnen. Über Konzepte können wir einen Menschen nie verstehen, und mit Diagnosen kommen wir ihm auch garantiert nicht näher.

Was wir statt dessen brauchen, ist eine Einstellung, aus der heraus wir Menschen begegnen, nicht nur unterschiedlichen Geschlechts, sondern überhaupt und vor allem unterschiedlichen Wesens. Zunächst gilt es, diese Einzigartigkeit zu erkennen und zu würdigen, und erst nachgeordnet die Geschlechtszugehörigkeit. Dafür ist es notwendig, alle Rollenklischees abzulegen und hinter die Prägungen zu blicken, die unsere Kultur in uns hinterlassen hat. Und dass wir uns selbst begegnen als ganz besondere Wesen, dass wir uns selbst so annehmen, wie wir sind, in der uns ganz eigentümlichen Mischung von Animus-Anteilen und Anima-Anteilen, und dass wir in unserer Innenerforschung weitergehen, um noch mehr davon freizulegen. 


Das Animus-Anima-Modell können wir dafür immer wieder auch als Leitfaden nehmen und es dabei zunehmend von den aufgeklebten Rollenbildern befreien, sodass wir schließlich unser ganz eigenes Zusammenspiel von dem, was vielleicht einmal zum männlichen Archetyp gehörte und dem, was einmal zu seinem weiblichen Gegenpol gehörte, in uns erkennen und sein inneres Wachstum beobachtend begleiten können. So kommen wir in eine Spirale der Bereinigung der Bilder von uns selbst und jener, die wir uns von den anderen Menschen machen. Je mehr wir andere Menschen in ihrer Tiefe und Eigenart annehmen können, desto besser gelingt uns das bei uns selbst. Diese Spirale nähert uns mehr und mehr dem an, was wir in der Kommunikation und in der Begegnung eigentlich suchen, ein Erkennen von Mensch zu Mensch.

Literatur: C.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole. Bern: Walter 1995, S. 195