Viele der Sorgen, die wir uns machen, zählen zu den überschüssigen und überflüssigen Gedanken, die unseren Kopf füllen und mit denen wir uns selber trefflich quälen können. Wir kennen wohl alle Zustände, in denen es im Gehirn rattert: Was ist, wenn A passiert, und dann B und dann C? Was, wenn die Weltwirtschaft zusammenbricht oder die Umwelt kollabiert? Was, wenn ich morgen nicht rechtzeitig aufwache und den Wecker überhöre? Was, wenn das Flugzeug abstürzt, mit dem ein Freund verreist? Wenn die Milch im Supermarkt schon ausverkauft ist und es regnet, wann wir die Wanderung geplant haben?
Unendlich wie die menschliche Kreativität überhaupt sind die Anlässe für Sorgen, die wir uns ausdenken. Unzählige Szenarien von Peinlichkeiten, Problemen und Katastrophen spinnt die furchtsame Maschinerie in unserem Oberstübchen, Tag für Tag. Diese Gedanken können uns mit ihrer zwingenden Macht gefangen halten, lähmen und in chronische Angst versetzen.
Wie können wir diese lästige Macht brechen, die uns so leicht in ihren Bann zieht? Es ist die Schule der Achtsamkeit, die wir für die Befreiung von Sorgen brauchen. Der erste Schritt besteht darin, zu erkennen, was wir gerade mit uns selber machen: Wir denken uns eine Zukunft aus, von der wir nicht wissen, ob sie eintreten wird. Wir machen daraus Gedankenschleifen, die unsere Aufmerksamkeit fixiert, indem wir immer wieder die angstvollen Zukunftsszenarien durchdenken und mit inneren Bildern anreichern. Wir bauen diese Schleifen noch aus, indem wir uns Sorgen von über- und übermorgen machen.
Die achtsame Reflexion macht uns klar: Wir selber sind es, die diese Gedanken und Bilder produzieren, nicht eine äußere Wirklichkeit, andere Menschen oder Mächte des Schicksals. Wir sind also selber die Erfinder der Sorgen, wir sind es, die sie nähren und pflegen. So können wir uns als nächstes fragen, ob wir die Sorge, die uns gerade plagt, wollen oder nicht. Gibt es etwas, das wir tun können, um der Sorge abzuhelfen? Wenn ja, dann sollten wir uns sogleich aufmachen, es zu tun. Wenn nein, besteht die Aufgabe darin, die Sorge zu entsorgen, sie also aufzugeben. Wir müssen aufhören, die Sorge mit unserer Aufmerksamkeit zu füttern, indem wir z.B. die Aufmerksamkeit auf anderes richten, uns ablenken oder Tätigkeiten aufnehmen, die unsere Konzentration erfordern. Wir können auch die Angst erforschen, die hinter der Angst steckt, indem wir wahrnehmen, in welchen inneren Zustand uns die sorgenvollen Gedanken versetzen.
Wir können auch die Gegengifte zur Sorgensucht mobilisieren. Wir haben so viel Anlass für Vertrauen ins Leben: Wir haben schon so viel zuwege gebracht und geschafft in diesem Leben, so vieles ist gut gelaufen, so weit sind wir schon gekommen, und die Fehlschläge und Enttäuschungen sind dagegen nur Ausrutscher und Lernkurven auf einer Bahn, die im Großen und Ganzen in eine gute Richtung geht. Also aktivieren wir unser Lebens- und Selbstvertrauen: Wir werden auch diese Herausforderung meistern, der uns die Sorge so zaghaft gegenübertreten lässt. Verbinden wir uns mit der inneren Kraft und besinnen wir uns auf die Ressourcen, über die wir verfügen: Unsere Intelligenz, Tatkraft und unseren Lebensmut. Vergessen wir die Tugend der Leichtigkeit nicht, mit der wir die Schwere der Sorge überwinden können. Mit Flexibilität und Eleganz, mit Kreativität und Lebensfreude haben wir schon so vieles, was sich uns in den Weg gestellt hat, bewältigt und werden das in Zukunft wieder zuwege bringen.
Auf diese Weise können wir Sorgen in Aufgaben umwandeln, an die wir mit Konzentration und Kompetenz herangehen können. Jede bewältigte Aufgabe stärkt unser Vertrauen und reduziert unsere Neigung zum Erfinden von Sorgen.
Das hingegen, womit uns unsere Sorgen beschäftigen und was überhaupt nicht in unserer Macht liegt, können wir nur dem Vertrauen in das größere Ganze übergeben, das für diese Belange zuständig ist. Auch die Menschheit als Ganze hat schon so viele Jahrtausende auf diesem Planeten überlebt und sich als enorm anpassungsfähig und lernbereit erwiesen. Wir wissen nicht, was die Zukunft an Herausforderungen bringen wird, wir wissen aber, mit welchen Problemen die Menschheit schon fertig geworden ist. Darum können wir unser Vertrauen in uns selbst ausweiten auf die große Gemeinschaft der Menschen, von denen so viele schon so viel Gutes geschaffen haben und in jedem Moment schaffen. So viele Ideen sind schon entstanden und verwirklicht worden, die das Leben der Menschen verbessert und erleichtert haben, und das wird auch in Zukunft so bleiben.
Und dann gibt es noch einen Bereich, auf den es keinen Einfluss gibt und der uns Sorgen bereiten kann, der Bereich des Unverfügbaren. Wir können nicht mit absoluter Sicherheit verhindern, dass uns oder unseren Angehörigen eine Krankheit befällt oder ein Unfall passiert. Wir können das Unsere dazu beitragen, indem wir unser Leben bedacht und achtsam führen und das Leben anderer ebenso achtsam respektieren. Aber wir wissen auch, dass immer wieder Brüche und Diskontinuitäten im Lebensprozess geschehen und Unvorhersehbares in unser Leben hereinbrechen kann. Auch auf diese Bereiche gilt es, unser Vertrauen auszuweiten. Was auch immer geschieht, wir werden irgendwie damit umgehen können, vielleicht besser, vielleicht schlechter. Wir wissen es nicht.
Und im extremsten Fall wird auch irgendwann einmal etwas auftauchen, was wir nicht mehr meistern können und was uns das Leben kostet. Warum sollen wir uns deshalb sorgen? Eines können wir uns sicher sein: Mit dem Tod enden alle Sorgen.
Letztlich geht es ja bei allen Sorgen darum, dass wir befürchten, unser Überleben sei gefährdet, weil ja dies oder jenes passieren könnte. Deshalb sollen wir unsere Überlebensstrategien probeweise mobilisieren, das ist es, was uns die Sorgen einreden wollen. Wenn wir uns aber vor Augen führen, dass wir über das Ende unserer Existenz keine Kontrolle haben, können wir uns in dieser Hinsicht entspannen. Warum sollten wir uns nicht jetzt schon von Sorgen befreien, die ja doch nur ein innerer Ballast sind, den wir uns unbewusst und unnötig aufladen? Jede verabschiedete Sorge schafft Raum für ein freieres und unbeschwerteres Leben, jedes Loslassen einer Sorge bereitet uns vor auf die größte Ungewissheit unseres Lebens, nämlich dessen Ende.
Zu diesen Ungewissheiten vermeldet Nestroys Knieriem im Kometenlied:
„Da wird einem halt angst und bang, Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang, lang, lang, lang, lang, lang.“
Doch nach Georg Kreisler kann man sich angesichts aller möglichen Katastrophen zumindest auf das Alpenglühn verlassen:
"Das alte Tannenwäldchen schickt die letzten Grüße
Der alte Tag geht nun zum letzten Mal vorbei
Der alte Förster wäscht zum letzten Mal die Füße
Der alte Gockel legt zum letzten Mal ein Ei
Der alte Goldfisch geht zum letzten Male unter
Der alte Jänner kommt zum letzten Mal im Jahr
Das alte Flugzeug fällt zum letzten Mal herunter –
Nur das Alpenglühn, ja, das Alpenglühn
Das alte Alpenglühn gibt's jetzt und immerdar."
Zum Weiterlesen:
Die großen Sorgen und die Verantwortung
Die Sorgen von übermorgen
Sorgen und Planen
Gedanken, Ideen und Satiren von Wilfried Ehrmann, Psychotherapeut und Buchautor in Wien
Posts mit dem Label Loslassen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Loslassen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Montag, 15. Mai 2017
Mittwoch, 30. September 2015
Geld und Schmerz
![]() |
| Quelle: Darvins Illustrierte |
Sobald aber etwas unerwartet teuer ist (wir sind z.B. schon lange nicht mehr mit der Bahn gefahren und sind erschreckt über den Preis eines Fahrscheins), sobald eine Rechnung überraschend eintrudelt (z.B. wir haben nicht mit der saftigen Steuernachzahlung gerechnet) und sobald Ebbe am Konto herrscht, regt sich unser innerer Widerstand und wir geraten in Stress. Wir beginnen, mit dem Schicksal, den Preisen oder den Behörden zu hadern, bis wir schließlich einsehen, dass wir zahlen müssen, um zu kriegen, was wir wollen oder um sonstige Nachteile zu vermeiden. In solchen Situationen erleben wir den Schmerz, der mit dem Loslassen verbunden ist.
„Freiwilliges“ Loslassen ist einfach. Anstelle dessen, was wir an Geld hergeben, erwerben wir etwas, das uns Freude bereitet. Ein Loslassen, dem wir nicht voll zustimmen können, weil es für uns nicht klar ist, ob der Gewinn den Verlust überwiegt (z.B. wir haben eine Sache gekauft und fühlen uns übervorteilt) oder weil es unvermutet und überraschend kommt (z.B. wir verlieren unsere Brieftasche oder werden bestohlen), ist schwieriger, weil es mit Leiden verknüpft ist, das im Inneren zu nagen beginnt: Es fühlt sich an, als hätten wir einen Teil dieses unseres Inneren eingebüßt.
Wir erkennen an solchen Vorgängen unsere beharrlichen Anhaftungen an die Dinge. Geld ist an sich wertlos, steht aber in seiner abstrakten universellen Werthaftigkeit (ich kann mir mit genügend Geld alles kaufen, was es gibt) an oberster Stelle unserer Begierden. Deshalb kann ein Verlust der an sich wertlosen Scheine oder Münzen innere Krisen auslösen.
Um diesen Krisen zu entgehen, horten manche Menschen ihr Geld, und andere geben es so schnell wie möglich gleich wieder aus, sobald sie es in der Hand haben. Andere wiederum denken fortwährend an ihren Kontostand und machen sich laufend Sorgen, was in Zukunft schlechter werden und sie ärmer machen könnte.
Schmerzen machen uns immer auf unsere Endlichkeit aufmerksam. Wir merken, dass wir verwundbar sind, und verwundbare Wesen können nicht ewig leben. Deshalb bietet unser materialistisches System, das System der Todesverdrängung, den einen Versicherungen gegen jegliche Schmerzen und den anderen Vergnügungen und Konsumfreuden ebenso gegen jede Verletzlichkeit an. Wir können uns rundum abpolstern mit den Glücksversprechungen der Welt der Dinge, die ihr volles Repertoire an Verführungskünsten einzusetzen, um das Paradoxe zuwege zu bringen: Uns das Geld aus der Tasche zu ziehen, ohne dass es weh tut.
Ein Trick bei solchen Täuschungsmanövern besteht darin, den Konsumenten das Gefühl zu geben, dass sie mit dem Erwerb eines Gutes nicht nur dieses, sondern den zusätzlichen Nutzen erworben haben, das Gut billiger, günstiger zu bekommen als es „eigentlich“ wert ist. Wenn wir das Gefühl haben, bei einem Einkauf zu „sparen“, also weniger auszugeben als erwartet, wird der Schmerz des Loslassens durch die Freude am vermeintlich doppelten Gewinn ausgeglichen. Deshalb sind manche Menschen geradezu süchtig danach, Rabatte und Preisnachlässe aufzuspüren und danach ihre Einkäufe zu planen, wobei sie oft viel mehr erwerben, als sie wirklich brauchen und damit schließlich mehr Geld ausgeben als gewollt.
Ähnlich einer Stechmücke, die zuerst ein Betäubungsmittel über den Stachel in die Haut injiziert, um sich dann ungestört sättigen zu können, wird auch bei den Einkaufsvorgängen zunächst der Schmerz durch die positiven Gefühle des Inbesitznehmens unterdrückt, und erst nachher spüren wir den Verlustschmerz, vor allem, wenn das Ding, das wir erworben haben, oder sein Preis nicht unseren Vorstellungen oder Erwartungen entspricht.
Alles, was wir mit Geld erwerben, ist wie das Geld dinglich. Wir tauschen Dingliches gegen Dingliches. Das erworbene Ding ist unlebendig, und es bringt uns mit der Realität des Todes in Kontakt, ohne dass wir es merken. Was wir merken, ist der Schmerz des Hergebens, des Verlustes. Darin macht sich unsere Vergänglichkeit bemerkbar, doch so, dass wir in der Üppigkeit der Warenwelt die Hoffnung nie verlieren können, dass Vergängliches durch Vergängliches ersetzt werden kann, wie das kaputte Handy durch ein neues, noch besseres und schöneres, und so weiter bis in alle Ewigkeit. Die Illusion der Unendlichkeit der Warenwelt und Güterproduktion und damit der Unsterblichkeit der Konsumenten ist vielleicht die mächtigste Triebfeder der kapitalistischen Produktion und des materialistischen Konsums.
Geld repräsentiert eine universelle Möglichkeit in der Güterwelt, und sobald es ausgegeben ist, sind Möglichkeiten in der Menge des Ausgegebenen vernichtet. Die Wirklichkeit des Gutes entschädigt uns dafür nicht. Doch probieren wir es immer wieder, wie der Glückspieler am einarmigen Banditen. Mit jedem neuen Versuch wollen wir unsere Endlichkeit überwinden und uns unsterblich machen. Alles, was den Schmerz betäubt, ist deshalb willkommen.
Machen wir uns hingegen bewusst, dass das Loslassen ein wichtiger Teil des Lebensprozesses ist und dass wir uns damit in der Dynamik des Austausches im unendlichen Netz des Gebens und Nehmens bewegen, kann es uns leichter fallen, Geld und Güter zu empfangen und wieder herzugeben und dabei mit einem genauen Spüren unserer Bedürfnisse in Verbindung zu bleiben: Was brauchen wir wirklich, was ist uns wichtig – im Geben wie im Nehmen?
Vgl.: Das Ende des Geldes?
Die Doppelbotschaft der Ausbeutungsgesellschaft
Abonnieren
Posts (Atom)
