Manchmal sagt jemand: Wenn ich in mich hineinhorche, spüre ich nichts. Meist sind das nüchterne und trockene Menschen, die sich für ausgeglichen halten und von anderen für langweilig oder farblos eingeschätzt werden. Sind solche Menschen einfach so, oder drückt sich in dieser Charakterverfestigung ein Thema aus, mit dem sich mehr oder weniger jeder Mensch im Zug seines Aufwachsens in der einen oder anderen Weise auseinandersetzen muss?
Die Bedürfnismanipulation
Es gibt einen einfachen und nachdrücklich wirksamen Ablauf, der solche Muster prägen kann. Von Anbeginn sind die Menschenwesen mit der Fähigkeit ausgestattet, ihre Bedürfnisse zu spüren und zu wissen, worin die Befriedigung besteht. Diese Fähigkeit ist zentral dafür, überhaupt über- und weiterleben zu können. Dennoch passiert es häufig, dass Bedürfnisse von den zuständigen Personen, meistens den Eltern, „falsch gelesen“ werden, also missverstanden werden. Dann werden die kindlichen Bedürfnisse entweder gar nicht, unzureichend oder auf anderer Ebene befriedigt. Für den letzteren Fall ist das klassische Beispiel, dass auf das Bedürfnis nach Zuwendung als Befriedigung Nahrung angeboten wird.
Ein zweiter Prozess aktiviert sich nun: Wenn etwas nicht stimmt, wenn sich also die Bedürfnisbefriedigung mangelhaft oder falsch anfühlt, nehmen Kinder an, dass es an ihnen liegt. Sie haben einen Fehler gemacht, es können ja nicht die allmächtigen und allwissenden Erwachsenen sein, die sich irren. Also gelangen sie zu dem Schluss: Es ist nicht die Bedürfnisbefriedigung, die fehlerhaft ist, sondern das Bedürfnis. Damit entwickeln sie ein Misstrauen in die eigenen Bedürfnisse im Speziellen und in das eigene Spüren des Inneren im Allgemeinen.
Auf diese Weise fangen Kinder an, sich über die Großen zu erleben und zu definieren. Sie müssen ihre eigenen Bedürfnisse so zurechtbiegen, dass sie die größtmögliche Chance haben, befriedigt zu werden. Dazu müssen sie die „Befriedigungsmuster“ der Eltern studieren und die eigenen Reaktionen darauf abstimmen. Diese hohe Anpassungsleistung macht es möglich, dass Kinder auch unter emotional kärglichen und desorganisierten Umständen aufwachsen können.
Der Preis liegt in der Überbetonung der äußeren Sinne gegenüber den inneren. Vertrauen können wir hinfort nur dem, was wir sehen, hören und angreifen können. Hingegen was wir in unserem Inneren spüren, ist immer zweifelhaft, gibt uns keine Sicherheit, könnte so oder auch anders sein.
Denn wir haben gelernt, dass wir unsere Wahrnehmung primär darauf richten müssen, was um uns herum vorgeht, und nach diesen Gegebenheiten müssen wir unser Verhalten ausrichten. Wir lernen, wachsam zu sein und unsere Außenwelt daraufhin zu interpretieren, ob und wann sie uns wohlgesonnen und wann sie bedrohlich ist. Wir werden nach außen hin hypersensibel und nach innen taub, oder, im noch schlimmeren Fall, wissen wir nicht, wie wir diese beiden Kanäle voneinander unterscheiden könnten. Wir wissen nicht, was von innen und was von außen kommt.
Außerdem baut sich durch dieses Muster der Bedürfnismanipulation und der Bedürfnisinterpretations-Manipulation eine subtile, aber wirksame Abhängigkeit von den Eltern auf, die weit über das notwendige Alter hinaus prägend wirkt. Als Kinder haben wir aufgenommen, dass sie uns mitteilen, wie es uns selbst geht, und was für uns gut ist zu bekommen und zu tun. Sie wissen besser, was in uns los ist, nicht wir selber. Deshalb vertrauen wir später mehr auf das, was uns andere sagen, als auf das, was wir selber spüren, so wir überhaupt noch etwas spüren. Unbewusst übertragen wir ihnen eine Deutungsmacht über unser Leben, die schwer zu durchschauen und abzuschütteln ist, weil sie in vielen Facetten unterschwellig unser Wahrnehmen und Verhalten prägt.
Die Dominanz der äußeren Sinne, die sich auf der Unsicherheit gegenüber den inneren Sinnen entwickelt, erweitert sich zur Dominanz der Dritte-Person-Perspektive, die wir in allen Ebenen der Gesellschaft wahrnehmen können: die Deutungsmacht der Wissenschaften, die Bedürfnismanipulation durch das Konsumangebot und die Gefühlssteuerung durch die Unterhaltungsindustrie.
Postfaktische Vernebelung
Kein Ausweg ist es, die Macht dieser Wirklichkeitsdefinitionen mit Vernebelungstaktiken zu diskreditieren, nach der Art: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Es gibt Täuschung und Betrug in der Außenwelt, aber es gibt auch Korrektur und Aufklärung. Der Erfolg der Dritte-Person-Perspektive beruht auf den Selbstreinigungskräften, die mit dieser Einstellung möglich sind und darauf achten, dass die Wirklichkeitskonstruktionen soweit zuverlässig sind, dass wir uns in der Welt zielgerichtet bewegen können.
Die Konjunktur des Postfaktischen oder besser Prä- oder Antifaktischen, also die systematische Diffamierung jeder Objektivität in der Wirklichkeitsdarstellung begünstigt nicht die Erste-Person-Perspektive und sorgt nicht für einen Ausgleich des Einflusses beider Perspektiven. Vielmehr geht es bei der Enthebelung des Faktischen zugunsten unbewiesener und unbeweisbarer Fantasien, die im Dienst politischer Propaganda betrieben wird, darum, den Unterschied zwischen der Innen- und der Außenwelt zu verwischen. Es geht also um die Förderung von psychotischen Wirklichkeitsproduktionen und psychotischen Strukturen in der Gesellschaft wie in den Individuen, mit der Hoffnung, in diesem Sumpf der erzeugten Verwirrungen für sich selber Macht und Ressourcen zu maximieren. Wo es keine Faktenbasis für die Unterscheidung von Richtig und Falsch mehr gibt, fehlt auch jede Grundlage für die Unterscheidung von Recht und Unrecht.
Die Reanimation des inneren Sinnes
Der Weg des Ausgleichs zwischen Innen- und Außenorientierung besteht in der Reanimierung und Verfeinerung des inneren Sinnes, in der Öffnung für die Signale unseres Körpers und unserer Seele. Das Wissen und die Intelligenz unserer Innenwelt gibt uns Aufschluss darüber, was stimmig ist, d.h. mit unserem Wesen im Einklang ist und was nicht. Es gilt also, dieses ursprüngliche Vertrauen auf die Weisheit des Organismus im erwachsenen Körper mit dem ausgereiften Gehirn zu nutzen. So gewinnen die äußeren Eindrücke ihre Farbigkeit, die sie lebendig und beweglich macht. Und so wächst auch die Sicherheit, dieses primäre organische Spüren von abgeleiteten Fantasien zu unterscheiden, die das Gehirn produziert.
Für die Erschließung dieses Weges ist die Arbeit an den inneren Mustern wichtig, die im Verlauf der Bedürfnismanipulation und der Abgabe der Deutungsmacht entstanden sind. In dem Maß, wie wir deren Macht abbauen können, gewinnen wir einen authentischen Zugang zu unserem Inneren, wir öffnen den Kanal, der uns klare Informationen und Bewertungen liefert. Mit diesem Rüstzeug können wir die äußeren Wahrnehmungen nutzen, um die inneren auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, und die inneren dazu, den Augenschein der äußeren Wirklichkeit zu durchleuchten. Im Zusammenspiel beider Wahrnehmungsformen verbindet sich das Innere und das Äußere zu einer fließenden Ganzheit und Einheit, die sich weder täuschen noch verführen lässt.
Vgl. Der Vagus und die Selbstheilkraft
Funktional und fließend wahrnehmen
Das innere Wissen
Wenn wir Schmerzen empfinden, bedeutet das, dass der Körper signalisiert, mit einem Problem nicht fertig zu werden. Unser Organismus verfügt über die unterschiedlichsten Formen von Selbstregulation. Diese verläuft zum größten Teil unbewusst. Unsere inneren Systeme steuern sich selber, von der Zellebene angefangen bis zum Blutkreislauf oder Lymphnetzwerk. Auch im Gehirn laufen die meisten Prozesse unbewusst. Etwas bewusst abzuwickeln, erfordert viel Energie (Sauerstoff und Glukose), und wird deshalb aus ökonomischen Gründen auf ein Minimum reduziert.
Das Bewusstsein wird hinzugezogen, wenn es anders nicht mehr geht, und das ist die Funktion des Schmerzes: Ein Notsignal, ein Hilferuf: „Wir schaffen es alleine nicht mehr“. Das Bewusstsein kann Schmerzen nicht ignorieren, die melden sich so vehement, dass wir auf sie achten müssen. Manchmal sind sie so stark, dass wir zusammenknicken, z.B. bei einem intensiven Magenschmerz. Wir können sie jedoch missachten, indem wir sie nicht ernst nehmen, sondern einfach weitertun, bis die Schmerzen von selber abebben. Manchmal denken wir, wir müssen die Zähne zusammenbeißen und trotz Schmerzen weitermachen. Es kann sein, dass wir mit dieser Taktik unseren Körper dazu zwingen, seine letzten Reserven zu mobilisieren, bis es dann zu einem größeren Zusammenbruch kommt.
Denn der Hilferuf, den ein betroffenes Körpergebiet mittels Schmerzen ausschickt, heißt nicht nur, dass die Schadensbehebung von dem Bereich nicht mehr selber erledigt werden kann, sondern auch, dass die Reserven, die für die Reparatur in Anspruch genommen werden, zur Neige gehen.
Schmerzen sind deshalb immer auch ein Anlass, dass wir uns bewusst machen können, wie wir mit unseren Energien umgehen. Wenn wir uns irgendwo im Körper verspannen, wird Energie konsumiert, um diese Spannung aufrecht zu erhalten, und es fehlt der Wiederaufbau der Energie, der in der Entspannung möglich ist. Das System Spannung-Entspannung-Spannung usw. erhält sein Gleichgewicht; bleibt die Spannung mit zu wenig an Entspannung, entsteht ein Ungleichgewicht, es wird zu viel verbraucht und zu wenig hergestellt.
Was kann das Bewusstsein nun tun, wenn ein Organismus-System im Ungleichgewicht ist? Es kann, wie oben gesagt, die Botschaft hören, aber ansonsten ignorieren und so weitermachen, wie bisher, mit riskanten Aussichten. Es kann die Botschaft ernst nehmen und etwas am Leben ändern, was zur Wiederherstellung des Gleichgewichts führt. Es kann sein, dass wir zum Arzt gehen und uns eine Therapie verschreiben lassen. Es kann auch sein, dass wir beschließen, z.B. uns ausdauernd zu bewegen oder anders zu ernähren oder bestimmte Aktionen, die uns zuviel Stress bereiten, beenden.
Wir können zudem noch einen Schritt weitergehen und uns auf die Ebene der inneren Kommunikation einlassen. Schmerzen drücken nämlich auch eine Kommunikationsstörung aus, wie wenn Kinder zum Schreien anfangen, weil sie sonst nicht gehört werden. Lange genug haben wir überhört, was uns unser Körper mitteilen wollte, weil wir andere Aspekte unseres Lebens wichtiger genommen haben, z.B. das, was andere von uns erwarten oder das, was wir von uns selber erwarten usw. Wenn wir auf die innere Kommunikation einsteigen, heißt das, dass wir Verständnis für das Symptom aufbringen, das sich melden, auch wenn es uns lästig oder beschwerlich erscheint. Es will verstanden werden und spüren, dass es wichtig genommen wird. Dann kann es schon ein Stück entspannen.
Untersuchungen haben festgestellt, dass Schmerzreize, die mit innerer Aufmerksamkeit statt mit Abwehr wahrgenommen werden, abnehmen. Interessanterweise gehen die Schmerzreaktionen in den Nervenzellen nicht nur im Gehirn zurück, sondern auch an der Stelle, wo sie entstehen, z.B. im Zahnkanal oder in der Magenschleimhaut. Die Zellen in diesem Bereich entspannen sich offensichtlich, wenn sie die Zuwendung und Aufmerksamkeit des Bewusstseins bekommen.
Wir sollten deshalb den Aufbau und Ausbau unserer Innenkompetenz wichtig nehmen, neben all den anderen Kompetenzen, die wir in unseren Lebenswelten brauchen. Innenkompetenz nenne ich die Fähigkeit, unser Inneres bewusst wahrnehmen und verstehen zu können. Es ist die Fähigkeit der inneren Kommunikation, die im Zuhören und zugewendeten Sprechen besteht, beruhend auf einer gleichberechtigen Grundlage. Unser Symptom, das mit uns reden will, hat genauso recht wie „wir“, also unser bewusster Aspekt, der die ganze restliche Lebenswelt mit ins Gespräch bringt. Es darf kein Machtgefälle geben in diesem Dialog. „Wir“ müssen uns also auch von den Botschaften unseres Körpers belehren lassen.
So können wir die Eigenverantwortung für unsere Gesundheit stärken, die zuallererst in unseren eigenen Händen ruht und von der wir selber am meisten wissen, kennen und spüren. Der bewusste und achtsame Umgang mit Schmerzsignalen aus unserem Körper ist ein wichtiger Zugang zu dieser Kompetenz: Statt die Schmerzen nur als unangenehm, hinderlich und feindlich zu verurteilen, sie als Hinweise zu sehen, wie wir unser Leben verbessern können. Das hilft uns, das Leid, das Schmerzen verursachen, besser zu ertragen, und den Schmerzen, sich schneller zu beruhigen.
Die Eigenverantwortung für unsere Gesundheit können wir nur selber in die Hand nehmen. Das Gesundheitssystem hat kein eigenes Interesse daran, auch viele Ärzte sehen sich wichtiger als die Eigenkompetenz ihrer Patienten. Deshalb müssen wir es zu einem wichtigen Interesse machen.
Vgl. Das Modell der organischen Kommunikation
Selbstheilung durch innere Kommunikation
Das innere Wissen und eine neue Methodologie
Der deutsche Biologe und Umweltphilosoph Andreas Weber hat in seinen Büchern die Schöpferische oder Erotische Ökologie vorgestellt. Viele seiner Gedankengänge decken sich mit den auf diesen Blogseiten erörterten Gedankengängen und führen sie noch weiter.
Weber geht aus von einer untrennbaren Verschränkung von Materie und Geist, die er als Grundlage des gesamten Kosmos sieht. Er meint: "Es gibt keine Subjektivität, die vom Leib entkoppelt wäre." (AF S. 96) und beruft sich dabei auf den namhaften Gehirnforscher Antonio Damasio, für den der Geist gleichsam eine virtuelle Darstellung des lebenden Körpers ist und die Wurzeln des Mentalen in der Subjektivität des Körpers liegen. Zusammengefasst: "Eine Voraussetzung der Schöpferischen Ökologie besteht darin, dass alles, was wir als Geist beschreiben, vollkommen der Materie angehört - freilich ohne dabei auf die Eigenschaften der ‚bloßen‘ Materie zusammenzuschrumpfen." (AF S. 291) "Lange Zeit galt eine solche Verbindung zwischen Außen (der Biochemie des Körpers) und Innen (unserem subjektiven Erleben) in der Biologie als absurd. Heute aber entdecken Molekularbiologen, wie Gefühle, die reine ‚Innendimension‘ also, sogar das Erbmaterial verändern." (L S. 93)
Wir haben keine Möglichkeit zu einer "objektiven" Wahrnehmung, weil uns die Natur mit Wahrnehmungsorganen ausgestattet hat, die uns die Wirklichkeit so liefern, wie es die Natur als für uns passend bestimmt hat. Wir können daran auch grundsätzlich nichts ändern, weil wir weder unsere Augen und Ohren noch unser Gehirn umbauen können. Wir können uns aber dieser Tatsachen bewusst sein und danach unser Bild der Welt ausrichten - als unweigerlich relativ, aber gerade in dieser Relativität äußerst produktiv. Weber nennt das die zarte Empirie: "In ihr weitet sich das eigene Selbst als Echo des ständig vibrierenden schöpferischen Potenzials, und jedes wirklich wahrgenommene Objekt erschafft ein neues Wahrnehmungsorgan in uns.“ (L S. 104)
Da jedoch die Naturwissenschaften in den vergangenen Jahrhunderten unser Verhältnis zur Welt, insbesondere zur Natur mit dem Anspruch auf Objektivität geprägt haben, haben wir das Bewusstsein entwickelt, über der Natur zu stehen. Damit ist einen Gegensatz zwischen Natur und Kultur erfunden worden. Tatsächlich sind wir nach wie vor und primär Naturwesen, direkt und eng mit den anderen Naturwesen verbunden. Deshalb meint Weber: "Wir müssen die Natur für unsere Seele retten." (AF S. 24)
Als Schüler des Biologen und Systemforschers Francisco Varela, der weithin durch das Buch "Der Baum der Erkenntnis" (zusammen mit Umberto Maturana) bekannt wurde, versteht Weber den Aspekt der Selbstschöpfung (Autopoiesis) des Lebens. Jede Körperzelle betreibt diese Selbstschöpfung, indem sie z.B. in der Lage ist, in einer Sekunde bis zum einem Dutzend von zerstörten DNA-Verbindungen zu reparieren.
Wichtig ist für Weber die Innenperspektive, ohne die wir uns selbst und das Leben nicht verstehen können. Er zitiert in diesem Zusammenhang gerne Rainer Maria Rilke, der den Begriff des "Weltinnenraums" geprägt hat. "ˋSeele' heißt Innerlichkeit, und es ist diese, die wir mit den anderen Wesen gemeinsam haben, in wie geringem Maße auch immer." (AF S. 78)
Deshalb gelangt er zur Auffassung, dass wir mit dem Fühlen (was wir hier den inneren Sinn nennen) an unsere Lebensprozesse heranreichen. "Wenn sich die Physik des Lebens am besten als Gefühl beschreiben lässt, dann ist dieses Gefühl doch zugleich immer mit dem Stoff verkoppelt, aus dem der Organismus besteht. Gefühl ohne Materie ist nicht möglich. Das, was sich uns als Gefühl innerlich zeigt, ist etwas, das mit uns als Körper 'äußerlich' geschieht, denn alles Leben ist immer an den Stoff ausgeliefert." (AF S. 78)
Bei allen biologischen Vorgängen gibt es eine innere Seite, die den "Standpunkt, ein Betroffener zu sein" (AF S. 102) beinhaltet. "Dieser Standpunkt ist symbolisch, das heißt, er stellt den Körper nicht dar wie eine Anzeigetafel den Betriebszustand eines Kraftwerks, sondern übersetzt ihn in Empfindung. ... Empfindung ist die gemeinsame Sprache aller Zellen und aller Wesen, die Sprache der Körper und der Dichter." (Ebd.)
Die Empfindung ist also die unterste Quelle der Information aus dem Bereich der Natur, die intern zu Bewusstsein gelangen kann. Sie ist deshalb das wichtigste Tor zum Unbewussten, das wir in der Psychotherapie nutzen können und nutzen müssen, wenn wir an die Wurzeln von Problemen im vorsprachlichen Bereich gelangen wollen.
Und die Heilung von Symptomen und Krankheiten ist die Wiederherstellung der Einheit: "Denn jede Heilung bedeutet, den ungestörten Fluss wiederherzustellen, der den Stoff des Wesens von Augenblick zu Augenblick ordnet." (AF S. 114)
Weber ist bei seinen Versuchen, die Subjektivität der Natur zu verstehen, auf die Universalität der Sprache und die Grundlagen der inneren oder organischen Kommunikation gestoßen. Er meint, dass die "symbolische Sphäre unseres Inneren sich in einer einzigen universellen Sprache, einer ‚Lingua franca‘ des Körpers, ausdrückt. ... Die Buchstaben dieser Sprache sind kein Text außerhalb der Materie. Sie müssen vielmehr als eine Erscheinungsform der Materie einen emotionalen Wert vermitteln, der für Lebewesen sofort lesbar ist. Das Medium der Gefühle muss demnach emotional geformte Materie sein, denn ohne den Stoff könnte die Sprache der Gefühle nicht erscheinen ... Der Geist ist nichts anderes als der Körper – aber in seiner Bedeutung für den Fortgang des Lebensprozesses. Das Medium ist tatsächlich nichts als Materie – aber es ist so geformte Materie, dass sie für ein Lebewesen unmittelbar und unausweichlich eine existenzielle Bedeutung hat." (AF S. 103-104) "Das Kern-Selbst ist die Bedeutung der körperlichen Prozesse. Es ist ihre stets vorhandene, unablösbare seelische Dimension." (AF S. 100)
Die „Lingua franca“, also die Universalsprache des Lebendigen, ist auf diesen Seiten schon mehrfach postuliert worden – die innere Kommunikation als Grundlage aller Lebensprozesse. Auf dieser Ebene lassen sich Physik und Psychologie verbinden. Weber greift dazu auf die Forschungen von Jaak Panksepp über die Kommunikation der Gefühle zurück: "Hat Panksepp recht, dann gibt es wirklich eine Durchgängigkeit der Formen zwischen dem Physischen und dem Psychischen. Dann verbindet eine Kette von Analogien die Fluktuationen der Moleküle in der Zelle mit neuronalen Mustern, mit der Spannung von Körperhaltungen, der Bedeutsamkeit sprachlicher Ausdrücke und der Vibration musikalischer Themen." (SF S. 108)
Die Welt des Denkens ist nur die Fortsetzung dieses Kontinuums: "Das Abstraktionsvermögen ist das Erbe der Natur in uns. Wir sind selbständig geworden, indem wir die symbolische Funktionsweise unserer Körper nach außen getragen haben - in die Kultur." (AF S. 129)
Doch hat dieser große Bogen auch einen Rücklauf, den wir ernst nehmen müssen: "Aber wenn die archaischen Gesellschaften recht haben und alles Kulturelle in der Tiefe eine Ökologie ist, die uns mit der Natur verbindet, dann vernichtet Naturzerstörung letztlich immer die Gesellschaft. Auch in unserem Fall. Ihr Tod wird sich bloß später zeigen.“ (AF S. 129-130) "Kurzum: Wir müssen Natur bewahren, weil wir sie selbst sind, und wir müssen Natur bewahren, weil sie alles ist, was wir nicht sind." (AF S. 279)
Tiefgründig ist auch die Auseinandersetzung mit dem Tod: Je mehr wir unser Leben steigern wollen, desto mehr laden wir den Tod ein. "Lebenwollen um jeden Preis ruft den Tod - den Tod anderer Menschen, anderer Wesen, die Auslöschung von Sprachen, Ideen und, am schlimmsten, von Möglichkeiten und Freiheitsgraden - beständig hervor." (L S. 80-81) Deshalb ist Egoismus immer selbstschädigend, und das Interesse an der gemeinsamen Lebenserhaltung und Lebenssteigerung ein Grundmerkmal des Lebens. Weber kritisiert auch die Esoterik in diesem Zusammenhang: "Esoterik ist im Übrigen nur eine weitere sehr menschliche Weigerung, den Tod zu akzeptieren, indem man die Kontrolle über alles übernimmt, in diesem Fall durch die Illusion, das Ganze ‚geistig‘ zu durchschauen und beherrschen zu können." (L S. 65)
Einen Weg, den Bezug zur Natur zu wahren, sieht Weber darin, die Poetik mit der Rationalität gleichzusetzen: "Poesie ist nicht die Ausnahme. Poesie ist der Maßstab unserer Rationalität." (AF S. 111) Deshalb sind seine theoretischen Texte in poetische Erzählungen eingebettet. Er benennt diese Vorgangsweise der Wirklichkeitserfassung als poetischen Materialismus: "Poetischer Materialismus heißt, dass der Sinn in die Körper eingeschlossen bleibt und wir ihn nicht extrahieren können, ohne diese Körper zu beschädigen.“ (L S. 211)
Ich hoffe, dieser schmale Überblick über zwei Bücher von Andreas Weber hat Appetit auf mehr gemacht! Seine erotische Ökologie bietet viele Schätze und Einsichten.
Andreas Weber: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften. Berliner Taschenbuchverlag 2007 (zit. als AF)
Andreas Weber: Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie. München: Kösel 2014 (zit. als L)
Wir leben in einer Gesellschaft, die die Ablenkung auf Dauerfeuer gestellt hat: die mobile Nutzung des Smartphones geht nahtlos über zu Fernsehen und Computerverwendung. Öffentliche Plätze sind mit Werbeanreizen vollgestopft, mediale Botschaften sind allgegenwärtig. Die Ablenker tragen wir mit uns herum, damit wir ja nie alleine und ohne Reizfütterung sind.
Bei dem, was wir gerne Ablenkung nennen, handelt es sich eher um eingelernte und von außen geschickt verstärkte Gewohnheiten, die einen gravierenden Verlerneffekt beinhalten: Wir verlernen dabei, uns selber zu spüren, also unser Inneres wahrzunehmen. Denn die sogenannte Ablenkung wird von äußeren Instanzen gesteuert, sodass unsere Aufmerksamkeit von den Reizen gefesselt wird, die auf uns – nahezu ohne unsere Kontrolle – einprasseln.
Wir wollen wissen, was sich da gerade verändert und was da neu auftaucht, wenn wir auf einen Bildschirm oder ein Display starren. Dabei vergessen wir, darauf zu achten, wie unser Inneres auf die Reizfülle reagiert, wie es mit dem Datensturm zurechtkommt, was wirklich wichtig und was banal und nebensächlich ist. Wir unterstützen es nicht bei der Integration all der Abenteuer, die über unsere Augen und Ohren nach innen überfluten. So werden all die Facebook- und WhatsApp-Nachrichten in einem ungeordneten Haufen von Fragmenten, zusammenhangslos in der Rumpelkammer unseres Bewusstseins abgelegt, während die Aufmerksamkeit schon wieder woanders angebunden ist. Die Reize erschöpfen sich schnell und fordern beständige Nachfütterung. Unweigerlich entwickeln sich selbstverstärkende Suchtmuster.
Dabei verkümmert der innere Sinn. Eine Gesellschaft ohne Innenperspektive wird zu einer Gesellschaft ohne Integrationskapazität und Orientierung. Es gibt allerdings eine, wie ich hoffe, wachsende Minderheit von Menschen, die sich dem hemmungslosen Medienkonsum und der suchtartigen Außenbezogenheit bewusst entziehen. Die Hoffnung tut not, weil möglicherweise das Schicksal der Menschheit daran liegt, das verloren gegangene Gleichgewicht zwischen Außen und Innen wiederherzustellen.
Plakativ gesagt, beobachten wir allerdings das Auseinanderdriften zwischen wachstumsbereiten und konsumorientierten Menschen, zwischen den primär Außengeleiteten und denen, die immer wieder auch nach innen schauen. Ein Blick auf die Bewusstseinsevolution zeigt uns, wo es hingeht, wo wir die Vorreiter des Ausgleichs finden können: Dort, wo die Innenperspektive gepflegt und entwickelt wird. Nachhaltigkeit gibt es nur, wo der innere Weg, der Weg zu sich selbst, gleich stark neben der Außenorientierung steht.
Was wäre erforderlich, was würde sich ändern, wenn das Auseinandergedriftete wieder zueinander fände?
Ein paar Beispiele:
Geburt: Es gibt den Trend, dass weder Mütter noch Väter, weder Geburtshelfer noch Medizinplaner spüren, was es für diesen so wichtigen Schritt eines Menschenlebens braucht. Was tut gut und was stimmt, wenn ein neues Leben das Licht der Welt erblickt, damit es gut in dieser Welt leben kann? Wir müssen danach vor allem im Innen suchen. Fehlt die Fürsorge für das Innenleben von Anfang an, so bringen Eltern, die die werdenden Babys nicht spüren können, Babys zur Welt, die sich nicht spüren können.
Kollektiv wird verständlicherweise das Nichtspüren als Hilfe und Schutz vor Schmerz zur massivsten Bemühung der Gesellschaft, implementiert mittels raffinierter Ablenkungsmanöver. Für Extremfälle stehen die Schmerzmittel, englisch pain killers, zur Verfügung – der Schmerz muss gewaltsam umgebracht werden.
Die Integration der Innenperspektive würde das Gebären umkrempeln, etwas nach niederländischem Vorbild, wo 30 % der Kinder zuhause geboren werden, in einer natürlichen Umgebung, frei vom Stress eines Spitals. Geburten sind komplizierte Vorgänge, und sie brauchen alle Ressourcen, die wir haben, primär die des inneren Spürens. Erst langsam nehmen wir zur Kenntnis, dass Babys als sehr fein und genau spürende Wesen zur Welt kommen, alles registrierend, was im Innen wie im Außen vorgeht. Sie brauchen Eltern, die das Innere genauso wie das Äußere registrieren können. Therapeuten, die mit Eltern und Babys arbeiten, berichten, dass sich Schreibabys beruhigen, wenn die Eltern ihre eigenen Gefühle spüren und ausdrücken.
Wissenschaft:
Durch die Dominanz der Außenperspektive zerfallen die Wissenschaften in zwei Kategorien: Diejenigen mit den harten Fakten und die anderen mit den weichen Befunden. Die ersteren, die mittels objektivierender Methoden möglichst subjektfreie Erkenntnisse liefern wollen, liefern die Grundlagen für Entscheidungen z.B. im Gesundheitsbereich. Gelder fließen dorthin, wo es harte Fakten gibt.
In einer zukünftigen Gesellschaft, die den Wert des inneren Sinnes wieder in sein Recht gesetzt hat, müsste sich diese Dominanz ändern. Die Erkenntnisse des inneren Sinnes, wie sie in einer Wissenschaft der Ersten Person erbracht werden, stehen dort gleichberechtigt und wechselseitig ergänzend neben den traditionellen Wissenschaften der Dritten Person. Die Befunde aus der Innenforschung fließen gleichermaßen in die Prozesse der gesellschaftlichen und politischen Entscheidungsfindung und Planung ein wie die Erkenntnisse der objektivierenden Wissenschaften. Das bedeutet z.B. für das Gesundheitssystem, dass dessen Subjekte, die Kranken und deren Innenkompetenz eine zentrale Position bei Diagnose und Therapie bekommen, und die traditionellen Fachleute, Krankenschwestern und Ärzte, eine beratende und unterstützende Rolle übernehmen.
Schule:
Im Fächerkanon der Bildungsinstitutionen finden sich überwiegend „Gegenstände“ (sind damit eigentlich Dinge gemeint??), die die rationale objektivierende Sichtweise der Wirklichkeit stärken und keinen Platz für Introspektion lassen. Deshalb müssten schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte der Zeit und der Inhalte umgeschichtet werden, damit die Innenperspektive einen gleichrangigen Platz erhält. Methoden wie Meditation oder Achtsamkeitstraining hätten dann nicht nur einen gleichrangigen Zeitrahmen wie Mathematik oder Sprachfächer zur Verfügung, sondern auch die gleiche Wichtigkeit und Wertschätzung bei Lern- wie bei Lehrpersonen.
Gesellschaft:
Personen, die sich auf den Weg der Innenaufarbeitung begeben, werden von der Gesellschaft nicht nur dadurch unterstützt, dass z.B. psychotherapeutische Behandlungen oder der Besuch von Entspannungs- und Meditationskursen von den Krankenkassen bezahlt werden, weil erkannt wird, dass sich die Investitionen in die Innenerforschung mehrfach amortisieren. Noch weitergehend müssten Personen, die unter besonders starken inneren Prozessen leiden, vom Arbeitsleben freigestellt werden, bis sie wieder einsteigen können, ausgestattet mit neuen Kräften und mehr Menschlichkeit. Denn wer ein schweres inneres Schicksal aufarbeiten muss, würde nicht mehr als Schwächling, Drückeberger oder Simulant denunziert, sondern als jemand angesehen, dem viel angetan und zugefügt wurde und der sich diesen Themen stellt und an ihnen arbeitet, statt sie unbewusst an seine Umgebung und Nachkommen weiterzugeben.
Wir müssen über die Zynismen der Postmoderne hinwegkommen. Sie spiegelt nämlich die Reizüberfütterung und suchtartige Außenfixierung wider, indem sie dekretiert, dass es keine allgemeingültige Perspektive mehr geben kann. Darin zeigt sich der Verlust der Allgemeinheit in einer hemmungslosen Konsumgesellschaft, die Fragmentierung der individuellen Reizverarbeitung, die sich dadurch verselbständigenden inneren Teilaspekte, die kein Zentrum und keine Zusammengehörigkeit mehr finden können.
Denn ein solches Zentrum gibt es nur im Inneren, und es ist über genau einen Sinn zugänglich, durch den inneren, das ist der Sinn der Sammlung: Es sammeln sich die aufgesplitterten Teile des Selbst, wenn die Aufmerksamkeit vom Äußeren ins Innere geht und dort solange verweilt, dass das Innere das Äußere überwiegt, sprich dass sich der Verstand, der die Summierung der äußeren Reize verkörpert, zurückzieht und dem Raum des Spürens den Vortritt lässt.
Wir kommen also nur weiter, als Individuen wie als Gesellschaft, wenn der innere Sinn, die Perspektive der Ersten Person, gleichberechtigt neben die Perspektiven der äußeren Sinne einrückt, und entsprechend geachtet und gefördert wird. Unsere Kultur ist noch weit weg davon ist, und wir haben noch gar keine Ahnung davon hat, was eine Öffnung in diese Richtung bedeuten würde. Denn es würde zu einer Umorientierung in allen Bereichen der Gesellschaft kommen.
Gesellschaften entwickeln sich nicht sprunghaft, sondern wachsen in Wellenbewegungen, die stetig voranschreiten, trotz viel Vorwärts-, Rückwärts, und Seitwärtsbewegungen. Im großen Bogen betrachtet, können wir auf ein Bewusstsein vertrauen, das von sich aus wachsen will. Wir können uns dieser Kraft anschließen und an ihr partizipieren. Die Richtung ist klar, was dagegen steht, ist die Fixierung auf das materialistische Bewusstsein. Nach meinem Modell der Bewusstseinsevolution handelt es sich dabei um eine Stufe der Entwicklung, die erst die Halbzeit dessen, was der Menschheit möglich ist, erreicht hat. Gehen wir also mutig, vertrauensvoll und geduldig in die Richtung weiter, die unser Inneres vorgibt, wenn wir es belauschen.
Vgl. auch: Die Erste-Person-Perspektive und Das innere Wissen und eine neue Methodologie
Nach Zahlen der EU-Gesundheitsagentur betragen die Kosten für Burnout 240 Milliarden, auf Österreich entfallen dabei ca. 7 Mrd./Jahr. 50 bis 60 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage sind demnach durch arbeitsbedingten Stress und psychosoziale Risiken bedingt.
Negativ wirkt Stress dann, wenn die von ihm ausgelöste Ausschüttung des Hormons Cortisol das Gehirn dauerhaft überschwemmt, wenn die Anspannung also nicht nach lässt. Es kommt so quasi zu einer Cortisolvergiftung, die nach und nach Nervenzellen im Gehirn abtötet.
Wer täglich acht bis zehn Stunden in diesem Zustand ist und sich dann der Freizeit- oder der Elektronikindustrie aussetzt, beraubt sein Gehirn der Möglichkeit zum Abbau von Cortisol, sagen Neurobiologen. Laut Forschungen des Max Planck-Institutes können so bis zu einem Drittel der Intelligenz verloren gehen.
Gib mir alles
Soweit die Zeitungsnachricht. Die Doppelbotschaft liegt klar auf der Hand: Die Gesellschaft will alles von dir, und das, was du zur Bereitstellung brauchst, musst du dir selber organisieren: Wir wollen dich mit Haut und Haaren, und du musst selber schauen, wie nachwächst, was du herzugeben hast. Die postkapitalistische Wirtschaft/Gesellschaft verlangt die vollständige Spaltung zwischen Körper und Geist. Der Körper hat dafür zu sorgen, dass die geistige Arbeitskraft ganz den Erfordernissen des Arbeitsprozesses zur Verfügung gestellt werden kann. Der geistig arbeitende Mensch soll sich möglichst radikal vom Körper trennen, damit dieser der Arbeitsleistung nicht in die Quere kommt.
So wird durch die Leistungsanforderung die Beziehung zum Körper abgeschnitten, der gleichwohl in der Freizeit für die Regeneration sorgen soll. Wo er es nicht mehr schafft, entzieht er dem Geist die Grundlage, sodass die gestressten Menschen immer mehr an Leistungsfähigkeit verlieren, bis sie im Burnout landen. Nachdem viele Arbeitsplätze nach diesen Grundsätzen definiert sind, ist es schwer, ohne die Bereitschaft zur Selbstausbeutung überhaupt noch Arbeit zu finden.
Wie können wir aufhören mitzuspielen?
Wir bauen diesen Stress auf, weil wir zu sehr nach außen orientiert und von außen motiviert sind. Die Reize, die uns in Trab halten, kommen von außen, das Telefon, das beantwortet werden muss, das Gespräch, das geführt werden muss, die Aufgabe am Schreibtisch, die gelöst werden muss. Wir bekommen dafür wieder Äußerlichkeiten, Geld, das wir zum Lebensunterhalt und zum weiteren Konsumieren ver-brauchen.
Wie es in unserem Inneren ausschaut, bekommen wir selten mit, oft erst, wenn es gröbere Fehlfunktionen gibt, die uns zu schaffen machen. Der Körper signalisiert uns, dass er nicht mehr mitspielen kann, dass seine Ressourcen am Ende sind. Wir können die Krise als Chance nehmen, einen Neuanfang zu wagen, indem wir beschließen, das weitere Leben mit und nicht gegen den eigenen Körper zu führen.
Es muss auch nicht so weit kommen. Wir können uns jederzeit vergewissern, wie es uns in unserem Inneren geht: Nicht mit dem Blick auf das Bankkonto, sondern mit dem Spüren zu unserem Herzen und zu unserem Bauch. Was sagen diese Bereiche in uns zu der Weise unseres Lebens? Was brauchen sie, wie können wir gut für sie sorgen?
Indem wir unsere Aufmerksamkeit nach innen richten, erleben wir uns als Einheit, als Zusammengehörigkeit, und können nachspüren, was aus dieser Einheit als Antwort aufsteigt, wenn wir eine Frage haben oder vor einem Problem stehen. Je mehr Zeit wir dieser inneren Einheit, dem, was wir sind und was uns ausmacht, widmen, desto leichter wird es fallen, die innere Stimme zum Leben zu erwecken und als helfende Kraft für unser Leben zu gewinnen. Sie wird uns darauf aufmerksam machen, wann wir über die Grenzen unserer Belastbarkeit gehen, wann wir Dinge tun, die uns ausbrennen lassen, wann wir uns für Anforderungen von außen aufopfern, wann es Zeit ist, eine Pause einzulegen und zu uns selber zurückzukehren.
In Anbetracht der massiven psychischen Schäden, die von der Arbeitswelt in unserer Gesellschaft verursacht werden, ist es höchst an der Zeit, diese überlebensnotwendige Wende nach Innen breiter ins Bewusstsein zu bringen. Es müsste in den Pflichtenkatalog der Bildungsinstitutionen und der Politik ebenso Aufnahme finden wie in den Tagesablauf jedes Einzelnen. So sehr wir uns vielleicht ein radikales Umkrempeln des ganzen Systems wünschen, damit es mehr den Menschen und ihren Bedürfnissen angepasst wird und nicht umgekehrt, so gibt es zugleich Nischen in diesem Getriebe, die wir kreativ nutzen können, um zu verlangsamen, zu entschleunigen und uns mit uns selber verbinden, bevor wir auseinanderfallen.
Wir können zwei Arten des Wissens nach ihrer Quelle unterscheiden: Wissen, das von außen kommt und Wissen, das von innen kommt. Die Informationen für das äußere Wissen erhalten wir durch die äußeren Sinne, für das Innere brauchen wir die inneren Sinne. Die äußeren Sinne sind bekannt und brauchen keine nähere Erläuterung: Sehen, Hören, Riechen, Tasten. Die inneren Sinne sind jene, die uns Auskunft geben über unsere Körpererfahrungen und Gefühle. Sie entstehen in unserem Nervensystem, ohne dass es notwendigerweise zu einer Einwirkung durch Reize von außen kommt. Diese Informationen werden uns als Empfindungen und als Gefühle bewusst, und im Zusammenwirken mit den Denkfunktionen wird daraus das innere Wissen.
Das innere Wissen hat zwei Vorteile: Es ist uns unmittelbar zugänglich und evident. Es liefert Erkenntnisse, die wir auf anderem Weg nicht gewinnen können. Es hat einen Nachteil: Es ist subjektiv, d.h. andere Menschen können dieses Wissen nur indirekt nachvollziehen, indem wir darüber berichten, gewissermaßen in indirekter Rede. Sowohl intern wie erst im Bericht ist schwer zu unterscheiden, welcher Realitätsebene das innere Wissen entspricht: Der Fantasie, dem Gedächtnis, dem gegenwärtigen Erleben usw. Wir vermischen oft selber „Dichtung und Wahrheit“, wenn es um Erinnerungen geht, verwechseln Gedanken und Gefühle („ich fühle, dass du mich nicht magst“), manipulieren uns selber („das war ja gar nicht so schlimm“) usw. Wenn wir über Erlebtes in uns selbst berichten, kommen noch mehr Verzerrungsfaktoren dazu. Die subjektive Welt ist eben letztlich privat und kann nur mittels Übersetzung veröffentlicht werden.
Inneres Wissen hat also einen wesentlich geringeren Grad an Verbindlichkeit und Überzeugungskraft als äußeres Wissen. Es erfordert einen guten Grad an Vertrauen in die erlebende Person, um über sie hinaus relevant werden zu können. Dennoch repräsentiert es eine ganz wesentliche Komponente unserer Welt, die ja vor allem in unseren Köpfen entsteht.
Das Wissen, das wir in der Innenschau gewinnen, ist nicht nur, wie Wissen grundsätzlich, eine Bereicherung der Welt, sondern dient auch ihrer qualitativen Verbesserung. Wir kommen mit Hilfe dieser Wissensform nicht nur dem Ideal einer ganzheitlichen Beschreibung der Welt näher, ein Ideal, das für die Wissenschaften grundsätzlich erkenntnisleitend ist. Wir leisten auch einen Beitrag zum normativ wirksamen qualitativen Fortschritt, und damit zu einem besseren, friedvolleren Zusammenleben der Menschen.
Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir das Image des inneren Wissens verbessern, gewissermaßen unseren Glauben daran stärken. Was es dazu braucht, sind verlässliche Experten auf dem Feld der Erkenntnisgewinnung. Die Reputation der Wissenschaften der äußeren Sinne, also vor allem der Naturwissenschaften, stammt daher, dass, wer in diesem Bereich forscht, hohen Standards folgt, z.B. der Unparteilichkeit, der Genauigkeit, der Dokumentierbarkeit usw.
Experten auf dem Gebiet des inneren Wissens müssen über vergleichbare Standards verfügen. Sie orientieren sich an ethischer Integrität, d.h. sie wollen z.B. nicht mittels frei erfundener Erkenntnisse Geld machen, sie haben einen hohen Grad an innerer Sensibilisierung erworben, d.h. sie können zwischen Empfindungen, Gefühlen, Gedanken, Fantasien usw. klar unterscheiden, und sie können reproduzierbares Wissen dokumentieren.
Dazu braucht es eine übergeordnete Instanz, die den einzelnen Wissensformen einen gebührenden Platz zuordnen kann. Es kann für den Erkenntnisfortschritt auf Dauer nicht fruchtbar sein, wenn ein Zweig des Wissens einen Alleinvertretungsanspruch postuliert und durchsetzen will. Es ist ein Widerspruch in sich, wenn eine Wissensform andere verbieten will. Als Schiedsinstanz, als Zuteilungsinstanz, als Moderator für öffentliche Relevanz kommt der Wissenschaftstheorie eine tragende Vermittler- und Vermittlungsrolle zu.
Die Ganzheit der Welt braucht Bewusstheit in jedem Detail. Dafür müssen alle Wissensformen zusammenwirken, jede hat etwas Wichtiges beizutragen. Jede braucht einen guten Platz im Konzert der Erkenntnisse, ein Platz, von dem aus die anderen Stimmen gut wahrgenommen werden können und der gleichrangige Austausch vonstatten gehen kann.
Vgl.:
Die Verdinglichungstendenz
Das innere Wissen und eine neue Methodologie