Posts mit dem Label Entsolidarisierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Entsolidarisierung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 25. Juli 2022

Die kollektiven Traumatisierungen durch den Kapitalismus

Kollektive Traumen bilden sich nicht nur als Folge von Katastrophen, Kriegen und systematischen Gewaltanwendungen. Sie geschehen auch schleichend, ähnlich wie bei Entwicklungstraumatisierungen auf der individuellen Ebene. Solche kontinuierlich ablaufenden, aber nie kulminierenden Traumaerfahrungen wirken nachhaltig schwächend und zehrend und verändern das Bewusstsein von Vertrauen und Sicherheit zu Wachsamkeit, Kontrollzwang und Bedrohungsahnungen. Dabei entsteht eine unterschwellige chronische Stressbelastung.

Der Kapitalismus ist direkt verantwortlich für Katastrophentraumen, die kollektive Auswirkungen auf viele Menschen hatten, wie z.B. die Weltwirtschaftskrise von 1929 oder die Finanzkrise von 2008. Massive Spekulationen, also Hasardspiele von Investoren bei fehlenden staatlichen Kontrollen führten zu Zusammenbrüchen von wirtschaftlichen Strukturen und erzeugten eine Massenarmut, 1929 viel stärker als 2008, weil inzwischen Lernprozesse stattgefunden haben, sodass die ärgsten Folgen durch staatliche Maßnahmen abgefangen werden konnten.

Viele der Traumatisierungen, die von unserem Wirtschaftssystem ausgelöst werden, sind schwerer greifbar. Es gibt keinen Feind, der mit militärischer Gewalt im eigenen Land einfällt. Vielmehr lautet die Botschaft von den Propagandisten des Kapitalismus, dass jeder seines Glückes und seines Unglückes Schmied ist. Jeder ist verantwortlich für seine Erfolge und Misserfolge, auch wenn die meisten Faktoren dafür nicht der eigenen Kontrolle unterliegen. Menschen, die als Arbeitskräfte „freigesetzt“ werden, also aus dem Arbeitsprozess aussteigen und auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, sehen vielleicht im Chef oder in der Firma den Verursacher des Notzustandes, gegen den sie aber keine Chance haben. Der Chef leidet vielleicht selber darunter, einen geschätzten Mitarbeiter kündigen zu müssen, fühlt sich aber unter Druck durch die Marktsituation und mächtige Konkurrenten, die billiger produzieren können. Es ist das Wirtschaftssystem, das solche Belastungen erzeugt, und die Menschen sind seine Akteure, ob sie es wollen oder nicht. Wenn sich solche Phänomene häufen, entstehen kollektive Felder der Unsicherheit und Angst, die alle in ihren Bann ziehen, die, die Arbeit haben und die, die sie verloren haben, die Unternehmer mit guter Auftragslage und jene mit schlechter Auslastung.

Anonymisierung und Verantwortungsüberladung

Damit bleibt die ganze Verantwortung bei der Einzelperson, die als Opfer der Vorgänge, bei denen es keine identifizierbaren Täter gibt, die Schambelastung alleine tragen muss. Denn das Versagen im System geht mit einem sozialen Stigma einher: Er/sie hat es nicht geschafft, war zu schwach oder zu wenig clever. Wer am Markt nicht reüssiert, ist selber voll dafür verantwortlich und muss sich schämen.

Die Entsolidarisierung hat dazu geführt, dass die Schicksale vereinzeln, während die Traumafelder übergreifend wirken und auch die mitbetreffen, die in Zeiten des ökonomischen Wandels ihre Stellung behaupten oder verbessern können. Denn sie sind dem gleichen Stress ausgesetzt wie die, deren ökonomischen Weiterexistenz unmittelbar bedroht ist.

Obwohl alles, was im ökonomischen System geschieht, von Menschen gemacht ist, wirkt es so, als wäre ein übermenschlicher Akteur am Werk, ähnlich wie die „invisible hand“ nach Adam Smith, die die Marktabläufe reguliere. Bezogen auf die verletzbare menschliche Seele wird mit diesem Anschein erreicht, dass die Traumatisierungen als nicht-menschengemacht wahrgenommen werden, obwohl sie menschengemacht sind. Bekanntlich lösen menschengemachte Katastrophen wesentlich stärkere Traumabelastungen und posttraumatische Störungen aus als nicht-menschengemachte, z.B. Naturkatastrophen im Vergleich zu Kriegen oder Misshandlungen. Es findet also eine Täuschung statt, mit deren Hilfe menschliches Handeln anonymisiert und damit scheinbar verharmlost wird. Es gibt keine Schuldigen, keine Verantwortlichen, sondern nur ein anonymes Netzwerk von undurchschaubaren Zusammenhängen, das das Schicksal der Menschen in der Hand hat und die einen belohnt und die anderen bestraft.

Scheinlösung Verschwörungstheorie

Es tauchen immer wieder Verschwörungstheorien auf, die versuchen, die Kräfte hinter dieser Anonymisierung aufzudecken und ans Licht zu bringen. Sie wollen damit die Täter anprangern und damit ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit vermitteln. Das Wissen, wer schuld am eigenen Schicksal ist, eröffnet zumindest einen Horizont für mögliche Gegenaktionen, auch wenn völlig unklar ist, wie das geschehen sollte. Die Verbreiter dieser Theorien bringen allerdings auch nur eine Scheinlösung zustande, weil sie die komplexen Vorgänge auf individuelle Bösewichter oder Bösewichtergruppen herunterbrechen. Sie reden von Geheimklüngeln, die sich die Macht auf die Welt aufteilen wollen, obwohl es unzählige Akteure in dem weiten Feld des globalen Wirtschaftsgefüges gibt, die dadurch reich bis superreich werden, durch Korruption oder ohne. Nicht einmal hundert Wirtschaftsbosse wären in der Lage, die Weltwirtschaft zu dirigieren, sollten sie sich überhaupt untereinander einig werden, in welche Richtung das gehen sollte und wer welchen Happen davon kriegt.

Die Verschwörungstheorien befriedigen nur ein psychologisches Bedürfnis nach Überblick und Verständnis der Abläufe sowie nach Sündenböcken für alle Fehlentwicklungen, leisten aber keinen Beitrag zum besseren Verstehen der Zusammenhänge, geschweige denn zu praktischen Lösungswegen. Sie wirken höchstens wie Placebos auf die Traumabelastungen, während sie tatsächlich bei allen, die an sie glauben, retraumatisierend wirken, weil sie die reale Ohnmacht verstärken und das Böse noch mächtiger erscheinen lassen, als es ist.

Für den Durchblick angesichts der komplexen Zusammenhänge sind die Wirtschaftswissenschaften zuständig und mühen sich, Licht ins Dunkel zu bringen, schaffen aber nur, wie es im Wesen der Wissenschaften liegt, Einblicke in Teilaspekte des Geschehens, das in seiner Ganzheit und Dynamik in kein ökonomisches Modell passt. Denn es wirken daran alle Menschen auf diesem Planeten mit und verändern durch ihr Tun das Ganze in jedem Moment. Die vielen aufeinander bezogenen Aktionen von bald 8 Milliarden Menschen ergeben eine unvorstellbar hohe Anzahl von wirtschaftlichen Interaktionen, die nur annähernd in ihren Zusammenhängen verstanden werden können. Die Wissenschaften bauen dennoch eine Basis der Verlässlichkeit auf, die als Ressource wirken kann und damit Traumafolgen abmildert.

Die Pandemie hingegen hat die latente Traumatisierung als Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems vielerorts an die Oberfläche gebracht und zahlreichen Menschen deutlich gemacht, auf welch fragilen Pfeilern ihre wirtschaftliche Existenz ruht. Sie waren und sind angewiesen auf staatliche Unterstützung, um nicht in die Armut abzurutschen. Das Wirtschaftssystem als solches war nicht in der Lage, für die zahlreichen Probleme eine Abhilfe zu schaffen. Auch die Kriegsereignisse am Rand der EU und die damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten haben die hohe Störungsanfälligkeit des kapitalistischen Systems unter Beweis gestellt und dadurch auf viele Menschen retraumatisierend gewirkt.

Alle Krisen auf dieser Welt sind zugleich Krisen des Wirtschaftssystems. Manchmal werden sie direkt von ihm ausgelöst, manchmal haben sie einen anderen Ursprung. Aber die wirtschaftlichen Auswirkungen werden immer hautnah spürbar, auch wenn sich die Krisengebiete weit entfernt von den eigenen Lebenskreisen befinden. Deshalb lädt auch das kapitalistische System bei jeder Krise das kollektive Traumafeld zusätzlich auf und verstärkt seine destabilisierende Wirkung auf die Menschen.

Resilienz gegen die kollektive Traumatisierung

Wie können wir uns davor schützen, in die Energie des kollektiven Traumas, das der Kapitalismus nährt, hineingezogen zu werden? Klar ist, dass wir aus den Zusammenhängen der ökonomischen Verflechtungen nicht austreten können wie aus einem Tennisclub. Wir sind Teil davon und könnten anderweitig nicht überleben. Wir können als Individuen daran arbeiten, unsere eigenen Gierneigungen zu verringern oder unsere Konsumgewohnheiten zu verändern, um unsere Beteiligung an den Ausbeutungsvorgängen so weit wie möglich einzuschränken. Wir können unsere Bewusstheit darauf richten, was „unsere“ Bedürfnisse sind und welche Bedürfnisse durch die Werbewirtschaft einkonditioniert wurden, um deren Einfluss zu brechen. Auf der sozialen Ebene können wir unsere politische Ausrichtung schärfen, sodass unser Einsatz einer sozial gerechten und ausgleichenden Gesellschaft dient. Wir können in unserem praktischen Engagement für Solidarität eintreten und in persönlichen und virtuellen Netzwerken die Menschlichkeit fördern. Wir können dort aufstehen, wo Menschenrechte mit den Füßen getreten werden und wo die kapitalistische Denkweise z.B. im neoliberalen Gewand den Ton angeben will. Wir können all die Kräfte unterstützen, die der Erweiterung und Vertiefung der Menschlichkeit dienen. Wir können neue Möglichkeiten des Wirtschaftens, die nicht profitorientiert sind, unterstützen und fördern. Wir können uns an der Utopie orientieren, in der irgendwann einmal der Kapitalismus nur mehr den Güteraustausch regelt und nicht den Arbeitsmarkt und den Konsum, wo also Menschen nicht zu Waren und Warenverbrauchern gemacht werden, sondern wo sie auf gerechte Weise an den Erträgen der Wirtschaft beteiligt sind und auf mündige und sozial verantwortliche Weise konsumieren. Wir können konstruktive Träumer und mutige Realisten sein, die an ihrer Ethik und Integrität festhalten und sich nicht durch die Verlockungen des Kapitalismus korrumpieren lassen.

Die Wirtschaft ist für die Menschen da und nicht umgekehrt. Das sollten wir uns und allen anderen immer wieder klarmachen. Wir verfügen immer über mehr Möglichkeiten, um uns von den scheinbar übermächtigen Einflüssen des Wirtschaftssystems zu befreien. Je mehr wir sie nützen, desto leichter lösen wir uns von den kollektiven Traumen, die uns und unseren Vorfahren der Kapitalismus aufgeladen hat.

Zum Weiterlesen:

Unverschämtheit, ein Merkmal des Kapitalismus

Bedürfnisse und Konsumgewohnheiten

Brauchen wir Krisen, um die globalen Probleme zu lösen?

Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung und Schamorientierung

Das Giersystem im Kapitalismus

Eine Krise des Neoliberalismus

Wirtschaft ohne Gier?


Freitag, 22. Oktober 2021

Soziopathie und die Folgen für die Demokratie

Bei der Soziopathie handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, die in modernen Klassifikationen als dissoziale Persönlichkeitsstörung bezeichnet wird. Die Hauptmerkmale sind: 

  • Die Unfähigkeit, soziale Normen einzuhalten und die Grenzen von anderen Personen zu respektieren.
  • Das Fehlen von Mitgefühl. 
  • Die Neigung zu impulsiver Aggressivität und Gewalt.
  • Die Unfähigkeit, längerfristige Beziehungen aufrechtzuerhalten.
  • Fehlendes Scham- und Schuldbewusstsein.
  • Die Unfähigkeit, aus sozialen Fehlern zu lernen.

Soziopathen erscheinen oft so, als wären sie frei von Angst und Scham, weil sie ohne Skrupel „über Leichen gehen“, also andere Menschen missachten und verletzen, scheinbar, ohne es zu bemerken oder ohne dass es ihnen nahe geht. Sie sind allerdings nur geübt im Verdrängen dieser Gefühle. Es gibt zwar Menschen, die angstfrei sind, weil sie eine genetisch bedingte oder durch eine degenerative Nervenkrankheit entstandene Störung in den Mandelkernen des Gehirns haben, aber solche Personen sind nicht machtgierig, sondern auf eine sehr naive Weise vertrauensvoll. Sie erkennen nicht, wenn sie ausgenutzt werden, weil ihnen die Angst nicht signalisiert, dass sie in Bezug auf bestimmte Menschen vorsichtiger sein sollten.

Die Soziopathie ist eine Persönlichkeitsstörung, die sich auch im Gehirn abbildet und mit einer eingeschränkten Aktivierung im Frontalhirn zusammenhängt. Diese Unterfunktion kann die Auswirkung einer posttraumatischen Belastungsstörung, einer Entwicklungstraumatisierung und vielleicht auch von transgenerationalen Übertragungen sein. Hinter dieser Persönlichkeitsstörung versteckt sich eine Geschichte von Beschämungen und Demütigungen, von Verletzungen und Herabwürdigungen.

Die Angst und  die Scham stellen zwei unterschiedliche Ausdrucksformen für die zwei grundlegenden Überlebensprogramme dar: Das Programm für das individuelle und das Programm für das soziale Überleben. Eine Möglichkeit, wie sich diese Programme ausformen können, liegt in der Verdrängung beider Gefühle, und das führt dann zu einer Scham- und Angstlosigkeit, die eigentlich in der Verschüttung des Zugangs zu diesen Gefühlen besteht. Damit geht unweigerlich der Verlust von Empathie und auch von Selbstempathie einher. 

Soziopathen drängen oft nach Führungspositionen, und das ist verständlich, weil sie dort die Macht innehaben, die ihnen die Sicherheit vor Angriffen, Bedrohungen und Beschämungen garantieren soll. Deshalb ist es so wichtig, dass soziale Kompetenzen, die auch die Schamsensibilität beinhalten, bei der Auswahl von Führungskräften eine zentrale Rolle spielen. So kann verhindert werden, dass die Mitarbeiter unter asozialen Führungskräften und deren destruktiven Einflüsse auf das Betriebs- und Organisationsklima leiden müssen. 

Soziopathen in der Politik

Soziopathen oder Menschen mit starken soziopathischen Zügen gibt es auch unter den Politikern, und sie kommen in diesem Bereich besonders gehäuft vor, was sich aus der erläuterten Verbindung dieser Störung mit dem Machtstreben ergibt. Politik hat ja viel mit der Verteilung und Verwaltung von Macht zu tun.

Wie erklärt sich der Erfolg solcher offensichtlich oder versteckt agierender soziopather Politiker? Sie verstehen es, Wähler für sich zu begeistern, die ihnen dann an die Macht verhelfen? Wie ist es möglich, dass solche Personen mit substanziell eingeschränkten sozialen Kompetenzen in der Politik, in der es um die Gestaltung des sozialen Zusammenlebens geht, zentrale Entscheidungsbefugnisse bekommen? Das heißt, dass wir die Verantwortung für unsere Gesellschaft Menschen anvertrauen, die charakterlich für diese Aufgabe denkbar ungeeignet sind? Wie ist diese Form der kollektiven Selbstsabotage möglich?

Schamlose Politiker und Politikerinnen sprechen all jene Wähler und Wählerinnen an, die mit ihrer Schambelastung kämpfen oder unter ihr leiden. Sie fühlen sich anderen unterlegen, wofür sie sich schämen. Sie sehen aber die politische Führungsfigur als Retter und Erlöser aus der beschämenden Situation der Unterlegenheit und Benachteiligung. Sie glauben fest daran, dass es ihnen besser gehen wird, wenn sich der soziopathische Politiker mit all seiner Macht und Durchschlagskraft für ihre Interessen (und nur für ihre Interessen) einsetzen wird. Gerne wären sie auch so durchsetzungsstark und bewundern die Rücksichtslosigkeit, mit der die eigenen Anliegen vertreten werden. Sie erhoffen sich von solchen Politikern, dass sie denen, die ihnen Beschämungen und Demütigungen angetan haben, auf Heller und Pfennig all das Böse und Gemeine heimzahlen. Sie sollen die Rache übernehmen, die ihnen zwar als rechtmäßig erscheint, für die sie sich selber aber zu schwach fühlen oder nicht den Mut aufbringen. Sie wären gerne so skrupellos und schambefreit, noch einfacher und moralischer ist es aber, diese Aufgabe an jene zu delegieren, die schon vom „Naturell“ her dazu geeigneter sind. Die Verehrung der Schamlosigkeit dient einerseits zur Aufrechterhaltung des Vorbilds und andererseits als Erleichterung, selber nicht so sein zu müssen. 

Allerdings entsteht bei vielen die Neigung, angesichts der Unverfrorenheit des Vorbilds die eigenen Schamschranken zu reduzieren und die eigene Moralität aufzuweichen. Auf diese Weise nimmt Schritt für Schritt die Bereitschaft für Rohheit und Gewaltneigung auf breiterer Basis zu. Die Moralität, die durch die Scham gesteuert ist, wird schleichend geschwächt.  Parallel verläuft der Prozess zur Entsolidarisierung, denn die Unverschämtheit besteht immer darin, die eigenen Interessen rücksichtslos, auch auf Kosten der anderen zu verfolgen. Die Gesellschaft wird mit jedem Verlust der Schamsensibilität soziopathischer, egoistischer und empathieloser. 

Demokratie und Schamverdrängung

Der politische Konkurrenzkampf um die Macht und den Einfluss auf die Steuerung der Gesellschaft ist Teil der Demokratie. Je mehr soziopathische Elemente in diese Auseinandersetzungen einfließen, desto schwieriger wird die Konsensfindung und desto emotionalisierter werden die Konflikte. Denn verdrängte Angst- und Schamgefühle führen die Regie und drängen die Vernunft, das Wissen und die Wissenschaft in den Hintergrund. Psychologisch betrachtet sind es die traumatisierten inneren Kinder der Protagonisten und ihrer Wähler, die die Geschicke einer hochkomplexen Gesellschaft und Ökonomie lenken wollen und dabei restlos überfordert sind.

Deshalb ist es demokratiepolitisch von höchster Bedeutung, dass wir einen bewussten Umgang mit der Scham in ihren vielen Varianten finden. Für das Funktionieren demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse brauchen wir die Ausbildung und Pflege der Emotionalkultur, und hierbei besonders der Schamsensibilität, in allen Bereichen der Gesellschaft, also im Bildungssystem vom Kindergarten bis in die Erwachsenen- und Seniorenbildung, in den klassischen und modernen Medien und in den öffentlichen Diskursen. Die Macht, die in einer Demokratie vom Volk ausgeht, kann nur dann im Sinn des Gemeinwohls wirken, wenn das Volk soweit emotional erwachsen ist, dass es immun gegen soziopathische Manipulation ist und verhindert, soziopathische Persönlichkeiten in Machtpositionen zu hieven.

Zum Weiterlesen:
Homo corruptus und homo innocens
Kapitalismus und Sozialismus: Angst- und Schamorientierung
Die Solidaritätsschranke

Dienstag, 7. September 2021

Kapitalismus und Sozialismus: Angstorientierung gegen Schamorientierung

Unsere Zukunft und vier Horrorerzählungen

Der Blick in die Zukunft geschieht manchmal hoffnungs- und vertrauensvoll, manchmal aber auch besorgt und ängstlich. Diese Sorgen und Ängste beruhen auf aktuellen Erfahrungen und Fakten, die wir aus verschiedenen Informationskanälen gesammelt haben. Die emotionale Ladung dieser Zukunftsbilder stammt aus unserer Kindheit und aus pränatalen Erfahrungen sowie aus kollektiven Traumatisierungen aus der Geschichte.

Wir können vier verschiedene Szenarien unterscheiden, die sich alle irgendwo überschneiden und miteinander interagieren, die aber auch getrennt von politischen Parteien und Gruppierungen bedient, propagiert und verstärkt werden: 

• das Szenario einer entsolidarisierten Gesellschaft

• das Szenario einer von außen überfluteten Gesellschaft

• das Szenario des schwindenden Wohlstandes

• das Szenario der zerstörten Natur.

Die erste  Erzählung handelt von der sozialen Ungleichheit. Es ist ein uraltes Thema der Menschheit, das spätestens seit dem Übergang von den Stammeskulturen zu den Ackerbaukulturen vor ca. 10 000 Jahren entstanden ist. Viele Märchen und Sagen handeln von den hartherzigen Reichen und den leidenden Armen. Seit der Industrialisierung hat sich das Problem massiv verschärft, und es sind politische Bewegungen unter der Fahne von Sozialismus und Kommunismus aufgetreten, die sich dem Kampf für mehr soziale Gerechtigkeit verschrieben haben.

Die Fakten zeigen seit dieser Zeit ein permanent ansteigendes Auseinanderdriften zwischen der Reichtumsakkumulation bei ganz Wenigen auf der einen Seite und der Erwerbs- Alters-, Alleinerzieher-, Arbeitslosenarmut bei sehr Vielen auf der anderen Seite, mit einem Mittelstand dazwischen, der zunehmend in Gefahr gerät, auf die Armutsseite abzurutschen. Die Klimakrise fügt dieser Entwicklung eine weitere Dimension hinzu, weil sie sich völlig anders auswirkt, wenn jemand die Hitze in einem überfüllten Slum unter einem Wellblechdach oder in einer abgeschiedenen und vollklimatisierten Villa am Meer überstehen muss. Die Lebensläufe, das Sterbedatum und die Todesursachen sind wesentlich durch die Stellung im sozialen Gefüge beeinflusst, die durch das Ungleichgewicht in der Verfügung über materielle Ressourcen definiert wird. Wer reich ist, lebt nicht nur besser, sondern auch länger.

Die Unverzichtbarkeit des sozialen Ausgleichs

Die Vernunft sagt uns, dass es einen sozialen Ausgleich braucht, damit das Zusammenleben der Menschen funktionieren kann. Es müssen nicht alle Menschen gleich viel verdienen oder ein gleiches Vermögen haben, aber es muss einen Rahmen geben, innerhalb dessen sich die Unterschiede bewegen, sowie Durchlässigkeiten, die eine Chancengleichheit oder -vergleichbarkeit erlauben. Denn sonst entsteht die Gefahr, dass die Gesellschaft auseinanderfällt und ein Krieg aller gegen alle ausbricht oder dass es zu einer Abschottung der happy few in ihren befestigten Ghettos vor der Masse der Schlechtweggekommenen kommt. Ein dynamischer Ausgleich zwischen Leistungsnormen und individuellen Stärken und Schwächen ist notwendig, um den Überlebensstress für die Einzelnen zu verringern und das kreative Potenzial, das in allen Menschen steckt, füreinander und für eine menschenwürdige Entwicklung nutzbar zu machen.

Es ist auch leicht nachvollziehbar, dass bei Krisen und Katastrophen die sozial und monetär Schwächeren noch schwerer zu leiden haben als die, die es sich aufgrund ihrer Mittel besser richten können. Zu Zeiten des Andrangs von Flüchtlingen und Asylsuchenden nach Mitteleuropa gab es dort die Wohlhabenden, die vor den Flüchtlingen ins Feriendomizil auf den Balearen oder Kanaren flüchteten. Ähnliche Absetzbewegungen gab und gibt es auch in den aktuellen Pandemiezeiten. Die Klimakrise ist, wie jede andere ebenso, immer auch eine soziale Krise.

Schreckensszenarien und Ideologien

Horrorerzählungen werden entworfen, um die Menschheit aufzuwecken und zum Handeln zu motivieren. Sie haben aber die Tendenz, sich mit Ideologien aufzuladen – solange ungeklärte Gefühlsenergien hinter den vernünftigen Anliegen stecken, also vor allem Ängste und Schamgefühle.

Der ideologische Ballast tritt dort zu Tage, wo die Hintergründe und Ursachen des Ungleichgewichts mythologisiert werden, indem scheinbare Drahtzieher hinter den Entwicklungen identifiziert werden. Entweder sind es ein paar Verschwörer, die die Fäden in der Hand haben und mit dem Schicksal der Menschen spielen, oder es ist „der Kapitalismus“, der mit seiner destruktiven Macht die Menschheit in den Untergang steuert. Wenn es um die Verantwortung für das „Böse“ geht, neigen die Sozialrevolutionäre zu verkürzenden Konzepten. Die komplexen Systeme, die diese Entwicklungen antreiben, werden auf diese Weise auf einfache Feindbilder reduziert, die dann so übermächtig erscheinen, sodass es keine Basis für politische Gegenaktivität zu geben scheint und alles, was zur Verbesserung der Situation oder zur Korrektur der destruktiven Tendenzen unternommen wird, als Symptomkur abgetan werden kann. Die auf Karl Marx zurückgehende Ideologie besagt, dass die ganze Gesellschaft umgestürzt werden muss, um das Gespenst des Kapitalismus zu erledigen. Solange das nicht gelingt, wird alles nur noch schlimmer, weil selbst jeder Versuch einer Reform den Kapitalismus stabilisiert und widerstandsfähiger macht.

Doch ist die kommunistische Revolution, in der gesamten Geschichte der Neuzeit betrachtet, nie wirklich und grundlegend gelungen. Das kapitalistische System wirkt heute ungebrochen auf der ganzen Welt, und eine seiner stärksten Mächte ist die kommunistische Volksrepublik China. Der Kommunismus (oder der “real existierende Sozialismus”), wie er in der Geschichte aufgetreten ist, ist ein Herrschaftssystem, das Machtstrukturen festschreibt und mögliche Gegner kontrolliert und unterdrückt. Die Wirtschaft dient als Experimentierfeld, an dem mit Hilfe der Machtinstrumente herumgedoktort wird. Die Erfahrung hat gezeigt, dass jeder Versuch, den Kapitalismus völlig der politischen Macht unterzuordnen, katastrophale Auswirkungen auf die wirtschaftliche Performanz hatte. Das war ein Hauptgrund dafür, dass das kommunistische System in Osteuropa 1989 sang- und klanglos untergegangen ist. So schnell konnte man gar nicht schauen, schon wurden viele der vormaligen Bannerträger des Sozialismus zu den erfolgreichsten Kapitalisten. 

Der chinesische Kommunismus produzierte solange Hungersnöte und andere wirtschaftliche Katastrophen, als versucht wurde, den Kapitalismus mit politischer Macht auszurotten. Erst als mehr und mehr kapitalistische Elemente zugelassen wurden, stellten sich dann wirtschaftliche Erfolge ein, und damit auch Korruption in vorher unbekannten Ausmaßen.

Kein Kommunismus mit traumatisierten Menschen

Karl Marx hat viel vom Wesen des Kapitalismus verstanden, doch seine Schlussfolgerung, dass der Kapitalismus durch die Revolution der unterdrückten Massen beseitigt werden muss, war kurzsichtig. Was Marx übersehen hat, ist die Eingewobenheit des Kapitalismus in das menschliche Wesen. (Karl Marx war nicht mit der Psychologie und noch weniger mit der Traumatheorie vertraut.) Kapitalistisches Denken und Handeln ist ein Aspekt des Menschseins und ist eng mit den emotionalen Antrieben von Angst und Gier verbunden. Psychologisch betrachtet, stellt der Kapitalismus die Spielwiese einer weit verbreiteten Überlebensstrategie dar: Durch das Anhäufen von Gütern die Angst vor der eigenen Auslöschung zu bewältigen. Paradoxerweise steigt die Angst noch weiter, wenn mehr Sicherheit vor den Lebensbedrohungen durch giergeleitete Anhäufungshandlungen geschaffen werden soll. Die Angst bringt die Gier hervor, und die Gier steigert die Angst. Der Kapitalismus spiegelt also die Angstbewältigung nur vor und reproduziert sie in Wirklichkeit beständig.

Wie wir gesehen haben, können wir den Kapitalismus als das interaktive System verstehen, das von den Emotionen der Angst und Gier angetrieben ist und daraus ein Eigenleben entwickelt hat, das von einzelnen Individuen nicht mehr kontrolliert werden kann. Alle sind ihm unterworfen, niemand kann sich dem Sog gänzlich entziehen, und folglich wirkt auch jeder daran mit, dass die Macht des kapitalistischen Systems weiter wächst. (Wir alle müssen Lebensmittel und andere Güter kaufen, die im Rahmen des Kapitalismus erzeugt und vertrieben werden. Mit jedem Preis, den wir zahlen, stimmen wir diesen Produktions- und Vertriebsbedingungen zu. Wir alle müssen unseren Lebensunterhalt verdienen und verkaufen unsere Arbeitskraft und stimmen damit den Regeln des Arbeitsmarktes und der Lohnarbeit zu.)

Der Kapitalismus entsteht also als Gemeinschaftsprodukt, das überindividuell wirkt. Er ist aus der Summe der kapitalistisch motivierten Aktionen der Menschen zusammengesetzt. Deshalb kann der Kapitalismus nicht einfach zerstört werden; das ist die Illusion, durch die die kommunistischen Ideen zu einer Ideologie werden. Denn die Menschen und ihre emotionalen Überlebensstrategien bleiben die gleichen, welches System auch immer auf der politischen Ebene installiert wird. Die Menschen verlieren ihre Ängste und die Gier als Angstbewältigung nicht, bloß wenn das politische und ökonomische System anders geregelt wird. Jeder kommunistische Diktator und Apparatschik ist dafür ein historischer Beweis.

Der Kapitalismus ist also kein historischer Irrtum oder keine böse Macht, die über die Menschheit gekommen ist, sondern der kollektive kreative Versuch der Menschheit, ab einer bestimmten Stufe der Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklung (ich habe sie als die fünfte Stufe der Bewusstseinsevolution beschrieben) ihr Überleben zu sichern. Es braucht auf jeder Stufe eine heikle Balance zwischen individuellen und sozialen Motiven, damit das kollektive Überleben gewährleistet werden kann. Das Überwiegen der individuellen Überlebensanreize vor den kollektiven im kapitalistischen System zeigt dessen Wurzeln in den Urängsten der Menschen. Denn die Angst macht immer auf die Bedrohung des eigenen Lebens durch die anderen aufmerksam. In der Angst werden uns die anderen Menschen zu feindlichen und gefährlichen Wesen.

Aus der Sicht der Psychologie hat im Kapitalismus die Angst vor der Scham das Sagen. Die Scham fordert die soziale Rücksichtnahme bei den eigenen Überlebenshandlungen ein: Wenn wir uns in einer Notsituation egoistisch verhalten, wenn wir uns z.B. beim Schiffsuntergang vor anderen auf das letzte Boot drängen, dann meldet sich die Scham. Wenn bei einer Pandemie die Intensivbetten knapp werden, müssen wir alles tun, um die Scham abzuwenden, die entsteht, wenn wir bei Erkrankten nicht alles Menschenmögliche für ihre Heilung tun.

Das bedrohliche Potenzial des Kapitalismus liegt darin, dass es ihm gelungen ist, die Scham weitgehend zu entmachten. An der Spitze der kapitalistischen Umtriebe befinden sich nicht zufällig die schamlosesten Menschen. Gerade deshalb brauchen wir schamgetriebene Systeme, die die Macht der angstgetriebenen Systeme ausgleichen. Nur auf diese Weise kommt es zu einem Gleichgewicht auf der Ebene der Überlebensimpulse. 

Hier sehen wir die unverzichtbare Aufgabe des Sozialismus. Wenn die Gegenkräfte gegen den Kapitalismus nicht aufrechterhalten und gestärkt werden, nimmt unweigerlich der angstgesteuerte Individualismus die Vorherrschaft ein, und das Prinzip der Solidarität geht flöten. Der frei entfesselte Kampf von jedem gegen jeden ist der Anfang vom Ende der Menschheit. Demgegenüber fordert der Sozialismus die Solidarität zwischen den Stärkeren und Schwächeren, zwischen den Reicheren und Ärmeren ein. Es gibt ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach einem Ausgleich zwischen oben und unten und es entstehen massive Ängste, wenn es missachtet wird.  

Der Kapitalismus verspricht nicht nur Sicherheiten für die eigenen Überlebensängste, indem er im Allgemeinen den Wohlstand steigert, sondern füttert sie gleichzeitig, indem er immer mehr von den Menschen einfordert. Das ist das unheilvolle Rückkoppelungssystem, für das die Menschen in der industriellen und postindustriellen Gesellschaft einen steigenden Tribut an körperlicher und immer mehr an seelischer Ausbeutung zu bezahlen haben. Auch hier meldet sich eine vergesellschaftete Scham, die auf die Schmach hinweist, dass trotz der erstaunlichen Errungenschaften der modernen Luxusgesellschaften die Lebensqualität und Lebenszufriedenheit nicht gestiegen ist, sondern dass die Menschen von neuen Ängsten, von Gier, Neid, Arroganz und Selbstzweifeln befallen sind.

Angstorientierung und Schamorientierung im Wechselspiel

Solange nicht bewusst geworden ist, dass der Kapitalismus von Angst und der Sozialismus von Scham angetrieben ist, wird die Machtverteilung zwischen beiden Kräften hin- und her schwanken. Einmal regieren die einen, dann wieder die anderen. Denn die Wähler schwanken genauso zwischen diesen Gefühlsmustern, die sie beide in sich tragen. Inzwischen sind viele Sozialisten etwas kapitalistischer geworden und manche Kapitalisten etwas schamvoller. Doch die Grundstruktur hat sich nicht geändert: Die Ängste, die der Kapitalismus vorgibt zu vermindern, werden in Wirklichkeit durch den Druck auf die Individuen gesteigert. Ähnlich ist es mit der Scham, die im Sozialismus beruhigt werden soll: Sie sucht sich andere Betätigungsfelder, sobald der soziale Ausgleich auf einer breiteren Basis verwirklicht ist. 

Ein Beispiel ist die (schamlose) Überwachung der Individuen, die in allen kommunistischen Staaten installiert wurde. Mit ihr sollte das Schambewusstsein bei den Menschen aufrechterhalten werden, damit sie ihre individuellen Bestrebungen, ihre Egoismen, dem Kollektiv unterordnen. In Wirklichkeit setzen sich allerdings die machtgeilen Egoisten im herrschenden Machtapparat gegenüber den Untertanen durch, oft mit äußerster körperlichen und seelischen Grausamkeit.  

Ein weiteres typisches Exempel bilden die erzwungenen Selbstbeschämungen, die als Rituale der Machtbestätigung in diesen Systemen vollzogen wurden: Die absurden Geständnisse von Angeklagten in den stalinistischen Schauprozessen und die erzwungene Selbstkritik der Funktionäre im chinesischen Kommunismus zeugen von der Instrumentalisierung der Scham für die Zwecke des Machterhaltens und der Unterdrückung der individuellen Freiheiten.

Auch das heutige China zeigt das Wechselspiel zwischen einer kapitalistischen und einer sozialistischen Diktatur. Nachdem in der letzten Zeit die chinesische Wirtschaft mit Rekordzahlen gewachsen ist und das Land immer mehr Milliardäre hervorgebracht hat, scheint jetzt die Regierung in die Schamrichtung zurückzusteuern. Der Unterhaltungsindustrie werden Schamschranken auferlegt, Großkonzerne werden gemaßregelt und die ausgeuferte Arbeitszeit eingeschränkt. Unter dem Stichwort des „allgemeinen Wohlstandes“ wird die soziale Seite des chinesischen Sozialismus reaktiviert. (Zur Quelle)

Jenseits der Überlebensmuster: Optimismus statt Horror

Der Horror des Szenarios einer entlang der Reichtumsschere auseinanderlaufenden Gesellschaft lichtet sich erst, wenn der Einfluss der Ideologie aus den Zusammenhängen schwindet. Ideologien neigen zu einer wirklichkeitsverzerrenden Schwarz-Weiß-Sicht und zu einem Freund-Feind-Denken. Die vorurteilsfreie Sicht auf die Wirklichkeit ermöglicht die Handlungen, die notwendig sind, um der Entsolidarisierung entgegenzuwirken und die sozialen Intentionen, die jedem Menschen innewohnen, zum Tragen kommen. Der Einsatz für mehr soziale Gerechtigkeit auf allen Ebenen ist dann nicht von der Scham angetrieben, sondern von dem Wollen einer gerechten und humanen Gesellschaft, einem zutiefst menschlichen Anliegen. Er bildet ein Anliegen, das immer wieder formuliert, eingefordert und eingemahnt gehört, um Willen einer gerechten Gesellschaft.

Vieles wurde auf diesem Weg schon erreicht, vieles ist noch offen und muss mit aller Kraft angegangen werden. Viele Menschen sind in diesen Belangen engagiert. Es gibt viel Anlass für Optimismus, und das ist die Haltung, die Energien freisetzt und bündelt.     


Dienstag, 15. Juni 2021

Die Schwachen und die Nächstenliebe

In zumindest zwei der verbreitetsten Religionen, dem Christentum und dem Buddhismus, steht nicht der eigene Läuterungs- und Erwachungsweg im Zentrum, sondern die Zuwendung zu anderen Menschen, und zwar gerade zu denen, die am meisten leiden, zu den Schwachen, Kranken und Beladenen. Die christliche Nächstenliebe, ähnlich wie die buddhistische Praxis des Mitgefühls, enthält im Kern eine radikale Absage an jede Form der Kategorisierung der Menschen und den Appell, die Aufmerksamkeit und das Engagement dorthin zu richten, wo am meisten Hilfe von Nöten ist, also dorthin, wo am meisten Leid besteht. Die im vorigen Blogartikel beschriebene spirituelle Überheblichkeit wird durch diese Perspektive ausgehebelt.

Diese Wendung vom Ich zum Du ist frei von Selbstbestätigung des Ichs durch das Du. Es geht also nicht darum, sich wegen einer karitativen Arbeit selbst aufzuwerten. Vielmehr ist ein Akt der Hingabe gemeint, oder, wie es im Buddhismus heißt, des selbstlosen Mitgefühls. In dieser Perspektive gibt es keine Unterschiede unter den Menschen in Hinblick auf Reifegrade oder individuelle Erleuchtungsfortschritte, sondern nur im Hinblick auf die Unterstützungsbedürftigkeit. Jedes Leid verdient Mitgefühl. Je mehr Leid besteht, desto mehr Mitgefühl und Nächstenliebe braucht es.

Es ist die Haltung der Du-Orientierung, die für das eigene innere Wachstum entscheidend ist, nach der biblischen Feststellung: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Der Maßstab für das gelungene Leben ist also der Geringste, nicht der am weitesten Entwickelte oder spirituell Fortgeschrittenste. Vervollkommnung vollzieht sich durch aktives Tun, durch den Einsatz für Leidende. Solange es Menschen gibt, die leiden, braucht es Menschen, die sich ihnen zuwenden und für sie da sind. Solange es irgendwo auf der Welt leidende Lebewesen gibt, leidet jedes Lebewesen.

Dass diese Auffassung auch im Islam vertreten ist, belegt das wunderbare Gedicht des persischen Dichters Sa`di:

ند بنى آدم اعضای یکدیگر

که در آفرینش ز یک گوهرند

چو عضوى بدرد آورَد روزگار 

دگر عضوها را نمانَد قرار

تو کز محنت دیگران بی غمی 

نشاید که نامت نهند آدمی

Die Kinder Adams sind Glieder eines einzigen Körpers,
da sie alle aus derselben Essenz erschaffen sind.
Wenn ein Glied schmerzt,
bleibt den anderen Gliedern keine Ruhe.
Wenn du den Schmerz der anderen nicht spürst,
verdienst du es nicht, Mensch genannt zu werden.

Grundlage der Gesellschaft

Es handelt sich bei der Idee der Nächstenliebe nicht um ein idealistisches Konzept für die Anhänger bestimmter Religionen. Vielmehr geht es um zentrale Grundlagen für jede Gesellschaft, die Sicherheit und Zusammenhalt gewährleistet, die also einen langfristigen Bestand haben will. Hier gilt das Beispiel der Kette, die so gut ist wie ihr schwächstes Glied. Denn Gesellschaften, die die Schwachen aussondern oder „ausmerzen“ (ein Lieblingswort der Nationalsozialisten), erzeugen ein hohes Maß an Angst: Jeder kann einmal schwach werden, jeder wird einmal schwach werden. Sie können nur mit massiver Gewaltandrohung bestehen.

Sicher fühlen können wir uns nur, wenn wir darauf vertrauen können, dass jemand für uns da ist, wenn wir schwach sind, und nicht, dass wir fallen gelassen werden, sobald wir unsere Leistungen nicht mehr erbringen können. Diese Sicherheit geben wir uns, indem wir uns immer wieder darin üben, uns dem Leiden der anderen zu widmen.

Die Ideologie der Vereinzelung

Jeder ist nicht nur seines Glücks, sondern auch seines Überlebens Schmied. So lautet die Losung der Moderne. Die Auffassung, dass jeder für sein eigenes Fortkommen verantwortlich ist und sich nicht um andere zu kümmern braucht, ist der Ideologie des Kapitalismus zu verdanken. Sie hat die Idee dekretiert, dass der individuelle Überlebenstrieb und nicht die sozialen Bedürfnisse die Grundlage für die Gesellschaft darstellen, und damit wurde den Konkurrenzkampf aller gegen alle um die Lebenschancen und Ressourcen entfesselt. Im Neoliberalismus lebt dieses Modell weiter. 

Die Konsequenz liegt in der Entsolidarisierung des menschlichen Zusammenlebens, der der Sozialismus mit der Errichtung eines Sozialstaates entgegenwirken wollte. Doch auch dieser Bereich ist mittlerweile voll in die scheinbaren Sachzwänge des Kapitalismus eingepasst, mit dem Streben nach Kosteneffizienz als oberster Maxime. Gesundheit wird mehr und mehr zur individuellen Verantwortung: Wer bessere Behandlung will, muss dafür tiefer in die Tasche greifen.

Deutungsverluste der traditionellen Religionen

Im Zug dieser Entwicklung ist auch die Bedeutung der christlichen Kirchen mit ihrer Botschaft der Nächstenliebe zurückgegangen und verhallt oft folgenlos angesichts der gewinngetriebenen Vorgänge auf diesem Planeten und in unseren Gesellschaften. Abgesehen von den vielen Beispielen des Hasses und der Gewalt aus der Geschichte der Kirchen haben die Belastungen und Verlockungen des Kapitalismus das Ihre dazu beigetragen, dass die religiösen Botschaften ihre Attraktivität und Glaubwürdigkeit verloren haben. Die Menschen sind voll beschäftigt mit den ökonomischen Drucksituationen, die auf den Einzelnen lasten, und den materiellen Vorteilen, die zum ausgleichenden Konsumieren und Genießen verleiten. Das Weiterwirken der Botschaft der Nächstenliebe in karitativen Nischen ist löblich, erscheint aber angesichts der stetig auseinanderklaffenden Schere zwischen den Reichen und den Armen sowie der Zunahme der Lebensprobleme durch die exzessive Wirtschaftsform wie ein paar Tropfen auf die vielen heißen Steine.

Genug Menschen, die sich ein wenig vom Wohlstand erarbeitet haben, sind von der Angst getrieben, dieses Niveau wieder zu verlieren und vertreten deshalb die neoliberale Ideologie von der Leistungsverantwortung. Sie lassen sich von den entsprechenden Parteien vor ihren Wagen spannen. 

Die herrschende Pandemie hat hier die Gewichte wieder etwas verschoben und die eminente Wichtigkeit des Sozialstaates und des öffentlichen Gesundheitswesens bezeugt, auch hat sich die Diskussion um den Schutz der Schwachen, in diesem Fall der Todkranken auf den Intensivstationen zu deren Gunsten gedreht. Wir wissen aber nicht, wie es nach diesen Erfahrungen weitergeht. In Hinblick auf die Finanzierung der Auswirkungen der Infektionswelle werden sich wieder die wirtschaftsliberalen Stimmen einbringen und nach dem schlanken Staat und dem Zurückfahren der Sozialleistungen rufen.

Die Psychologie der Nächstenliebe

Es gibt auch noch andere, immanente Gründe, warum das Engagement für die Schwachen in ein schiefes Licht geraten ist. Sie sind psychologischer Natur. 

Die Hilfe und Unterstützung, die den Schwachen zukommen, kann die verschiedensten Formen annehmen. Oft wurde kritisiert, dass die Hilfe in Gestalt von Überheblichkeit, Besserwisserei und Entmündigung daherkommt. Eine Hilfe, die die Hilflosen noch hilfloser macht, ist fehlgeleitet. Außerdem: Eine Hilfe, die dem Ruhm der helfenden Person dienen soll, ist heuchlerisch. 

Dazu kommt, dass der Anspruch, das Leid der Mitmenschen zu lindern, angesichts des Ausmaßes an Leid, das es in nächster Nähe und global gibt, zu scheitern. Wenn der vordringliche Daseinszweck der Menschen darin liegt, das Los der Leidenden und Schwachen zu verbessern, entsteht, angesichts all der anderen Motiven und Bedürfnisse, die Menschen abdecken müssen und wollen, ein fortwährender innerer Konflikt: Was darf ich mir selber gönnen angesichts all der Misslichkeiten? Die Folge sind unlösbare Schuldgefühle und eine permanente innere Überforderung. Das Helfersyndrom ist geboren. Friedrich Nietzsche hat von der Sklavenmoral gesprochen, von einer Form der inneren Unfreiheit, die darin besteht, um jeden Preis, auch den der Selbstverleugnung, Nächstenliebe pflegen zu müssen. 

Eine andere, ebenso mangelhafte Form des Umgangs mit dieser ethischen Herausforderung bietet sich in der zynischen Aufkündigung des Anspruchs überhaupt. Es macht ja doch keinen Sinn, weil nur minimal Verbesserungen in der Welt erzielt werden können, während die eigentlichen und hauptsächlichen Probleme, die immer wieder Schwachstellen hervorbringen, unberührt bleiben. Da und dort zu helfen, bringt nicht wirklich etwas, solange sich grundlegend nichts ändert. Oder: Die Schwachen tun nur so, als hätten sie keine Möglichkeiten und machen sich in Wirklichkeit schmarotzend einen Lenz.

Die Nächstenliebe als universelle Aufgabe

Für die Bewältigung der Aufgabe der Nächstenliebe, die sich jedem Menschen stellt, sind alle vorgefertigten oder moralisch formulierten Konzepte überflüssig und hinderlich. Entsprechende Appelle an die Moral sollten wir vordringlich nicht an andere, sondern an uns selber richten. Die Mitte zwischen der Selbstausbeutung im Tun für andere und der autarken Selbstbezogenheit zu finden, erfordert einen lebenslanger Suchprozess, der nie zu Ende ist. Jede neue Situation braucht eine Neubewertung, die auf die äußeren wie auf die inneren Zustände Rücksicht nimmt und die rechte Balance anstrebt. Die Zuwendung zum Du umfasst auch Formen wie ein stilles Mitgefühl, ein Gebet oder ein liebevolles Präsentsein angesichts von Leidenszuständen.

Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns im Helfen ausbluten und ausgebrannt dann selber Hilfe brauchen. Wir müssen immer auch auf unsere eigenen Ressourcen achten und für sie ausreichend sorgen. Wir dürfen die Verantwortung für uns selber nie aus den Augen verlieren.

Es ist aber auch uns selbst nicht geholfen, wenn wir uns gegen Bedürftigkeit und Schwäche um uns herum oder weiter entfernt abhärten und unser Herz vor der Not verschließen und abschotten. Wir werden mit dieser Form der Abwehr ein Stück unmenschlicher. Leute, die die Bettler aus ihrer Stadt vertreiben wollen, machen das nur, weil ihnen das Bild der Armut Angst und Scham einjagt: Die Angst, selber abstürzen zu können, und die Scham, auf der fetteren Seite gelandet zu sein. 

Mitverantwortung für das Wohlergehen aller

Mensch sein heißt, mitverantwortlich zu sein für die Menschengemeinschaft, d.h. für das Wohlergehen aller. In der Praxis gibt es natürlich immer Grenzen, in denen wir diese Verantwortung wahrnehmen können. Doch dürfen diese Grenzen nicht starr werden, indem wir uns vor bestimmten Formen des leidenden Menschseins, die uns Angst machen, Ekel auslösen oder mit Scham konfrontieren, schützen wollen.

Die Herzlosigkeit, die z.B. in Zusammenhang mit der Migrationsfrage, in der Öffentlichkeit und im privaten Rahmen von vielen Menschen propagiert wurde und wird, ist aus Ängsten vor Übervölkerung, Überranntwerden, vor dem legendären Boot, das wegen Überfüllung sinkt, genährt. Sie hat also irrationale Gründe, die tiefer in der Seele verwurzelt sind, als den Betroffenen bewusst ist. Indem diese irrationalen Ängste verbreitet werden, steigt das Unsicherheitsgefühl in der Gesellschaft, das wiederum auf die Protagonisten der Fremdenangst rückwirkt und deren propagandistischen Eifer verstärkt. 

Die offene Gesellschaft, die Karl Popper 1945 proklamiert hat, ist eine Gesellschaft der Solidarität, der gelebten Nächstenliebe, die sich aller, und damit auch der Schwachen und Schwächsten annimmt und zwischen reich und arm, oben und unten ausgleicht, nicht im Sinn einer Gleichmacherei, sondern im Sinn einer gerechten Verteilung und einer gerechten Teilhabe am Ganzen. Grundlage ist die prinzipielle Gleichheit aller Menschen und die unbedingte Werthaftigkeit jedes Menschenwesens.

Die Idee der Gleichheit aller Menschen, was ihre Geburts- und Lebensrechte anbetrifft, ist ein Abkömmling des Begriffs der Nächstenliebe aus dem Christentum, der aber erst durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert Breitenwirkung erlangte und in die ersten Verfassungen aufgenommen wurde. Seither gilt er als Grundbestandteil von modernen Staatswesen und wurde auch von der UNO weltweit deklariert. Das oben zitierte persische Gedicht ziert einen Sitzungssaal im UNO-Hauptquartier in New York. 

Zum Weiterlesen:
Spirituelle Überheblichkeit
Bescheidenheit als Tugend
Die Solidaritätsschranke
Armut ist ein Ärgernis - dem kann abgeholfen werden
Reich und arm - Demut und Würde


Dienstag, 23. Juli 2019

Die Solidaritätsschranke

Unser Steinzeithirn und die Herausforderungen unserer Zeit


Wir tragen alle eine Gehirn-Architektur in uns, die Millionen von Jahren alt ist. Durch diese urtümliche Ausstattung kommt es zu starken Diskrepanzen zwischen unseren emotionalen und kognitiven Fähigkeiten, und darin liegen viele Wurzeln unserer gegenwärtigen Probleme. 

Unsere Kultur hat sich vor allem durch die kognitiven Kapazitäten rapide weiterentwickelt, vor allem in den letzten zweihundert Jahren, während unser Gehirn insgesamt mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten konnte. Es hat sich vor allem in seinen emotionalen Zentren und Verschaltungen seit der Frühzeit kaum weiterentwickelt. Die Evolution hat die Menschen mit einer schier unbegrenzten Lernfähigkeit im mentalen Bereich ausgestattet, während die tiefer im Gehirn gelagerten Gefühlsareale noch gemäß den Erfordernissen der Jäger- und Sammlerkulturen in den ersten Jahrhunderttausenden der Menschheitsgeschichte gebaut sind. Wir sind, nach Ingmar Bergmann, noch immer „Analphabeten der Gefühle“. 

Die sehr langsam ablaufenden genetischen Anpassungen können mit dem Tempo der zivilisatorischen Entwicklungen nicht mithalten. Die Evolution passt die Organismen über sehr lange Zeiträume an geänderte Umweltbedingungen an. Die Entstehung des Homo aus seinen Vorfahren hat Millionen Jahre erfordert. Den homo sapiens gibt es seit ungefähr 300 000 Jahren.  Er hat bis zur Erfindung des Single-Daseins im 20. Jahrhundert immer in Gruppen in einer rauen und gefährlichen Umgebung gelebt, und für diese Zwecke haben sich die Gehirnstrukturen entwickelt, die die dafür notwendigen emotionalen Abläufe regeln. 

Deshalb  hat jeder Mensch die Fähigkeit, sich empathisch und solidarisch zu verhalten, allerdings beschränkt auf einen Kreis von vertrauten Menschen, maximal ungefähr 160 Personen. Für alles, was darüber hinaus geht, verfügt er über einen Mechanismus des Misstrauens. Der Fremde könnte ein möglicher Feind sein, dem man sich nur äußerst vorsichtig nähern sollte. In einer Gruppe von 160 Personen sind Gesicht-zu-Gesicht-Kontakte möglich, jeder kennt also das Gesicht von jedem, jeder kann jeden emotional einschätzen. Über diese Gruppengröße hinaus sind unsere primären Vertrauenskapazitäten erschöpft, wie bei einem elektronischen Gerät, das nur für eine begrenzte Anzahl von Kontakten Speicherplatz hat. Jenseits dieser Grenze braucht es viel mehr, um ein Gefühl von Sicherheit entstehen zu lassen.


Die Fremdenangst


Unschwer erkennen wir  diesen Mechanismus in der Haltung vieler Menschen zu Fremden, Randgruppen, Ausländern, Flüchtlingen und Migranten. Wir wissen von vielen Nazigrößen, die als liebevolle Familienmenschen geschildert wurden, während sie KZ-Insassen mit äußerster Grausamkeit quälen konnten. Es gibt Berichte von Wehrmachtssoldaten, die die sehnsuchtsvollen Gedanken an ihre Liebsten zuhause nicht von der brutalen Ermordung von Babys abschreckten. Jeder Diktator hat Menschen, mit denen er freundschaftlich oder liebend verbunden ist, ohne dass er einen Widerspruch zwischen diesen Gefühlen und den unmenschlichsten Taten, zu denen er fähig ist, merken würde.

Die genetisch verankerte Solidaritätsschranke ist die Grundlage der Ausgrenzungen und Gruppenegoismen, die bis heute den gesellschaftlichen Diskurs und die Politik bestimmen. Wer dazugehört, soll sich sicher fühlen können, wer draußen ist, wird nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen hereingelassen. Die Republik Österreich z.B. fordert von Neuankömmlingen zehn Jahre rechtmäßigen und ununterbrochenen Aufenthalt im Land, damit die Staatsbürgerschaft, also die sichere Zugehörigkeit verliehen werden KANN. Zehn Jahre lang muss die Person unter Beweis stellen, dass sie nicht gefährlich oder böse ist, dann erst wird eine Einbürgerung überlegt. Wir sind also im 21. Jahrhundert stark vom Misstrauen gelenkt und noch weit von Solidargemeinschaften entfernt, die den eigenen engen Tellerrand überschreiten.

Aus der Wurzel der Fremdenangst speisen sich die Gefühle und Motive der Hassposter, die scheinbar ohne Scham an die Öffentlichkeit gebracht werden, und Hassverbrecher, die oft ohne Reue Unschuldige ermorden. Es manifestiert sich ein grundlegendes Misstrauen gegen Fremde und Fremdes, das als fraglos und selbstverständlich angenommen wird, sodass es für diese Personen unverständlich wird, warum es von jemandem angezweifelt werden könnte. Im Brustton der Überzeugung wird jeder, der die eigene Position in Frage stellt, als Bedrohung gesehen und bekämpft. Die sture Überzeugung, die die Vertreter des Fremdenhasses an den Tag legen, nährt sich aus diesem Zusammenhang. Die rechtspopulistischen  Parteien schlagen aus diesem von irrationalen Ängsten genährten Muster ihr politisches Kapital. 


Weltkrisen und Solidarität


Mit der Entstehung der Weltgesellschaft ist eine globale Form der Solidarität gefragt. Während das Kapital und die Handelsgeschäfte mühelos die Grenzen des Gruppenvertrauens überspringen und weltweite Netze aufziehen, gelingt das in den Bereichen der moralischen Verantwortung viel schwieriger. Die als Folge der Ausbeutungsstrukturen der Industrialisierung entstandene Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts wusste schon, dass sie ihre sozialen Probleme nur durch eine internationale Zusammenarbeit lösen kann. Die nach dem 1. und 2. Weltkrieg gegründeten weltweiten Organisationen folgten diesem Prinzip in Hinblick auf die Vermeidung von Kriegen. Inzwischen gibt es viele Bereiche der weltweiten Kooperation, doch stehen diese Bemühungen noch immer – und in unseren Tagen offensichtlich vermehrt – in einem Spannungsfeld mit den Gruppenegoismen, die die Solidarität immer wieder einschränken wollen. 

Die Prediger der Entsolidarisierung bekommen reichlichen Zulauf, während die Probleme, die nur global gelöst werden können, daneben Ausmaße annehmen, die kaum mehr bewältigbar erscheinen. Wir wissen zwar, dass wir unser Verhalten ändern müssten, doch schafft es dieses Wissen nicht bis zur Motivation, weil das Element der Solidarität und der Empathie fehlt. Diese können wir mit unseren Nächsten empfinden, aber nicht mit 7 oder 8 Milliarden Menschen, die von den Folgen unserer verschwenderischen Handlungen leiden betroffen sind. Unser implantierter Gruppenegoismus sorgt dafür, dass wir nonchalant die weiterreichenden Wirkungen unseres Tuns ausblenden können. Das Hemd ist uns eben näher als der Rock. 

Die in unsere Software eingebaute Solidaritätsschranke verhindert dazu noch, dass wir unsere Verantwortung auf zukünftige Generationen ausdehnen, wie es notwendig wäre, wenn wir bedenken, wie wir in den letzten 200 Jahren die Rohstoffe dieser Erde geplündert haben, die unseren Nachfahren nicht mehr zur Verfügung stehen. Sie verhindert auch, dass wir unser Mitgefühl in den nichtmenschlichen Bereich des Lebens hinein ausweiten. Nur wenige sind zur Solidarität mit Tieren und Pflanzen bereit, geschweigedenn mit der Mutter Erde als Ganzer oder dem gesamten Universum. 

Je weiter weg, desto abstrakter wird die Verantwortung und desto schwächer die Motivation für entsprechende Handlungen.


Die Bildung der Gefühle


Wir sprechen hier von der untersten und auch ältesten Schicht des menschlichen Gefühlslebens. Sie regelt unsere primären Vertrauens-Misstrauensreaktionen und sie übernehmen das Kommando, sobald wir von Ängsten bestimmt sind. Sie reicht jedoch nicht aus, um sich in einer komplexeren Gesellschaft zu bewegen. Deshalb mussten sich die Menschen bemühen, auch auf dieser Ebene weiter zu lernen. So dient z.B. das Gefühl der Scham auch zur Gefühlserziehung: Bestimmte, sozial erwünschte Gefühle sollen häufiger gezeigt und unerwünschte Affekte unterlassen werden. Wo es zu Fehlern kommt, meldet sich das unangenehme Schamgefühl. Es gibt die ausgeprägte Kultur der Höflichkeit, die einen Kanon von bestimmten emotionalen Verhaltensweisen festlegt. Die Grundlagen für Achtung und Respekt, die für alle Menschen gelten, sind darin fixiert.

Offensichtlich aber fällt das Lernen in diesem Bereich schwerer als im Bereich von Wissen und Fertigkeiten. Wir merken uns viele Wissenselemente und können sie auch wieder auffrischen, wenn wir sie vergessen haben. Im emotionalen Bereich verlieren wir schnell unsere Haltung und fallen wir leicht auf primitivere Ebenen zurück, sobald das subjektive Bedrohungsgefühl steigt. 

Es sind die urtümlichen Überlebensängste, die sehr schnell einrasten, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten. Seit Urzeiten ausgestattet mit effektiven Kampf-Flucht-Strategien vermeinen wir, damit Probleme lösen und Konflikte schlichten zu können. Tatsächlich jedoch verringern diese Mechanismen unsere sozialen Fähigkeiten, weil sie vom individuellen Überlebenstrieb gesteuert werden. 


Die Kultur von Empathie und Solidarität


Dringend bräuchte es die Ausweitung von solidarischer Verantwortung – nicht mehr und nicht weniger steht die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel. Wie kann Abhilfe geschehen? Seit mehr als hundert Jahren gibt es jetzt die Methoden der Psychotherapie, die sich besonders der emotionalen Nacherziehung und Weiterbildung widmen. Die uralten Stressreaktionen durch die Stärkung der mentalen Kontrolle zu entmachten, ist ein Hauptziel der therapeutischen Arbeit. Sie entwickelt und festigt die Gehirnstrukturen zur Kontrolle der Angstareale. Das Verständnis, dass Gefühlsreaktionen kommen und gehen und dass sie ihren Ursprung immer im eigenen Inneren haben und deshalb der eigenen Verantwortung unterliegen, trägt zur Entwicklung einer humanen Grundhaltung bei. Im Maß, wie das Vertrauen zu sich selbst wächst, weitet sich auch das Vertrauen zu anderen Menschen aus. Das Verständnis für das eigene Leiden öffnet die mitfühlenden Augen für das Leiden aller anderen.

In Achtsamkeitskursen und Meditationen werden mit Hilfe geistiger Konzentration Zustände von Gelassenheit und innerer Ruhe kultiviert. Die Schulung von Nächstenliebe und Mitgefühl ist Teil vieler religiöser und spiritueller Praktiken. 

Menschen also, die ihre Traumatisierungen und reaktiven Gefühlsreaktionen in einer Psychotherapie behandelt haben und durch eine spiritueller Praxis beständig ihre Innenwelt erforschen, kommen häufiger in Zustände von Empathie und Mitgefühl, der Basis einer Solidarität, die sich nicht auf die eigene Gruppe mit den bekannten Personen beschränkt, sondern prinzipiell alle Menschen umfasst. 

Von der Polyvagaltheorie wissen wir, dass diese Zustände mit dem neueren Vagus-System zusammenhängen, das zur Gestaltung von sozialen Gefühlen und Kommunikationsformen entstanden ist. Es kann das Misstrauen, das von den älteren Gehirnzentren aktiviert wird, beruhigen und durch proaktive Gefühle ersetzen. Je mehr wir dieses System stärken, desto leichter fällt es uns, die Motivation für solidarisches Handeln und globale Verantwortung zu entwickeln und zu kultivieren.

In der Kultivierung unserer Innenwelt, die in einer Läuterung von Egoismen und Gruppenbeschränkungen besteht, ist eine zentrale Hoffnung begründet, wie auf dem Planeten ein menschenwürdiges Leben für alle im Einklang mit der Natur gefunden und entwickelt werden kann. Wir alle sind dazu aufgerufen.

Zum Weiterlesen:
Die Dritte Aufklärung

Hass im Internetzeitalter
Reich und arm, Demut und Würde


Hinweis:
Achtsamkeitskurs im Herbst 2019
8 Abende zwischen dem 16. September und 11. November 2019
Montags von 19:00 - 20:30, Cervantesgasse 5/5, 1140 Wien

Sonntag, 7. April 2019

Hass im Internetzeitalter

Wir erleben eine Zunahme von Hassäußerungen in der Öffentlichkeit, vor allem in den sozialen Medien. Sind das Anzeichen für, wie manche Kommentatoren vermuten, eine Verrohung der Gesellschaft, eine Verschlechterung der Umgangsformen und die Auflösung der Moral?  

Ich denke, dass bei diesem Thema neben vielen anderen zwei Aspekte wichtig sind: Die Möglichkeit der Anonymisierung und die Nutzung dieser Möglichkeit für die Schwächung der gesellschaftlichen Solidarität durch das Anfeuern von Rückkoppelungseffekten. 

Mit dem Internet sind Kommunikationsformen entstanden, die früher völlig ungeahnt waren. Es ist einfach geworden, anonym „die eigene Sau rauszulassen“, also tief schlummernde schlimme Gefühle, Schimpfworte und unausgegorene Ideen ohne soziales Risiko zu veröffentlichen. Die vielen aggressiven Hasspostings, die tagtäglich veröffentlicht werden, zeugen davon, dass es in unserer Gesellschaft eine große Anzahl von Menschen gibt, die aggressiven Hass in sich tragen und nur darauf warten, ihn nach außen zu geben.  

Ob das früher anders war, können wir gar nicht beurteilen, weil es die entsprechenden technischen Möglichkeiten nicht gegeben hat, solche Gefühle so einfach und geschützt in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Leserbriefseiten der Zeitungen wurden redaktionell betreut und extreme Äußerungen herausgefiltert. Erst das Internet hat diese Form der Zensur aufgehoben, und es kann faktisch jeder alles an die Öffentlichkeit bringen, anonym und scheinbar ohne dafür belangt werden zu können. Es ist die Sicherheit vor Konsequenzen, die es leicht macht, jedes Aufstoßen aus den dunklen Abgründen des eigenen Seelenlebens rücksichtslos nach außen gegen andere zu kehren. 

Aggression gegen Randgruppen


Was wir anhand zahlreicher historischer Beobachtungen feststellen können, ist die starke Tendenz bei vielen Menschen, gegen Schwächere, Minderheiten, Ausgegrenzte, Fremde aggressiv und gewaltsam vorzugehen, kaum erlaubt es die Gesellschaft oder die Obrigkeit. Ein Beispiel ist die Phase des Terrors während der Französischen Revolution, während der jeden Tag Hunderte unter dem Beifall der Massen geköpft wurden.  

In solchen Ereignissen zeigt sich meines Erachtens das Ausmaß des Hasses, das in den Menschen vorhanden ist. Wer sich mit dem eigenen Innenleben beschäftigt hat, weiß um die dunklen Seiten, die in einem selbst und in der Tiefe jedes Menschen schlummern, und von dort kommen alle destruktiven Gefühle und Impulse. Realistisch betrachtet, ist niemand frei davon. Das Unbewusste baut oft eine Mauer um diese Gefühle auf, die aber durch bestimmte Außenerfahrungen mit anderen Menschen überwunden werden und dann nach außen ausgelebt werden.  

Selbstverantwortung und Innenarbeit


Wer viel Innenarbeit gemacht hat, kann diese Gefühle in einem geschützten Rahmen durchleben und damit ihre Macht und Gewalt schwächen. Dadurch schwindet die unbewusste Neigung, anderen Menschen die zerstörerische Kraft solcher Gefühle zuzumuten. Im Gegenzug entsteht mehr Raum für offene Menschlichkeit und Liebe. Statt Hass gegen andere Menschen zu empfinden, die einem Angst machen, wird es möglich, Verständnis und Mitgefühl zu zeigen und damit zum zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Frieden beizutragen. 

Oberflächlich betrachtet, protestieren viele mit ihren Hassäußerungen gegen Frustrationen und Ungerechtigkeiten rund um ihre Lebensumstände, die sie durch neue Entwicklung bedroht sehen und vor denen sie sich von der Politik zu wenig geschützt und unterstützt fühlen.  Psychodynamisch betrachtet, wissen wir allerdings, dass nach außen gerichteter Hass z.B. gegen Minderheiten, Mächtige oder Schwache mit unverarbeiteten Kindheitserfahrungen zu tun hat. Was wir als ohnmächtige Kinder erlitten haben, als wir selber schwach waren, wollen wir im Hass andere spüren lassen. Sie sollen leiden, wie wir selber gelitten haben, oder noch schlimmer. 
  
Die Kränkungen aus der Kindheit gehören in eine Therapie, in der sie bewusst gemacht, betrauert und in andere Gefühle umgewandelt werden können. Die Sichtweise, dass jede Person für ihre Gefühle und für deren Ausdruck selbst verantwortlich ist, bietet den einzigen Ausweg aus den projektiven Hassgeschichten, an denen die Menschen, die projizieren, im Grund selber leiden. Sie suchen für dieses Leid ein Ventil suchen, das ihnen die Anonymität des Mediums bietet. Aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hat verstanden, wie wichtig die Verantwortungsübernahme für das eigene Gefühlserleben ist. Und ein noch kleinerer Teil hat in sich der Mühe unterzogen, die entsprechenden Themen zu bearbeiten und die projektiven Hasstendenzen in sich aufzulösen. 

Deshalb ist es notwendig und sinnvoll, dass gegen das Hassposten Strafen verhängt werden. Der Rechtsstaat hat die Aufgabe, die Menschen für ihr gemeinschaftsschädigendes Verhalten zur Verantwortung zu ziehen. Durch das Verhängen von Strafen wird hoffentlich langsam dämmern, dass der Ausdruck von Hass auch in scheinbar anonymen Zusammenhängen unangenehme Konsequenzen haben kann. Alle gesellschaftlichen Gruppen und Einzelpersonen, auf die sich die Hasspostings beziehen, müssen mit allen Mitteln der Gesetzgebung und –vollziehung geschützt werden. Dazu gibt es jetzt auch Gesetze, die diesem schädlichen Verhalten Grenzen setzen und die Täter zur Verantwortung ziehen, soweit sie ausgeforscht werden können. 

Die Multiplikationseffekte 


Der zweite Aspekt bezieht sich darauf, dass es durch die Zunahme von Hassausbrüchen im Netz zu Rückkoppelungseffekten kommt, die uns Sorge bereiten sollten. Zunächst kann das Beispiel von Mitmenschen, die offensichtlich ohne Scheu andere mit ihrem Hass besudeln, andere ermutigen, es ihnen gleich zu machen. Die eigenen Kontrollmechanismen, die bisher durch die Scham den Ausdruck des inneren Hasses blockiert haben, werden löchrig, weil es offenbar in bestimmtem Rahmen gesellschaftsfähig geworden ist, böse, menschenfeindliche Gedanken und Ideen auszudrücken und sich damit zumindest kurzfristig mächtig, überlegen und stark zu fühlen.  Dazu ein Zitat: „Sie müssen sich vorstellen, Herr Bürger, das, was ich heute sage, ist vor drei Jahren in der Europäischen Union von vielen als rechts oder rechtsradikal bezeichnet worden!“ (Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz in einem ORF-Interview mit Hans Bürger, 2018)

Ähnlich war beim Aufkommen des Nationalsozialismus vielfach zu beobachten, wie ansonsten „anständige" Bürger mit öffentlicher Erlaubnis und Billigung durch das Regime zu bösartigen, hasserfüllten Antisemiten wurden, die ihre Nachbarn, mit denen sie vorher friedlich zusammengelebt hatten, beschimpft, bespuckt und ausgeraubt haben. Wenn der Hass, der in uns allen steckt, durch eine Ideologie, die an die Macht gekommen ist, eine Richtung bekommt, dann bricht er sich viel leichter Bahn und verrichtet seine Arbeit an der Zerstörung der gesellschaftlichen Basis.  

Die Zerstörung des Zusammenlebens 


Denn das war neben den Millionen an Toten und den zertrümmerten Städten die noch tiefere und katastrophalere Auswirkung der NS-Diktatur: Die Korrumpierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der durch ein Minimum an gegenseitiger Achtung gewährleistet werden muss. Die systematische Entmenschlichung eines Teils der Menschen in der Gesellschaft, die Hauptideologie der Nationalsozialisten, hat ihre Spuren hinterlassen, die nicht einfach durch den gewaltsamen Sturz des Regimes getilgt waren. Die Nachkriegsdevise war eigentlich nicht das propagierte Vergessen, sondern eher die Archivierung der Gefühle mittels einer Deckel-drauf-Strategie: Fokussierung auf den Wiederaufbau und so tun, als wäre nichts – oder fast nichts gewesen.  

Deshalb ist es kein Wunder, dass der Antisemitismus und die in ihm wirksamen Hassgefühle bis heute weiterschwelen, wie Entzündungsherde, die nie ausgeheilt wurden. In vielen Fällen werden sie an die Nachgeborenen weitergegeben, die die bösartigen Geschäfte für ihre Vorfahren erledigen. Die in bestimmten Kreisen nach wie vor immer wieder aufbrodelnde Thematisierung des Nationalsozialismus unter verharmlosenden und relativierenden Gesichtspunkten durch Menschen, die lange nach dem Ende des 2. Weltkriegs geboren sind, weist auf das Ausmaß der unaufgearbeiteten kollektiven Traumatisierungen aus dieser Zeit hin. Wir können an diesen hochploppenden Sumpfblasen erkennen, auf welchem Pulverfass wir noch immer sitzen, wie viele Blindgänger in den Seelen der Menschen schlummern, und auch, wie die Themen mitsamt der unbewussten Gefühlsenergien an die Nachkommen weitergegeben werden. 

Ein kleiner Ausflug in die Nachkriegsgeschichte 


Diese Geschichtsblindheit hängt mit der Vertuschungsstrategie zusammen, die in der Nachkriegszeit in vielen Kreisen betrieben wurde – im Schock infolge der massiven materiellen Zerstörungen und angesichts der Erkenntnis, welche verheerenden Auswirkungen die Ideologisierung auf die Moral hatte, der die meisten wehrlos ausgeliefert waren. Angesichts dieses massiven emotionalen Drucks und der enormen Schuld, die kollektiv zu tragen gewesen wäre, ist die ebenso massive  Abwehr verständlich, die darin bestanden hat, möglichst viel von den Gräueln totzuschweigen und statt dessen die Ärmel aufzukrempeln und die ganze Wut und Frustration in die Arbeit des Wiederaufbaus zu stecken.  

Dann kam mit den 60er Jahren eine neue Generation, die erste nach dem Krieg, die in Sicherheit und wachsendem Wohlstand aufgewachsen war, aber die unbewältigten Traumen der Eltern zu tragen hatte. Sie war misstrauisch auf das Verschweigen der Gräueltaten, auf dem der gesellschaftliche Konsens zu beruhen schien. Sie forderte eine neue Welle der Aufklärung und der Aufarbeitung der Vergangenheit, um die Spuren des Nationalsozialismus in der Gesellschaft beseitigen zu können. Der Hass dieser Generation richtete sich aufs “Establishment”, auf die Mächtigen und Reichen. Damit waren auch die autoritären Eltern gemeint, die in ihrer Erziehung im Sinn der schwarzen Pädagogik noch den NS-Prinzipien folgten.  

Es kam in der Folge in den westlichen Staaten zu wichtigen Schritten in der gesellschaftlichen Erneuerung, z. B. in der Stärkung der Frauenrechte, in der Einführung von Mitbestimmung in Schulen und Arbeitsstätten, in der Modernisierung des Strafrechts usw. Doch der Kapitalismus, dem in dieser Zeit bestimmte Schranken auferlegt wurden, hatte seinen Einfluss noch lange nicht verloren. In den 80er Jahren setzte mit der Digitalisierung und Globalisierung ein neuer Schub der Effizienzsteigerung der Güterproduktion ein, der die linken Bestrebungen zur Sozialreform in die Defensive drängte, in der sie heute noch stecken.  

Im Windschatten des Neoliberalismus, der seine Sachzwangs- und Leistungsideologie nicht nur in die wirtschaftlichen Abläufe, sondern auch in die Gehirne der Menschen implantiert hat, machten sich die Ressentiments breit, gespeist aus einer Hilflosigkeit gegenüber den wirtschaftlichen „Notwendigkeiten” und der Enttäuschung über die „unfähigen” Politiker bzw. das unmenschliche und korrupte „System”. Die Frustbürger begannen mehr und mehr, das demokratische System zu an den Wurzeln anzugreifen, indem sie Demagogen folgten, die die Ursachen der Misere nicht in den ökonomischen Verhältnissen und deren mentalen Folgen suchten, sondern in sozialen Randthemen wie dem Sozialschmarotzertum oder der Ausländerfrage. Dazu kommen noch homophobe und antisemitische Einstellungen, und verbreitet ist in dieser Szene neben einer Wissenschaftsfeindlichkeit die Klimawandelskepsis.

Entsolidarisierung


Die Entsolidarisierung der Gesellschaft ist ein gemeinsamer Nenner dieses Sammelsuriums der populistischen Themen: Das „Eigene” gegen das „Andere” auszuspielen, bedeutet immer, eine Spaltung in die Gesellschaft einzuziehen, mit dem Ziel, dass sich jedes Mitglied deklarieren muss, auf welcher Seite es steht. Zwischenpositionen darf es nicht geben. Die Gesellschaft als Ganzes, in der all die unterschiedlichen Schattierungen und Individualitäten ihren Platz haben und garantiert bekommen, gibt es in diesem Denken nicht, und der Hass ist der emotionale Sprengstoff, der die Trennlinien absichern soll. 

Paradoxerweise wirken alle, die den Schwarz-Weiß-Demagogen auf den Leim gehen und deren Sichtweisen übernehmen, an der Entsolidarisierung mit, an der sie leiden und deren Unsicherheiten sie belasten. Der Populismus kann als die Kunst definiert werden, den Menschen Perspektiven und emotionalisierte Einstellungen einzureden, die angeblich die Probleme in ihrem Leben verbessern, obwohl sie dadurch in Wirklichkeit schlechter werden und genau das Leiden vertiefen, vor dem die Abhilfe versprochen und propagiert wird. Zum Beispiel lebt vermutlich niemandem in Ungarn besser, weil ein Grenzzaun vor allen Asylsuchenden und Flüchtlingen schützt, aber die Angst davor, dass sie doch kommen könnten, wird vehement propagiert und damit vertieft sich die Verunsicherung und Angst. 

Die Verdrehung des Heimatbegriffs 


Die Untergrabung der gesellschaftlichen Solidarität kann an der Verwendung des Heimatbegriffs im demagogischen Kampf um die Macht illustriert werden. Heimat ist dann nicht mehr etwas, das subjektiv als vertraut und Geborgenheit gebend empfunden wird. Vielmehr wird die Heimat als eine abstrakte Einheit konstruiert, die als bedroht dargestellt wird. Der Begriff der Heimat soll mit der Angst assoziiert werden, sie und damit die eigene Existenzgrundlage zu verlieren. So kann der Begriff als Rechtfertigungsgrund für den Hass gegen die vermeintlichen Bedroher dienen. Heimat ist nicht mehr etwas, das Vertrauen und Geborgenheit gibt, sondern ein gefährdetes Gut. Die Propagandisten haben den Beheimateten ein Stück Sicherheit geraubt, damit sie sich als dessen Beschützer aufbauen können.

Wie schon mehrfach in meinen Beiträgen erläutert, mobilisiert das Schwarz-Weiß-Denken automatisch das Freund-Feind-Schema mit den zugehörigen Emotionen von Angst, Aggression und Hass. Diese explosive Mischung schwelt als Bodensatz in den Seelen der Menschen, die nichts von Projektion und Reflexion verstanden haben. 
  
Das Ausmaß an Hass, das öffentlich wird, ermutigt Multiplikatoren, Öl ins Feuer zu gießen und die Hasseskalation anzufachen. Hass wird salonfähig und für einige Menschen zur Normalität, während er viele andere entsetzt, möglicherweise so lange, bis sie sich auch daran gewöhnt haben. Das ist offensichtlich das Kalkül der Strategen der Entsolidarisierung. Übrigens ist deshalb die Ausländerfeindlichkeit in Gegenden mit den wenigsten Ausländern besonders hoch, ähnlich wie früher (?) der Antisemitismus dort besonders ausgeprägt war, wo keine Juden lebten. 

Instrumentalisierung des Hasses


Wir leben in einer Zeit der bewussten und unbewussten Instrumentalisierung des Hasses für die Machtzwecke eigensinniger und gemeinschaftsfeindlich orientierter Politiker, denen viele auf den Leim gehen. Bewusst ist das Machtkalkül mit dem Schüren von Ängsten und Vorurteilen, oft unter Verwendung falscher Tatsachen oder krass übertriebener Bewertungen. Unbewusst sind die tieferen Antriebe, die bewirken, dass die Folgen solcher politischen Handlungen nicht eingeschätzt und durchdacht werden. Vielmehr genügt es, kurzfristige Erfolge zu erzielen und dann die Macht zu festigen. Damit wird die schleichende Vergiftung der Demokratie und das Risiko für eine stabile, offene und tolerante Gesellschaft in Kauf genommen. 

Hass verblendet, darum ist er den demagogischen Politikern so willkommen, darum säen sie ihn so gerne. Die Verblendeten können gar nicht erkennen sie sie sich selbst schaden, z.B. wie sie ihre „Heimat” durch ihren Hass verunstalten, wie sie die Nation, zu der sie gehören, spalten und jeder Moral und jedes Respekts entkleiden.  

Die Tragik und Gefährlichkeit dieser Entwicklung sollte uns zu denken geben. Alle, die an die Kraft der Aufklärung glauben, sollten das in ihrer Macht Stehende tun, um bewusst zu machen, was hier tagtäglich vor unseren Augen abläuft, wie Menschen mit Hass imprägniert werden und damit unser Zusammenleben in Frage gestellt wird. Die Verhetzer müssen angeprangt werden und, wo es von den Gesetzen her geht, vor Gericht gestellt werden. Wir brauchen ein geschärftes Bewusstsein von subtilen zersetzenden Macht der Hassgefühle, damit wir verstehen können, wie wichtig es ist, sie überall aufzuzeigen, wo sie an die Öffentlichkeit gelangen und dagegen Stellung zu beziehen. Wenn wir eine bessere Welt wollen, muss sie auf einem besseren Zusammenleben beruhen, das wir gemeinsam schaffen können, wenn wir uns in unseren Unterschieden annehmen und fördern statt gegen jedes Anderssein zu kämpfen. 

Zum Weiterlesen:
Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Der Bösewicht in uns
Ein Land von Krypto-Nazis? 
Demokratie und Gefühle 
Polaritäten lähmen, Kontinuitäten befreien
Hass und Liebe: Vom Mangel in die Fülle