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Samstag, 13. Dezember 2025

Die Gehirnentwicklung im Alter

Das Gehirn durchläuft nach einem wissenschaftlich umfassend belegten Modell fünf Phasen im Leben eines Menschen. Sie unterscheiden sich durch vier markante Wendepunkte und reichen von der Geburt bis ins hohe Alter. Diese Phasen sind: Kindheit (Geburt bis ca. 9 Jahre), langes Jugendstadium (ca. 9 bis 32 Jahre), Erwachsenenalter (ca. 32 bis 66 Jahre), frühes Altern (ca. 66 bis 83 Jahre) und hohes Alter (ab ca. 83 Jahre). 

Unser Gehirn ist also unser ganzes Leben lang Umstellungsprozessen ausgesetzt, die den evolutionär vorgegebenen Anforderungen des jeweiligen Alters am besten entsprechen sollen. 

  • Kindheit (Geburt bis ca. 9 Jahre): Diese Phase ist durch ein starkes Wachstum der grauen und weißen Substanz sowie durch eine anfängliche Überproduktion und anschließende Bereinigung von Synapsen gekennzeichnet.
  • Jugend und frühes Erwachsenenalter (ca. 9 bis 32 Jahre): In dieser Phase werden die Netzwerke im Gehirn effizienter, sowohl innerhalb einzelner Regionen als auch über weite Distanzen hinweg.
  • Erwachsenenalter (ca. 32 bis 66 Jahre): Dies ist die längste stabile Phase des Gehirns, in der die maximale Leistungsfähigkeit erreicht wird, bevor die Umstrukturierung beginnt.
  • Frühes Altern (ca. 66 bis 83 Jahre): In dieser Phase beginnt eine allmähliche Umstrukturierung der Hirnnetzwerke, die durch einen Wendepunkt um das 66. Lebensjahr markiert wird.
  • Hohes Alter (ab ca. 83 Jahre): Dies ist die fünfte und letzte Phase, die im Durchschnitt mit etwa 83 Jahren beginnt und durch eine Verschiebung von globalen zu lokalen Mustern gekennzeichnet ist. 

Ich gehe im Folgenden besonders auf die Veränderungen im frühen und hohen Alter ein, also auf die Umstrukturierungen, die mit dem Alterungsprozess verbunden sind. Es ist dabei die „normale“ Entwicklung von alterstypisch krankhaften Entwicklungsstörungen (Alzheimer, Demenz etc.) zu unterscheiden.

Die  Phase des frühen Alters (ab ca. 66)

1. Strukturelle Veränderungen

Es kommt zu einem nichtpathologischen Rückgang des Volumens. Das Gehirnvolumen nimmt in vielen Kortexarealen kontinuierlich ab (0,2–0,5 % pro Jahr). Besonders betroffen sind: der präfrontale Kortex, der Hippocampus und die Basalganglien, während die sensorischen Areale relativ stabil bleiben.

Weiters verändert sich die Weißsubstanz. Das sind jene Bereiche im Gehirn, die vor allem aus myelinisierten Nervenfasern bestehen, also aus Nerven, die von einer Fettschicht umgeben sind, um die Impulse schneller übertragen zu können. Die Myelindicke geht im Alter zurück, und damit steigt die Anfälligkeit für „white matter hyperintensities“. Darunter versteht man hellere Signale im MRT, die auf winzige Veränderungen im Hirngewebe hinweisen, die durch Störungen in den Blutgefäßen entstehen. Sie können durch chronisch hohen Blutdruck, Diabetes, Atherosklerose und durch die altersbedingte Abnahme der Flexibilität der Blutgefäße entstehen. 

Dazu kommt, dass die Langstreckenverbindungen im Gehirn an Effizienz verlieren, während Kurzstreckenverbindungen relativ gut erhalten bleiben. 

All diese strukturellen Veränderungen bedeuten nicht zwangsläufig, dass sich die kognitiven Leistungen verschlechtern, vielmehr kennzeichnen sie eine Verschiebung der Netzwerkarchitektur, also eine Umschichtung der Prioritäten und die Bereitstellung von Ressourcen für das Umgehen mit Alterungsprozessen in den Blutgefäßen und Nerven des Gehirns.

2. Funktionelle Reorganisation 

Darunter fallen Prozesse der Kompensation und der Entdifferenzierung, die zu einer Umschichtung der Zuständigkeiten im Gehirn führen. Unterschieden werden mehrere Anpassungsvorgänge:

Die Abnahme der hemisphärischen Spezialisierung: ältere Erwachsene nutzen beide Hemisphären, wo früher eine Seite genügte. Vermutlich sollen möglichst viele Ressourcen zur Verfügung stehen, wenn irgendwo in einer Hemisphäre Schwächen oder Störungen auftreten. (HAROLD-Modell)

Die Verschiebung von vielen Aktivitäten aus posterioren in anteriore Hirnregionen, d.h. eine Verlagerung von „hinten“ nach „vorne“: Die präfrontalen Bereiche übernehmen exekutive Kontrollfunktionen, um die Wahrnehmung und das Gedächtnis zu stabilisieren. (PASA-Effekt)

Ältere Menschen setzen früher (bei geringerer Belastung) zusätzliche Aktivierungsareale ein. Damit wird die Leistung bis zu einer „Ressourcengrenze“ gesichert, also bis zu dem Punkt, an dem das Gehirn überfordert ist. (CRUNCH-Modell)

3. Neurochemische Veränderungen

Der Rückgang der dopaminergen Transmission erstreckt sich über das ganze Leben und verstärkt sich ab der Mitte des Lebens: ca. −10 % pro Lebensdekade weniger Dopamin steht ab 40 zur Verfügung. Die Folgen sind, dass im Alter die Lernkurven flacher sind, die Sensitivität für positive Feedbacksignale geringer wird und die Motivation abnimmt. Weiters laufen Entscheidungen langsamer ab und die kognitive Dynamik ist geringer, die Bewegungsfluidität ist herabgesetzt, ebenso die Feinmotorik. Handlungen oder Bewegungen werden verzögert eingeleitet und die Haltungskontrolle ist reduziert (damit ist die verminderte Fähigkeit, sowohl im Stehen als auch in der Bewegung die Körperhaltung aktiv zu stabilisieren und feinzusteuern gemeint).

Weniger stark ist die Reduktion bei Serotonin und Acetylcholin. In Bezug auf die NMDA (Glutamat-) und GABA (Gamma-Aminobuttersäure)-Rezeptorbalance geht zwar die Plastizität zurück, dafür ist die Stabilität höher. Eine stabile Balance ist entscheidend für optimale Informationsverarbeitung, synaptische Plastizität und Netzwerkstabilität.

4. Kognitive Merkmale dieser Phase

Zu Abnahmen kommt es in Bezug auf die Verarbeitungsgeschwindigkeit, das episodische Gedächtnis und die selektive Aufmerksamkeit. Eine Abnahme des episodischen Gedächtnisses, insbesondere der Einspeicherung, beschreibt die altersbedingte oder pathologische Verminderung der Fähigkeit, neue Ereignisse und Erfahrungen bewusst zu speichern und später wieder abrufen zu können. Das episodische Gedächtnis ist der Teil des deklarativen Gedächtnisses, der das „was, wann und wo“ von persönlichen Erlebnissen kodiert. Eine Abnahme betrifft vor allem die Anfangsphase der Gedächtnisbildung – die Enkodierung – also die effektive Aufnahme und Speicherung von Informationen.

Stabil oder verbessert sind in dieser Phase folgende Funktionen: Das semantische Wissen, Wortschatz, emotionale Regulation, ganzheitliche Problemlösung („crystallized intelligence“) und  sozial-kognitive Kompetenzen (Theory of Mind, Konfliktvermeidung). Mit der „Theory of Mind“ ist die Fähigkeit gemeint, mentale Zustände anderer Menschen – wie Überzeugungen, Absichten, Wünsche, Wissen oder Emotionen – zu erkennen, zu verstehen und vorherzusagen. Sie ermöglicht es, das Verhalten anderer in sozialen Interaktionen korrekt zu interpretieren und darauf zu reagieren. Die Theory of Mind ist zentral für Empathie, Kommunikation, Kooperation und komplexe soziale Interaktionen.

5. Die Bedeutung von Neuroplastizität im höheren Alter

Wichtig ist zu verstehen, dass die Phase 4 keine degenerative Phase ist, sondern dass es sich um eine Phase der Plastizität unter veränderten Rahmenbedingungen handelt.

Was können wir tun, um im Alter gehirnfit zu bleiben? Der Schlüsselwert heißt BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor), also ein neurotropher Wachstumsfaktor im Gehirn. Eine BDNF-Erhöhung bedeutet, dass die Konzentration dieses Proteins im Gehirn oder im Blut ansteigt, was positive Effekte auf die Gehirnfunktion hat. 

Der BDNF wird durch physische, kognitive und soziale Faktoren stimuliert. Aktuell gut belegt sind positive Effekte durch:

  • Körperliches Training (v. a. Ausdauertraining) führt zur deutlichsten und gut belegten Erhöhung
  • Kognitive Stimulation (Lernen, komplexe Aufgaben)
  • Meditation und Achtsamkeitstraining
  • Soziale Interaktion und emotional positive Erfahrungen
  • Ernährung: Omega-3-Fettsäuren, Polyphenole, Flavonoide
  • Schlafqualität: ausreichender Tiefschlaf fördert BDNF
  • Soziale Verbundenheit
  • Lebenssinn 
  • Anti-Stress-Faktoren (Cortisolreduktion)

Das Gehirn verändert sich also weiter — langsamer, aber hoch funktional. Und es erfreut sich an kognitiven Herausforderungen, gesunder Nahrung, ausreichendem Schlaf, viel Bewegung und guten sozialen Kontakten.

Die Phase des hohem Alter (ab ca. 83 Jahre) 

Dies ist die fünfte und letzte Phase der Gehirnentwicklung, die im Durchschnitt mit etwa 83 Jahren beginnt und durch eine Verschiebung von globalen zu lokalen Mustern gekennzeichnet ist. 

Die Veränderungen in dieser Phase haben wieder nichts mit pathologischen Prozessen (wie Demenz) zu tun, sondern mit den natürlichen Endstadien der Hirnentwicklung im höheren Alter. Viele Menschen bleiben trotz dieser Veränderungen funktional relativ stabil, vor allem wenn die kompensatorischen Netzwerke und kognitiven Reserven hoch genug sind.

1. Strukturelle Veränderungen

Akzentuierter Volumenverlust

  • Beschleunigter Rückgang im Hippocampus, entorhinalem Kortex und in den frontalen Arealen. Der entorhinale Kortex spielt eine Schlüsselrolle bei Gedächtnis, räumlicher Orientierung und der Kopplung von Wahrnehmung und Erinnerung. Im Kontext des alternden Gehirns besitzt er besondere Bedeutung, da er eine der frühest betroffenen Regionen bei altersassoziierten und neurodegenerativen Prozessen ist.
  • Die kortikale Dicke nimmt zunehmend ab; die Areale für die sensorische Integration werden teilweise dünner.

Markanter Rückgang der Weißsubstanzintegrität

  • Beachtet wird die Zunahme von White Matter Hyperintensities und die Abnahme der Axonleitfähigkeit und der Konnektivität großer Netzwerkverbünde (Default Mode Netzwerk, Frontoparietales Netzwerk). Diese Veränderungen führen zu einer reduzierten Effizienz bei langen Ketten der Informationsverarbeitung.

2. Die Netzwerkdynamik: 
Der Verlust von Flexibilität und reduzierte Kompensation

Die Kompensationsmodelle der Phase 4 (HAROLD, PASA, CRUNCH) funktionieren weiterhin, werden jedoch begrenzter in ihrer Wirkung.

  • Die beschriebene präfrontale Zusatzrekrutierung ist schwerer aufrechtzuerhalten.
  • Das Gehirn erreicht häufiger einen Ressourcenplafond („resource ceiling“): eine zusätzliche Aktivierung bringt keine Leistungssteigerung mehr.
  • Der Netzwerkwechsel (switching) verlangsamt sich.
  • Das Verhältnis zwischen Netzwerken niedrigerer Ordnung (sensorisch-motorisch) und höherer Ordnung (frontal-parietal, DMN) verschiebt sich. Sensorisch-motorische und visuelle Netzwerke bleiben überraschend robust. Ihre interne Konnektivität sinkt nur leicht und sie verlieren weniger Volumen und myelinbezogene Struktur.
  • Das DMN bleibt länger aktiv, wenn eine Aufgabe beginnt (Persistenz). Es verliert seine Kohärenz zwischen posterioren und anterioren Regionen.
  • Das exekutive Netzwerk braucht mehr Zeit, bis es vollständig aktiviert ist.
  • Die Übergänge zwischen Netzwerken sind weniger abrupt, wodurch die Flexibilität herabgesetzt ist.
  • Das Salienznetzwerk wird weniger effizient als „Umschaltinstanz“.

Im alternden Gehirn bezeichnet das Salienznetzwerk ein zentrales Kontrollnetzwerk, dessen altersbedingte strukturelle, funktionelle und neurochemische Veränderungen zu einer verminderten Fähigkeit führen, relevante Reize effizient zu erkennen und zwischen innerer und äußerer Verarbeitung (CEN und DMN) flexibel umzuschalten. Diese Veränderungen tragen wesentlich zu typischen kognitiven und affektiven Alterungsphänomenen bei.

Diese Verzögerungen korrelieren eng mit:

  • reduzierter Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • verlangsamter Reaktion
  • verringerter kognitiver Flexibilität 

In der Folge sinkt der Einfluss höherer Netzwerke auf die Gesamtsteuerung:

  • Weniger top-down-Kontrolle
  • Weniger effiziente Aufgabenpriorisierung
  • Erhöhte Ablenkbarkeit
  • Aber auch: größere emotionale Gelassenheit, da das DMN weniger stark im Grübeln verfangen bleibt.

3. Neurochemische Veränderungen

Diese Entwicklungen sind alterstypisch und nicht krankhaft:

  • Dopamin: der weitere Abfall betrifft v. a. Exekutivfunktionen und die Motivation.
  • Acetylcholin: die leichte Reduktion hat Auswirkungen v. a. auf Aufmerksamkeitskontrolle und Gedächtnis.
  • Serotonin: die Abnahme der Rezeptordichte kann emotionale Schwankungen fördern.
  • Glutamat/GABA-Balance: allgemeine Reduktion synaptischer Plastizität.

4. Kognitive Charakteristik 

Abnahmen

  • episodisches Gedächtnis (Abruf geht leichter als Enkodierung)
  • Arbeitsgedächtnis
  • Multitasking / kognitive Flexibilität
  • Verarbeitungsgeschwindigkeit
  • räumlich-visuelle Funktionen

Stabil oder langsam veränderte Bereiche

  • Das semantische Wissen bleibt erstaunlich gut erhalten.
  • Die sprachlichen Kompetenzen bleiben relativ stabil.
  • Das Emotionswissen und die pragmatische Urteilskraft bleiben oft robust.
  • Die sozial-emotionale Expertise (Konfliktvermeidung und die prosoziale Vernunft) bleibt vorhanden.

5. Sinngebung, Emotionsverarbeitung und psychosoziale Dimension

Neuroimaging-Studien zeigen:

  • stärkere Aktivität im ventromedialen präfrontalen Kortex bei Entscheidungen mit persönlicher Bedeutung
  • verstärkte Integration autobiografischer Netzwerke, Tendenzen zu Lebensrückblicken
  • erhöhte Priorität auf emotional positive Reize 
  • bessere Impulskontrolle trotz reduzierter Verarbeitungsgeschwindigkeit

Dies erklärt, warum viele ältere Menschen emotionale Stabilität und Gelassenheit entwickeln, während rein kognitive Aspekte langsamer werden.

6. Plastizität bleibt bestehen, aber mit veränderten Parametern

Auch jenseits von 80 ist Plastizität nicht verschwunden, sondern:

  • benötigt mehr Wiederholungen
  • reagiert stärker auf motivationale und soziale Faktoren
  • hängt deutlich von körperlicher Fitness und Gefäßgesundheit ab
  • ist vulnerabler gegenüber Stress, Entzündungen und Schlafmangel.

7. Übergang in pathologische Entwicklungen 

In der Phase 5 ist zwar das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen erhöht, diese Erkrankungen müssen aber nicht eintreten. Ein normales, gesundes Gehirn kann bis sehr spät:

  • die autobiografische Kohärenz
  • eine stabile Persönlichkeit
  • eine relativ gute Entscheidungsfähigkeit und
  • sinnstiftende, emotional regulierte Beziehungen

aufrechterhalten.

Zusammenfassung

Die Phase 5 der Gehirnentwicklung ist gekennzeichnet durch:

  • erhöhte strukturelle Vulnerabilität
  • reduzierte Netzwerkflexibilität
  • Grenzen kompensatorischer Aktivierung
  • verlangsamte Verarbeitung
  • stabile semantische und emotionale Systeme
  • weiter bestehende, aber verlangsamte Plastizität

Sie markiert die Endphase der Lebensspannenentwicklung, in der das Gehirn gleichzeitig fragiler und emotional konsolidierter wird.

Hier eine Übersicht über polyphenol- und flavonoidreiche Nahrungsmittel, die zur Gehirngesundheit beitragen:

Kategorie

Lebensmittel & Menge

Hauptwirk-stoffe

Hinweis zur Zubereitung / Aufnahme

Beeren

Blaubeeren, Himbeeren, Brombeeren, Erdbeeren (ca. 100–150 g)

Anthocyane, Flavonole, Phenolsäuren

Frisch oder tiefgefroren; nicht stark kochen, um Wirkstoffverlust zu vermeiden

Äpfel & Birnen

1 Stück täglich

Quercetin, Flavonole

Schale essen, da dort die meisten Polyphenole sitzen

Zitrus-früchte

Orange, Grapefruit, Zitrone (1 Stück oder 200 ml Saft)

Flavanone (Hesperidin, Naringenin)

Saft möglichst frisch, nicht pasteurisiert

Kräuter & Gewürze

Petersilie, Thymian, Oregano, Kurkuma

Flavone, Curcumin

Kräuter frisch oder getrocknet; Kurkuma mit Fett und Pfeffer für Bioverfügbarkeit

Grünes Blatt-gemüse

Spinat, Grünkohl, Brokkoli, Lauch (150–200 g)

Flavonole, Kaempferol, Quercetin

Kurz dämpfen oder roh essen, um Polyphenole zu erhalten

Kakao & dunkle Schoko-lade

20–30 g (>70 % Kakaoanteil)

Flavanole, Catechine

Nicht zu stark erhitzen; kleine Portion täglich

Grüner Tee

2–3 Tassen / Tag

Catechine, EGCG

Nicht kochend heiß aufgießen, 2–3 Minuten ziehen lassen

Sojapro-dukte

Tofu, Edamame, Sojamilch (ca. 100–150 g)

Isoflavone

Günstig in Kombination mit Gemüse, um die Nährstoffaufnahme zu erhöhen

Trauben & Rotwein

1 Handvoll Trauben / 1 Glas Rotwein (optional, moderat)

Resveratrol

Rotwein nur in Maßen; Trauben frisch oder getrocknet

Nüsse & Samen

Walnüsse, Mandeln, Haselnüsse (20–30 g)

Polyphenole, Vitamin E

Roh oder leicht geröstet, nicht gesalzen


Praktische Tipps für eine maximale Wirkung:

1.      Farbenmix: Jede Farbe steht für unterschiedliche Polyphenole. Deshalb ist die Farbvielfalt wichtig.

2.      Die Kombination mit gesunden Fetten: z. B. Öl, Avocado oder Nüsse → verbessert die Aufnahme lipophiler Polyphenole (Curcuma, Resveratrol).

3.      Die Regelmäßigkeit: Wirkung auf BDNF und Plastizität steigt bei täglicher Aufnahme über Wochen/Monate.

4.      Frisch und minimal verarbeitet: Frische oder tiefgekühlte Beeren oder kurz gedämpftes Gemüse sind optimal.

5.      Die Kombination mit Bewegung und kognitiver Aktivität ergibt synergistische Effekte auf den BDNF und die neuronale Netzwerke.


Samstag, 25. Januar 2025

Unser Gehirn - eine "Vorhersagemaschine"

 Das reaktive Gehirn

Dieses Modell war lange Zeit maßgeblich in der Gehirnforschung, es entspricht auch einer landläufigen und intuitiv stimmigen Sichtweise: Über die Sinnesorgane kommen Reize herein, die ins Gehirn übertragen und dort für die Planung von Handlungen ausgewertet werden. Die Hierarchie verläuft von unten nach oben (bottom-up): Von den einfachen Sinnesorgane wird die Informationsverarbeitung weiter nach oben in die komplexeren Gehirnteile weitergegeben, wo es dann zum Abwägen von Alternativen und zu Entscheidungen kommt. Das Gehirn wird über Außenreize aktiviert, es reagiert also auf das, was von außen kommt, und Handlungen kommen zustande, indem diese Außenreize in Motive übersetzt werden.

Das prognostische Gehirn

Inzwischen gibt es ein neues Modell der Funktionsweise des Gehirns, nämlich das vorhersagende, das prospektive Gehirn. Unser Gehirn bekommt von den Sinnesorganen Aktivierungsmuster, die der äußeren Realität nur grob ähneln. Oft sind diese Daten fragmentarisch, unzuverlässig und mehrdeutig. Diese Daten „sind nicht die Welt, sie repräsentieren auch nicht diese Welt, sondern sie repräsentieren nur das, was unsere Sinnesorgane registrieren können.“ (Sterzer 2022, S. 129) Zum Beispiel bekommen wir von den Augen nur Abbilder einer zweidimensionalen Welt. Alles Weitere entsteht durch die Interpretationen in den höheren Gehirnzentren.

Nach dieser Auffassung verfügt das Gehirn über ein inneres Modell der Welt, das aus dem Sammeln von Daten und aus den Lernerfahrungen mit diesen Daten entstanden ist. Das Gehirn entwickelt aus diesem Material Hypothesen, mit denen hereinkommende Sinnesdaten vorhergesagt werden können. Das hat den Vorteil, dass die einlangenden Informationen nicht dauernd neu bewertet werden müssen. Stimmen diese Vorhersagen nicht, so verbessert das Gehirn sein inneres Modell.

Durch diese prognostischen Fähigkeiten ist das Gehirn den Ereignissen in der Welt immer einen Schritt voraus. Die Wahrnehmung ist also kein passiver Prozess, bei dem im Gehirn abgebildet wird, was von außen kommt, sondern ein aktiver und konstruktiver Vorgang. Zwar hat das Gehirn ein selbstgebasteltes Weltmodell, aber es ist nicht unabhängig von dieser Welt. Vielmehr gibt es einen fortlaufenden Rückkoppelungsprozess, in dem Vorhersagefehler zur Optimierung des Modells aufgegriffen und verarbeitet werden. Damit nähert sich das Modell kontinuierlich an die Wirklichkeit an und ermöglicht uns, dass wir uns möglichst störungsfrei durch die äußere Welt bewegen können. Wir haben es hier mit einem Top-Down-Prozess zu tun, bei denen der Frontallappen im Großhirn z.B. die Sehrinde im Hinterhauptslappen beeinflusst, der dann die Augenbewegungen steuert.

Ein wichtiger Aspekt besteht in der Einschätzung der Präzision in der Vorhersage. Wenn uns Situationen sehr vertraut sind, wie z.B. das Autofahren, dann geht unser Gehirn davon aus, dass es nur wenige Ressourcen darauf verschwenden muss, um das Schalten und Lenken zu regulieren. Wir wissen, wie das geht und können mit viel Sicherheit vorhersehen, was passieren wird, wenn wir losfahren. Sitzen wir jedoch das erste Mal in einem Auto mit Automatikgetriebe, so stimmen einige Vorausannahmen nicht; ich muss beim Starten nicht auf die Kupplung, sondern auf die Bremse treten. Wenn ich mit meinem Vorwissen von einem konventionellen Auto ein Automatikauto starten will, werde ich scheitern. Da aber mein Gehirn über den Mechanismus der Präzisionseinschätzung verfügt, kann es mit der Überraschung, dass das Auto nicht startet, wie ich möchte, umgehen und neue Hypothesen bilden. Sind also die Vorhersagen unpräzise, so ist das Gehirn im Normalfall bereit, eine neue Lernerfahrung zu machen. Daraus wird ein präziseres Modell gefertigt, und wir können in Zukunft problemlos ein Automatikauto starten.

Ein anderes Beispiel ist in diesem Zusammenhang das Lenken eines Autos in einem Land, in dem auf der anderen Straßenseite gefahren wird. Wir brauchen einige Zeit, um uns umzustellen; unser Gehirn muss ein neues Modell fertigen, damit es realitätsgerecht vorausschauen kann. Das funktioniert nach einiger Zeit. Kommen wir wieder zurück in unsere gewohnte Fahrumgebung, dann kann es anfangs passieren, dass uns das Gehirn den Scheibenwischerschalter statt des Blinkers betätigen lässt.

Präzision bedeutet in diesem Zusammenhang nicht eine hohe Zuverlässigkeit der inneren Hypothesen in Bezug auf die Vorgänge in der Wirklichkeit, sondern bezeichnet nur eine hohe innere Sicherheit und ein hoher innerer Stellenwert. Z.B. sind die Anhänger der Theorie, dass die erste Mondlandung ein Fake war, überzeugt von dieser Theorie und glauben daran, dass sie damit die Wirklichkeit erkannt haben, zum Unterschied von allen anderen, die diese Theorie nicht teilen. Das hohe innere Gewicht, das diesen Theorien beigemessen wird, hängt mit der Gruppenbildung zusammen: Anhänger von solchen Theorien sind nie allein mit ihren Theorien, sondern kennen andere, die ihre Meinungen teilen und damit die Sicherheit über die Richtigkeit verstärken. Zugleich haben diese Theorien einen wichtigen Stellenwert, weil sie die Gruppe (oder Blase) zusammenhalten. Dass die Theorie von der erfundenen Mondlandung praktisch keinerlei Konsequenzen hat und auch für die Weiterentwicklung der Raumfahrt keine Bedeutung hat, steht auf einem anderen Blatt. An dem Beispiel zeigt sich, dass es Theorien gibt, von denen Menschen voll überzeugt sind, die aber keinerlei Wirkung auf die Wirklichkeit ausüben können, weil sie offenbar den Kontakt zu ihr verloren haben. Ihre einzige Funktion besteht darin, den eigenen Selbstwert zu festigen (ich weiß mehr als alle anderen) und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu sichern.

Reaktive und kreative Lebensorientierung

Die Unterscheidung zwischen dem reaktiven und dem prospektiven Gehirn entspricht dem Unterschied zwischen der reaktiven und kreativen Lebensorientierung, der hier schon mehrfach besprochen wurde. Ähnlich wie unser Gehirn über zwei Modi der Informationsverarbeitung verfügt, haben wir zwei verschiedene Herangehensweisen an die Herausforderungen des Lebens. Der reaktive Modus besteht darin, dass wir aktiv werden, wenn genügend Problemdruck besteht. Wir kümmern uns um unsere Fitness, wenn wir merken, dass der Bauchspeck zu arg zugenommen hat. Wir warten erst dann unser Heizsystem, wenn ein Defekt auftaucht. Der Anreiz kommt von außen und bewirkt die Handlung. 

Die kreative Orientierung kommt von innen – eine Idee taucht auf, die umgesetzt werden möchte. Sie erscheint schon vor unserem inneren Auge, und die Motivationskraft meldet sich, um die Vision in die Wirklichkeit zu bringen. Wir nutzen die prospektiven Fähigkeiten unseres Gehirns, das die Verwirklichung vorwegnimmt und gleichzeitig damit die Gefühle des zukünftigen Erfolgs aktiviert, die uns dazu bringen, unsere Ärmel hochzukrempeln und die notwendigen Schritte zu verfolgen. 

Während die Vorteile der kreativen Lebensorientierung und ihre Bedeutung für ein erfülltes Leben schon lange bekannt sind, zeigt sich durch neuere Gehirnmodelle eine organische und funktionale Grundlage für diese Ausrichtung im Gehirn. Unser Gehirn nutzt offenbar diesen Modus in vielen Alltagsprozessen aus und führt gut damit, ohne dass uns das weiter auffällt. Wenn wir diese Orientierung bewusst wählen und für das, was wir erreichen und verwirklichen wollen, einsetzen, können wir auf effektive Strategien unseres Gehirns zurückgreifen und diese zugleich weiterentwickeln.

Literatur: Philipp Sterzer: Die Illusion der Vernunft. Warum wir von unseren Überzeugungen nicht zu überzeugt sein sollten. Berlin: Ullstein 2022

Zum Weiterlesen:
Reaktive und kreative Lebensorientierung
Die Manifestation und das Ego
Die Kreativitätsscham und ihre Auflösung
Kreative und reaktive Fantasien


Dienstag, 23. Juli 2019

Die Solidaritätsschranke

Unser Steinzeithirn und die Herausforderungen unserer Zeit


Wir tragen alle eine Gehirn-Architektur in uns, die Millionen von Jahren alt ist. Durch diese urtümliche Ausstattung kommt es zu starken Diskrepanzen zwischen unseren emotionalen und kognitiven Fähigkeiten, und darin liegen viele Wurzeln unserer gegenwärtigen Probleme. 

Unsere Kultur hat sich vor allem durch die kognitiven Kapazitäten rapide weiterentwickelt, vor allem in den letzten zweihundert Jahren, während unser Gehirn insgesamt mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten konnte. Es hat sich vor allem in seinen emotionalen Zentren und Verschaltungen seit der Frühzeit kaum weiterentwickelt. Die Evolution hat die Menschen mit einer schier unbegrenzten Lernfähigkeit im mentalen Bereich ausgestattet, während die tiefer im Gehirn gelagerten Gefühlsareale noch gemäß den Erfordernissen der Jäger- und Sammlerkulturen in den ersten Jahrhunderttausenden der Menschheitsgeschichte gebaut sind. Wir sind, nach Ingmar Bergmann, noch immer „Analphabeten der Gefühle“. 

Die sehr langsam ablaufenden genetischen Anpassungen können mit dem Tempo der zivilisatorischen Entwicklungen nicht mithalten. Die Evolution passt die Organismen über sehr lange Zeiträume an geänderte Umweltbedingungen an. Die Entstehung des Homo aus seinen Vorfahren hat Millionen Jahre erfordert. Den homo sapiens gibt es seit ungefähr 300 000 Jahren.  Er hat bis zur Erfindung des Single-Daseins im 20. Jahrhundert immer in Gruppen in einer rauen und gefährlichen Umgebung gelebt, und für diese Zwecke haben sich die Gehirnstrukturen entwickelt, die die dafür notwendigen emotionalen Abläufe regeln. 

Deshalb  hat jeder Mensch die Fähigkeit, sich empathisch und solidarisch zu verhalten, allerdings beschränkt auf einen Kreis von vertrauten Menschen, maximal ungefähr 160 Personen. Für alles, was darüber hinaus geht, verfügt er über einen Mechanismus des Misstrauens. Der Fremde könnte ein möglicher Feind sein, dem man sich nur äußerst vorsichtig nähern sollte. In einer Gruppe von 160 Personen sind Gesicht-zu-Gesicht-Kontakte möglich, jeder kennt also das Gesicht von jedem, jeder kann jeden emotional einschätzen. Über diese Gruppengröße hinaus sind unsere primären Vertrauenskapazitäten erschöpft, wie bei einem elektronischen Gerät, das nur für eine begrenzte Anzahl von Kontakten Speicherplatz hat. Jenseits dieser Grenze braucht es viel mehr, um ein Gefühl von Sicherheit entstehen zu lassen.


Die Fremdenangst


Unschwer erkennen wir  diesen Mechanismus in der Haltung vieler Menschen zu Fremden, Randgruppen, Ausländern, Flüchtlingen und Migranten. Wir wissen von vielen Nazigrößen, die als liebevolle Familienmenschen geschildert wurden, während sie KZ-Insassen mit äußerster Grausamkeit quälen konnten. Es gibt Berichte von Wehrmachtssoldaten, die die sehnsuchtsvollen Gedanken an ihre Liebsten zuhause nicht von der brutalen Ermordung von Babys abschreckten. Jeder Diktator hat Menschen, mit denen er freundschaftlich oder liebend verbunden ist, ohne dass er einen Widerspruch zwischen diesen Gefühlen und den unmenschlichsten Taten, zu denen er fähig ist, merken würde.

Die genetisch verankerte Solidaritätsschranke ist die Grundlage der Ausgrenzungen und Gruppenegoismen, die bis heute den gesellschaftlichen Diskurs und die Politik bestimmen. Wer dazugehört, soll sich sicher fühlen können, wer draußen ist, wird nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen hereingelassen. Die Republik Österreich z.B. fordert von Neuankömmlingen zehn Jahre rechtmäßigen und ununterbrochenen Aufenthalt im Land, damit die Staatsbürgerschaft, also die sichere Zugehörigkeit verliehen werden KANN. Zehn Jahre lang muss die Person unter Beweis stellen, dass sie nicht gefährlich oder böse ist, dann erst wird eine Einbürgerung überlegt. Wir sind also im 21. Jahrhundert stark vom Misstrauen gelenkt und noch weit von Solidargemeinschaften entfernt, die den eigenen engen Tellerrand überschreiten.

Aus der Wurzel der Fremdenangst speisen sich die Gefühle und Motive der Hassposter, die scheinbar ohne Scham an die Öffentlichkeit gebracht werden, und Hassverbrecher, die oft ohne Reue Unschuldige ermorden. Es manifestiert sich ein grundlegendes Misstrauen gegen Fremde und Fremdes, das als fraglos und selbstverständlich angenommen wird, sodass es für diese Personen unverständlich wird, warum es von jemandem angezweifelt werden könnte. Im Brustton der Überzeugung wird jeder, der die eigene Position in Frage stellt, als Bedrohung gesehen und bekämpft. Die sture Überzeugung, die die Vertreter des Fremdenhasses an den Tag legen, nährt sich aus diesem Zusammenhang. Die rechtspopulistischen  Parteien schlagen aus diesem von irrationalen Ängsten genährten Muster ihr politisches Kapital. 


Weltkrisen und Solidarität


Mit der Entstehung der Weltgesellschaft ist eine globale Form der Solidarität gefragt. Während das Kapital und die Handelsgeschäfte mühelos die Grenzen des Gruppenvertrauens überspringen und weltweite Netze aufziehen, gelingt das in den Bereichen der moralischen Verantwortung viel schwieriger. Die als Folge der Ausbeutungsstrukturen der Industrialisierung entstandene Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts wusste schon, dass sie ihre sozialen Probleme nur durch eine internationale Zusammenarbeit lösen kann. Die nach dem 1. und 2. Weltkrieg gegründeten weltweiten Organisationen folgten diesem Prinzip in Hinblick auf die Vermeidung von Kriegen. Inzwischen gibt es viele Bereiche der weltweiten Kooperation, doch stehen diese Bemühungen noch immer – und in unseren Tagen offensichtlich vermehrt – in einem Spannungsfeld mit den Gruppenegoismen, die die Solidarität immer wieder einschränken wollen. 

Die Prediger der Entsolidarisierung bekommen reichlichen Zulauf, während die Probleme, die nur global gelöst werden können, daneben Ausmaße annehmen, die kaum mehr bewältigbar erscheinen. Wir wissen zwar, dass wir unser Verhalten ändern müssten, doch schafft es dieses Wissen nicht bis zur Motivation, weil das Element der Solidarität und der Empathie fehlt. Diese können wir mit unseren Nächsten empfinden, aber nicht mit 7 oder 8 Milliarden Menschen, die von den Folgen unserer verschwenderischen Handlungen leiden betroffen sind. Unser implantierter Gruppenegoismus sorgt dafür, dass wir nonchalant die weiterreichenden Wirkungen unseres Tuns ausblenden können. Das Hemd ist uns eben näher als der Rock. 

Die in unsere Software eingebaute Solidaritätsschranke verhindert dazu noch, dass wir unsere Verantwortung auf zukünftige Generationen ausdehnen, wie es notwendig wäre, wenn wir bedenken, wie wir in den letzten 200 Jahren die Rohstoffe dieser Erde geplündert haben, die unseren Nachfahren nicht mehr zur Verfügung stehen. Sie verhindert auch, dass wir unser Mitgefühl in den nichtmenschlichen Bereich des Lebens hinein ausweiten. Nur wenige sind zur Solidarität mit Tieren und Pflanzen bereit, geschweigedenn mit der Mutter Erde als Ganzer oder dem gesamten Universum. 

Je weiter weg, desto abstrakter wird die Verantwortung und desto schwächer die Motivation für entsprechende Handlungen.


Die Bildung der Gefühle


Wir sprechen hier von der untersten und auch ältesten Schicht des menschlichen Gefühlslebens. Sie regelt unsere primären Vertrauens-Misstrauensreaktionen und sie übernehmen das Kommando, sobald wir von Ängsten bestimmt sind. Sie reicht jedoch nicht aus, um sich in einer komplexeren Gesellschaft zu bewegen. Deshalb mussten sich die Menschen bemühen, auch auf dieser Ebene weiter zu lernen. So dient z.B. das Gefühl der Scham auch zur Gefühlserziehung: Bestimmte, sozial erwünschte Gefühle sollen häufiger gezeigt und unerwünschte Affekte unterlassen werden. Wo es zu Fehlern kommt, meldet sich das unangenehme Schamgefühl. Es gibt die ausgeprägte Kultur der Höflichkeit, die einen Kanon von bestimmten emotionalen Verhaltensweisen festlegt. Die Grundlagen für Achtung und Respekt, die für alle Menschen gelten, sind darin fixiert.

Offensichtlich aber fällt das Lernen in diesem Bereich schwerer als im Bereich von Wissen und Fertigkeiten. Wir merken uns viele Wissenselemente und können sie auch wieder auffrischen, wenn wir sie vergessen haben. Im emotionalen Bereich verlieren wir schnell unsere Haltung und fallen wir leicht auf primitivere Ebenen zurück, sobald das subjektive Bedrohungsgefühl steigt. 

Es sind die urtümlichen Überlebensängste, die sehr schnell einrasten, wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten. Seit Urzeiten ausgestattet mit effektiven Kampf-Flucht-Strategien vermeinen wir, damit Probleme lösen und Konflikte schlichten zu können. Tatsächlich jedoch verringern diese Mechanismen unsere sozialen Fähigkeiten, weil sie vom individuellen Überlebenstrieb gesteuert werden. 


Die Kultur von Empathie und Solidarität


Dringend bräuchte es die Ausweitung von solidarischer Verantwortung – nicht mehr und nicht weniger steht die Zukunft der Menschheit auf dem Spiel. Wie kann Abhilfe geschehen? Seit mehr als hundert Jahren gibt es jetzt die Methoden der Psychotherapie, die sich besonders der emotionalen Nacherziehung und Weiterbildung widmen. Die uralten Stressreaktionen durch die Stärkung der mentalen Kontrolle zu entmachten, ist ein Hauptziel der therapeutischen Arbeit. Sie entwickelt und festigt die Gehirnstrukturen zur Kontrolle der Angstareale. Das Verständnis, dass Gefühlsreaktionen kommen und gehen und dass sie ihren Ursprung immer im eigenen Inneren haben und deshalb der eigenen Verantwortung unterliegen, trägt zur Entwicklung einer humanen Grundhaltung bei. Im Maß, wie das Vertrauen zu sich selbst wächst, weitet sich auch das Vertrauen zu anderen Menschen aus. Das Verständnis für das eigene Leiden öffnet die mitfühlenden Augen für das Leiden aller anderen.

In Achtsamkeitskursen und Meditationen werden mit Hilfe geistiger Konzentration Zustände von Gelassenheit und innerer Ruhe kultiviert. Die Schulung von Nächstenliebe und Mitgefühl ist Teil vieler religiöser und spiritueller Praktiken. 

Menschen also, die ihre Traumatisierungen und reaktiven Gefühlsreaktionen in einer Psychotherapie behandelt haben und durch eine spiritueller Praxis beständig ihre Innenwelt erforschen, kommen häufiger in Zustände von Empathie und Mitgefühl, der Basis einer Solidarität, die sich nicht auf die eigene Gruppe mit den bekannten Personen beschränkt, sondern prinzipiell alle Menschen umfasst. 

Von der Polyvagaltheorie wissen wir, dass diese Zustände mit dem neueren Vagus-System zusammenhängen, das zur Gestaltung von sozialen Gefühlen und Kommunikationsformen entstanden ist. Es kann das Misstrauen, das von den älteren Gehirnzentren aktiviert wird, beruhigen und durch proaktive Gefühle ersetzen. Je mehr wir dieses System stärken, desto leichter fällt es uns, die Motivation für solidarisches Handeln und globale Verantwortung zu entwickeln und zu kultivieren.

In der Kultivierung unserer Innenwelt, die in einer Läuterung von Egoismen und Gruppenbeschränkungen besteht, ist eine zentrale Hoffnung begründet, wie auf dem Planeten ein menschenwürdiges Leben für alle im Einklang mit der Natur gefunden und entwickelt werden kann. Wir alle sind dazu aufgerufen.

Zum Weiterlesen:
Die Dritte Aufklärung

Hass im Internetzeitalter
Reich und arm, Demut und Würde


Hinweis:
Achtsamkeitskurs im Herbst 2019
8 Abende zwischen dem 16. September und 11. November 2019
Montags von 19:00 - 20:30, Cervantesgasse 5/5, 1140 Wien

Dienstag, 20. Februar 2018

Atembewusstheit und Flexibilität

Die Geschichte der Menschheit ist gekennzeichnet durch einen beständigen Fortschritt in der Spezialisierung. Während Menschen in der Frühzeit Allrounder waren, was auch heißt, dass sie rund um die Uhr auf den Beinen waren und ihr Leben mit Handarbeit gesichert haben, nutzen wir im heutigen Bewegungsalltag durchschnittlich 1 – 5 % unserer Bewegungsmöglichkeiten. Die Einschränkung der Vielfalt von körperlichen Aktivitäten spitzt sich in der Informationsgesellschaft extrem zu. Wir können uns heutzutage unseren Reichtum erwirtschaften, indem wir nichts tun als den ganzen Tag in eine Tastatur zu klopfen und dazwischen mal aufs WC oder zum Kühlschrank zu gehen. Andere Menschen nutzen dazu noch die Muskeln, die sie zum Be- und Entsteigen sowie Bedienens ihres Autos brauchen. Unser Körper mit seinen 656 Muskeln ist auf vielfältige Herausforderungen eingestellt; wenn wir aber nur einen Bruchteil davon nutzen, verkümmern die anderen Bereiche, verspannen sich und werden müde. Wir verlieren an Flexibilität – einschließlich unseres Gehirns, denn dieses vereinfacht sich, wenn es vor keine Bewegungsherausforderungen gestellt ist, und beginnt, stärker in Schablonen zu denken statt seine Kreativität zu entfalten.

Dabei ist gerade unser Gehirn zusätzlich durch einen zweiten Trend, der sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, besonders in Anspruch genommen. Die Arbeiten, die die Menschen verrichten, sind immer mehr durch mentale Prozesse gesteuert, die zunehmend komplexer werden. Ein Bauer, der im Mittelalter seine Felder bestellte, hat alles, was er dazu an Wissen brauchte, von seinen Eltern gelernt. Heutzutage braucht es Jahrzehnte, bis ein junger Mensch in der Gesellschaft seinen Erwerb sichern kann, so viel Wissen ist notwendig. Die mentalen Fähigkeiten sind die Eintrittskarte in die meisten Berufe, sodass die kognitiven Bereiche des Gehirns auf Kosten der anderen Areale überbetont werden, vor allem jene, die mit dem inneren Spüren zu tun haben.


Wenn wir uns auf die Erweiterung der mentalen Fähigkeiten fokussieren, schwindet der Bezug zum eigenen Inneren. Deshalb ist die Aufmerksamkeit auf den eigenen Atem so wichtig. Er führt uns in unsere Innenwelt und macht uns bewusst, wie es uns gerade geht, was wir brauchen und was unsere Impulse sind. Diese Bewusstheit erleichtert uns das Aussteigen aus einschränkenden Verhaltensweisen und motiviert uns, Neues auszuprobieren, sei es nur, einen tiefen Atemzug zu nehmen, vom Schreibtisch aufzustehen und ein paar Dehnungsübungen zu machen. Wir werden merken: Schon kommen andere Gedanken und Ideen, wir gewinnen ein Stück Kreativität.

Gewohnheiten sind es, die uns das Leben erleichtern sollen. Wir neigen dazu, alles, was einmal funktioniert hat, so festzulegen, dass wir es immer wieder praktizieren, auch wenn wir es gar nicht mehr brauchen oder es uns nicht mehr dient und stattdessen im Weg steht. So stecken Gewohnheiten hinter den meisten Problemen, die uns unser Leben schwer machen. Sie engen unsere Möglichkeiten ein und beschränken unseren Erlebens- und Handlungsradius. Das geht bis in unsere Bewegungsformen: Wir gehen auf eine  bestimmte, irgendwann einmal festgelegte Weise, putzen die Zähne oder duschen uns auf ähnliche Art und atmen so, wie wir es im Lauf der Zeit irgendwann angewöhnt haben.

Auch hier ist wieder die Atembewusstheit ein erster Schritt: Indem wir einen bewussten Atemzug nehmen, brechen wir schon aus einer eingeschränkten Atemgewohnheit aus und geben uns selbst mehr Raum, in dem etwas Ungewohntes geschehen kann. Natürlich ist es wichtig, dass wir unsere unterschiedlichen Körperbereiche immer wieder aktivieren und sie damit geschmeidig halten. Die Atemvariation können wir als Anfang nehmen und dann unseren Körper in eine spontane Beweglichkeit bringen. Damit stärken wir unsere Flexibilität, denn ein Körper, der in all seinen Muskeln und Sehnen beweglich ist, kann auf alle möglichen Herausforderungen spontan reagieren, ohne auf gewohnte Verhaltensmuster zurückgreifen zu müssen.

Jeder Gewinn an Flexibilität ist ein Gewinn an Freiheit, jede Einschränkung unserer Möglichkeiten durch nicht mehr sinnvolle Gewohnheiten bedeutet einen Verlust an Lebendigkeit, den wir irgendwann mit Schmerzen und Erkrankungen bezahlen müssen. Es liegt an uns selbst, unsere Bewusstheit zu schulen, damit wir unsere Beweglichkeit erhalten, was unseren Körper immer freut. Er muss dann keine Symptome mehr erzeugen, um uns daran zu erinnern, dass wir auf ihn und seine Bedürfnisse vergessen haben.

Zum Weiterlesen:

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Grenzen und Durchlässigkeit
Weiches besiegt das Harte
Über den Nutzen der Flexibilität