Freitag, 2. März 2012

Wirtschaft ohne Gier?

Die quantitative Wachstumsdynamik des Kapitalismus wird von den Subjekten der Wirtschaft in Schwung gehalten. Als Produzenten und Konsumenten steuern sie einen psychischen Mechanismus bei, der sie zum Arbeiten und Verbrauchen bis an die Grenzen der Überforderung anstachelt. Das ist die Gier. Sie ist die Triebkraft hinter dem Mehr-Wollen, Mehr-Leisten, Mehr-Konsumieren.

 
Wie würde nun eine Ökonomie funktionieren, in der die Gier als individuelle Triebkraft ausgefallen ist? Die Annahme dabei ist die, dass die Gier nicht zu den anthropologischen Konstanten gehört, also nicht eine angeborene und permanent wirkende Eigenschaft ist, sondern dass sie eine erworbene und pathologische Struktur in uns ist, die wir eindämmen, meistern und transformieren können. Ich gehe also davon aus, dass alle Menschen weitgehend von Gier frei werden können, wenn sie das wollen, und dass das einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaft hervorruft, wenn das in einem großen Maß geschieht. 
Menschen ohne Gier konsumieren nur das, was sie „wirklich brauchen“. Was ist damit gemeint? Die Kritiker der Warenwelt und Werbeindustrie haben darauf hingewiesen, dass Bedürfnisse nicht einfach da sind, sondern erzeugt, gewissermaßen in die Menschen implantiert werden können. Niemand „brauchte“ ein Mobiltelefon, ehe es erfunden war und massentauglich gemacht wurde. Niemand braucht die 35. Joghurtsorte, die auf den Markt kommt, niemand die 12. Geschmacksverstärkung im Mineralwasser, niemand das neueste Modelabel, das die Boutiquen erobert. Aber wir konsumieren, und es gefällt uns, im Land der unbegrenzten Konsummöglichkeiten zu schwelgen. Es sind keine eigenständigen Bedürfnisse, die hinter dem Konsum von Luxus stecken, sondern kulturell geprägte. Diese prägende Kultur ist die des Materialismus. Und der Materialismus ist gesteuert, angetrieben und genährt vom Kapitalismus. Also sind es die Bedürfnisse, die den Kapitalismus nicht nur am Leben erhalten, sondern dazu noch weiter wachsen lassen. 



Was sind dann die eigenständigen Bedürfnisse? 

Ich möchte diese Frage nicht mit Hinweis auf eines der gängigen Bedürfnismodelle wie das von Maslow oder Herzberg beantworten. Solche Modelle müssten nochmals auf ihren Hintergrund hin durchleuchtet werden, sodass die ideologischen Reste, in denen sich bei ihnen der Materialismus eingeschlichen hat, beseitigt werden können. Statt dessen können wir uns selber fragen, was wir wirklich brauchen, um ein gutes Leben zu führen. 
Dazu können wir ein kleines
Experiment machen, bei dem wir uns vorstellen, ob wir zufrieden und glücklich sein können, wenn die Wohnung, in der wir wohnen, kleiner wäre, wenn wir kein Auto hätten, keine Flugreisen und exotische Urlaubsziele, keine ausgefallenen Leckerbissen, keine Erdbeeren zu Weihnachten usw. 

Wir stellen uns also vor, dass Dinge, die uns in unserem Leben selbstverständlich sind, wegfallen, so lange, bis wir an die Grenze kommen, an der wir nicht mehr zufrieden sein können. Dann sind wir dort angekommen, wo das, was wir als unsere eigenständigen Bedürfnisse definieren können, anfängt. Natürlich ist diese Grenze nicht absolut, und sie kann sich bei genauerem Erforschen und im Lauf der Zeit verändern. 


Vermutlich erkennen wir, dass wir viele der Dinge, mit denen wir uns umgeben, nicht brauchen (außer wir leben schon an der Grenze). Unter diesen Dingen wird es solche geben, die wir wegen ihrer Schönheit und ihrem Symbol- oder Erinnerungswert schätzen. Andere Dinge werden darunter sein, die uns einmal wertvoll waren, aber inzwischen ihre Bedeutung verloren haben. Und andere Dinge, die wir erworben haben, die uns aber über den Moment des Kaufes hinaus keine Befriedigung verschafft haben. 

Als nächstes können wir uns auf die Qualitäten in unserem Leben beziehen: was haben wir, was uns gefällt, motiviert und begeistert, was uns nährt und innerlich wachsen lässt: Zwischenmenschliche Beziehungen, Begegnungen mit der Natur und der Kunst, Erfahrungen, die über das alles noch hinausreichen. Wir können uns überlegen, ob wir davon genug haben, zuviel oder ob wir noch mehr brauchen. Wir werden dabei erkennen, dass der materielle Aufwand für diese Qualitäten relativ gering ist. 
Eine gier-lose Gesellschaft muss keine arme Gesellschaft sein. Im Gegenteil, es ist eine Gesellschaft, die sich nicht mehr mit der qualitativen Armut zufrieden gibt. Sie fordert nicht nur ein Ende des Hungers nach Nahrung und Unterkunft, sondern auch nach umfassender Lebenszufriedenheit. Die Gier speist sich aus einem unbewussten Sicherheitsbedürfnis, das vermeint, durch die Anhäufung von materiellen Gütern vor eingebildeten Gefahren geschützt zu sein. Sie erkennt nicht, dass sie nach einer Befreiung von Ängsten sucht, sondern ist auf die Gegenstände des Begehrens fixiert, die ihr Befriedigung und Sicherheit verheißen. Löst sich dieses irrationale Sicherheitsbedürfnis auf, weil die darunterliegenden Ängste befriedet sind, so schwindet der Drang, Güter anzuhäufen, seien es Gegenstände, Geld oder Beziehungen. 

Dann werden materielle und quantitative Werte (und mit ihnen auch die immateriellen Strukturen des Kapitalismus) nur mehr eine untergeordnete Rolle spielen. Sie dienen der Aufrechterhaltung des Überlebens-Status-Quos, aber tragen nichts zur Steigerung des Lebens bei. Mit dem Essen und Trinken wird der Körper am Leben und im günstigen Fall in guter Verfassung erhalten. Die weiteren materiellen Notwendigkeiten eines guten Lebens wie Kleidung, Unterkunft und Sauberkeit fallen auch in diesen Bereich. Wichtiger und interessanter werden in der gier-losen Gesellschaft die sozialen und kreativen Werte: Kommunikation, Schönheit, Kunst, Freizeit, Sport..., und diese kommen auch mit geringem Umsatz an Ressourcen aus. 


So kann der Kreislauf der materiellen Güter auf ein relativ einfaches und bescheidenes Niveau zurückgefahren werden, was die Ressourcen nachhaltig schonen wird. Materieller Konsum bezieht sich nunmehr immer auch auf einen sozialen und ökologischen Horizont, der die Verträglichkeit des eigenen Konsumhandelns mit dem Wohl des Ganzen in Verbindung setzt. Also kaufe ich z. B. Lebensmittel, die nicht mit ungeheurem Aufwand und Ressourcenverbrauch aus weit entfernten Gegenden der Welt herangeschafft wurden oder keine Kleidung, die von Kindern unter schlechten Arbeitsbedingungen und minimaler Entlohnung hergestellt wurden. 


Da es nicht mehr die eigene Bedürftigkeit ist, welche die Motivation wie in der Gier liefert, ist es möglich, den Blick bei jeder Konsumhandlung zu weiten – was bewirkt sie über mich hinaus, welche Werte unterstützt sie, welche verletzt sie? Leicht kann ich auf die schnelle Befriedigung meines Bedürfnisses verzichten, wenn damit dem größeren Ganzen ein Gefallen getan werden kann. 

Folglich kann es mehr zum eigenen Wohlgefühl beitragen, auf eine Luxusanschaffung zu verzichten, die mit einer katastrophalen Ökobilanz verbunden ist, oder für eine Reise ein umständlicheres und unbequemeres, aber ökologisch verträglicheres Verkehrsmittel zu wählen. 

Das Verzichten verliert seinen bitteren Beigeschmack, den es in der Kindheit bekommen hat. Als Kinder waren wir ganz schutzlos unseren Wünschen und Begehrungen ausgesetzt und haben jede Verweigerung von Seiten der Großen als Kränkung und Missachtung erlebt. Als Erwachsene können wir in jedem Verzichten ein größeres Gewinnen finden. Es gibt einen Maßstab, ob das Zurückstellen eigener Wünsche in uns selber stimmig ist und nicht aus der Unterwerfung unter ein Schuldgefühl kommt; Fühlen wir uns im Verzicht freier und weiter als im Erfüllen des Bedürfnisses?

Das liegt im alten Brauch des Fastens - auf ein momentanes Konsumbedürfnis zu verzichten, um ein Mehr an Freiheit zu erleben.

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