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Sonntag, 4. September 2022

Gendern und die Wunden des Patriarchats

Die Genderdebatte ist zu einer Konstante in den öffentlichen Diskursen geworden. Die Emanzipationsbewegung dringt immer mehr in alle Teilbereiche und Seitenaspekte der Gesellschaft ein, für manche überspannt sie den Bogen, für andere steckt sie noch in den Kinderschuhen. Faktum ist, dass auch die fortschrittlichste westliche Gesellschaft noch weit von dem Ziel der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen entfernt ist, was den Arbeitsmarkt, die Entlohnung und die häusliche Arbeit anbetrifft. Jedenfalls können wir uns nicht mehr um das Thema herumschwindeln. Die Altlasten aus der Geschichte des Patriarchats ragen wie mächtige ungeschliffene Klumpen in die Gegenwart und bewirken Ungerechtigkeiten und lähmen Potenziale bei Frauen wie bei Männern.

Die Debatte hat die Linien und Gewichte der Scham in der Gesellschaft verschoben. Das voremanzipatorische Geschlechterverhältnis war bekanntlich von der offiziellen Überordnung der Männer über die Frauen geprägt. Die Scham wirkte wie ein Kitt für diese Verhältnisse: Männer wie Frauen hatten sich zu schämen, wenn sie sich nicht an die geltenden Normen hielten. Sie hatten sich sogar zu schämen, wenn sie diese Normen nicht verteidigten. Wegen der Ungleichheit bestanden auch unterschiedliche Regeln für Männer und Frauen. Vieles war den Frauen verboten, was den Männern erlaubt war. Inzwischen sind die ökonomischen Grundlagen für die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, die in agrarischen Arbeitsformen aus Notwendigkeiten der Arbeitsteilung entstanden sind, weggefallen. Seit die Wirtschaft im Kern nicht mehr auf menschlicher Muskelkraft, sondern auf kognitiven Leistungen beruht, gibt es keine Begründung mehr, Frauen in irgendeiner Hinsicht in der Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur zu benachteiligen. Viele diskriminierende Regeln und Normen sind auch weggefallen.

Doch hat der Patriarchalismus seine Spuren bis in die feinsten Ritzen der Gesellschaft hinterlassen. Alle unsere Sprachen sind im Patriarchat entstanden und von dessen Geschlechterkonzepten geprägt, sodass eine gendergerechte Sprache häufig plump und grotesk wirkt. Auch fehlen die Begrifflichkeiten und Worte, die die geänderten Sichtweisen stimmig und geschmeidig ausdrücken könnten. Im Deutschen sind neue Begriffe entstanden, an die wir uns erst gewöhnen müssen, ebenso wie an die gendergerechten Formulierungen mit oder ohne Binnen-I, *, :, _, Paarformen (=vollständige Beidnennung) usw. Die Sprache wandelt sich beständig, und mit ihr müssen sich auch unsere Sprachgewohnheiten beim Reden, Lesen und Schreiben ändern. Mit der Berücksichtigung geschlechtsgerechter Ausdrucksformen zollen wir den Wunden aus der Geschichte des Patriarchats unseren Respekt.

Denn es weist jede noch so ungelenk und leseunfreundlich wirkende Genderung auf Schamwunden hin: Hinter der Sperrigkeit des Ausdrucks verbergen sich Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten, die über Jahrhunderte geschehen sind und noch immer geschehen. Deshalb braucht es den Ausgleich, bei dem es darum geht, die Verletzungsserie aus der Geschichte des Patriarchats anzuerkennen und ihr den Vorrang zu geben vor der Ästhetik des sprachlichen Gewands. Wie hässlich ein von exakter Genderung durchtränkter Text auch erscheint, spiegelt er doch nur die Hässlichkeit der patriarchalen Tradition. 

Jeder Verstoß gegen die grundsätzliche Gleichheit der Menschen hat eine Schamreaktion zur Folge, die individuell und kollektiv wirkt. Denn die Scham ist die internalisierte Wächterin über Fairness, Gerechtigkeit und Gleichrangigkeit und meldet sich bei jeder willkürlichen Zurückstufung und Abwertung von Menschen. Allerdings gibt es sowohl auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene etablierte Formen der Schamabwehr, die dazu dienen, die Augen vor der Notwendigkeit der Neudefinition des Geschlechterverhältnisses zu verschließen oder eine emanzipationskritische Gegenposition zu vertreten und damit die Wunden, die das patriarchale System in die Seelen der Männer wie der Frauen geschlagen hat, zu ignorieren.

Nicht besonders verwunderlich ist zu beobachten, dass sich jene politischen Kräfte gegen diese Entwicklung der Gesellschaft sperren, die auch sonst alle Änderungen der bestehenden Verhältnisse ablehnen, soweit sie nicht die eigene politische oder ökonomische Position stärken, also zu mehr Macht, Einkommen oder Vermögen verhelfen. Es sind die von der subjektiven Überlebensangst getriebenen Gruppierungen, die vor jeder Neuerung zurückschrecken, weil sie es sich im jeweiligen Status Quo behaglich „gerichtet“ haben, also ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben. Doch der Zahn der Zeit nagt unerbittlich und zieht mit stetiger Kraft hin zum Weiterbau am gesellschaftlichen Ausgleich. Nur in Krisenzeiten haben die Beharrer am Alten die Oberhand, weil mehr Menschen ihre Überlebensängste spüren und die Schamgefühle in den Hintergrund treten. 

Denn es ist die Scham, die über die Richtschnur für die gesellschaftliche Weiterentwicklung auch in dieser Hinsicht verfügt: Niemand soll sich mehr für das eigene Geschlecht schämen müssen, und kein Geschlecht darf in irgendeiner Hinsicht mehr zählen oder mehr wert sein als das andere. Darüber hinaus soll sich niemand mehr für die eigene sexuelle Orientierung schämen müssen, ebenso niemand, der ein anderes Geschlecht will oder sich keinem der Geschlechter zugehörig fühlt. An die Stelle der durch überkommene Schamprägung etablierten Ungerechtigkeiten und menschenfeindlichen Normierungen tritt in einer emanzipierten Gesellschaft die Wertschätzung und Achtung der Unterschiede, Variationen und Erlebensweisen der Menschen. Solange das Menschsein in seiner jeweils individuellen Form nicht die volle gesellschaftliche Anerkennung genießt, ruht die Scham nicht und erzeugt ein schlechtes Gewissen. Das ist der Stachel, der solange schmerzt, solange die Ungerechtigkeiten weiter bestehen. Jede Genderung, ob sie uns gefällt oder nicht, weist auf die alten Wunden und die ungelösten Gleichstellungsprobleme hin – Anlass dafür, die Ärmel hochzukrempeln und sich aktiv für die Verbesserung und Vermenschlichung der Geschlechterverhältnisse einzusetzen.


Dienstag, 15. Juni 2021

Die Schwachen und die Nächstenliebe

In zumindest zwei der verbreitetsten Religionen, dem Christentum und dem Buddhismus, steht nicht der eigene Läuterungs- und Erwachungsweg im Zentrum, sondern die Zuwendung zu anderen Menschen, und zwar gerade zu denen, die am meisten leiden, zu den Schwachen, Kranken und Beladenen. Die christliche Nächstenliebe, ähnlich wie die buddhistische Praxis des Mitgefühls, enthält im Kern eine radikale Absage an jede Form der Kategorisierung der Menschen und den Appell, die Aufmerksamkeit und das Engagement dorthin zu richten, wo am meisten Hilfe von Nöten ist, also dorthin, wo am meisten Leid besteht. Die im vorigen Blogartikel beschriebene spirituelle Überheblichkeit wird durch diese Perspektive ausgehebelt.

Diese Wendung vom Ich zum Du ist frei von Selbstbestätigung des Ichs durch das Du. Es geht also nicht darum, sich wegen einer karitativen Arbeit selbst aufzuwerten. Vielmehr ist ein Akt der Hingabe gemeint, oder, wie es im Buddhismus heißt, des selbstlosen Mitgefühls. In dieser Perspektive gibt es keine Unterschiede unter den Menschen in Hinblick auf Reifegrade oder individuelle Erleuchtungsfortschritte, sondern nur im Hinblick auf die Unterstützungsbedürftigkeit. Jedes Leid verdient Mitgefühl. Je mehr Leid besteht, desto mehr Mitgefühl und Nächstenliebe braucht es.

Es ist die Haltung der Du-Orientierung, die für das eigene innere Wachstum entscheidend ist, nach der biblischen Feststellung: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Der Maßstab für das gelungene Leben ist also der Geringste, nicht der am weitesten Entwickelte oder spirituell Fortgeschrittenste. Vervollkommnung vollzieht sich durch aktives Tun, durch den Einsatz für Leidende. Solange es Menschen gibt, die leiden, braucht es Menschen, die sich ihnen zuwenden und für sie da sind. Solange es irgendwo auf der Welt leidende Lebewesen gibt, leidet jedes Lebewesen.

Dass diese Auffassung auch im Islam vertreten ist, belegt das wunderbare Gedicht des persischen Dichters Sa`di:

ند بنى آدم اعضای یکدیگر

که در آفرینش ز یک گوهرند

چو عضوى بدرد آورَد روزگار 

دگر عضوها را نمانَد قرار

تو کز محنت دیگران بی غمی 

نشاید که نامت نهند آدمی

Die Kinder Adams sind Glieder eines einzigen Körpers,
da sie alle aus derselben Essenz erschaffen sind.
Wenn ein Glied schmerzt,
bleibt den anderen Gliedern keine Ruhe.
Wenn du den Schmerz der anderen nicht spürst,
verdienst du es nicht, Mensch genannt zu werden.

Grundlage der Gesellschaft

Es handelt sich bei der Idee der Nächstenliebe nicht um ein idealistisches Konzept für die Anhänger bestimmter Religionen. Vielmehr geht es um zentrale Grundlagen für jede Gesellschaft, die Sicherheit und Zusammenhalt gewährleistet, die also einen langfristigen Bestand haben will. Hier gilt das Beispiel der Kette, die so gut ist wie ihr schwächstes Glied. Denn Gesellschaften, die die Schwachen aussondern oder „ausmerzen“ (ein Lieblingswort der Nationalsozialisten), erzeugen ein hohes Maß an Angst: Jeder kann einmal schwach werden, jeder wird einmal schwach werden. Sie können nur mit massiver Gewaltandrohung bestehen.

Sicher fühlen können wir uns nur, wenn wir darauf vertrauen können, dass jemand für uns da ist, wenn wir schwach sind, und nicht, dass wir fallen gelassen werden, sobald wir unsere Leistungen nicht mehr erbringen können. Diese Sicherheit geben wir uns, indem wir uns immer wieder darin üben, uns dem Leiden der anderen zu widmen.

Die Ideologie der Vereinzelung

Jeder ist nicht nur seines Glücks, sondern auch seines Überlebens Schmied. So lautet die Losung der Moderne. Die Auffassung, dass jeder für sein eigenes Fortkommen verantwortlich ist und sich nicht um andere zu kümmern braucht, ist der Ideologie des Kapitalismus zu verdanken. Sie hat die Idee dekretiert, dass der individuelle Überlebenstrieb und nicht die sozialen Bedürfnisse die Grundlage für die Gesellschaft darstellen, und damit wurde den Konkurrenzkampf aller gegen alle um die Lebenschancen und Ressourcen entfesselt. Im Neoliberalismus lebt dieses Modell weiter. 

Die Konsequenz liegt in der Entsolidarisierung des menschlichen Zusammenlebens, der der Sozialismus mit der Errichtung eines Sozialstaates entgegenwirken wollte. Doch auch dieser Bereich ist mittlerweile voll in die scheinbaren Sachzwänge des Kapitalismus eingepasst, mit dem Streben nach Kosteneffizienz als oberster Maxime. Gesundheit wird mehr und mehr zur individuellen Verantwortung: Wer bessere Behandlung will, muss dafür tiefer in die Tasche greifen.

Deutungsverluste der traditionellen Religionen

Im Zug dieser Entwicklung ist auch die Bedeutung der christlichen Kirchen mit ihrer Botschaft der Nächstenliebe zurückgegangen und verhallt oft folgenlos angesichts der gewinngetriebenen Vorgänge auf diesem Planeten und in unseren Gesellschaften. Abgesehen von den vielen Beispielen des Hasses und der Gewalt aus der Geschichte der Kirchen haben die Belastungen und Verlockungen des Kapitalismus das Ihre dazu beigetragen, dass die religiösen Botschaften ihre Attraktivität und Glaubwürdigkeit verloren haben. Die Menschen sind voll beschäftigt mit den ökonomischen Drucksituationen, die auf den Einzelnen lasten, und den materiellen Vorteilen, die zum ausgleichenden Konsumieren und Genießen verleiten. Das Weiterwirken der Botschaft der Nächstenliebe in karitativen Nischen ist löblich, erscheint aber angesichts der stetig auseinanderklaffenden Schere zwischen den Reichen und den Armen sowie der Zunahme der Lebensprobleme durch die exzessive Wirtschaftsform wie ein paar Tropfen auf die vielen heißen Steine.

Genug Menschen, die sich ein wenig vom Wohlstand erarbeitet haben, sind von der Angst getrieben, dieses Niveau wieder zu verlieren und vertreten deshalb die neoliberale Ideologie von der Leistungsverantwortung. Sie lassen sich von den entsprechenden Parteien vor ihren Wagen spannen. 

Die herrschende Pandemie hat hier die Gewichte wieder etwas verschoben und die eminente Wichtigkeit des Sozialstaates und des öffentlichen Gesundheitswesens bezeugt, auch hat sich die Diskussion um den Schutz der Schwachen, in diesem Fall der Todkranken auf den Intensivstationen zu deren Gunsten gedreht. Wir wissen aber nicht, wie es nach diesen Erfahrungen weitergeht. In Hinblick auf die Finanzierung der Auswirkungen der Infektionswelle werden sich wieder die wirtschaftsliberalen Stimmen einbringen und nach dem schlanken Staat und dem Zurückfahren der Sozialleistungen rufen.

Die Psychologie der Nächstenliebe

Es gibt auch noch andere, immanente Gründe, warum das Engagement für die Schwachen in ein schiefes Licht geraten ist. Sie sind psychologischer Natur. 

Die Hilfe und Unterstützung, die den Schwachen zukommen, kann die verschiedensten Formen annehmen. Oft wurde kritisiert, dass die Hilfe in Gestalt von Überheblichkeit, Besserwisserei und Entmündigung daherkommt. Eine Hilfe, die die Hilflosen noch hilfloser macht, ist fehlgeleitet. Außerdem: Eine Hilfe, die dem Ruhm der helfenden Person dienen soll, ist heuchlerisch. 

Dazu kommt, dass der Anspruch, das Leid der Mitmenschen zu lindern, angesichts des Ausmaßes an Leid, das es in nächster Nähe und global gibt, zu scheitern. Wenn der vordringliche Daseinszweck der Menschen darin liegt, das Los der Leidenden und Schwachen zu verbessern, entsteht, angesichts all der anderen Motiven und Bedürfnisse, die Menschen abdecken müssen und wollen, ein fortwährender innerer Konflikt: Was darf ich mir selber gönnen angesichts all der Misslichkeiten? Die Folge sind unlösbare Schuldgefühle und eine permanente innere Überforderung. Das Helfersyndrom ist geboren. Friedrich Nietzsche hat von der Sklavenmoral gesprochen, von einer Form der inneren Unfreiheit, die darin besteht, um jeden Preis, auch den der Selbstverleugnung, Nächstenliebe pflegen zu müssen. 

Eine andere, ebenso mangelhafte Form des Umgangs mit dieser ethischen Herausforderung bietet sich in der zynischen Aufkündigung des Anspruchs überhaupt. Es macht ja doch keinen Sinn, weil nur minimal Verbesserungen in der Welt erzielt werden können, während die eigentlichen und hauptsächlichen Probleme, die immer wieder Schwachstellen hervorbringen, unberührt bleiben. Da und dort zu helfen, bringt nicht wirklich etwas, solange sich grundlegend nichts ändert. Oder: Die Schwachen tun nur so, als hätten sie keine Möglichkeiten und machen sich in Wirklichkeit schmarotzend einen Lenz.

Die Nächstenliebe als universelle Aufgabe

Für die Bewältigung der Aufgabe der Nächstenliebe, die sich jedem Menschen stellt, sind alle vorgefertigten oder moralisch formulierten Konzepte überflüssig und hinderlich. Entsprechende Appelle an die Moral sollten wir vordringlich nicht an andere, sondern an uns selber richten. Die Mitte zwischen der Selbstausbeutung im Tun für andere und der autarken Selbstbezogenheit zu finden, erfordert einen lebenslanger Suchprozess, der nie zu Ende ist. Jede neue Situation braucht eine Neubewertung, die auf die äußeren wie auf die inneren Zustände Rücksicht nimmt und die rechte Balance anstrebt. Die Zuwendung zum Du umfasst auch Formen wie ein stilles Mitgefühl, ein Gebet oder ein liebevolles Präsentsein angesichts von Leidenszuständen.

Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns im Helfen ausbluten und ausgebrannt dann selber Hilfe brauchen. Wir müssen immer auch auf unsere eigenen Ressourcen achten und für sie ausreichend sorgen. Wir dürfen die Verantwortung für uns selber nie aus den Augen verlieren.

Es ist aber auch uns selbst nicht geholfen, wenn wir uns gegen Bedürftigkeit und Schwäche um uns herum oder weiter entfernt abhärten und unser Herz vor der Not verschließen und abschotten. Wir werden mit dieser Form der Abwehr ein Stück unmenschlicher. Leute, die die Bettler aus ihrer Stadt vertreiben wollen, machen das nur, weil ihnen das Bild der Armut Angst und Scham einjagt: Die Angst, selber abstürzen zu können, und die Scham, auf der fetteren Seite gelandet zu sein. 

Mitverantwortung für das Wohlergehen aller

Mensch sein heißt, mitverantwortlich zu sein für die Menschengemeinschaft, d.h. für das Wohlergehen aller. In der Praxis gibt es natürlich immer Grenzen, in denen wir diese Verantwortung wahrnehmen können. Doch dürfen diese Grenzen nicht starr werden, indem wir uns vor bestimmten Formen des leidenden Menschseins, die uns Angst machen, Ekel auslösen oder mit Scham konfrontieren, schützen wollen.

Die Herzlosigkeit, die z.B. in Zusammenhang mit der Migrationsfrage, in der Öffentlichkeit und im privaten Rahmen von vielen Menschen propagiert wurde und wird, ist aus Ängsten vor Übervölkerung, Überranntwerden, vor dem legendären Boot, das wegen Überfüllung sinkt, genährt. Sie hat also irrationale Gründe, die tiefer in der Seele verwurzelt sind, als den Betroffenen bewusst ist. Indem diese irrationalen Ängste verbreitet werden, steigt das Unsicherheitsgefühl in der Gesellschaft, das wiederum auf die Protagonisten der Fremdenangst rückwirkt und deren propagandistischen Eifer verstärkt. 

Die offene Gesellschaft, die Karl Popper 1945 proklamiert hat, ist eine Gesellschaft der Solidarität, der gelebten Nächstenliebe, die sich aller, und damit auch der Schwachen und Schwächsten annimmt und zwischen reich und arm, oben und unten ausgleicht, nicht im Sinn einer Gleichmacherei, sondern im Sinn einer gerechten Verteilung und einer gerechten Teilhabe am Ganzen. Grundlage ist die prinzipielle Gleichheit aller Menschen und die unbedingte Werthaftigkeit jedes Menschenwesens.

Die Idee der Gleichheit aller Menschen, was ihre Geburts- und Lebensrechte anbetrifft, ist ein Abkömmling des Begriffs der Nächstenliebe aus dem Christentum, der aber erst durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert Breitenwirkung erlangte und in die ersten Verfassungen aufgenommen wurde. Seither gilt er als Grundbestandteil von modernen Staatswesen und wurde auch von der UNO weltweit deklariert. Das oben zitierte persische Gedicht ziert einen Sitzungssaal im UNO-Hauptquartier in New York. 

Zum Weiterlesen:
Spirituelle Überheblichkeit
Bescheidenheit als Tugend
Die Solidaritätsschranke
Armut ist ein Ärgernis - dem kann abgeholfen werden
Reich und arm - Demut und Würde


Sonntag, 31. August 2014

Gleichheit und soziale Sicherheit

Soziale Gleichheit hat unterschiedliche Bedeutungen, die aus verschiedenen Bewusstseinsstufen stammen. Wenn wir uns die entsprechenden Zuordnungen klarer machen, können wir uns besser mit dem Gleichheitsbegriff in der Gesellschaft bewegen und uns innerhalb unserer sozialen Beziehungen orientieren. Außerdem können wir uns darüber klarer werden, welche Form von Gleichheit wir wollen und für welche wir in der gesellschaftspolitischen Diskussion eintreten. Hier wird der Gleichheitsbegriff besonders in Verbindung mit der sozialen Sicherheit betrachtet. Denn ursprünglich liegt die Begründung für die Sicherheit jedes Mitglieds der Gesellschaft in der Gleichheit der Zugehörigkeit, wie im Folgenden erläutert wird.

Die Grundlage unseres Gleichheitsempfindens wurde in den frühesten Formen der Sozialerfahrung in Stammesgesellschaften gebildet. Die tribale Gleichheit besteht darin, dass jedes Mitglied des Stammes seinen Platz hat und selbstverständlich dazugehört. Es gibt keine Unterschiede in der Zugehörigkeit, auch wenn in anderen Hinsichten unterschieden wird - zwischen Männern und Frauen, zwischen Alten und Jungen, zwischen Erfahrenen und Unerfahrenen usw. Jedes Stammesmitglied bringt seine Kräfte und Fähigkeiten zum Wohle aller mit ein und bekommt seinen gerechten Anteil an den Ressourcen. Im Stamm wird auch auf die Schwächen jedes Einzelnen geschaut, sodass, wenn notwendig, die Stärkeren die Schwächeren unterstützen. Jedes Stammesmitglied weiß, dass das Ganze und somit jeder Einzelne nur durch Zusammenhalt Bestand haben kann.

Gleichheit und Bindungssicherheit


Wir tragen dieses Empfinden des Zusammenhalts und der selbstverständlichen Zugehörigkeit und Gleichheit in uns, und es wird in jeder Familie wieder neu begründet. Dort hat sich das Sozialgefühl der Stammesgesellschaften noch erhalten. Jedes Baby, das in eine Familie hinein geboren wird, trägt dieses Gefühl als Erwartung an sichere und verlässliche Bindungen und an einen selbstverständlichen Platz in sich und bringt es seinen Bezugspersonen entgegen, sobald es das Licht der Welt erblickt.

Es trifft auf Menschen, die gelernt haben, sich in der komplexen Sozialwelt der Moderne zu bewegen, und deren ursprünglicher Gleichheits- und Gerechtigkeitsbegriff viele gewollte und ungewollte Modifikationen erfahren hat. Sie haben im Lauf ihrer Lebensgeschichte ihre emanzipativen Kräfte (zweite Bewusstseinsstufe) nutzbar gemacht und zugleich gemäß den Bedürfnissen von hierarchischen Organisationen (dritte Bewusstseinsstufe) eingedämmt. Sie haben erfahren, wie soziale Sicherheit an verschiedene Bedingungen geknüpft ist und immer wieder erworben werden muss.

Die Folge ist, dass es in unserer Gesellschaft keine selbstverständliche Bindungssicherheit mehr gibt. Was die tribale Ebene anbetrifft: Es gibt nur mehr statistisch schwächer werdende Wahrscheinlichkeiten, dass die Eltern als Paar zusammenbleiben, und schwindende Glücksfälle, in denen die Eltern genügend qualitative Zuwendung und Zeit für ihre Kinder zur Verfügung haben. Im Familiengefüge der (post)industriellen Welt sind die sozialen Sicherheiten, die Kinder brauchen, durch eine Vielzahl von individuellen und kollektiven Stressfaktoren zunehmend geschwächt. Beziehungen zwischen Familienvätern und -müttern sowie zwischen Eltern und Kindern sind nicht mehr von einer selbstverständlichen Sicherheit geprägt, sondern vielfachen Belastungen und Bedrohungen ausgesetzt.

Gleichheit in unterschiedlichen Gesellschaftsformen


Auf der makrogesellschaftlichen Ebene bildet sich diese Bindungsunsicherheit in unterschiedlichen politischen Ordnungsvorstellungen ab. Zugehörigkeit als Voraussetzung von Gleichheit wird je nach den zentralen Ideen der einzelnen Bewusstseinsstufen definiert. In der hierarchischen Ordnung z.B. ist die Zugehörigkeit durch die Geburt festgelegt und bleibt einem Individuum relativ starr zugeordnet. Die soziale Sicherheit wird in dem Rahmen des Standes gewährleistet. Gleichheit gibt es bestenfalls innerhalb eines Geburtsstandes, sowie auf einer abstrakteren Ebene durch den Einfluss von Hochreligionen auf das Menschsein allgemein ausgedehnt, z.B. durch die Festlegung des Christentums, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. Allerdings fällt der Widerspruch zwischen dieser Idee und der extremen Ungleichheit in einer hierarchischen Gesellschaft meist nur dem nachträglichen Beobachter.

Deshalb hat der Begriff der Gleichheit schon lange seine Einfachheit und Eindeutigkeit verloren und ist in vielen vormodernen Gesellschaften gar nicht mehr wahrnehmbar. Es wird deutlich, dass ihn jede Bewusstseinsstufe hat für ihre Zwecke genutzt, um auf jeweils komplexerer Organisationsstufe brüchige Sicherheiten herzustellen.

Wir werden uns jetzt näher mit dem Spannungsverhältnis beschäftigen, das diesen Begriff am Übergang zwischen der materialistischen (vierten) und der personalistischen (fünften) Stufe prägt, da sich hier viele Elemente der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion zuordnen lassen.

Das Gleichheitsprinzip im Kapitalismus


Der Kapitalismus (= das Wirtschaftssystem, das der vierten Bewusstseinssufe entspricht) verwendet das Prinzip der Gleichheit, das von einem archaischen Grundgefühl der Menschen getragen wird, zur Durchsetzung seiner Ziele. Alle Mitglieder der Gesellschaft werden in ihrer Leistungsfähigkeit gleichgesetzt - und gleichermaßen ausgebeutet. Wer schneller schlapp macht, hat eben draufgezahlt, wer länger durchhält, wird mehr belohnt. Dieses Prinzip wird verinnerlicht, und wer nicht mitkann, wird mit einem sozialen schlechten Gewissen behaftet. Solche Personen sollten sich tunlichst schämen und vor der Öffentlichkeit verstecken. Sie gehören nicht mehr zu einer Gesellschaft von Leistungsträgern, in der das Ausmaß an Zugehörigkeit vom Ausmaß an Leistung abhängt, das jemand beisteuert. Das kann dann schnell bewirken, dass die stigmatisierten Leistungsversager an Depressionen oder anderen psychosomatischen Leiden erkranken, was dann ihre Leistungsfähigkeit und -motivation weiter schwächt.

Der Sozialstaat wurde eingeführt, um die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus nicht nur auf einzelne, sondern auch auf den Zusammenhalt der Gesellschaft als ganzer abzumildern. Deshalb wurden Elemente der personalistischen Bewusstseinsstufe in die politische Willensbildung inkludiert. Es wurden Regeln eingeführt, die jedem Mitglied der Gesellschaft ein menschenwürdiges Leben garantieren sollten (z.B. durch Krankengelder, Mindestsicherung, Altersvorsorge usw.). Finanziert wird dieses System durch die Umverteilung von Einkommen mittels Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen.

Die staatliche Sozialpolitik geht dabei von einem differenzierten Menschenbild aus, das jedem Menschen ein Leistungsmotiv zuschreibt, aber Unterschiede in der Leistungsfähigkeit anerkennt, seien diese durch unterschiedliche Konstitution, Schicksalsschläge oder ungünstige Lebensbedingungen bedingt. Es greift insoferne tribale Inhalte auf, sodass es nicht akzeptiert werden kann, dass einzelne Menschen oder Gruppen unter die Räder kommen und vor die Hunde gehen. Ist z.B. eine bestimmte Region massiv von Unwettern betroffen, werden die Menschen nicht einfach sich selbst überlassen, sondern die Gemeinschaft greift helfend ein. Wenn jemand aufgrund einer schweren Erkrankung aus dem Arbeitsprozess ausscheiden muss, erhält er entsprechende Unterstützungen.

Die Faulheit und die Neidgesellschaft


"Trittbrettfahrer" oder "Schmarotzer" des Sozialsystems werden in Kauf genommen, also Menschen, die ihre Leistungsfähigkeit dafür einsetzen, Lücken im Kontrollsystem zu finden, das ihnen ein angenehmes Leben möglich macht, ohne dass sie sich dafür anstrengen müssen. Das System muss beständig danach trachten, einerseits das Netz möglichst dicht zu halten, dass also keine benachteiligte Gruppe durchfällt und dass andererseits die Kontrolle gegen Missbrauch und Betrug effektiv unterbunden werden kann.

Diese sogenannten Leistungsverweigerer sind allerdings keine geborene Faulpelze, sondern wurden durch die Sozialisation dazu "gemacht". Fehlende Anerkennung von früh an, fehlende Förderung weiterhin, fehlende Erfolgserlebnisse und Bestätigungen - mit einer solchen Geschichte ist es schwer, mit Engagement eine eigene Karriere aufzubauen. Misserfolge und Missgeschick können dann dazu führen, dass das geregelte Mittun in der Leistungsgesellschaft nicht mehr klappt.

Die Oszillation zwischen dem Ausbau des Sozialstaates und dem Ausbau der Kontrolle ist auch deshalb wichtig, weil unsere Gesellschaft auch eine Neidgesellschaft ist. Der soziale Neid ist einerseits ein Korrekturmechanismus des fortwährend angestrebten Ausgleichs zwischen dem basalen Gleichheitsanspruch und dessen Individualisierung. Andererseits ist er getragen von den Ängsten der emanzipatorischen Stufe der Bewusstseinsevolution, insbesondere dem Konkurrenzgedanken, der besagt, dass jeder im Prinzip allein für sein Überleben zuständig ist und dafür sorgen muss, und dass folglich der Vorteil des anderen den eigenen Nachteil bewirken kann.

Diese Wildwest-Einstellung, die wir ebenfalls in tieferen Schichten unserer Persönlichkeit in uns tragen, tut sich schwer mit den Komplexitäten des Sozialsystems. Wer sich selber zu den Leistungsträgern, zu den „Anständigen“ und „Fließigen“ zählt, hat sich Argusaugen angewohnt, mit denen die anderen überwacht werden. Gibt es welche, die weniger tun und mehr kriegen? Solche Fälle müssen aufgedeckt und ausgeschaltet werden. Das tribal geprägte Gleichheitsmotiv ist unüberhörbar, es wird allerdings nur selektiv, also wenn es einem selber nutzen könnte, angewendet. Es wirkt nur im Blick nach oben und verhält sich in der anderen Richtung blind: Diejenigen, die selber mehr tun als man selber, aber weniger kriegen, werden ignoriert oder abgewertet ("Wenn jemand so blöd ist", "Jeder kriegt, was er verdient" usw.).

So wirkt also das emanzipative Erbe im Kapitalismus in die Richtung einer selektiven Entsolidarisierung: ausgegrenzt werden sollen jene, die die eigene Stellung in der Gesellschaft bedrohen könnten. Das Neidmotiv hilft bei der Steuerung.

Einerseits hilft diese Einstellung bei der permanenten Verbesserung des sozialen Ausgleichs, weil sie auf mögliches Ungleichgewicht hinweist, andererseits nagt sie am gesellschaftlichen Zusammenhalt. Denn wenn die Unterschiede zu groß und zu offensichtlich werden, entsteht sowohl oben wie unten die Tendenz, sich der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen. Statt dessen entstehen die Netze der Korruption und die Gewohnheiten der Steuerhinterziehung und -verweigerung.

Gleichheit in systemischer Sicht


Um den Gleichheitsbegriff sozial abzufedern und die damit verbundenen Spannungen und Ängste abzubauen, bedarf es systemischer Elemente und Denkweisen. Zum Beispiel tritt auf dieser Ebene die Idee auf, dass es zum Nutzen aller sein kann, wenn die individuelle Schwäche gestützt und ausgeglichen wird. Die Begründung dafür findet sich nicht nur auf der ökonomischen Schiene (auch Arme sollen Mitglieder in der Konsumgesellschaft bleiben), nicht nur im emotionellen Bereich (mehr soziale Absicherung bewirkt mehr soziale Zufriedenheit), sondern auch im Sinn einer Diversität, die jedem Mitglied der Gesellschaft einen Wert zubilligt, gleich in welcher Form der Beitrag zum Ganzen besteht. Für die Zugehörigkeit zur Gesellschaft sollte es keine prinzipielle Rolle spielen, ob dieser Beitrag durch Leistungen erbracht wird, die einen Mehrwert erwirtschaften (bezahlte Arbeit) oder durch Tätigkeiten, die keinen sichtbaren Beitrag zur Steigerung des Sozialprodukts bringen, aber in anderer Weise Wirkung entfalten: Wenn z.B. jemand, der aus irgendwelchen Gründen aus dem Bereich der Arbeitsfähigkeit herausgefallen ist, ein hilfsbereiter und angenehmer Nachbar ist.

Je mehr die Grundtoleranz in der ganzen Gesellschaft wächst, desto mehr sollte die Bereitschaft bei jedem einzelnen Mitglied steigen, einen eigenen Beitrag zum Ganzen beizusteuern. Ein hohes Maß an dieser Toleranz verringert den Druck auf die Menschen, arbeiten und leisten zu müssen, um dazuzugehören. Ohne Druck geht es und fällt es prinzipiell leichter: Ohne Müssen arbeiten und leisten wir mehr und Besseres.

Auf diesem Weg könnte eine systemisch geprägte Gesellschaft die Motive des tribalen Gleichheitsbegriffes auf einem hohen Organisationsniveau verwirklichen und damit ein hohes Maß an sozialer Sicherheit sowohl mit einer Entlastung von Stress für alle und einer Stärkung der Leistungsmotivation verbinden.