Sonntag, 13. Mai 2018

Letzte Fragen ohne Antworten

Wir Menschen stellen gerne Fragen, unser Wissensdurst ist unbegrenzt. Wir tauschen uns oft untereinander aus, um Antworten zu finden. Neugierig wie wir sind, wollen wir alles, was es zu wissen gibt, wissen. Es könnte uns ja irgendwann einmal von Nutzen sein.

Und wir wollen weiterfragen und keine Grenze für unser Fragen akzeptieren. Nach Immanuel Kant gibt es ein „unhintertreibliches Bedürfnis“ im Menschen, Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Ganzen zu bekommen. Allerdings wird dieses Unterfangen an den Grenzen des Wissbaren schwierig. Zwar gibt es jede Menge Antworten auf die sogenannten letzten Fragen, aber keine, die allgemein überzeugen können. Vielmehr tummeln sich gerade in diesem Bereich eine Menge miteinander konkurrierender Angebote, die ihre Spannungen in der Geschichte häufig mit Gewalt ausgestritten haben, so als könne die brutale Unterwerfung des Gegners die Wahrheit der eigenen Ansicht bestätigen.

Das Ende der verbindlichen Antworten


Der Ausweg aus den Serien dieser blutigen Konflikte war zumindest in der gebildeten Schicht Europas im 18. Jahrhundert die Erkenntnis der Aufklärung, dass die religiöse Überzeugung Privatsache sein soll. Das hat zu einem Deutungs- und Bedeutungsverlust der organisierten Religionsgemeinschaften geführt. Einen Teil dieser Deutungshoheit haben die Wissenschaften übernommen, doch können sie gerade in den letzten Fragen keine Antworten liefern, weil ihre Erkenntnisse immer aus dem Rahmen der raum-zeitlichen Erfahrbarkeit stammen, während diese Fragen darüber hinaus zielen. So kann uns die Wissenschaft alle möglichen Modelle über den Urknall anbieten; die „eigentlichen“ Fragen bleiben, was davor war und ob es jemanden gibt, der das Ganze in Gang gesetzt hat, und was der Sinn des Unterfangens sein soll.

Was hindert uns daran, uns damit zufrieden zu geben, dass es Fragen gibt, auf die es keine Antworten gibt, und dass dazu vor allem die metaphysischen letzten Fragen zählen? Kant, der führende Philosoph der Aufklärung, hat schon darauf hingewiesen, dass gesicherte Erkenntnisse über alles, was jenseits unseres Erfahrungsraumes angesiedelt ist, nicht gefunden werden können. Alles was bleibt, sind Spekulationen. Und Spekulationen sind durch ihre Beliebigkeit, Veränderbarkeit und Austauschbarkeit gekennzeichnet: Es könnte so sein oder auch anders. Gott existiert oder eben nicht. Oder: die eine Antwort gefällt mir besser als die andere, die ist nicht nach meinem Geschmack. Übermorgen ziehe ich vielleicht die andere Möglichkeit vor. Heute finde ich den Sternenhimmel so wunderbar, also gibt es einen Gott. Morgen wird mir das ganze Unheil in der Welt bewusst, also kann es keinen Gott geben.

Bei den Religionen gehört die Kompetenz für verbindliche Antworten auf die letzten Fragen gewissermaßen zum Kerngeschäft. Eine Religion, die dazu nichts im Angebot hat, ist da gleich im Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Je verbindlicher die Antwort, desto mehr Sicherheit kann den Gläubigen geboten werden. Deshalb auch wurden die absoluten Wahrheiten zu den letzten Fragen auch mit Zähnen und Klauen verteidigt, obwohl sie, nüchtern betrachtet, aus der Luft gegriffen sind. Die Autoritäten, die hinter den Wahrheiten stehen, sind die Religionsstifter und deren Schriften, andere Dokumente übernatürlicher Herkunft oder durch auserwählte Gemeinschaften erlangte Einsichten wie die auf Konzilien formulierten Dogmen der katholischen Kirche.

All das mag einen Skeptiker nicht zu überzeugen, und der Skeptiker werden es immer mehr. Die Texte wurden der historischen Textkritik unterzogen, das Leben der Religionsstifter wurde durchleuchtet, die Religionen untereinander verglichen, und dann bleibt vielleicht ein Kern übrig, der bei den meisten Religionen in ähnlicher Form auftaucht und nur unterschiedlich formuliert wird. Dieser Kern betrifft aber vor allem Aussagen darüber, wie die Menschen mit sich und miteinander umgehen sollen, während sich in den Fragen um die letzte Bestimmung der Menschen unterschiedlichste Szenarien zeigen. Die einen haben einen und nur einen, die anderen einen Gott in drei Gestalten, die dritten viele und die vierten gar keine Götter. Bei den einen ist das höchste Ziel, nach dem Tod im Nirvana zu verschwinden, während die anderen den Himmel anstreben und die dritten schauen müssen, dass sie es bei der nächsten Wiedergeburt besser erwischen. Einigkeit gibt es also bei Fragen der Ethik, aber nicht bei denen zur Metaphysik.

Wissen nichts zu wissen


Deshalb ist es wohl müßig, nach definitiven, für alle überzeugenden Antwort auf diese Fragen zu suchen. Im Grunde wissen wir, dass wir nicht wissen können, dass wir uns mit einer Grenze bescheiden müssen, über die hinaus es eben nur ein Glauben gibt. Auf die Frage nach dem letzten Sinn kommt also nur eine Antwort, die mit: „Ich glaube …“ beginnt und eine subjektive Sichtweise ausdrückt. Die Aussage verfügt über kein Pendant in der Wirklichkeit. Es ändert sich allenfalls etwas an der inneren Befindlichkeit der glaubenden Person, welche die Aussage tätigt. Schließen sich mehr Menschen einer Glaubensaussage an, wird eine soziale Wirklichkeit erzeugt, eine Glaubensgemeinschaft. Solche Gemeinschaften sind dadurch geprägt, dass sich ihr Zusammenhalt bloß auf solche selbsterzeugte soziale Wirklichkeiten gründet.

Offensichtlich geht es bei den letzten Fragen gar nicht um „letzte Bedürfnisse“, sondern um recht frühe. Wir suchen nach Bestätigung für unsere Glaubensannahmen, um uns sozial verbunden zu fühlen. Wir bilden Glaubensgemeinschaften, weil uns die Zugehörigkeit Vertrauen gibt. Wir halten uns an vorgegebene Antworten auf die letzten Fragen und fühlen uns dadurch sicherer. Wir beruhigen innere Ungewissheiten, Ängste und Unsicherheiten.

Wenn wir ganz im Moment sind, verbunden mit dem Inneren und Äußeren, brauchen wir keine Fragen. Die letzten Fragen tauchen auf, wenn wir uns aus dieser innigen und erfüllenden Verbundenheit mit dem Leben entfernt haben, und die letzten Antworten sollen uns die Spannung nehmen, unter der wir dann leiden. Was uns aus der Erfahrungseinheit herausführt, sind alte, unerledigte Themen, verbunden mit früh geprägten Gefühlsmustern. Je mehr von diesen Mustern wir in unserer Innenarbeit auflösen können, je weniger Ängste wir haben, desto geringer wird das Bedürfnis nach Antworten auf Fragen, zu denen es kein passendes Wissen gibt. Und desto leichter fällt es uns, in Bescheidenheit die Grenzen des Erkennbaren und Wissbaren zu akzeptieren und uns innerhalb dieser Grenzen konstruktiv und kreativ auszuleben.

Zum Weiterlesen:
Gott und das Ego
Das Absolute im Beschränkten
Reinkarnation - Glaube oder Symptom?


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