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Sonntag, 13. Mai 2018

Letzte Fragen ohne Antworten

Wir Menschen stellen gerne Fragen, unser Wissensdurst ist unbegrenzt. Wir tauschen uns oft untereinander aus, um Antworten zu finden. Neugierig wie wir sind, wollen wir alles, was es zu wissen gibt, wissen. Es könnte uns ja irgendwann einmal von Nutzen sein.

Und wir wollen weiterfragen und keine Grenze für unser Fragen akzeptieren. Nach Immanuel Kant gibt es ein „unhintertreibliches Bedürfnis“ im Menschen, Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Ganzen zu bekommen. Allerdings wird dieses Unterfangen an den Grenzen des Wissbaren schwierig. Zwar gibt es jede Menge Antworten auf die sogenannten letzten Fragen, aber keine, die allgemein überzeugen können. Vielmehr tummeln sich gerade in diesem Bereich eine Menge miteinander konkurrierender Angebote, die ihre Spannungen in der Geschichte häufig mit Gewalt ausgestritten haben, so als könne die brutale Unterwerfung des Gegners die Wahrheit der eigenen Ansicht bestätigen.

Das Ende der verbindlichen Antworten


Der Ausweg aus den Serien dieser blutigen Konflikte war zumindest in der gebildeten Schicht Europas im 18. Jahrhundert die Erkenntnis der Aufklärung, dass die religiöse Überzeugung Privatsache sein soll. Das hat zu einem Deutungs- und Bedeutungsverlust der organisierten Religionsgemeinschaften geführt. Einen Teil dieser Deutungshoheit haben die Wissenschaften übernommen, doch können sie gerade in den letzten Fragen keine Antworten liefern, weil ihre Erkenntnisse immer aus dem Rahmen der raum-zeitlichen Erfahrbarkeit stammen, während diese Fragen darüber hinaus zielen. So kann uns die Wissenschaft alle möglichen Modelle über den Urknall anbieten; die „eigentlichen“ Fragen bleiben, was davor war und ob es jemanden gibt, der das Ganze in Gang gesetzt hat, und was der Sinn des Unterfangens sein soll.

Was hindert uns daran, uns damit zufrieden zu geben, dass es Fragen gibt, auf die es keine Antworten gibt, und dass dazu vor allem die metaphysischen letzten Fragen zählen? Kant, der führende Philosoph der Aufklärung, hat schon darauf hingewiesen, dass gesicherte Erkenntnisse über alles, was jenseits unseres Erfahrungsraumes angesiedelt ist, nicht gefunden werden können. Alles was bleibt, sind Spekulationen. Und Spekulationen sind durch ihre Beliebigkeit, Veränderbarkeit und Austauschbarkeit gekennzeichnet: Es könnte so sein oder auch anders. Gott existiert oder eben nicht. Oder: die eine Antwort gefällt mir besser als die andere, die ist nicht nach meinem Geschmack. Übermorgen ziehe ich vielleicht die andere Möglichkeit vor. Heute finde ich den Sternenhimmel so wunderbar, also gibt es einen Gott. Morgen wird mir das ganze Unheil in der Welt bewusst, also kann es keinen Gott geben.

Bei den Religionen gehört die Kompetenz für verbindliche Antworten auf die letzten Fragen gewissermaßen zum Kerngeschäft. Eine Religion, die dazu nichts im Angebot hat, ist da gleich im Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Je verbindlicher die Antwort, desto mehr Sicherheit kann den Gläubigen geboten werden. Deshalb auch wurden die absoluten Wahrheiten zu den letzten Fragen auch mit Zähnen und Klauen verteidigt, obwohl sie, nüchtern betrachtet, aus der Luft gegriffen sind. Die Autoritäten, die hinter den Wahrheiten stehen, sind die Religionsstifter und deren Schriften, andere Dokumente übernatürlicher Herkunft oder durch auserwählte Gemeinschaften erlangte Einsichten wie die auf Konzilien formulierten Dogmen der katholischen Kirche.

All das mag einen Skeptiker nicht zu überzeugen, und der Skeptiker werden es immer mehr. Die Texte wurden der historischen Textkritik unterzogen, das Leben der Religionsstifter wurde durchleuchtet, die Religionen untereinander verglichen, und dann bleibt vielleicht ein Kern übrig, der bei den meisten Religionen in ähnlicher Form auftaucht und nur unterschiedlich formuliert wird. Dieser Kern betrifft aber vor allem Aussagen darüber, wie die Menschen mit sich und miteinander umgehen sollen, während sich in den Fragen um die letzte Bestimmung der Menschen unterschiedlichste Szenarien zeigen. Die einen haben einen und nur einen, die anderen einen Gott in drei Gestalten, die dritten viele und die vierten gar keine Götter. Bei den einen ist das höchste Ziel, nach dem Tod im Nirvana zu verschwinden, während die anderen den Himmel anstreben und die dritten schauen müssen, dass sie es bei der nächsten Wiedergeburt besser erwischen. Einigkeit gibt es also bei Fragen der Ethik, aber nicht bei denen zur Metaphysik.

Wissen nichts zu wissen


Deshalb ist es wohl müßig, nach definitiven, für alle überzeugenden Antwort auf diese Fragen zu suchen. Im Grunde wissen wir, dass wir nicht wissen können, dass wir uns mit einer Grenze bescheiden müssen, über die hinaus es eben nur ein Glauben gibt. Auf die Frage nach dem letzten Sinn kommt also nur eine Antwort, die mit: „Ich glaube …“ beginnt und eine subjektive Sichtweise ausdrückt. Die Aussage verfügt über kein Pendant in der Wirklichkeit. Es ändert sich allenfalls etwas an der inneren Befindlichkeit der glaubenden Person, welche die Aussage tätigt. Schließen sich mehr Menschen einer Glaubensaussage an, wird eine soziale Wirklichkeit erzeugt, eine Glaubensgemeinschaft. Solche Gemeinschaften sind dadurch geprägt, dass sich ihr Zusammenhalt bloß auf solche selbsterzeugte soziale Wirklichkeiten gründet.

Offensichtlich geht es bei den letzten Fragen gar nicht um „letzte Bedürfnisse“, sondern um recht frühe. Wir suchen nach Bestätigung für unsere Glaubensannahmen, um uns sozial verbunden zu fühlen. Wir bilden Glaubensgemeinschaften, weil uns die Zugehörigkeit Vertrauen gibt. Wir halten uns an vorgegebene Antworten auf die letzten Fragen und fühlen uns dadurch sicherer. Wir beruhigen innere Ungewissheiten, Ängste und Unsicherheiten.

Wenn wir ganz im Moment sind, verbunden mit dem Inneren und Äußeren, brauchen wir keine Fragen. Die letzten Fragen tauchen auf, wenn wir uns aus dieser innigen und erfüllenden Verbundenheit mit dem Leben entfernt haben, und die letzten Antworten sollen uns die Spannung nehmen, unter der wir dann leiden. Was uns aus der Erfahrungseinheit herausführt, sind alte, unerledigte Themen, verbunden mit früh geprägten Gefühlsmustern. Je mehr von diesen Mustern wir in unserer Innenarbeit auflösen können, je weniger Ängste wir haben, desto geringer wird das Bedürfnis nach Antworten auf Fragen, zu denen es kein passendes Wissen gibt. Und desto leichter fällt es uns, in Bescheidenheit die Grenzen des Erkennbaren und Wissbaren zu akzeptieren und uns innerhalb dieser Grenzen konstruktiv und kreativ auszuleben.

Zum Weiterlesen:
Gott und das Ego
Das Absolute im Beschränkten
Reinkarnation - Glaube oder Symptom?


Dienstag, 29. August 2017

Quantentheorie und die unsterbliche Seele

Zwei Theoretiker, der Arzt und Psychologe Dr. Stuart Hameroff und der Mathematiker Sir Roger Penrose behaupten seit 20 Jahren, Quantenvorgänge in kleinen Strukturen von Nervenzellen aufgefunden haben, und leiten daraus ein Erklärungsmodell für das Weiterleben der Seele nach dem Tod eines Menschen ab.

Sie nennen ihre Theorie „Orchestrated objective reduction (Orch-OR)“ und stellen sie auch in dem Film „What the bleep do we know?“ vor. Hameroff argumentiert in einem anderen Video: „Angenommen, das Herz hört zu schlagen auf, das Blut fließt nicht mehr; die Mikrotubuli verlieren ihren Quantenzustand. Die Quanteninformation in den Mikrotubuli ist nicht zerstört, sie kann nicht zerstört sein, und sie verteilt sich nur im größeren Universum, und löst sich dort auf. Wenn ein Patient wiederbelebt wird, kann die Information in die Mikrotubuli zurückkehren, und der Patient sagt: ‚Ich hatte eine Nahtoderfahrung.‘ Wenn es zu keiner Wiederbelebung kommt, ist es möglich, dass diese Quanteninformation außerhalb des Körpers weiterbestehen kann, vielleicht unendlich, als Seele.“

Diese Bemerkung wird gerne in diversen Seiten (z.B. hier) zitiert, wenn es darum gehen soll, „einen wissenschaftlichen Beweis für die Unsterblichkeit der Seele“ vorzuweisen. Das obige Zitat allein sollte allerdings jedem unbefangenen Leser sofort vor Augen führen, dass es sich bei den Extrapolationen der Orch-OR-Theorie nicht um wissenschaftliche Aussagen handeln kann, sondern um fantasievolle Spekulationen. Abgesehen von der hochspezialisierten Fachfrage, ob es in den Mikrotubuli der Gehirnzellen überhaupt Quanteninformationen gibt, und wenn, ob diese mehr als eine unglaublich winzige Zeiteinheit Bestand haben, was in der Fachwelt strittig ist, gibt es für die darüber hinaus reichenden Überlegungen keine Spur von wissenschaftlicher Grundlage.

Ist Wissenschaft drin, wenn Wissenschaft draufsteht?


Nach Hameroff wäre möglich, dass „vielleicht“ die Quanteninformation (falls es sie überhaupt gibt) unverändert im „größeren Universum“ (wo auch immer sich dieses befindet) bewahrt würde und dann in der alten oder auch in einer neuen Körperform (in den besagten Mikrotubuli) wieder Platz finden könne. Es wäre möglich oder auch nicht. Es gibt dazu keine wissenschaftlich validen Beobachtungen, keine Experimente oder Beweise, sondern angesprochen wird nur eine Denkmöglichkeit. Natürlich, das Denken ist in seinen Möglichkeiten unbeschränkt. Wissenschaft beginnt allerdings erst dort, wo Gedanken mit der Wirklichkeit in Kontakt kommen und nach allgemein anerkannten Regeln Übereinstimmungen untersucht werden. Wo es zu Gedanken keine relevanten Fakten gibt, gibt es auch keine Wissenschaft.

Gedanken können uns gefallen oder auch nicht, und wir können auf ihnen Weltbilder und Ideologien aufbauen. Wissenschaftlich untersuchte und validierte Gedanken geben uns die Sicherheit, dass wir nicht allein unseren inneren Spekulationszirkeln ausgeliefert sind, in denen sich Gedanken dauernd mit Bedürfnissen, Emotionen, Vorurteilen, Erfahrungen, Werten usw. vermengen, sondern dass wir damit Wissen generieren können, das uns eine verlässliche Orientierung in der Wirklichkeit erlaubt.

Zur Wissenschaft gehört es, dass auch die Grenzen des Wissbaren und Erklärbaren definiert werden. Wissenschaft muss sich mit der Wissenskritik auseinandersetzen, die die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Wissens überprüft und Aussagen dahingehend überprüft, ob sie wissenschaftlichen Standards genügen oder nicht. Wir sprechen von Mogelpackungen, wenn auf einer Ware etwas anderes draufsteht als drinnen ist. Schreibt jemand „Wissenschaft“ auf etwas, wo keine Wissenschaft drin ist, wird auch gemogelt. Und da ist es wichtig, solche Täuschungen aufzuklären.

Die Orch-OR-Theorie, die der gesamten Argumentation zugrunde liegt, ist in wissenschaftlichen Kreisen äußerst umstritten, sowohl in Bezug auf die logisch-mathematischen Grundlagen wie auch in Hinblick auf die Neurobiologie der Nervenzellen. Zumindest hat sich die Theorie als fruchtbare Forschungshypothese präsentiert, an der seit über 20 Jahren geforscht wird, ohne dass ein Konsens über die Sinnhaftigkeit der Theorie bisher absehbar ist. Darum kann es hier nicht gehen, und wer sich für Details interessiert, kann ausführlichen den Links auf dieser Seite folgen.

Das Mysterium Tod


So gerne würden wir „mit Sicherheit“ wissen, wie es mit uns nach dem Tod weitergeht, und deshalb stürzen wir uns auf jede Theorie, die uns einen wissenschaftlichen Beweis verspricht, wie die Durstenden auf ein Glas Wasser, und verbreiten die frohe Botschaft, als hätten wir endlich den Stein der Weisen entdeckt. Allerdings, wie es bei näherer Betrachtung erscheint, geht es in diesem Zusammenhang eher ums Loslassen:

Sehr wahrscheinlich – und aus logischen Gründen – wird uns die Wissenschaft nie irgendeine Sicherheit über das, was nach dem Tod mit uns geschieht, liefern können, mit oder ohne Quantentheorie. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir, wenn wir eines Tages sterben, kein Wissen haben, was danach passiert. Wenn wir von Wien nach München reisen, haben wir ein Wissen darüber, was uns in unserem Ankunftsort erwartet. Bei einem Gewitter verfügen wir über verlässliches Wissen, was sich dabei abspielt. Wenn es um den ganz anderen Übergang vom Leben in den Tod geht, verfügen wir über keinerlei Sicherheit, wie sie wissenschaftlich erstelltes Wissen bieten kann, über das, was danach geschehen wird. Wir können unseren persönlichen Glauben dazu bilden und pflegen, ohne dass uns dieser allerdings aus der fundamentalen Unsicherheit heraushelfen könnte.

Wie oben gesagt, braucht die Wissenschaft immer einen Bezug zum Faktischen. In Bezug auf den Tod gibt es Fakten: Beobachtungen und Messungen, die sich auf lebendige Organismen beziehen, und solche, die sich auf leblose beziehen. Es gibt verschiedene Angaben über den Zeitpunkt, ab welchem man von einem toten Organismus sprechen kann, und die Berichte über Nahtoderfahrungen und Wiederbelebungen zeigen, dass es in diesem Bereich große Abweichungen und individuelle Unterschiede geben kann. Wirklich relevant für die Frage nach dem Weiterleben nach dem Tod sind nicht Nah- oder Scheintoderfahrungen, wiederbelebte klinisch Tote oder vom Tod Erweckte. Denn in solchen Fällen kann immer argumentiert werden, dass der Tod noch nicht zur Gänze eingetreten ist und der Tod nur „nahe“ oder „dem Schein nach“ angeklopft hat, dass also der Sterbeprozess noch nicht voll abgeschlossen war, sondern dass noch Körperprozesse weiterbestanden haben, die dann die Wiederbelebung ermöglicht haben. Manche (bei weitem nicht alle) Menschen mit Nahtodeserfahrungen berichten z.B. von Tunnel- und Lichterfahrungen, die auch mit Restaktivitäten im Gehirn erklärt werden können, weil sie das Gehirn auch ohne Nahtodzustand erzeugen kann.

Selbst wenn wir über eine ausreichende Zahl an Berichten über Menschen verfügen würden, die über einen ausreichend langen Zeitraum nach allen Regeln der Kunst als tot (Herzstillstand, Gehirnstillstand, Stillstand von zellulären Aktivitäten) gelten und dann wieder lebendig werden, könnten diese Menschen nur darüber berichten, was sie während der Zeit ihres Todes sowie während ihres Zurückkommens erlebt haben. Sie könnten uns also zu einem Wissen über Tote mit Wiederbelebung verhelfen, aber nicht zu einem Wissen über Tote ohne diese Möglichkeit, die ja bei weitem die größte Zahl ausmachen und wir selber sowie alle Nah- und Scheintoten mit höchster Wahrscheinlichkeit irgendwann sein werden.

Denn wie sich der Tod anfühlt und was dann passiert, wenn es kein Zurückkommen gibt, entzieht sich der Berichtsmöglichkeit, weil eben der Tod dadurch definiert ist, dass in diesem Zustand nichts mehr berichtet werden kann. Sollte es also nach dem Tod noch eine Art von Subjektivität geben, eine Form der inneren Erfahrung, so gibt es, bisher zumindest, keine Form, wie diese Subjektivität zuverlässig kommuniziert werden könnte (vom „Tischerücken“ abgesehen), d.h. wir können auf keine Fakten zurückgreifen, die als Basis für verlässliches Wissen dienen könnten.

Das bisschen Wissen, das wir aus recht geringen Zahlen von „Nicht-wirklich-Toten“ gewonnen haben, gilt eben nur für diese Spezialfälle, und wenn wir allgemeine Schlüsse, die für die „Wirklich-Toten“ gelten sollen, ableiten wollen, haben wir dafür kein logisches Fundament. Wir spekulieren, d.h. wir entwickeln unüberprüfbare Hypothesen, und das tun Menschen seit Jahrtausenden, nicht aus dem Interesse heraus, wissenschaftliches Wissen zu erwerben, sondern aus dem Bedürfnis, die Todesangst als Angst vor einer großen Ungewissheit zu bewältigen. Wir entwickeln Glaubenssysteme, um diesem Bedürfnis zu entsprechen, und allem Anschein nach wird es keinen wissenschaftlichen Fortschritt geben, der jemals diese Glaubensformen durch wissenschaftliches Wissen ersetzen könnte.

So wird weiterhin ein Großteil der Menschen annehmen, dass wir nach dem Tod entweder in den Himmel oder in die Hölle kommen, ein anderer Teil wird glauben, dass es Wiedergeburten in neuen Körpern gibt, und andere wiederum glauben, dass es kein Weiterleben gibt, sondern dass mit dem Tod „alles“ vorbei ist. Und wieder andere stellen die Frage, ob es überhaupt Sinn macht, Fragen zu stellen, auf die es keine sinnvollen Antworten gibt.

Dienstag, 25. November 2014

Wissen, Fantasie und Glaube: Was kommt nach dem Leben?

Manchmal behaupten Menschen, sie wüssten, was nach dem Tod passiert. Genauer besehen, haben sie nur einen Glauben vorzuweisen, der für sie so fix ist wie ein Wissen, obwohl die Redensart besagt: „Glauben heißt nichts wissen.“ Die beiden Kategorien werden einfach vermischt. Solche Ungenauigkeiten stehen jedem frei, wenn auch die Verantwortung für die Konsequenzen übernommen wird. Denn Ungenauigkeiten im Denken, Reden und Argumentieren stiften Verwirrung. 

Natürlich verfügen wir nur über ein Scheinwissen von dem, was „nachher“ passiert. Wissen beruht auf Erfahrung, und Erfahrungen haben wir, solange wir leben. Ob wir nachher Erfahrungen haben können, wissen wir nicht, weil wir davon eben keine Erfahrung haben, von der wir Mitteilung machen könnten. Sollte es solche Erfahrungen geben, fehlt uns die Information dazu. 

Zwar gibt es Berichte von Nah-Tod-Erlebnissen, von Menschen, die klinisch tot waren und wieder zum Leben zurückgekommen sind. Daraus haben wir eben ein Wissen über Nah-Tod-Erlebnisse, aber nicht über das, was nach dem Nah-Tod kommt, nämlich was den wirklichen Tod und das endgültige Tot-Sein anbetrifft. 

Weiters geben spiritistische Medien Informationen aus dem „Jenseits“ preis. Um solche Informationen als Wissen zu qualifizieren, muss man an die Integrität und Authentizität der Quelle sowie des Übermittlungsmediums glauben, was nicht jedermann gelingt. Nur wenige Menschen nehmen an solchen Seancen teil, und die Informationen, die sie daraus mitbringen, haben die Fragen nach dem postmortalen Weiterleben nicht geklärt. Meist sind die Informationen, die von „drüben“ kommen, erwartbar, ohne darüber hinaus irgendeine Gewissheit oder Sicherheit zu geben. 

Jenseitsfantasien in Konkurrenz 


Es sind Fantasien, die wir Lebenden uns über das bilden, was nach unserem Tod sein wird. Die unterschiedlichen Religionen haben das Jenseits unterschiedlich ausgeschmückt, vom Paradies bis zum Nirvana. Jeder Mensch hat das Recht auf seine Fantasien, soweit sie zur eigenen Erbauung und Beruhigung beitragen. Eine Fantasie wird zum Glauben, wenn sie mit einer lebenspraktischen Bedeutung gekoppelt wird: Ich glaube an das Weiterleben nach dem Tod, das ich mir in der Fantasie als „real“ ausmalen kann, weil ich dadurch angesichts der widrigen Umstände in meinem Leben Trost finden kann. 

Doch das Verallgemeinern von Fantasien nach dem Motto, was meine oder unsere Fantasie ist, muss für die anderen auch gelten, sollte mit einem dicken Fragezeichen belegt werden. Fantasien können von anderen geteilt werden, sind aber dadurch nicht allgemein-gültiger. Wie schon anderswo geschrieben, wird eine Behauptung dadurch nicht wahrer, wenn sie mehrere Leute für richtig halten. Werden die eigenen Fantasien mit der Wirklichkeit verwechselt, kommt es leicht zu heftigen und zugleich fruchtlosen Auseinandersetzungen über die Wahrheit. Denn über eine Wahrheit, für die es keine Überprüfung gibt, weil die entsprechende Wirklichkeit nicht zugänglich ist, muss mit allen Mitteln verteidigt werden. 

Außerdem müssen die konkurrierenden Wahrheiten angegriffen werden, um sie unschädlich zu machen. Für den Streit gibt es keine mögliche Lösung. Erst wenn ein Loslassen stattfindet, wenn also die Frage als unlösbar und nicht wahrheitstauglich erkannt wird, kann die Auseinandersetzung beendet werden. Glaubenskriege hören dort auf, wo der religiöse Glaube als wirklichkeitsbildende Macht an Einfluss verliert. In Mitteleuropa könnte sich heute niemand vorstellen, dass Katholiken und Protestanten mit kriegerischen Mitteln versuchen, ihre jeweilige Wahrheit durchzusetzen. In anderen Weltgegenden bekämpfen sich bis heute Menschen mit ähnlicher Heftigkeit und Brutalität wegen solcher Fragen, wie das bei uns über Jahrhunderte hinweg geschehen ist. 

Die Haltung des Nichtwissenkönnens 


Es hilft die Klarheit darüber, was wegen fehlendem Wirklichkeitsbezug außer Streit gestellt werden kann. Sie lässt frei, wo vorher ein Anklammern und Festhalten war. Worüber wir keine Übereinstimmung finden können, weil es keine Erfahrungsgrundlagen gibt, auf die wir zurückgreifen können, darüber müssen wir schweigen. Schweigen heißt dabei, auf Wahrheitsansprüche zu verzichten, die nicht belegt und argumentiert werden können und statt dessen die Beliebigkeit der Spekulationen zuzugeben. 

Diese Haltung trifft sich mit der Bescheidenheit des Nichtwissens aus intellektueller Redlichkeit nach Thomas Metzinger: Der Begriff bedeutet, „dass man nicht vorgibt, etwas zu wissen oder auch nur wissen zu können, was man nicht wissen kann, dass man aber trotzdem einen bedingungslosen Willen zur Wahrheit und zur Erkenntnis besitzt.“

Wir können das Menschensein auch so definieren: mit Grenzen leben, deren Unüberwindlichkeit uns bewusst ist. Oder auch: Leben mit dem Bewusstsein von Grenzen und der Möglichkeit, diese gedanklich überwinden zu können - und der Versuchung, diese gedankliche Überwindung für eine Realität zu halten. 

 In solchen Gedankensprüngen machen wir uns zu Kontrolleuren und Verwaltern unseres eigenen Lebens, eine Funktion, die uns weder zusteht noch die wir tatsächlich ausüben könnten. Systeme, die zugleich kontrollierende Systeme ihrer selbst sind, kontrollieren sich zu Tode. Den beschränkten Einfluss, den wir bewusst auf unser Leben und seine Gestaltung ausüben können, sollten wir nicht verwechseln mit der Macht über das Ganze unseres Lebens, über die wir aus guten Gründen nicht verfügen und nie verfügen werden. Eine Spezies, die die Grenzen ihrer Überlebensfähigkeit selber definieren könnte, wäre nicht überlebensfähig. Der Selbstmörder verfügt nicht über das Ganze seines Lebens, sondern handelt aus einem eingeschränkten verzweifelten Teil seines Selbst. Er setzt die Macht seines Denkens gegen den ihm mitgegebenen Lebenswillen und handelt aus der Zwanghaftigkeit des Verstandes, der keinen anderen Ausweg aus den Ängsten sieht als den Freitod.   
 
Die meisten freilich ringen um eine Verlängerung des eigenen Lebens. Mit allen verfügbaren Mitteln soll das Altern hinausgezögert und die Jugend erhalten bleiben. Was auch immer wir in unserem strebenden Bemühen versuchen, um die zeitlichen Grenzen unseres Lebens auszuweiten und auszudehnen - die Grenzen bleiben bei jeder Erweiterung erhalten. Viele der angeblich Hunderte von Jahren alten Yogis in Indien sind schon verstorben. Die, die noch leben, beweisen dennoch nicht, dass es eine körperliche Unsterblichkeit geben kann. Sie werden nur älter als der Durchschnitt.
Wenn wir diese conditio humana, diese Grundbedingung des Menschseins akzeptieren, brauchen wir keine Glaubenssysteme mehr, die uns ein Weiterleben nach dem Tod in dieser oder jeder Form anbieten. Wir können uns statt dessen voll auf die Belange dieses Lebens einlassen und von Augenblick zu Augenblick das Beste daraus machen. 

Vgl. Theologie und Mystik zur Frage nach dem Weiterleben
 Das Ego und die Idee der Unsterblichkeit
Die zwei Wahrheiten und die Religionen 
Dissoziative Weltbilder und die Trennung von Leib und Seele