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Freitag, 3. Januar 2025

Die Standpunkttheorie und ihre Schwächen

Der klassische Liberalismus setzt auf eine Verbesserung der Freiheitsrechte und der Gleichheit unter den Menschen. Dieses Programm muss immer wieder vor Ideologisierungen geschützt werden. Eine Form der Zweckentfremdung und Verkürzung stellt der Neoliberalismus dar, dem es vor allem um die Wirtschaftsfreiheiten geht, die dazu dienen, den Kapitalismus zu beflügeln und Geld in die Taschen der Unternehmen fließen zu lassen, während Freiheits- und Gleichheitsaspekte allenfalls Nebensache sind und nur gelten sollen, solange sie das Gewinnstreben nicht beschränken. Eine andere Form der Ideologisierung der liberalen Idee stellt die Identitätsideologie dar, die berechtigte Anliegen des klassischen Liberalismus aufgreift und einseitig verschärft, um zwingende politische Forderungen daraus abzuleiten. Die Radikalisierung stellt eine Ideologisierung dar, weil sie darauf beruht, wichtige Aspekte der Realität auszublenden. 

Das wird aus der Kritik an der Identitätssynthese von Yasha Mounk deutlich, die mit dem Anliegen verbunden ist, die universalistische Ethik, die lange Zeit sowohl im Zentrum des Liberalismus wie des Sozialismus gestanden ist,  wieder in ihr Recht zu setzen. Die  Ideologisierung des liberalen Programms entstand durch die Einbeziehung der pessimistischen Anthropologie nach Michel Foucault, wie im vorigen Blogartikel beschrieben wurde. Die Zuspitzung der Identitätsfragen liefert zugleich Wasser auf die Mühlen der Rechten, die sich bedroht fühlen und gegen alles kämpfen, was aus dieser Ecke kommt. Sie versuchen, das Kind mit dem Bade auszuschütten, also zusammen mit der Idee zugleich grundlegende Freiheitsrechte zu beschneiden, um an die Macht zu kommen und diese abzusichern. 

Verstehen wir die Grundlagen und Dynamiken der Identitätssynthese, so können wir leichter nachvollziehen, weshalb rechte und rechtsextreme bis faschistische Politiker und Parteien in vielen liberalen Ländern im Aufwind sind. Es scheint, dass die überzogenen Forderungen aus der Identitätsideologie viele Wähler in die Arme dieser Gruppierungen treiben, Bürger, die sich durch den Druck aus dieser Richtung überfordert und bedroht fühlen.

Mounk beschreibt fünf Hauptelemente der Identitätssynthese:

1. Standpunkttheorie: Personen aus verschiedenen (z.B. ethnischen) Gruppen können einander nie wirklich verstehen. Daraus folgt, dass sich die vergleichsweise Privilegierten den Behauptungen und Forderungen der Minderheiten beugen müssen. 

2. Kulturelle Aneignung: Gruppen verfügen über ein kollektives Eigentum an ihren Kulturprodukten, von Kleidungsstücken bis zu Essenszubereitungen. Menschen, die anderen Gruppen angehören, dürfen solche Produkte nur mit Einschränkungen benutzen. 

3. Beschränkungen der Redefreiheit: Der Staat soll dafür sorgen, dass keine Fehlinformationen und hasserfüllte oder vorurteilsbeladene Äußerungen verbreitet werden. 

4. Progressiver Separatismus: Die Menschen sollten motiviert werden, sich mit den ethnischen „rassischen“, religiösen, sexuellen und geschlechtlichen Gruppen zu identifizieren, denen sie angehören.  Sie sollten sich zusammenschließen und ihre Gruppenidentität stärken, um sich politisch besser gegen Ungerechtigkeiten wehren zu können.

5. Identitätssensible Politik: Da es sozioökonomisch benachteiligte Gruppen gibt, muss der Staat die Unterprivilegierten bevorzugen. Es soll der Staat also Menschen je nach ihrer Gruppenzugehörigkeit unterschiedlich behandeln. (S. 176-177)

Diese programmatischen Forderungen sind an sich nicht unvernünftig. Unrecht und Ungerechtigkeiten sollen beseitigt werden, das sollten die dominanten Gruppen einsehen und Korrekturen unterstützen, damit die Gesellschaft als Ganze mehr Stabilität gewinnt. Werden diese Forderungen allerdings zugespitzt und beladen mit ideologischen Ansprüchen vorgebracht, erzeugen sie Widerstand und Gegenforderungen. Dazu kommt, dass durch jede Verabsolutierung Widersprüche und Ungereimtheiten erzeugt werden, die nur zu Konflikten führen können. Wenn z.B. die Redefreiheit eingeschränkt werden soll, um Minderheiten zu schützen, gehen wichtige Elemente für demokratische Diskurse verloren, was zu Verunsicherung und Abwehr führt. Es kann auch keine Lösung darin liegen, dass sich die unterschiedlichen Gruppen dauerhaft voneinander abschotten („progressiver Separatismus“), um die Identifikation mit ihrer Identität zu verstärken. Denn aufgerichtete Grenzen vermehren das Misstrauen und verhindern die Verständigung zwischen den einzelnen Gruppen. Die Gruppenidentitäten verfestigen sich (z.B. als Angehöriger einer Nation), und die übergeordneten Identitäten verlieren an Attraktivität (z.B. als Angehöriger der Menschheit).

Die Ideologie bewirkt, dass die berechtigten Anliegen, die sie vertritt, den Widerstand verstärkt, den bestimmte Kreise der Gesellschaft ohnehin gegen solche Änderungen haben. Der Druck, der mit der Ideologie der Identität aufgebaut wird, erzeugt Angst und Abwehr, die wiederum zur Radikalisierung der Gegenpositionen führen. Je radikaler die Forderungen vorgebracht werden, desto hartnäckiger wird der Widerstand dagegen, der sich durch die Bedrohung im Recht oder sogar in der Pflicht fühlt.

Die Standpunktepistemologie

Ein wichtiges Element der Identitätssynthese stellt die Standpunkttheorie dar, auf die ich genauer eingehen möchte. Damit ist gemeint, dass der eigene Standpunkt die Erkenntnis bestimmt. Der Standpunkt (die Perspektive) wiederum bestimmt durch die eigene Identität, die einer Gruppe zugeordnet werden kann, z.B. weiße Mittelklasse oder schwarze Unterschicht. Es ist klar, dass der eigene soziale Hintergrund sowie die Position, an der man sich gerade befindet, die Wahrnehmung und die Interpretation der Wirklichkeit beeinflussen.  Das sind einfache Grundlagen der Erkenntnistheorie, in der spätestens seit Immanuel Kant klar ist, dass jede Erkenntnis subjektiv ist. Die Standpunkttheorie geht darüber hinaus, indem deren Autoren behaupten, dass die Informationen, die am Standpunkt gesammelt werden, nicht (oder nicht zureichend) an Menschen, die sich an anderen Standpunkten befinden, kommuniziert werden können. Wer als Schwarzer in einem schwarzen Wohnbezirk lebt, sieht die Wirklichkeit anders als jemand, der nicht dort wohnt. Wie er die Wirklichkeit erlebt, kann nur jemand nachvollziehen, der die gleiche Hautfarbe hat und auch dort lebt. Das führt z.B. zur Auffassung, dass ein Roman, den jemand von diesem Standpunkt aus schreibt, nur von jemandem übersetzt werden kann, der diesen Standpunkt teilt. Die Person muss also schwarz sein und in einer ähnlichen Wohnumgebung leben.

Das klingt wie eine willkürliche und absurde Einschränkung, denn Menschen verfügen über die Fähigkeit, sich in die Situation von anderen Menschen hineinzuversetzen, sie können sogar den Standpunkt anderer übernehmen. Außerdem sind sie in der Lage, über alles zu kommunizieren, auch wenn sie nicht immer verstehen, was gemeint ist. Wird die Kommunikation in einer guten Atmosphäre weitergeführt, kann das, was nicht verstanden wurde, aufgeklärt und verständlich gemacht werden. Es scheint, als wollten die Vertreter der Standpunkttheorie mit der Theorie der unvollständigen Kommunizierbarkeit standpunktgemäßer Informationen die praktischen Implikationen, die sie daraus ziehen, untermauern. Denn sie behaupten, dass die nicht-kommunizierbaren Erkenntnisse dennoch zur Grundlage für politische Entscheidungen genommen werden müssen.

Wenn wir vier Grundbehauptungen der Standpunkttheorie näher betrachten, zeigen sich die Verkürzungen, auf denen sie beruhen:

1. Alle Mitglieder unterdrückter Gruppen haben wichtige Erfahrungen gemeinsam.

2. Aufgrund dieser Erfahrungen verfügen die Mitglieder solcher Gruppen über eine spezielle Einsicht in das Wesen ihrer Unterdrückung und darüber hinaus.

3. Die Gruppenmitglieder können ihre Erfahrungen an Außenstehende nicht vollständig mitteilen. 

4. Politische Forderungen, die aus diesen Erfahrungen resultieren, sollten von Außenstehenden unterstützt werden, auch wenn sie von ihnen nicht verstanden werden. (S. 185)

Diese vier Annahmen haben zwei Sachen gemeinsam: Sie erscheinen intuitiv richtig und sie halten einer genaueren Prüfung nicht stand. 

Ad 1.: An einem Beispiel: Feministische Autoren meinen, dass Frauen eine besondere Perspektive auf die Kindererziehung haben, weil sie seit Jahrtausenden damit betraut sind. Das stimmt natürlich, lässt sich aber nicht verallgemeinern.  Erstens haben nicht alle Frauen Erfahrungen mit der Kindererziehung gemacht, weil nicht alle Frauen Kinder bekommen haben. Zweitens machen auch Männer, die Alleinerzieher sind, entsprechende Erfahrungen wie Frauen. Und Frauen machen unterschiedliche Erfahrungen bei der Kindererziehung, je nachdem, welcher Kultur sie angehören, ob sie alleine sind, ob sie mehrere Kinder haben usw. Es gibt also eine Vielzahl von Erfahrungen, aber nicht so etwas wie einen Kernkanon an Erfahrungen, den alle Frauen teilen und an dem die Männer nichts verstehen können.

Es trifft auf alle Gruppen von Benachteiligten zu, dass sie nicht homogen sind und deshalb ein breites Spektrum an Erfahrungen beinhalten und nicht einen Kern, den alle teilen. Es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten, die beide berücksichtigt werden müssen, wenn diese Phänomene verstanden werden sollen. 

Ad 2.: Auch wenn eine Gruppe über Erfahrungen verfügt, die die Angehörigen anderer Gruppen nicht teilen, folgt daraus nicht zwingend, dass sie ihre eigenen Erfahrungen besser verstehen und einordnen können als Außenstehende. Die Unterdrücker wissen üblicherweise genau so gut wie die Unterdrückten, wie die Unterdrückung funktioniert, sonst würden sie sie nicht so perfide anwenden können. Dazu kommt, dass die Unterdrückten oft wenig Zugang zu Bildung und Bildungsinstitutionen haben, sodass die Zusammenhänge der Unterdrückung nur selten von den Unterdrückten aufgezeigt wurden, sondern meistens von Angehörigen der oberen Gesellschaftsschichten, wie z.B. Karl Marx und Friedrich Engels.

Ad 3.: Verständlich ist, dass jemand, der nie Opfer eines sexuellen Missbrauchs war, das Ausmaß des Leides ermessen kann, das die Betroffenen tragen müssen. Es ist aber nicht notwendig, die Gefühle und Belastungen im Detail zu kennen, um die Schrecklichkeit solcher Verbrechen zu verstehen und gegen jede Form des Missbrauchs aufzutreten. Es leuchtet jedem Menschen mit einem intakten moralischen Empfinden ein, dass Missbrauch eine schwere Verletzung der menschlichen Würde darstellt und unterbunden werden muss. Es ist also nicht die Eigenerfahrung als Opfer notwendig, um den Opfern beistehen zu können, sondern die einfache Übung der Empathie, zu der jeder Mensch Zugang hat oder haben sollte. 

Ad 4.: Hier entsteht aus der Kette der Schlussfolgerung ein Machtanspruch. Die Angehörigen von unterprivilegierten Minderheiten oder Opfergruppen reklamieren nicht nur für sich, dass sie niemand Außenstehender verstehen kann, sondern auch, dass die anderen ihre politischen Forderungen unterstützen müssen, auch und gerade weil sie sie eben nicht verstehen könnten. 

Allerdings wissen wir, dass niemand für eine Sache eintreten will, die nicht verstanden wird, noch weniger für eine Sache, die man angeblich gar nicht verstehen kann. Der Appell der Benachteiligten, dass die Bevorzugten für sie eintreten sollen, gerät durch die Zumutung, dass der Grund für das Eintreten wegen des fehlenden Standpunktes nicht verstanden werden kann, zur Willkür. Und Willkür erzeugt Misstrauen und Abwehr. Wer einer Opfergruppe angehört, hätte dann jedes Recht, jede Form der Widergutmachung, die ihm angemessen erscheint, einzufordern, ohne dass darüber ein Diskurs stattfinden kann, weil ja nur eine Seite das Unrecht und den Schaden ermessen kann.

Klarerweise stoßen an sich gerechtfertigte Forderungen auf wesentlich mehr Widerstand, wenn sie mit den Begründungen der Standorttheorie vorgetragen werden. Damit erweisen die Vertreter dieser Theorien ihren eigenen Anliegen einen Bärendienst. Statt dass berechtigte Forderungen geprüft und gebilligt werden, wird durch die Radikalität der Forderungen bewirkt, dass möglichst viele Menschen dagegen sind; dann stellt sich die Erfahrung ein, dass wieder fast alle gegen die Minderheit sind, und der Opferstatus sowie der postmoderne Pessimismus ist bestätigt und verschärft.

Angriffspunkt für Rechte und Rechtsextreme

Die Standpunkttheorie erweist sich damit als wirksamer Köder für die Aggressionen der Rechtsparteien und der rechtsextremen Gruppierungen, die nicht wollen, dass bestehende Privilegien und eigene Freiheitsrechte beschnitten werden. Auf diese Weise wird der Konflikt zwischen links und rechts von beiden Seiten befeuert, statt Wege der Verständigung zu finden. 

Die Standpunktepistemologie bietet also einen reduzierten erkenntnistheoretischen Rahmen und verbindet ihn mit politischen Machtansprüchen. Dieser Ansatz ist nicht nur kurzschlüssig, sondern auch selbstdestruktiv, weil er in einer offenen Gesellschaft fast automatisch Widerstand hervorruft. 

Dazu kommt, dass mit dem Ableiten von Handlungsanweisungen aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und mit der Übersetzung in ein politisches Wunschprogramm der Raum der Theorie verlassen wird. An diesem Punkt wir unversehens aus der Theorie eine Ideologie. Beispiel dafür ist der Marxismus, für den Karl Marx umfassende theoretische Studien betrieben hat und daraus die Forderung abgeleitet hat, dass die kapitalistische Gesellschaft revolutionär umgestürzt werden muss. Diese Forderung wurde von den Anhängern und Nachfolgern von Marx als unumstößliche Notwendigkeit angesehen und deshalb z.B. in Russland mit äußerster Brutalität durchgesetzt. Es ist ein tragisches Missverständnis zu glauben, dass das Niedermetzeln von „Klassenfeinden“ durch wissenschaftliche Erkenntnisse gedeckt wäre.

Wissenschaftliche Wahrheitsfindung und politische Entscheidungsfindung

Vielmehr muss klar sein, dass bei jeder Praxisfolgerung aus Theorien vom wissenschaftlich-theoretischen Parkett auf das politische gewechselt wird. Hier herrschen andere Gesetzmäßigkeiten und Wahrheiten. Denn für die Umsetzung von theoretisch analysierten Missständen gibt es immer verschiedene Wege, Maßnahmen und Methoden. 

Beispielsweise haben die Wissenschaften erkannt, dass die CO2-Emissionen der letzten zwei Jahrhunderte und vor allem der letzten Jahrzehnte den Klimawandel stark beeinflusst haben. Die politische Forderung, z.B. Kohlekraftwerke zu schließen oder CO2-Abgaben einzuführen, folgt nicht direkt aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern erfordert politische Entschlüsse durch die zuständigen Gremien. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten als Entscheidungsgrundlagen verwendet werden, bieten aber keine direkten Anleitungen zur praktischen Umsetzung. Wird diese Grenze missachtet, verwandelt sich die Theorie in eine Ideologie. Sie kann zwar von vielen übernommen werden, wird aber meist viel zu schnell mit Wahrheitsansprüchen befrachtet, die nicht verifiziert und auch nicht falsifiziert werden können. Menschen mit wenig Bezug zu den Wissenschaften und zur Wissenschaftstheorie verwechseln oft Ideologien mit begründeten Wahrheiten und vertreten sie dann entsprechend vehement und kompromisslos. Ideologische Konflikte sind in der Regel fruchtlos und furchtbar, weil es keine objektiven Kriterien von Richtig und Falsch gibt. Es handelt sich um den Zusammenprall von Glaubensannahmen, die für die Beteiligten mit tiefen Überlebensprogrammen verknüpft sind und deshalb emotional schwer aufgeladen sind.

Die wissenschaftliche Wahrheitsfindung funktioniert nur innerhalb der Wissenschaften. In der politischen Praxis geht es um Prozesse der Willensbildung, die anderen Gesetzmäßigkeiten folgt. Die Regeln der Willensbildung und Entscheidungsfindung müssen in Demokratien zwischen den einzelnen Interessensgruppen ausgehandelt werden. Diese Zusammenhänge wurden zwar auch schon wissenschaftlich erforscht, aber die entsprechenden Forschungsergebnisse können wiederum nicht als Ersatz, sondern nur als Hilfsmittel für politische Entscheidungen dienen. Ideologien hingegen behindern jeden rationalen demokratischen Diskurs, weil sie von ungeklärten Emotionen angetrieben sind. Für Streit ist gesorgt, ohne Hoffnung auf Lösungen.

Quelle: Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität.  Der Aufstieg einer gefährlichen Idee. Stuttgart: Klett-Cotta 2024 – engl. Original: The Identity Trap 2023


Dienstag, 31. Dezember 2024

Identitätsideologie als Gefahr für die Demokratie

Inklusion, Antirassismus, Frauenrechte, Toleranz und Gleichbehandlung sind Leitinhalte für den Fortschritt in der Humanität, wie er spätestens seit der Aufklärung verstanden wird. Eine menschliche und menschenwürdige Gesellschaft muss möglichst vielen Menschen einen sicheren Raum für die Entfaltung ihrer Individualität bieten. Jede Person soll so leben können, wie sie will und wie es für sie gut ist, und soll dafür geachtet werden, solange nicht die Grenzen anderer Personen verletzt werden. So lautet das Credo der Liberalität und das soziale Programm der Moderne ist daraus abgeleitet. Eine moderne Gesellschaft schließt möglichst viele unterschiedliche Lebensformen mit ein und gewährt ihnen Rechte und Sicherheiten, während eine vormoderne Gesellschaft durch Vorurteile, willkürliche und gewaltsame Ausgrenzungen, durch strikte Über- und Unterordnung, Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten gekennzeichnet ist. 

Der Fortschritt in der Toleranz und in der Ermöglichung von Freiheit ist spätestens seit dem Ende des Mittelalters, ausgehend von West- und Mitteleuropa weltweit im Gang.  Es herrscht in vielen Ländern Glaubens- und Religionsfreiheit, Minderheiten genießen Schutz, verschiedene sexuelle Orientierungen werden geachtet usw. Es gibt Länder, die in dieser Entwicklung weit hinten nachhinken, und es sind immer wieder Bewegungen aufgetreten, die diese Entwicklung  bekämpfen und zurückschrauben wollen, z.B. die faschistischen Ideologien im 20. Jahrhundert oder das Modell der illiberalen Demokratie nach Viktor Orbán in Ungarn. Aber auf lange Sicht betrachtet, setzt sich die Freiheitsidee immer wieder gegen alle Widerstände durch. Wir können also mit einigem Recht behaupten, dass Hegels Optimismus in Bezug auf den Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit Bestätigung in den Entwicklungen der letzten beiden Jahrhunderte findet.

Eine aktuelle Verwerfung und Verzerrung dieser Bestrebungen hat der Politikwissenschaftler Yasha Mounk als Identitätssynthese gekennzeichnet und in seinem jüngsten Buch Im Zeitalter der Identität.  Der Aufstieg einer gefährlichen Idee beschrieben. Diese Strömung ist vor allem in den USA sehr wirksam und hat in den letzten Jahren weite Bereiche der den Demokraten nahestehenden linksintellektuellen Szene beeinflusst. Da viele kulturelle Entwicklungen mit Zeitverzögerung aus den USA nach Europa exportiert werden, lohnt es sich, dieses Phänomen näher zu betrachten. Es hat seine Hintergründe in verschiedenen Bereichen der sozialen Unterdrückung, vor allem durch Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Kolonialismus.

Postkoloniale Philosophie

Zu den Begründern dieser Ideologie zählen Edward Said und Gayatri Chakravorty Spivak. Sie sind postkoloniale Denker – Said mit palästinensischer und Spivak mit indischer Herkunft. Said erklärte in seinen Studien die Art und Weise, wie westliche Autoren den Orient beschrieben haben, als Formen der Machtausübung und der kolonialen Unterdrückung. Er rief zur Diskursanalyse nach Michel Foucault auf. Damit ist gemeint, dass die Hintergründe von jedem Wissens, das erworben und verbreitet wird, durch politische Macht, z.B. durch den Kolonialismus, beeinflusst sind. Die Verbreitung des Wissens stärkt dann die Macht. Wenn diese Hintergründe analysiert werden, gelingt es, sich dieser Macht zu entziehen und das machtgeprägte, z.B. koloniale Denken zu schwächen. 

Spivak beschäftigte sich in ihren Literatur- und Philosophiestudien mit den westlichen Klischeebildern von der Zurückgebliebenheit der östlichen Kulturen gegenüber dem Westen. Obwohl es kaum noch Kolonien gibt, wirke der Kolonialismus in den mentalen Konstrukten weiter. Die daraus gebildeten Identitäten, die darüber Auskunft geben sollen, was ein dunkelhäutiger, östlicher Mensch gegenüber einem weißhäutigen, westlichen wäre, sind nach wie vor maßgebend und führen zur Aufrechterhaltung der Unterdrückung. Die dominierten Gruppen sollten dagegen ein Gruppengefühl (Wir-Gefühl) finden, aus dem heraus sie ihre eigene (statt einer zugeschriebenen) Identität entwickeln können. Auf der Grundlage dieser Identitätspolitik entstehen politische Forderungen z.B. nach Anerkennung, Ausgleich der Unterdrückung, Änderungen in Bildungsprozessen usw. Ein Instrument dieser Politik stellt die „positive Diskriminierung“ (auch: affirmative action) dar, bei der die negative Benachteiligung durch eine gezielte Bevorzugung ersetzt werden soll. Die unterdrückte Minderheit soll also besondere Vorteile gewährt bekommen.

Strategischer Essentialismus

Spivak hat den Begriff des strategischen Essentialismus in die Debatte eingebracht, mit dem ein Widerspruch der Identitätspolitik überwunden werden soll. Viele Wesenszuschreibungen wurden und werden zur Diskriminierung verwendet, z.B. die Abwertung von Frauen als intellektuell weniger begabt als die Männer. Damit die Macht solcher von den Mächtigen zur Absicherung ihrer Macht vorgenommenen Zuschreibungen gebrochen werden kann, sollen sich die Unterlegenen ihrer Identität besinnen und sie in der eigenen Gruppe bestärken: Frauen schließen sich in feministischen Kreisen zusammen und stellen ihre selbstgebildete Identität der zugeschriebenen entgegen. Allerdings handelt es sich wiederum um eine Wesensbeschreibung: „Frauen sind intelligent“.  In der Realität gibt es unter den Frauen, wie auch unter den Männern, intelligentere und weniger intelligente. Es gibt also keine Essenz, kein Wesen der Männer und der Frauen, sondern nur Annahmen, Konstrukte darüber, wie Männer und wie Frauen sind. Jede Annahme führt zu verzerrten Wahrnehmungen und damit zu sozialen Konflikten. Deshalb müssen Wesensbegriffe einer Diskusanalyse unterzogen und aufgelöst werden. Andererseits gelingt die Emanzipation, also die Befreiung von Zuschreibungen, nur über die Ausbildung einer Identität, die aus strategischen Gründen, also zur Durchsetzung von politischen Forderungen gebildet werden muss. Die Erkenntnisse über die Mechanismen der Unterdrückung können dort am besten gewonnen werden, wo die Gruppe unter sich ist, also wo die Sichtweisen der Unterdrücker möglichst ausgeschlossen sind (vgl. die Standorttheorie, die im nächsten Blogartikel erläutert wird). Solange die Unterdrückung weiter besteht, bräuchte es solche sicheren Orte für die Wissensgewinnung und für die Ausformung von politischen Strategien.

Die Identitätssynthese 

Mounk versteht unter der Identitätssynthese ein Konglomerat aus Ideen und intellektuellen Traditionen: „Es kreist um die Rolle, die Kategorien der Identität wie ‚Rasse‘, Gender und sexuelle Orientierung in unserer heutigen Welt spielen.“ (Mounk S. 29) 

Mounk kennzeichnet die Identitätssynthese mit sieben Haltungen:

1. Skepsis gegenüber der objektiven Wahrheit 
2. Diskursanalyse ausschließlich für politische Ziele
3. Identitätskategorien dürfen essentialistisch sein, wenn das politischen Strategien hilft.
4. Pessimismus bezüglich der westlichen Gesellschaften 
5. Unterstützung von Institutionen, in denen die Behandlung entsprechend der Gruppe erfolgt
6. Intersektionale Form des politischen Aktionismus 
7. Skepsis zu Verständigung zwischen unterschiedlichen Identitätsgruppen (S. 95f)

Skepsis und Pessimismus

(ad 1 und 4): Mit dem Stichwort Postmoderne werden die philosophischen Schulen der Dekonstruktion bezeichnet:  Etablierte Konzepte werden auf ihre sozialen Prägehintergründe durchleuchtet, damit der Raum für neue Sichtweisen geschaffen wird. Ein Hauptvertreter dieser Richtung, der französische Philosoph Michel Foucault, lehnte jede Form von objektiver Erkenntnis ab. Der jeweilige Standpunkt, von dem die Erkenntnis ausgeht, ist von sozioökonomischen Faktoren geprägt, die immer nur zu einem Teil analysiert und reflektiert werden können.  Jeder Anspruch auf objektive Erkenntnis wäre wieder nur ein Machtanspruch. 

Im Zusammenhang mit dieser Skepsis gegenüber objektiven Wahrheiten ist das Denken von Foucault auch von einem Pessimismus bezüglich der westlichen Gesellschaften geprägt, in denen es nach seiner Meinung keinen Fortschritt in der Bewusstseinsentwicklung, im Moralverständnis oder in der Verbesserung von ungerechten sozialen Strukturen geben kann. Vielmehr gebe es nur die Illusion von Fortschritten, die sich bei näherer Betrachtung als Täuschung herausstellen. Die Illusion befördert dann wiederum das Festhalten an nicht erkannten Machtprivilegien.

(ad 5): Der Staat soll benachteiligte Gruppen besonders unterstützen. Wie oben beschrieben, wird die „positive Diskriminierung“ zur Aufhebung von Unterdrückung gefordert. Allerdings hat die Bevorzugung einer Gruppe in der Regel die Benachteiligung anderer Gruppen zur Folge, und damit ist der Nährboden für soziale Konflikte gelegt. Denn sobald eine Gruppe Vorrechte bekommt, melden sich die anderen und fordern die gleichen Rechte. So einleuchtend es erscheinen mag, dass Benachteiligte mehr Unterstützung brauchen als Besserstehende, so sorgfältig muss darauf geachtet werden, dass andere Diskriminierungen vermieden werden. 

Mit Intersektionalismus ist gemeint, dass sich verschiedene Formen der Unterdrückung gegenseitig verstärken, z.B. dass schwarze Frauen wegen ihres Geschlechts und wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt werden. Deshalb sollten die Mitglieder von politischen Bewegungen umfassend gegen Diskriminierungen auftreten. Oft werden dann Anliegen mitvertreten, die nicht in den eigenen Bereich gehören, wie z.B. Greta Thunberg, die als Vertreterin der Klimabewegung Im Gazakrieg für die Palästinenser Stellung bezogen hat. Die Autorität, die in einer Thematik erworben wurde, wird in andere Bereiche übertragen, obwohl Sachkompetenz und politische Erfahrung fehlen. Die Anhängerschaft greift die Anliegen häufig mit ihrem Engagement auf, ohne die Sachverhalte näher zu prüfen.

(Ad 7): Die Plausibilität dieser These ruht hier auf der Tatsache, dass Betroffene besser Bescheid über ihre Situation haben als Außenstehende. Dennoch kann auch dieser Punkt zu Missverständnissen führen, die im nächsten Blogbeitrag näher beleuchtet werden. 

Die Dehnungen von klassischen liberalen Forderungen auf radikalere und extremere Sichtweisen, wie sie in der Ideologie der Identitätssynthese nach Mounk auftreten, können einerseits die Sensibilität vor allem bei den betroffenen Randgruppen oder Benachteiligten verstärken, wirken aber andererseits als Treibstoff für soziale und politische Konflikte. Es hilft beim Verstehen des Erstarkens der Rechtsparteien, die gegen alles „woke“ und Liberale polemisieren, dass die Ambivalenz und Radikalität der Identitätsideologie Ängste und Abwehrreaktionen auslösen – Wasser auf die Mühlen sowohl der Konservativen wie der Rechts- und Rechtsextremparteien. 

Damit wird es schwieriger, die berechtigten Anliegen der emanzipativen Bewegungen in der Demokratie durchsetzbar zu machen. Denn die Mehrheiten liegen in den meisten Fällen bei denen, die die Überlegenheitspositionen innehaben, und nur dann auf Einfluss und Macht verzichten wollen, wenn sie sich über den gesamtgesellschaftlichen Nutzen sicher sein können. Und dazu liefert die Ideologie der Identitätssynthese keine Unterstützung.  

Quelle: Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität.  Der Aufstieg einer gefährlichen Idee. Stuttgart: Klett-Cotta 2024 – engl. Original: The Identity Trap 2023

Zum Weiterlesen:
Die Standpunkttheorie und ihre Schwächen


Mittwoch, 10. April 2024

Leitkultur - ein Unding

„Als Österreicherinnen und Österreicher sind wir stolz auf unsere österreichische Identität: Auf unsere liberale Demokratie, christliche Werte, Traditionen und Bräuche.“ Der Satz, der als Einleitung zur Diskussion über eine „Leitkultur“ in Österreich gedacht ist, verdient nähere Betrachtung, schließlich stammt er von Christian Stocker, dem Generalsekretär der stärksten Partei im österreichischen Parlament und der Partei, die aktuell den Bundeskanzler stellt. 

Es beginnt schon damit, dass es immer problematisch ist, wenn sich jemand als Sprecher der Allgemeinheit ausgibt, ohne dafür legitimiert zu sein. Herr Stocker ist Sprecher einer politischen Partei, die die Interessen ihrer Wählerschaft vertritt, aber nicht Sprecher aller Österreicherinnen und Österreicher. Er könnte höchstens beginnen mit: „Als ÖVP-Mitglieder und –Anhänger...“. Da er das nicht tut, begeht er einen höchst problematischen Übergriff. Alle Staatsbürger, die der Aussage nicht zustimmen können, müssten sich distanzieren und die Frechheit anprangern, mit der sie für politische Zwecke missbraucht wurden. 

Es wird behauptet, dass, wer Österreicher oder Österreicherin ist, stolz ist auf die österreichische Identität, daraus würde folgen, dass jene, die nicht (nur) stolz sind, sondern auch erkennen, was faul ist in diesem Land, nicht dazugehören oder nur mangelhafte Staatsbürger sind. Wer kritisiert, kann ja gleich gehen und sich anderswo eine Bleibe suchen. Wir sind nicht einfach stolz, wenn wir stolz sind, sondern haben auch stolz zu sein, so als gehörte dieser Stolz zum Österreichersein wie die Geburtsurkunde. Diesen Stolz nicht zu teilen, ist ein Ausschlussgrund vom Österreichersein. Wer nicht nur nicht stolz ist, sondern sich vielmehr schämt für vieles, was in unserem Land abläuft und eigentlich eine Schande ist, hat nach Stockers Aussage die Zugehörigkeit verwirkt. 

Identität

Der Stolz bezieht sich auf „unsere österreichische Identität“. Unter Identität versteht man wohl das, was einen Österreicher zum Österreicher macht. Das ist natürlich eine spannende Frage, auf die es vermutlich so viele Antworten gibt, wie es Österreicher und Österreicherinnen gibt.

Im Zitat werden vier Suchfelder genannt, in denen diese Identität gefunden werden könne: liberale Demokratie, christliche Werte, Traditionen und Bräuche.

Liberale Demokratie und christliche Werte

Gegen die liberale Demokratie gibt es aus meiner Sicht wenig einzuwenden, sie ist mir jedenfalls lieber als eine illiberale Demokratie, die wie in Ungarn als Deckmantel für eine Kleptokratie (eine Herrschaftsform der Diebe und Korrupten) dient. Eine liberale Demokratie ist dadurch ausgezeichnet, dass alle Werthaltungen toleriert werden und alle Menschen- und Freiheitsrechte gelten. Deshalb kann sie nicht mit „christlichen Werten“ gleichgesetzt werden. Diese haben einen Platz im Sinn der Meinungs- und Religionsfreiheit, aber können keinen prominenteren Rang beanspruchen als andere religiöse und nichtreligiöse Orientierungen und daraus abgeleitete Wertordnungen. Zwar bekennen sich ca. zwei Drittel der Österreicher zu einer christlichen Religion, das heißt aber auch, dass sich ein Drittel nicht mit dieser religiösen Orientierung identifiziert. Dazu kommt noch, dass voll unklar ist und ein Feld vielfältiger Diskussionen darstellt, was überhaupt unter „christlichen Werten“ zu verstehen wäre und was nicht. Da sind sich nicht einmal die verschiedenen christlichen Kirchen einig. Außerdem ist es äußerst problematisch, christliche Werte für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Entweder haben wir eine liberale Demokratie oder eine christliche; eine liberale Demokratie, die auf christlichen Werten beruht, ist in einem Zeitalter der Säkularisierung und der Trennung von Staat und Kirche ein Widerspruch in sich. 

Traditionen

Jede aktuelle Gesellschaft ist das Produkt vielfältiger Traditionen, die meist an der Oberfläche bekannt und bewusst sind und deren emotionale Ladungen im Unbewussten schlummern, aufgeladen von kollektiven Traumen. Es wäre also empfehlenswert, sich diese Anteile und Antriebe bewusst zu machen, bevor bestimmte Traditionen in eine Leitkultur aufgenommen werden.  Sonst ist diese Kultur ein Produkt der in ihr wirkenden unbewussten Strömungen und damit ein höchst unsicheres Fundament für eine Gesellschaft. 

Die nächste Frage, die sich stellt, heißt, welche Traditionen hier gemeint sind. Es gibt eine Reihe von Traditionen, die höchst wirksam sind und zur österreichischen Identität gehören, wenn man so will, die ich aber für sehr problematisch halte, z.B.:

Die Tradition der Frauenverachtung

Die Tradition der Obrigkeitshörigkeit 

Die Tradition der Fremdenfeindlichkeit 

Die Tradition des Antisemitismus

Die Tradition des Deutschnationalismus

Die Tradition der aggressiven Abwertung jeder Form von moderner Kunst

Die Tradition des aggressiven Autofahrens und der Fetischisierung dieser Fortbewegungsart

Es wäre also sehr wichtig, zuerst klarzustellen, welche Traditionen überwunden und verabschiedet werden müssten, damit überhaupt so etwas wie eine österreichische Leitkultur diskutiert werden kann. Natürlich gibt es in Österreich auch Traditionen der Mitmenschlichkeit, des Widerstandes gegen Willkür, der Aufklärung und der Emanzipation, Traditionen der Multikulturalität aus einem Vielvölkerstaat, der religiösen Toleranz seit dem Toleranzedikt von Kaiser Joseph II., der sozialstaatlichen Verantwortung seit den ersten Sozialgesetzen und der Friedensstiftung seit der Neutralität und dem Engagement in der UNO sowie des Naturschutzes und des ökologischen Bewusstseins (z.B. bei der Mülltrennung). 

Wir verfügen also über eine reichhaltige Bandbreite an Traditionen, von denen einige entsorgt werden sollten und andere gestärkt werden müssten, um den Anforderungen einer liberalen Demokratie gerecht zu werden. All diese Traditionen schlagen sich in der heutigen Verfasstheit des Österreicherseins nieder. Wer aber kann sich anmaßen, diese Vielfalt auf irgendeinen sinnvollen Nenner zu bringen, wie er für eine Leitkultur notwendig wäre? 

Bräuche

Viele herkömmliche Bräuche der österreichischen „Volkskultur“ (ebenfalls ein problematischer Begriff) sind mit dem Trinken von Alkohol, dem Essen von fetten Fleischgerichten und dem Verzehr von zuckerreichen Mehlspeisen geprägt – eine Kultur, die viele Ernährungsexperten als gesundheitsschädlich einstufen. Soll das Leitbild zu ungesunder Lebensweise verpflichten?

Selbst das Brauchtum ist keine feststehende Größe, sondern befindet sich in permanenter Entwicklung. Angeregt durch die Konsumwirtschaft, werden immer mehr Brauchtümer aus der englischsprachigen Welt übernommen, wie z.B. der Valentinstag oder Halloween. Andere Brauchtümer werden, wie auch in vielen anderen Ländern, vor allem für den Tourismus hochgehalten. Wieviele Österreicher beherrschen wohl das Schuhplatteln? Viele sicher nicht; müssen alle nachlernen, wenn die  ÖVP-Leitkultur in die Verfassung kommt? Muss Mann hinkünftig Lederhosen mit Trachtenjanker tragen und Frau mit dem Dirndl ins Büro fahren?

Manche Landstriche in Österreich haben diese und andere wieder andere Bräuche, die mehr oder weniger intensiv gepflogen werden. Müssen nach ÖVP- Vorstellung alle Orte einen Maibaum und einen Christbaum haben? Müssen die Ostereier von Hühnern stammen oder dürfen sie aus Schokolade und Marzipan sein? Auch das Brauchtum ist vielgestaltig und in Bewegung und lässt sich nicht festschreiben.

Wozu überhaupt eine Leitkultur?

Ich verstehe Kultur als lebendigen und veränderungsreichen Prozess der Selbstdefinition einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Kulturen halten sich nicht an Staatsgrenzen, sondern leben vom Austausch mit anderen Kulturen. Was gestern ein unverzichtbarer Teil der Kultur war, kann übermorgen völlig vergessen sein. Jedes Mitglied der Gesellschaft hat eine andere Beziehung zur Kultur und verändert diese fortlaufend. Kultur ist also das jeweilige Ergebnis der Aktionen aller Teilnehmer des Kulturraumes, in den alle diese individuellen Beiträge einfließen und daraus ein größeres Ganzes bilden.

Eine Leitkultur soll offenbar in dieser beweglichen Landschaft Straßen einbetonieren, anhand derer sich die Menschen fortbewegen sollen. Die Leitkultur soll kontrollierbar und überprüfbar machen, wer sich auf dieser Straße bewegt und wer nicht. Es gibt dann Leitkulturleiter, die diese Straßen vorschreiben und Leitkulturwächter, die Sanktionen für abweichendes Verhalten verhängen – eine schreckliche Vorstellung für alle, die Kultur mit Freiheit, Gestaltung und Kreativität verbinden.

Wenn überhaupt eine Leitkultur gefragt wäre, ist es abwegig, die Aufgabe der Formulierung gerade einer politischen Partei zu überlassen. Parteien haben ihren Zweck darin, partikulare Interessen zu vertreten, also bestimmte Bevölkerungsgruppen zu bevorzugen und andere zu benachteiligen. Sie haben keine besonderen Kompetenzen in kulturellen Belangen. Vielmehr hätten sie genug damit zu tun, eine einigermaßen akzeptable politische Kultur zustande zu bringen.

Leitkultur und Wahlkampf

Offensichtlich ist, dass es sich bei diesem von der ÖVP ventilierten Thema um ein Wahlkampfmanöver handelt, das dazu dienen soll, den Wählerabstrom nach rechts, also zur FPÖ, zu unterbinden. Offensichtlich ist auch, dass die österreichische Leitkultur gegen eine moslemische Kultur in Stellung gebracht werden soll, obwohl diese Absicht tunlichst verschwiegen wird. Aber die Warnungen vor einer Islamisierung des Landes (der Bevölkerungsanteil der Muslime liegt bei 8 Prozent) hallen seit Jahren aus den Lautsprechern der Propaganda der Rechtsparteien und schüren Ängste in der Bevölkerung. In diese Kerbe will offenbar die Leitkulturdebatte hineinschlagen und den ängstlichen Österreichern und Österreicherinnen eine Sicherheit suggerieren, die aber gerade aus der Kultur nicht gewonnen werden kann. Kultur gibt es nur als Prozess im Werden, der durch jede Form der Leitung und Kontrolle verhindert wird. In diesem Sinn sei der Debatte um die Leitkultur ein erkenntisreiches Scheitern gewunschen.

Leseempfehlung:
Vom Verlust der Mitte oder: Schluss mit "Leitkultur"

Dienstag, 30. November 2021

Fixierungen in der Impfdebatte

Viele, die sich nicht impfen lassen wollen, sind stark in der personalistischen Haltung verankert. Von dort nehmen sie die Sicherheit und den Gegenhalt gegen das ethische Solidaritätsargument, das im vorigen Blogartikel besprochen wurde und das von der systemischen Ebene stammt. Es geht ihnen um die Rechte der Person, die über die Jahrhunderte gegen die Zugriffe der Mächtigen erkämpft wurden, um die Integrität und den Schutz vor jeder Verletzung und Intrusion. Von außen darf nichts ohne ausdrückliche Zustimmung in die Sphäre der eigenen Person eindringen. Das Impfen gilt dann als abschreckendes Beispiel für eine derartige Grenzüberschreitung. Der Impfstoff dringt in den Körper ein und setzt sich dort für immer fest, das Innere ist dauerhaft kontaminiert, so die angstbesetzte Auffassung von Menschen, bei denen durch die Vorstellung der Impfung frühere derartige Traumatisierungen aktiviert werden. 

Deshalb ist es für manche Menschen einfacher und leichter, sich absichtlich anstecken zu lassen, als sich einer Impfung auszuliefern. Obwohl das Risiko bei dieser Methode der Immunisierung sehr hoch ist, schwer zu erkranken, wird dieser Weg gewählt, weil die Kontrolle bei einem selber liegt: Ich entscheide, was in mich hineinkommt und wie es in mich hineinkommen. Aus irgendeinem Grund gelten Viren in diesen Fällen als harmloser als der Impfstoff, vielleicht deshalb, weil Viren als etwas Natürliches und Impfstoffe als etwas Künstliches aufgefasst werden. 

Die innere Prüfinstanz 

Im personalistischen Denken muss alles, was als äußere Maßnahmen vorgegeben wird, mit der eigenen Innerlichkeit abgestimmt und in Übereinstimmung gebracht werden. Nur wenn es diese Prüfung besteht, wird es umgesetzt. Wenn nicht, muss dagegen Widerstand geleistet werden. Die letztgültige Instanz für alles, was mit einem geschieht, liegt im Inneren der Person. Darauf darf niemand anderer einen Zugriff haben. Wenn einem das Tragen von Masken nicht gefällt und innerlich widerstrebt und wenn dessen Nutzen nicht einsichtig ist, handelt es sich um einen Zwang, gegen den man sich zur Wehr setzen muss. Wenn einem das Impfen nicht behagt und gefährlich erscheint und der Nutzen in Zweifel gezogen wird, darf es nicht erzwungen werden, sonst wäre das Grundrecht auf die eigene innere Sphäre und den eigenen Körper verletzt.  

Die Anpassung an vorgegebene Normen erscheint wie ein Verrat an sich selbst. Das haben wir wohl alle in unserer Kindheit erlebt, meist als unbewusst ablaufender Prozess: Erwartungen und Regeln, die unsere Eltern von uns verlangt und eingefordert haben, haben uns zur Anpassung gezwungen, weil wir keine Alternative hatten. Wir mussten auf unser eigenes Spüren und Fürwahrhalten verzichten und uns verbiegen. Dieses Drama wird wiederinszeniert, wenn die Regierungen Maßnahmen verkünden, die uns zur Anpassung zwingen wollen. Nur kann es sein, dass wir die Sinnhaftigkeit solcher Regeln gar nicht genauer überlegen, sondern dass wir aus den emotionalen Verletzungen unserer Kindheit heraus reagieren, indem wir gegen den Zwang rebellieren. 

Gesellschaften brauchen immer Regeln und Normen, und wir passen uns an viele dieser Regeln an. Oft brauchen wir Zeit zum Lernen und opponieren anfangs dagegen, wie z.B. bei der Einführung der Gurtenpflicht, und irgendwann ist das neue Verhalten angenommen, läuft automatisiert ab und bereitet keine Probleme mehr. Viele haben diesen Prozess beim Maskentragen durchlaufen. Vielleicht muss es beim Impfen auch einen derartigen Prozess geben, sollte uns das Mutieren und Variieren dieses Virus noch längere Zeit in Bann halten. 

Die Angst vor dem Autonomieverlust 

Die persönliche Autonomie ist ein Hauptgewinn der personalistischen Bewusstseinsstufe, erreicht über Aufstände, Revolutionen und öffentliche Willensbildung. Sie ist ein wichtiges Gut, das vor jedem Rückfall in Fremdbestimmung und obrigkeitliches Diktat bewahrt werden muss. Deshalb ist es heikel, wenn daran gerüttelt wird, und in der Impffrage meldet sich diese Thematik bei vielen sehr vehement. Die Gesundheitsvorsorge wird als integraler Bestandteil der eigenen Autonomie verstanden, was ein wichtiger Schritt ist: Im Unterschied zur bürokratischen Bewusstseinsebene wird sie nicht der Obrigkeit oder Experten alleine anvertraut.  

Die ganze Debatte könnten wir uns ersparen, wenn es nicht um die Impfung vor einer ansteckenden Krankheit geht; Corona hat leider diese Komponente in hohem Maß und hält deshalb seit bald zwei Jahren die Welt in Atem. Damit ist die eigene Gesundheitsvorsorge untrennbar Teil der allgemeinen Gesundheitsvorsorge. Die Autonomiebestrebungen kreuzen sich mit den Solidaritätserfordernissen. Impfen oder Nichtimpfen hat unweigerlich soziale Auswirkungen und ist damit nicht mehr allein meine eigene Entscheidung, in die mir niemand dreinzureden hat. 

Die innere Intimität 

Die Intimität mit mir selber ist eine besondere Qualität, die eine große Errungenschaft der Moderne im Gefolge der Aufklärung darstellt. Das Recht auf Privatheit ist historisch gesehen ein junger Erfolg für die Freiheit des Einzelnen. Seit der 60er-Bewegung wurde dieses Recht explizit auf den eigenen Körper bezogen: „Der Körper gehört mir,“ ist ein Slogan beim Kampf um die Freigabe der Abtreibungen. Die Angst, dieses Recht zu verlieren, sitzt vielen in den Knochen und äußert sich im Kontext der Impfdebatte. 

Das ist das Credo auf der personalistischen Stufe: „Was ich spüre, stimmt und ist die unmittelbarste mir zugängliche Erfahrung. Sie nehme ich als Richtschnur für mein Handeln.“ Es gilt allerdings auch nur in diesem internen Zusammenhang. Wenn die Dinge komplexer werden, ist sie nur mehr ein Faktor unter vielen anderen, die berücksichtigt werden müssten. Für komplexere Zusammenhänge brauchen wir solide äußere Informationsquellen, die wir mit den inneren Stimmen ins Gespräch bringen. Diese Quellen sind vor allem die Einsichten und Erfahrungen der Mitmenschen und die Erkenntnisse der Wissenschaft. 

Die Chemie und die Körperidentität 

Für viele besteht eine Hemmschwelle vor dem Impfen darin, dass es eine abschreckende Vorstellung ist, technisch hergestellte Chemie in den Körper hereinzulassen. Die Impfstoffe sind nicht nur fremd, sie könnten auch giftig sein und das natürliche Gleichgewicht im Körper durcheinanderbringen und damit irreversible Schäden anrichten. Die Fantasien haben hier eine weite Betätigung, wie es bei Ängsten immer ist, und werden von selbsternannten Experten in den unterschiedlichsten Formen genährt, die von eingepflanzten Überwachungschips über geheimnisvolle chemische Formeln bis zu Minirobotern reichen, so also hätten die Impfstofferzeuger nichts anderes zu tun als irgendeinem aus der Einbildung stammenden big brother endlich den Durchbruch zur Weltherrschaft zu erlauben. 

Den eigenen Körper als Tempel anzusehen, der reingehalten werden muss, ist eine schöne Idee, aber die Realität ist komplexer. Jeder Körper, der in unserer Kultur lebt, enthält längst ein Sammelsurium von verschiedenen Chemikalien, die wir über Düngemittel, Atemluft, Zahnpasten, Waschmittel usw. in uns aufgenommen haben und laufend in uns aufnehmen. Selbst die naturnahste Lebensweise, die sich eine winzige Minderheit leisten kann, kommt ohne den Kontakt zur Chemie und zur Aufnahme von chemischen Stoffen nicht durch.  

Die Illusion der Identität 

Die Unabhängigkeit der Person, die unbeeindruckt von äußeren Einflüssen ihre Motive wählt, ihre Entscheidungen trifft und ihre Werte entwickelt, erweist sich aus der Sicht der systemischen Bewusstseinsebene als Illusion. Jeder Mensch ist zu vielen Teilen ein Produkt von permanent ablaufenden und aufs Unbewusste wirkenden Einflüssen. Es handelt sich um eine Illusion der Kontrolle. Was wir spüren an Stimmigkeit und Integrität, ist in vielen, wenn nicht in allen Fällen Resultat einer Mixtur aus Außen- und Innensteuerung aus unterschiedlichsten Quellen, ohne dass wir ihre Herkunft identifizieren können. Vieles, wenn nicht sogar alles, von dem wir meinen, es wäre auf dem eigenen Mist gewachsen, verdanken wir in Wahrheit Informationen, die uns von anderswo zugeflossen sind. In diesem Licht ist unsere Identität nichts anderes als die Summe und der Sammelpunkt vielfältiger Außen- und Innenreize, etwas, das sich mit jedem neuen Informationszufluss ändert und seine Konsistenz und Kontinuität in der Zeit in jedem Moment neu erzeugen muss.  

Die behauptete Identität beinhaltet eine Mischung aus früh geprägten Mustern und äußeren Reizen, die in Permanenz ins Innere eindringen und im Rahmen der erworbenen Muster interpretiert und verarbeitet werden. So etwas wie eine feststehende Identität gibt es nicht, sondern sie ist ein Gebilde, das im Fließen ist und sich fortwährend verändert. Das Beständige daran muss immer wieder hergestellt, bestätigt und abgesichert werden, damit ein Gefühl von Kontinuität als Person aufrechterhalten werden kann.  

Die Identität als Impfgegner, Impfskeptiker, Impfbefürworter, Impfmissionar, Impfgegnerbekämpfer, Impfanhängerbekämpfer etc. ist jeweils eine Festlegung, die aus vielen Quellen gespeist wird, von denen ein Großteil im Unbewussten schlummert und durch äußere Einflüsse gebildet wurde, die ungefiltert eingedrungen sind. Die Abwehr solcher Einflüsse ist zwar verständlich, aber naiv, weil ein Leben unter einer hermetisch abschirmenden Glasglocke nicht möglich ist. Solche Identitäten stellen Versuche dar, der Komplexität der Wirklichkeit mit einem Standpunkt zu begegnen und sie auf diese Weise zu bewältigen und handhabbar zu machen.  

Wir brauchen uns also im Grund nicht viel einzubilden auf solche Identitäten. Wir brauchen uns auch nicht zu schämen, wenn wir sie verändern – das ist ein Zeichen von Lernen, sofern die Veränderung in einer Weitung und Aufweichung besteht. Wenn wir uns zu stark auf derartige Identitäten fixieren, laufen wir Gefahr, starr und verbissen zu werden. Auf diese Weise beschneiden wir unsere Handlungsfähigkeit zu stark und verringern unsere Freiheitsräume. Wir müssen dann fortwährend die Richtigkeit und moralische Rechtfertigung unserer Position mit allen Mitteln behaupten und gegen alle Anfechtungen von innen und außen verteidigen. Wir aktivieren den Kampfmodus in übertriebenem Maß, der dann die ganze Zeit entweder im Vollbetrieb oder im Standby ist. Die spezifische Identität, in diesem Fall die jeweilige Impfidentität, wird zum emotionalen Hauptinhalt des eigenen Lebens, alles kreist um ihre Bestätigung und Absicherung. Abweichende oder anderslautende Ansichten werden abgelehnt oder ignoriert, ihre Vertreter abgewertet und angegriffen. 

An die Stelle erwachsener und sachlicher Diskussion tritt die Selbstbehauptung und der Angriff, der als Verteidigung der eigenen Identität verstanden wird. Die Fixierung auf das Credo der personalistischen Bewusstseinsebene verknüpft sich mit Überlebensprogrammen und wird undurchdringlich und unveränderbar. Wenn die verschiedenen Seiten im Diskurs auf diese Ebene gehen, entstehen die Spaltungen, von denen viel die Rede ist. Starrheit splittert und zerbricht, Identität, die nicht flüssig ist, wird zur Last und Behinderung. Starres splittert und zerbricht. Wo Starres auf Starres trifft, bildet sich ein harter Spalt. Identitäten, die nicht flüssig sind, werden zur Last und Behinderung für das eigene Wachsen und für das Öffnen der Gesellschaft. 

Leben in einer Kultur ist ein Kompromiss mit dem Natürlichen 

Im Grünen zu leben ist sicher heilsamer und gesünder als in den Städten, aber das ist weitgehend ein Privileg derer, die es sich leisten können, und es wird sich hinten und vorne nicht ausgehen, wenn alle 8 Milliarden ins Grüne übersiedeln. Vielleicht gelingt es der Wissenschaft, naturnahe Stoffe zu entwickeln, die all das Plastik überflüssig machen, dass eines Tages kein Gegensatz mehr zwischen Chemie und körperlicher Integrität wahrgenommen wird. Bis dahin sollten wir schauen, wie wir unseren Körper möglichst sauber halten können, und müssen auch schauen, ob wir mit dem Impfen einen Kompromiss schließen können, wie wir täglich auch andere Kompromisse mit chemischen Produkten schließen. Es wäre für alle wunderbarer, wenn es genügen würde, den Kräutertee vom Garten zu trinken oder Yoga-Übungen zu machen, um die Infektion mit dem Virus abzuwenden – leider reicht es nicht.  

Niemand freut sich darüber, geimpft zu werden, viele entscheiden sich aber dafür, weil sie der Überzeugung sind, dass sie sich selbst am besten damit schützen und andere am besten vor einer Ansteckung bewahren. All die Alternativen, die angeboten werden, von der Homöopathie über TCM bis zu Atemübungen bieten tolle Möglichkeiten zur Stärkung des Immunsystems, bieten aber keinen verlässlicheren Schutz als die Impfung, weil sie in ihren Wirkungen nicht in der Breite und Tiefe erforscht sind wie die Impfung. Auch wenn der eine oder die andere von dieser oder jener Methode der Gesundheitsvorsorge schwärmt, gibt es keine, die von der großen Mehrheit angenommen wird. 

Erwartungen an die Obrigkeiten 

Es macht auch wenig Sinn, der Regierung vorzuhalten, sie würde keine alternativen Heilungswege propagieren. Stellen wir uns einen Gesundheitsminister vor, der Schüssler-Salze für die Covid-Bekämpfung anpreist. Auch wenn manchen diese Salze geholfen haben, ihre Krankheitssymptome zu lindern, wäre es verantwortungslos, diese Methode für alle vorzuschlagen. Sie wird bei den einen eine gute Wirkung entfalten und bei anderen nicht. Wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit fehlen und die deutsche Stiftung Warentest urteilt, dass die Methode zur Behandlung von Krankheiten ungeeignet ist. Der Gesundheitsminister müsste sich vielfältige Kritik anhören, dass er Menschen falsche Hoffnung auf unbegründeter Basis mache usw. Die Vertreter anderer alternativer Methoden würden sich aufregen, warum ihr Ansatz nicht empfohlen wird. Es würde Leute geben, die wegen einer Überdosierung krank werden, und der Staat hätte ein Schlamassel produziert, statt etwas zur Gesundheitsförderung beizutragen. Oder stelle man sich vor, der gegenwärtige Parteiobmann der FPÖ wäre Gesundheitsminister und würde kraft seines Amtes der Bevölkerung das Entwurmungsmittel Ivermectin zur Coronavorbeugung und –heilung empfehlen, durch dessen Einnahme viele Menschen krank wurden und einige verstorben sind. 

Um effektiv zu wirken, muss sich die Staatsverwaltung an der zuverlässigsten Wissensform, die zur Verfügung steht, orientieren, nämlich an der wissenschaftlichen, weil sie sonst nicht funktionieren kann. Ein solideres und abgesicherteres Wissen als das wissenschaftliche haben wir nicht, leider oder gottseidank, je nach Sichtweise. Ein Technologieunternehmen, das die Komponenten für einen Chip oder für einen Fensterrahmen auspendelt, wäre bald vom Markt verschwunden. Ein Staat, der sich in seiner Gesundheitspolitik an den Heilsversprechen von einzelnen Proponenten und deren anekdotisch dokumentierten Erfolgen orientiert, verliert nicht nur die Achtung seiner aufgeklärten Bevölkerung, sondern wird auch nicht in der Lage sein, die gesetzten Ziele in einer komplexen Gesellschaft zu erreichen.  

Alternative Heilmethoden haben ihren Markt und ihre Anhänger. Alles, was hilft oder zu helfen glaubt, präsentiert sich auf diesem Markt im Rahmen unserer freien Marktwirtschaft und kann von den Konsumenten genutzt werden. Was wirkt, hat guten Zulauf, was nicht wirkt, wird irgendeinmal vom Markt verschwinden. Gäbe es eine dieser alternativen Methoden, die sich für alle als nachhaltig heilend herausstellt, wären schon längst alle Menschen dort, und das Impfen wäre überflüssig. Vielmehr ist es typisch für die alternativen Methoden, dass sie bei einigen Menschen gute Erfolge haben und bei anderen nicht. Spezielle Empfehlungen von Politikern für ihre Gesundheitsvorsorge brauchen nur Menschen, die sich nicht selber ein Bild machen wollen und sich stattdessen der Obrigkeit anvertrauen wollen. 

Zum Weiterlesen:
Impfen, Wissen und Wissenschaft
Die Ethik beim Impfen

Dienstag, 27. Dezember 2016

Toleranz und ihre zweifache Grenze

Toleranz ist ein hoher Wert in einer freien und offenen Gesellschaft und ein wichtiger Garant für ihren Fortbestand. Gerade deshalb können sich in ihrem Schatten Menschen frei tummeln und Gruppen bilden, die intolerante Meinungen vertreten und bereit sind, diese Meinungen in freiheitsbedrohende Handlungen umzusetzen. Wie soll also eine tolerante Gesellschaft mit intoleranten Menschen, Meinungen und Handlungen, die diese Toleranz bedrohen, umgehen? Ist jede Einschränkung der Toleranz schon intolerant?

Der Begriff der Toleranz markiert den Ausgang aus gesellschaftlicher und kultureller Unterdrückung. Über Jahrtausende mussten Menschen ihre persönlichen Werte und Überzeugungen an die vorherrschenden Ideologien und religiösen Systeme anpassen. Abweichende Meinungsäußerungen wurden meist konsequent und brutal verfolgt. In den Zeiten der europäischen Glaubenskriege wurde z.B. die Praxis verfolgt, dass Menschen zur Auswanderung gezwungen wurden, die sich einer religiösen Richtung nicht anschließen wollten, die in ihrem Gebiet die Macht hatte: Wenn du nicht den Mehrheitsglauben teilst, kannst du ja gehen. Diese Praktik stellte zwar einen Fortschritt dar im Vergleich zur grausamen Ausrottung Andersgläubiger, ging aber immer noch von der Ansicht aus, dass es unmöglich wäre, wenn in einem Haus an die Wirkmacht von sieben Sakramenten und im Nachbarhaus nur von zweien geglaubt wurde, so als müsste man sich wegen solcher Auffassungsunterschiede notgedrungen die Schädel einhauen.


Öffnung der Identität


Ein paar Jahrhunderte später wissen Menschen, die nebeneinander wohnen, nur in Ausnahmefällen von den jeweiligen Glaubensrichtungen. Das Thema hat in den meisten westeuropäischen Ländern jegliche Sprengkraft für den sozialen Zusammenhalt verloren. Und das ist eine Folge der Aufklärung, die sich die Toleranz auf die Fahnen geheftet hat.

Die europäische Geschichte, die auch eine Geschichte zur Ausformung der Toleranz darstellt, in dieser Hinsicht gekennzeichnet durch eine zunehmende Öffnung der individuellen und der kollektiven Identität. Im Mittelalter waren die meisten Menschen in engen Lebensformen eingebunden und eingeordnet. Es gab für Angehörige des Bauernstandes (und das waren fast alle Menschen damals) keine Alternative zum Bauer-Sein, zur Mitgliedschaft in der Kirche und zum Leben im dörflichen Verband. Alternative gesellschaftliche Entwürfe standen nicht zur Verfügung. Die vorgefertigte Identität war seit Jahrhunderten unverändert in Geltung, und deshalb konnte auch die Zukunft nichts anderes bringen.


Eine kurze Geschichte der Aufklärung


Mit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, deren Wurzeln bis tief ins Mittelalter zurückreichen und die auch wesentliche Impulse aus dem Christentum aufnahm, werden neue Horizonte geöffnet. Die eingeschränkten traditionsgebundenen Identitäten werden sukzessive aufgebrochen. Parallel dazu entstanden neue wirtschaftliche Möglichkeiten und Notwendigkeiten, viele Menschen gingen vom Land in die Städte, von der Landwirtschaft zur Industrie. Zentral für diese Entwicklung ist auch das Bildungssystem, das zunehmend die Vermittlung von modernem Wissen (Alphabetismus, Mathematik, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften) mit modernen Ideen verknüpfte. Bildung beinhaltet immer auch das Denken in Alternativen und verhilft dazu, Identitäten leichter wechseln und verändern zu können.

Einen weiteren Bereich für die Ausbildung der Toleranz bildet die Emanzipation der Kunst, die sich vor allem im 19. Jahrhundert vollzog und ungebrochen weiter wirkt. Bis dahin war die Identität der Kunst durch die vorherrschende Gesellschaftsform vorgegeben, z.B. in der Musik durch die Adelsgesellschaft und die Kirchenorganisation. Nun nahmen sich die Künstler die Freiheit, aus der eigenen Kreativität heraus schöpferisch zu werden, ohne Rücksicht auf bestehende Standards und Konventionen. Die Kunst wurde damit zum Dynamit für alle ideologischen Meinungen und Lebensformen. Schriftsteller griffen sie in ihren Werken direkt und die anderen revolutionären Künstler (Maler, Bildhauer, Musiker usw.) indirekt an.

Dementsprechend heftig war der Kampf zwischen der modernen Kunst und den traditionellen Weltbildern bis zu den Bücherverbrennungen und Kunstverboten der Nationalsozialisten, und das Unvermögen  der Rechtsparteien, die Symbolkraft der emanzipativen Kunst zu verstehen, legt noch immer Zeugnis von dieser Spannung ab. Kunst in ihrer nachmittelalterlichen Form ist ein unversiegbar sprudelnder Quell von Diversität, von der Differenzierung und Dekonstruktion der existierenden Formen, der von sich aus permanent und unüberhörbar zur Toleranz aufruft.

Zusammen bilden diese Strömungen eine starke Kraft der Veränderung zur Toleranz, der sich nichts entziehen kann. Die Widerstände waren und sind zahlreich, aber sie werden von dieser Dynamik der Emanzipation, der Befreiung des Individuellen unweigerlich unterschwemmt und schließlich irgendwann weggespült. Toleranz ist ein Megatrend in der Entwicklung der Moderne, der nicht rückgängig gemacht werden kann, sondern immer mehr Bereiche des Lebens zu mehr Offenheit und Respekt vor dem Anderen herausfordert.

Denn Toleranz wünscht sich jeder Mensch, sobald er seiner eigenen Individualität bewusst wird: Ich bin radikal anders als alle anderen Menschen. Versuche ich, mich an sie anzupassen, verbiege ich mich und schade mir selbst. Ich kann nur aus dieser Quelle der eigenen Einzigartigkeit heraus leben. Wenn ich dafür keine Duldung bei den anderen finden kann, gerate ich in einen massiven inneren Widerspruch.


Zur logischen Notwendigkeit von Toleranz


Toleranz ist also eine Konsequenz der Tatsache, dass die Natur nicht in der Lage ist, identische Lebensformen hervorzubringen, und weiters der Einsicht, dass trotz radikaler Unterschiedlichkeit die Menschen ihre Angelegenheiten nur im Zusammenwirken gestalten und verbessern können. Daraus folgt notwendig, dass die Unterschiedlichkeit, die Diversität geduldet und, so weit wie möglich, geschätzt werden muss.

Toleranz ist also kein Luxus, den sich eine Gesellschaft mit ausreichenden Ressourcen gestattet, sondern eine Grundbedingung des menschlichen Lebens. Insoferne bedroht jede Form der Intoleranz dieses gemeinschaftlich verfasste menschliche Leben.


Zwei Grenzen der Toleranz


Der deutsche Philosoph Michael Schmidt-Salomon spricht von zwei Grenzen der Toleranz. Die erste "verläuft zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was nicht mehr toleriert werden darf." Hier geht es z.B. um das Ende der Toleranz dort, wo anderen Menschen Schaden zugefügt wird, z.B. durch das Ausüben von Gewalt. Eine Gesellschaft kann nicht bestehen, wenn sie das toleriert, was ihre Grundlagen angreift.
Dazu kommt noch eine zweite Grenze: „Sie markiert den Unterschied zwischen dem, was toleriert werden muss, und dem, was akzeptiert werden kann.“ Es gibt Phänomene, die z.B. im Sinn der Meinungsfreiheit toleriert werden müssen, aber nicht akzeptiert werden können, wie z.B. rassistische Aussagen, die das Gleichheitsprinzip der Gesellschaft aushebeln wollen.

Schmidt-Salomon: „Wir haben es also mit drei unterschiedlichen Bereichen zu tun: dem Akzeptablen, dem Nur-Tolerablen und dem Nicht-mehr-Tolerablen. Diese unterschiedlichen Bereiche müssen auch unterschiedlich behandelt werden. Als grobe Marschrichtung kann dabei gelten: Was in einer offenen Gesellschaft zu akzeptieren ist – etwa das Ideal der Gleichbehandlung aller Bürgerinnen und Bürger -, muss gestärkt, was nur zu tolerieren ist – zum Beispiel schwulenfeindliche Ressentiments -, geschwächt, und was nicht mehr zu tolerieren ist – etwa Gewaltaufrufe gegen Schwule -, strikt unterbunden werden.“

Es genügt also nicht, eine klare Abgrenzung zwischen dem, was geduldet werden kann, und dem, was nicht geduldet werden kann, zu ziehen. Das sollte im Rahmen jeder Rechtsordnung klar definierbar und mittels der Rechtsprechung durchsetzbar sein. Die Aufgabe hier liegt darin, die Rechtsnormen beständig entsprechend der gesellschaftlichen Veränderungen neu zu bestimmen, gewissermaßen upzudaten, wann und wo immer neue Störprogramme gegen die Toleranz auftauchen. 


Der Einsatz für die offene Gesellschaft geht alle an


Der andere Bereich betrifft die Politik und noch mehr die Zivilgesellschaft: Im Rahmen der Toleranz alles, was nicht akzeptiert werden kann, weil es die Werte der Toleranz unterminiert, mit allen Mitteln der öffentlichen Meinungsbildung und der reflektierten Argumentation zu bekämpfen. Intolerante Wertsetzungen dürfen nicht ohne Widerspruch bestehen bleiben, es braucht massive und entschiedene Gegenstimmen und Erwiderungen. Ein Beispiel dafür bildet das Institute for Strategic Dialogue, das u.a. Gegennarrative zu den Strömungen der fundamentalistischen Propaganda entwirft und publiziert.

Wir sollten eine Gesellschaft sein, die kollektiv aufschreit, sobald gegen die Werte der Toleranz Stellung bezogen oder gehandelt wird: Ein Schrei, der aus der Verletzung des Menschlichen kommt, denn jeden, der sich der eigenen Menschlichkeit bewusst ist, sollte im eigenen Mark getroffen sein, wenn die Toleranz angegriffen wird. Ein solches Aufschreien sollte es nicht erst geben, wenn Dutzende Menschen auf einem Weihnachtsmarkt umgebracht werden.

Wir leben in einer Welt allgegenwärtiger Medien, indirekt vermittelte Informationen bestimmen in großem Ausmaß unsere innere Wahrnehmungswelt und beeinflussen unsere Werte. Darum sollten wir, Mitglieder der Zivilgesellschaft, an dieser medialen Öffentlichkeit teilnehmen, nicht nur als passive Konsumenten, sondern auch als aktive Gestalter, die ihre Meinung zur Vielfalt der Meinungen beisteuern, wo immer es geht. Damit tragen wir aktiv zur Verbreitung von Toleranz bei.

Unsere Verantwortung geht noch weiter: Wir sollten uns auch als Wächter für die Offenheit der Gesellschaft verstehen und gegenüber allen Bedrohungen wachsam sein. Wir alle sind Hüter eines kostbaren Gutes, das wir nicht für etwas Selbstverständliches vergessen sollten, sondern als einen Schatz, den wir stärken und vermehren sollten, damit er lebendig bleibt. Und das Lebendige ist allemal stärker als das Tote.

Interview mit 
Michael Schmidt-Salomon

Vgl. Die Unausweichlichkeit der offenen Gesellschaft
Toleranz ist ein relativer Wert

Donnerstag, 16. Juni 2016

Das kleine Fenster des Nationalismus

Neulich erzählte mir eine „Ungarin“ von ihren genealogischen Forschungen. Sie hat Vorfahren aus Polen, Russland, Türkei und Armenien, und der Familienname ihrer Mutter soll aus dem Himalaya-Gebiet abstammen, ohne dass es ein Wissen darüber gibt, wie er nach Europa gelangt ist.

Das wird für die meisten Menschen gelten: Wenn sie in ihre Vergangenheit auf ihre Abstammungslinien schauen, wird deutlich werden, dass die unterschiedlichsten Wurzeln zusammen ihre heutige Person ergeben. Die Nationalität, die wir aufgrund der letzten Entwicklungen für uns behaupten, gibt davon nur einen winzig kleinen, recht willkürlich ausgewählten Ausschnitt wieder. 


Die Nationalität ist also nicht mehr als eine Selbstbehauptung. Aus der Fülle der historischen Fäden, die sich in der eigenen Person überkreuzen, wird ein Strang herausgezogen und mit einem Glorienschein umgeben. Das bildet die Grundlage für eine Zugehörigkeit, auf die man stolz sein kann und die man zur Abwertung anderer Nationen benutzen kann. Sie wird in die eigene Identität eingebaut und mit deftigen Emotionen versetzt: Du bist mein Heimatland, dir bin ich treu. Im Extremfall fordert das Heimatland die Treue ein und versteht darunter, für es das eigene Leben zu geben. Das ist der Moment, den wir immer wieder beobachten können, in dem die Nationalität zur Bestie wird.


Nationalismus im Zeitfenster


Der Nationalismus hat seinen Referenzpunkt in einem relativ schmalen Zeitfenster zwischen einer Vergangenheit, der der Begriff der Nation fremd war, weil er nicht benötigt wurde, und einer Zukunft, die ihn als Relikt aus einer barbarischen Zeit abtun wird. Wir stammen aus vielfältigen Ahnenlinien ab, die sich nicht an irgendwelche politisch definierte Grenzen halten, und wir gehen in eine globalisierte Zukunft, in der die Menschen über die Kontinente, Religions- und Rassengrenzen hinweg mobil sind und ihre Zugehörigkeiten laufend neu definieren müssen.

Dieses Zeitfenster hat die Ideologie des Nationalismus weidlich genutzt - einerseits zum Schutz von Traditionen, Sprachgruppen und Gemeinschaften, andererseits zur Aggression gegen andere Nationen. Vom 19. über das 20. Jahrhundert bis in unsere Tage können wir die Auswüchse und Verwirrungen des Nationalismus beobachten. Während sich die Wirtschaft längst über alle Grenzen hinwegsetzt, greift erst langsam das Bewusstsein, dass wir in erster Linie Weltbürger sind und irgendwann nachgeordnet Angehörige einer bestimmten Nation oder Volksgruppe.


Die Heimat und die DNA


Richtig gruselig oder aufregend wird es erst, wenn wir einen Blick in die DNA werfen, in der die Spuren unserer Herkunft ablesbar sind.

Als Illustration ein Video: Man sieht man Personen, die voller Stolz von ihren Herkunftsländern schwärmen und Vorurteile gegen andere Länder hegen. Dann kriegen sie das Resultat über die Herkunft ihrer DNA, und als sie erkennen, dass sie eine Mischkulanz aus verschiedensten Völkerschaften sind, dass ihre Vorfahren die unterschiedlichsten Sprachen gesprochen und in allen möglichen Teilen dieser Welt gelebt haben, passiert ein Aha-Erlebnis: Ich bin viel mehr als diese Nation, die ich mein Eigen genannt habe und mit der ich mich so stark identifiziert habe. Ich habe viel mehr Identitäten als nur eine, und ich habe viel mehr gemeinsam mit jenen, die ich mit Misstrauen oder Überheblichkeit ablehne.

Genetiker haben festgestellt, dass es hohe Grade an Verwandtschaft der Menschen untereinander gibt. Die "brotherhood of man", von der John Lennon singt, ist also keine visionäre Träumerei, sondern umschreibt eine genetische Realität. Weitschichtig betrachtet, können wir unter den Menschen keine wirklich Fremden finden, sondern nur entferntere Verwandte. Der finnische Genetiker Svante Pääbo beschreibt in einem Interview als wichtigste Einsicht seines Faches, „dass die genetischen Unterschiede zwischen uns alles andere als tiefgreifend sind.“


Erkenntnis macht frei


Erkenntnis entkoppelt, und Entkoppelung macht frei. Identitäten, an denen wir festhalten, schränken uns ein. Der Vorgang der Entidentifizierung erlaubt uns, mit etwas in uns in Beziehung zu treten, das wir vorher gar nicht von uns  selbst unterscheiden konnten. Die Distanz erlaubt uns, die Beziehung zu gestalten. Wir sind nicht mehr von ihr beherrscht, sondern können ihre Bedeutung für uns selbst festlegen.

Dann können wir das Gemeinsame im Fremden erkennen und über das Trennende stellen. Wo wir Verbindung erkennen, finden wir den Weg vom Misstrauen zum Vertrauen, von der Angst zur Entspannung, vom Hass zur Liebe.


Vgl. "Helden"
Mitgefühl hat keine Grenzen

Mittwoch, 27. April 2016

Unsere Identität und die Mikrobiome

In gewisser Hinsicht sind wir keine Voll-Menschen, sondern Minderheiten in uns selbst: Wir beherbergen ca. 100 Billionen nicht-menschliche Bakterienzellen, zehnmal mehr als unsere "eigenen" menschlichen Zellen und mit 150-mal mehr Genen als jene, die wir ererbt haben. Diese Bakterien machen zwar nur 1 – 3 % unserer Körpermasse aus, haben aber viel mitzureden bei all den Prozessen, die in uns ablaufen. Sie führen ein interessantes Sozialleben: sie organisieren sich untereinander, stehen in Konkurrenz, bilden Gemeinschaften, tauschen Gene aus usw. Sie führen also ein vielfältiges Eigenleben in ihren Mikrobiomen, im Mund, auf der Haut, in den Schleimhäuten und vor allem im Darm. Für unser Leben und unsere Gesundheit sind sie von zentraler Bedeutung.

Wir wissen heute, dass Babys die Muttermilch nur dann gut verdauen können, wenn sie die Bakterienkultur von der Mutter beim Durchgang durch den Geburtsgang mitbekommen. Deshalb haben Kaiserschnitt-Babys häufiger Verdauungsbeschwerden als natürlich geborene. Und deshalb wird bei fortschrittlicheren Kaiserschnittgeburten die Bakterienkultur aus der mütterlichen Scheide auf das Baby übertragen.

Die Enzyme, die wir benötigen, um Kohlenhydrate zu verdauen, entstehen aus Genen, die gar nicht unsere eigenen sind. Einige der Mikro-Arten stellen Hormone als Stoffwechselprodukte her, darunter das als Glückshormon bekannte Dopamin.

Schließlich wirkt sich das gastrointestinale Mikrobiom über unser Gehirn auf unsere Befindlichkeit aus: Moleküle aus diesem Bereich können die Blut-Hirn-Schranke überwinden und modifizieren dort die Regulation von bestimmten Neurotransmittern, sodass möglicherweise Depressionen, bipolare Störungen und Autismus durch Mikroorganismen behandelt werden können.

Wie es ein Forscher ausgedrückt hat, wird das Immunsystem der Säugetiere, das scheinbar zur Kontrolle von Mikroorganismen geschaffen ist, in Wirklichkeit von den Mikroorganismen kontrolliert. Die Evolutionsgeschichte ist eine gemeinsame Entwicklung zwischen Mikrobiomen und Wirt, als Prozess der fortschreitenden Integration.

Die Mikrobenwelt beschränkt sich nicht auf unser Innenleben, sondern breitet sich auf unser Wohnumfeld aus. Eine Studie konnte zeigen, dass Familien ein gemeinsames interaktives Feld zwischen den Personen und ihrer häuslichen Umgebung aufbauen. Wenn die Familie umzieht, braucht es nur 24 Stunden, bis die alte mikrobiologische Besiedlung erfolgt ist und nicht mehr von der alten Wohnung unterscheidbar ist.


Das Darm-Mikrobiom


Die Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms, in dem sich etwa 1400 Bakterienarten zusammenfinden, wird beeinflusst durch
•    Ernährung
•    Darminfektionen, Darmentzündungen und Reizdarmsyndrom
•    Fettleibigkeit und Mangelernährung
•    Stress.
Andererseits hat das Darm-Mikrobiom Auswirkungen auf
•    Ernährung, Verdauung, Stoffwechsel und Körpergewicht
•    Immunsystem
•    Schmerz und Stressanfälligkeit
•    Emotionalität, Stimmungslage, Lernen und Gedächtnis.

(Quelle)

Es gilt als sicher, dass die persönliche Ausprägung der Darmflora mit 18 Jahren abgeschlossen ist. Dabei gibt es eine bestimmte Gruppe von Bakterien, die bei fast allen Menschen gefunden wird – eine Art biologische Grundausstattung. Dazu kommen dann bestimmte Spezialisten, die vermutlich die Ernährung und andere Lebensumstände widerspiegeln und eine große Vielfalt in den Darm bringen. 


Wir sind Billionen von Identitäten in dauernder Veränderung


Wir beherbergen also ein riesiges Reservoir aus vielfältigen Kulturen in uns, die eine enorme genetische Breite aufweisen. Da verliert sich jeder Versuch, eine Klassifikation einzuführen. Dazu kommt, dass die einzelnen Biome nicht nur miteinander kommunizieren, sondern auch untereinander Gene austauschen und so dauernd neue genetische Zusammensetzungen erzeugen.

Wir sind also ein Sammelsurium aus verschiedensten Elementen, aus Billionen von Identitäten. Wir können nicht einmal sagen, dass die Zellen, die aus der Ei- und der Samenzelle stammen, aus der wir entstanden sind, , also unser Genpool "eigener" sind als jene, die innerhalb dieses daraus gebildeten Körpers leben. Denn wir könnten ohne diese Bakterienkulturen nicht leben und wir wären anders, wenn diese Bakterien anders wären. Das, was wir unser individuelles Leben nennen, ist eine permanente Wechselwirkung zwischen unserem Genmaterial und dem der Biome. Unsere Identität ist diese sich beständig verändernde interaktive Gewebe zwischen all den Genomen, die in jedem Moment eine faszinierende Form der Zusammenarbeit finden, die bewirkt, dass wir leben und dass wir so leben, wie wir leben.

Macht es einen Sinn, für dieses dynamische Geschehen, das wir sind, den Begriff der Individualität anzuwenden? Natürlich sind wir einzigartig, noch radikaler einzigartig, als wenn wir nur von dem von den Eltern ererbten Genpool ausgehen. Wir unterscheiden uns auf viel mehr Ebenen voneinander als wir sonst annehmen. Individualität heißt Unteilbarkeit, aber was sollen wir mit diesem Begriff, wenn sich unsere innere Zusammensetzung laufen verändert? Da gibt es nicht einmal irgendeinen „Kern“, der nicht mehr geteilt werden kann, sondern das ausdrückt, was wir „in unserem Wesen“ sind.

Angesichts dieser erdrückenden Einsichten in die Überlegenheit der Dynamik über alle Festlegungen, der Veränderbarkeit über alle Kategorien können wir jedes starre Konzept über unsere Identität und unsere Individualität loslassen. Diese Konzepte sind ja nur Versuche, uns an die Erwartungen der anderen anzupassen, die viel Kraft und Energie erfordern. Denn innerlich ändern wir uns dauernd, und diese Ungewissheit wollen wir unseren Mitmenschen und uns selbst nicht zumuten. Also bilden wir uns Wesensbegriffe übereinander, mittels derer wir uns wechselseitig berechenbar machen. Das sind aber nur willkürliche Festlegungen, die uns darüber täuschen, dass wir in Wirklichkeit von Moment zu Moment in Veränderung sind.


Aktueller Nachtrag: Heute wurde die Nachricht veröffentlicht, dass es einem Innsbrucker Forscherteam gelungen ist, ein Darmbakterium namens Alistipes als Auslöser für Dickdarmkrebs zu identifizieren. Das Protein LCN2 kann der Entstehung von Darmtumoren vorbeugen, weil es dem Alistipe-Keim die Nahrung entzieht.

Vgl. Des Pudels Kern

Sonntag, 8. November 2015

Wer bin ich - bin ich wer?

Die Frage nach der Identität richtet sich nicht darauf, ob und wie ich existiere, das wäre eben die Frage nach der Existenz. Diese kann ich dadurch beantworten, dass ich mich spüre und erlebe. Dadurch weiß ich, dass und wie ich existiere. Die Frage nach der Identität richtet sich auf das Wie dieser Existenz, also welche Form oder Qualität diese Existenz hat.

Wenn wir nach diesem Wie fragen, stoßen wir gleich auf viele verschiedene Antworten. Wir sind offenbar eine Ansammlung aller möglicher Identitäten: Wir können uns als Zugehörige zu einer Nation oder einem Staat fühlen, als Bürger einer Stadt oder Gemeinde, als Anhänger einer Musikgruppe oder eines Fußballvereins, als Anhänger oder Gegner einer politischen Partei, Mitglied einer bestimmten Religion usw.

Außerdem ist klar: Meine Identität und meine Identitäten haben jeweils eine innere und eine äußere Komponente: Wie ich mich selbst erlebe und wie mich andere erleben. Ich kann mir selber eine bestimmte Identität zusprechen, die andere von außen gar nicht wahrnehmen, oder umgekehrt, andere sprechen mir eine Identität zu, die gar nicht meine ist.

Da sich das Wie unseres Existierens in der Zeit verändert, unterliegt unsere Identität einem Wandel. Wir fühlen uns anders als noch vor zehn Jahren oder als in unserer Kindheit. Bestimmte Teil-Identitäten verschwinden mit der Zeit, z.B. jene als Schüler, andere verändern sich, andere kommen neu dazu. Das, was wir unter unserer eigenen Identität verstehen, ist keine feststehende Größe, sondern eher ein Rahmen für eine große Spielwiese, auf der sich die unterschiedlichsten Identitäten tummeln, von denen sich mal die eine, mal die andere vordrängt und unser Selbstgefühl dirigiert.

Sie sind wie Kleider im Kleiderschrank, aus dem wir mal das eine, mal das andere Kleidungsstück nehmen und damit unsere äußere Erscheinung und unser Selbstgefühl mehr in die eine oder andere Richtung stylen. Wie alles Dingliche, vergehen Kleider mit der Zeit, indem sie uns nicht mehr gefallen oder indem sie schadhaft werden. Ähnlich vergehen unsere Identitäten.

Wenn wir auf die Suche nach innen gehen, verstehen wir das als Suche nach uns selbst, danach, „wer wir wirklich sind“. Wir merken, dass wir nicht eine unserer Identitäten sein können, weil wir dann andere vernachlässigen würden. Wir merken auch, dass wir nicht die Summe der Identitäten sind, weil ein Kleiderschrank weniger interessant ist als die Kleider, die er enthält.

Irgendwann dämmert uns, dass wir das Ziel unserer Suche nicht in einer unserer Identitäten und auch nicht in unserer Gesamtidentität finden können. Da das alles wandelbar und vergänglich ist, kann es nicht einmal unsere Sehnsucht nach Sicherheit befriedigen. Es dient also nicht dazu, unsere tiefste Angst zu beruhigen, denn wir nutzen unsere Identität genau dafür, diese Angst nicht spüren zu müssen. Sie dient wie ein Rettungsanker, wenn alles andere in Gefahr ist, sich aufzulösen. Mit unserer Identität wollen wir etwas Beständiges in den Strom der Veränderungen einbauen, merken aber, dass wir nur Sand haben, auf dem wir bauen können.

Wenn wir bei dieser Ahnung angekommen sind, bleibt uns nur die Alternative, uns sicherheitshalber an eine Identität anzuklammern oder unsere Identität radikal preiszugeben. Damit erkennen wir an, dass unsere Identität als ganze und alle ihre Teile Konstrukte sind, die im Kern der Angstbewältigung dienen, der Angst vor der eigenen Auslöschung. Wenn wir den Schritt in die Unsicherheit wagen, erkennen wir, dass wir die Angst, die da auftaucht, aushalten können. Mit dieser Erfahrung wird uns klar, dass wir keine Identität mehr brauchen. Weiterhin werden wir in unserem Leben mit dieser oder jener Identität auftreten, aber wir sind nicht mehr mit ihr identifiziert. Wir wissen, dass wir nicht so oder so sind, nicht aus diesen oder jenen Qualitäten oder Wertprioritäten bestehen, sondern dass hinter all dem Theater der Rollenspieler ein großer leerer Raum auftaucht, indem wir uns unendlich frei fühlen können.


Vgl.: Identität von Geist und Körper
Die sexuelle Identität
Des Pudels Kern: Über das Auflösen von Identitäten
Die Verdinglichungstendenz: Über das Dingliche an Identitäten

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Des Pudels Kern

Oft sprechen wir vom inneren Kern in einem Menschen oder in uns selbst: „Suche deinen inneren Kern, verbinde dich mit ihm, sieh den heilen Kern in jedem anderen Menschen“ usw. Wir nutzen die Metapher des Kernes, um einen Unterschied anzumerken zwischen dem Äußeren oder Äußerlichen und dem Inneren, zwischen dem, was wir als uneigentlich und als eigentlich empfinden (z.B. „So, wie mich die anderen sehen, bin ich gar nicht.“ Oder: „So, wie ich mich gestern verhalten habe, entspricht das nicht dem, was ich bin.“) Also soll der Begriff des Kernes auf unser Wesen, unser Selbst, unser eigentliches Sein verweisen.

Aus der Metapher können wir einige Assoziationen gewinnen: Kerne haben eine harte Schale, die ihren eigentlichen Schatz, den fruchtbringenden Samen, beschützt. Kerne sind fest und solide. Sie geben ihren Inhalt nur unter besonderen Bedingungen preis, wenn es um die Weitergabe des Lebens geht.

Gehen wir auf den Weg der Innenerforschung, werden wir also zu Kernforschern, so können wir diese Schätze finden. Zunächst lösen wir uns dabei von eingefahrenen Mustern und bewältigen tiefsitzende Ängste, die vorher unsere Kreativität blockiert haben. Dadurch melden sich kreative Ideen, die unser Leben und das der anderen bereichern. Jedes Element an Kreativität, dem wir Raum geben, öffnet uns für neue Lebensmöglichkeiten. Damit werden wir mehr und mehr zu dem, was unser Selbst ausmacht, unser eigentliches Wesen, hinter allen Prägungen und Gewohnheiten.

Identitäten

Dr. Faustus und der Pudel

In diesem Prozess lösen wir uns von Identitäten, die wir im Lauf unseres Lebens erworben haben – der Mann oder die Frau, die wir sein wollen, die berufliche Rolle, die wir übernommen haben, die Person, die wir in Freundschaftsbeziehungen sind, die Vorlieben, die wir im Freizeitbereich ausgebildet haben usw. Wir verändern in diesem Verlauf nicht unbedingt das, was wir tun oder wie wir uns verhalten, sondern vor allem die Identifikation mit diesen Verhaltensweisen und den daraus zusammengesetzten Identitäten. Wir erkennen, dass wir so sein können oder auch anders.

Mit jeder Identität, die wir verabschieden, löst sich eine Schale, und wir kommen des Pudels Kern näher. Wir sehen, dass wir wie in einem Lagenlook ein Gewand nach dem anderen ablegen können und damit immer mehr zutage tritt, wer wir „wirklich“ sind. Wir werden dabei Zustände erleben, in denen es uns schließlich völlig egal ist, ob es dieses „wirkliche Ich“ überhaupt gibt oder nicht.

Auf dieser Reise zum Kern können wir den Spruch „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt‘s sich ganz ungeniert“ trefflich nutzen. Wenn wir uns nicht mehr über unseren Ruf definieren, ist ihm sein Einfluss genommen und er ist schon ruiniert. Denn der „Ruf“ hat nur so lange die Macht über uns, unser Verhalten zu kontrollieren, so lange wir uns mit ihm identifizieren. Sobald wir ihm eine identitätsstiftende Funktion absprechen, bricht diese Macht auf ein Häufchen Asche zusammen.

So brauchen wir auch im Alltag keine der selbst auferlegten und der zugeschriebenen Identitäten mehr ernst zu nehmen. Wir können Rollen ausfüllen und völlig leer zurücklassen, wenn wir die Bühne verlassen. Wir schlüpfen in eine Identität wie in ein Kleidungsstück, das uns für bestimmte Zwecke zunutze kommt, und nicht mehr.

Modelle und Verdinglichungen


Unter Stress werden wir immer wieder in die alten gewohnten Rollen und erprobten und abgesicherten Verhaltensmuster zurückfallen. Wir glauben, dass sie uns die Stabilität vermitteln, die wir brauchen, um die Gefahrensituation zu überstehen. Je mehr wir allerdings über uns wissen, desto deutlicher wird uns werden, wenn wir in solche Zustände geraten, und desto seltsamer wird uns erscheinen, wie wir uns dann verhalten. Daran merken wir, dass wir beginnen, uns von einem alten Muster zu entfremden. Wir sind zu einer Identität, die uns lange vertraut war, in Distanz gegangen und nehmen sie nicht mehr so wichtig, sondern erkennen, dass wir auch anders können.

Auch die Beschäftigung mit dem Evolutionsmodell, das in dieser Blogserie immer wieder angesprochen wird, kann zur Verdinglichung führen: Ich ordne mich auf eine bestimmte Stufe der Entwicklung ein und gebe mir damit eine bestimmte Identität, z.B. „Ich verhalte mich meistens personalistisch“. Doch auch diese Identität, diese Festlegung meines Kerns ist nur ein Konzept, das ich von mir selber bilde. Wenn ich die Schale dieses Kerns durchbreche und in den Kern des Kerns hineinspüre, finde ich dort nichts mehr, was sich festhalten ließe. Alles fließt oder: alles ist leer.

Jedes Modell verhilft uns zunächst zu einer Erleichterung. Wir erkennen uns in wichtigen Grundmustern und bekommen durch das Modell die Bestätigung, dass wir in Ordnung sind, wie wir sind und dass wir uns durch die Kritik, die von anderen kommt, nicht grundsätzlich in Frage stellen lassen müssen. Wir bekommen durch das Modell die Unterstützung dabei, zu unserem So-Sein zu stehen, statt uns dauernd nach den Vorstellungen anderer ändern zu müssen. „Ich bin ein Krebs vom Sternzeichen, also passt es zu mir, wenn ich mich gerne zurückziehe.“ „Ich bin ein Fünfer im Enneagramm, also muss ich auch immer wieder mein reflektierendes Denken aktivieren.“

Und jedes Modell kann sich mit der Zeit unserer inneren Befreiung in den Weg stellen. Wir beginnen uns mit ihm zu identifizieren und es zur Fixierung unserer eingewöhnten Haltungen einzusetzen. „Weil ich Sanguiniker bin, werde ich nie verlässlich sein können, das wird sich nie ändern und das will ich auch gar nicht.“ Warum jedoch sollte ein als Sanguiniker nicht einmal die Zuverlässigkeit ausprobieren, auch wenn es ein wenig Überwindung erfordert? Wer stur auf seinen modellhaften Eigenschaften beharrt, verbaut sich diesen Zugewinn an Flexibilität und Freiheit. Die Schale des Kerns wird wieder dicker und undurchdringlicher, fester und dinglicher.

Die Versuchung zur Verdinglichung unserer selbst versteckt sich in allen Ecken und Winkeln unseres Innenlebens. Es ist, als wollte sich unser ängstliches Ego, dem langsam die Felle davonschwimmen, irgendwo auf eine solide Insel retten, um nicht vom Fließen der Ereignisse weggespült zu werden. Wenn alles in Veränderung ist, ist nichts mehr sicher. Deshalb will unser Ego mit aller Macht an unserer Identität festhalten und möchte sie am liebsten in unvergänglichen Stein meißeln.

Das Modell der Modelle


Wenn wir bereit sind, die Krücken, die uns die Identitätsmodelle anbieten, beiseite zu stellen, stoßen wir auf ein letztendliches Modell, ein Modell, das nur auf mich zutrifft, auf mein ganz eigenes Modell. Es repräsentiert meine ganz individuelle Mischung aus all den genetischen Anlagen, Überlieferungen der Vorfahren, Lebenserfahrungen im sozialen, kulturellen und politischen Umfeld, und das alles in permanenter Entwicklung und Veränderung, ein Modell, das sich in jedem Moment eine neue Form gibt und dessen Grundstrukturen sich auch in ihrer Zeit umgestalten.

Mit diesem Modell der Modelle kommt alles, was sich an uns selbst verdinglicht hat, ins Fließen. Da gibt es nichts Festes mehr, sondern einen beständigen Wechsel, ein dauerndes Öffnen und Verabschieden, ein Verändern von Nuancen und Schattierungen. Nichts ist von Dauer, und nichts braucht festgehalten werden. Überzeugungen werden zu Meinungen, die auch anders formuliert werden können. Gewohnheiten werden zu Verhaltensmöglichkeiten unter anderen. Gefühle und Stimmungen sind das, was das Leben im Moment so färbt und dann wieder anders. So ist die innere Freiheit beschaffen.

Und was passiert, wenn wir auch dieses unser ganz eigenes Modell loslassen, wenn wir darauf verzichte, uns irgendein Konzept über uns selbst zu basteln und beschließen, jede Identität, die uns an uns auffällt, postwendend gleich wieder zu entsorgen? Haben wir dann wieder ein Konzept, nämlich das der Konzeptlosigkeit, ein Modell der Modelllosigkeit, einen Kern ohne Kern?

Es liegt wie immer an uns, ob wir etwas aus der Freiheit, die uns die Konzeptlosigkeit bietet, machen, also ob wir uns daraus eine neue Identität basteln oder ob die Freiheit einfach genießen und die Überraschung, die jeder neue Moment bereitet, annehmen. Wann immer uns das gelingt, fühlt sich das Leben als stimmig und erfüllt an – wie gesagt, ohne dass das wiederum in ein Konzept gegossen werden müsste, weil es ja im nächsten Moment wieder anders sein wird.