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Samstag, 15. Juni 2024

Über das Verrückte und das Verrücken

 Verrückt ist ein Begriff, der normalerweise für Geistesgestörte gilt. Wir verwenden ihn in der Alltagssprache auch, um Situationen oder Menschen zu beschreiben, die uns nicht passen oder die uns sehr stören: “Das Wetter schlägt verrückte Kapriolen,” “Der Verrückte hat, ohne zu blinken, die Fahrspur gewechselt.”  

Hier werde ich den Begriff in einem übertragenen Sinn erörtern: als Bezeichnung für etwas, das von einem Ort an einen anderen verschoben, also verrückt wurde. Wenn eine Verrückung stattfindet, verschwindet eine alte Ordnung und eine neue entsteht. Das Alte macht Platz für das Neue, sobald ein verrückender Eingriff erfolgt ist. Manche Leute stellen immer wieder ihre Möbel um, damit im Außen ein neuer Eindruck entsteht. Wenn wir in unserem Inneren unsere Möbel, also die sperrigen Dinge, die sich im Lauf der Zeit angehäuft und festgesetzt haben, aber nur im Weg stehen, umstellen, gewinnen wir neue Einsichten. Jede Nacht wird unser Gehirn gereinigt, indem entfernt wird, was sich während des Tages als Abfall angesammelt hat. Die Schadstoffe werden entfernt, damit am nächsten Morgen neue Gedanken und Ideen kommen können. Das Gehirn ist gewissermaßen jeden Morgen neu aufgestellt, um für die Herausforderungen des Tages gerüstet zu sein. 

Entrümpeln wir auf ähnliche Weise unser Inneres, so machen wir uns zunächst klar, was von unserem Inventar wir noch brauchen und was wir loswerden wollen. Bei Letzteren sollte es vor allem den Gewohnheiten an den Kragen gehen, die wir als schädlich für uns selber einstufen. Sie melden sich vollautomatisch und selbstverständlich, als hätten sie alles Recht auf ihre uneingeschränkte Macht. Tatsächlich bilden sie eine Phalanx, die stur, unerbittlich und unbeweglich ihren Platz behauptet. Mit der Autorität eines Elternteils setzen sie sich gegen alle anderen Stimmen durch. Wenn alles zurechtgerückt ist und an seinem angestammten Ort befindet, bewegt sich nichts mehr. Starre Gewohnheiten regeln das Leben in eingefahrenen Bahnen. Jede kleine Änderung bewirkt eine Irritation und Verunsicherung. 

Wenn wir bestimmte Gewohnheiten eindämmen wollen, die unserem Handeln die Regeln vorgeben, uns aber nicht guttun, so hilft uns die archetypische Gestalt des Narren. Mit seiner spielerischen und spontanen Haltung unterläuft er die Starrheit der Gewohnheiten. Der Narr heißt manchmal auch der Trickser. Er verfügt über das Überraschende und Unerwartete, wie ein tricksender Fußballspieler, der mit Körpertäuschung und Wendigkeit den Gegner überspielt. Er kann alle auf die Schaufel nehmen, allem ein Schnippchen schlagen, und in Windeseile verrückt er die Dinge. Schon hat er sich selbst wieder neu erfunden. 

Die eigene Welt muss immer wieder aus den Fugen geraten, damit sich die Dinge, die am falschen Ort sind, neu konfigurieren. Manchmal warten wir so lange damit, bis eine von außen kommende Erschütterung das bestehende Ordnungsgefüge zum Einsturz bringt. Besser ist es, wenn es ein bewusst gesetzter Schritt ist, mit dem ein Wagnis eingegangen wird, aus gewohnten Bahnen auszubrechen und die Spielräume der inneren Freiheit zu erweitern.  

Streben wir nach mehr Freiheit, so ist das moderate Ausleben der Verrücktheit ein probater Weg. Die einengende Ordnung wird in ein Chaos verwandelt, um zu einer neuen Ordnung zu finden. Die Kunst besteht darin, das Chaos nicht zu groß werden zu lassen, sodass wir den Bezug zum Verrücken aufrechterhalten können. Das Verrücken ist ein bewusster Akt zur Veränderung einer Gewohnheit. 

Nimmt es allerdings unkontrolliert überhand, so wird rasch die Grenze erreicht, jenseits derer das Chaos zu mächtig wird und aus dem Akt des Verrückens eine krankheitswertige Verrücktheit entsteht. Wenn zu viele Elemente unserer Innenwelt auf einmal durcheinanderkommen, verlieren wir den Überblick und das Gefühl für das Zentrum. Wir können nicht mehr klar zwischen Wichtigem und Unwichtigem und zwischen Innerem und Äußerem unterscheiden. Dann brauchen wir professionelle Hilfe, um wieder zu unserer Mitte zurückzufinden.  

Es ist also eine Frage der Dosis: Ohne einen Schuss von Verrücktheit ab und zu ist das Leben trocken und langweilig, kontrolliert und starren Regeln folgend. Mit zu viel der ausgelebten Spontaneität verlieren wir den Bezug zum eigenen Zentrum und zu dem, was wir sind und was wir eigentlich wollen.  

Zum Weiterlesen:
Der Narr

 


Donnerstag, 8. Oktober 2020

Das duale Weltbild und seine Grenzen

Ich habe mit Carsten Rachow in den letzten Tagen einen kleinen Austausch gepflogen, im Zuge dessen das Thema der dualen Weltsicht zur Sprache gekommen ist.

Carsten Rachow schreibt dazu in einem Kommentar zum Thema Fakeisten gegen Objektivisten: „Einen besonders wichtigen Wert sehe ich in der Rolle der Fakeisten als ‚Kontrastmittel‘ – sie stärken durch ihre Fakes, durch ihre erfundene Objektivität, durch ihre Unwahrheiten, die Gegenseite ... Wie das Sinnvolle durch die Sinnlosigkeit gestützt wird, wird das Nützliche durch das Unnütze gestützt. Je lauter Fakeisten ihre abstrusen Theorien verkünden, desto besser für die Wissenschaftler – und für uns alle, denn ‚Nützlichkeit‘ ist ein wichtiges Merkmal, wenngleich nur eines unter vielen.“ 

Das sind Gedankengänge, die immer wieder auftauchen, oft im Kontext der dualen Weltsicht, in der sich die Gegensätze gegenseitig fordern, stärken und schwächen. Alles, was ist, hat sein Gegenteil, von dem es lebt, aus dem es seinen Sinn zieht und dem es Sinn gibt.

Unnützes schadet dem Nützlichen

Können wir dieses Weltmodell auf die obigen Beispiele anwenden? Es zeigen sich Schwierigkeiten: Nützliches wird durch Unnützes nicht nützlicher, vielmehr kann das Unnütze den Wert des Nützlichen mindern. Es wird immer Leute geben, die das Unnütze zu schätzen beginnen, sobald es als etwas Nützliches propagiert wird und die dann das Nützliche verachten – eine wichtige Aufgabe der Werbewirtschaft. Es braucht dann zusätzliche Anstrengungen, um das Nützliche in dem Platz, den es eigentlich schon immer hat, zu sichern und zu festigen. Die Folge ist, dass sich die Welt zunehmend mit unnützen Dingen füllt (ganz abgesehen von den vielen unnützen Gedanken, die in unsere Köpfe eingelagert werden).

Ebenso bringt uns ein Mehr an Unwahrheiten nicht weiter. Je mehr von ihnen verbreitet wird, desto mehr Unsicherheit und Skepsis gegenüber den bisherigen Sicherheiten, die in diesem Fall von den Wissenschaften aufgebaut wurden, entsteht. Durch erfundene Fakten wird jede verantwortungsvolle Form des Wissenserwerbs diskreditiert, sodass mehr und mehr Menschen nicht mehr wissen, wem sie Glauben schenken sollen.

Eine Form zu dieser Destabilisierung können wir beobachten, wenn Wissenschaftler in den Medien gegeneinander in Stellung gebracht werden und dann nach außerwissenschaftlichen Extrapolationen oder Einschätzungen befragt werden, in die dann unweigerlich subjektive Elemente einfließen. Hier scheiden sich die Geister: Die einen glauben dem, was gesagt wird, als wäre es ein Dogma, obwohl es nur eine subjektive Sicht widergibt, die anderen nehmen die subjektive Einschätzung als Beleg dafür, dass alles, was von der Wissenschaft kommt, subjektive Erfindung ist.

Regression in die Naivität

Es gibt auch manche Wissenschaftler, die mit dem Pathos der letztgültigen Welterklärung auftreten oder in fachfremden Gebieten ihre Autorität ohne ausreichende Kenntnisse ausspielen (wie z.B. ein US-Klimawandelleugner, der in den 90er Jahren einen Nobelpreis in der Informationstechnologie erhalten hat) und damit ihre Integrität als Forscher missachten. Sie tragen dazu bei, dass Faktenfragen in Glaubensfragen umfunktioniert werden. Jeder Gegenhalt gegen die Gleichsetzung von Meinung und Wahrheit wird für obsolet erklärt, und wir können uns nur mehr dafür entscheiden, dass wir den rechten Glauben haben und die anderen den Aberglauben. Wir sind in die vorwissenschaftliche naive Welt der Fantasien regrediert.

Es erfordert viel Klärungs- und Erklärungsaufwand, die Dinge, die durcheinandergebracht wurden, wieder auseinanderzulegen und Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden, ähnlich wie es mehr Arbeit erfordert, Unordnung in Ordnung zu verwandeln als umgekehrt. Ein Teller ist schnell zerschmettert, und es braucht viel Zeit, um ihn wieder zusammenzukleben. Falschmeldungen, ausgestreute Lügen, angemaßte Fachkompetenz sind ganz einfach Phänomene, die der Allgemeinheit Schaden zufügen, die es mühsamer machen und nicht erleichtern, der Wahrheit näher zu kommen. Am Land würde man sagen: „So notwendig wie ein Kropf.“

Mit den Mitteln der sozialen Medien kann heute jeder Computer- und Tastaturbesitzer, der irgendeinen Verdacht, irgendeinen Einfall, irgendeinen Zweifel hat, diesen in die weite Welt schicken mit der missionarischen Glaubensüberzeugung, eine wichtige Wahrheit zu verbreiten, und schon ist Zwietracht gesät, schon sind Ängste erzeugt, schon sind die Unsicherheiten vermehrt.

Wenn durch die Außenbedingungen Zustände von Ungewissheit entstehen, wie es jetzt der Fall ist, werden viele dazu verleitet, sich möglichst einfache Erklärungsmodelle zurechtzuzimmern oder sich anderen mit solchen Modellen anzuschließen, die Gewissheit garantieren sollen. Solche Modelle brauchen keine Basis in der Realität, weil das Vergleichen der eigenen Konstrukte mit der Wirklichkeit Arbeit und Mühe erfordern würde und weil sich gerne der Wunsch nach Einfachheit mit dem nach Bequemlichkeit paart.

Lügen haben lange Beine

Die Wahrheit wird nicht deutlicher, wenn sie durch Lügen infrage gestellt wird. Sie muss sich noch lautstärkerund umfangreicher artikulieren, und das ist im Grund ein unnützer Energieverbrauch. Das Dementi zur Falschmeldung, die vielleicht aus Unwissenheit oder aus Bosheit lanciert wurde, kommt immer zu spät. Es trägt nicht wirklich zur Stärkung der Faktizität bei, weil der Schatten von Unsicherheit bleibt – was, wenn die Falschmeldung doch richtig wäre?

Die meisten Menschen kommen erst durch Falschmeldungen auf die Idee, dass etwas falsch sein könnte, und entwickeln neue Ängste und Sorgen. Aktuelles Beispiel: Irgendjemand bringt das Gerücht auf, dass Kinder durch Maskentragen gestorben sind. Für die virale Verbreitung ist gesorgt, denn das Leben von Kindern ist uns ein wichtiges Anliegen. Die Entwarnung folgt verspätet und dringt möglicherweise nicht zu jenen durch, die sich schon in einem Staat wähnen, der das Leben von Kindern durch unsinnige Maßnahmen aufs Spiel setzt.

Durch jede Falschmeldung werden wir gezwungen, uns mit Dingen auseinanderzusetzen, die uns sonst nicht beschäftigen würden. Aber wir haben dann nur die Alternative, alles zu glauben, was uns vorgesetzt wird, oder alles, was an Informationen herumschwirrt, für manipuliert zu erklären und damit völlig orientierungslos zu sein.

Die wachsende Komplexität und die innere Einfachheit

Die Welt wird von sich aus permanent komplexer; Lügengespinste, Wahrheitsverzerrungen und Falschmeldungen sind künstliche und willkürliche Beiträge, die zusätzlich den Komplexitätszuwachs steigern, ohne einen Erkenntnisgewinn zu liefern und ohne dass sie Anleitungen mitliefern, wie wir die Komplexität reduzieren könnten. Ordnungsstrukturen, Klassifikationen, Systematisierungen etc., die von den Wissenschaften erarbeitet werden, helfen uns bei der Verarbeitung von Information, helfen uns bei der inneren Komplexitätsreduktion. Ohne sie würden wir hilflos durch das Chaos einander widersprechender Informationen taumeln.

Insoferne können wir diese Ordnungsstrukturen als Unterstützung verstehen, die unser Innenleben braucht, wenn es die Erfahrung der Einfachheit des Daseins in sich kultivieren will. Denn wir brauchen diesen Gegenpol zur sich rasend entwickelnden Informationsflut, damit wir im Frieden bleiben können, wenn scheinbar das Äußere in der Unübersichtlichkeit zu zerfallen droht.

 Zum Weiterlesen:

Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Die Anhänglichkeit an die Dualität
Polaritäten - Ursprünge und Folgen

 

Montag, 21. September 2020

Die Kraft der Zerstörung

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Zwei Gesichter hat die Kali, die hinduistische Göttin der Zerstörung. Sie symbolisiert den Untergang des Alten, das weichen muss, um dem Neuen Raum zu geben. Zu diesem Zweck schafft sie Chaos, wo eine überholte Ordnung bestanden hatte und bringt alles durcheinander, was vorher fein säuberlich getrennt war, damit sich neue Konstellationen bilden können.

Sie hat aber auch, wie alle Götter im Pantheon, eine Schattenseite, da ihre Zerstörungskraft keine Grenze kennt und unweigerlich übers Ziel schießt, wenn es keine anderen Kräfte gibt, die ihr Einhalt gebieten. Jede Zerstörung um ihrer selbst willen mündet schließlich in einer Selbstzerstörung.

Die Dynamik, die durch gewaltsame Zerstörung entfesselt wird, ist schwer zu kontrollieren, was sich in der mythischen Geschichte von Shiva und Kali ausdrückt. Kali tanzt unbändig auf dem Schlachtfeld, „trunken vom Blut ihrer Feinde“, und ihr Gemahl Shiva kann ihr Toben nur beenden, indem er sich hinlegt wie eine Leiche. Als sie auf ihm tanzt, erkennt sie, wer er ist, und hält inne. Vor Schreck und Scham über ihr Tun streckt sie die Zunge heraus.

Es bedarf eines radikalen Einschnitts, um die Dynamik einer unkontrollierten Zerstörungssucht zu unterbrechen. Die entfesselte Rücksichtslosigkeit und Unmenschlichkeit kann nur durch die konzentrierte Rückbesinnung auf das Menschliche eingegrenzt werden. Die Schamreaktion ist die innere Antwort auf die Vernichtung des Menschlichen, die im Außen angerichtet wurde.

Die Kraft von Kali

Ein anderer Mythos besagt, dass Shiva seine Lebenskraft Kali verdankt. Shiva wäre nur ein Leichnam, wenn er nicht Kali in sich hätte. Kali ist also ein zentraler Anteil von Shiva. Die Kraft der Zerstörung ist ein unverzichtbarer Teilaspekt der Lebendigkeit, dessen Geheimnis wir erst verstehen lernen müssen und dessen Handhabung eine lebenslange Lernaufgabe darstellt.

Kali ist auch eine Repräsentanz der mütterlichen Energie, die jedem Menschen ins Leben hilft. Diese Energie ist die schöpferische Kraft, die gewissermaßen aus dem Nichts Neues in die Welt setzt. Dagegen ist die zerstörende Kraft jene, die neuem Leben Raum verschafft, indem Altes vernichtet wird. In vielen anderen Mythen und Traditionen wird das Zerstörerische, auch im Zusammenhang mit Gewalt, dem Männlichen zugeordnet, das ja physisch im Durchschnitt das stärkere Geschlecht darstellt und genetisch mit mehr Aggressionshormonen ausgestattet ist. Andererseits gibt es auch das Phänomen der emotionalen Zerstörung, z.B. von Sicherheit und Vertrauen bis hin zum Auslöschen des Selbst, die auch, aber nicht nur von Frauen verübt wird.

Das Mütterliche gibt das Leben; was gibt, kann es auch wieder nehmen. Es ist diese Macht über das Leben, das Angst bereitet und Respekt einflößt. Aus diesem Grund bilden sich oft intensive und lebenslang wirksame Abhängigkeiten der Kinder (beiderlei Geschlechts) von den Müttern, Abhängigkeiten der Geschöpfe von den Schöpferinnen, denen das Leben geschuldet ist.

Der Bann dieser Macht kann erst durchbrochen werden, wenn der fantasierte Inhalt dieser Dynamik durchschaut ist. Erwachsenwerden heißt sich von der internalisierten Zerstörungskraft des Mütterlichen zu emanzipieren. Es gelingt umso besser, als die Angst vor der Zerstörung nicht durch eigene Akte der Zerstörung kompensiert werden muss.  Denn gerade die Zeit der Ablöse von der Macht des Mütterlichen in der Adoleszenz ist für das Ausbrechen von destruktiven Exzessen anfällig, so übermächtig ist die urmütterliche Verfügung über das eigene Leben verankert.

Die Furie des Verschwindens

In den Wirtschaftswissenschaften gibt es den Begriff der schöpferischen oder kreativen Zerstörung. Wenn in der Wirtschaft neue technische Erfindungen erfolgreich eingesetzt werden, müssen alte Strukturen verschwinden, wie z.B. die Heimweber durch den mechanischen Webstuhl oder das Druckergewerbe durch die Digitalisierung. Auch Karl Marx war der Meinung, dass überkommene Produktionsformen verschwinden müssen und dass deshalb der Kommunismus mit Sicherheit auf den Kapitalismus folgen wird.

Er folgt mit dem Konzept einer zwingenden Entwicklungslogik in der Geschichte dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der den Ausdruck von der „Furie des Verschwindens“ geprägt hat. Nach seiner Auffassung ist alles Geschehen von dialektischen Strukturen gelenkt: Das Positive wird durch das Negative zerstört, und beides wird dann in einer Synthese aufgehoben: In einem dreifachen Sinn: bewahrt, verbessert und beseitigt. Alles, was ist, muss sich in sein Gegenteil verkehren und findet daraus zu einer höheren Gemeinsamkeit. Oder: Jede Ordnung verschwindet irgendwann im Chaos und daraus erwächst dann eine geläuterte höhere Form der Ordnung.

Das ist auch ein weit verbreitetes Verständnis der Macht von Kali und der Notwendigkeit von Zerstörung. Was ist, wird irgendwann einmal unnötig, verbraucht oder schädlich, wie der schönste Salat einmal verrottet. Was nicht mehr tauglich ist oder nicht mehr in die Gegenwart passt, muss beseitigt werden, wenn es nicht von selber verschwindet. Wenn es als überflüssiges Relikt aufbewahrt wird, steht es nur im Weg und unterbindet die Erneuerung. Wie der Körper laufend Zellen abbaut und durch neue ersetzt, braucht es auch auf allen anderen Ebenen die Abbauprozesse, damit die Aufbauprozesse Platz bekommen, um wirken können.

Die Nutzung der Zerstörungskraft

Zerstörung ist also ein notwendiger Aspekt des Wachsens. Die Frage ist nur, wie die Kraft der Zerstörung konstruktiv genutzt werden kann, also wie die destruktive Kraft so eingegrenzt werden kann, dass sie dem Leben und seiner Mehrung dienlich ist. Es gibt eine Nähe zum Gefühl der Wut, das immer Teil der Zerstörungskraft ist. Beim Umgehen mit der Wut geht es nicht darum, wutlos zu werden, sondern die Wut in Bahnen zu lenken, sodass die sozialen Beziehungen bestehen bleiben. Ähnlich brauchen wir für den Umgang mit der Zerstörungskraft ein Bewusstsein über ihre Grenzen und über ihre Begrenzbarkeit. Die tragenden Strukturen und Werte der menschlichen Gemeinschaft müssen erhalten bleiben.

Zerstörung ist manchmal notwendig, um einer schleichenden Zerstörung entgegenzuwirken, wenn z.B. ein angefaulter Zahn entfernt wird. Innere Muster und gesellschaftliche Strukturen, die der Weiterentwicklung im Weg stehen und sie behindern, müssen entfernt werden, und manchmal geht das nicht ohne Gewalt, also gegen den Willen der etablierten Strukturen. Machtpositionen, die um ihrer selbst willen einbetoniert sind, müssen gesprengt werden, über kurz oder lang.

Was lehrt uns Kali also? Das Leben besteht auch darin, das Wechselspiel zwischen Chaos und Ordnung zu meistern. Wenn Ordnungen starr und selbstbezogen werden, sind sie nicht mehr dienlich und müssen aufgebrochen werden. Wenn das Chaos die Lebensgrundlagen angreift, müssen Ordnungsstrukturen eingezogen werden. Jedes Leben kennt Phasen des Chaos und Phasen der Ordnung. Die Lebenskompetenz besteht darin, die richtigen Zeitpunkte für den Übergang vom einen zum anderen zu erkennen und beide Phasen konstruktiv zu nutzen. Diese Kompetenz ist auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene notwendig. Die Göttin Kali und ihre Mythen erinnern uns daran.

Kali und Covid

Die aktuelle Situation stellt ein spannendes Wirkungsfeld für die Kali-Energie dar. Teile der Wirtschaft und des Geschäfts- und Kulturlebens sind stark reduziert oder zerstört. Viele Tätigkeiten finden online im Homeoffice statt, Büroräume werden nicht mehr benötigt. Statt Geschäftsreisen werden Videokonferenzen abgehalten usw.

Während ganze Sektoren der Gesellschaft ins Chaos gestürzt werden, herrschen auf anderen Ebenen neue Ordnungsstrukturen. Die tagtägliche Disziplin im Abstandhalten und Maskentragen wurde eingeführt und wird fast weltweit eingehalten. Der Staat übernimmt Ordnungsfunktionen, die bis ins Privatleben hineinreichen. Neues, vorher unvorstellbares Chaos, neue, vorher unvorstellbare Ordnung. Shiva und Kali im Tanz. Wir Menschen sind mittendrin und haben den Eindruck, auch die Götter wissen nicht wirklich, worauf alles hinausläuft. Also bleibt uns nichts anderes, als uns auf diesen Tanz einzulassen und uns mit unseren Energien, Impulsen und Ideen mitzubewegen und im Vertrauen auf eine höhere Regie weiter auf unsicherer See zu navigieren. Wie bei jedem Tanz, so intensiv und chaotisch er auch sein mag, gibt es eine Mitte, um die herum sich alles dreht, und dort herrscht tiefer Friede.

Donnerstag, 30. April 2020

Die Archetypen und die pränatale Welt

Die Welt der Archetypen, die wir aus Märchen, Sagen, Träumen und aus der Psychologie von C.G. Jung und seinen Nachfolgern kennen, enthält ein weites Geflecht an Verbindungen mit unserer pränatalen Welt. Wir verstehen in diesem Zusammenhang üblicherweise die Archetypen als Gestalten eines kollektiven Unbewussten, das die Menschheit seit ihren Anfängen aufgebaut hat. Eine weitere Zugangsform bietet die pränatale Sichtweise, indem die archetypischen Figuren als Repräsentanten früher Beziehungserfahrung im Mutterleib untersucht werden. Denn unser individueller Anfang ist genauso mythisch wie der kollektive Anfang der Menschheit – gehüllt in die Schleier der Bilder- und Gefühlswelten, lange vor den Umwälzungen durch das Erwachen der kognitiven Gedankenwelten.

Archetypen sind keine Figuren nach den rationalen Maßstäben der nüchternen Erwachsenenwelt, sie haben kein Verhältnis zu Zahlen und technischen Ursache-Wirkung-Gesetzmäßigkeiten. Sie sind von einer mythischen Aura umgeben und verhalten sich unberechenbar und spontan. Sie finden deshalb in der linkshemisphärischen Welt der Zweckrationalität und Marktökonomie keinen Platz, aber begegnen uns immer wieder an den Rändern unseres Klarbewusstseins. Allerdings sind wir zum geringen Teil in diesem Bewusstsein, das als die Norm gilt, z.B. weil wir da vor dem Gesetz zurechnungsfähig sind oder beim Schulunterricht aufpassen können. 

Vermutlich widerspricht das auch unseren Selbstüberzeugungen, weil wir intuitiv annehmen, dass wir permanent präsent und direkt mit der äußeren Wirklichkeit verbunden sind. Die Wissenschaft hat dagegen herausgefunden, dass wir einen Großteil des Tages mit Gedankenschleifen, Fantasien und Tagträumen verbringen. Unsere Gedankenwelt liebt Konstruktionen und Projektionen, die sich aus Anleihen von der Außenwahrnehmung speisen und daraus eigene Süppchen kochen. Erst recht sind wir in der Nacht in Bereichen weit jenseits der Kontrolle unseres Verstandes. Wir sind also viel irrationaler aufgestellt und verhalten uns in weiten Bereichen nach den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt als wir von uns selber glauben. In all diesen Bereichen können die Archetypen eine ordnende und sinngebende Rolle einnehmen.

Das Erleben der Innen- und Außenwelt in der pränatalen Zeit bis weit in die Kindheit hinein ist von der mythisch-emotionalen Geisteshaltung bestimmt. In unseren Anfängen nutzen wir vor allem die rechte Gehirnhälfte und ihre Vorläufer zum Verständnis der Wirklichkeit und zum Erinnern und Lernen. Die linke wird nur langsam geformt und erreicht ihre volle Reife erst im frühen Erwachsenenleben. 

Es kann also durchaus sein, dass die mythische Welt der Archetypen zugleich die Erlebenswelt im Mutterleib repräsentiert und dass der eigentlicher Sinn und Nutzen der Beschäftigung mit ihnen darin besteht, dass wir uns in unseren Anfängen besser verstehen lernen. Sie dienen also als Hinweise auf dem Weg zur Ganzheit, in zweifacher Weise: zeitlich im Sinn einer durchgängigen Kontinuität unserer Lebensgeschichte von den märchenhaften Anfängen bis ins vernunftgeleitete Erwachsenenleben, und holistisch im Sinn der Integration aller Seelenanteile und Wirklichkeiten in uns selbst. Denn es gehört beides zu uns: die sagenumwobenen und gefühlsdurchdrungenen Welten und die wohlstrukturierten, rational gestalteten.

König und Königin


Nehmen wir das Beispiel von zwei Archetypen: König und Königin oder: Kaiser und Kaiserin. Diese Figuren haben heutzutage nur mehr wenig Bedeutung in der sozialen Wirklichkeit. Es gibt noch ein paar Monarchien auf der Welt, die ihre ehrwürdigen Traditionen pflegen und Stoff für Klatschgazetten liefern, aber sonst wie museale Erinnerungsstücke an eine längst überkommene Vergangenheit wirken, mit der entsprechenden diffusen Verklärung. Die Leute, die noch vor einiger Zeit noch in unseren Landen mit wehmütiger Verzückung sagen konnten: „Unterm Kaiser war alles ganz anders“, sind inzwischen verstorben. Demokratische Republiken sind seit dem 19. Jahrhundert das Erfolgsmodell, und selbstaufgestellte Diktatoren, die immer wieder mal auftauchen, bringen es nur zu plumpen Imitationen ohne die Aura des Erhabenen und Ehrwürdigen, mit kurzem Verfallsdatum und meist schändlichem Nachruf.

In der pränatalen Welt gibt es diese erhabenen Gestalten noch, die alle Macht in sich vereinigen und Strenge und Güte ausstrahlen. Es sind Vater und Mutter, die Inhaber und Verwalter von Leben und Tod. Alles hängt von ihnen ab, alles ist ihnen untergeordnet. Eine Fingerbewegung genügt, und die Welt wird gut oder schrecklich. Die Allmacht, die gottgleiche Überlegenheit, das Innehaben aller Rechte und Gesetze, die Zuständigkeit für alle Lebensgrundlagen, das sind die Befugnisse der Eltern, an denen ein Kind keinen Zweifel hat. Es besteht ein Gefälle zwischen dem, was ein winziges Kind als absolut und allmächtig wahrnimmt, weil es keine Grenzen der elterlichen Gewalt erkennen kann, und der eigenen Schwäche und Hilflosigkeit, Dieses Verhältnis ist durch ein einseitiges Ausgeliefertsein gekennzeichnet, der das Kind nur seine emotionale Kraft entgegensetzen kann.

All diese Elemente finden sich in den traditionellen Rollenbildern von Monarchen und Untertanen. Der Absolutismus als letzter Höhepunkt des regierenden Königtums spiegelt die schrankenlose Hoheit der Eltern über das Wesen, das im Leib der Mutter heranwächst. Die einfach geltende Unterordnung ist dem winzigen Kind so klar wie dem Bauern im Feudalismus: Wer größer ist, hat das Sagen, wer kleiner ist, muss folgen. Das Kind muss seine Regenten nehmen, wie sie sind: gütig und wohlwollend oder streng und abweisend, genauso wie der Untertan im russischen Zarenreich den Herrscher akzeptieren musste, ob er weise oder verrückt war. Das Thema des Protests oder der Revolution, der Infragestellung der Autoritäten und des Sturzes der Denkmäler gehört zu einem anderen nachgeordneten Kapitel, sowohl in der Individual- wie in der Menschheitsgeschichte.

Der Archetyp im Inneren


Der König repräsentiert den aktiven Aspekt, die Königin den passiven. Diese Aufteilung entspricht den männlichen und weiblichen Archetypen (Animus und Anima). Natürlich haben wir alle Anteil an beiden Aspekten, und jeder/jede von uns repräsentiert eine individuelle Mischung. Das „monarchische“ Element bringt das Thema der Autorität ein. Die Ausübung von Macht und das Umgehen mit der Macht anderer ist das zentrale Thema dieses Archetyps. Der Drang der Macht besteht im Ausweiten, und in diesem Drang steckt ein Stück Aggression. Der Archetyp des Herrschers ist deshalb auch verbunden mit Wut und Aggression. Die clemencia (Milde) gilt als Tugend des Königs, sie ist jedoch nicht sein selbstverständliches Attribut, sie kann von den Untertanen nur als Gnade erwartet werden. Sie ist ein Entwicklungspotenzial, das in diesem Archetypus angelegt ist. Denn das Weiche besiegt nach taoistischer Lehre das Harte. Die Wut braucht eine Kontrolle, um das Königreich in Balance zu halten.

Die weibliche Autorität unterscheidet sich im archetypischen Prinzip auch von der männlichen Autorität. Vom Archetyp her heißt es, die männliche Macht ist härter als die weibliche. Jene gilt als entscheidungsorientiert, konfliktbetont und dominanzgerichtet. Die weibliche Form der Machtausübung kann mit Konsenssuche, Interessenausgleich und Partizipation umschrieben werden. Es gibt natürlich Frauen in der Politik, die die männliche Härte verkörpern (Beispiele: Margaret Thatcher, Golda Meir), und Männer – weniger in der Politik, wo eben die Durchsetzungskraft gefragt ist –, die die weichere Seite der Machtausübung beherrschen. 

Ordnung und Struktur


Die Archetypen von König und Königin stehen auch für Ordnung und Struktur. Sie erlassen Regeln und achten auf deren Einhaltung. Damit geben sie dem Leben einen sicheren Rahmen, innerhalb dessen es sich entfalten kann. Jedes Kind braucht einen solchen Rahmen, für den schon vorgesorgt ist und fortlaufend gesorgt wird, sodass es sich auf sein eigenes Wachsen und Lernen konzentrieren kann. Es braucht auch eine vorgegebene Orientierung zu dem, was in dem Leben angemessen oder unangemessen ist, damit es seine inneren Werte aufbauen kann. Die Leitfiguren sind die Eltern, die vor allem mit der Konsistenz und Klarheit in ihrem Verhalten und weniger durch ihre verbalen Botschaften für die Ordnung sorgen und die entsprechenden Grenzen setzen und verstehbar machen.

Grenzen geben Sicherheit, und Sicherheit ermöglicht Kindern ein organisches Wachsen. Sie brauchen fraglos geltende Rahmenbedingungen. Es ist auch ein Raum für Grenzdiskussionen notwendig, damit den sich im Lauf der Entwicklung verändernden Sicherheitsbedürfnissen der Kinder Rechnung getragen werden kann. All das fällt in den Aufgabenbereich der Eltern, hinter deren Autorität die Archetypen von König und Königin stehen.

Jenseits der Typen


Ähnlich wie in dem Blogartikel zu Animus und Anima dargestellt, lassen sich auch in der westlichen Kultur die Archetypen von König/Königin nicht mehr für die Deutung des „typisch“ Männlichen oder Weiblichen gebrauchen, nach der Aufklärung und der Emanzipationsbewegung der Frauen. Vielmehr geht es um Grundprinzipien, die im Machtthema angelegt sind und die sich in der Geschichte aus bedingten historischen Gründen auf Männer und Frauen aufgeteilt haben, aber keinen übergeschichtlichen Stellenwert beanspruchen können. 

Mit anderen Worten: Wir brauchen beide Pole des Führungs- und Autoritätskontinuums, die durch die Archetypen des Königs und der Königin repräsentiert werden. Je mehr wir  von diesen Qualitäten in sich entwickelt haben, desto vielfältiger, offener und konstruktiver können Positionen im Rahmen der Machtausübung ausgeübt werden. In der Weite und Flexibilität, mit denen die „königlichen“ Aspekte umfangen und angewendet werden können, liegt das Potenzial für die Lösung des Machträtsels für eine nach- oder metamoderne Gesellschaft.

Aus psychodynamischer Sicht betrachtet, gelingt dieser Schritt nur, wenn die in pränataler und frühkindlicher Zeit geprägten Elternimagos, also die spezifischen Ausprägungen des König-Königin-Archetyps, aufgearbeitet sind, sodass die jedem Menschen eigene Form der Autorität in möglichst umfassendem Rahmen gebildet, entwickelt und ausgeübt werden kann. Die Nutznießer sind nicht nur die Kinder, die mit innerlich ausbalancierten Eltern aufwachsen; dazu noch alle, die von solchen integren Autoritätspersonen lernen können. 

Zum Weiterlesen:
Animus und Anima im 21. Jahhundert