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Mittwoch, 10. April 2024

Leitkultur - ein Unding

„Als Österreicherinnen und Österreicher sind wir stolz auf unsere österreichische Identität: Auf unsere liberale Demokratie, christliche Werte, Traditionen und Bräuche.“ Der Satz, der als Einleitung zur Diskussion über eine „Leitkultur“ in Österreich gedacht ist, verdient nähere Betrachtung, schließlich stammt er von Christian Stocker, dem Generalsekretär der stärksten Partei im österreichischen Parlament und der Partei, die aktuell den Bundeskanzler stellt. 

Es beginnt schon damit, dass es immer problematisch ist, wenn sich jemand als Sprecher der Allgemeinheit ausgibt, ohne dafür legitimiert zu sein. Herr Stocker ist Sprecher einer politischen Partei, die die Interessen ihrer Wählerschaft vertritt, aber nicht Sprecher aller Österreicherinnen und Österreicher. Er könnte höchstens beginnen mit: „Als ÖVP-Mitglieder und –Anhänger...“. Da er das nicht tut, begeht er einen höchst problematischen Übergriff. Alle Staatsbürger, die der Aussage nicht zustimmen können, müssten sich distanzieren und die Frechheit anprangern, mit der sie für politische Zwecke missbraucht wurden. 

Es wird behauptet, dass, wer Österreicher oder Österreicherin ist, stolz ist auf die österreichische Identität, daraus würde folgen, dass jene, die nicht (nur) stolz sind, sondern auch erkennen, was faul ist in diesem Land, nicht dazugehören oder nur mangelhafte Staatsbürger sind. Wer kritisiert, kann ja gleich gehen und sich anderswo eine Bleibe suchen. Wir sind nicht einfach stolz, wenn wir stolz sind, sondern haben auch stolz zu sein, so als gehörte dieser Stolz zum Österreichersein wie die Geburtsurkunde. Diesen Stolz nicht zu teilen, ist ein Ausschlussgrund vom Österreichersein. Wer nicht nur nicht stolz ist, sondern sich vielmehr schämt für vieles, was in unserem Land abläuft und eigentlich eine Schande ist, hat nach Stockers Aussage die Zugehörigkeit verwirkt. 

Identität

Der Stolz bezieht sich auf „unsere österreichische Identität“. Unter Identität versteht man wohl das, was einen Österreicher zum Österreicher macht. Das ist natürlich eine spannende Frage, auf die es vermutlich so viele Antworten gibt, wie es Österreicher und Österreicherinnen gibt.

Im Zitat werden vier Suchfelder genannt, in denen diese Identität gefunden werden könne: liberale Demokratie, christliche Werte, Traditionen und Bräuche.

Liberale Demokratie und christliche Werte

Gegen die liberale Demokratie gibt es aus meiner Sicht wenig einzuwenden, sie ist mir jedenfalls lieber als eine illiberale Demokratie, die wie in Ungarn als Deckmantel für eine Kleptokratie (eine Herrschaftsform der Diebe und Korrupten) dient. Eine liberale Demokratie ist dadurch ausgezeichnet, dass alle Werthaltungen toleriert werden und alle Menschen- und Freiheitsrechte gelten. Deshalb kann sie nicht mit „christlichen Werten“ gleichgesetzt werden. Diese haben einen Platz im Sinn der Meinungs- und Religionsfreiheit, aber können keinen prominenteren Rang beanspruchen als andere religiöse und nichtreligiöse Orientierungen und daraus abgeleitete Wertordnungen. Zwar bekennen sich ca. zwei Drittel der Österreicher zu einer christlichen Religion, das heißt aber auch, dass sich ein Drittel nicht mit dieser religiösen Orientierung identifiziert. Dazu kommt noch, dass voll unklar ist und ein Feld vielfältiger Diskussionen darstellt, was überhaupt unter „christlichen Werten“ zu verstehen wäre und was nicht. Da sind sich nicht einmal die verschiedenen christlichen Kirchen einig. Außerdem ist es äußerst problematisch, christliche Werte für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Entweder haben wir eine liberale Demokratie oder eine christliche; eine liberale Demokratie, die auf christlichen Werten beruht, ist in einem Zeitalter der Säkularisierung und der Trennung von Staat und Kirche ein Widerspruch in sich. 

Traditionen

Jede aktuelle Gesellschaft ist das Produkt vielfältiger Traditionen, die meist an der Oberfläche bekannt und bewusst sind und deren emotionale Ladungen im Unbewussten schlummern, aufgeladen von kollektiven Traumen. Es wäre also empfehlenswert, sich diese Anteile und Antriebe bewusst zu machen, bevor bestimmte Traditionen in eine Leitkultur aufgenommen werden.  Sonst ist diese Kultur ein Produkt der in ihr wirkenden unbewussten Strömungen und damit ein höchst unsicheres Fundament für eine Gesellschaft. 

Die nächste Frage, die sich stellt, heißt, welche Traditionen hier gemeint sind. Es gibt eine Reihe von Traditionen, die höchst wirksam sind und zur österreichischen Identität gehören, wenn man so will, die ich aber für sehr problematisch halte, z.B.:

• Die Tradition der Frauenverachtung

• Die Tradition der Obrigkeitshörigkeit 

• Die Tradition der Fremdenfeindlichkeit 

• Die Tradition des Antisemitismus

• Die Tradition des Deutschnationalismus

• Die Tradition der aggressiven Abwertung jeder Form von moderner Kunst

• Die Tradition des aggressiven Autofahrens und der Fetischisierung dieser Fortbewegungsart

Es wäre also sehr wichtig, zuerst klarzustellen, welche Traditionen überwunden und verabschiedet werden müssten, damit überhaupt so etwas wie eine österreichische Leitkultur diskutiert werden kann. Natürlich gibt es in Österreich auch Traditionen der Mitmenschlichkeit, des Widerstandes gegen Willkür, der Aufklärung und der Emanzipation, Traditionen der Multikulturalität aus einem Vielvölkerstaat, der religiösen Toleranz seit dem Toleranzedikt von Kaiser Joseph II., der sozialstaatlichen Verantwortung seit den ersten Sozialgesetzen und der Friedensstiftung seit der Neutralität und dem Engagement in der UNO sowie des Naturschutzes und des ökologischen Bewusstseins (z.B. bei der Mülltrennung). 

Wir verfügen also über eine reichhaltige Bandbreite an Traditionen, von denen einige entsorgt werden sollten und andere gestärkt werden müssten, um den Anforderungen einer liberalen Demokratie gerecht zu werden. All diese Traditionen schlagen sich in der heutigen Verfasstheit des Österreicherseins nieder. Wer aber kann sich anmaßen, diese Vielfalt auf irgendeinen sinnvollen Nenner zu bringen, wie er für eine Leitkultur notwendig wäre? 

Bräuche

Viele herkömmliche Bräuche der österreichischen „Volkskultur“ (ebenfalls ein problematischer Begriff) sind mit dem Trinken von Alkohol, dem Essen von fetten Fleischgerichten und dem Verzehr von zuckerreichen Mehlspeisen geprägt – eine Kultur, die viele Ernährungsexperten als gesundheitsschädlich einstufen. Soll das Leitbild zu ungesunder Lebensweise verpflichten?

Selbst das Brauchtum ist keine feststehende Größe, sondern befindet sich in permanenter Entwicklung. Angeregt durch die Konsumwirtschaft, werden immer mehr Brauchtümer aus der englischsprachigen Welt übernommen, wie z.B. der Valentinstag oder Halloween. Andere Brauchtümer werden, wie auch in vielen anderen Ländern, vor allem für den Tourismus hochgehalten. Wieviele Österreicher beherrschen wohl das Schuhplatteln? Viele sicher nicht; müssen alle nachlernen, wenn die  ÖVP-Leitkultur in die Verfassung kommt? Muss Mann hinkünftig Lederhosen mit Trachtenjanker tragen und Frau mit dem Dirndl ins Büro fahren?

Manche Landstriche in Österreich haben diese und andere wieder andere Bräuche, die mehr oder weniger intensiv gepflogen werden. Müssen nach ÖVP- Vorstellung alle Orte einen Maibaum und einen Christbaum haben? Müssen die Ostereier von Hühnern stammen oder dürfen sie aus Schokolade und Marzipan sein? Auch das Brauchtum ist vielgestaltig und in Bewegung und lässt sich nicht festschreiben.

Wozu überhaupt eine Leitkultur?

Ich verstehe Kultur als lebendigen und veränderungsreichen Prozess der Selbstdefinition einer Gemeinschaft oder Gesellschaft. Kulturen halten sich nicht an Staatsgrenzen, sondern leben vom Austausch mit anderen Kulturen. Was gestern ein unverzichtbarer Teil der Kultur war, kann übermorgen völlig vergessen sein. Jedes Mitglied der Gesellschaft hat eine andere Beziehung zur Kultur und verändert diese fortlaufend. Kultur ist also das jeweilige Ergebnis der Aktionen aller Teilnehmer des Kulturraumes, in den alle diese individuellen Beiträge einfließen und daraus ein größeres Ganzes bilden.

Eine Leitkultur soll offenbar in dieser beweglichen Landschaft Straßen einbetonieren, anhand derer sich die Menschen fortbewegen sollen. Die Leitkultur soll kontrollierbar und überprüfbar machen, wer sich auf dieser Straße bewegt und wer nicht. Es gibt dann Leitkulturleiter, die diese Straßen vorschreiben und Leitkulturwächter, die Sanktionen für abweichendes Verhalten verhängen – eine schreckliche Vorstellung für alle, die Kultur mit Freiheit, Gestaltung und Kreativität verbinden.

Wenn überhaupt eine Leitkultur gefragt wäre, ist es abwegig, die Aufgabe der Formulierung gerade einer politischen Partei zu überlassen. Parteien haben ihren Zweck darin, partikulare Interessen zu vertreten, also bestimmte Bevölkerungsgruppen zu bevorzugen und andere zu benachteiligen. Sie haben keine besonderen Kompetenzen in kulturellen Belangen. Vielmehr hätten sie genug damit zu tun, eine einigermaßen akzeptable politische Kultur zustande zu bringen.

Leitkultur und Wahlkampf

Offensichtlich ist, dass es sich bei diesem von der ÖVP ventilierten Thema um ein Wahlkampfmanöver handelt, das dazu dienen soll, den Wählerabstrom nach rechts, also zur FPÖ, zu unterbinden. Offensichtlich ist auch, dass die österreichische Leitkultur gegen eine moslemische Kultur in Stellung gebracht werden soll, obwohl diese Absicht tunlichst verschwiegen wird. Aber die Warnungen vor einer Islamisierung des Landes (der Bevölkerungsanteil der Muslime liegt bei 8 Prozent) hallen seit Jahren aus den Lautsprechern der Propaganda der Rechtsparteien und schüren Ängste in der Bevölkerung. In diese Kerbe will offenbar die Leitkulturdebatte hineinschlagen und den ängstlichen Österreichern und Österreicherinnen eine Sicherheit suggerieren, die aber gerade aus der Kultur nicht gewonnen werden kann. Kultur gibt es nur als Prozess im Werden, der durch jede Form der Leitung und Kontrolle verhindert wird. In diesem Sinn sei der Debatte um die Leitkultur ein erkenntisreiches Scheitern gewunschen.

Leseempfehlung:
Vom Verlust der Mitte oder: Schluss mit "Leitkultur"

Samstag, 21. Januar 2023

Der Alkohol auf dem Prüfstand der Wissenschaft

Während das Rauchen in den letzten Jahrzehnten viel an Ansehen verloren hat und auch der Konsum von Tabak zurückgegangen ist, hat sich der Alkohol unbeschadet in einer zentralen Stelle unserer Gesellschaft behaupten können und in der Coronazeit noch zugelegt. Wir leben in einer alteingesessenen Alkoholkultur, die sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht und mit ihren Riten das Feiern aller Feste gestaltet. Es wird angestoßen, es findet ein Umtrunk statt, es wird jemand mit dem Glas in der Hand hochleben gelassen, und das gilt alles nichts, wenn sich im Glas kein Alkohol befindet. Rührselige Lieder sind ihm gewidmet, und aufmunternde Lieder sollen zum Genuss animieren. Der Alkohol genießt also ein hohes Renommee in unserer Gesellschaft. Es gilt noch immer als Initiationsherausforderung, die natürliche Hemmung gegen Alkohol zu überwinden; der erste Rausch oder das Trinken bis zur Bewusstlosigkeit stehen für eine Mutprobe und für den Einstieg ins Erwachsenenleben.

Auf der anderen Seite wissen wir, dass der Alkoholismus eine gefährliche Erkrankung darstellt. In Österreich gibt es ca. 340 000 Alkoholiker, und fast jeder vierte Erwachsene trinkt Alkohol in einem akut gesundheitsgefährdetem Ausmaß. Aber wir beruhigen uns, indem die Folgen des Alkoholkonsums kleinredet und verharmlost werden. Schließlich wollen wir uns ein wenig Genuss in einem immer wieder schwierigen Leben nicht aus- und schlechtreden lassen. Sollen wir uns nur mehr kasteien und einschränken? Was wäre das dann für ein amputiertes und fremdbestimmtes Leben?

Es gibt viele Verteidiger des Alkoholkonsums, an ihrer Spitze der Wiener Genussphilosoph Robert Pfaller. Bevor er oder Seinesgleichen hinter den folgenden Zeilen ein lebensfeindliches moralinsaures Lustverbot ausfindig macht und dann einer wortgewaltigen Kritik unterzieht, möchte ich den nachstehenden Ausführungen voranstellen, dass es hier nicht um die Verkündung von moralischen Geboten geht. Vielmehr folgt hier die Darstellung dessen, was die Wissenschaften insbesondere im Bereich der Neurologie in den letzten Jahren an Erkenntnissen über die Wirkungsweise des Alkohols im menschlichen Körper herausgefunden haben. Ich fasse hier zusammen, was der Stanford-Professor Andrew Huberman auf seinem Podcast zu diesem Thema referiert (). Unter dem Video finden sich auch die Links zu den einzelnen Studien.

Jeder Leser und jede Leserin dieses Artikels kann selbst beobachten und entscheiden, ob sich durch die Kenntnis dieser Fakten das eigene Verhalten verändert oder nicht. Jeder Mensch ist frei, und die Freiheit können wir am besten nutzen, wenn wir möglichst viel über uns selbst und die Vorgänge in unserem Körper wissen.

Aus den Erkenntnissen wird auch deutlich, warum jemand trinkt und sich unter Umständen schwer tut, davon loszukommen, oder auch, warum manche meinen, sie könnten jederzeit mit dem Trinken aufhören, wenn sie nur wollten, es aber nie probieren. Es wird deutlich, warum das Alkoholtrinken eine starke soziale Bedeutung enthält. Deshalb brauchen wir keinen mahnenden Zeigefinger vor jenen erheben, die „ein Alkoholproblem“ haben oder von denen wir meinen, dass sie eins haben. Falls wir selber frei von solchen Anfechtungen sind, gar nichts trinken oder nur selten mit einem Glas anstoßen, können wir uns anerkennen, auf unsere Gesundheit zu schauen, müssen aber niemanden verurteilen, der sich damit schwerer tut.

Wie wirkt Alkohol?

Es ist schon etwas seltsam, dass wir etwas trinken und trinken wollen, das uns nachher ein lausiges Gefühl gibt. Aber der Alkohol bewirkt selber, dass wir uns nicht mehr gegen ihn wehren können.

Alkohol ist wegen seiner chemischen Struktur sowohl wasser- wie auch fettlöslich. Wenn man Alkohol trinkt, kann er in jede Zelle und jedes Gewebe des Körpers eindringen, und das geht ganz leicht und schnell. Während andere Drogen an die Zelloberfläche andocken und von dort aus eine Kaskade von Wirkungen verursachen, kann der Alkohol direkt in die Zellen eindringen. Das ist der Hauptgrund für die vielfachen schädlichen Folgen von Alkoholkonsum.

Der Äthylalkohol ist die einzige Alkoholform, die der Mensch konsumieren kann. Dennoch ist er giftig, weil er schweren Stress und schwere Schäden an den Zellen anrichtet. Wenn man Alkohol konsumiert, muss er in etwas anderes umgewandelt werden, eben weil er für den Körper ein Gift ist. Wir haben in jeder Zelle ein Molekül, das NAD heißt und das das Ethanol in Acetaldehyd umwandelt. Acetaldehyd ist hochgiftig und zerstört Zellen, ohne jeden Unterschied. Der Körper geht mit dem Problem so um, dass er Acetaldehyd in Acetat umwandelt. Das ist eine Substanz, die der Körper als Treibstoff (ATP) verwenden kann. Wenn es dem Körper nicht gelingt, den dritten Schritt schnell und ausreichend genug zu machen, dann bleibt zu viel von dem schädlichen Acetaldehyd im Körper. Diese Prozesse laufen in der Leber ab. Wo der letzte Schritt gelingt, werden Kalorien produziert, die man leere Kalorien nennt, weil der ganze Stoffwechselprozess teuer ist und diese Kalorien keinen Nährwert haben. Man kann sie nicht speichern, und sie haben keine Vitamine, Aminosäuren, Fettsäuren. Der Alkoholkonsum ist also immer ein Verlustgeschäft für den Körper.

Es ist das Acetaldehyd, das das Gefühl von Betrunkensein hervorruft. Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, fühlen sich währenddessen energetischer und glücklicher; bei Menschen, die seltener Alkohol trinken, ist diese Phase kürzer, und sie kommen schneller in eine Phase, in der sie sich müde fühlen, motorische Fähigkeiten einbüßen oder undeutlich reden.

Alkohol überwindet die Gehirnschranke. Er kann in jede Nervenzelle des Gehirns eindringen, doch gibt es Bereiche, die bevorzugt werden: Nach den ersten Schlucken nimmt die Aktivität im präfrontalen Kortex ab.  Dieser Bereich hat mit Denken und Planen zu tun und auch mit der Unterdrückung von impulsivem Verhalten durch das Ausschütten des Botenstoffes GABA. Eine Folge davon ist z.B., dass Personen unter Alkoholeinfluss keine Bewusstheit über die Lautstärke beim Reden haben und ihre Stimmmodulation zurückgeht.

Der Alkohol hat einen stark unterdrückenden Effekt auf die Bereiche, die mit dem Entstehen und Speichern von Gedächtnisinhalten zu tun haben. Gehirnbereiche, die mit Flexibilität zu tun haben (ich könnte A machen oder B), werden völlig abgeschaltet. Unser Verhalten wird also stereotyper.

Das Folgende gilt für Menschen, die regelmäßig trinken (wenn auch nur einmal in der Woche): Man wird impulsiver und habitueller im Verhalten, auch in der Zeit, in der man nicht trinkt. Wenn man trinkt, dann werden diese Änderungen stärker sichtbar. Die Synapsen, die habituelles Verhalten (= etwas tun, von dem man schon weiß, wie es geht) steuern, werden vermehrt. Die Synapsen in den Bereichen, die impulsives Verhalten hemmen, werden verringert.

Diese Änderungen sind grundsätzlich reversibel, wenn auf das Trinken verzichtet wird: Nach zwei bis sechs Monaten mit Alkoholverzicht normalisiert sich das Verhalten. Ausgenommen sind Menschen, die über viele Jahre regelmäßig große Mengen von Alkohol konsumiert haben. Sie brächten wesentlich längere Zeiten der Abstinenz.

Manche Leute meinen, dass sie mit Nahrungsaufnahme die Wirkung von Alkohol verringern können. Das stimmt zum Teil: Wenn vor dem Trinken etwas gegessen wird, kommt der Alkohol nicht so schnell in den Blutkreislauf und die Entwicklung der Trunkenheit wird verlangsamt. Wenn man während des Trinkens isst, hat das keinen Einfluss auf das Ausmaß der Alkoholisierung.

Euphorisierung durch den Alkohol

Jeder Alkoholkonsum verändert Schaltkreise im Gehirn, indem er sie zunächst hyperaktiv macht. Deshalb reden die Leute viel und fühlen sich gut, sobald sie zu trinken beginnen. Nach mehr Alkoholkonsum oder wenn die Wirkung nachlässt, werden diese Schaltkreise schnell schwächer, und deshalb schwindet das Wohlgefühl. Sofort entsteht der Drang nach dem nächsten Drink, um sich wieder gut zu fühlen. Aber wenn man den dritten, vierten oder fünften Drink nimmt, gibt es absolut keine Chance, wieder in die gute Stimmung zurückzukommen. Die meisten Menschen fühlen sich mehr und mehr bedrückt. Das Frontalhirn schaltet ab, und Zentren, die mit der motorischen Koordination und willentliche Bewegungen befasst sind, werden stillgelegt. Man beginnt undeutlich zu reden, mit den Füßen zu scharren, sich anzulehnen oder in eine Couch zu sinken. Es kommt zur Verringerung der Wachheit und Erregung, und schließlich schläft man weg.

Es gibt aber auch Leute, die aufgrund von chronischem Alkoholkonsum und/oder von Genvariationen beim dritten oder vierten Drink zu mehr Wachheit und Erregung erleben. Sie reden mehr und haben viele Ideen, die ihnen Spaß machen. Das sind Leute, die eine höhere Alkoholtoleranz aufgebaut haben oder die genetisch bestimmte chemische Grundlagen haben, sodass sich, je mehr Alkohol konsumiert wird, das Wohlgefühl steigert und steigert. Aber auch bei ihnen gibt es eine Schwelle, bei der sie umfallen, einschlafen, nur ist die Schwelle viel höher.

Dabei ist das Blackout beim Trinken signifikant: Es gibt Leute, die im Zustand der Betrunkenheit alles Mögliche tun (im Meer schwimmen, Radfahren, Autofahren…), weil sie die Energie dazu haben. Und sie fühlen sich dabei gut, aber sie merken nicht, dass der Hippokampus, die Gedächtnisfunktion, völlig ausgeschaltet ist. Es gibt also keine Erinnerung über das, was geschehen ist. Wenn es öfters zu einer Betrunkenheit mit Blackout kommt, sollte man besorgt sein, denn das stellt eine Vorstufe zum Alkoholismus dar. Wer sich nach einigem Alkoholkonsum nicht sediert fühlt, hat eine Neigung zum Alkoholismus. Überaktivität im Zustand der Trunkenheit ist lebensgefährlich: Immer wieder sterben Menschen durch solche Aktionen.

Alkohol und die Stressachse

Der Alkoholkonsum führt zu Veränderungen im Verhältnis zwischen dem Hypothalamus, der Hypophyse und den Adrenalindrüsen in den Nebennierenrinden (HPA-Achse). Der Hypothalamus hat seinen Sitz oberhalb des Rachens und ist zuständig für Wut, Sextrieb, Temperaturregulation, Hunger und Durst etc. Er schickt der Hypophyse ganz spezielle Signale und diese schüttet dann Hormone aus, die zu den Adrenalindrüsen oberhalb der Nieren gehen. Sie setzen die Stresshormone Adrenalin und auch Cortisol frei.

Die HPA-Achse hält das physiologische Gleichgewicht zwischen Stress und Entspannung aufrecht. Sie wird bei Menschen geschwächt, die regelmäßig trinken (auch wenn es nur 1x die Woche ist). Sie haben einen signifikant höheren Cortisolspiegel, auch wenn sie nicht trinken. Folglich fühlen sie sich gestresst und empfinden mehr Angst, auch in den Zeiten, in denen sie nicht trinken. Deshalb sehnen sie sich nach einem Drink, der ihnen ein wenig Entspannung verspricht. So wird verständlich, warum Leute dann immer wieder trinken, weil sie dabei erleben, wie sie kurzzeitig vom Stress herunterkommen und ein Wohlgefühl erleben, das sie sonst nicht haben.

Der Teufelskreis besteht also darin, dass regelmäßiges Alkoholtrinken den Grundstress erhöht, die Stimmung verschlechtert und Wohlgefühle vermindert. Zugleich werden als Folge des Trinkens die neuronalen Schaltkreise, die den Konsum einschränken, umgepolt, sodass das neuerliche Trinken als einziger Weg erscheint, um das frühere Niveau der Stimmung wieder zu erreichen.

Wenn der Alkoholkonsum sehr früh im Leben beginnt, z.B. mit 13 oder 14, ist das Risiko, zum Alkoholiker zu werden, sehr hoch, unabhängig von der Familiengeschichte mit Alkohol. Wer erst mit 21 beginnt, ist weniger bedroht, Alkoholiker zu werden.

Die  Eingeweide-Leber-Hirn-Achse

Der Bauch und das Gehirn kommunizieren über Nervenverbindungen, vor allem über den Vagus und über chemische Signale. Die gleichen Kommunikationskanäle bestehen zwischen den Eingeweiden und der Leber und zwischen der Leber und dem Gehirn. Jeder Alkoholkonsum bringt das Darm-Mikrobiom durcheinander, das aus Billionen Bakterien besteht und das über chemische und elektrische Signale mit dem Gehirn kommuniziert und Hormone wie Serotonin und Dopamin in Umlauf bringt und die Stimmung im allgemeinen positiv beeinflusst. Alkohol wurde schon immer zur Desinfektion verwendet, also zum Abtöten von Bakterien. Deshalb geht der Alkohol auch auf das Mikrobiom los und tötet unterschiedslos Darmbakterien, auch und besonders die guten.

Zugleich ist der Prozess in der Leber, bei dem Alkohol umgewandelt wird, entzündungsfördernd. Es werden entzündungsförderliche Zytokine freigesetzt, u.a. IL6 und der tumornekrotische  Faktor Alpha. Diese Moleküle werden ausgeschüttet und in Umlauf gebracht. Im Darm entstehen zumindest vorübergehend Löcher. Durch diese können ungesunde Bakterien in den Blutstrom gelangen, die aus ungenügender Verdauung entstehen. Die Nahrung wird bei Alkoholkonsum nur teilweise aufgespalten und Abfallprodukte der Verdauung kommen aus dem Darm in den Blutkreislauf, während gesunde Bakterien direkt vom Alkohol abgetötet werden. Die ungesunden Bakterien können in die Blutbahn entkommen, noch bevor sie durch den Alkohol zerstört werden könnten, und gelangen bis ins Gehirn, was als Neuroimmunsignal bezeichnet wird. Dort kommt es zur schädlichen Entwicklung, dass speziell diejenigen Nervenbahnen unterbrochen werden, die den Alkoholkonsum einschränken und kontrollieren könnten, und die Folge ist die Neigung zu mehr Alkoholkonsum.

Die nachalkoholische Malaise (der Kater)

Bekannt sind die nachalkoholischen Symptome: Verdauungsbeschwerden, Kopfweh, Schwindel bis hin zu diffusen Angstzuständen, für die es im Amerikanischen den Ausdruck hangxiety (=hang over anxiety) gibt und die durch die erhöhten Cortisolwerte bewirkt werden.

Das verkaterte Gefühl entsteht durch Vasokonstriktion, durch das Zusammenziehen der Blutgefäße, das nach dem Trinken passiert. Der Alkohol wirkt als Gefäßerweiterer (Vasodilator), zumindest in manchen Blutgefäßen, als Folge des von ihm herbeigeführten parasympathischen Modus. In diesen Bereichen fließt mehr Blut. Durch das Nachlassen des Alkoholeinflusses ziehen sich die Blutgefäße zusammen und erzeugen z.B. Kopfschmerzen.

Alkohol und Schlaf

Schon ein einziges Glas Alkohol verändert den Schlaf: Langwelliger Schlaf, Tiefschlaf, REM-Schlaf werden unterbrochen, die Qualität des Schlafes wird also verschlechtert. Oft spricht man von Pseudoschlaf, der auch dafür verantwortlich ist, sich am nächsten Tag schlecht und ausgelaugt zu fühlen. Denn statt zu schlafen befindet man sich in einer Art von hypnotischer Trance mit häufigem Aufwachen, das gar nicht registriert wird. Der Erholungscharakter des Schlafes ist stark gestört.

Ein guter Schlaf wäre gerade wichtig nach Alkoholkonsum, weil der Körper die Ruhezeit nutzen kann, um die alkoholischen Getränke, das Äthanol und die Zusatzstoffe abbauen zu können. Einerseits verhindern die massiv notwendigen Entgiftungsprozesse einen guten Schlaf, andererseits können diese Prozesse nicht optimal ablaufen, weil der Schlaf zu seicht ist.

Absinken der Körpertemperatur

Der Alkohol führt zu leichter Hypothermie, also zu einem Absinken der Körpertemperatur, weil die Steuerung der Körpertemperatur im Hypothalamus unterbrochen wird. Kälteexposition, z.B. kaltes Duschen, führt zu einem Anstieg von Epinephrin, Adrenalin und Dopamin und kann die Alkoholisierungsfolgen abmildern.

Alkohol ist dehydrierend, und ausgeschieden wird nicht nur Wasser, sondern auch Natrium, das wichtig für das Funktionieren der Nervenzellen ist. Alkohol unterbricht auch die Vasopressin-Bahnen. Mit jedem Glas Alkohol sollten zwei Gläser Wasser, am besten mit Elektrolyten (Natrium, Magnesium, Kalium) getrunken werden. Geschieht das nicht, fällt der Kater umso heftiger aus.

Das Kater-Spektrum

Die Wissenschaftler haben ein Kater-Spektrum erforscht: Welche Form von alkoholischem Getränk führt zu weniger oder zu mehr Kater? Es gibt die Vermutung, dass das mit dem Zuckergehalt im Getränk zu tun hat, doch diese Annahme konnte nicht bestätigt werden. Die geringsten Nachwirkungen hat Bier, gefolgt von Wodka, Gin, Weißwein, Whisky, Rotwein, Rum, und der Brandy steht an oberster Stelle. Die Unterschiede entstehen durch Aromabestandteile (Kongener), die bei der Alkoholerzeugung entstehen, z.B. Methanol. Methanol wird im Körper in Ameisensäure und Formaldehyd umgewandelt, Stoffe, die die Leber und die Darmflora belasten und den Kater verstärken.

Als Faustregel dient die Farbe des alkoholischen Getränks: Je dunkler es ist, desto mehr Methanol ist enthalten und desto schwerer wiegen die Nachwirkungen des Konsums.

Alkoholtoleranz

Darunter versteht man die verringerten Effekte des Konsum bei wiederholter Alkoholexposition. Die Wurzeln liegen im Gehirn: Als direkte Konsequenz der Giftigkeit von Alkohol werden Neurotransmitter im Gehirn verändert. Wer Alkohol trinkt, bewirkt, dass sich der Dopamin- und Serotoninspiegel rasch erhöht, aber nur für sehr kurze Zeit. Danach sinkt der Spiegel langsam und über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ab. Deshalb trinken Leute immer wieder, um wieder in einen Höhenflug zu kommen. Beim chronischen Trinken wird dieses Absinken noch langsamer und dauerhafter. Aber auch die erste Phase des Wohlfühlens wird kürzer. Es wird immer weniger Dopamin und Serotonin ausgeschüttet. Die lohnenden Aspekte werden weniger, die schmerzhaften und störenden mehr.

Alkohol und genetische Veränderungen

Jeder Alkoholkonsum, auch wenn er nur sehr gering ist, reduziert schon messbar die Dicke des Gehirns. Das Ausmaß dieser Verringerungen, die sowohl bei den grauen wie den weißen Zellen beobachtet werden kann, hängt ab von der Dosis. Doch nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ wirkt sich der Alkohol auf die Nervenzellen aus, denn er kann auch die DNA-Methylierung und die Genexpression in gefährlicher Weise verändern. Schon länger nachgewiesen ist der signifikanter Anstieg des Krebsrisikos, besonders für Brustkrebs, schon durch geringe Mengen von Alkohol. Mit einem kleinen Glas Bier oder einem Achtel Wein (10 Gramm Alkohol) pro Tag steigt das Risiko, an Krebs zu erkranken, zwischen 4 und 13 % (je nach Studie). Es ist erstaunlich, dass der Konsum von Alkohol angesichts eines gut erforschten und enormen Gesundheitsrisikos keinerlei legalen Einschränkungen unterliegt.

Alkohol und Geschlechtshormone

Testosteron und Östrogen sind wichtig für die Ausbildung der Geschlechtsteile vor und nach der Geburt, für die Libido und die sexuelle Entwicklung. Östrogen unterstützt das Gedächtnis und die Kognition und auch die Gelenksgesundheit. Alkoholkonsum führt dazu, dass die Umwandlung von Testosteron in Östrogen verstärkt wird, bei Frauen wie bei Männern. Man nennt das die Aromatisierung von Testosteron zu Östrogen, weil das Amoritase-Enzym dafür zuständig ist. Dieser Vorgang kann bei Frauen das Brustkrebsrisiko erhöhen und bei Männern zum Wachsen von Brustgewebe führen. Das bewirkt wieder einen verringerten Sextrieb und stärkere Fettspeicherung.

Was steht auf der Positivseite?

Nach der Beschreibung von so vielen Belastungs- und Risikofaktoren, die der Alkoholkonsum im menschlichen Körper hervorruft, sollte es doch auch Vorteile im Alkoholkonsum geben. Schließlich konsumieren die Menschen die Substanz seit Tausenden von Jahren, in vielen Kulturen. Doch schaut es damit auf der objektiven Seite äußerst mager aus: Alkohol ist und bleibt ein Gift. Es gibt die Geschichte von der Gesundheit des Rotweins wegen der Substanz Resveratrol und ihrer antioxidantischen Wirkungen. Allerdings müssten recht große Mengen von Rotwein getrunken werden, damit es zu nennenswerten Wirkungen kommen kann, und die Nebenwirkungen würden wohl die möglichen Vorteile übertreffen.

Es bleiben nur die subjektiven Faktoren, die angenehmen Gefühle, die das Trinken zumindest kurzfristig auslöst. Der Preis ist nicht unerheblich – im Subjektiven sind es die unangenehmen Gefühle, die mit Regelmäßigkeit nachher auftauchen, und auf der physiologischen Ebene die schweren Folgen der Vergiftungsprozesse, die den Körper auf vielen Ebenen destabilisieren und durch die Einwirkungen auf das Genom nachhaltig schädigen können. Wer gesundheitlich auf der sicheren Seite sein will, hat nur eine Option, nämlich nichts zu trinken. Wer nur moderat konsumiert, sollte auch über die Konsequenzen Bescheid wissen, die mit jeder Alkoholzufuhr verbunden sind. Und wer viel trinkt, sollte sich umschauen, welche Unterstützung ihm helfen könnte, dem Zwang der Sucht zu entkommen.

Die Entmachtung der Alkoholkultur

Die Alkoholkultur bedarf einer kritischen Reflexion. Sie verleitet zum Alkoholtrinken und verharmlost dessen Auswirkungen auf das Wohlbefinden und auf die Gesundheit. Wer im Alkoholismus landet, wird auch aus der feineren Alkoholkultur ausgegrenzt und als subjektiver Versager abgestempelt; die Verantwortung, die bei allen liegt, jemandem ins Trinken einzuführen, zum Trinken zu ermuntern und die „Trinkfestigkeit“ zu glorifizieren, wird dabei ausgeblendet.

Die Auswirkungen des Alkoholkonsums sollten in der Schulbildung umfassend vermittelt werden, als Informationen und nicht als moralische Unterweisungen; in Ländern, in denen der Alkohol einen erstaunlich zentralen und positiv konnotierten Stellenwert einnimmt, braucht es ein Gegengewicht aus solider Information, das jedem deutlich macht, welches Risiko auch schon mit leichter Alkoholisierung verbunden ist.

An der Zeit ist es, die Alkoholkultur zu relativieren und den Alkohol seines Nimbus zu entheben. Er ist ein Genuss- und Suchtgift, mit der Funktion, ein Bedürfnis zu befriedigen, das wir erst durch die Gewöhnung an den Alkohol entwickelt haben und das durch den Alkoholkonsum aufrechterhalten und verstärkt wird. Wir brauchen keine Kultur, die zum Trinken animiert und dessen Folgen verharmlost oder romantisiert. Wir brauchen eine klare Bewusstheit über die Auswirkungen des Alkohols auf unseren Körper, unsere Psyche und unsere sozialen Beziehungen. Wir brauchen eine alternative Kultur, in der ohne Konsum von Giftstoffen gefeiert werden kann.

Das Leben ist bekanntlich lebensgefährlich. Überall gibt es Risiken und es gibt kein risikoloses Leben. Der Alkohol ist eine dieser Gefahren. Am besten kommen wir durch das Leben, wenn wir die Gefahren, die uns drohen, einschätzen können. Dann können wir entscheiden, ob wir uns wir uns einer Gefahr aussetzen wollen, ob wir also bereit sind, ein Risiko auf uns zu nehmen.  

Es ist im Grund ein trauriger Befund für eine Gesellschaft, wenn viele ihrer Mitglieder glauben, dass sie zu Unbeschwertheit und Lebensfreude nur mit Hilfe einer Giftzufuhr gelangen können. Wir sollten stattdessen andere Quellen für unsere Glücksfähigkeit und Leichtigkeit erschließen, fördern und verbreiten, solche, die uns nicht schädigen, schwächen und abhängig machen, sondern die uns ohne Nebenwirkungen zu mehr Lebensglück führen, und das sind Quellen, die wir tiefer in uns selber tragen.

Zum Weiterlesen:

Der Alkohol und seine Kultur 1
Der Alkohol und seine Kultur 2
Neue Genusskultur
Verbindungen zwischen Missbrauch und Alkoholkonsum
Serotonin und Lebensfreude

Dienstag, 5. August 2014

Alkoholmissbrauch und die Folgen

Die Studie, die die Auswirkungen von Alkoholmissbrauch in Familien auf die Kinder nachgewiesen hat, wurde in einem früheren Blog vorgestellt. 

Kinder aus Familien, bei denen der Alkoholkonsum eine große Rolle spielt, erleben von früh an, wie das Trinken von den Erwachsenen zur Stressentlastung eingesetzt wird. Selber haben sie keine Chance, den Stressoren in ihrer Umgebung zu entkommen, die durch den Alkoholmissbrauch der Eltern ihr Leben von Anfang an belasten. So müssen sie von früh an Stress bewältigen, und übernehmen dann, sobald es geht, den Akohol als Mittel dafür, so wie es ihnen in der Kindheit vorgelebt wurde. 

Der Teufelskreis ist hiemit in Gang gesetzt, in dem die Menschen vom Alkohol sukzessive in Besitz genommen werden und ihre Freiheit und schließlich ihre Würde verlieren. Die innere Anspannung braucht die Droge zur Entlastung, das Trinken produziert über kurz oder lang Probleme, die neue Belastungen nach sich ziehen, woraus wieder der Drang zum Alkoholkonsum entsteht.
 

Die fortschreitende Selbstzerstörung, zu der diese Prozesse führen, werden indirekt von einem Klima der gesellschaftlichen Duldung des Alkoholkonsums unterstützt. Die schrankenlose Zugänglichkeit der Droge, ihre Einbindung in viele Rituale, also die Alkoholkultur, die in unseren Ländern tief im Brauchtum verwurzelt ist, bieten die Rahmenbedingungen für diese dysfunktionale Form der Stressbewältigung und Kompensation von Traumatisierungen und emotionalen Vernachlässigungen.
 

Die Botschaft lautet einerseits: Alkohol ist harmlos, wir alle trinken ihn, und sobald du zu den Großen gehörst, darfst du auch davon trinken. Du darfst auch mal "über die Stränge schlagen" und dich betrinken. Das Alkoholtrinken bestätigt deine Zugehörigkeit, und auch mit dem Vollrausch kannst du beweisen, dass du einer von uns bist. Andererseits: Sobald du eine Grenze überschritten hast, wirst du ausgegrenzt, verachtet und pathologisiert.

Diese Doppelgesichtigkeit der Alkoholkultur bildet den gesellschaftlichen Konflikt ab, der sich darin zeigt, dass die Stressbewältigung gesellschaftlich normiert wird mit Mitteln, die zusätzliche Probleme erzeugen, für die wieder die gesundheitssschädigende Substanz als Bewältigungsstrategie angeboten wird. Wenn jedoch das System zusammenbricht, wenn also die individuelle Bewältigungsstrategie scheitert, lässt zugleich das soziale Netz das Individuum fallen. Damit kann die Alkoholkultur unbeschadet bestehen bleiben, denn es hat ja nur ein Individuum versagt. Der Alkoholiker wird nun Institutionen am Rand der Gesellschaft übergeben, die ihm im besten Fall helfen, die Traumatisierungen der eigenen Lebensgeschichte aufzuarbeiten, während das Trinken im Zentrum fröhlich weitergeht - fröhlich auch deshalb, weil es jemand anderen erwischt hat.
 

In der Ablehnung der Gesellschaft, Verantwortung für das Los derer zu übernehmen, die an den angebotenen Bewältigungsstrategien scheitern, spiegelt sich die Verantwortungsabgabe, die Kinder erleben, wenn die Eltern nicht wahrnehmen können, was sie ihnen antun bzw. schuldig bleiben. Die Sinnes- und Bewusstseinstrübungen, die für Alkoholiker und andere Drogenabhängige symptomatisch sind, bewirken das Ausblenden des Leides, das anderen zugefügt wird, weil das eigene Leid so dominant erlebt wird.
 

Diese typische Verantwortungsverschiebung der Eltern auf die Kinder, wie sie in Alkoholikerfamilien auftritt, ist als Beispiel ein Ausschnitt aus den verschiedenen Formen von Blindheit, die für die meisten Eltern kennzeichnend ist. Blind sind sie dort, wo ihre eigenen Eltern blind waren, das ist das Netz der unbewussten Weitergabe von Verletzungen und Traumatisierungen. Dieses Netz speist sich in die Gesellschaft und ihre Normen und Rituale ein, und von dort wird wieder die Weitergabe der schädigenden Muster über die Generationen in Gang gehalten.
 

Deshalb können Eltern das nicht, was die Gesellschaft nicht kann. Auch aus diesem Grund hat die Zuteilung von Schuld an einzelne Individuen oder an "die Eltern" als Gesamtheit in solchen Fragen wenig Sinn.
 

Das heißt aber nicht, dass man dann sowieso nichts machen kann. Im Gegenteil: Ändern wird sich dort etwas, wo die Zusammenhänge im Ganzen ins Bewusstsein gerückt und schonungslos zur Kenntnis genommen werden. Jeder Mensch kann an dieser Einsicht ermessen, worin seine eigene Verantwortung besteht. Im nächsten Schritt geht es darum, diese Verantwortung zu übernehmen, so gut es geht. Diese Verantwortung beginnt bei jeder Person selbst, hört aber dort nicht auf. Sie erstreckt sich auch darauf, andere an ihre Verantwortung zu erinnern und zu ermutigen. So kann auch dieser Teufelskreis durchbrochen werden.
 

Verantwortung ist ein Schlüssel, den jeder nur selbst nutzen kann, den wir aber leicht vergessen, sodass wir andere brauchen, die uns aufmerksam machen (was nur funktioniert, wenn sie das liebevoll machen!).

Montag, 21. April 2014

Verbindungen zwischen Missbrauch und Alkoholkonsum

College-Studenten, die Symptome der posttraumatischen Stressbelastung aufweisen, trinken mehr Alkohol als ihre Kommilitonen, belegt eine Studie, die im Februar 2014 im Journal of Abnormal Psychology erschienen ist.

Zusätzlich zu den Problemen, die bekannterweise mit Alkoholmissbrauch verbunden sind, verschlimmert der gesteigerte Alkoholkonsum die Symptome von PTSB, wie die Studie belegt.

Rayne E. Golay,Psychotherapeutin und Autorin des preisgekrönten Buches "The Wooden Chair", in dem der posttraumatische Stress von missbrauchten und vernachlässigten Kindern beschrieben ist, meint: "Die Studie identifiziert nicht, welche Traumen die Stressstörung verursacht haben, aber es kann sicher angenommen werden, dass ein Gutteil von den Betroffenen Überlebende von Kindesmissbrauch und/oder -vernachlässigung sind."

Alkoholmissbrauch der Eltern ist oft ein Faktor für Kindesmissbrauch und -vernachlässigung. Das ist verbunden mit dem Risiko, dass die Kinder als Erwachsene dann ihr Verhalten an dem der Eltern ausrichten - den Alkoholkonsum mit eingeschlossen. Golay, die auf Suchtberatung spezialisiert ist, erklärt, dass sie in ihren vielen Jahren in dieser Tätigkeit immer wieder auf eine verbreitete Irrmeinung unter alkoholischen Eltern gestoßen ist: Sie glaubten alle, dass ihr Trinken niemand anderen als sie selbst beträfe. "Das stimmt einfach nicht. In einer Wohnung mit einem Elternteil als Alkoholiker leiden alle, und die verletzlichsten sind die Kinder", sagt Goley, "sie leben in einer unsicheren und instabilen Umgebung, und weil das Verhalten von alkoholkranken Eltern nicht vorhersehbar und furchterregend ist, lernen die Kinder, fortwährend auf der Hut zu sein."

Damit wird die Grundlage für einen Teufelskreis gelegt: Die Kinder erwerben früh ein chronisches Stressmuster. Als Jugendliche ahmen sie das Verhalten der Eltern nach, das diese vorlebten: Alkohol zu trinken, um scheinbar den inneren Stress zu bewältigen.

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Dienstag, 14. Juni 2011

Der Alkohol und seine Kultur 2


Wie verläuft die Alkoholsozialisierung?

Manche Eltern finden es putzig, wenn die Kleinen schon Alkohol, aber sicher doch nur in winzigen Dosen, zu sich nehmen. Sonst bleibt das Getränk den Großen vorbehalten, und jedes Kind wünscht sich, irgendwann auch einmal mit dabei zu sein. Deshalb wollen die Jugendlichen bei den Alkoholritualen der Eltern mitmachen. Die Erlaubnis, mit bei den Alkoholtrinkern zu sein, zählt als Eintritt in die Erwachsenenwelt, und es wirkt wie eine Initiation, wenn der Vater dem Sohn zum ersten Mal das Glas mit dem Wein füllt oder ihm einen Schnaps gestattet.

Bekanntlich rutscht die Schwelle kontinuierlich tiefer, Jugendliche machen immer früher die ersten intensiven Bekanntschaften mit dem Trinken. Und dann entsteht der Wettlauf mit dem ersten Rausch, der wie eine Mutprobe bestanden und bewundert wird.

Hier die Zahlen: Österreichs Jugendliche liegen beim Alkoholmissbrauch im europäischen Spitzenfeld. Ein Drittel der 15-jährigen Mädchen und etwa die Hälfte der 15-jährigen Burschen haben schon mehrere Rauscherfahrungen durch Alkohol gemacht. Aber sogar schon sieben Prozent der elfjährigen Kinder trinken einmal wöchentlich Alkohol. (Anton-Proksch-Institut)

Was aber ist so mutig daran, solange zu trinken, bis man umfällt? Die Überwindung der Ekelschwelle? Das Zuführen von Gift? Die Bereitschaft, jede Kontrolle zu verlieren? Den Erwachsenen zu zeigen, dass man mit ihnen mithalten kann?

Es ist die ambivalente Haltung der Gesellschaft zu der Droge, die sie sich selber gestattet und bei der sie annimmt, dass jeder ihre Gefahr richtig einschätzen und mit ihr umgehen kann. Deshalb hat sich jeder, der in sie hineinwächst, der Herausforderung zu stellen, muss sein Verhältnis zur Droge definieren. Es wird nicht gestattet, sich dieser Herausforderung überhaupt zu entziehen, unter Androhung von Ausschluss und Abwertung in der Bezugsgruppe.

Interessant finde ich auch, dass es bisher keine Jugendbewegung gibt, die sich vom Alkoholkonsum der Eltern abgrenzt. Viele andere Konsumgewohnheiten der vorigen Generation werden von der nächsten entwertet und abgelehnt und durch neue ersetzt, doch die Gewohnheiten des Alkoholtrinkens werden unbefragt übernommen, nur in der Quantität wird möglicherweise versucht, die vorige Generation zu übertreffen, mit oft verheerenden Folgen. Der Alkohol hat es geschafft, sich aus den Generationenkonflikten herauszuhalten oder sogar noch daraus an Nachfrage zu gewinnen.

Alkohol und Leistungsgesellschaft

Es ist ja niemandem zu verdenken, der den Leistungsdruck und die Fremdbestimmung der Arbeitswelt durch Bier, Wein oder Schnaps vergessen lassen will. Ein bequemer Weg, sich ein Glas einzuschenken, und schon geht es wieder besser, das nächste Glas gibt vielleicht eine Ahnung von Glück, und das dritte steigert noch mehr das Wohlbefinden. Niemandem soll diese Quelle der Regeneration genommen werden. Jedoch macht es keinen Sinn, die Augen vor der Realität zu verschließen, die darin besteht, dass Alkohol, in welcher Form auch immer, für den menschlichen Körper ein Gift ist, das er neutralisieren muss, um nicht darunter zu leiden, und dass der regelmäßige Konsum zu Schädigungen im Körper führt.

Wer besondere Weine genießen mag, wer eine Flasche Bier nach dem Sport gewohnt ist, wer nur ab einer bestimmten Promillegrenze lustig sein kann, möge seinen Wünschen Genüge tun. Da soll niemand reguliert oder eingeschränkt werden, da soll sich niemand einmischen. Ein guter Wein ist ein guter Wein, ein schlechter ein schlechter. Mehr aber brauchen diese Getränke nicht an Privilegierung, Verehrung oder Verherrlichung, ebenso wenig wie die Konsumenten. Einer verträgt mehr als der andere, eine ist sensibler als die andere.

Denn Alkohol ist neben all den institutionalisierten Verwendungsweisen eine gefährliche Droge, die wesentlich mehr materielle und psychische Schäden angerichtet hat als verbotene Drogen wie Heroin oder Kokain. Dass der Alkohol nicht verboten ist wie andere suchterzeugende Substanzen, liegt vor allem daran, dass sein Konsum so fest im Brauchtum und in den Gewohnheiten der Bevölkerung verankert ist und mächtige Wirtschaftszweige an seiner Erzeugung und seinem Vertrieb verdienen.

Alkohol kann zwar in kleinen Mengen ohne drastische Folgen genossen werden, das gilt aber für andere Drogen auch. Es gibt auch gesellschaftliche Normen, die extremen Alkoholkonsum einschränken. Doch durch die leichte Zugänglichkeit der Rauschdroge ist für suchtartigen Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Der Genussfaktor

Das Argument, dass alkoholische Getränke eben schmecken und deshalb getrunken werden müssen, lasse ich übrigens nicht gelten;-)! Geschmack ist konditionierbar und dekonditionierbar, d.h. er wird durch die Übung erlernt. Je öfter ich bestimmte Getränke trinke, desto besser schmecken sie mir. Vielen ist vielleicht anfangs Bier zu bitter, Wein zu sauer und Schnaps zu scharf, als dass diese Getränke beim ersten Mal schmecken könnten. Anfangs wehrt sich der Körper gegen die Zufuhr der Substanz, denn es ist Gift, so klein auch die Menge sein mag. Doch bei der zweiten Überwindung geht es schon leichter, und bald hat sich der Körper adaptiert und die angenehmen Folgen überformen den ursprünglichen Ekel.

Wir interpretieren diese Anpassung, die darin besteht, dass der Körper ein Notprogramm aufbaut, um mit einer Gefährdung zurechtzukommen, als Reifungsschritt: Jetzt schaffen wir es, den Ekel zu überwinden, jetzt gehören wir zu den Großen, Starken, Coolen. Und wenn es uns dann auch noch schmeckt, sind wir voll integriert im Alkohol-Establishment. Wenn wir erst „trinkfest“ sind, gehören wir schon zu einer Elite.

Die Abstinenten

Ist es nicht seltsam, dass Leute, die keinen Alkohol trinken, als abstinent bezeichnet werden? Das klingt so, als würden sie etwas von sich fern halten, was eigentlich das Normverhalten ist. Ein Abstinenter sitzt im Lokal, studiert die Weinkarte und denkt sich dann, nein, doch nicht. Alle also, die keinen Alkohol trinken, sind eigentlich Alkoholiker, die sich nur am Trinken durch Willenskraft hindern. Wir bezeichnen ja auch nicht alle, die kein Heroin zu sich nehmen, als clean. Niemand käme auf die Idee, den Bundespräsidenten oder den Kardinal von Wien mit diesem Prädikat zu versehen.

Alkohol und Bewusstheit

Was folgt nun daraus, oder was sollte daraus folgen? Alkoholverbote sind sinnlos, das haben die 20er Jahre in den USA unter Beweis gestellt. Meines Erachtens sollte ein Umdenken einsetzen, das durch mehr Bewusstheit entsteht. Die Verankerung der Droge in der Alltagskultur kann dadurch deutlich gemacht werden und geschwächt werden. Die hohe Akzeptanz von Alkoholgetränken in allen Gesellschaftsschichten, Regional- und Subkulturen sollte herabgesetzt werden, indem andere alkoholfreie Rituale eingeführt werden. Der Rechtfertigungsdruck sollte umgedreht werden: Warum trinkst du Alkohol? Statt: Was, du trinkst keinen? Der Gebrauch von Alkohol sollte zu begründen sein: Warum wird bei dieser Feier Alkohol ausgeschenkt, warum wird bei jenem Ereignis mit einem alkoholischen Getränk angestoßen usw.
 
Menschen, die Interesse daran haben, in ihrer Bewusstheit zu wachsen, können sich fragen, was ihre eigentlichen Motive sind, Getränke zu sich zu nehmen, die ihrem Körper Schaden zufügen. Menschen, die Interesse daran haben, sich gesund zu erhalten, können sich fragen, ob die Annehmlichkeiten des Alkoholkonsums dafür stehen, dass sie ihrem Körper schädliche, giftige Substanzen zuführen. Auch kleine Mengen von Gift sind giftig, und wir nehmen ja auch nicht Arsen oder Cyankali in Dosen zu uns, die uns nicht umbringen.

Die Zahlen

Österreich: 18 % trinken in gesundheitsgefährdendem Ausmaß, fünf Prozent der Einwohner über 16 Jahre gelten als chronisch alkoholkrank (insgesamt erkranken zehn Prozent der Bevölkerung). Zehn Prozent der Todesfälle sind Alkoholiker. (wikipedia)


Der Alkohol und seine Kultur 1

Als der Standard vor einigen Wochen meinen Blog-Beitrag „Neue Genusskultur“ als Leser-Kommentar veröffentlichte, war ich überrascht über viele negative bis aggressive Postings, die vor allem die im Artikel geäußerte Kritik an der Verherrlichung des Alkoholkonsums zum Inhalt hatten.

Woher die Aggression in den Postings? Es klingt, als sollte diese Bastion verteidigt werden gegen die Feinde, die den Menschen ihre letzten Vergnügungen rauben oder zumindest ein schlechtes Gewissen machen wollen. Jetzt ist das Rauchen schon in der Defensive durch mieselsüchtige Asketen und eine repressive Gesellschaft, und als nächstes soll den Leuten der Alkohol weggenommen werden. Wehret also den Anfängen!

Verstärkt hat sich bei mir dadurch der Eindruck, dass die Alkoholkultur in unserem Land nach wie vor ein Tabu-Thema ist. Wir sind entsetzt, wenn 12-Jährige als Koma-Trinker im Spital landen, wenn Betrunkene tödliche Verkehrsunfälle verursachen und Alkoholiker ihre Frauen schlagen. Aber wir weigern uns, dem Alkohol die Macht in unserer Gesellschaft zu nehmen, die er seit langer Zeit inne hat. Warum ist das so?

Stell dir eine Gruppe von Menschen vor, die sich zu einem Fest trifft. Es wird eine kurze Rede gehalten, und dann wird angestoßen, natürlich mit einem alkoholischen Getränk. Wer etwas Alkoholfreies oder gar nur Wasser im Glas hat, wird scheel angesehen – du gehörst nicht wirklich dazu. Deshalb bemühen sich alle, Prozentiges im Glas zu haben. Es wird so getan, als wäre es der Alkohol, der hier gefeiert wird, und nicht die Menschen in ihrem Zusammensein. Der Alkohol wird damit zum Zentrum des Festes erhoben, und wer ihm nicht huldigt, gehört nicht dazu, oder zumindest nicht ganz. Wer keinen Alkohol trinken will oder mag, wird nicht für voll genommen. Ihm/ihr haftet ein Makel an, der mit Missbilligung und häufig sogar mit Verachtung bestraft wird.
 
Alkohol ist ein Suchtmittel, das in unserer Gesellschaft – bis zu einem gewissen Grad des Konsums – hoch im Ansehen steht; allerdings, wenn dieser Grad überschritten wird, kommt es zur vollen Ausgrenzung. Der Säufer unter der Brücke gilt ebenso als Versager wie die Frau des Generaldirektors, die ohne Likör nicht mehr leben kann. Niemand will etwas mit solchen Menschen zu tun haben.

Wir sollen also bei den Alkoholritualen mitspielen und können dabei auch ab und zu mal über die Stränge schlagen und bekommen dafür Zustimmung und Anerkennung durch unsere Mitmenschen, aber wehe, wir überschreiten die unsichtbare Grenze und rutschen ab in die Sucht, dann werden wir gnadenlos ausgegrenzt. Es ist, als wollte uns dann jeder sagen: Ich hab es geschafft, ich kann meiner Sucht frönen, ohne ihr gänzlich zu verfallen, du hast versagt, die Flasche ist mächtiger als du.
 
Stell dir jetzt eine Betriebsfeier vor, auf der gutes Quellwasser ausgeschenkt wird und die Leute sich damit zuprosten. Niemand kommt auf die Idee, eine blöde Bemerkung dazu zu machen, sondern alle freuen sich, dass sie zusammen feiern können. Was sie trinken, ist dabei die Nebensache. Ist das eine Utopie?