Samstag, 29. März 2025

Der Propagandatrick der Umkehrung

Die Medien präsentieren Tag für Tag schauerliche Geschichte aus der ältesten Demokratie der Welt. Unverfroren wird der Propagandatrick der Umkehrung genutzt, um die eigenen Machtgelüste zu befriedigen. Z.B. wehren sich die Grönländer gegen einen Anschluss an die USA. Doch behaupten die republikanischen Politiker, dass den Grönländern nur Gutes aus einem Anschluss erwachsen könne.  Der Präsident will seine imperialistischen Gelüste als Sicherheitsgewinn für die Welt verkaufen, während er die Sicherheit seines Landes durch die Aufkündigung der Freundschaft zu Kanada und Europa massiv beeinträchtigt. Es wird behauptet, dass Millionen US-Amerikaner Pension bekämen, die gar nicht mehr am Leben sind, dabei liegt die Fehlerquote unter 1 %, es sind also höchstens ein paar Tausend.  Führende Politiker tauschen sich in einem Chatroom über eine Militäraktion aus, und ein Journalist war irrtümlich dazu eingeladen. Als das Ganze publik wird, wird der Journalist beschimpft, statt dass die Ursachen des peinlichen Fehlers gesucht werden usw.

Wissentlich das Falsche zu sagen, ist mit Scham belegt. Mit dem Trick der Schuldumkehr wird die Person diskreditiert, die einem auf die Schliche kommt, um ihn als den eigentlich Bösen vorzuführen. Wenn republikanische Politiker von demokratischen Vertretern auf ihre Wahrheitsverdrehungen und Lügen hingewiesen werden, ist bei den Fernseh- oder Videoaufnahmen leicht zu merken, wie sie die Scham packt und wie sie beginnen, sich zu drehen und zu winden, um dem Netz dieses Gefühls zu entrinnen. Dann kommt die erlösende Umkehrungsfloskel und die Gesichter frieren wieder ein. Auch beim aktuellen US-Präsidenten ist ein kurzes Unbehagen erkennbar, wenn er etwas Unangenehmes gefragt wird, bis sein Gehirn die Verdrehung produziert, mit der er sich aus der Schlinge der Scham winden kann: Es war alles nicht so, sondern ganz anders, und wer behauptet, es wäre so gewesen, ist ein Lügner und Verdreher. 

In der Welt von verkehrten Wahrheiten und verdrehten Werten

Mit Verkehrung ins Gegenteil wird in der Psychoanalyse die Umkehrung eines Triebbedürfnisses in sein Gegenteil bezeichnet. Beispielsweise verhält sich jemand besonders nett zu der Person, die er nicht mag oder sogar hasst. Es handelt sich um einen inneren Abwehrmechanismus gegen Gefühlsäußerungen, die sozial nicht akzeptiert sind oder negative Konsequenzen nach sich ziehen würden. Wer diese Strategie in der Kindheit angenommen und im Unterbewusstsein abgespeichert hat, kann sie dann als Erwachsener in verschiedensten Situationen anwenden, um sich aus unangenehmen Situationen herauszureden. Das Schamgefühl hindert daran, zu sich und zu eigenen Fehlern zu stehen, also wird der Fehler in der inneren Bewertung in eine gute Tat umgewandelt oder jemand anderer als fehlerhaft angeprangert.

Realitätsverlust als Preis

Der Preis von Abwehrmechanismen besteht immer im Realitätsverlust. Die Wirklichkeit wird so zurechtgedreht, dass sie zu den eigenen Bedürfnissen passt. Auf diese Weise wird der innere Konflikt beruhigt, der aus dem Schamgefühl erwachsen ist. Die Wirklichkeit wird nur mehr durch den Filter dieser Verdrehung wahrgenommen, und jeder, der diesen Filter nicht teilt, muss bekämpft und abgewertet werden, damit die eigene verzerrte Sichtweise bestehen bleiben kann. 

Mit Hilfe dieser Abwehrstrategie gelingt es, als gut darzustellen, wenn man eine schlechte Tat begangen hat. Das Sich-selbst-als-gut-Darstellen ist eine erlernte Zurechtbiegung, die immer dann angewendet wird, wenn dieses Gutsein von anderen in Frage gestellt wird. 

Da dem Versteller der Mechanismus der Umkehrung vertraut ist, nimmt er an, dass alles Gute in Wirklichkeit nur verstelltes Böses ist. Er selber hat gelernt, damit zu leben und unter Umständen sogar Erfolg zu haben. Er weiß aber, dass das ganze Gebäude seines Selbstwertes auf Sand gebaut ist. Dabei hilft ihm der Zynismus, davon auszugehen, dass all die anderen, die sich so gut vorkommen, als die eigentlich Bösen entlarvt werden müssen. Die Entfernung zur Realität wird dadurch noch viel größer.

Nietzsches Umwertung aller Werte

Der Vorreiter dieser Haltung war Friedrich Nietzsche. Er hat die Umwertung aller Werte gepredigt, ausgehend von der Heuchelei der scheinbar Guten und Gutmütigen, unter deren manipulativer Macht er in seiner Kindheit gelitten hat. Gutes zu tun wäre eigentlich nur der Ausdruck von Schwäche. Er hat diese Haltung als Sklavenmoral beschrieben, während die ursprünglich geltende Herrenmoral, die durch Stärke, Mut und Selbstbestimmung gekennzeichnet ist, vor allem durch das Christentum entmachtet worden wäre. Der Hauptduktus seines Denkens, das er mit virtuoser Sprachgewalt zu Papier gebracht hat, war die Ausformulierung der Abwehrform der Verkehrung ins Gegenteil. 

Die Ideologie der „dunklen Aufklärung“

Darin liegt der Grund für die Übernahme vieler seiner Theorien in das Ideologiegebäude des Nationalsozialismus. Wir erleben zurzeit eine Art Renaissance dieser Ideologie, im Gewand des 21. Jahrhunderts, d.h. weniger mit offensiv brutaler Gewalt, dafür umso gründlicher. Der Blogger Rainer Hofmann kennzeichnet diese Richtung, wie sie in den USA zur Dominanz gelangt ist: „Die Ideologie wirkt wie ein Gemisch aus Silicon-Valley-Zynismus, faschistischer Ästhetik und feudaler Machtfantasie. Sie will keinen Diskurs. Sie will Kontrolle. ... Was sie planen, ist keine Regierung. Es ist ein Konzern mit Exekutivgewalt. Eine Maschine. Und sie läuft bereits.“

Die Macht liegt nicht bei Schlägertruppen, sondern bei den Beherrschern der Algorithmen, mit denen die Meinungen gesteuert und die Ideologie in Wahrheit umgemünzt wird. Sie beruht auf dem Geld von Milliardären, die die Propagandisten und Politiker finanzieren, die dann einer elitären Regierungsform zum Durchbruch verhelfen sollen. Das „Volk“ wurde so gut zurechtgerichtet, dass es auf demokratische Weise den Totengräbern der Demokratie die Macht verliehen hat.

Nun wird das Terrain freigeräumt für eine systematische Verkehrung ins Gegenteil, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Dagegen ist der nationalsozialistische oder der SED-Propagandaapparat primitiver Schnee von gestern. Auch die russischen Wahrheitsverdrehungen wirken plump im Vergleich zu der Welle an Desinformation, Machtmissbrauch und Manipulation, die tagtäglich neue Bestätigungen für die Richtung liefert, in die die neuen Mächtigen im mächtigsten Land der Welt mit aller Konsequenz und voll von Zynismus fortschreiten.

Verdrehungen rückgängig machen

Wenn wir nicht in den Sog dieser Entwicklung geraten wollen, brauchen wir eine wache Unterscheidungskraft, die uns zeigt, wo die Wahrheit verzerrt und verdreht wird, wo das Gute als Böses und das Böse als Gutes angepriesen wird, wo Fantasien als Fakten verkauft werden und schließlich auch das Hässliche als das Schöne präsentiert wird. Wir erleben einen gigantischen Versuch der Umwertung aller Werte, finanziert von Techmilliarden, angestiftet von verbohrten Ideologen und verbreitet von Meinungsmachern in den Zentren der sogenannten sozialen Medien. Die Moral wird umgeschrieben, sodass sie den Zielen der Macht und der oligarchischen Interessen untergeordnet werden kann. Die Wahrheitsfindung wird ebenfalls von den Mächtigen gesteuert, die darüber bestimmt, was wahr und was falsch ist. 

Es gibt den Fortschritt in der Moral und es gibt die Fortschritte trotz der Rückfälle in vormoderne Machtstrukturen. Doch war der Gegenwind gegen die Errungenschaften der Aufklärung mit der Durchsetzung fundamentaler Menschen- und Freiheitsrechten noch nie so stark und so mächtig wie in unseren Tagen. Die Herausforderung stellt sich für alle, die die Fackel des Fortschritts weitertragen wollen: Das Böse zu benennen, auch wenn es sich als Gutes verkleidet hat; das Falsche zu kritisieren, auch wenn es sich als das Wahre zeigt; die Macht in die Schranken zu weisen, wenn sie die Freiheiten einschränken und die Privilegien der Mächtigen ausbauen will; die Zuversicht aufrechtzuerhalten, die den langen Atem und die Kraft gibt, die Zeiten der „dunklen Aufklärung“, wie die Ideologie heißt, durchzustehen und der Wirkmacht des Lichts der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen. Jede Verdrehung soll zurechtgerichtet werden, jedes zweifelhafte Faktum soll seine Überprüfung finden, jede Flucht von Tätern in die Opferrolle soll ihre Aufdeckung erfahren. Es sind herkulesartige Herausforderungen, den „Saustall des Augias“, den Mist in den Kommunikationsräumen zu beseitigen. Wir können sie gemeinsam meistern.

Quelle: Blog von Rainer Hofmann

Literatur: Sylvia Sasse:Verkehrungen ins Gegenteil. Über Subversion als Machttechnik. Matthes und Seitz, Berlin 2023

Zum Weiterlesen:
Fortschritte trotz Rückschritten
Moralischer Fortschritt
Taktiken zur Machtergreifung
Muster der rechtsorientierten Propaganda


Donnerstag, 27. März 2025

Respiratorische Philosophie im Überblick

Der Atem ist der Anfang und das Ende. Der Bogen jedes menschlichen Lebens wird durch den Atem eingeleitet und endet mit dem Atem. Von atmenden Menschen gezeugt und geboren, setzt nach der Geburt der erste Atemzug ein und markiert den Beginn des selbständigen Lebens. Die Atmung fließt weiter, bis zum letzten Ausatemzug. 

Diese Erkenntnis bildet den Ausgangspunkt für die respiratorische Philosophie. Ich beziehe mich im Folgenden auf Petri Berendtson, einen Hauptvertreter dieser philosophischen Richtung. Er nennt seinen Ansatz eine phänomenologische Ontologie des Atems. Er sieht das menschliche Leben nicht nur als „In-der-Welt-Sein“, wie es Martin Heidegger formuliert hat, sondern viel grundlegender als „In-der-Welt-Atmen“. Die Begegnung mit dem Sein ist immer eine Begegnung mit dem Atem, bzw. geschieht diese Begegnung im Atem. Damit ist der Atem das Sein, in dem die Seinserfahrung stattfindet.

Im Atem geschieht folglich vor jeder Wahrnehmung (die in der Phänomenologie von Maurice Merleau-Ponty im Zentrum steht) und vor jedem Denken (nach Descartes) der Vollzug des Seins. Wir atmen, auch wenn wir nichts wahrnehmen (z.B. im Tiefschlaf) oder wenn wir nichts denken. Dieses atmende „In-der-Welt-Sein“ geschieht vor jeder Bewusstheit und Reflexion, und jede Bewusstheit, jede Reflexion ist atmend. Also wird der „wahrnehmende Glaube“ (foi perceptive) von Merleau-Ponty in der respiratorischen Philosophie zum atmenden Glauben. Dieser Glaube hat nichts mit Religion zu tun. Er bezeichnet vielmehr eine vorbewusste Überzeugung, dass die Welt da ist, bestätigt mit jedem Atemzug. Die Erkenntnis, dass es eine Welt gibt, ist immer zugleich die Erkenntnis, dass es eine atmende Welt ist, in der wir atmend existieren. Der atmende Glaube ist kein bloß psychologisches Phänomen, sondern eine existentielle Struktur – wir existieren nur durch und mit der Luft, die durch das Atmen zu unserer Lebensquelle wird.

In der Atmung erfahren wir, dass das Innen und Außen nicht strikt getrennt sein können. Das atmende In-der-Welt-Sein ist durch ein beständiges Ineinander-Übergehen von innen und außen gekennzeichnet. Die ein- und ausströmende Luft ist zugleich Eigenes wie Fremdes, immer ineinander vermischt.  Mit jedem Atemzug werden das Innere zum Äußeren und das Äußere zum Inneren. Das Leben ist ein dynamischer Austauschprozess, bei dem die Atmung die grundlegende Gestaltung vornimmt und das Medium bildet, in dem alles stattfindet. Wir sind in jedem Moment in der Welt und die Welt ist in uns, durch die Luft, die in uns einströmt und aus uns entweicht. Die Luft, die wir aufnehmen, verändert uns, und wir verändern die Welt um uns mit der Luft, die wir ausatmen. 

Das atmende In-der-Welt-Sein ist ein verkörpertes Sein, denn die Atmung ist ein physiologischer Vorgang, der ohne einen Körper nicht stattfinden kann. Auf der anderen Seite erschöpft sich der atmende Lebensvollzug nicht in einem leiblichen Prozess, sondern enthält zugleich einen immateriellen Anteil. Denn jeder Atemzug ist ein Informationsaustausch. Jedes Luftmolekül, das in uns über die Atmung gelangt, enthält Informationen, die in uns empfangen und verarbeitet werden; jedes ausgeatmete Teilchen wiederum gerät in die äußere Welt und entfaltet dort seine Wirkung. Wir kennen diesen Informationsgehalt der Luft, wenn wir Gerüche wahrnehmen, doch enthält sie noch viel mehr andere Dimensionen, von denen uns die meisten nicht bewusst sind und die dennoch Wirkung in uns entfalten. 

In den östlichen Philosophien ist viel von diesen unsichtbaren Energien die Rede, sei es als  Qi im Taoismus oder als Prana im Hinduismus. Diese beiden Begriffe sind eng mit der Atmung verbunden. Die respiratorische Philosophie verbindet also auch westliche und östliche Denktraditionen.

Literatur:
Petri Berendtson: Phenomenological Ontology of Breathing: The Respiratory Primacy of Being. Rutledge 2023


Sonntag, 16. März 2025

Musk: "Empathie - eine Schwäche der westlichen Zivilisation"

Wenn Elon Musk ein Milliardär wäre, der skurrile Dinge von sich gibt, wäre das nicht besonders bedenkenswert. Gegenwärtig ist dieser Mann allerdings nicht nur der reichste, sondern auch einer der mächtigsten Menschen auf dieser Welt, durch die Stellung, die ihm der US-Präsident gegeben hat. Die Einsichten, die er offenherzig teilt, sind aber nicht bloß Privatmeinungen, die man als folgenlose Spinnereien eines verzogenen Rotzers abtun könnte, sondern entsprechen einer Geisteshaltung, die vor allem in den rechten Kreisen weit verbreitet ist, denen er angehört. Es ist übrigens wenig bekannt, dass Musk aus der Ahnenreihe einschlägig vorbelastet ist: Der Großvater mütterlicherseits, Joshua Haldemann, war Anhänger der Herrschaft der Weißen, Rassist und Antisemit. Er hielt Südafrika bis zum Fall des Apartheitregimes für den „Himmel der weißen christlichen Zivilisation“ und pflegte nach Medienberichten Nazi-Traditionen.

In einem Podcast-Gespräch mit Joe Rogan, einem bekannten US-Podcaster, teilte Musk nicht nur die seltsame Theorie, dass die Demokraten daran arbeiteten, so viele Einwanderer ohne Papiere wie möglich ins Land zu holen, damit sie die US-Regierung für immer übernehmen können. „Wenn sie noch vier Jahre hätten, würden sie genug Illegale in den Swing-States legalisieren, um die Swing-States zu Nicht-Swing-States zu machen“, sagte Musk zu Rogan. “Sie wären einfach blaue Staaten. Dann würden sie ... die Präsidentschaftswahl gewinnen; sie würden das Repräsentantenhaus, den Senat und die Präsidentschaft gewinnen.“ Diese Theorie hat deshalb keine Grundlagen, weil Illegal Eingewanderte nicht wählen dürfen. Also handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, ein Hauptthema der rechten Propaganda. Leider wird das Gegenteil angebahnt: Die Agitatoren von Trump und Musk arbeiten daran, die Demokratie in den USA zu untergraben und die Gewaltenteilung auszuhebeln, um die Herrschaft der Republikaner auf Dauer zu stellen. 

Was aber noch bedenkenswerter ist, ist Musks Einstellung zur Empathie. Er meint, dass Mitgefühl für den Einzelnen der Gemeinschaft teuer zu stehen kommt. In Hinblick auf den Schritt Kaliforniens, auch Menschen ohne Papiere, die für das einkommensschwache Medi-Cal-Programm in Frage kommen, eine Krankenversicherung anzubieten, meinte er: „Wir haben es mit einer zivilisatorischen selbstmörderischen Empathie zu tun“. Einerseits meint er, dass man sich um andere Menschen kümmern sollte, aber zugleich auch dass die Empathie die Gesellschaft zerstört. „Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie, die Ausbeutung von Empathie“, sagte Musk. „Dort wird ein Fehler in der westlichen Zivilisation ausgenutzt, nämlich die Empathie-Reaktion.“ Empathie, sagte er, sei zur Waffe gemacht (“weaponized”) worden - offenbar nur eine Waffe gegen die Feinde der Empathie.

Mit krassen sozialen Statusunterschieden und Schlechterstellungen geht ein kollektives Schamgefühl einher. Soziale Strömungen in der Politik, die das Auseinanderdriften zwischen arm und reich sowie zwischen mächtig und ohnmächtig ausgleichen will, geraten im Weltbild von Musk zu Ideologien der schädlichen Übertreibung der Empathie. Es kreuzen sich bei diesem Angriff auf die Empathie rechte und neoliberale Abwertungen von den Schwächeren in der Gesellschaft. Zur neoliberalen Ideologie zählt die Verachtung von jenen, die weniger leisten oder weniger leistungsfähig sind. (Der Maßstab für Leistungen liegt dabei im monetären Erfolg, deshalb gelten z.B. die Leistungen von alleinerziehenden Personen nicht.) Es wird deshalb z.B. Druck ausgeübt, die Arbeitslosenunterstützung möglichst gering zu halten, damit die Betroffenen gedrängt werden, schnellstens wieder Leistungen zu erbringen. In der rechtsgerichteten Propaganda wird der Neid auf jene geschürt, die angeblich für Wenig- oder Nichtstun vom Staat erhalten werden oder im Krankheitsfall Hilfe bekommen. Es soll die Angst geschürt werden, dass einem diese Leute etwas wegnehmen, was einem zustünde. In diese Kerbe schlägt die Angstmache vor Migranten, die ebenfalls als Gefahrenträger für den eigenen Wohlstand dargestellt werden.

Empathie als Grundbedrohung

Musk geht noch weiter: Empathie ist nicht nur eine Schwäche von moralinsauren Linken, sondern sie führt zum Selbstmord der Zivilisation. Sie bedroht also die Grundlagen des menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Sie sei zur Waffe gemacht worden. Aus diesem Bedrohungsbild leuchtet ein, mit welchem Furor Musk die Institutionen des Staates demolieren will, als müsste möglichst schnell alles, was den Bazillus der Empathie in sich trägt wie Entwicklungshilfe- oder Gleichberechtigungsprogramme vernichtet werden.

Diese Besessenheit rührt daher, dass Musk Empathie mit Barmherzigkeit oder Mitmenschlichkeit verwechselt. Empathie impliziert nicht bestimmte Handlungen, sondern bezeichnet einen inneren Zustand, bei dem das Leid anderer Menschen im eigenen Gefühlsleben wahrgenommen wird. Wohl kann die Empathie zu einem Tun führen, aber nicht notwendigerweise. 

Der Hass auf die Empathie, den Musk, stellvertretend für viele Gleichgesinnte, zum Ausdruck bringt, kann nur durch einen Mangel an erfahrener Empathie erklärt werden. Wer nie oder viel zu wenig Mitgefühl für die eigenen Schwächen und Mängel bekommen hat, kann andere Menschen mit Schwächen und Mängeln nur verachten und muss sie aus der Gesellschaft ausschließen oder an den äußersten Rand drängen. Außerdem wird für ihn die Empathie zum gefährlichsten Gift, denn sie trägt dazu bei, dass die Schwachen und Mangelhaften einen geachteten Platz in der Gesellschaft einnehmen können

Das Kapern von Begriffen der Menschlichkeit

Es steht zu befürchten, dass ein Schlüsselbegriff für ein gutes menschlicheres Zusammenleben in Misskredit gebracht wird und damit der Entwicklung Vorschub geleistet wird, deren Fahnenträger mit dem Pathos des heroisierten Empathieverzichts zu Initiatoren von Unmenschlichkeiten werden. Eine in vorhergehenden Blogbeiträgen beschriebene Taktik rechter und rechtsextremer Publizisten und Politiker besteht ja im Aufgreifen von Begriffen mit prosozialem oder emanzipativem Gehalt, die ihrer ursprünglichen Bedeutung entkleidet, umgedeutet und dann gegen die Aufrechterhaltung der Menschlichkeit in Stellung gebracht werden. Eine Gesellschaft, in der die Empathie in Verruf gerät, reißt die Dämme gegen die brutalen Machtkämpfe von schrankenlosen Egoisten nieder. In diesem Zusammenhang wird jetzt häufig Hannah Arendt zitiert: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten und deutlichsten Zeichen dafür, dass eine Kultur gerade der Barbarei verfällt.“

Wie es auch bei anderen Begriffen dringlich erforderlich ist, sollten wir alles tun, um die Werte der Mitmenschlichkeit und der gegenseitigen Fürsorge, für die wir die Fähigkeit zur Empathie brauchen, aufrechtzuerhalten und weiterzuentwickeln. Wir dürfen uns auf keinen Fall die Begriffe, mit denen wir das Gute vom Bösen unterscheiden, von radikalisierten Propagandisten wegnehmen lassen. 

Zum Weiterlesen:
Der heroisierte Verzicht auf Empathie
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff
Verschwörungstheorien und Realitätstauglichkeit
Taktiken zur Machergreifung

Hier zur Videofassung


Freitag, 14. März 2025

Moralischer Fortschritt

Gibt es Fortschritte in der Moral? Verändern sich die Einsichten und Überzeugungen der Menschen über das, was gut und was nicht gut ist, im Lauf der Zeit, und erfolgen solche Veränderungen in einer linearen Richtung, wie es für den Fortschrittsgedanken maßgeblich ist? Ich greife im Folgenden Gedankengänge von Thomas Nagel auf, der in den USA Philosophie lehrt. 

Es gibt Fortschritte in den Naturwissenschaften, die von der Art sind, dass etwas, das als Wahrheit entdeckt wird, und die Entdeckung besteht darin, zu erkennen, dass diese Wahrheit schon immer bestanden hat, bevor sie enthüllt wurde. Der Umfang der Erde am Äquator war immer ca. 40 000 Kilometer, selbst zu einer Zeit, wo niemand eine Ahnung von der Kugelgestalt der Erde hatte. Bei der Moral ist das anders. Sie handelt von dem „wofür wir Gründe haben, es zu tun und nicht zu tun.“ (Nagel 2025, S. 43)

Moralische Einstellungen sind einem Wandel unterworfen, sowohl im Lauf der Lebensgeschichte einer Person als auch im Rahmen von Gesellschaften. Zum Beispiel gilt heute die Sklaverei als Unrecht und die Ausbeutung von Sklaven als moralisch verwerflich. In der Antike, in der sich schon die Philosophen mit diesem Phänomen auseinandergesetzt haben, ist man nicht zu diesem Schluss gelangt. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die Sklaverei schlecht ist und abgeschafft werden muss. Nachträglich betrachtet, wundern wir uns, warum Denker in der Vergangenheit die Ausbeutung von Menschen durch Menschen nicht kritisiert haben, sondern einfach als gegeben hingenommen haben, als ein Schicksal, das manche erleiden und andere nicht. Aber offensichtlich sind besondere Zeitumstände erforderlich, um soziale Selbstverständlichkeiten auf ihre Moralität hin reflektieren zu können.

Es gibt offenbar einen Fortschritt in der Moral, der durch politische und gesellschaftliche Veränderungen vorbereitet wird. Wo diese Veränderungen noch nicht eingetreten sind, gibt es noch immer Sklaverei; wo so aber stattgefunden hat, erscheint sie zutiefst unmoralisch.

Die neuen ethischen Einsichten ergeben sich aus den geänderten ökonomischen Bedingungen. In der industrialisierten Wirtschaft ist die Sklaverei nicht mehr notwendig und unter Umständen sogar fortschrittshemmend. Darum verbreitete sich die neue moralische Sichtweise der Ablehnung der Sklaverei quer durch die Gesellschaft.

Einen ähnlichen Zusammenhang können wir bei der Entwicklung der Frauenrechte sehen. Solange die Wirtschaft im Agrarbereich und im Handwerk auf Familienstrukturen aufgebaut war, war eine strikte Zuschreibung der Geschlechtsrollen erforderlich – fixe Aufgaben, die die Männer zu leisten hatten, und andere, die den Frauen zukamen, sowie eine klare Grenze dazwischen. Im Gefolge der Industrialisierung wurden diese Formen der Arbeitsteilung obsolet. Dazu kam, dass durch die Einführung von Maschinen die Körperkraft immer unwichtiger wurde; dieser Hauptunterschied zwischen Männern und Frauen spielt kaum mehr eine Rolle. In der modernen Gesellschaft können Frauen alle Männerberufe übernehmen, Männer alle Frauenberufe. Deshalb gibt es auch keine objektiven Gründe mehr, warum Frauen in irgendeiner Weise benachteiligt werden dürften. Während früher wie selbstverständlich gegolten hatte, dass Männer mehr Rechte in der Gesellschaft beanspruchen dürften, gibt es für diese Ungerechtigkeit heutzutage keine moralischen Begründungen mehr.

Es gibt bei den Fortschritten in der Moral immer Vorreiter, oft sind es von Diskriminierung und Ausgrenzung Betroffene, häufig auch Intellektuelle, die vorpreschen und deren Meinungen dann allmählich von der Bevölkerungsmehrheit übernommen werden. In der Regel sind es Jüngere, die schneller auf neue Ebenen der Toleranz wechseln, als Ältere, die eher an traditionellen Werten festhalten.

Jede Zeit braucht die ihr gemäße Moral, um ein höheres Maß an Stabilität zu gewinnen als die vorige. Die Natur der Evolution bewirkt, dass die Komplexität mit jeder neuen Ebene, die erreicht wird, erhöht wird. Vermehrte Komplexität führt zunächst zu Instabilität. Die Moral ist einer der Faktoren, die zur Stabilität auf der sozialen Ebene beitragen, also dazu, dass das Netz der menschlichen Interaktionen möglichst reibungsfrei mit neuen Gegebenheiten zurechtkommt. Deshalb ist auch eine komplexere Form der Moral notwendig, um den fragiler gewordenen Umständen gerecht zu werden.

Eine weitere Entwicklungsrichtung der Evolution verläuft in die Breite, in Form von sich erweiternden Kreisen. Das Stichwort der Globalisierung beschreibt diesen Prozess auf der ökonomischen Ebene. Ähnlich verlaufen solche Prozesse aber auch in Hinblick auf die moralischen Werte. Ein Beispiel bildet die zunehmende Achtung der gleichgeschlechtlichen Liebe und von entsprechenden Lebensformen, die noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar erschien. Vor allem die männliche Homosexualität stand unter Strafandrohung und wurde gesellschaftlich geächtet. Inzwischen haben viele Länder gleichgeschlechtliche Ehen oder eheähnliche Lebensgemeinschaften rechtlich anerkannt, und das Schwul- oder Lesbischsein wird zu einer akzeptierten Variante. Es gibt noch viele Länder, in denen dieser Schritt noch nicht vollzogen wurde, aber andererseits kommt es bei rechtsgerichteten Parteien in westlichen Ländern immer weniger vor, dass sie homosexuelle Orientierungen angreifen. Deren Hassparolen gelten mittlerweile vor allem den Transpersonen. Vermutlich bildet die Entwicklung der Toleranz für solche Personen die nächste Hürde, die die moralischen Urteile im Bereich der menschlichen Geschlechtlichkeit nehmen werden.

Eine Folge der Globalisierung ist die gesteigerte Mobilität, nicht nur durch Wander- und Fluchtbewegungen, sondern auch durch persönliche Beziehungen über die Kontinente hinweg. Kulturen vermischen sich zusehends und entwickeln sich dadurch weiter, was immer wieder Widerstände hervorruft und Widersprüche erzeugt; dennoch ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten, und sie erzwingt die Weiterentwicklung der Moral. Sie muss so weltweit werden wie ihre Subjekte, die Menschen, die global miteinander verknüpft sind. Zugleich muss sie auf alle Rücksicht nehmen, die durch die Komplexität der Entwicklungen überfordert sind. Doch handelt es sich bei den Hauptproblemen, mit denen wir befasst sind, um weltweite Probleme, und sie können ohne eine weltweite, also alle Menschen einschließende und von allen geteilte Ethik nicht gelöst werden. Wir stehen an der Schwelle zu diesem neuen Niveau der Moral.

Nagel schreibt dazu: „Heute ist diese Vorstellung von Gerechtigkeit durch die Zunahme globaler Vernetzung und die Mobilität von Bevölkerungen einem enormen Druck ausgesetzt. Durch die Ungleichheit im internationalen Vergleich stellt sich offenbar die Frage der grundsätzlichen Gerechtigkeit, auf die wir keine überzeugende Antwort haben. Es ist die folgende Frage: Können wir Prinzipien für die internationale oder globale Steuerung finden, die moralisch und institutionell mit unserer Vorstellung von innerstaatlicher oder gesellschaftsinterner Gerechtigkeit vereinbar sind?“ (Nagel 2025, S. 105)

Quelle: Thomas Nagel: Moralische Gefühle, moralische Wirklichkeit, moralischer Fortschritt. Berlin: Suhrkamp 2025

Hier zur Videofassung

Zum Weiterlesen:
Die Notwendigkeit der universalen Ethik
Keine Nachhaltigkeit ohne soziale Konfliktlösung

Donnerstag, 6. März 2025

Fortschritt trotz Rückschritten

Wenn Rechtsparteien an die Macht kommen, sorgen sie dafür, dass es in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zu Rückschritten kommt. Weiterentwicklungen in den Menschenrechten, in den Frauenrechten, in der Anerkennung von Minderheiten, Experimente in der Kultur und Kunst werden abgedreht, zusammengestutzt oder vom Geldhahn abgeschnitten. Unter der Losung „Zurück zur Tradition“ werden liberale Errungenschaften beseitigt, wie nach der Märzrevolution 1848, nach deren gewaltsamer Niederschlagung alle neuen Freiheitsrechte abgeschafft wurden. Es dauerte damals in Österreich 20 Jahre, bis die liberalen Rechte dann als Grundrechte in die Verfassung aufgenommen wurden. In der Slowakei können wir aktuell beobachten, wie die offizielle Kulturlandschaft umgekrempelt wird, indem alle staatlichen Posten mit fachfremden Parteigängern der Kulturministerin besetzt werden, die das Kulturleben auf traditionelle und national geprägte Ausdrucksformen beschränken will.

Was auch immer Politiker veranstalten, ändert nichts daran, dass der Fortschritt weitergeht: In den Wissenschaften, in der Technik und in der Ökonomie. Auch die sozialen Beziehungsformen entwickeln sich weiter. Manche dieser Prozesse können durch politische Maßnahmen verlangsamt werden, manche andere zeitweilig und regional unterbunden und unterdrückt werden; gänzlich aufgehalten können sie nicht werden. Denn die Menschen verfügen über ein unbegrenztes Potenzial an Neugier und Kreativität, das sich ausdrücken und verwirklichen will, gleich unter welchen politischen Verhältnissen sie leben. 

In der gesamten Menschheitsgeschichte gibt es Phasen der stürmischen Weiterentwicklung in manchen Gebieten, wie z.B. im antiken Griechenland oder im Wien der Zwischenkriegszeit.  Es gibt auch Phasen des scheinbaren Stillstandes oder der Rückentwicklung, wie z.B. im Biedermeier, als die Reformen der französischen Revolution rückgängig gemacht wurden. Aber selbst in diesen Zeiten haben sich andere Entwicklungsstränge beschleunigt, z.B. die Industrialisierung oder die Weiterführung der Klassik in die Romantik in der Literatur und Musik. 

Der Fortschrittsmotor Kapitalismus

Der Kapitalismus kennt keine Rückschritte. Sein Wachstumsprinzip ist das Mehr und Noch Mehr. Die politischen Rahmenbedingungen wirken bestenfalls modulierend auf diese Dynamik ein. Sie können das Tempo, die Richtung und die inhaltliche Gestaltung beeinflussen, nicht aber den Wachstumsdrang selbst. Nach dem Zweite Weltkrieg lag die Wirtschaft in den zerstörten Gebieten darnieder, doch bahnte sich dann ein Wirtschaftsaufschwung samt noch nie dagewesener Wohlstandsmehrung an. 

Das kommunistische Sowjetexperiment hatte ja das Ziel, die Macht der kapitalistischen „Naturgewalt“ zu brechen und eine Wirtschaftsform unter durchgängiger politischer Kontrolle zu etablieren. In China gab es unter Mao Zedong ähnliche Bestrebungen. Das Gesamtergebnis dieser Experimente (neben dem hohen Blutzoll, den sie angerichtet haben) liegt darin, dass die ökonomische und technische Entwicklung dennoch weiterging, nur wesentlich langsamer, sodass die Länder des „real existierenden Sozialismus“ bei dessen Ende in fast allen Bereichen der Wirtschaft weit hinter dem Niveau der westlichen Länder hinterherhinkten. China hat in den 1980er Jahren die politische Kontrolle der Wirtschaft aufgegeben und dadurch konnte dort der Kapitalismus schnell aufholen. 

Der Preis, den Kapitalismus durch politische Eingriffe aufzuhalten, ist also hoch. Darin bestand der Lernprozess, und viele Theoretiker und Politiker wechselten vom Kommunismus zum Sozialismus oder zur Sozialdemokratie, weil sie erkannten, dass der Kapitalismus nicht einfach abgeschafft werden kann, sondern eingehegt werden muss. Denn ein Kapitalismus, der überhaupt nicht durch politische Einflüsse reguliert wird, richtet sich gegen die Menschen, indem sie ungeschützt ausgebeutet werden. Er braucht also Rahmenbedingungen und Regulierungen, wie ein Fluss, der nicht am Fließen gehindert werden soll, sondern dessen Verlauf so gestaltet wird, dass Hochwässer am wenigsten Schaden anrichten. Allerdings sollte diese Metapher mit Vorsicht genossen werden, weil der Kapitalismus ein menschengemachtes Phänomen ist und keine Naturgewalt. Wir machen also durch unsere ökonomischen Handlungen den Kapitalismus, und wir können ihn durch das, was wir tun oder unterlassen, beeinflussen und gestalten.

Die Verlangsamung des Lernens durch Machteinflüsse

Das Problem bei politischen Bremsversuchen des Fortschritts besteht darin, dass die in der Politik involvierten Machtstrukturen zur Verlangsamung nicht nur der sozialen und ökonomischen Prozesse, sondern auch der Lernvorgänge insgesamt führen. Das Sowjetimperium hat siebzig Jahre gebraucht, bis es möglich war, die Lehren aus dem, was schiefgelaufen ist, zu ziehen, und bis heute leidet Russland an seiner Zurückgebliebenheit und versucht, diese Schmach durch kriegerische Zerstörungen wettzumachen.

Die Pathologie der Macht besteht darin, dass die Mächtigen sie nicht loslassen können. Damit verhindern sie Weiterentwicklung und Lernen. Macht, die zum Selbstzweck geworden ist, versucht verzweifelt, das Rad der Geschichte aufzuhalten, die ganze Kraft fließt in diese mühsame und letztlich fruchtlose Anstrengung. Aus der Sicht der Mächtigen muss alles so bleiben, wie es ist, denn nur so kann die Macht erhalten werden. Wer zu viel lernt, wird gefährlich für die Mächtigen.

Die Bremsung der gesellschaftlichen Lernvorgänge durch autoritäre Staatsformen und Diktaturen wird durch das Vorantreiben von Spaltungen verstärkt. Einzelne Bevölkerungsgruppen werden gegeneinander ausgespielt; damit wird Misstrauen und Konkurrenz in der Gesellschaft gesät. Die angstgetriebenen Energien fließen weniger in Erneuerungsprozesse als in die Aufrechterhaltung des eigenen Status. Je mehr Unsicherheit in der Gesellschaft herrscht, desto schwerer hat es die Kreativität. Je mehr Traumen das kollektive Bewusstsein durchziehen, desto weniger Kräfte stehen für das Lernen und Weiterentwickeln zur Verfügung.

Die Demokratie als Nährboden für Lernprozesse und Kreativität

Die Demokratie wurde unter anderem zu dem Zweck erfunden, die Macht von Einzelpersonen zu begrenzen und zu kontrollieren. Dadurch soll das Festklammern an der Macht (Putin regiert seit 25 Jahren, Lukaschenko seit 31) und das Einzementieren von Ideologien unterbunden werden. Andererseits werden Räume garantiert, in denen sich die Lern- und Weiterentwicklungsprozesse entfalten können. Diese Räume sollen weitgehend frei von Herrschaft sein, sodass eine vernunftgeleitete Diskurs-, Forschungs- und Kreativkultur gedeihen kann.

Die Demokratie wird von rechten Ideologen und Politikern bekämpft und von vielen Menschen weniger geschätzt, weil sie sich mit ihren Problemen und Interessen nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Sie stellt – mit all ihren Schwächen – die reifste Form der Machtausübung dar. Sie ist ein Produkt des Fortschritts sozialer Kompetenzen und ethischer Reflexionen und sie enthält in sich die Motive zu ihrer beständigen Verbesserung.

Momentan erkennen wir in vielen Bereichen Rückschritte – vergessen wir aber nicht den größeren Bogen und den langen Atem der Geschichte. Fortschritte verzögern sich manchmal, und in solchen Zeiten reifen die Kräfte für das Weitergehen im Verborgenen. Wir wissen noch nicht, was die gegenwärtigen Entwicklungen zum Fortschritt beitragen, weil es so ausschaut, als würde die halbe Menschheit um Stufen auf der zivilisatorischen Leiter zurückfallen (überall wird aufgerüstet, was nur geht, Demokratien verwandeln sich mir nichts dir nichts in Autokratien). Aber jedes Chaos evolviert irgendwann zu einer neuen Ordnung mit mehr Spielräumen und Möglichkeiten. Die Errungenschaften der Menschlichkeit, die da und dort mit Füßen getreten werden, gehen nicht verloren. Wir können ihre Banner tragen und möglichst viele ermutigen, es uns gleich zu tun. Vertrauen wir auf die Macht des Fortschritts, die die Kraft der Bewusstseinsevolution in sich trägt.

Zum Weiterlesen:

Demokratie in der Krise?
Das Erlernen der Demokratie in der Kindheit

Hier zur Videofassung


Mittwoch, 5. März 2025

Taktiken zur Machtergreifung

Im vorigen Blogartikel war von rhetorischen Mustern die Rede, die von Rechten und Rechtsextremen genutzt werden. Hier geht es um ähnliche Taktiken, die ergriffen werden, um auf demokratischem Weg  an die Macht zu gelangen und sie dann nicht mehr aus der Hand zu geben. 

Die Propaganda um die Meinungsfreiheit 

Häufig ist die Beschwerde aus der rechten Ecke zu hören, dass man bestimmte Dinge nicht mehr in der Öffentlichkeit sagen dürfe. Die Meinungsfreiheit bestünde eben nur am Papier. Denn andere drohen gleich mit der “Nazi-Keule”, weil man nicht eine gerade menschenfreundliche Botschaft an die Öffentlichkeit gebracht hat. Also stilisiert man sich als Opfer einer gesellschaftlichen Intoleranz und klagt das Fehlen der Meinungsfreiheit an, die man selber für eine abwertende Nachricht und jemand anderer gerade für eine Kritik daran genutzt hat. Gut im Austeilen, schwach im Nehmen, so stilisiert sich diese Haltung. Kaum war man aggressiver Täter, schon fühlt man sich als wehleidiges und ungerecht behandeltes Opfer, wenn andere zurückschlagen.  

In diesem Denkhorizont besteht eine echte Meinungsfreiheit nur dann, wenn alle dem zustimmen, was man denkt und äußert. Das ist allerdings eine kindliche Erwartung, verbunden mit der Überzeugung, die Wahrheit gepachtet zu haben. Diese Überzeugung, die eigentlich eine Verbohrtheit darstellt, kennt keine Gesprächsfähigkeit und keinen Austausch von unterschiedlichen Standpunkten. Sie will Einheitlichkeit statt Pluralität. In ihr spiegelt sich die autoritäre Struktur: Statt einer Vielzahl von Meinungen soll es eine bestimmende Ideologie geben, der sich alles andere anpassen oder unterordnen muss. Erst dann, wenn die echte Meinungsfreiheit abgeschafft wurde, käme die eigene Meinung, die sich mit der Ideologie deckt, zur unbestrittenen Geltung. 

Einheitlichkeit statt Unterschiedlichkeit ist die Losung und das Ziel von autoritären Diktaturen. Jede Abweichung von dem, was den Konsens darstellt, muss gleichgerichtet werden. Dann kennt sich jeder aus, und es gibt nur mehr Menschen, die für die vorherrschende Richtung und damit für die wahre Gemeinschaft sind, und solche, die dagegen sind. Sie sind die Feinde der Gemeinschaft und müssen folglich bekämpft werden. 

Jede Uneindeutigkeit stört und muss beseitigt werden, jede Ambiguität muss auf das Schwarz-Weiß-Schema der Machtausübung reduziert werden. Die Zwischentöne, die dem Leben eigentlich die Würze und Buntheit geben, werden zum Verstummen gebracht.

Die Beherrschung wird einfacher, wenn alle nur eine Meinung haben und ausdrücken dürfen. Das erleichtert die Kontrolle und die Unterdrückung. Die Medien werden gleichgeschaltet, und nur mehr eine Botschaft schallt aus den Lautsprechern. Jeder kann frei seine Meinung sagen, solange sie mit der Ideologie übereinstimmt. Wer eine andere Meinung vertritt, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft und muss mit unangenehmen Konsequenzen rechnen. Ein aktuelles Beispiel: In den USA müssen die Staatsbediensteten jetzt ideologische Bekenntnisse ablegen, indem sie die Verbrechen um die Erstürmung des Kapitols leugnen und nach dem Willen des Präsidenten den Golf von Mexiko als Golf von Amerika bezeichnen. Ansonsten droht die Kündigung. Ob sie dann außerdem auf einer Liste des IFB stehen, weiß man nicht.

Der erste Schritt besteht, wie schon beschrieben wurde, darin, die Hassrede zur Normalität zu machen, also immer wieder Hass zu säen, bis sich niemand mehr daran stößt. Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit erlaubt z.B. der Mega-Konzern (facebook, Instagram, WhatsApp etc.) jede Form der Verhetzung und der Verbreitung von Hass - antisemitische Propaganda zu verbieten, wäre ein Verstoß gegen die Meinungsfreiheit. Das Ziel kann nur sein, die Gesellschaft tief zu spalten und zu demoralisieren. 

Die Entmoralisierung

Radikalität im gesellschaftlichen Verhalten hat immer etwas mit dem Überschreiten von Moralgrenzen zu tun. Die Überzeugung von der abgrundtiefen Schlechtigkeit der Zustände und der Dringlichkeit, das Schädliche sofort zu beenden, rechtfertigt scheinbar die Mittel. Würde man sich an die Vorgaben der Moral halten, wäre man zu schwach und zu langsam und das Leiden an den schlimmen Verhältnissen würde viel zu lange andauern.

Viele Rechtsradikale verstehen sich als Rebellen gegen das „System“ oder gegen irgendwelche „Eliten“ und geben sich die Erlaubnis, auch gleich gegen die Grundsätze der Moral zu rebellieren. Sie sehen sich als Vorreiter und als Außenseiter. Damit können sie ihre Stellung am Rand oder außerhalb der Moral und der Gesetze begründen. Selbst wenn es verboten ist, werden Nazi-Devotionalien und Waffen gesammelt, um notfalls zuschlagen zu können, wenn die Machtergreifung naht. Rechtsextreme Straftaten sind in vielen Ländern Europas im Ansteigen begriffen. Oft sind sie gegen Juden oder Ausländer gerichtet, also gegen Personen, die nicht in das rechte Volksschema passen, und die außerdem die Schwächeren sind. 

Die Gutmenschen

Der Terminus des Gutmenschen kommt da gerade recht. Er ist zu einem Kampfwort gegen die Liberalen und Linken geworden und kritisiert jene, die es scheinbar mit der Moral zu ernst nehmen und den Eigennutz viel zu häufig hintanstellen. Es sind z.B. die, die sich für Flüchtlinge einsetzen, statt alle auszuweisen und die Grenzen dicht zu machen. Es sind die, den Bettlern Almosen geben, anstatt sie in Arbeitslager zu stecken. Sie werden als naiv abgewertet und als übermoralisch verspottet. In diesen Zusammenhang passt, dass Adolf Hitler in „Mein Kampf“ das Wort „gut“ häufig in abwertendem Sinn einsetzte: Die „Gutmeinenden“ verwendete er synonym für die Juden als auch für die Gegner des Nationalsozialismus.  

Das Böse, das in jeder Form von Menschenfeindlichkeit und Gewalt steckt, ist ein Stachel in der Psyche von aggressiven Rechtspopulisten und deren Anhängern. Um den inneren Konflikt zu neutralisieren, wird das Gute als schädlich und als das eigentlich Böse umgewertet. Es steht der Härte im Weg, mit der allein die Welt in die richtige Richtung gelenkt werden kann. Es ist ja offensichtlich, dass die Zustände durch die Gutmenschen nicht verbessert wurden. Sie müssen gewaltsam über den Haufen geworfen werden. 

Um die eigene Gewalttätigkeit und Aggressivität sowie den Hass rechtfertigen zu können, sodass man schließlich auch über Leichen gehen kann, muss das moralische Empfinden verwirrt und abgestumpft werden. Die Rede vom Gutmenschen ist der Beginn dieser Entwicklung. Dabei wird das äußere Gute in Böses umgemünzt, damit das eigene Böse gut sein kann. Am Ende dieses Prozesses steht der innere und der äußere Faschismus. 

Die Angriffe auf die öffentlich-rechtlichen Medien

In liberalen Staaten, in denen es öffentlich-rechtliche Medien gibt, werden diese von den Rechtsparteien angegriffen. Denn ihrem Auftrag nach vermitteln sie liberale Werte und grenzen sich von extremen Positionen ab. Sie müssen sich am wissenschaftlichen Standard und Grundkonsens orientieren und nicht an Verschwörungstheorien oder Außenseitermeinungen. Sie fördern die Pluralität und Diversität. Der Rechtsextremismus will nicht nur die Liberalität, also die Grundrechte der Freiheit einschränken oder abschaffen, sondern auch die Horte dieser Rechte ausräuchern. Sie verkörpern nämlich so ziemlich alles, was diesen Leuten gegen den Strich geht, und werden von ihnen als „linksversiffter“ Mainstream wahrgenommen. 

Es gibt verschiedene Strategien, mit denen vorgegangen wird. In Österreich ist es der Kampf gegen Rundfunkgebühren, mit dem scheinbar die Bürger entlastet werden sollen, während es tatsächlich darum geht, die öffentlichen Medien finanziell auszuhungern, damit sie dann privatisiert werden müssen; und private Geldgeber aus dem Hochfinanzbereich können dann mit den Sendern machen, was ihnen in den ideologischen Kram passt, so wie der Sender Servus-TV den rechtslastigen Meinungshorizont des verstorbenen Red-Bull-Milliardärs wiedergibt. Eine weitere Strategie, die erfolgreich gefahren wird, besteht in den Attacken auf den „Mainstream“. Damit ist alles gemeint, was der eigenen ideologischen Ausrichtung nicht entspricht. Mainstream-Medien sind nicht nur die öffentlich-rechtlichen, sondern auch Qualitätsmedien, also solche, die sich den Regeln des qualifizierten Journalismus verpflichtet fühlen. Sie alle sollen mit einem Geruch von Elite, Abgehobenheit, Systemerhalt und Ignoranz gegen die Nöte der Menschen imprägniert werden. Damit sollen möglichst viele Medienkonsumenten auf die „alternativen“ Medien umgeleitet werden, wo sie dann von der Propaganda von rechts erreicht und manipuliert werden können.

In Ländern, wo die Rechten die Macht errungen haben, werden die öffentlich-rechtlichen Medien in einen Staatsfunk umgewandelt. Alle Inhalte werden von der Regierung kontrolliert und von ihrer Ideologie durchtränkt. Sie werden also zum Propagandainstrument der Macht. Am Beispiel Russland kann man erkennen, wie gut das gelingen kann. Eine große Mehrheit der Russen glaubt, dass die Ukraine Russland angegriffen hat und dass sich Russland in einem Verteidigungskrieg befindet, weil das Staatsfernsehen diese Propaganda beständig wiederholt. Gewissermaßen gibt es in jedem russischen Haushalt nur mehr „Volksempfänger“, aus denen die immer gleichen Botschaften kommen, solange, bis alle genauso denken wie der Diktator. In den USA und damit weltweit besorgen Tech-Milliardäre diesen Job, indem sie die Plattformen der sogenannten sozialen Medien mit gleichgeschalteten Botschaften fluten.

Hier zur Videofassung

Zum Weiterlesen:
Muster der rechtsorientierten Manipulation
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts
Der heroisierte Verzicht auf Empathie
Verschwörungstheorien und Realitätstauglichkeit
Nationalismus und Opferstolz


Donnerstag, 27. Februar 2025

Muster der rechtsorientierten Manipulation

Im vorigen Blogartikel war von rechten Manipulationstaktiken wie Bullshitting die Rede, die hauptsächlich aus den USA stammen, wo sie viel dazu beigetragen haben und beitragen, um die dort im Entstehen begriffene Rechtsdiktatur zu etablieren. In diesem Beitrag geht es nun um solche aus dem deutschsprechenden Bereich. Das ist zugleich jener, der historisch durch Rechtsextremismus und Nationalsozialismus extrem vorbelastet ist, so schwer wie keine andere Region der westlichen Hemisphäre. 

Die Täter-Opfer-Umkehr

Wir sollten die rechten und rechtsextremen Tendenzen in unseren Breiten immer im Zusammenhang mit dem kollektiven Traumafeld aus Diktatur und Weltkrieg betrachten. Während die „linke“ Reaktion auf die Gräueltaten und die daraus erfolgende kollektive Schambelastung eine Mischung aus aggressiver Anklage der Täter und der Schuldübernahme besteht, versuchen die Rechten, die Ereignisse umzudeuten, abzuschwächen und zu verdrängen. 

Das bedeutet, dass hier die emotionale Identifikation mit den Vorgängen und den beteiligten Personen noch immer weiterbesteht. Die Eltern-, Großeltern- oder Urgroßelterngeneration war in der einen oder anderen Weise an den Untaten beteiligt – und das ist auffällig bei namhaften Vertretern der Rechten und Rechtsextremen (dazu zählen im Übrigen auch Trump und Musk). Diese Beteiligung war bekanntlich auf der Täterseite. Es wirken mächtige unbewusste Mechanismen der transgenerationalen Loyalität: Ich muss den Werten meiner Vorfahren treu bleiben, auch wenn sie Zu Untaten geführt haben. Daraus entsteht das Bestreben, die Täter zu entlasten, indem sie als Opfer dargestellt werden. Die Täter-Opfer-Umkehr soll scheinbar von der Last der Scham befreien. 

Die eigentlichen Bösen waren nach dieser Logik der unbewussten Loyalität nicht die Deutschen, sondern die Alliierten und/oder die Russen. Wären die Vorfahren böse Täter gewesen, stünde man selber in einem schlechten moralischen Licht da. Deshalb müssen die Angehörigen der Kriegsgeneration entlastet oder sogar als Helden glorifiziert werden. Landauf landab gibt es Krieger- und Heldendenkmäler, die an die gefallenen Soldaten, an die Opfer erinnern, die der Krieg verursacht hat; die Täter scheinen nirgends in der Öffentlichkeit auf.

In diesem Zusammenhang wird oft die Taktik des Aufrechnens benutzt: Das Leid, das durch den alliierten Bombenkrieg dem deutschen Volk zugefügt wurde, wäre mindestens so schlimm wie der Holocaust – wo außerdem viele Zweifel gesät und verbreitet werden, ob er überhaupt stattgefunden habe. Es wird beklagt, dass die Ungerechtigkeiten gegen die Deutschen nicht erwähnt würden und dass immer nur von den „bösen Deutschen“ die Rede wäre. Schließlich wäre nicht nur das europäische Judentum untergegangen, sondern auch das Deutsche Reich und sein Volk. 

Mit der Entwertung oder Relativierung von Begriffen und historischen Vorgängen wird an der Verharmlosung von Gräueltaten gearbeitet, mit dem Ziel der Schamentlastung und der Rechtfertigung für die eigene Ahnenlinie. Wenn dieses Manöver gelingt, kann umso leichter die aggressive Bedrohung nach außen verlagert und dort bekämpft werden, statt dass sie in den eigenen Reihen wahrgenommen wird oder im eigenen Unbewussten weiter zu wirken. Es werden Narrative geschaffen, die nach innen reinwaschen, damit das Außen umso dreckiger, ekeliger und gefährlicher erscheint. Die Abschottung nach außen, ein zentraler Programmpunkt rechter Parteien, erscheint damit als notwendig und gerechtfertigt. Jede Bluttat, die ein Ausländer auf dem eigenen Territorium anrichtet, dient als Beweis für diese Notwendigkeit. Dass Inländer in wesentlich höherem Maß Bluttaten begehen, wird dabei ausgeblendet. 

Traditionalismus  

Die Betonung der Tradition und der Gebräuche, die die Rechten in ihren Programmen haben, hat den Sinn, die Identifikation mit der Vergangenheit zu stärken und diese positiv umzudeuten. Das Böse, das stattgefunden hat, muss vergessen werden und an seine Stelle soll das Reine und das Gute treten. Die Traditionen, die die nationale oder „völkische“ Identität festigen, müssen unbedingt erhalten bleiben oder wiederhergestellt werden. Denn sie leiden unter der Bedrohung durch die Modernisierer. Mit dem Feindbild der „Woke-Kultur“  wurde ein schlagkräftiges Symbol für die Gefahren gefunden, die auf die Traditionskultur lauern.

Modernisierung als Feindbild

Viel Unheil wird der Moderne oder der Modernisierung zugeschrieben, und um die Unzufriedenheit unter den Menschen zu schüren, werden die aktuellen Zeitumstände unter ein möglichst schlechtes Licht gerückt. Jede Weiterentwicklung bringt eine Verkomplizierung mit sich. Das liegt im Wesen der Natur. Ein Same ist einfacher als die Mohnblume, die daraus entsteht, ebenso verhält es sich mit der befruchteten Eizelle im Vergleich mit einem erwachsenen Menschen. Das Leben in einer Stammeskultur ist einfacher als das in einer modernen Großstadt. Alles Komplizierte erfordert mehr Rechenleistung in unseren Gehirnen und ist deshalb unangenehm. Eine Dimension der Intelligenz besteht darin, Komplexes zu vereinfachen, so, dass es handhabbar wird. Zu diesem Zweck haben wir Maschinen erfunden, die uns z.B. komplexe Rechenoperationen abnehmen. Jedenfalls sind wir dankbar, wenn uns jemand beim Vereinfachen hilft. Allerdings sollten wir immer darauf achten, worin der Preis der Simplifizierung liegt. Denn Ideologien stellen auch Vereinfachungen der sozialen Wirklichkeit dar, die bestimmten Interessen dienen. Die Rechtspopulisten arbeiten bewusst mit der Schlagkraft von Vereinfachungen, mit denen sie die Wirklichkeit in ihrem Sinn zusammenkürzen, sodass nur mehr ihre Ideologie als wirklichkeitsgerecht erscheint.

Dem Fortschreiten der Zeit soll Einhalt geboten werden, was natürlich nicht geht, aber mit der rückwärtsgewandten Verherrlichung der Vergangenheit entsteht zumindest die tröstliche Illusion der Macht über die Zeit. Viele Leute glauben, dass alles immer schlechter wird, und die rechtsorientierte Propaganda tut alles dazu, um diesen Eindruck zu verstärken. Unser Gehirn hilft mit, weil schlechte Erfahrungen besser abgespeichert werden als gute, und das nutzen wiederum die rechtsorientierten Propagandisten, um sich als Heilsbringer anbieten zu können.

Russland als Vorbild der europäischen Rechten

Interessant ist allerdings auch, dass bei vielen aktuellen Rechtsgruppierungen und –parteien die Russen als Gleichgesinnte, Vorbilder oder Bündnispartner und nicht als historische Bösewichter angesehen werden, wie das während des und nach dem Weltkrieg der Fall war, zumindest bis zum Fall des Eisernen Vorhangs. Da hat bei den Rechten eine Umorientierung stattgefunden, die sicher auch mit Geschäften und Geldflüssen zwischen europäischen Rechtsgruppierungen und dem postsowjetischen Russland zusammenhängt – das Regime von Putin versucht mittlerweile mit einigem Erfolg, diese Gruppierungen als Ankerpunkte für die Verbreitung seiner Ideologie und für seine Großmachtbestrebungen im Westen zu etablieren und die EU zu entzweien und zu destabilisieren. Denn eine Gemeinsamkeit zwischen Rechtsparteien und Russland besteht in der Abneigung gegen die EU. 

Rechtsextremen Gruppen und Parteien leiden an ihrer isolierten Stellung, weil sie von den etablierten Parteien als außerhalb des Verfassungsbogens stehend ausgegrenzt werden. Diese Schmach deckt sich mit einer Sichtweise, die auch in Russland ausgeprägt ist: Von den arroganten Westlern an den Rand gedrängt und verachtet zu werden. Außerdem gefallen rechtsorientierten Menschen „starke Männer“, die ein Land autoritär mit jeder Form der Brutalität regieren, also skrupellose Führerfiguren, die in Russland und anderen postsowjetischen Staaten gefunden werden können. 

Eine weitere Geistesverwandtschaft besteht dort, wo es um die Erhaltung des Patriarchats geht. Russland gilt manchen in dieser Hinsicht als Vorbild, weil dort jede Form der Aufweichung der männlichen Vorherrschaft und der dadurch begründeten Rollenbilder bekämpft wird. Die Eindeutigkeit der Geschlechterrollen, die durch alles, was als woke oder queer wahrgenommen wird, in Zweifel gerät, ist dort scheinbar noch voll intakt, indem alle Abweichungen von der Norm unterdrückt und bestraft werden. Auch werden dort nationale Traditionen hochgehalten und umerzählt, damit eine glorreiche Geschichte von Heldentaten bewundert werden. Und es ist dort nicht verpönt, die Wiedergewinnung von verlorenen Staatsgebieten zu verlangen, also vergangene Großreiche wieder errichten zu wollen, wie es die rechtsnationalistischen Fantasten in vielen Ländern erträumen. Darin liegt einer der Gründe für den Angriff Russlands auf die Ukraine.

Zum Weiterlesen:
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff
Der heroisierte Verzicht auf Empathie
Verschwörungstheorien und Realitätstauglichkeit
Nationalismus und Opferstolz

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Sonntag, 16. Februar 2025

Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts

Wir leben in Zeiten, in denen ein Kampf um die Deutungshoheit und die Wahrheitsfindung mit allen Mitteln geführt wird. Es stehen dabei nicht weniger als die liberalen Errungenschaften einer rationalen und demokratischen Wahrheitsfindung und damit die Grundlagen einer modernen Gesellschaft auf dem Spiel. Es werden von rechter und rechtsextremer Seite alle Register der Manipulation gezogen, um den Wahrheitsbegriff systematisch zu untergraben und damit der Willkür preiszugeben. Die angestrebte Folge ist, dass derjenige die Wahrheit prägt, der die Macht hat. Die Wahrheitszerstörung wird als Mittel zur Machtergreifung perfektioniert, um dann durchsetzen zu können, was die Menschen für wahr zu halten haben. Die Nationalsozialisten und die anderen faschistischen Regime haben das vor hundert Jahren vorexerziert, und ihre Nachahmer sind weltweit auf dem Vormarsch.

Hier werden ein paar der Manipulationstechniken beschrieben, die in aller Unverschämtheit die sozialen Medien fluten und mehr und mehr die öffentliche Debatte bestimmen. Alle, die weiterhin daran interessiert sind, dass die Wahrheit in einem liberalen Rahmen von Respekt und Achtung gefunden werden soll, müssen sich mit diesen manipulativen Untergriffen beschäftigen, um sie entlarven und bloßstellen zu können, sodass der öffentliche Diskurs von toxischen Elementen frei gehalten wird.

Bullshitting

Der US-Philosoph Harry Frankfurt hat diesen Begriff erstmals 1986 geprägt. Bullshitting wird mit „Humbug“, „Hohlsprech“ oder „Geschwurbel“ übersetzt. Das Wort „bull“ heißt nicht nur Stier, sondern hat auch die Bedeutung von lügen und täuschen. Dieses Phänomen tritt zunächst dann auf, wenn Menschen über Dinge reden, von denen sie nichts verstehen. Es geht dabei weniger um die Falschdarstellung von Dingen als um eine Täuschung über sich selbst. 

Näher betrachtet, wirkt die systematische Verwendung dieser Kommunikationsform schlimmer als Lügen, bei denen es um das Mitteilen von bewussten Unwahrheiten geht, wobei also der Lügner die Wahrheit grundsätzlich anerkennt und sie nur verstecken will. Beim Bullshitting wird die Grundlage der Wahrheit selbst angegriffen. Es wird das Recht auf das Ausdrücken der eigenen Sichtweise über jeden Wahrheitsbezug gestellt. Die Wahrheit liegt einzig und allein im Aussprechen dessen, was man sagt. Man maßt sich die Macht an, sagen zu können, was man will – wir verfügen ja über die liberale Errungenschaft der Meinungsfreiheit, die solange missbraucht wird, bis sie alle loswerden wollen. Ob das Gerede Sinn macht, sozialförderlich oder wirklichkeitsbezogen ist, zählt nicht. Es geht nur darum, im öffentlichen Diskurs möglichst viele giftige Rückstände zu hinterlassen, die andere dann wegräumen sollen. Hauptsache ist es, präsent zu sein und möglichst viel Raum einzunehmen, den die anderen, die Gegner, nicht haben.

Hannah Arendt, die scharfsinnige Kritikerin des Nationalsozialismus, hat schon vor vielen Jahren darauf verwiesen, dass fortgesetztes Lügen nicht darauf abzielt, dass die Leute schließlich an die Lüge glauben, sondern dass sichergestellt werden soll, dass niemand mehr an irgendetwas glaubt. Ein Volk, das nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann, kann auch nicht zwischen richtig und falsch entscheiden – und mit einem solchen Volk kann man machen, was man will, so die Beobachtung von Hannah Arendt.

Der Conway-Move

In die gleiche Kerbe schlägt die berüchtigte Aussage von Trumps ehemaliger Sprecherin Kellyanne Conway, die  2017 von „alternativen Fakten“ sprach, als sie darauf angesprochen wurde, dass sie falsche Zahlen über die Teilnehmer bei Trumps erster Amtseinführung genannt habe. Nach dieser Auffassung gibt es nicht mehr nur Unterschiede zwischen Sichtweisen, sondern über die Wirklichkeit, die durch Fakten repräsentiert wird: Wenn A sagt, die Erde kreist um die Sonne, und B, die Sonne kreist um die Erde, dann sind das alternative Sichtweisen, die beide den gleichen Geltungsgrad beanspruchen. Niemand kann sagen, welche Aussage stimmt. Damit wird die Basis für die Bildung von konsensuellen Übereinstimmungen über die Existenz von Dingen geleugnet, weil für jeden andere Dinge existieren oder diese Dinge anders existieren und diese Unterschiede in den Existenzweisen akzeptiert werden müssen. Die Folge ist, dass sich dann als dominante „Wirklichkeit“ das durchsetzt, was mit mehr Macht verbreitet werden kann. Das ist die Gefahr, auf die George Orwell in seinem Roman 1984 hingewiesen hat: Die lückenlose Kontrolle der Meinungsverbreitung durch die Machthaber führt dazu, dass alle nur mehr das Gleiche denken. Es gibt keinen Bezugspunkt in der Realität, der ein sicheres Wissen bieten kann, sondern alles kann so gesehen werden oder auch anders. Die jeweiligen Machthaber entscheiden dann über das, was real ist und was nicht.

Der Marlboro-Move

In einer ähnlichen Form gibt es diesen Ansatz in der Wahrheitsrelativierung schon länger. Zunächst haben sich bestimmte Teile der Wirtschaft des Tricks bedient, Forschungsergebnisse, die gegen ihre Produkte gesprochen haben, durch den Hinweis auf Gegenstudien zu entkräften. Dazu wurden entsprechende Studien gefälscht. Dieses Vorgehen kennen wir aus der Tabakindustrie – von da auch der Name –, aber auch von der Zuckerindustrie. Zurzeit sind wir massiver Propaganda von der Ölindustrie ausgesetzt, die den hohen wissenschaftlichen Konsens über die Ursachen des Klimawandels ignoriert und suggerieren will, dass das nur Einzelmeinungen sind und dass die Leugner der menschengemachten Erwärmung der Atmosphäre mindestens genauso recht haben. 

Mit solchen Manövern wird gezielt an der Glaubwürdigkeit der Wissenschaften gesägt; sie werden so dargestellt, als könne man mit ihrer Hilfe jeden Standpunkt bestätigen und jedes Geschäftsinteresse bedienen. Die Verlässlichkeit von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ausgefeilten Prüfinstanzen unterworfen sind, ist ein wichtiger Referenzpunkt für eine liberale Demokratie, und gerade deshalb ist sie den Gegnern dieser Staatsform ein Dorn im Auge. Mittels manipulativer und irreführender Rhetorik soll die Überzeugungskraft und die zentrale Rolle der Wissenschaften für die Wahrheitsfindung systematisch diskreditiert werden. Am Ende gibt es nur noch das Meinungsdiktat derer, die über genügend Macht und Geld verfügen.

Der “I Did My Own Research”-Move

Das Internet und die Plattformen für künstliche Intelligenz versetzen jeden in die Lage, Informationen zu sammeln. Man findet eine Seite, auf der jemand die eigene Meinung bestätigt, und schon verfügt man über eine Expertenmeinung und kann jeden anderen, der als Experte auftritt, übertrumpfen, auch wenn dieser auf wissenschaftlich anerkannte Forschungsarbeiten verweisen kann. Während der Pandemie-Zeit hat es nur so gewimmelt von selbsternannten Virologen und Impfexperten, die mit ihrem kursorisch angelesenen Halbwissen jeden ausgebildeten Virologen, der über jahrzehntelange Erfahrung in seinem Fachgebiet verfügte, als „Scharlatan“ verspotten oder als gekauften Büttel von Pharmakonzernen verleumden konnten. Ähnlich peinlich treten Leugner des menschengemachten Klimawandels auf, die in irgendeiner wissenschaftlichen Disziplin Experten oder sogar Nobelpreisträger sind, diese Position aber missbrauchen, indem sie ohne jede fachliche Qualifikation Erkenntnisse zu Klimafragen verbreiten und damit die Tausenden Klimawissenschaftler belehren wollen.

Der Bannon-Move 

Diese kommunikative Untugend ist nach dem ehemaligen Trump-Berater Steve Bannon, einem rechtsextremen Publizisten, benannt. Seine Schlachtruf ist bekannt: „Flood the zone with shit.“ Es geht darum, möglichst viele unsinnige, faktenfremde, hetzerische und hasserfüllte Botschaften in die mediale Landschaft hinauszuposaunen, ohne irgendeinen Wahrheitsanspruch, einfach nur mit dem Ziel, Aufmerksamkeit zu bekommen, laut zu sein und möglichst viel Verwirrung und Verunsicherung zu stiften. Wenn sich viele angeekelt von all dem „Scheiß“ abwenden, ist die Arena frei für die Meinungsdiktate der Autokraten.

Das Erbe der Aufklärung weiterführen

Für alle, denen es wichtig ist, das Erbe der Aufklärung zu bewahren und weiter zu entwickeln, geht es darum, sich den Wahrheitsbegriff nicht wegnehmen zu lassen, sondern ihn gegen alle Zerstörungsversuche zu verteidigen. Die Wahrheitsfindung, mit der die Menschheit den Weg von der Steinzeit bis in die Moderne erfolgreich beschritten hat, beruht auf zwei Zugängen: Die möglichst hohe Übereinstimmung zwischen der Theorie und der Wirklichkeit (die Korrespondenzwahrheit) und die möglichst hohe Übereinstimmung mit anderen Wahrheitssuchern (die Konsenswahrheit). Diese Formen der Wahrheitsfindung haben sich praktisch bewährt – alle Maschinen, Geräte und Bauwerke sowie alle komplexeren Formen des menschlichen Zusammenlebens sind aus der Anwendung dieser Zugänge zur Wirklichkeit entstanden. Im technischen Bereich besteht im Grund kein Problem; auch die Rechten wollen funktionierende Computer und sichere Hochhäuser. Aber die systematische Infragestellung der Wahrheitskompetenz der Wissenschaften, indem diese in den Dienst der Machtpolitik gestellt werden sollen, unterminiert selbst diesen Bereich. Diktatoren haben immer schon bestimmte naturwissenschaftliche Theorien und die damit verbundenen Forschungen, die nicht in ihre Ideologie passten, verboten und bekämpft. 

Besonders betroffen von den Attacken auf die Wissenschaften sind allerdings die Sozialwissenschaften. Denn sie forschen im Bereich des menschlichen Zusammenlebens, der von den Feinden der liberalen Demokratie mit allen Mitteln besetzt und umgestaltet werden soll. Deshalb sind diese Wissenschaften der natürliche Gegner für die selbsternannten Retter vor allem Bösen. Statt Formen der Kooperation zu fördern, geht es darum, möglichst überall das Recht des Stärkeren und Mächtigeren zu etablieren – aber damit kommt man in den Sozialwissenschaften nicht weit, und deshalb müssen eben diese Forschungsrichtungen unterdrückt werden. Die Trump-Administration hat schon eine lange Liste von Themen veröffentlicht, die nicht mehr mit Regierungsgeldern gefördert werden dürfen (z.B. Forschungen zum „Trauma“ oder zu indigenen Völkern); und auch private Geldgeber werden wohl unter Druck gesetzt werden, sodass ganze Forschungszweige stillgelegt werden müssen. Was auf Deutschland zukommen könnte, hat die AfD-Vorsitzende Alice Weidel kundgetan: „Soll ich sagen, was wir tun, wenn wir am Ruder sind? Wir schließen alle Gender-Studies und schmeißen alle diese Professoren raus.“ Soviel gilt also die Freiheit der Wissenschaften bei Rechtsparteien und unter den von ihnen angestrebten Diktaturen. 

Die Wahrheit muss über der Macht stehen

Nur eine starke und artikulierte liberale Zivilgesellschaft kann verhindern, dass die gezielt angewendeten Tricks der Meinungsmanipulation unter dem Deckmantel rechter Wahrheitsverbiegungen noch mehr Platz greift. Die Wahrheit darf niemals der Macht untergeordnet werden, denn dann bleibt die Freiheit auf der Strecke. Mit viel Einsatz haben Generationen vor uns die liberalen Grundrechte gegen autoritäre Staatssysteme errungen, die wir uns nicht von machtgeilen Möchtegerne-Diktatoren und ihren Speichelleckern und Mitläufern wegnehmen lassen dürfen. Die Alternative zu einer liberalen Demokratie ist eben eine illiberale, eine mit beschnittenen Freiheitsrechten, an deren Stelle eine unkontrollierte, korrupte und rücksichtslose Staatsmacht tritt, die den öffentlichen Diskursraum mit gleichgeschalteten Medien ausfüllt. Der Blick nach Orbán-Ungarn genügt, um zu sehen, wohin die Rechte steuert.

Zum Weiterlesen:
Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Petromaskulinität und Klimazerstörung


Freitag, 14. Februar 2025

Der heroisierte Verzicht auf Empathie

Wir kennen ihn – diesen Typ des Politikers (fast immer männlich), der ohne mit der Wimper zu zucken verkündet, dass Sozialmaßnahmen gekürzt („geglättet“, „angeglichen“...) werden müssen, dass Migranten zurückgewiesen („Push-Back“) werden müssen, dass denen, die schon wenig haben, weggenommen werden muss, um die zu schonen, die mehr und auch die, die viel zu viel haben. Vermieden wird jede Art des Mitgefühls mit den Schwächeren und Ärmeren in der Gesellschaft. Das Zeigen von Mitgefühl ist das größte Tabu für solche Menschen, denn damit würden sie eine Schwäche kundtun. Ihr Mitgefühl gilt nur denen, die sie begünstigen und nicht jenen, denen sie schaden. Und dafür brüsten sie sich und stellen sich als Helden dar. Nach Natascha Strobl sind es „kalte, rationale Macher, die sich nicht von Mitleid oder anderen ‚weichlichen‘ Regungen irritieren lassen, sondern ihre harte, aber notwendige Agenda durchziehen.“ (Radikaler Konservativismus. Frankfurt: Suhrkamp 2021)

Empathie macht den Menschen zum Menschen

Was den Menschen zum Menschen macht, ist die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können. Es ist die Fähigkeit, von den eigenen Überlebensimpulsen absehen zu können und das Innenleben von Mitmenschen nachvollziehen zu können. Dazu gehört auch, das Leid von anderen wahr- und ernstnehmen zu können. Menschlich sein, heißt also, von den inneren Zuständen der anderen Menschen betroffen zu sein. Es geht dabei nicht nur um angenehme Gefühle wie Freude und Begeisterung, sondern auch um belastende wie Angst, Leid und Schmerz. Wenn wir uns vom Leid der anderen abschotten, dann entfernen wir uns von der Menschlichkeit und sind nur auf das eigene Überleben fixiert.

Die Menschheit konnte als Gattung nur mit Hilfe der Empathiefähigkeit überleben. Schwächer und langsamer als die Beutetiere wäre der homo sapiens bald ausgerottet worden, wenn er nicht auf Teamwork gesetzt hätte. Die technische und die soziale Intelligenz, über die er verfügt, haben seine Erfolgsgeschichte begründet. Die Empathie bildet das Zentrum der sozialen Intelligenz, weil sie den Gruppenzusammenhalt sichert: Jedes Mitglied der Gruppe fühlt sich gesehen und als Teil des Ganzen. 

Das sogenannte Bindungshormon Oxytocin sorgt dafür, dass die Beziehungen in einer Gruppe gefestigt werden und die Empathie wirken kann. Allerdings wird es auch aktiv, um die Gruppe vor anderen Gruppen zu verteidigen. Seine Devise ist gewissermaßen: Liebe nach innen und Aggression nach außen. Hier zeigt sich das Trügerische an der menschlichen Empathiefähigkeit. Sie kann unter bestimmten Umständen nach außen hin stillgelegt werden und sich ins Gegenteil, in den Hass verkehren. 

Die Evolution der menschlichen Zivilisation und Kultur hat dazu geführt, dass immer größere soziale Einheiten entstanden sind, bis zur Weltgesellschaft, die seit 1945 durch die UNO repräsentiert wird. Dementsprechend haben sich auch die Aufgaben ausgeweitet, sodass bestimmte Probleme nur im Zusammenwirken der ganzen Menschheit gelöst werden können. Die emotionale und soziale Voraussetzung dafür bildet die unbegrenzte und unbedingte Empathie. Das haben viele, wenn nicht alle Weisheitslehrer schon lange erkannt: Das ist die Botschaft über das Mitgefühl von Buddha oder über die Nächsten- und Feindesliebe von Jesus. Zugleich wissen wir, wie schwer wir uns tun, diese Bedingung für die Weiterentwicklung der Menschheit zu erfüllen. Die Tendenz, die das Sprichwort vom Hemd, das näher ist als der Rock, benennt, drängt sich immer wieder vor: Es ist unser Egoismus, der manchmal auch als Gruppenegoismus auftaucht.

Die Verherrlichung des Empathieverzichts

Unsere conditio humana, unsere unvollkommene Verfasstheit als Menschen, durchkreuzt immer wieder die ethischen Imperative, von denen wir im Grund wissen, dass sie stimmen und befolgt werden sollten. Allerdings gibt es eine Attitüde, die sich vermehrt in politischen Auseinandersetzungen im globalen Westen meldet, die ich als den heroisierten Verzicht auf Empathie bezeichnen möchte. Damit ist gemeint, dass die Menschlichkeit auf bestimmte Menschengruppen eingeschränkt wird, und dass das nicht mit einem Eingeständnis der Schwäche einhergeht, mehr nicht zu schaffen, sondern mit dem Pathos des heldenhaften Verzichts. 

Unter den Politikern vor allem auf der rechten Seite des politischen Spektrums gibt es die rhetorische Figur und pathetische Haltung, dass Härte und Unerbittlichkeit gegen andere (Migranten, Ausländer, Asylwerber etc.) aufgebracht werden muss, aus dem Mitgefühl für das Leiden des „eigenen Volkes“. Wer mit Fremden oder Schwachen Mitgefühl hat, verrät die eigenen Leute. Der hingegen, der all die anderen verachten kann, gilt bei den eigenen als Held.

Das Beispiel Heinrich Himmler

Diese rhetorische Wendung erinnert mich an Heinrich Himmler, den Reichsführer der SS im Nationalsozialismus, der 1943 in einer Rede gesagt hat: „Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt.“ 

Himmler zeigt Mitgefühl mit den SS-Verbrechern seiner Truppe, die es aushalten müssen, vor Leichenbergen, die sie angerichtet haben, zu stehen, und die dafür, dass sie dennoch „anständig“ geblieben seien, ein „Ruhmesblatt“ verdienen. Er verzichtet demonstrativ auf jedes Mitgefühl mit den Opfern. So sagt er an einer anderen Stelle in dieser Rede: „Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird.“ (Posner Reden 1943)

Gruppenegoismus und Fremdenhass

Das ist die radikale Position des Gruppenegoismus verbunden mit einem ebenso radikalen Fremdenhass: Maximales Mitgefühl nach innen, kein wie immer geartetes Mitgefühl nach außen, sondern zügelloser Hass. Ich möchte keinen der aktuellen Politiker mit Himmler gleichsetzen, bemerke aber, dass viele von diesen die gleiche Position einnehmen, nur mit verminderter Radikalität. Sie rühmen sich, brutal und hart zu sein und notfalls über Leichen zu gehen, weil sie meinen, damit ihren Leuten etwas Gutes zu tun. Die scheinbare Ruhmestat besteht darin, die Anfechtungen des Gewissens, das sich bei jeder Regung von Hass und Menschenverachtung meldet, zu überwinden und zu ignorieren. Das ist die Härte gegen sich selbst, und diese ist im Grund der Seele nichts als der Hass auf die eigene Menschlichkeit.

Der Verrat der eigenen Würde

Tatsächlich steckt hinter den kalten und grausamen Worten von Himmler eine Einsicht in die menschliche Psyche: Wer sich dem Leid von anderen verschließt und davon abschottet, zahlt einen hohen Preis an seiner Selbstachtung und Würde. Nur verdient diese Wendung gegen sich selbst kein Ruhmesblatt, sondern erfordert ein tiefes In-Sich-Gehen, ein Anerkennen und Aufsichnehmen der massiven Scham, die mit der Verleugnung der Empathie verbunden ist. Daraus könnte dann eine Umkehr, eine Rückkehr zur Menschlichkeit erwachsen.

Schamlosigkeit als Heldentat

Was wir bei den Nachahmern von Himmler allenthalben beobachten können, ist das perverse Pathos des sich aufopfernden Empathieverzichters, der als Heldentat ausruft, was nicht nur einen Selbstverrat darstellt, sondern auch die Grundlagen der Moral und damit des gesellschaftlichen Zusammenhalts angreift. Um von der moralischen Last abzulenken, die durch das Ausblenden des Mitgefühls entstanden ist, wird ein wild entschlossener Aktionismus ausgerufen. So soll der Anschein erweckt werden, „das Notwendige“ mit Tatkraft zu vollbringen, also das, was die Not der Binnengruppe wenden soll. Typisch dabei ist, dass meist Maßnahmen mit hohem Symbolwert und minimaler Wirkung gefordert und  Abhilfen für herbeigeredete Gefahren versprochen werden. Es wird also der Anschein erweckt, dass die Dinge verbessert werden, während sich nur die Kosmetik ändert.

Zuspruch kommt von allen, die an einer Not leiden und die in der Unverfrorenheit von empathielosen Führerfiguren einen Ausweg sehen. Diese bekommen eine Vorbildrolle, indem sie den Verzicht auf Mitgefühl als Tugend vor sich hertragen. Je mehr Nachahmer sie finden, desto rauer und gröber wird das gesellschaftliche Klima. Und der Erfolg durch zulaufende Anhänger und Wähler bestätigt die Haltung und verstärkt Tendenz zur Selbstverherrlichung. 

Hier zur Videofassung.

Zum Weiterlesen:
Empathie
Gibt es Grenzen des Mitgefühls?
Das Mitgefühl zwischen Helfersyndrom und Gleichgültigkeit
Die Solidaritätsschranke


Dienstag, 11. Februar 2025

Verschwörungstheorien und Realitätstauglichkeit

Im Bereich der relativen Wahrheiten gibt es kein eindeutiges und absolut gültiges Richtig oder Falsch. Vielmehr geht es darum, zu überprüfen, ob eine bestimmte Theorie nahe an die Wirklichkeit herankommt, sodass ihre Anwendung in der Praxis erfolgreich ist oder nicht. Hier hat sich die Vorgehensweise der Wissenschaften ausgezeichnet, weil sie durch die beständige Weiterentwicklung und Verfeinerung der Methoden der Wahrheitsprüfung viele Theorien hervorgebracht hat, die dann anwendbar und umsetzbar waren. Wir können uns jedes moderne technische Gerät, auch jenes, auf dem dieser Text geschrieben wird, als Ergebnis von Tausenden von praxistauglichen Theorien vorstellen, bei deren Anwendung verwertbare Ergebnisse entstanden sind. Andere Theorien wie die von der flachen Erde haben für manche eine gewisse Plausibilität, aber sie haben nichts zur Entwicklung eines einzigen technischen Gerätes oder eines wirksamen Medikamentes beigetragen. Sie sind im besten Fall folgenlose Spielereien des menschlichen Verstandes mit einem gewissen Unterhaltungswert.

Es gibt wichtige qualitative Unterschiede in der Realitätsnähe einer Theorie: Je näher sie zur Wirklichkeit steht, desto höher ist die Praxistauglichkeit und desto fortschrittsdienlicher ist sie. Diese Gleichung betrifft nicht nur physikalische Hypothesen, sondern auch solche aus der Ökonomie, Psychologie oder Soziologie. Zum Beispiel haben Studien über das Leiden von Personen mit einer vom binären Schema abweichenden Geschlechtsidentität zu mehr Toleranz geführt (solche Studien dürfen übrigens laut der neuen US-Regierung nicht mehr vom Staat gefördert werden). Studien über die Zunahme der Konzentration des Reichtums in einer immer dünner werdenden Oberschicht haben in manchen Ländern zu einer Umverteilung von oben nach unten geführt (die gegenwärtige US-Administration nutzt sie allerdings für eine Umverteilung von unten nach oben). Studien zum Ozonloch haben in den 1980er Jahren ein weltweites Verbot von Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffen bewirkt (damals ohne jegliche Einmischung von Verschwörungstheorien wie es leider beim Thema Klimawandel der Fall ist).

Realitätsuntaugliche Verschwörungstheorien

Auch wenn der Verschwörungsglaube keinen Wahn darstellt, obwohl er wahnhafte Elemente beinhaltet, ist er dennoch nicht realitätstauglich.  Denn er gewinnt seine Anziehungskraft aus Fantasien und nicht aus einer Wirklichkeitsprüfung. Diese Fantasien werden von Ängsten erzeugt und versprechen einen Ausweg aus der Not, indem die Verursacher des Bösen namhaft gemacht werden. Wenn es gelingt, mit einer Verschwörungserzählung kollektive Angstquellen anzusprechen, werden leicht Anhänger gefunden. Die Gruppe der Verschwörungsgläubigen erfährt eine subjektive Angsterleichterung, weil sie mit dem Erkennen der scheinbaren Angstverursachung ein Stück Kontrolle über die Bedrohung erlangt hat. Im sozialen Umfeld werden allerdings mit der neuen Theorie neue Ängste entfacht. Wer wäre z.B. schon auf die Idee gekommen, dass über Impfungen Elektroden in den Körper geschleust würden? In solchen Fantasiegebilden liegt die sozialschädliche Macht dieser Glaubensformen, die in vielen Fällen von den Anstiftern bewusst in Kauf genommen wird.

Verschwörungstheorien sind deshalb nicht nur realitätsfern, sie haben zusätzlich noch destabilisierende Auswirkungen auf die Gesellschaft bis hin zu katastrophalen Unmenschlichkeiten. Die historisch folgenreichste dieser Theorien ist wohl die von der jüdischen Weltverschwörung. Sie fand durch die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Antisemiten verfassten „Protokolle der Weisen von Zion“ weite Verbreitung. Dieser fiktive Text hat viele rechtsextreme Personen und Gruppierungen in ihren Judenhass angestachelt und damit das Feld für die Massenvernichtung der Juden unter den Nationalsozialisten bereitet.

Viele der Verschwörungstheorien sehen nach dem Modell dieser „Protokolle“ die „eigentliche“ Weltherrschaft in den Händen von wenigen Verschwörern (Illuminaten, Bilderberger, Jesuiten, Deep State, Finanzoligarchie, WHO etc.) oder in Einzelpersonen (George Soros, Bill Gates etc.). Statt sich in der Politik für Änderungen einzusetzen, werden die Ursachen für gesellschaftliche Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten dort gesucht, wo sie nicht unschädlich gemacht werden können. Denn die Verschwörer sind mächtig und gut versteckt, dass sie höchstens in ihren Stellvertretern bekämpft werden, aber nie endgültig erledigt werden können. Deshalb halten sich viele Verschwörungstheorien über lange Zeiträume – diejenige von der Judenverschwörung geht bis aufs Mittelalter zurück. Jene Erzählungen, die sich um die Corona-Pandemie rankten, sind noch immer aktiv oder leben immer wieder neu auf.

Je realitätsferner eine Verschwörungstheorie ist, desto größer ist der Begründungs- und Rechtfertigungsaufwand und damit auch eigene Anhänglichkeit an die Theorie. Mit der Wirklichkeits- und Faktenferne steigt auch der Aufwand an Aggressivität, die notwendig wird, um die eigene Position gegen Anfechtungen durchzusetzen und abzusichern. Es wird dabei auch die Wut und der Hass entschuldigt, die ja notwendig sind, weil die Gefahr so groß wäre, und weil in der Gefahr so viel Zerstörerisches stecke, dass ihr nur durch Gegengewalt Paroli geboten werden kann. Verschwörungstheorien sind also immer aggressiv geladen. Deshalb verbinden sie nicht, sondern sie spalten. Denn sie lassen nur eine paranoide Reaktion zu: Dafür oder dagegen zu sein. Und wer dagegen ist, steckt automatisch mit den Verschwörern unter einer Decke und muss auch bekämpft werden.

Realitätsnahe und realitätsferne Theorien

Theorien hingegen, die aus der Realitätsnähe gewonnen werden, zeichnen sich durch ihre Praxistauglichkeit aus. Im technischen Bereich entstehen funktionierende Geräte und Maschinen, im sozialen Bereich werden die gesellschaftlichen Bindungen gestärkt, es wird Inklusion statt Exklusion gefördert. Dadurch entsteht mehr Sicherheit für mehr Menschen, die individuellen und kollektiven Ängste werden weniger und positive Zukunftsaussichten entstehen.

Theorien, die aus ihrer Realitätsferne leben, also einen hohen Anteil an Fantasien enthalten, haben die gegenteilige Wirkung. Sie fördern den Rückschritt, die gesellschaftliche Spaltung sowie Aggression und Gewalt.

Hier zur Videofassung

Zum Weiterlesen:
Verschwörungstheorien zwischen Wahn und Normalität