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Freitag, 12. September 2025

Auf dem Weg zur Hass-Gesellschaft?

Wir sind Zeugen einer bemerkenswerten Erosion der öffentlichen Umgangsformen: Der Hass wird von einer versteckten, schambesetzten Emotion zum legitimen Ausdruck von Meinungsfreiheit umgewandelt. Es wird so getan, als wäre es ein grundlegendes Menschenrecht, den eigenen Hass in der Öffentlichkeit ungeschminkt kundzutun, und dass jede Kritik an  Hassäußerungen selbst nur Hass verdient, weil damit die eigene Freiheit angegriffen wird. 

Der Hass wird zunehmend von der Scham befreit, mit der er wegen seiner Sozialschädlichkeit belegt ist. Die Scham ist ja die Wächterin des sozialen Zusammenlebens, und Hass ist das wirksamste emotionale Gift, das diesen Zusammenhalt vernichten kann. Die Enthemmung, die vermutlich vor allem durch die neuen Möglichkeiten virtueller Kommunikation stattgefunden hat, hat offenbar dazu geführt, dass bei vielen Menschen unterdrückte Hassgefühle neue Ausdrucksformen gefunden haben, in denen die Scham unwirksam ist. Jeder kann unter einem Pseudonym oder einem Nicknamen alle hasserfüllten Gedanken und Gefühle in die Kommunikationsräume einspeisen, die ihm in den Sinn kommen oder auf dem Magen liegen. Es gibt kein reales Gegenüber, dessen Reaktion ein Schamgefühl auslösen könnte. Es ist also leicht, sich in virtuellen Welten schamlos zu bewegen. 

Hass als Folge des Gehasstwerdens

Menschen sind nicht von sich aus hassende Wesen, vielmehr sind sie Wesen, die Liebe geben und empfangen wollen. Sie wissen, dass die Liebe der beste Garant für das eigene Überleben ist. Die eigene Hassbereitschaft hängt ab von dem Hass, der einem als Kind entgegengebracht wird. Hass, der einem Kind entgegengebracht wird – in Gefühlen oder in Worten –, erzeugt Hass in ihm, der sich in irgendeiner Form Ausdruck verleihen muss – als Selbsthass oder als Hass auf andere. 

Erlittene Frustration legitimiert den Hass, der Hass legitimiert die Gewalt. Der Hass bildet die Schaltstelle, an der die hilflose Opferrolle in eine potenzielle Täterrolle übergeführt wird. Die Wut aus der Frustration wandelt sich in einen kalt berechnenden Vernichtungswillen, der sich jede Berechtigung zuerkennt, Gewalt gegen die Verursacher der Frustration anzuwenden.

Hassen zerstört Menschlichkeit

Jeder im Inneren erlebte Hass zerstört einen Teil der eigenen Menschlichkeit. Denn der Hassanteil schneidet sich von der Liebesfähigkeit und vom Mitgefühl ab. Er frisst sich in die Seele wie ein tiefdunkler Fleck, wie eine schwärende Entzündung hinein. Er erzeugt nichts als Verbitterung und Unglück. Er ist ein Verrat am eigenen Wesen.

Hassäußerungen in der Öffentlichkeit zerstören die Gesellschaft

Jeder nach außen getragene Hass, also jeder öffentlich geäußerte Hass macht um Vieles mehr kaputt. Er zielt auf die Menschlichkeit der Gemeinschaft und beschädigt den Zusammenhalt der Gesellschaft – eine Gesellschaft von sich hassenden Menschen ist keine Gesellschaft mehr, sondern ist schon in ihre Einzelteile zerfallen. Sich hassende Menschen haben voreinander eine Heidenangst, weil sie wissen, dass die anderen nach der eigenen Zerstörung trachten, wie sie selbst die Zerstörung der anderen anstreben. Der Mensch, der sich als des Menschen Wolf fühlt, ist zum Untergang verdammt, weil er irgendwann unter der Last seines Misstrauens, seiner Schamlosigkeit und Angst zusammenbricht. Hass macht nicht nur hässlich, sondern ist ein Akt der Selbstzerstörung.

Wer Hass sät, wird Hass ernten. Die menschlichen Beziehungen reagieren in der Regel reziprok. Wie man in den Wald ruft, so kommt es wieder heraus, sagt die Volksweisheit. Der einfachste Schutz vor dem Hass anderer ist es, selber zu hassen. Das ist die Logik des politischen Mordes: Wer Hass predigt, muss gehasst werden, und was gehasst wird, muss vernichtet werden. 

Profiteure des Hasses 

Politiker haben schon immer versucht, Hass zu schüren, um ihn für ihre Ziele nutzbar zu machen. Es gibt diese schamlosen Politiker auf allen Rändern des politischen Spektrums. In der jüngeren Geschichte sind sie aber vor allem in den rechten Ecken der politischen Landschaft vertreten und breiten sich von dort langsam, aber sicher in Richtung des Zentrums aus, in dem der Hass salonfähig gemacht wird. Dass sie damit an der Zerstörung der Gesellschaft arbeiten, ist ihnen insofern bewusst, weil sie „das System“, die „Eliten“ oder einen „deep state“ entmachten wollen. Sie wollen also das zerstören, von dem sie annehmen, dass es die Wurzel allen Übels ist. Sie merken aber nicht, dass sie durch die Radikalität des Hasses, den sie beständig verbreiten, die Gesellschaft selbst, in der sie ihre politischen Erfolge erreichen wollen, in ihren Grundlagen attackieren. 

Kollektiver Wiederholungszwang

Es gibt genug historische Beispiele für diese destruktiven Dynamiken, von der französischen Revolution bis zum Stalinismus und Nationalsozialismus. Die hinter diesen Kräften steckenden psychologischen Mächte hindern viele Menschen, aus der Geschichte zu lernen und verdammen sie offensichtlich zu einem kollektiven Wiederholungszwang, zur erneuten Re-Inszenierung der eigenen Kindheitsdramen, nur mit der Verfügung über erwachsene Zerstörungsmitteln. Sie handeln aus einem blinden Glauben an die Macht der Vernichtung heraus, als deren Opfer sie sich fühlen. Die Konsequenz besteht in der nachhaltigen Schädigung der Gesellschaft, im schlimmen Fall verbunden mit der Vernichtung vieler individueller Leben, die dem Ausleben des Hasses geopfert werden.

Es scheint, als ob in vielen Ländern dieser Wiederholungszwang wirkt und viele Menschen mitreißt und damit auf eine Neuauflage von autoritären Regimen mit hoher Gewaltbereitschaft zusteuert. Immer unverblümter offenbart sich ein neuer Faschismus in den USA, und Nachahmer und Bewunderer gibt es in vielen europäischen Ländern, die hier die Demokratie untergraben wollen. Der Verbreitung von Hass ist dafür ein geeignetes Mittel. 

Null Toleranz

Die Demokratien, die höchstentwickeltsten Regierungsformen, die die Menschheit hervorgebracht hat, können nur weiterbestehen, wenn die Äußerung und Verbreitung von Hass auf allen Ebenen eingedämmt und in einflussreichen Bereichen unterbunden wird, auch unter Einsatz von Strafen. Es muss die Aufklärung stattfinden, dass gezielter Hass die  Fundamente der Gesellschaft untergräbt und damit jedes Mitglied dieser Gesellschaft schädigt. Wir brauchen eine Kultur des Umgangs, die frei von Hass ist und die jede Äußerung von Hass mit Scham und moralischer Verurteilung ahndet.

Zum Weiterlesen:
Hass, Zerstörung und Krieg
Hass im Internetzeitalter
Geschlossene Systeme und der inhärente Hass
Der Hass in der politischen Fixierung
Über den Ursprung des Bösen und des Hasses


Donnerstag, 20. April 2023

Die Zumutung der Wahrheit

„Das ist eine Zumutung!“ rufen wir empört aus, wenn jemand mit überzogenen Ansprüchen unsere Grenzen verletzt (wir machen jemanden auf einen Schaden, den er verursacht hat, aufmerksam, und die Antwort ist, wir sollen ihn doch selber beheben) oder wenn wir mit einer „unzumutbaren“ Situation konfrontiert sind (wir entdecken Kakerlaken im teuren Hotelzimmer). 

In dem Wort steckt allerdings noch mehr drin als der Ausdruck der Empörung, denn in der Zumutung verbirgt sich der Mut. Wenn wir einander etwas zumuten, heißt das, dass wir auf den Mut der anderen Person vertrauen. Wir hoffen, dass sie das annehmen kann, was wir ansprechen wollen. Es kann ein Wunsch sein, von dem wir wissen, dass er nicht leicht oder nicht gerne erfüllt wird. Es kann die Mitteilung einer Kritik am Verhalten sein, die für die betreffende Person unangenehm ist. Es kann sogar eine Liebeserklärung sein, die ausgesprochen wird ohne die Sicherheit, dass sie von der Adressatin wohlwollend oder erfreut angenommen wird. 

Beim Zumuten betreten wir also einen neuen Raum mit noch unbekannten Risiken. Aufgrund von früheren Erfahrungen nehmen jedenfalls an, dass es Gefahren geben wird, bringen aber den Mut auf, dennoch den Schritt zu machen, weil er uns wichtig ist und weil wir spüren, dass wir ihn tun müssen, wenn wir zu uns selber stehen wollen. Manchmal bedarf es der Herausforderung für unsere Mitmenschen, damit wir uns selbst treu bleiben können. Der Preis der Selbstverleugnung ist hoch, den wir bezahlen, wenn wir uns von unseren eigenen Erwartungen, die durch alte Erfahrungen entstanden sind, einschüchtern lassen und unseren Angstfantasien die Herrschaft überlassen. 

Wir haben als Kinder gelernt, uns in bestimmten Situationen zurückzunehmen, auf unsere Bedürfnisse zu verzichten und schließlich unser Selbst zu beschneiden. Damals war das Risiko zu groß, die Liebe und Zuwendung unserer wichtigsten Bezugspersonen zu verlieren. Also haben wir den Weg der Anpassung an die Erwartungen und Forderungen der Großen gewählt. 

Es sind die Ängste, die mit den frühen Erfahrungen verbunden sind, die sich dann melden, wenn immer wir vor einer kommunikativen Herausforderung stehen, geleitet von dem Drang, etwas klären, bereinigen oder ausdrücken zu müssen, und wo zugleich ein Risiko der Ablehnung, Zurückweisung oder eines Streites spürbar ist. Wir nehmen gewissermaßen den Vorwurf vorweg, mit unserem Anliegen eine Zumutung zu sein. Wenn es uns gelingt, die Ängste zu überwinden, indem wir erkennen, dass sie in unsere Kindheit gehören und dass wir schon erwachsen sind und deshalb die möglichen schwierigen Konsequenzen unseres Selbstausdrucks bewältigen können, dann ist der Mut in uns wirksam. Er gibt uns die Kraft auszudrücken, was uns am Herzen liegt.

Zumutung und Ermutigung

Zugleich steckt in der Zumutung, dass wir der angesprochenen Person den Mut zusprechen, das auszuhalten, was an Herausforderung in unserer Mitteilung steckt. Wir sprechen ihr gewissermaßen den Mut und die Kraft zu, mit dem, was wir zu sagen haben, zurechtzukommen. „Treffen wir uns auf dem Feld des Mutes!“, so lautet unsere Ansage. Messen wir unsere Kräfte, aber nicht, um zu schauen, wer stärker ist, sondern um uns auf Augenhöhe zu begegnen. Ich zeige dir meine Kraft und Klarheit und ich bin bereit für deine Kraft und Klarheit.

Wir nehmen vorweg, dass sich die andere Person nicht gemäß unseren angstgeprägten Erwartungen verhalten wird, und halten die Möglichkeit offen, dass sie andere Seiten zeigt und aus einem bewussten Teil der Seele reagiert. Wir appellieren an das größere Potenzial in ihr, das in der Lage ist, konstruktiv mit dem Thema umzugehen, statt sofort die Abwehr und den Widerstand zu mobilisieren oder gleich ins Streiten zu gehen. Wir muten uns beiden zu, einen guten Weg zu finden, indem wir einander aufmerksam zuhören und die Fähigkeiten der Empathie nutzen. 

In der mutigen Handlung sind uns mehr Ressourcen zugänglich als wenn wir uns im Bann unserer Ängste an die Erwartungen unserer Mitmenschen anpassen. Ängste erzeugen Stress, und Stress reduziert unsere Einsichts- und Handlungsfähigkeiten. Eine mutige Handlung ist immer auch mit Aufregung verbunden, weil es Ängste sind, die überwunden werden. Dazu kommen aber noch die Kräfte der Zuversicht, die mobilisiert werden, sobald wir den Schritt aus der Komfortzone heraus wagen. Manchmal sprechen wir in solchen Situationen davon, dass wir uns zusammenreißen wollen. Damit meinen wir, dass wir unsere Kräfte bündeln und unsere Energie auf ein Ziel hin fokussieren. Es sind das Situationen, in den wir über uns hinauswachsen können, in denen wir die Grenzen unserer Möglichkeiten erweitern und neue Gebiete erschließen. Wir gewinnen eine neue Seite unseres Selbst und schaffen einen neuen Begegnungsraum mit den anderen.

Jedes Stück an Zuwachs für den Mut, bei uns, indem wir anderen etwas zumuten, und bei anderen, indem wir ihnen zumuten, den Mut dafür aufzubringen, indem wir sie also zu ihrem Mut ermutigen, macht die Menschheit ein wenig stärker und klarer. Die menschlichen Gesellschaften sind voll von Missständen und Problemzonen, von Intoleranz, Egoismen und Korruption, von Gier und Neid, sodass es viele mutige Menschen braucht, die ihre Stimme erheben, dagegen auftreten und allen Risiken zum Trotz Verbesserungen einfordern.

Die zugemutete Wahrheit (Ingeborg Bachmann)

In ihrer Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 sagte die Schriftstellerin: „Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“ 

Es erfordert also eine wechselseitige Ermutigung, sich der Wahrheit anzunähern, die die Künstlerin mit ihrem Publikum verbindet. Die Aufgabe der Kunst liegt in der Öffnung für neue Zugänge zur Wahrheit, sie ist also die Avantgarde. Das Publikum hat die Aufgabe, sich auf diese Zugänge einzulassen und darauf mit dem Zumuten zu reagieren: Noch mehr von der Wahrheit einzufordern. Auf diese Weise wächst der Mut bei der Künstlerin und bei den Rezipienten, und damit entsteht bei beiden die Bereitschaft, sich stärker auf die zugemutete Wahrheit einzulassen und sie mehr und mehr in der Gesellschaft zur Wirkung bringen.

Dieses Verhältnis ist ein Spezialfall für die allgemeineren menschlichen Beziehungen, in denen es ebenso um die Wahrheit und ihre Zumutbarkeit geht. Jeder Zugewinn an Wahrheit ist ein Zugewinn an Menschlichkeit. Und diese Zugewinne haben wir bitter nötig, von ihnen hängt unsere Zukunft ab.

Zum Weiterlesen:
Die Zumutung