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Mittwoch, 3. Januar 2018

2017 - das beste Jahr der Menschheit?

Wird die Welt schlechter oder besser? Wie sollen wir das entscheiden? Aus den Medien erfahren wir vieles, was auf eine Verschlimmerung hinweist. Doch gibt es auch Fakten, die wir bei der Beurteilung der Richtung, in der sich die Menschheit entwickelt, zur Kenntnis nehmen sollten.

Der New-York-Times-Journalist Nicholas Kristof behauptet, dass 2016 das beste Jahr in der Menschheitsgeschichte war und 2017 noch besser werden könnte. Was spricht trotz all der Kriege, politischen Ereignisse und Umweltkatastrophen dafür?

Jeden Tag nimmt die Zahl an armen Menschen auf der Welt um 250 000 ab, d.h. alle vier Tage entkommt nach Berechnungen der Weltbank eine Million Menschen der ärgsten Armut. Umfragen in den USA haben übrigens ergeben, dass 90 % der Amerikaner glauben, dass die Armut auf der Welt steigt oder gleichbleibt, darunter offensichtlich auch der Präsident. So ist es nicht verwunderlich, dass die US-Regierung darüber nachdenkt, die Mithilfe bei der Armutsbekämpfung auf der Welt einzustellen, weil es ja ohnehin keinen Unterschied mache. Und wieder ein Beispiel, wo wir hinkommen, wenn wir unsere Meinungen mit Fakten verwechseln.

Die Einkommensunterschiede zwischen arm und reich sinken weltweit, das vor allem wegen des Rückgangs der Armut in Indien und China. Seit 1990 konnten durch Impfungen, Durchfallbehandlung, Stillpropagierung und andere Bemühungen 100 Millionen Kindern das Leben gerettet werden, auf jeden Tag umgerechnet sind das 18 000 Kinder. Bis in die 1960er Jahre waren mehr als die Hälfte der Menschen Analphabeten. Trotz der stetig wachsenden Weltbevölkerung sind heutzutage 85 % der Erwachsenen alphabetisiert, Tendenz weiter steigend. Jeden Tag steigt die Zahl der Menschen, die Zugang zu Elektrizität haben, um etwa 300 000 Menschen, und das bedeutet nicht nur, dass sich der Lebensstandard verbessern kann, sondern dass über die Internet-Nutzung auch die Bildungschancen steigen.

Zugang zur Elektrizität


Ein Schlüssel zur Messung des Wirtschaftswachstums, Lebensstandards und der Armutsbekämpfung liegt im Zugang zur Elektrizität. Die Preise von Strom aus der Windenergie gehen zurück, was Zahlen aus UK und USA belegen. Was vielleicht noch wichtiger ist, dass die Kosten für Solarelektrizität weiter sinken und in Indien nur mehr 0,65 $ pro Watt betragen. Dieser Preisverfall geht auf Kostenreduktionen in allen Bereichen der Solarstromerzeugung zurück. Ebenso sinkt die geographische Varianz, d.h. der Markt regelt zunehmend den Preis. Somit wird Solarstrom noch günstiger und der Zugang zu ihm demokratischer. Nachhaltige Energie wird zunehmend auf der ganzen Welt zugänglich und leistbar.

Wassergewinnung


Auf dem Gebiet der Wasseraufbereitung gibt es aufregende Neuigkeiten. Ein Wissenschaftlerteam des Massachusetts Institute of Technology hat kürzlich ein solar-betriebenes Gerät entwickelt, das mit Hilfe eines metall-organischen Gerüsts trockener Luft Feuchtigkeit entziehen kann. Wenn das Sonnenlicht auf das Gerät auftrifft, wird das Gerüst aufgeheizt, wodurch Wasserdampf zu einem Verflüssiger geleitet wird, in dem es zu fließendem Wasser wird. Bei einer Luftfeuchtigkeit von 20 – 30 % konnte der Prototyp der Luft in zwölf Stunden 2,8 Liter Wasser entziehen. Dafür wird nur ein Kilo des Gerüsts benötigt, und auf diese Weise kann Wasser viel effizienter bei geringer Luftfeuchtigkeit aus der Luft geerntet werden als mit bisher bekannten Technologien. Stellen wir uns nur vor, dass alle Familien, die  in wasserarmen Regionen leben, ein solches Gerät bekommen!

Eine andere Erfindung von Wissenschaftlern der University of Manchester erlaubt das Filtern des Salzes aus dem Meerwasser durch ein graphen-basiertes Sieb. Die Herstellung von Graphen, einem Kohlenstoff, dessen Atome künstlich angeordnet sind, galt bisher als sehr schwierig. Doch die Produktion konnte wesentlich vereinfacht werden, sodass hoffentlich bald eine weitere Hilfe für Menschen in wasserarmen Gebieten bereitgestellt werden kann. Graphene haben dazu noch weitere interessante Anwendungsmöglichkeiten in der Elektronik, die hier zu neuen Durchbrüchen führen können.

Die Zurückdrängung des Hungers


Es gibt auch steten Fortschritt in der Bekämpfung von Nahrungsmangel und Hunger. Es gibt sogar die Möglichkeit, Leder und Fleisch im Laboratorium herzustellen, ohne dass Tiere leiden müssen. Das Verfahren heißt Bioprinting. Nun ist es finnischen Forschern gelungen, ein Gerät zu entwickeln, das mit erneuerbarer Energie nahrhafte einzellige Proteine erzeugen kann. Das System kann unter verschiedenen Umweltbedingungen eingesetzt werden, die für die traditionelle Landwirtschaft nutzlos sind. So scheint es möglich zu werden, in Zukunft in Wüstengebieten Nahrung zu produzieren.

Im Nachbarland Schweden ist es gelungen, CO2-Abgase einer Wodka-Firma für die Produktion von Algen zu nutzen. Diese Algen können dann Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA herstellen, die typischerweise in Fischen gefunden werden.  Mehr und mehr Wege werden entdeckt, damit sich eine wachsende Zahl von Menschen ernähren können, ohne dass die knappen Ressourcen der Erde belastet werden.

Drohnen und die Umwelt


Früher wurden Tiere von den Forschern vom Hubschrauber aus oder mit feststehenden Kameras manuell gezählt. Jetzt machen Drohnen die Aufnahmen, das maschinelle Lernsystem zählt verschiedene Typen von Tieren und menschliche Freiwillige helfen beim Training des Algorithmus, indem sie die Entdeckungen verifizieren. Es geht schneller, billiger, einfacher und genauer.

In Bengaluru bekämpfen Forscher des indischen Wissenschaftsinstituts die Entwaldung mit Drohen, die Samen in Gebieten ausstreuen, die sonst nicht erkundet werden können. Das Ziel ist es, 4000 Hektar in der Gegend zu bepflanzen.

Hier zur Quelle, die noch viele andere Berichte bietet.

Die Menschheit entwickelt sich weiter. Auf der einen Seite stehen die kreativen und sozialen Initiativen, die versuchen, das Leben der Menschen zu erleichtern und zu demokratisieren. Dazu braucht es ein systemisches Denken, die Rücksichtnahme auf die Komplexität und das Absehen von kurzfristigen Eigeninteressen. Auf der anderen Seite stehen Angst und Gier, die ebendiese Interessen in den Vordergrund drängen wollen. Unser Beitrag, dass die Entwicklung der Menschheit zum Besseren gelingt, kann nur darin, mit unseren Mitteln ersteres zu stärken und zweiteres zu schwächen, damit 2018 2017 in möglichst vielen essentiellen Belangen übertrifft.

Zum Weiterlesen:
2016 - Anlass für Optimismus

Samstag, 18. August 2012

„Du spinnst ja!“ - Ebenen der Wirklichkeit

Wie wirklich ist die Wirklichkeit, fragte Paul Watzlawick und brachte damit die konstruktivistische Sichtweise an die Leute. Wirklichkeit steht nicht einfach fest, sondern wird hergestellt und muss fortwährend überprüft werden. Im psychotherapeutischen Geschäft ist die Frage auch relevant, wird aber selten diskutiert, vielleicht weil sie zu theoretisch klingt und weil viele Klienten kein Problem haben, auf verschiedenen Wirklichkeitsebenen Erfahrungen zu sammeln und diese zu integrieren. Was aber, wenn ein Klient für seine geistige und kognitive Klarheit wissen will, wo seine Erfahrungen hingehören und wie sie mit dem eigenen Weltbild vereinbar sind?

Unser Wirklichkeitsbegriff ist streng materialistisch, das haben wir von den Naturwissenschaften gelernt. Wirklich ist, was in Raum und Zeit für uns wahrnehmbar ist, bzw. wahrnehmbar gemacht werden kann (wir nehmen z.B. an, dass Viren wirklich sind, obwohl wir sie vielleicht noch nie gesehen haben, oder dass der Neptun wirklich 13 Monde hat, obwohl wir auf noch keinem einzigen waren). Wir schenken also der Wissenschaft großen Glauben, dass sie uns Erkenntnisse über die Wirklichkeit geben kann. 

Wenn es um unsere Innenerfahrungen geht, kommen wir in Bereiche, die nicht so einfach mit dem naturwissenschaftlichen Weltbild kompatibel sind. Wenn wir träumen, haben wir ein Wirklichkeitserleben, das sich erst beim oder nach dem Aufwachen relativiert. Im Traum erscheint uns als real, dass wir verfolgt werden, Leute treffen, die anders ausschauen als sonst usw. 

http://www.lilienthal-museum.de/olma
/muse.htm
Während des Schreibens des Artikels hatte ich dazu einen witzigen Traum. Schon öfter hatte ich vom Fliegen geträumt, und das war immer so „traumhaft“, dass ich mir während des Träumens dachte, diesmal merke ich mir, wie das geht und mache das dann auch, wenn ich aufwache. Nun träumte ich wieder, dass ich fliegen kann und dass das ganz einfach ist und träume weiter, dass ich aufwache und es jetzt im aufgewachten Zustand noch immer kann, zwar nicht ganz so leicht, aber mit etwas Konzentration ziemlich locker. Dann bin ich allerdings wirklich aufgewacht, die Leichtigkeit war dahin und ich hatte überhaupt keine Idee mehr, wie ich mit den 70+ Kilo meines Körpers die Schwerkraft überwinden könnte. Der wache Wirklichkeitsbegriff hatte mich sofort wieder im Griff. So muss ich also auf den nächsten Flugtraum warten, um dieses besondere Freiheitsgefühl genießen zu können (oder auf eine Möglichkeit, die Traumwirklichkeit in die Wachwirklichkeit zu integrieren, was ja in vielfältiger Form ein alter „Traum“ der Menschheit ist).

Schon wenn wir uns entspannen und die Augen schließen, können Bilder kommen, Gefühle auftauchen und Körperwahrnehmungen spüprbar werden, die ihre eigene „andersartige“ Realität haben. Der Wirklichkeitsbegriff der Naturwissenschaften funktioniert also nur, wenn wir im Wachzustand bei klaren Sinnen sind und zusammenhängend denken können. Er erfordert, dass wir uns auf diese eine Dimension reduzieren, dass wir also eindimensional erleben (beschränkt auf die vier Dimensionen unserer sinnlichen Wahrnehmung).

In allen anderen Erlebnisbereichen befinden wir uns in anderen Wirklichkeiten. Offenbar, wie schon Sigmund Freud herausgefunden hat, regieren in unserem Unterbewussten ganz andere Mechanismen der Wirklichkeitsproduktion. Er hat zwar versucht, auch diese Mechanismen naturwissenschaftlich zu erklären, ist damit aber nicht weit gekommen. Zu unterschiedlich sind die Menschen, wenn es um ihr inneres Erleben geht, sodass wir sagen müssen, dass jeder Mensch im Inneren eine ganz und gar eigene Wirklichkeit hat, die ihm nur selber zugänglich ist und die er auch nur sehr eingeschränkt mitteilen kann. Sie ist also privat und einzigartig, Teil seiner Individualität. 

Wenn wir eine systemische oder ganzheitliche Sichtweise einnehmen, können wir nicht eine Wirklichkeitserfahrung über die andere stellen, sondern müssen sie als grundsätzlich gleichrangig anerkennen. Wir achten nur darauf, für welche Situationen und Erfordernisse des Lebens welche Wirklichkeit brauchbar und sinnvoll ist. Wenn wir von einem Verkehrspolizisten aufgehalten werden, wird der nicht an unseren Träumen oder inneren Zuständen interessiert sein, sondern erwarten, dass wir ihm auf seiner Wirklichkeitsebene begegnen. Begegnen wir einem Angehörigen des malaysischen Senoi-Stammes, bei denen das Traumdeuten zur täglichen Routine gehört, so werden diesen unsere Träume mehr als unser Führerschein interessieren. 

 Mit dieser Einstellung tun wir uns leichter, wenn uns Menschen über Erfahrungen berichten, die nicht in den naturwissenschaftlichen Rahmen passen, z.B. von Wunderheilungen (siehe meinen Blogbeitrag vom März 2012 - http://wilfried-ehrmann.blogspot.co.at/2012/03/die-wunderheiler-und-die-skeptiker.html ) oder übersinnlichen Wahrnehmungen. Wir brauchen sie auch, wie oben erwähnt, in der therapeutischen Arbeit. Wenn es etwa um die Verarbeitung eines Verlustes geht (beim plötzlichen Tod einer vertrauten Person wie auch beim Verlust eines Zwillingsgeschwisters im Mutterleib), besteht ein wichtiger Schritt in der Heilung darin, mit der verstorbenen Person Kontakt aufzunehmen. Im naturwissenschaftlichen Weltbild ist das unmöglich. Wer tot ist, kann nicht mehr kontaktiert werden. Wenn wir jedoch Klienten, die die Gefühle der Verlusterfahrung erlebt haben, vorschlagen, sich mit der verstorbenen Person zu verbinden, „wo immer sie gerade ist“, ist das den meisten Menschen leicht möglich, und dieser Kontakt wird fast immer als sehr heilsam und wohltuend erlebt. 

Es gibt also offenbar eine Wirklichkeitsform, in der die Grenzen von Raum und Zeit aufgehoben sind. Das ist ja insofern auch klar, weil die Raum- und Zeiterfahrungen auf die naturwissenschaftliche Realität beschränkt sind und dieses auf jene. Wir haben ein Erleben, „als ob“ die verlorene Person „wirklich“ noch irgendwo da ist und mit uns spricht. Wir wissen dabei, dass diese Wirklichkeit eine andere Qualität hat, dass wir also, wenn wir die Augen öffnen, die Person nicht mehr vor uns sehen und ihr nicht einfach die Hand schütteln können. Aber dieses Wissen nimmt der Erfahrung nichts von ihrer Gültigkeit und Bedeutsamkeit. 

Auch bei der Arbeit mit Ahnen, die wir z.B. bei der Aufstellungsarbeit oder bei der Auflösung von über die Generationen vererbten Traumen nutzen,  ist diese Wirklichkeitsebene wichtig. Wir können dabei erleben, dass lange verstorbene Vorfahren von uns einen belastenden Einfluss ausüben und dass die Begegnung mit ihnen diesen Einfluss in eine positive Kraft ummünzen kann. Manche Vertreter der Aufstellungsarbeit sind der Meinung, dass die Auflösung von solchen Themen selbst den Verstorbenen eine Erleichterung bringt. Dabei wird angenommen, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der diese Personen in einer anderen als der uns bekannten Form leben.

Wenn wir, aus „naturwissenschaftlicher Verantwortung“, sagen würden, dass solche Phänomene reine Einbildung sind und es sie nicht geben kann, weil ja die Wirklichkeit auf Raum und Zeit beschränkt ist, dann werten wir die andere Wirklichkeitsebene ab, also die Subjektivität des Klienten, was uns nicht zusteht. Schließlich wollen wir ja selber auch nicht, dass uns jemand anderer bei unseren Innenerfahrungen dreinredet und uns weismachen will, dass wir „in Wirklichkeit“ das, was wir erleben, gar nicht erleben, bzw. dass das, was wir erleben, eine ganz andere Bedeutung hat als die wir ihr selber geben.

Kinder kennen die unterschiedlichen Wirklichkeiten sehr gut. Sie halten sich gerne in Märchenwelten und Geschichten auf und stoßen damit häufig auf Unverständnis oder Kritik bei den Erwachsenen, die ihnen ausreden wollen, was sie innerlich erleben, wohl aus der Angst heraus, dass Märchenwelten zum Funktionieren beim Meistern des Lebens in unserer Gesellschaft nutzlos wären. So müssen die Kinder mit der Zeit lernen, die Ebenen auseinander zu halten, indem sie die Abwertungen mitnehmen, die besagen, dass es eine „wirkliche“ = gute oder nutzbringende Wirklichkeit gibt und eine „unwirkliche“=schlechte oder unbrauchbare. Mit dem Eintritt in die Schule beginnt bei den meisten Kindern die mehr oder weniger gründliche Reduktion auf das eindimensionale Weltbild der Naturwissenschaften.

Statt dass wir uns in eine Form der Wirklichkeitserfahrung einzementieren und diese mit allen Möglichkeiten verteidigen, scheint es sinnvoller zu sein, unsere Fertigkeiten zu schulen, uns auf verschiedenen Ebenen bewegen zu können und alle diese Ebenen in ihrem Eigenwert schätzen zu können. Wichtig bei dieser Kompetenz ist die die Fähigkeit, zu wissen, wo wir gerade sind. Psychotiker leiden unter der Abwesenheit dieser Fähigkeit. Sie können nicht unterscheiden, was „Wirklichkeit“ und was „Wahn“ ist, wobei das, was man als Wahn bezeichnet, nur eine andere Form der Wirklichkeitserfahrung ist, die aber nicht eingeordnet werden kann. Psychose ist ein Zustand der Verwirrung, auf welche Ebene der Wirklichkeit eine bestimmte Erfahrung gehört. Diese Irritation kann große Ängste auslösen und die Kommunikationsfähigkeit stark beeinträchtigen. 

Üben wir uns dagegen im Unterscheiden der Wirklichkeitsebenen, dann gewinnen wir an Einsichtsmöglichkeiten für die verschiedenen Qualitäten des Lebens und Erlebens, unserer selbst und der anderen Menschen.  Ich empfehle dazu auch, das Modell der Bewusstseinsevolution zu nutzen, weil es uns eine Landkarte an die Hand gibt, mit deren Hilfe wir die jeweiligen Wirklichkeiten verorten können.

Sonntag, 19. Juni 2011

Griechenland


Ich schreibe hier mangels Kompetenz keinen Kommentar zu den ökonomischen Problemen des Landes oder zu möglichen Lösungen der damit verbundenen Finanzkrise. Ich möchte auf Hintergründe eingehen, die zu der Lage geführt haben, beleuchtet aus dem Modell der Bewusstseinsevolution.
Es gibt vermutlich zwei Hauptrichtungen, wie mit dieser Lage umgegangen werden soll. Die eine Richtung besagt, dass, was nicht mehr funktioniert, zugrunde gehen sollte, sprich der Staat Griechenland sollte für bankrott erklärt werden und dann schauen, wie er damit zurecht kommt. Diese Position haben z.B. republikanische Politiker in den USA bei der der dortigen Bankenkrise vertreten. Banken gehen unter, was Neues entsteht nachher, wenn der Staat eingreift, um kranke Banken zu retten, kommt nichts Gutes dabei heraus. 

Das ist die rein kapitalistische Position, die von einer materialistischen Logik aus gesteuert ist. Jeder ist für sein Glück verantwortlich, wenn er Mist baut, zahlt er die Zeche. Die, die zwar keinen Mist gebaut haben, aber auch davon betroffen sind, zahlen eben gleichermaßen drauf. Es gibt keine Solidarität, die kostet mir zuviel von dem, was ich habe. Ich spende höchstens aus meinen Überschüssen, wenn mir danach ist, um mein Gewissen zu beruhigen, aber es darf keine staatliche Regelung geben, die Solidarität erzwingen könnte. Die Militanz dieser Position zeigt sich übrigens auch in den USA bei der Debatte um die Reform des Gesundheitswesens, wo eine Verbesserung, die aus europäischer Sicht eine Minilösung weit unter dem Niveau bedeutet, das wir seit ungefähr 1890 haben, rabiate und irrationale Proteste hervorruft, als würde es die Menschen an der Wurzel ihrer Existenz bedrohen, wenn ein paar Millionen mehr Amerikaner Versicherungsschutz bekommen.

Bei uns wird die egoistisch-materialistische These vor allem von nationalistischen Parteien vertreten, die „keinen Cent mehr“ „von unserem Geld“ nach Griechenland schicken wollen. Diese faulen Griechen haben sich die Suppe eingebrockt und sollen sie auch selber auslöffeln. Interessant ist diese Kombination aus Kapitalismus und Nationalismus deshalb, weil sie von der Fiktion ausgeht, dass sich das Kapital an Staatsgrenzen halten würde – wir sichern das Geld, das wir haben, innerhalb unserer Landesgrenzen ab und lassen nichts nach draußen. Die Naivität liegt darin, dass sich der Kapitalismus einen feuchten Dreck um Landesgrenzen schert. Das große Geld fließt dorthin, wo es sich am schnellsten vermehren kann.  Würde sich die Situation in unserem Land drastisch verschlechtern, wäre das Kapital am schnellsten weg, so schnell können unsere Politiker gar nicht schauen. 

So ist es den Griechen ergangen, und sie haben sicher das Ihre an Naivität und Kurzsichtigkeit dazu beigetragen, dass es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist, auch in dem Kurzschlussdenken, dass sie das Geld, das nun einmal in ihr Land geflossen ist, nach momentanen und, wie noch erläutert wird, tribalen Interessen mit vollen Händen ausgeben können. Dafür müssen sie als Nation auch die Verantwortung und die Folgen tragen. Den Kapitalismus (und den materialistisch handelnden Menschen) kümmern tribale Strukturen nicht mehr, er fegt über sie hinweg ohne jede Rührung.

Was fällt nun bei den hausgemachten Problemen auf? Ein häufig angeführter Grund für die Schwierigkeiten des Landes liegt in der hohen Zahl an Beamten, die zudem Privilegien haben wie z.B. die Polizisten, die mit 45 in Pension gehen. Trotz der großen Menge an Staatsdienern liegt die Steuereinhebung im Argen. Viele dieser Posten mitsamt den dazu gehörenden Privilegien sind, wie man hört, als Versorgungsposten für Angehörige und Freunde von Politikern geschaffen worden. Nun ist der Staat zahlungsunfähig und kann die Gehälter nicht mehr finanzieren.

Zum tribalen Bewusstsein gehört die Auffassung, dass jedes Mitglied der Gruppe versorgt und geschützt werden muss. Wenn sich dieses Prinzip in moderne Staatsformationen fortsetzt, führt das zu typischen Konflikten. Wer es zu Macht gebracht hat, fühlt sich verpflichtet, die Angehörigen seiner Gruppe zu unterstützen und zu versorgen. In modernen, aufgeklärten Staaten nennt man das Korruption. Öffentliche Staatsgelder, also solche, die allen Staatsbürgern gehören, werden in private Taschen umgeleitet. Das Geld fließt also von übertribalen Strukturen in tribale Netzwerke und kommt von dort nicht mehr zurück. Steuerhinterziehung gilt als Zeichen tribaler Schlauheit. 

Damit entsteht eine Spannung, wie sie sich typischerweise in der Französischen Revolution entladen hat: Die Bürger merken, dass sie mit ihrer Arbeit und deren Mehrwert das Leben einer dünnen Adelsschicht finanzieren, die ihre Privilegien um keinen Preis hergeben will, bis die Situation kippt und die Köpfe der Angehörigen des oberen Stammes rollen. 

Ein Resultat dieser Prozesse ist es, dass sich die abstrakte Gruppe der Staatsangehörigen als Zivilgesellschaft, als bürgerliche Öffentlichkeit (die citoyens)etabliert. Es werden damit posttribale Gruppen gebildet, die vom personalistischen Bewusstsein geprägt sind und versuchen, in der Politik, also an der Machtverwaltung mitzuwirken. Zu deren typischen Forderungen gehört, dass die Angehörigen der bisherigen Machtelite zur Verantwortung für ihr selbstsüchtiges Verhalten auf Kosten der Allgemeinheit gezogen werden. Damit die Macht der tribalen Strukturen zurückgedrängt. Weiters gilt es, rationale Kontrollmechanismen in das System einzubauen, sodass z.B. alle nach einem einigermaßen gerechten Schlüssel zu den Staatsfinanzen beitragen und davon profitieren.
Nachdem sich also die personalistische Wut über die erlittene Ungerechtigkeit ausgetobt hat, müssen solche Elemente des systemischen Bewusstseins eingesetzt werden, um neue tragfähige Strukturen zu etablieren, die die Mitglieder eines Staates (und weiter gedacht, einer Staatengemeinschaft und noch weiter gedacht einer Weltgesellschaft) annähernd gleichermaßen an den Rechten und Pflichten des Gemeinwesen teilhaben lassen. Alle zahlen also, alle kriegen was zurück. Schwache zahlen weniger, Starke mehr.

Mit dem systemischen Bewusstsein wird die Regel des Dienens ins Zentrum des Handelns gerückt. Jeder dient mit seinem Tun, mit seiner Arbeit und Leistung dem Ganzen und nicht nur sich selbst oder der eigenen Gruppe.  Es gibt ein faires Gleichgewicht zwischen dem eigenen Beitrag und dem, was vom Ganzen zurückkommt.

Damit kommen wir zur zweiten Möglichkeit, die in Bezug auf das Griechenland-Problem diskutiert wird: Das Verständnis, dass das Problem zusammen gelöst werden muss, also unter Beteiligung aller, die zum Finanzsystem gehören, die Staaten und die anderen Geldgeber. Dabei wird nicht unmittelbar darauf geschaut, was dem je eigenen Einzelsystem am besten nutzt, sondern auf das, was das Funktionieren des übergeordneten Systems erleichtert, in der Erwartung, dass nach einer Phase der Anpassung alle Beteiligten gleichermaßen profitieren können. 

Die konkrete Ausformung dieses Lösungszuganges müssen kompetente und verantwortungsbewusste Fachleute und Politiker gestalten. Verantwortungsbewusst heißt dabei, dass sie in der Lage sind, von eigenen Interessen abzusehen, vor allem von Interessen in Bezug auf Machterhalt, eigenen Reichtum oder den der jeweiligen Bezugsgruppe. Statt dessen sollten sie in der Lage sein, größere Zusammenhänge miteinbeziehen. Sie brauchen die Bewusstheit, dass Gier und Eigensinn die Triebkräfte materialistischer Zielsetzungen sind und überwunden werden müssen, wenn ein Ausweg aus den Fängen des Kapitalismus gelingen soll.

Dieses Bewusstsein und die damit verbundene Form der Intelligenz sind auf der internationalen Ebene ebenso wichtig wie im betroffenen Land selber. Wenn sie konstruktiv zusammenarbeiten, sollten wesentliche Fortschritte erzielt werden. Es ist die Chance dieser Krise, dass sich die Kräfte einer neuen Bewusstseinsebene leichter durchsetzen können, weil klar ist, dass die herkömmliche Struktur des Wirtschaftens und Verwaltens gescheitert ist.