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Dienstag, 11. Februar 2025

Verschwörungstheorien und Realitätstauglichkeit

Im Bereich der relativen Wahrheiten gibt es kein eindeutiges und absolut gültiges Richtig oder Falsch. Vielmehr geht es darum, zu überprüfen, ob eine bestimmte Theorie nahe an die Wirklichkeit herankommt, sodass ihre Anwendung in der Praxis erfolgreich ist oder nicht. Hier hat sich die Vorgehensweise der Wissenschaften ausgezeichnet, weil sie durch die beständige Weiterentwicklung und Verfeinerung der Methoden der Wahrheitsprüfung viele Theorien hervorgebracht hat, die dann anwendbar und umsetzbar waren. Wir können uns jedes moderne technische Gerät, auch jenes, auf dem dieser Text geschrieben wird, als Ergebnis von Tausenden von praxistauglichen Theorien vorstellen, bei deren Anwendung verwertbare Ergebnisse entstanden sind. Andere Theorien wie die von der flachen Erde haben für manche eine gewisse Plausibilität, aber sie haben nichts zur Entwicklung eines einzigen technischen Gerätes oder eines wirksamen Medikamentes beigetragen. Sie sind im besten Fall folgenlose Spielereien des menschlichen Verstandes mit einem gewissen Unterhaltungswert.

Es gibt wichtige qualitative Unterschiede in der Realitätsnähe einer Theorie: Je näher sie zur Wirklichkeit steht, desto höher ist die Praxistauglichkeit und desto fortschrittsdienlicher ist sie. Diese Gleichung betrifft nicht nur physikalische Hypothesen, sondern auch solche aus der Ökonomie, Psychologie oder Soziologie. Zum Beispiel haben Studien über das Leiden von Personen mit einer vom binären Schema abweichenden Geschlechtsidentität zu mehr Toleranz geführt (solche Studien dürfen übrigens laut der neuen US-Regierung nicht mehr vom Staat gefördert werden). Studien über die Zunahme der Konzentration des Reichtums in einer immer dünner werdenden Oberschicht haben in manchen Ländern zu einer Umverteilung von oben nach unten geführt (die gegenwärtige US-Administration nutzt sie allerdings für eine Umverteilung von unten nach oben). Studien zum Ozonloch haben in den 1980er Jahren ein weltweites Verbot von Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffen bewirkt (damals ohne jegliche Einmischung von Verschwörungstheorien wie es leider beim Thema Klimawandel der Fall ist).

Realitätsuntaugliche Verschwörungstheorien

Auch wenn der Verschwörungsglaube keinen Wahn darstellt, obwohl er wahnhafte Elemente beinhaltet, ist er dennoch nicht realitätstauglich.  Denn er gewinnt seine Anziehungskraft aus Fantasien und nicht aus einer Wirklichkeitsprüfung. Diese Fantasien werden von Ängsten erzeugt und versprechen einen Ausweg aus der Not, indem die Verursacher des Bösen namhaft gemacht werden. Wenn es gelingt, mit einer Verschwörungserzählung kollektive Angstquellen anzusprechen, werden leicht Anhänger gefunden. Die Gruppe der Verschwörungsgläubigen erfährt eine subjektive Angsterleichterung, weil sie mit dem Erkennen der scheinbaren Angstverursachung ein Stück Kontrolle über die Bedrohung erlangt hat. Im sozialen Umfeld werden allerdings mit der neuen Theorie neue Ängste entfacht. Wer wäre z.B. schon auf die Idee gekommen, dass über Impfungen Elektroden in den Körper geschleust würden? In solchen Fantasiegebilden liegt die sozialschädliche Macht dieser Glaubensformen, die in vielen Fällen von den Anstiftern bewusst in Kauf genommen wird.

Verschwörungstheorien sind deshalb nicht nur realitätsfern, sie haben zusätzlich noch destabilisierende Auswirkungen auf die Gesellschaft bis hin zu katastrophalen Unmenschlichkeiten. Die historisch folgenreichste dieser Theorien ist wohl die von der jüdischen Weltverschwörung. Sie fand durch die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Antisemiten verfassten „Protokolle der Weisen von Zion“ weite Verbreitung. Dieser fiktive Text hat viele rechtsextreme Personen und Gruppierungen in ihren Judenhass angestachelt und damit das Feld für die Massenvernichtung der Juden unter den Nationalsozialisten bereitet.

Viele der Verschwörungstheorien sehen nach dem Modell dieser „Protokolle“ die „eigentliche“ Weltherrschaft in den Händen von wenigen Verschwörern (Illuminaten, Bilderberger, Jesuiten, Deep State, Finanzoligarchie, WHO etc.) oder in Einzelpersonen (George Soros, Bill Gates etc.). Statt sich in der Politik für Änderungen einzusetzen, werden die Ursachen für gesellschaftliche Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten dort gesucht, wo sie nicht unschädlich gemacht werden können. Denn die Verschwörer sind mächtig und gut versteckt, dass sie höchstens in ihren Stellvertretern bekämpft werden, aber nie endgültig erledigt werden können. Deshalb halten sich viele Verschwörungstheorien über lange Zeiträume – diejenige von der Judenverschwörung geht bis aufs Mittelalter zurück. Jene Erzählungen, die sich um die Corona-Pandemie rankten, sind noch immer aktiv oder leben immer wieder neu auf.

Je realitätsferner eine Verschwörungstheorie ist, desto größer ist der Begründungs- und Rechtfertigungsaufwand und damit auch eigene Anhänglichkeit an die Theorie. Mit der Wirklichkeits- und Faktenferne steigt auch der Aufwand an Aggressivität, die notwendig wird, um die eigene Position gegen Anfechtungen durchzusetzen und abzusichern. Es wird dabei auch die Wut und der Hass entschuldigt, die ja notwendig sind, weil die Gefahr so groß wäre, und weil in der Gefahr so viel Zerstörerisches stecke, dass ihr nur durch Gegengewalt Paroli geboten werden kann. Verschwörungstheorien sind also immer aggressiv geladen. Deshalb verbinden sie nicht, sondern sie spalten. Denn sie lassen nur eine paranoide Reaktion zu: Dafür oder dagegen zu sein. Und wer dagegen ist, steckt automatisch mit den Verschwörern unter einer Decke und muss auch bekämpft werden.

Realitätsnahe und realitätsferne Theorien

Theorien hingegen, die aus der Realitätsnähe gewonnen werden, zeichnen sich durch ihre Praxistauglichkeit aus. Im technischen Bereich entstehen funktionierende Geräte und Maschinen, im sozialen Bereich werden die gesellschaftlichen Bindungen gestärkt, es wird Inklusion statt Exklusion gefördert. Dadurch entsteht mehr Sicherheit für mehr Menschen, die individuellen und kollektiven Ängste werden weniger und positive Zukunftsaussichten entstehen.

Theorien, die aus ihrer Realitätsferne leben, also einen hohen Anteil an Fantasien enthalten, haben die gegenteilige Wirkung. Sie fördern den Rückschritt, die gesellschaftliche Spaltung sowie Aggression und Gewalt.

Hier zur Videofassung

Zum Weiterlesen:
Verschwörungstheorien zwischen Wahn und Normalität

 

Sonntag, 3. März 2024

Das kohärente Atmen und die Wissenschaft

In einer wissenschaftlichen Studie, die mit 400 Teilnehmern in England durchgeführt wurde, ging es um einen Vergleich zwischen langsamem und schnellem Atmen. Die Versuchsteilnehmer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide sollten über vier Wochen jeden Tag 10 Minuten Atemübungen machen, die eine Gruppe mit 5,5 Atemzügen/Minute (eine Atemfrequenz, die beim kohärenten Atmen angewendet wird), die andere mit 12 Atemzügen/Minute (diese Atemfrequenz stellt die Untergrenze der Atemgeschwindigkeit bei der Durchschnittsbevölkerung dar). Die Ergebnisse zeigten, dass sich das subjektive Stressempfinden und Depressionen bei beiden Gruppen verringerten, während die Werte für das Wohlbefinden anstiegen. Allerdings gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen den Langsam- und den Schnellatmern.

Nachdem die langsame Atemmethode in der Studie als kohärentes Atmen benannt wurde, würde die Studie beweisen, dass das kohärente Atmen, bei dem man ja zwischen 3 und 6 Atemzüge/Minute machen soll, genauso wirksam ist wie ein mehr als doppelt so schnelles Atmen. Es gibt inzwischen eine Reihe von anderen Studien sowie Literaturzusammenfassungen, die belegen, dass das langsame Atmen das Wohlbefinden verbessert und die Stresserregung reduziert. 

Was ist also von der englischen Studie zu halten? Ich behaupte, dass im Titel und Text der Studie zu Unrecht vom kohärenten Atmen die Rede ist. Kohärentes Atmen heißt ja nicht nur, langsam und regelmäßig zu atmen, sondern auch die Ausatmung zu entspannen und die Atemtiefe so zu regulieren, dass die Atmung vor allem über das Zwerchfell gesteuert wird. Aus der Praxis wissen wir, dass einigen Anfängern in der Methode diese Elemente des kohärenten Atmens leicht fallen, während viele anfangs mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben: Es gelingt die entspannte Ausatmung nicht, das Einatmen dauert zu lang, die Bauchatmung ist ungewohnt, die Atemfrequenz ist zu langsam, sodass durch die notwendige Dehnung der Atmung ein Stress entsteht usw. Für all diese Anfangsprobleme gibt es auch Abhilfen, die von einem kompetenten Instrukteur vermittelt werden. Nach einigen Übungsdurchgängen werden diese Schwierigkeiten durch die Interventionen und Übungsvorschläge in fast allen Fällen überwunden.

In der Studie bekamen die Teilnehmer anfangs eine Information zur Methode, es gab aber keine Möglichkeit für Rückfragen bei Schwierigkeiten. Deshalb können wir davon ausgehen, dass einige der Übungsteilnehmer Probleme mit der Entspannung der Atmung hatten und deshalb auch keine tieferen Erholungswerte erleben konnten. So einfach die Methode des kohärenten Atmens erscheint, weil bei ihr nur drei oder vier Grundelemente beachtet werden müssen, so viele Tücken zeigen sich in der Praxis. Jeder bringt seine eigenen Atemgewohnheiten mit, die sich über Jahre und Jahrzehnte eingeprägt haben. Es braucht deshalb auch Zeit, Motivation und konsequentes Üben, um sie in eine günstige Richtung zu verändern. In der Diskussion der Studienergebnisse in der Publikation wird auch auf diesen Umstand eingegangen und es werden Studien zitiert, bei denen das kohärente Atmen unter individueller Anleitung praktiziert wurde, mit deutlich positiven Wirkungen. Während in der Studie die zu wenig „robuste“ Konstruktion dieser Experimente kritisiert wurde, liefern auch die anderen Studien wichtige Erkenntnisse.

Einen weiteren Kritikpunkt an der Studie beziehe ich (ebenso wie die Studienautoren) auf den Umstand, dass die durchschnittliche Übungspraxis 20 Sitzungen betragen hat, d.h. dass nicht von einer konsequenten Übungsdisziplin gesprochen werden kann, was vor allem anfangs entscheidend ist, um die fest verankerten Atemgewohnheiten nachhaltig zu verändern. Außerdem weiß niemand, ob die Methode überhaupt richtig geübt wurde oder nur irgendwie. 

Die Teilnehmer waren auch nicht darüber informiert, warum sie ausgerechnet 5,5 Atemzüge/Minute nehmen sollten. Gerade beim kohärenten Atmen ist es für viele Anfänger wichtig, dass sie verstehen, warum gerade so und nicht anders geatmet werden soll, damit sie sich für das Üben des kohärenten Atmens motivieren können. Bei manchen Menschen läuft die Motivation über die Erfahrung: Sie mögen eine Übung, weil sie die positiven Wirkungen spüren. Für andere läuft sie über das mentale Verständnis: Sie erkennen, dass die Übung wertvoll sein könnte und praktizieren sie dann.  Es gibt immer wieder Anfänger, die sich weigern, eine strikte Vorgabe, wie sie beim kohärenten Atmen erforderlich ist, einzuhalten. Erst wenn sie verstehen, was der Sinn dahinter ist, sind sie bereit, sich darauf einzulassen. Solche Widerstände, die wir aus der Vermittlungspraxis kennen, wurden in der Studie nicht berücksichtigt. Auch die Studienautoren vermuten, dass eine entsprechende „Psychoedukation“ zu besseren Resultaten beim kohärenten Atmen geführt hätten. 

Die Studienautoren weisen auch darauf hin, dass es eine Untersuchung gibt, die belegt, dass eine Atemfrequenz von 8 Atemzügen/Minute bessere Resultate für die vagale Aktivierung, also für die Anregung des Parasympathikus bringt als 12 Atemzügen/Minute und diese wiederum besser abschneiden als 16 Atemzügen/Minute. Sie belegt also, dass die entspannende und blutdrucksenkende Wirkung umso größer wird, je langsamer geatmet wird. In der hier besprochenen Studie können die positiven Ergebnisse für die „Placebo“-Gruppe, die eben mit 12 Atemzügen/Minute atmeten, darauf zurückgeführt werden, dass viele schon eine Reduktion ihrer sonst noch höheren gewohnten Atemgeschwindigkeit als entspannend und stimmungsaufhellend erleben konnten. Beide Untersuchungsgruppen profitierten offensichtlich von der Atemachtsamkeit, der Regelmäßigkeit und der Vertiefung beim Atmen. Beide Gruppen waren auch instruiert, durch die Nase zu atmen, was vielfältige gesundheitliche Auswirkungen hat, u.a. wird die Sauerstoffaufnahme verbessert sowie das Angst- und Stressmanagement im Gehirn reguliert. 

Der nächste Kritikpunkt bezieht sich auf das Fehlen von physiologischen Auswertungen der Atemübungen. Die Studienergebnisse stammen aus Fragebögen, die die Teilnehmer ausfüllten. Es handelt sich also um subjektive Stimmungsberichte, und es gibt keine Daten über die Herzrate, die Herzratenvariabilität oder Messungen zur Schlafqualität.

Zusammengefasst: Die besprochene Studie wirft mehr Fragezeichen auf als sie Antworten gibt – und das sind Anregungen für mehr und genauere Forschungen. Wer in diesem Feld arbeitet, kann aus dieser Studie den vielfältigen Nutzen der Arbeit mit dem bewussten Atmen ableiten. 


Die Studie wurde auch in einem kurzen Artikel der Tageszeitung „Kurier“ vorgestellt, unter dem Titel: „Atemtechniken gegen Stress und Angst: Kaum wirksamer als ein Placebo.“ Die Überschrift ist irreführend, weil sie suggeriert, dass Atemübungen nichts bringen; das Placebo in der Studie war aber auch eine Atemtechnik. Außerdem wird zunächst ausgeführt, dass das kohärente Atmen nicht mehr bringt als ein schnelleres Atmen, am Schluss heißt es aber: „Die Forschenden sehen in den Ergebnissen keinen Beweis dafür, dass kohärentes Atmen nicht hilfreich ist.“ Nachdem viele Leute nur die Überschrift lesen, ist es schade, wenn hängen bleibt, dass Atemtechniken nichts gegen Stress und Angst bewirken. Das Gegenteil stimmt, bestätigt von zahlreichen Studien mit eindeutigen Resultaten.

Zum Weiterlesen:
Der Vagus-Nerv und die Selbstheilungskraft
Kohärentes Atmen


Dienstag, 11. Januar 2022

Verschwörungstheorien und Normalitätsscham

Auch wenn es schon lange Verschwörungstheorien gibt und sie immer wieder einen mächtigen Einfluss auf die Gesellschaft und Geschichte ausgeübt haben – ich denke hier nur an die vielen Mythen, die zum Zweck der Entfachung der Judenfeindschaft seit dem Mittelalter erfunden wurden –, stehen wir doch in letzter Zeit in Zusammenhang mit der Pandemie stark im Bann dieses Phänomens. Was sich in der Debatte um den Klimaschutz und um die Regierungsführung des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump geoffenbart hat, wurde seit der Ausbreitung des Corona-Virus mittlerweile zum allgegenwärtigen Diskussionsthema. Denn ein Großteil der Gespräche, die die Menschen führen, dreht sich um die Pandemie, und dabei ist es kaum mehr möglich, Inhalte, die aus dubiosen Quellen stammen, zu vermeiden. Die Lage ist inzwischen so unübersichtlich, dass es einem Laien schwer möglich ist, hieb- und stichfeste, auf Fakten beruhende Aussagen zu treffen. Die Aufgabe, wissenschaftlich valide Erkenntnisse von Spekulationen und Extrapolationen aus Einzelbefunden zu unterscheiden, ist zwar notwendig, um sich in dem Feld orientieren und sinnvolle Positionen beziehen zu können, aber zeitaufwändig und mühsam.

Hier geht es um die Frage, warum Menschen dazu neigen, Verschwörungstheorien zu entwickeln bzw. ihnen Glauben zu schenken. Was treibt sie dazu, nicht den allgemein für verlässlich geltenden wissenschaftlichen Quellen zu vertrauen, sondern Einzelpersonen und Einzelmeinungen? Welche Rolle spielt die Scham in diesem Zusammenhang? Ich möchte für diesen Zweck den Begriff der Normalitätsscham einführen. Diese Schamform tritt auf, wenn sich jemand nicht wohl fühlt, wenn er sich als gewöhnlich, normal oder durchschnittlich wahrnimmt. Nichts Besonderes zu sein, ist schambesetzt; stolz kann man nur sein, wenn man auf etwas verweisen kann, was sonst niemand hat oder kann. Es gibt Menschen, die es brauchen, etwas Einzigartiges darzustellen und sich von allen anderen abzuheben. Es ist, als ob sie nur scheinen können, wenn Scheinwerfer auf sie gerichtet sind. Natürlich ist jeder Mensch auf seine Weise einzigartig, aber nicht alle brauchen den Beweis und die Bestätigung dafür, die den früher erlittenen Mangel an Bedeutsamkeit ersetzen sollen.

Die Angst vor der Durchschnittlichkeit

Wie hängt diese Schamform mit Verschwörungstheorien zusammen? Die Spur ist schnell gefunden. Denn ein wiederkehrendes Argument bei solchen Gedankengebäuden lautet, dass es zwei Wahrheitsquellen gibt: Den „Mainstream“ mit seinen gleichgeschalteten Medien einerseits, und das alternative Wissen mit seinen „alternativen Fakten“, das von der Mehrheitsmeinung unterdrückt wird andererseits. Die alternativen Wissensträger werden oft als Opfer dargestellt oder präsentieren sich selbst auf diese Weise: Sie werden nicht gehört, sie werden nicht zu Debatten oder zur politischen Entscheidungsfindung eingeladen, sie werden wegen ihrer Meinung gekündigt oder sogar verfolgt. Mit den Opfern eines anonymen „Systems“ identifizieren wir uns leicht, vor allem wenn wir eine Empfänglichkeit für die passive Opferscham und den korrespondierenden Opferstolz in uns tragen. 

Das Misstrauen gegenüber der Mehrheitsmeinung hat eine Verbindung zur Normalitätsscham. Was normal ist, verdient Skepsis, was aus der Norm fällt, ist interessant und lehrreich. Mit einer alternativen Sichtweise, die aus einem Eck kommt, das die Mehrheit übersieht, haben wir einen Vorteil und stehen besser da. Wir haben den Durchblick, der allein dadurch schon sinnhafter ist, dass er der Mehrheitsmeinung widerspricht.

Soweit haben wir es mit Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmungspsychologie zu tun: Das Seltene, nicht Vorhersehbare hat mehr Bedeutung als das Regelmäßige und Gewohnte. Wenn es irgendwo im Raum kracht, schauen wir hin und wollen wissen, was los ist. Es könnte ja eine Gefahr drohen. 

Ideologie und Scham

Aber die Theorien werden dann zur Ideologie, wenn sich die Scham einmischt. Sie muss abgewehrt werden und dann verwandelt sich eine einfache Wahrnehmungspriorität in eine zentrale innere Gestalt, um die herum sich ein Weltbild aufbaut. Dieses innere Bild ist emotional aufgeladen, weil es der Gefühlsabwehr dient. Diese Aufladung tarnt sich als Wichtigkeit und missionarischer Eifer, so als ginge es um Leben und Tod. Psychologisch betrachtet, wurde also eine Überlebensstrategie aktiviert: Ich habe den Schlüssel zur Überlebenssicherung gefunden und darüber muss ich jetzt alle informieren und überzeugen. 

Die Auserwählten und die Masse

Um den exklusiven Zugang zur Wahrheit zu verteidigen, wird die Mehrheit oft als dumm, ignorant und naiv dargestellt. Manchmal wird sie mit Schafen, denen irrtümlicherweise geringe Intelligenz zugebilligt wird, und mit Lemmingen verglichen, die sich einer Legende (die aus einem Disneyfilm stammt) zufolge massenweise in den Selbstmord stürzen. Die Gegner mit dummen Tieren zu vergleichen (auch wenn die Vergleiche den Tieren gegenüber unfair sind), bringt einen selber in die Position des überlegenen Vernunftwesens. Wer die allgemeinen Wahrheiten vertritt, hat Scheuklappen auf, ist das arglose Opfer von dunklen Machenschaften und macht sich zum nützlichen Idioten der Machteliten, die im Hintergrund alle Fäden ziehen. Der ganze Ruhm des Aufklärers der bösen Umtriebe fällt auf den, der aufdeckt, was im Verborgenen hinterhältig Schaden anrichten will. Der Stolz dessen, der alles durchschaut hat und es besser weiß als alle anderen, ist der psychische Lohn für den Verschwörungserfinder und für seine Gläubigen. Materiellen Lohn gibt es meist auch genug, wie diverse Recherchen herausgefunden haben. Es gibt viele reiche Leute, die solche Mythenbildner finanzieren, weil sie sich davon Vorteile für die eigene Reichtumsmehrung und die dafür notwendige politische Macht erwarten. In dieser Hinsicht sind also die Verschwörungsanhänger die willfährigen Erfüllungsgehilfen für diese Finanziers.

Religiöse Denkschablonen

Wenn die Allgemeinheit schon allein deshalb im Unrecht ist, weil sie die Mehrheit bildet, folgt daraus, dass das Heilswissen nur von einer Minderheit stammen kann. Eine Denkschablone, die in diesem Zusammenhang mitspielt, stammt aus der Religionsgeschichte: Die Erlösung kommt nie aus der normierten und bornierten Mehrheit (nicht von den „heuchlerischen Pharisäern“), sondern über Außenseiter, die angefeindet und z.T. verfolgt wurden, die aber der bornierten Mehrheit mutig den Spiegel vorgehalten haben. Alle großen Religionsgründer (Buddha, Christus, Muhammad) sind diesen Weg gegangen und haben Großes bewirkt.

Eine zweite religiöse Denkschablone ist die der Auserwählung. Esoterisches Wissen im ursprünglichen Sinn war ein solches, das nur einer eingeweihten Kleingruppe zugänglich war und nur im engsten Kreis weitergegeben werden durfte. Die, die an der Botschaft des Erlösers teilhaben, sind besonders begnadete Menschen, weil sie über ein exklusives Wissen verfügen. Sie unterscheiden sich von allen anderen Menschen, weil sie die Avantgarde darstellen: Sie sind in einen Bereich des Geheimnisses des Lebens eingedrungen, den sonst niemand kennt. Sie sind unter den vielen anderen die Auserwählten.

Die dritte Denkschablone besteht darin, dass die Wahrheit „einleuchtet“ und beim bloßen Anhören überzeugt. Sie ist einfach und braucht keine anstrengenden Studien, um verstanden zu werden. Alles, was nicht sofort intuitiv ankommt, weil es genaueres Nachdenken und komplexere mentale Fähigkeiten erfordert, kann nicht von Wert sein, sondern ist gedacht, die Menschen zu verwirren und in die Irre zu führen. Auserwähltes Wissen 

Ideologie und Wissenschaft

Allerdings geht es bei den Themen, um die sich die Verschwörungsmythen ranken, nicht um Religion, sondern um Gesundheit, Klimaentwicklung usw., also um Themen, die durch die wissenschaftlichen Forschungen erst in ihrer Dringlichkeit erkannt wurde und auf der Basis eines gesicherten Wissens gesellschaftlich gelöst werden müssen und nur auf dieser Basis gelöst werden können, wozu Ideologien und Religionen nichts beitragen können. Im Gegenteil: Alle ideologischen oder religiösen Einflüsse in diese Themen helfen nicht bei der Problemlösung, sondern verkomplizieren die Diskussion und verwirrten viele Menschen, wodurch die Probleme zusätzlich verschärft werden. 

Die Mythenerzähler greifen die Wissensbasis an, indem sie wissenschaftliches Wissen mit nichtwissenschaftlichem Wissen gleichsetzen bzw. sogar überordnen. Damit gibt es keine verbindlichen Standards mehr, mit denen freie Erfindungen und fakten- und evidenzbasierte Erkenntnisse unterschieden werden können. Und das ist auch das Ziel dieser Bestrebungen. Wissenschaftliches Wissen ist gewissermaßen der Hauptfeind der Verschwörungstheoretiker. Deshalb wird auch gerne behauptet, dass die Wissenschaftler von irgendwelchen Geldgebern gekauft sind und deshalb alle Studien und Forschungsergebnisse Fälschung und arglistige Täuschungen darstellen. Je mehr die Wissenschaften diskreditiert werden, desto leichter ist es, die eigenen Behauptungen am Meinungsmarkt durchzusetzen. Die Wissenschaften, die aus dem Zusammenwirken von Tausenden von Forschern bestehen, werden als Summe von Einzelmeinungen dargestellt – das ist ein wichtiger Teil, gewissermaßen der zentrale Hebel bei allen Verschwörungstheorien. Denn das Evidenzmonopol, das die Wissenschaften in der modernen Gesellschaft errungen haben (die es nicht geben würde, wenn es keine Wissenschaften gäbe), ist der natürliche Gegner aller Ideologien und Mythen. 

Natürlich treffen diese Aktionen die Wissenschaften nicht direkt, die weiter im Rahmen ihrer ausgefeilten Normen und Standards Forschung betreiben und die Forschungsergebnisse laufend weiterentwickeln und verbessern. Aber es betrifft die öffentliche Wirksamkeit der Wissenschaften und damit ihre Zukunft. Wenn große Teile der Gesellschaft zur Überzeugung gelangen, dass Wissenschaftler nur in ihre eigene Tasche wirtschaften und falsche und manipulierte Ergebnisse produzieren, dann macht es auch keinen Sinn mehr, die wissenschaftliche Forschung mit öffentlichen Geldern zu finanzieren. Außerdem sehen sich Regierungen zunehmend genötigt, alternative Wahrheitsbehauptungen ebenso in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen wie die Wissenschaften, weil sie ja die verschiedenen Bevölkerungsteile vertreten wollen und von diesen gewählt werden.

Der Kampf gegen die Komplexität

Es geht also Verschwörungstheoretikern darum, mehr Macht und Einfluss auf die Öffentlichkeit zu nehmen, und sie nutzen zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft die psychischen Mechanismen der Normalitätsscham. Sie wollen den wissenschaftlichen Konsens zerstören und rütteln damit an den Grundpfeilern der Moderne. Die Vereinfachungen, die typisch für solche Mythen sind (ein Bösewicht oder eine Gruppe von Verschwörern steckt hinter allem Übel, ein Wissenschaftler weiß alles besser als all die anderen…), fachen die Hoffnung an, dass wir mit den Mitteln des vormodernen Denkens die Probleme der Gegenwart lösen können. Die Realität belehrt uns permanent eines anderen: Die Zusammenhänge sind komplex, und deshalb sind auch die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, um die Probleme zu lösen, komplex.

Das aktuell grassierende Virus ist ein Lehrmeister für die Komplexität, weil es zwar eines der einfachsten Lebewesen ist (es weist nicht einmal alle Eigenschaften eines Lebewesens auf), aber durch seine Mutationsfähigkeit laufend neue Bedingungen schafft. Die Erforschung dieser Variationen und ihrer Auswirkungen muss laufend evaluiert und aktualisiert werden, und das geht nur, wenn Tausende von Wissenschaftlern zusammenarbeiten, die es gewohnt sind, komplex und vernetzt zu denken. Sie präsentieren dann die Erkenntnisse, und die Politiker müssen dann in Verbindung mit den Komplexitätsforschern und anderen Experten ihre Entscheidungen treffen. Die Menschen, die an die Mythen glauben statt an die Komplexität der Wirklichkeit, sind dann misstrauisch, wenn sie sich auf komplexe Bedingungen einstellen müssen, die zudem immer wieder angepasst und verändert werden. Verschwörungswissen ist stabil, Wirklichkeitswissen muss flexibel sein, weil sich die Wirklichkeit dauernd verändert. Verschwörungswissen ist emotional, Wirklichkeitswissen ist nüchtern. Dem Virenproblem und auch den anderen großen Herausforderungen der Menschheit werden wir nicht mit starrem und emotional geladenem Wissen Herr. Vielmehr müssen wir uns der Komplexität stellen, mit einem forschenden und lernenden Geist und nicht einem, der auf Gefühlserlebnisse und Auserwähltheitsfantasien ausgerichtet ist.

Zum Weiterlesen:
Angstkonditionierung und Corona-Reaktion
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Komplexe Themen und komplexes Denken
Impfen, Wissen und Wissenschaft


Dienstag, 30. November 2021

Fixierungen in der Impfdebatte

Viele, die sich nicht impfen lassen wollen, sind stark in der personalistischen Haltung verankert. Von dort nehmen sie die Sicherheit und den Gegenhalt gegen das ethische Solidaritätsargument, das im vorigen Blogartikel besprochen wurde und das von der systemischen Ebene stammt. Es geht ihnen um die Rechte der Person, die über die Jahrhunderte gegen die Zugriffe der Mächtigen erkämpft wurden, um die Integrität und den Schutz vor jeder Verletzung und Intrusion. Von außen darf nichts ohne ausdrückliche Zustimmung in die Sphäre der eigenen Person eindringen. Das Impfen gilt dann als abschreckendes Beispiel für eine derartige Grenzüberschreitung. Der Impfstoff dringt in den Körper ein und setzt sich dort für immer fest, das Innere ist dauerhaft kontaminiert, so die angstbesetzte Auffassung von Menschen, bei denen durch die Vorstellung der Impfung frühere derartige Traumatisierungen aktiviert werden. 

Deshalb ist es für manche Menschen einfacher und leichter, sich absichtlich anstecken zu lassen, als sich einer Impfung auszuliefern. Obwohl das Risiko bei dieser Methode der Immunisierung sehr hoch ist, schwer zu erkranken, wird dieser Weg gewählt, weil die Kontrolle bei einem selber liegt: Ich entscheide, was in mich hineinkommt und wie es in mich hineinkommen. Aus irgendeinem Grund gelten Viren in diesen Fällen als harmloser als der Impfstoff, vielleicht deshalb, weil Viren als etwas Natürliches und Impfstoffe als etwas Künstliches aufgefasst werden. 

Die innere Prüfinstanz 

Im personalistischen Denken muss alles, was als äußere Maßnahmen vorgegeben wird, mit der eigenen Innerlichkeit abgestimmt und in Übereinstimmung gebracht werden. Nur wenn es diese Prüfung besteht, wird es umgesetzt. Wenn nicht, muss dagegen Widerstand geleistet werden. Die letztgültige Instanz für alles, was mit einem geschieht, liegt im Inneren der Person. Darauf darf niemand anderer einen Zugriff haben. Wenn einem das Tragen von Masken nicht gefällt und innerlich widerstrebt und wenn dessen Nutzen nicht einsichtig ist, handelt es sich um einen Zwang, gegen den man sich zur Wehr setzen muss. Wenn einem das Impfen nicht behagt und gefährlich erscheint und der Nutzen in Zweifel gezogen wird, darf es nicht erzwungen werden, sonst wäre das Grundrecht auf die eigene innere Sphäre und den eigenen Körper verletzt.  

Die Anpassung an vorgegebene Normen erscheint wie ein Verrat an sich selbst. Das haben wir wohl alle in unserer Kindheit erlebt, meist als unbewusst ablaufender Prozess: Erwartungen und Regeln, die unsere Eltern von uns verlangt und eingefordert haben, haben uns zur Anpassung gezwungen, weil wir keine Alternative hatten. Wir mussten auf unser eigenes Spüren und Fürwahrhalten verzichten und uns verbiegen. Dieses Drama wird wiederinszeniert, wenn die Regierungen Maßnahmen verkünden, die uns zur Anpassung zwingen wollen. Nur kann es sein, dass wir die Sinnhaftigkeit solcher Regeln gar nicht genauer überlegen, sondern dass wir aus den emotionalen Verletzungen unserer Kindheit heraus reagieren, indem wir gegen den Zwang rebellieren. 

Gesellschaften brauchen immer Regeln und Normen, und wir passen uns an viele dieser Regeln an. Oft brauchen wir Zeit zum Lernen und opponieren anfangs dagegen, wie z.B. bei der Einführung der Gurtenpflicht, und irgendwann ist das neue Verhalten angenommen, läuft automatisiert ab und bereitet keine Probleme mehr. Viele haben diesen Prozess beim Maskentragen durchlaufen. Vielleicht muss es beim Impfen auch einen derartigen Prozess geben, sollte uns das Mutieren und Variieren dieses Virus noch längere Zeit in Bann halten. 

Die Angst vor dem Autonomieverlust 

Die persönliche Autonomie ist ein Hauptgewinn der personalistischen Bewusstseinsstufe, erreicht über Aufstände, Revolutionen und öffentliche Willensbildung. Sie ist ein wichtiges Gut, das vor jedem Rückfall in Fremdbestimmung und obrigkeitliches Diktat bewahrt werden muss. Deshalb ist es heikel, wenn daran gerüttelt wird, und in der Impffrage meldet sich diese Thematik bei vielen sehr vehement. Die Gesundheitsvorsorge wird als integraler Bestandteil der eigenen Autonomie verstanden, was ein wichtiger Schritt ist: Im Unterschied zur bürokratischen Bewusstseinsebene wird sie nicht der Obrigkeit oder Experten alleine anvertraut.  

Die ganze Debatte könnten wir uns ersparen, wenn es nicht um die Impfung vor einer ansteckenden Krankheit geht; Corona hat leider diese Komponente in hohem Maß und hält deshalb seit bald zwei Jahren die Welt in Atem. Damit ist die eigene Gesundheitsvorsorge untrennbar Teil der allgemeinen Gesundheitsvorsorge. Die Autonomiebestrebungen kreuzen sich mit den Solidaritätserfordernissen. Impfen oder Nichtimpfen hat unweigerlich soziale Auswirkungen und ist damit nicht mehr allein meine eigene Entscheidung, in die mir niemand dreinzureden hat. 

Die innere Intimität 

Die Intimität mit mir selber ist eine besondere Qualität, die eine große Errungenschaft der Moderne im Gefolge der Aufklärung darstellt. Das Recht auf Privatheit ist historisch gesehen ein junger Erfolg für die Freiheit des Einzelnen. Seit der 60er-Bewegung wurde dieses Recht explizit auf den eigenen Körper bezogen: „Der Körper gehört mir,“ ist ein Slogan beim Kampf um die Freigabe der Abtreibungen. Die Angst, dieses Recht zu verlieren, sitzt vielen in den Knochen und äußert sich im Kontext der Impfdebatte. 

Das ist das Credo auf der personalistischen Stufe: „Was ich spüre, stimmt und ist die unmittelbarste mir zugängliche Erfahrung. Sie nehme ich als Richtschnur für mein Handeln.“ Es gilt allerdings auch nur in diesem internen Zusammenhang. Wenn die Dinge komplexer werden, ist sie nur mehr ein Faktor unter vielen anderen, die berücksichtigt werden müssten. Für komplexere Zusammenhänge brauchen wir solide äußere Informationsquellen, die wir mit den inneren Stimmen ins Gespräch bringen. Diese Quellen sind vor allem die Einsichten und Erfahrungen der Mitmenschen und die Erkenntnisse der Wissenschaft. 

Die Chemie und die Körperidentität 

Für viele besteht eine Hemmschwelle vor dem Impfen darin, dass es eine abschreckende Vorstellung ist, technisch hergestellte Chemie in den Körper hereinzulassen. Die Impfstoffe sind nicht nur fremd, sie könnten auch giftig sein und das natürliche Gleichgewicht im Körper durcheinanderbringen und damit irreversible Schäden anrichten. Die Fantasien haben hier eine weite Betätigung, wie es bei Ängsten immer ist, und werden von selbsternannten Experten in den unterschiedlichsten Formen genährt, die von eingepflanzten Überwachungschips über geheimnisvolle chemische Formeln bis zu Minirobotern reichen, so also hätten die Impfstofferzeuger nichts anderes zu tun als irgendeinem aus der Einbildung stammenden big brother endlich den Durchbruch zur Weltherrschaft zu erlauben. 

Den eigenen Körper als Tempel anzusehen, der reingehalten werden muss, ist eine schöne Idee, aber die Realität ist komplexer. Jeder Körper, der in unserer Kultur lebt, enthält längst ein Sammelsurium von verschiedenen Chemikalien, die wir über Düngemittel, Atemluft, Zahnpasten, Waschmittel usw. in uns aufgenommen haben und laufend in uns aufnehmen. Selbst die naturnahste Lebensweise, die sich eine winzige Minderheit leisten kann, kommt ohne den Kontakt zur Chemie und zur Aufnahme von chemischen Stoffen nicht durch.  

Die Illusion der Identität 

Die Unabhängigkeit der Person, die unbeeindruckt von äußeren Einflüssen ihre Motive wählt, ihre Entscheidungen trifft und ihre Werte entwickelt, erweist sich aus der Sicht der systemischen Bewusstseinsebene als Illusion. Jeder Mensch ist zu vielen Teilen ein Produkt von permanent ablaufenden und aufs Unbewusste wirkenden Einflüssen. Es handelt sich um eine Illusion der Kontrolle. Was wir spüren an Stimmigkeit und Integrität, ist in vielen, wenn nicht in allen Fällen Resultat einer Mixtur aus Außen- und Innensteuerung aus unterschiedlichsten Quellen, ohne dass wir ihre Herkunft identifizieren können. Vieles, wenn nicht sogar alles, von dem wir meinen, es wäre auf dem eigenen Mist gewachsen, verdanken wir in Wahrheit Informationen, die uns von anderswo zugeflossen sind. In diesem Licht ist unsere Identität nichts anderes als die Summe und der Sammelpunkt vielfältiger Außen- und Innenreize, etwas, das sich mit jedem neuen Informationszufluss ändert und seine Konsistenz und Kontinuität in der Zeit in jedem Moment neu erzeugen muss.  

Die behauptete Identität beinhaltet eine Mischung aus früh geprägten Mustern und äußeren Reizen, die in Permanenz ins Innere eindringen und im Rahmen der erworbenen Muster interpretiert und verarbeitet werden. So etwas wie eine feststehende Identität gibt es nicht, sondern sie ist ein Gebilde, das im Fließen ist und sich fortwährend verändert. Das Beständige daran muss immer wieder hergestellt, bestätigt und abgesichert werden, damit ein Gefühl von Kontinuität als Person aufrechterhalten werden kann.  

Die Identität als Impfgegner, Impfskeptiker, Impfbefürworter, Impfmissionar, Impfgegnerbekämpfer, Impfanhängerbekämpfer etc. ist jeweils eine Festlegung, die aus vielen Quellen gespeist wird, von denen ein Großteil im Unbewussten schlummert und durch äußere Einflüsse gebildet wurde, die ungefiltert eingedrungen sind. Die Abwehr solcher Einflüsse ist zwar verständlich, aber naiv, weil ein Leben unter einer hermetisch abschirmenden Glasglocke nicht möglich ist. Solche Identitäten stellen Versuche dar, der Komplexität der Wirklichkeit mit einem Standpunkt zu begegnen und sie auf diese Weise zu bewältigen und handhabbar zu machen.  

Wir brauchen uns also im Grund nicht viel einzubilden auf solche Identitäten. Wir brauchen uns auch nicht zu schämen, wenn wir sie verändern – das ist ein Zeichen von Lernen, sofern die Veränderung in einer Weitung und Aufweichung besteht. Wenn wir uns zu stark auf derartige Identitäten fixieren, laufen wir Gefahr, starr und verbissen zu werden. Auf diese Weise beschneiden wir unsere Handlungsfähigkeit zu stark und verringern unsere Freiheitsräume. Wir müssen dann fortwährend die Richtigkeit und moralische Rechtfertigung unserer Position mit allen Mitteln behaupten und gegen alle Anfechtungen von innen und außen verteidigen. Wir aktivieren den Kampfmodus in übertriebenem Maß, der dann die ganze Zeit entweder im Vollbetrieb oder im Standby ist. Die spezifische Identität, in diesem Fall die jeweilige Impfidentität, wird zum emotionalen Hauptinhalt des eigenen Lebens, alles kreist um ihre Bestätigung und Absicherung. Abweichende oder anderslautende Ansichten werden abgelehnt oder ignoriert, ihre Vertreter abgewertet und angegriffen. 

An die Stelle erwachsener und sachlicher Diskussion tritt die Selbstbehauptung und der Angriff, der als Verteidigung der eigenen Identität verstanden wird. Die Fixierung auf das Credo der personalistischen Bewusstseinsebene verknüpft sich mit Überlebensprogrammen und wird undurchdringlich und unveränderbar. Wenn die verschiedenen Seiten im Diskurs auf diese Ebene gehen, entstehen die Spaltungen, von denen viel die Rede ist. Starrheit splittert und zerbricht, Identität, die nicht flüssig ist, wird zur Last und Behinderung. Starres splittert und zerbricht. Wo Starres auf Starres trifft, bildet sich ein harter Spalt. Identitäten, die nicht flüssig sind, werden zur Last und Behinderung für das eigene Wachsen und für das Öffnen der Gesellschaft. 

Leben in einer Kultur ist ein Kompromiss mit dem Natürlichen 

Im Grünen zu leben ist sicher heilsamer und gesünder als in den Städten, aber das ist weitgehend ein Privileg derer, die es sich leisten können, und es wird sich hinten und vorne nicht ausgehen, wenn alle 8 Milliarden ins Grüne übersiedeln. Vielleicht gelingt es der Wissenschaft, naturnahe Stoffe zu entwickeln, die all das Plastik überflüssig machen, dass eines Tages kein Gegensatz mehr zwischen Chemie und körperlicher Integrität wahrgenommen wird. Bis dahin sollten wir schauen, wie wir unseren Körper möglichst sauber halten können, und müssen auch schauen, ob wir mit dem Impfen einen Kompromiss schließen können, wie wir täglich auch andere Kompromisse mit chemischen Produkten schließen. Es wäre für alle wunderbarer, wenn es genügen würde, den Kräutertee vom Garten zu trinken oder Yoga-Übungen zu machen, um die Infektion mit dem Virus abzuwenden – leider reicht es nicht.  

Niemand freut sich darüber, geimpft zu werden, viele entscheiden sich aber dafür, weil sie der Überzeugung sind, dass sie sich selbst am besten damit schützen und andere am besten vor einer Ansteckung bewahren. All die Alternativen, die angeboten werden, von der Homöopathie über TCM bis zu Atemübungen bieten tolle Möglichkeiten zur Stärkung des Immunsystems, bieten aber keinen verlässlicheren Schutz als die Impfung, weil sie in ihren Wirkungen nicht in der Breite und Tiefe erforscht sind wie die Impfung. Auch wenn der eine oder die andere von dieser oder jener Methode der Gesundheitsvorsorge schwärmt, gibt es keine, die von der großen Mehrheit angenommen wird. 

Erwartungen an die Obrigkeiten 

Es macht auch wenig Sinn, der Regierung vorzuhalten, sie würde keine alternativen Heilungswege propagieren. Stellen wir uns einen Gesundheitsminister vor, der Schüssler-Salze für die Covid-Bekämpfung anpreist. Auch wenn manchen diese Salze geholfen haben, ihre Krankheitssymptome zu lindern, wäre es verantwortungslos, diese Methode für alle vorzuschlagen. Sie wird bei den einen eine gute Wirkung entfalten und bei anderen nicht. Wissenschaftliche Belege zur Wirksamkeit fehlen und die deutsche Stiftung Warentest urteilt, dass die Methode zur Behandlung von Krankheiten ungeeignet ist. Der Gesundheitsminister müsste sich vielfältige Kritik anhören, dass er Menschen falsche Hoffnung auf unbegründeter Basis mache usw. Die Vertreter anderer alternativer Methoden würden sich aufregen, warum ihr Ansatz nicht empfohlen wird. Es würde Leute geben, die wegen einer Überdosierung krank werden, und der Staat hätte ein Schlamassel produziert, statt etwas zur Gesundheitsförderung beizutragen. Oder stelle man sich vor, der gegenwärtige Parteiobmann der FPÖ wäre Gesundheitsminister und würde kraft seines Amtes der Bevölkerung das Entwurmungsmittel Ivermectin zur Coronavorbeugung und –heilung empfehlen, durch dessen Einnahme viele Menschen krank wurden und einige verstorben sind. 

Um effektiv zu wirken, muss sich die Staatsverwaltung an der zuverlässigsten Wissensform, die zur Verfügung steht, orientieren, nämlich an der wissenschaftlichen, weil sie sonst nicht funktionieren kann. Ein solideres und abgesicherteres Wissen als das wissenschaftliche haben wir nicht, leider oder gottseidank, je nach Sichtweise. Ein Technologieunternehmen, das die Komponenten für einen Chip oder für einen Fensterrahmen auspendelt, wäre bald vom Markt verschwunden. Ein Staat, der sich in seiner Gesundheitspolitik an den Heilsversprechen von einzelnen Proponenten und deren anekdotisch dokumentierten Erfolgen orientiert, verliert nicht nur die Achtung seiner aufgeklärten Bevölkerung, sondern wird auch nicht in der Lage sein, die gesetzten Ziele in einer komplexen Gesellschaft zu erreichen.  

Alternative Heilmethoden haben ihren Markt und ihre Anhänger. Alles, was hilft oder zu helfen glaubt, präsentiert sich auf diesem Markt im Rahmen unserer freien Marktwirtschaft und kann von den Konsumenten genutzt werden. Was wirkt, hat guten Zulauf, was nicht wirkt, wird irgendeinmal vom Markt verschwinden. Gäbe es eine dieser alternativen Methoden, die sich für alle als nachhaltig heilend herausstellt, wären schon längst alle Menschen dort, und das Impfen wäre überflüssig. Vielmehr ist es typisch für die alternativen Methoden, dass sie bei einigen Menschen gute Erfolge haben und bei anderen nicht. Spezielle Empfehlungen von Politikern für ihre Gesundheitsvorsorge brauchen nur Menschen, die sich nicht selber ein Bild machen wollen und sich stattdessen der Obrigkeit anvertrauen wollen. 

Zum Weiterlesen:
Impfen, Wissen und Wissenschaft
Die Ethik beim Impfen

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Das duale Weltbild und seine Grenzen

Ich habe mit Carsten Rachow in den letzten Tagen einen kleinen Austausch gepflogen, im Zuge dessen das Thema der dualen Weltsicht zur Sprache gekommen ist.

Carsten Rachow schreibt dazu in einem Kommentar zum Thema Fakeisten gegen Objektivisten: „Einen besonders wichtigen Wert sehe ich in der Rolle der Fakeisten als ‚Kontrastmittel‘ – sie stärken durch ihre Fakes, durch ihre erfundene Objektivität, durch ihre Unwahrheiten, die Gegenseite ... Wie das Sinnvolle durch die Sinnlosigkeit gestützt wird, wird das Nützliche durch das Unnütze gestützt. Je lauter Fakeisten ihre abstrusen Theorien verkünden, desto besser für die Wissenschaftler – und für uns alle, denn ‚Nützlichkeit‘ ist ein wichtiges Merkmal, wenngleich nur eines unter vielen.“ 

Das sind Gedankengänge, die immer wieder auftauchen, oft im Kontext der dualen Weltsicht, in der sich die Gegensätze gegenseitig fordern, stärken und schwächen. Alles, was ist, hat sein Gegenteil, von dem es lebt, aus dem es seinen Sinn zieht und dem es Sinn gibt.

Unnützes schadet dem Nützlichen

Können wir dieses Weltmodell auf die obigen Beispiele anwenden? Es zeigen sich Schwierigkeiten: Nützliches wird durch Unnützes nicht nützlicher, vielmehr kann das Unnütze den Wert des Nützlichen mindern. Es wird immer Leute geben, die das Unnütze zu schätzen beginnen, sobald es als etwas Nützliches propagiert wird und die dann das Nützliche verachten – eine wichtige Aufgabe der Werbewirtschaft. Es braucht dann zusätzliche Anstrengungen, um das Nützliche in dem Platz, den es eigentlich schon immer hat, zu sichern und zu festigen. Die Folge ist, dass sich die Welt zunehmend mit unnützen Dingen füllt (ganz abgesehen von den vielen unnützen Gedanken, die in unsere Köpfe eingelagert werden).

Ebenso bringt uns ein Mehr an Unwahrheiten nicht weiter. Je mehr von ihnen verbreitet wird, desto mehr Unsicherheit und Skepsis gegenüber den bisherigen Sicherheiten, die in diesem Fall von den Wissenschaften aufgebaut wurden, entsteht. Durch erfundene Fakten wird jede verantwortungsvolle Form des Wissenserwerbs diskreditiert, sodass mehr und mehr Menschen nicht mehr wissen, wem sie Glauben schenken sollen.

Eine Form zu dieser Destabilisierung können wir beobachten, wenn Wissenschaftler in den Medien gegeneinander in Stellung gebracht werden und dann nach außerwissenschaftlichen Extrapolationen oder Einschätzungen befragt werden, in die dann unweigerlich subjektive Elemente einfließen. Hier scheiden sich die Geister: Die einen glauben dem, was gesagt wird, als wäre es ein Dogma, obwohl es nur eine subjektive Sicht widergibt, die anderen nehmen die subjektive Einschätzung als Beleg dafür, dass alles, was von der Wissenschaft kommt, subjektive Erfindung ist.

Regression in die Naivität

Es gibt auch manche Wissenschaftler, die mit dem Pathos der letztgültigen Welterklärung auftreten oder in fachfremden Gebieten ihre Autorität ohne ausreichende Kenntnisse ausspielen (wie z.B. ein US-Klimawandelleugner, der in den 90er Jahren einen Nobelpreis in der Informationstechnologie erhalten hat) und damit ihre Integrität als Forscher missachten. Sie tragen dazu bei, dass Faktenfragen in Glaubensfragen umfunktioniert werden. Jeder Gegenhalt gegen die Gleichsetzung von Meinung und Wahrheit wird für obsolet erklärt, und wir können uns nur mehr dafür entscheiden, dass wir den rechten Glauben haben und die anderen den Aberglauben. Wir sind in die vorwissenschaftliche naive Welt der Fantasien regrediert.

Es erfordert viel Klärungs- und Erklärungsaufwand, die Dinge, die durcheinandergebracht wurden, wieder auseinanderzulegen und Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden, ähnlich wie es mehr Arbeit erfordert, Unordnung in Ordnung zu verwandeln als umgekehrt. Ein Teller ist schnell zerschmettert, und es braucht viel Zeit, um ihn wieder zusammenzukleben. Falschmeldungen, ausgestreute Lügen, angemaßte Fachkompetenz sind ganz einfach Phänomene, die der Allgemeinheit Schaden zufügen, die es mühsamer machen und nicht erleichtern, der Wahrheit näher zu kommen. Am Land würde man sagen: „So notwendig wie ein Kropf.“

Mit den Mitteln der sozialen Medien kann heute jeder Computer- und Tastaturbesitzer, der irgendeinen Verdacht, irgendeinen Einfall, irgendeinen Zweifel hat, diesen in die weite Welt schicken mit der missionarischen Glaubensüberzeugung, eine wichtige Wahrheit zu verbreiten, und schon ist Zwietracht gesät, schon sind Ängste erzeugt, schon sind die Unsicherheiten vermehrt.

Wenn durch die Außenbedingungen Zustände von Ungewissheit entstehen, wie es jetzt der Fall ist, werden viele dazu verleitet, sich möglichst einfache Erklärungsmodelle zurechtzuzimmern oder sich anderen mit solchen Modellen anzuschließen, die Gewissheit garantieren sollen. Solche Modelle brauchen keine Basis in der Realität, weil das Vergleichen der eigenen Konstrukte mit der Wirklichkeit Arbeit und Mühe erfordern würde und weil sich gerne der Wunsch nach Einfachheit mit dem nach Bequemlichkeit paart.

Lügen haben lange Beine

Die Wahrheit wird nicht deutlicher, wenn sie durch Lügen infrage gestellt wird. Sie muss sich noch lautstärkerund umfangreicher artikulieren, und das ist im Grund ein unnützer Energieverbrauch. Das Dementi zur Falschmeldung, die vielleicht aus Unwissenheit oder aus Bosheit lanciert wurde, kommt immer zu spät. Es trägt nicht wirklich zur Stärkung der Faktizität bei, weil der Schatten von Unsicherheit bleibt – was, wenn die Falschmeldung doch richtig wäre?

Die meisten Menschen kommen erst durch Falschmeldungen auf die Idee, dass etwas falsch sein könnte, und entwickeln neue Ängste und Sorgen. Aktuelles Beispiel: Irgendjemand bringt das Gerücht auf, dass Kinder durch Maskentragen gestorben sind. Für die virale Verbreitung ist gesorgt, denn das Leben von Kindern ist uns ein wichtiges Anliegen. Die Entwarnung folgt verspätet und dringt möglicherweise nicht zu jenen durch, die sich schon in einem Staat wähnen, der das Leben von Kindern durch unsinnige Maßnahmen aufs Spiel setzt.

Durch jede Falschmeldung werden wir gezwungen, uns mit Dingen auseinanderzusetzen, die uns sonst nicht beschäftigen würden. Aber wir haben dann nur die Alternative, alles zu glauben, was uns vorgesetzt wird, oder alles, was an Informationen herumschwirrt, für manipuliert zu erklären und damit völlig orientierungslos zu sein.

Die wachsende Komplexität und die innere Einfachheit

Die Welt wird von sich aus permanent komplexer; Lügengespinste, Wahrheitsverzerrungen und Falschmeldungen sind künstliche und willkürliche Beiträge, die zusätzlich den Komplexitätszuwachs steigern, ohne einen Erkenntnisgewinn zu liefern und ohne dass sie Anleitungen mitliefern, wie wir die Komplexität reduzieren könnten. Ordnungsstrukturen, Klassifikationen, Systematisierungen etc., die von den Wissenschaften erarbeitet werden, helfen uns bei der Verarbeitung von Information, helfen uns bei der inneren Komplexitätsreduktion. Ohne sie würden wir hilflos durch das Chaos einander widersprechender Informationen taumeln.

Insoferne können wir diese Ordnungsstrukturen als Unterstützung verstehen, die unser Innenleben braucht, wenn es die Erfahrung der Einfachheit des Daseins in sich kultivieren will. Denn wir brauchen diesen Gegenpol zur sich rasend entwickelnden Informationsflut, damit wir im Frieden bleiben können, wenn scheinbar das Äußere in der Unübersichtlichkeit zu zerfallen droht.

 Zum Weiterlesen:

Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Die Anhänglichkeit an die Dualität
Polaritäten - Ursprünge und Folgen

 

Montag, 5. Oktober 2020

Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion

In einem Kapitel des Buches „Die IBA-Botschaft“ vergleicht Carsten Rachow die Objektivisten und die Fakeisten, also jene, die Fake-News produzieren. Die Objektivisten sind jene, die möglichst objektive Fakten präsentieren wollen. Zwischen beiden Gruppen tobe ein “seltsamer Meinungskampf” bei den aktuellen Pandemiediskursen. Als Objektivisten werden die „Experten, Virologen und Epidemiologen“ identifiziert, die Fakeisten braucht man nicht extra zuordnen. Der Text läuft darauf hinaus, beiden Seiten ihre Subjektivität nachzuweisen, also die Beliebigkeit ihrer Konstruktionen. In diese fließen „eigene Ängste, Sorgen, Anpassungstendenzen und Weltbilder, aber auch persönlicher Ehrgeiz und die Beeinflussung durch andere Menschen” ein.

Wenn wir einer systemischen Sichtweise folgen, ist unbestritten, dass Wissen immer Konstruktion ist, eine bestimmte Weise, die äußere Wirklichkeit in eine innere Wirklichkeit zu übersetzen. Der maßgebliche Unterschied besteht allerdings in der Weise der Übersetzung. Wissenschaftliches Wissen beruht auf völlig anderen Übersetzungsvorgängen als willkürlich zusammengebastelte oder frei erfundene „alternative Fakten”. Denn die Wissenschaften sind selbstreflektierend und überprüfen sich dauernd selbst, mit Verfahren, die sich über Jahrhunderte ausgebildet und verfeinert haben. 

Inzwischen spielt der Begriff der Objektivität in den Wissenschaften keine Rolle mehr, weil klar ist, dass sich das Wissen ständig weiterentwickelt. Vielmehr geht es mehr um das von Karl Popper formulierte Prinzip der Falsifizierbarkeit, d.h. Theorien so zu formulieren, dass sie prinzipiell widerlegbar sind. Es gilt jeweils die beste der bestehenden Theorien, solange es keine bessere gibt. Insofern versteht sich wissenschaftliches Wissen immer als vorläufig und relativ. Es steht beständig am Prüfstand durch die Forschergemeinschaft. 

Die Fake-News-Produzenten hingegen verkaufen und propagieren ihre Ideen sofort als Wahrheit, manchmal sogar als absolute, zu der es keine Widerlegung oder Verbesserung gibt oder braucht. Sie appellieren also an die (Gut-)Gläubigkeit der Menschen und nicht an ihre Vernunft. Sie nutzen die Lüge oder kümmern sich fahrlässig nicht um eine Überprüfung, bevor sie Falschmeldungen verbreiten.

Das Unbewusste und die Wissensproduktion

Die Psychologisierung der Erkenntnistheorie („Die Wirklichkeitskonstruktion ist geleitet von Ängsten und Sorgen“) trifft sicher auf die Fakeisten zu und könnte sie interessant, falls sie ihren Fokus darauf lenken würden, wie sie zu ihrem Wissen kommen und welche Gefühle und Interessen dabei wirksam sind. Diese Reflexion widerspricht aber den eigenen Grundannahmen und Intentionen.

Die Wissenschaften hingegen verfolgen diesen Prozess schon seit ihren Anfängen und sind laufend damit beschäftigt, Wissen von subjektiven Zutaten zu reinigen, also eine Form des Wissens zu gewinnen, das von Subjekten, ihren Interessen und Vorlieben, weitestgehend unabhängig ist. Es geht darum, Forschungsergebnisse zu erreichen, bei denen jedes Subjekt potentiell zu den gleichen (oder im Fall der Geisteswissenschaften – zu vergleichbaren) Erkenntnissen gelangen kann. Insoferne rennt die psychologische Deutung, dass es in den Wissenschaften subjektive Elemente gibt, offene Türen ein.

Die Gleichstellung von Lüge und Wissen

Im Text heißt es: “Beide Seiten erzeugen, beide Seiten glauben, und beide Seiten halten sich ihre geglaubten Konstrukte vor Augen - doch weil die einen sich hinter ihrer historisch gewachsenen wissenschaftlicher Objektivität verstecken und die anderen hinter ihrer blassen Fake-Objektivität, kommen die eigentlichen Akteure nicht zum Vorschein.”

Was der Text verwischt: Die Formen der Wirklichkeitskonstruktion werden individualisiert, so, als wären alle Wissenschaftler von der gleichen Gefühlslage geprägt, wenn sie ihre Forschungen betreiben. Es geht aber nicht um zwei Individuen, die sich gegenüberstehen.  Individuen haben immer einen Schatten und ungeklärte Ecken in der Gefühlslandschaft. Vielmehr geht es um den Gegensatz zwischen der Tradition der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung mit ihrem Streben nach verbindlichem Wissen und dem subjektiven Fürwahrhalten. Die eigentliche Frontlinie verläuft  zwischen Reflexionsfähigkeit und interaktiver Theoriebildung auf der einen Seite und Reflexionsverweigerung auf der anderen Seite.

Der Gleichstellung zwischen Fakeproduzenten und Wissenschaftsproduzenten, wie sie hier vorgenommen wird, fehlt die sachliche Grundlage. Es kommt immer wieder vor, dass manche Vertreter der Wissenschaft, die in der Öffentlichkeit auftreten, dort ihre Meinung zu bestimmten Themen, z.B. aktuell zu Corona-Maßnahmen, kundtun. Das ist ihr Recht als Staatsbürger, wie für alle anderen auch. Die Meinungen, die sie in diesem Rahmen verbreiten, sind subjektiv. Sie können durch wissenschaftlich erzeugte Fakten abgestützt und belegt sein, aber sobald es um Einschätzungen von künftigen Entwicklungen oder zum Abwägen verschiedener Methoden der Krisenbekämpfung geht, wird das Terrain der Faktizität schnell verlassen. Dann handelt es um subjektive Meinungen, die mit der individuellen Gefühlslage zusammenhängen.

Faktisch kommt es immer wieder zu Streitgesprächen, in denen sich Individuen, die auf die Wissenschaft pochen und anderen, die auf esoterische oder andere undefinierte Quellen zurückgreifen, gegenüberstehen. Solche Debatten führen häufig auf keinen grünen Zweig, weil die Diskursformen nicht zusammenpassen. Der Versuch aber, die Hintergründe und Motivationslagen einzuebnen durch die Feststellung, dass die wissenschaftliche Position um nichts besser, wertvoller oder orientierungsgebender als die der Lügenpropaganda wäre, ist insofern gefährlich, weil eben die Lüge als Mittel der Wahrheitsfindung legitimiert wird. Ist es gleich-gültig, ob ein Wissen aus einem wissenschaftlichen Forschungsprozess kommt oder aus absichtlichem Lügen oder naivem Nacherzählen von Lügen, dann gerät die Gesellschaft auf eine unsichere Ebene. 

Die Psychotisierung der Gesellschaft

Psychologisch betrachtet, ist die Ununterscheidbarkeit von Lüge und Wahrheit Ursache für Psychosen, wie schon Pawlow in Tierversuchen nachweisen konnte. Wenn wir nicht mehr wissen, woran wir sind, ob das, was uns an Fakten präsentiert wird, wirklich ist oder eine Erfindung, werden wir orientierungslos und verwirrt und enden schließlich dort zu sagen, dass man doch niemandem vertrauen kann.

Und genau das ist das Ziel der Fake-Produzenten: Menschen, die nicht mehr unterscheiden können, was wirklich und was unwirklich ist, und die dann nur mehr auf Gefühlsebene Entscheidungen treffen können. Gefühle können herrlich von außen beeinflusst werden, der großflächigen Manipulation ist Tür und Tor geöffnet.

Es ist also äußerst gefährlich in Hinblick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, von einer Metaposition die Fakisten und die Wissenschaftler psychologisch auf eine gleiche Stufe zu stellen. Fake-Produzenten wollen nichts anderes als die völlige Relativierung der Wahrheitsfindung. Fantasien und Hirngespinste hätten dann den gleichen Wert wie die Relativitätstheorie oder das thermische Grundgesetz. Das geht sich zwar praktisch nicht aus, weil jedes bisschen Technik, das wir nutzen, voll von wissenschaftlicher Forschung ist, die sich als tauglich erwiesen hat, während Fakenews keinen einzigen Fernsehapparat hervorbringen können, sondern höchstens Verwirrung in den Köpfen. Aber verwirrte Menschen können an keinem sinnstiftenden gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Wir müssen uns entscheiden, ob wir verwirrte Menschen und damit eine verwirrte Gesellschaft wollen oder nicht. Wenn nicht, gilt es der Psychotisierung der Gesellschaft, die mit dem Produzieren und Verbreiten von Fakenews angebahnt wird, auf allen möglichen Ebenen entgegenzuwirken. 

Zusätzlich sei angemerkt: Wenn die Standards der historischen Forschung durch die Gleichstellung mit Lügenproduktionen weggeworfen werden, dann haben die Holocaustleugner genauso recht wie die Historiker, die die Fakten über die Massenvernichtungen gesammelt haben - es sind ja nur zwei Formen des „Unbewussten“, die da unterschiedlicher Meinung sind.

Demgegenüber ist festzuhalten, dass wissenschaftliches Wissen und falsche Fakten nichts gemeinsam haben und auch auf psychologischer Ebene nicht miteinander verglichen werden können. Außerdem kann es verheerende Folgen haben, wenn dieser Unterschied nicht mit aller Konsequenz aufrechterhalten wird.

Hier zum Text von Carsten Rachow

Zum Weiterlesen:

Absolute Wahrheiten existieren im Moment
Das Absolute im Beschränkten

Die Ko-Produktion der Wirklichkeit und das Absolute
Faktizität und Bullshit


Montag, 13. Juli 2020

Wirklichkeit und Fantasieprodukte

Was ist die Wirklichkeit? Das, was wir als wirklich über unsere Wahrnehmung erfahren, so die bescheidene Antwort, seit Immanuel Kant jede andere Form der scheinobjektiven Erkenntnis einer profunden Kritik unterzogen hat.

Wir verfügen über eine direkte Wirklichkeitserfahrung, die uns die Sinne liefern, nämlich über die aus der inneren und der äußeren Wirklichkeit (die Welt unserer Körperempfindungen, Gefühle usw. und die Welt außer uns, die wir sehen, hören, riechen usw.). Wir befinden uns aber nicht immer in einem dieser beiden Kanäle der Erfahrung, sondern halten uns recht häufig in den Bereichen der mentalen Produktionen auf, im mentalen Kino, das von der Wahrnehmungswirklichkeit relativ unabhängig ist. Es ist eine Welt, die zu einem großen Teil aus selbstfabrizierten Konzepten und Erzählungen besteht.

Wir haben die Neigung, in eine Geschichte zu kippen, sobald uns etwas an der aktuellen Wirklichkeit nicht gefällt. Es sind also vor allem Ängste vor etwas Lästigem oder Verstörendem, die uns aus dem Moment weglocken und in die Fantasie führen. Dort hoffen wir, die unangenehmen Gefühle überschreiben zu können, um innerlich wieder in die Komfortzone zu gelangen. Wir beamen uns weg, und die Gefühle verändern sich gleich mit. Auf diese Weise entwickeln sich Gewohnheiten für die Vermeidung von Ängsten, Schmerzen und Schamgefühlen.

Beispiel: A hat den Eindruck, von B feindselig angeschaut zu werden. Dann läuft eine Geschichte ab, was in B vorgeht, ohne Bezugnahme auf eine Quelle der Evidenz. Die Geschichte kann in A feindselige Gefühle gegen B auslösen, gespeist von früheren Erfahrungen mit B oder mit jemandem, an den B erinnert. B war vielleicht gar nicht auf A fokussiert, sondern mit etwas anderem innerlich beschäftigt. Ohne Nachfrage von A: “Hast du was gegen mich?” lässt sich der Sachverhalt nicht aufklären und bleibt in einer Wolke, die sich jetzt zwischen A und B aufbaut, erhalten. Wenn A jetzt finster schaut, kann eine ähnliche Geschichte in B entstehen. An einem bestimmten Punkt können sich die Wolken entladen, und es kommt zu einem Gewitter, bei dem jeder der beiden das Gefühl hat, dass der Anfang, die Ursache und die Schuld des Konflikte beim anderen liegt.

Geschichten sind Produkte der Fantasy-Abteilung unseres Gehirns. Sie speisen sich aus Erlebtem und kombinieren es mit Erfundenem, daraus entsteht ein Werk namens „Dichtung und Wahrheit“, das laufend neu erschaffen (updated) wird. Schon Goethe wusste, dass Erinnerungen niemals vollkommen zuverlässig und akkurat sind, sondern allenfalls Annäherungswerte an vergangene Realitäten darstellen, die sich zudem in den meisten Fällen nicht überprüfen lassen, weil eben die Vergangenheit vergangen ist. Die Erinnerungen verbinden sich meist mit einer der vielen anderen Formen der Fantasieerzeugung, z.B. mit den Projektionen.

Projektionen


Die Projektionsgeschichten verlaufen nach einem festgelegten Schema. Das, was uns an uns oder in uns nicht gefällt, wird in einer anderen Person wahrgenommen. Damit sind wir das Problem los, und wir haben eine Geschichte erfunden, die dieser Person angehängt wird. Das Problem mit dem Problemexport liegt freilich darin, dass wir nie eine Lösung finden können, weil diese in der Verantwortung der anderen Person gelegt wird. Wir geraten in die Position eines Opfers, das die Situation nicht aus eigenen Kräften ändern kann.

Projektionen unterlaufen uns laufend. Wir verfügen über äußerst produktive Projektionsabteilungen, die sich auf ausgeprägte Projektionsgewohnheiten stützen können und immer wieder neue Geschichten erfinden. Es gibt Menschen, die sich hauptsächlich in der mentalen Welt der Projektionen aufhalten und die von anderen als psychotisch bezeichnet werden.

Wir leben in Zeiten der Massenproduktion von falschen Wirklichkeiten, also von Erfindungen, die als Realitäten dargestellt werden, und in Zeiten der Verleitung zu Psychosen mit dem Ziel, die Grenze zwischen Fakten und Fiktion zu verwischen. Wenn möglichst viele Menschen den Kontakt zu ihrer Erfahrungswirklichkeit verloren haben, ist es ein leichtes, die eigenen ökonomischen oder politischen Ziele widerstandslos durchzusetzen. Deshalb ist die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen den Kopfprodukten und der von uns unabhängigen Wirklichkeit keine Spielerei oder Luxusbeschäftigung, sondern unerlässlich für unsere innere Klarheit und für eine menschengerechte und soziale Gesellschaft.

Damit wir also bei geistiger Gesundheit und Zurechnungsfähigkeit bleiben können, ist es erforderlich, die Kraft der Unterscheidung der äußeren und inneren Wirklichkeit von unserer Fantasiefabrik zu stärken und zu schärfen. Wenn uns diese Kraft abhandenkommt oder abspenstig gemacht wird, ist nicht nur kollektiv das Projekt der Aufklärung (des „Ausgangs aus der Unmündigkeit“) in Gefahr, sondern auch unsere individuelle Vernunft und Verstandeskompetenz. Zwischen Wirklichkeit und Fantasie gibt es entweder eine klare Grenze, über die wir uns auch mit anderen Menschen verständigen können, oder die Verwirrung und schließlich der Wahn, in dem jeder nur mehr orientierungslos herumtaumelt, nimmt überhand.

Geteilte Wirklichkeiten


Kommunikation zwischen Menschen macht nur Sinn, wenn es Bedeutungen gibt, die interindividuell außer Streit stehen. Solche geteilten Bedeutungen können Fantasieprodukte sein, wenn sich z.B. Personen darüber verständigen, dass es keinen menschengemachten Klimawandel gibt. Tendenziell führen solche konstruierten Scheinfakten zur Entstehung von Meinungsblasen, innerhalb derer sich Menschen einig sind, dass sie über die wahre Deutung der Wirklichkeit verfügen und alle andere einem Wahnsystem folgen. Typisch dafür ist, dass der Realitätscheck ausbleibt und alternative Sichtweisen keinen Platz haben, sondern bekämpft werden. Die Folge ist eine in verschiedene Meinungsblasen zersplitterte Gesellschaft, in der jede Blase auf die andere mit Verachtung und Zuschreibung von Verrücktheit zeigt.

Eine Gesellschaft, die handlungsfähig bleibt und Lösungen für die von der Wirklichkeit herangetragenen Probleme ausarbeiten kann, braucht Zugänge zur Erkenntnis, die auf einer klaren Unterscheidung von Fantasie und Wirklichkeit beruhen. Diese Unterscheidung braucht einen Konsens, der von einer großen Mehrheit getragen wird – selten wird es gelingen, dass alle hinter einer bestimmten Erkenntnis stehen. 

Kommunikation kann nur dann gesellschaftlich konstitutiv und gemeinwohlerhaltend wirken, wenn sie sich auf genügend viele Sachverhalte beziehen kann, deren Existenz außer Zweifel steht. Nur wenn z.B. die meisten Diskursteilnehmer die Auffassung vertreten, dass Gewalt gegen Kinder neben körperlichen auch seelische Schäden hinterlässt, kann eine Norm entstehen, die gewaltsame Übergriffe von Erwachsenen auf Kinder kritisiert, ächtet und schließlich kriminalisiert.

Erkenntnisproduktion aus der Wirklichkeit


Die Wissenschaften stellen das Unterfangen dar, möglichst viele Sachverhalte darzustellen, die sich im Diskurs bewähren und damit ein Netz von verlässlichen Aussagen über die Wirklichkeit erlauben. Die methodische Überprüfung der Ergebnisse gewährleistet diese Verlässlichkeit, die die praktische Umsetzung für die Entwicklung von technischen Geräten, Medikamenten oder sozialen Normen möglich macht. Wissenschaft funktioniert, indem sie so nahe wie möglich an der Realität dran bleibt und sich permanent an der Wirklichkeit misst. Ideologien stützen sich dagegen auf Fiktionen, auf Uminterpretationen der Wirklichkeit unter dem Einfluss von Fantasien und emotionsgesteuerten Geschichten und sind deshalb zur Wirklichkeitserkenntnis nicht tauglich. Was zur Wirklichkeitserkenntnis nicht tauglich ist, ist auch zur Lösung gesellschaftlicher Probleme nicht tauglich.

Die Wissenschaften haben deshalb auch Instrumente entwickelt, die Ideologien in Frage stellen und an der Wirklichkeit überprüfen. Die Ideologiekritik stützt sich auf die Unterscheidung zwischen Faktizität und Fiktion, zwischen Wahrheit und Dichtung. Es ist klar, dass jede Gesellschaft Ideologien braucht, solange unaufgeklärte Emotionen die Wertbildung und Entscheidungsfindung ihrer Mitglieder beeinflusst, vor allem diffuse Ängste, die oft transgenerational weitergegeben werden. Es ist zugleich notwendig, dass die Ideologien als solche gekennzeichnet werden, wie die Herkunftsbezeichnung auf Lebensmitteln, sodass jeder weiß, was sich hinter einer politischen Stellungnahme verbirgt, woher sie kommt und worauf sie abzielt. 

Je weiter das Projekt der Aufklärung fortschreitet, desto weiter wird der Einfluss von ungeklärten Emotionen zurückgedrängt. Bildung, Ausbildung und Reflexion machen den als Wirklichkeiten getarnten emotionalisierten Geschichten langsam aber sicher den Garaus. Auch wenn manche Zeichen in die Gegenrichtung zeigen, z.B. die systematisch betriebene Erzeugung von falschen Wahrheiten, gibt es Grund zur Annahme, dass die Aufklärung unaufhaltsam im Fortschreiten begriffen ist, weil sie erfolgreicher im Umgang mit der Wirklichkeit ist. Alle Manipulatoren und Wirklichkeitsvernebler stützen sich in irgendeiner Form auf die Wissenschaften oder eine von ihnen hervorgebrachten Technologie.

Spekulative Ideengebäude wie die Astrologie z.B. mögen ihre Meriten haben, sind aber nicht dienlich für die Erfindung von Maßnahmen, die den Klimawandel bremsen oder die Artenvielfalt erhalten. Genauso wenig hilfreich für die Lösung globaler Probleme sind Ideologien wie der Neoliberalismus oder der Rechtskonservativismus. In ihren Grundannahmen gibt es keinen Platz für Wege zur Bewältigung der Konflikte, die sie selber produziert haben und die den Weiterbestand der Menschheit bedrohen. Wir brauchen Daten, Fakten, Forschungen und daraus entwickelte technische Verfahren, die aus den Schieflagen heraushelfen und neue Perspektiven öffnen. Das funktioniert nur dort, wo die Wirklichkeit das Sagen hat und ihr zugehört wird. Wo sich die internen Kopfgeburten als absolute Wahrheiten aufspielen, entsteht die Verwirrung.

Bewusstheit


Wie können wir herausfinden, ob wir in einer Projektion oder im aktuellen Wirklichkeitskontakt sind? Wenn wir im Großen unter der Vermischung von Wirklichkeit und Fantasie leiden, sollten wir doch in uns selbst beginnen, die Unterschiede zu klären und uns nicht mehr in Geschichten, die wir für die Wirklichkeit halten, verfangen. Denn jedes Abgleiten in eine Fantasieproduktion, die uns unterläuft, ist ein Beitrag zur Vernebelung der Welt und zur sektiererischen Blasenbildung.

Wir sollten uns bewusst sein, dass solche Wirklichkeitserschaffungen andauernd in unserem Gehirn ablaufen, sodass wir immer wieder nachfragen müssen, was davon zur Wirklichkeit und was zur Erfindung gehört. Die Aufgabe liegt im Abklären, was der Fall ist und was nicht, was also im Äußeren Bestand hat und im gegenwärtigen Moment für unsere Sinne erreichbar ist, und was eine flüchtige Eigenproduktion im Kopf darstellt.

Aus dem aktuellen Wirklichkeitserleben verleiten uns innere Irritationen, hinter denen zumeist Ängste stecken. Sie nehmen unser inneres Erleben in Beschlag und erzeugen Illusionen und Fantasien, die wir mit der Wirklichkeit verwechseln. Befinden wir uns in einem Erregungszustand, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich unsere Wahrnehmung verengt und reduziert und statt dessen die innere Produktion von Wirklichkeitsvorspiegelungen Platz greift.

Es geht nicht darum, fortwährend präsent zu sein und nichts als den aktuellen Moment wahrzunehmen. Dieser Anspruch ist schwer zu verwirklichen. Da mischt sich schnell die Selbstabwertung ein, sobald wir merken, wir hängen in einer Geschichte fest. Sie tadelt uns wegen der mangelhaften Konsequenz und Disziplin, und damit sind wir natürlich auch schon wieder in einer Geschichte verfangen. 

Der Schlüssel liegt Bewusstheit und Achtsamkeit, das ist das, was wir lernen können: Zu erkennen, wann wir in unserer Vergangenheit festhängen und wann wir im Moment des Erfahrens sind. Immer wenn uns diese Bewusstheit zur Verfügung steht, sind wir schon im Moment, auch wenn wir erkennen, dass wir gerade in einer Geschichte waren, die uns in Bann gehalten hat. Die Selbsterkenntnis führt uns zu unserem direkten und unmittelbaren Erleben zurück. 

Je mehr wir im gelassenen Entspannungszustand verweilen, desto mehr steht uns die Wirklichkeit in ihrer Breite und Fülle zur Verfügung, wir genießen die Schönheit und Vielfalt der Eindrücke. Es ist dann ganz einfach, im Moment des Erlebens zu bleiben, ohne in Geschichten abzugleiten.

Die Bewusstheit über das, was gerade ist, ermöglicht uns die Wahl: In unserer Fantasie zu bleiben und sie weiterzuspinnen oder uns der Wirklichkeit zuzuwenden und direkte Erfahrungen zu machen. Wir können uns das zur Achtsamkeitsübung machen: Immer wieder in uns nachfragen, ob wir in uns selber kreisen oder auf etwas außerhalb unserer Fantasie bezogen sind. 

Dienstag, 1. Oktober 2019

Metamoderismus - eine Übersicht

Mit Metamoderismus wird eine Stufe der Gesellschaftsentwicklung bezeichnet, die nach der Moderne und Postmoderne erreicht wird.  der Begriff bedeutet so viel wie dass die Menschen durch die Moderne hindurchsehen können, als auch, dass sie über sie hinaus und jenseits von ihr blicken können.
Drei miteinander verschränkte Versionen des Begriffs Metamodernismus müssen berücksichtigt werden:

Eine kulturelle Phase

Die erste Bedeutung von Metamoderismus meint, dass es eine kulturelle Phase gibt, die sich als Zeitgeist durch alle Sphären der Kultur zieht, ähnlich wie in der Romantik oder Barockzeit. Es gab Zeitalter in der Geschichte, die von einer vorherrschenden Stimmung, Schwingung und kulturellen Logik geprägt waren, die auf die Umstände und Ereignisse der jeweiligen Zeit reagierten.

Eine Entwicklungsstufe

Mit diesem Ausdruck wird auf die Verortung des Metamoderismus in einer Entwicklungslogik Bezug genommen. Damit ist gemeint, dass  es qualitative Umschwünge zwischen den einzelnen Stufen gibt, wobei spätere Stufen auf den vorigen aufbauen, aber nicht umgekehrt. Damit weisen spätere Phasen einen höheren Komplexitätsgrad auf als frühere. Vergleichbar der menschlichen Entwicklung, bei der die Jugendzeit auf der Kindheit und den dort erworbenen Fähigkeiten aufbaut, beruhen die Fortschritte der Postmoderne auf den Errungenschaften der Moderne und nicht umgekehrt.

Ein philosophisches Paradigma

Unter einem Paradigma wird eine grundlegende Weltsicht verstanden, die eigene Formen von Wissenschaft, Politik, Ökonomie, Kultur und Selbstwissen umfasst, ähnlich wie die Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit der liberalen Demokratie, dem Kapitalismus, der Person als Individuum und den modernen Wissenschaften verbunden war.

Um eine vage Idee der metamodernen Weltsicht zu bekommen, habe ich die langen Listen aus dem Anhang des Hanzi-Freinacht-Buches „The Listening Society“ übersetzt; jeder einzelner der Punkte müsste natürlich näher erläutert und diskutiert werden, und dazu dient eben das Buch. Also lieber Leser, liebe Leserin: Durchtauchen, ohne den Anspruch, alles und jedes zu verstehen, geschweigedenn für richtig oder gut zu befinden!

Die metamoderne Haltung zum Leben


·        Außerordentliche Ironie und Ernsthaftigkeit, zugleich
·        Extremer Idealismus und extremer Machiavellismus.
·        Gott ist tot und der Humanismus stirbt, d.h. die Bedeutungsgebung muss jeder selbst vornehmen.
·        Die intellektuelle Einsicht und das intuitive Spüren der inneren wechselseitigen Verbundenheit von allem: „Das Universum in einem Sandkorn“.
·        Die paradoxe, selbstwidersprüchliche, immer unvollkommene und gebrochene Natur der Gesellschaft, Kultur und der Wirklichkeit selbst zu akzeptieren und damit zu gedeihen.
·         Eine allgemeine Sowohl-als auch-Perspektive
o   sowohl die politische Linke als auch die politische Rechte
o   Sowohl historische Individuen als auch soziale Strukturen
o   Sowohl Verwaltung und Regierung von oben nach unten als auch von unten nach oben.
o   Sowohl objektive Wissenschaft als auch subjektive Erfahrung.
o   Sowohl Kooperation als auch Konkurrenz.
o   Sowohl extremer Säkularismus als auch ernsthafte Spiritualität.
·        Sowohl eine systematische Philosophie (wie Platon und die Naturwissenschaften) als auch eine prozessorientierte Philosophie mit offenem Ende (wie Nietzsche oder die kritischen Sozialwissenschaften)
·        Die Erkenntnis der Unbeständigkeit aller Dinge, dass das Leben und die Existenz immer im Fluss sind, ein Prozess des Werdens, der Emergenz, der Immanenz und des immerpräsenten Todes.
·        Die Sicht auf das normale bürgerliche Leben und seine assoziierte Normalität und professionelle Identität als ungenügende Manifestationen der Größe und Schönheit der Existenz.
·        Die Übernahme einer spielerischen Haltung zum Leben und zur Existenz, eine Leichtigkeit, die von uns die tiefste Ernsthaftigkeit erfordert, in Hinblick auf die stets verfügbaren Potenziale von unvorstellbarem Leiden und Glücklichsein.

Die metamoderne Sicht der Wissenschaft

  •  Die Anerkennung der Wissenschaft als unverzichtbare Form des Wissens.
  •  Die Sichtweise, dass die Wissenschaften immer kontextual und die Wahrheit immer vorläufig ist – dass die Wirklichkeit immer noch tiefere Wahrheiten beinhaltet.
  •  Das Verständnis, dass unterschiedliche Wissenschaften und Paradigmen gleichzeitig wahr sind; das viele ihrer Widersprüche oberflächlich sind und auf Fehlwahrnehmungen oder Übersetzungsfehlern beruhen.
  •  Die Erkenntnis, dass es grundlegende Einsichten und relevantes Wissen in allen Stufen der menschlichen Entwicklung gegeben hat, darunter das tribale Leben, der Vielgötterglaube, die traditionelle Theologie, die moderne Industrialisierung und die postmoderne Kritik.
  •  Die Verkörperung der Nichtlinearität in allen nichtmechanischen Zusammenhängen wie Gesellschaft und Kultur. Nichtlinearität heißt, dass sich der Output eines Systems nicht proportional zum Input verhält.
  •  Das Hochhalten einer fallsensitiven Skepsis gegen mechanische Modelle und lineare Kausalbeziehungen.
  •  Eine systemische Lebenssicht mit der Erkenntnis, dass alle Dinge Teil von selbstorganisierenden Systemen von unten nach oben sind: von subatomaren Einheiten zu Atompartikeln zu Molekülen zu Zellen zu Organismen.
  •  Die Einsicht, dass Dinge lebendig und selbstorganisierend sind, weil sie auseinanderfallen – dass das Leben immer ein Wirbelwind der Zerstörung ist: Der einzige Weg zur Erschaffung und Aufrechterhaltung eines geordneten Musters besteht darin, eine entsprechende Unordnung zu erschaffen. Das sind die Prinzipien der Autopoiesis: Entropie (Dinge zerfallen) und negative Entropie (das Auseinanderfallen macht das Leben möglich).
  •  Die Akzeptanz einer verbindenden, übergreifenden Weltsicht, die alle Menschen und andere Organismen haben, eine tolle Geschichte oder eine überragende Erzählung; deshalb die Akzeptanz der Notwendigkeit einer die ganze Welt übergreifenden Geschichte. Wer eine solche Geschichte erzählt, sollte das leicht halten, denn sie kann nie frei von Fiktion sein.
  •  Das Wichtignehmen von ontologischen Fragen, d.h. die Frage sollte in Wissenschaft und Politik leitend sein, „was wirklich wirklich ist.“

Die metamoderne Sicht der Wirklichkeit

  • Die Einsicht in die fraktale Natur der Wirklichkeit und der Entwicklung und Anwendung von Ideen, dass alles Verstehen darin besteht, dass wiederverwendete Elemente von anderen Formen des Verstehens übernommen werden.
  • Eine antiessentielle Position einnehmen: Kein Glaube an „ultimative Wesenheiten“ wie Materie, Bewusstsein, das Gute, das Böse, Männlichkeit, Weiblichkeit oder ähnliches – sondern dass all diese Themen kontextual sind und Interpretationen, die aus Beziehungen und Vergleichen bezogen werden.  Auch die vielgepriesene „Bezogenheit“ ist kein Wesen des Universums.
  • Die Aufgabe des Glaubens an ein atomistisches und mechanistisches Universum, in dem die letztliche Sache die Materie ist, sondern vielmehr die Sichtweise, dass die letztliche Natur der Realität eine große Unbekannte ist, die wir metaphorisch durch unsere Symbole, Wörter und Geschichten einfangen müssen. Darin kann die Welt so gesehen werden, dass sie wieder und wieder neu geboren wird.
  • Die Erkenntnis, dass die Welt radikal, unbeugsam und vollständig sozial konstruiert ist, immer relativ und kontextgebunden.
  • Die Erkenntnis, dass die Welt durch komplexe Interaktionen seiner Teile emergiert und dass unser intuitives Verstehen meistens viel zu statisch und monokausal abläuft. Diese Komplexität ist das fundamentale Prinzip nicht nur der Meteorologie, sondern auch der Sozialpsychologie.
  • Die Akzeptanz der Notwendigkeit von Entwicklungshierarchien – mit der kritischen Vorsicht in Bezug auf die Art der Beschreibung und Verwendung. Diese Hierarchien müssen empirisch studiert und nicht willkürlich vermutet werden.
  • Die Erkenntnis, dass die Sprache und damit all unsere Weltbilder durch einen viel größeren Raum von möglichen, nie konzeptualisierten Welten reisen; dass sich die Sprache entwickelt.
  • Die holistische Weltsicht, in der Dinge wie wissenschaftliche Fakten, Perspektiven, Kulturen und Emotionen interagieren.
  • Die Erkenntnis, dass Information und Informationsverarbeitung fundamental für alle Aspekte der Realität und der Gesellschaft ist: von den Genen zu Memen zu Geldsystemen, Wissenschaft und politischen Revolutionen.
  • Die Akzeptanz einer informationellen darwinistischen Sichtweise, bei der sowohl die Gene (Organismen) als auch die Memes (die Kulturmuster) um das Überleben in einem Prozess der Entwicklungsevolution konkurrieren, der die negative Auslese beinhaltet (dass schlechter angepasste Gene und Meme aussterben, aber als Möglichkeiten erhalten bleiben).
  • Die Erkenntnis, dass die darwinistische Evolution gleichermaßen von wechselseitiger Kooperation und Konkurrenz abhängt und beide immer miteinander verwoben sind.
  • Die Erkenntnis des dynamischen Wechselspiels zwischen dem Universalen und Partikularen, in dem z.B. Menschen in komplexeren Gesellschaften individualistischer werden, was wiederum zur Entwicklung von komplexeren Gesellschaften führt, in denen die Menschen unabhängiger werden und universellere Werte benötigt werden, um einen Zusammenbruch zu vermeiden.
  • Die Erkenntnis, dass die Welt nach einer dialektischen Logik funktioniert, in der die Dinge immer gebrochen sind, sozusagen  „nach hinten taumeln“; dass die Dinge immer nach einer unmöglichen Balance streben und dass zufällige Bewegungen den ganzen Tanz erschaffen, den wir die Realität nennen. Also verfügt die Entwicklung der Wirklichkeit über Direktionalität, doch wir sind immer blind für diese Richtung; von da kommt die Metapher des „Rückwärts-Taumelns“.
  • Die Erkenntnis, dass die Wirklichkeit grundlegend ein offenes Ende hat und sozusagen gebrochen ist, selbst in ihrer mathematischen und physikalischen Struktur, wie das Gödel in seinem Unvollständigkeitstheorem gezeigt hat und wie einige Schlüsselentdeckungen der modernen Physik belegen.
  • Die Anerkennung, dass Potenziale und Potenzialität die fundamentalste oder „realere“ Realität konstituieren, und weniger Fakten und Aktualitäten. Was wir üblicherweise als Realität bezeichnen, ist nur  „Aktualität“, ein Stückchen eines unendlich größeren, hyperkomplexen Kuchens. Aktualität ist nur ein „Fall von“ einer tieferen Realität, die die „absolute Totalität“ genannt wird.
  •  Das Erleben von Visionen von Panpsychismus, d.h. dass das Bewusstsein überall im Universum ist und dass es so real ist wie Materie und Raum. Aber Panpsychismus sollte nicht mit animistischen Visionen verwechselt werden, bei denen alle Dinge „Geister“ haben.

Metamoderne Spiritualität, Existenz und Ästhetik

  •  Das Ernstnehmen von existentiellen und spirituellen Sachen; die Sichtweise von Humanität, Intelligenz und Bewusstsein als Ausdrücken von höheren Prinzipien, die im Universum enthalten sind.
  •  Die Erkenntnis, dass sich esoterische, spirituelle Disziplinen und Weisheitstraditionen im Osten und Westen auf wirkliche Einsichten von großer Bedeutung beziehen – eine Anerkennung der Wichtigkeit von Mystizismus.
  •  Das Verfügen über einer sorgfältigen, unwissenden und explorativen Denkweise in Hinblick auf Spiritualität und Existenz.
  •  Das Verständnis, dass sich höhere, weitere subjektive Zustände auf höhere existentielle und spirituelle Wahrheiten beziehen als die meisten Erfahrungen des täglichen Lebens.
  •  Die Einsicht, dass die innere Erfahrung – und die direkte Entwicklung der Subjektivität von Organismen – zentral für alles ist, und das ist vielleicht die Hauptzutat, die in der Perspektive der modernen Welt fehlt; die Anerkennung der inneren Erfahrung ist oft der goldene Schlüssel zum Umgang mit sozialen Problemen.
  •  Das Ernstnehmen von philosophischen, kulturellen und ästhetischen Angelegenheiten, weil sie als inhärente Dimensionen der Realität angesehen werden.
  • Die Schaffung von Kunst und Architektur, die auf die Tiefe und das Geheimnis der Existenz anspielt, ohne zu offensichtlich zu sein oder mit Ratschlägen oder Wirklichkeitskonzepten zu kommen.
  • Die Unterstützung eine Spiritualität, die demokratisch, intersubjektiv, teilhabend, wissenschaftlich unterstützt und zweiseitig ist, anstelle von traditionellen Wegen, Lehrern, Gurus oder Autoritäten.
  • Die Erkenntnis, dass sowohl spirituelle als auch nichtspirituelle Lebenserfahrungen und Weltbilder grundsätzlich in Ordnung sind. Spiritualität und Nicht-Spiritualität: Keines von beiden ist in sich besser als das andere.
  • Das Verstehen, dass Menschen grundsätzlich verrückt sind, dass unser alltagsbewusstsein keine gesunde Reflexion der Wirklichkeit erlaubt, sondern eine bizarre, psychotische Halluzination darstellt, die äußerst relativ, erfunden und willkürlich ist.
  • Die Intuition, dass die zentrale spirituelle und existentielle Einsicht die Vollendung der absoluten Totalität darstellt, wie sie schon immer ist; dass es eine makellose, erhabene Klarheit unterhalb all des Chaos und der Widersprüchlichkeit gibt; dass es eine darunterliegende Eleganz sogar in den oft tragischen, höllenähnlichen Erfahrungen des Lebens gibt; versteckt im sozusagen auf dem Präsentierteller. Das kann als die Erkenntnis des grundlegenden Gutseins bezeichnet werden. 

Die metamoderne Sicht der Gesellschaft

  • Die Erkenntnis, dass es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Natur und Kultur gibt.
  • Die Erkenntnis, dass wir in einer neuen Ära der Technologie leben (das Informationszeitalter) und dass sich die menschlichen Gesellschaften durch unterschiedliche Entwicklungsstufen zum Besseren oder Schlechteren weiter entfalten.
  • Der Glaube, dass die Geschichte eine Art von Gerichtetheit hat, die auf Logik beruht, dass aber diese Gerichtetheit nie sicher gewusst sein kann, sondern nur metaphorisch und als Geschichte – spielerisch und zweckvoll.
  • Der Glaube, dass wir das Wissen, das wir über die Gesellschaft haben, immer zu einer Art von darüber gespanntem Narrativ zusammenfügen können, eine Meta-Erzählung, aber dass diese Metaerzählung nie für eine komplette Synthese gehalten werden darf, sondern immer nur als notwendige Protosynthese, unter kritischer Beobachtung.
  • Das Einnehmen einer nomadischen Sichtweise des sozialen Lebens; das Wissen, dass unser „Selbst“ Teil eines sozialen Flusses ist, einer Reise – und dass wir im Internet-Zeitalter mit unseren virtuellen Identitäten tribaler und nomadischer werden.
  • Das Feiern der teilhabenden Kultur und der Ko-Kreation der Gesellschaft durch nichtlineare interaktive Prozesse, bei denen das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.
  • Die Erkenntnis der Wichtigkeit von kollektiver Intelligenz (nicht zu verwechseln mit einem kollektiven Bewusstsein nach C.G. Jung; das gehört nicht zum metamodernen Paradigma). Kollektive Intelligenz ist die Fähigkeit einer Gruppe oder Gesellschaft, Probleme zu lösen und auf kollektive Herausforderungen zu reagieren.
  • Das Verständnis, dass Technologie nicht neutral ist, nicht nur ein „Werkzeug in unseren Händen“, sondern dass sie ihre eigenen Pläne und ihre eigene Logik entwickelt, die die Geschichte formt und steuert.
  • Die Erkenntnis, dass die Nachhaltigkeit und Resilienz eine Grundfrage allen sozialen Lebens ist.
  • Die Erkenntnis, dass die Sexualität und die sexuelle Entwicklung ein weitgehend übersehenes zentrales Stück im Mainstream-Verständnis aller menschlichen Gesellschaften darstellt. Die Sexualität hat eine besondere erklärende, verhaltenssteuernde und voraussagbare Kraft.
  • Die Erkenntnis, dass das „Alltagsleben“ etwas ist, das die Menschheit übersteigen kann und soll, zugunsten einer aktuelleren und authentischeren Lebensweise und Gemeinschaft.
  •  Das Ernstnehmen der Rechte und der Lebenserfahrung aller Tiere, der menschlichen wie der nichtmenschlichen. Die menschliche Gesellschaft ist nur eine kognitive Kategorie, und diese Kategorie kann genausogut alle Kulturen, alle tiefenökologischen Wesenheiten (Ökosysteme, Biotope) und alle fühlenden Wesen miteinschließen. 

Das metamoderne Menschenbild

  • Die Erkenntnis, dass die Menschen verhaltensgesteuerte organische „Roboter“ sind, kontrolliert von unseren Reaktionen auf die Umwelt, und dass wir zugleich subjektive, selbstorganisierende und lebendige Wesen mit großer existentieller Tiefe sind.
  •  Die Erkenntnis, dass meine Identität und mein „Selbst“ letztlich nicht mein Körper oder die Stimme, die aus meinem Kopf redet, sind; oder zumindest, dass meine grundlegende Identität nicht durch diese Alltagskonzeption von einem Selbst (mein Körper und die Stimme, die aus meinem Kopf redet), das, was manchmal als das „Ego“ bezeichnet wird, erschöpft ist. Das Ego ist nur eine Idee, ein Wahrnehmungsobjekt wie jede andere erfundene Kategorie, die ein Objekt bezeichnet.
  • Die Übernahme einer tiefenpsychologischen Haltung zur Menschheit, mit der Erkenntnis, dass ihr Bewusstsein transformierbar ist durch die Veränderung des fundamentalen Sinns von Selbst und von Realität. Das kann durch Psychoanalyse und Liebesbeziehungen genauso wie durch athletische, ästhetische, erotische, intellektuelle und spirituelle Übungen erreicht werden, wobei die kontemplative Mystik als besonders wertvoller Weg herausragt.
  •  Die Erkenntnis, dass jede Person eine dreidimensionale Sicht der Wirklichkeit hat, die aus einer Ontologie besteht (ein starker Sinn dafür, was wirklich ist), einer Ideologie (ein starker Sinn dafür, was richtig ist) und einem Selbst (ein starker Sinn für den eigenen Platz in der Wirklichkeit) – und dass diese drei Dimensionen als Muster beschrieben werden können, das sich reihenförmig in Entwicklungsstufen entfaltet.
  • Die Erkenntnis, dass sich verschiedene menschliche Organismen auf grundlegend unterschiedlichen Entwicklungsniveaus befinden und deshalb sehr verschiedene Verhaltensmuster aufweisen.
  •  Das Verständnis eines transpersonalen Menschenbildes, in dem die tiefsten inneren Tiefen intrinsisch mit den scheinbar starren Strukturen der Gesellschaft verknüpft sind. Das menschliche Wesen ist nicht individuell – seine tiefste Identität reicht durch und jenseits des Individuums, der Person. Die „Person“ ist nur eine Maske, eine Rolle, abhängig vom jeweiligen Kontext. Sie ist nicht im Individuum enthalten, selbst wenn der menschliche Organismus mit der Verhaltenswissenschaft beschrieben werden kann.
  • Die Erkenntnis, dass in einer transpersonalen Sichtweise die individuellen Leute für nichts beschuldigt werden können. Jeder Moralismus ist nutzlos. Das führt zu einem radikalen Akzeptieren der Leute wie sie sind; ein radikales Nicht-Urteilen, das auch als ziviles, unpersönliches und säkulares Angebot der Nächstenliebe beschrieben werden kann.
  • Die Erkenntnis, dass das menschliche Dividuum viele Schichten aufweist, dass es zugleich Tier, „Mensch“ mit einer Vielzahl von Rollen ist, mit höheren Potenzialen in ihm – und dass es durch Interaktionen solcher Schichten innerhalb verschiedener Menschen geboren wird. Daraus folgen einige wichtige Implikationen:

o   Die vielschichte Psyche hat zugleich unbewusste, bewusste und überbewusste Prozesse (wobei die überbewussten Prozesse höhere und subtilere Intelligenz wie universelle Liebe, philosophische Einsicht, tiefste künstlerische Inspiration usw. umfasst.)
o   Die höheren Schichten der Psyche folgen generelleren, abstrakteren und universelleren Logiken, während die tieferen Schichten gröberen, selbstbezogeneren und konkreteren Logiken folgen. Aber sie arbeiten gleichzeitig und interagieren miteinander.
o   Die vielschichtige Natur der dividuellen Seele besagt, dass wir oft die unbewussten und überbewussten Schichten aneinander wahrnehmen können; wir können oft andere besser verstehen als uns selbst. Deshalb sind Praktiken wie Psychoanalyse oder Psychiatrie möglich. Das heißt auch, dass meine Handlungsfähigkeit aus dir abstammen kann und umgekehrt.
o   Diese transpersonale Sichtweise behauptet, dass unsere Selbste und selbst unsere Körper nicht „abgesiegelt“ oder „autonom“ sind; wir entwickeln uns zusammen in einem großen vieldimensionalen Netzwerk. Dieses Netzwerk folgt einer Logik, die sich für unseren individuellen Denkprozess oft sehr fremd anfühlt.
  •  Das Anerkennen des nicht absprechbaren Rechts jeder Kreatur, zu sein, wer sie ist.
  •  Ein nichtanthropozentrisches Bild der Wirklichkeit, in dem die menschliche Erfahrung nicht als das Maß aller Dinge angesehen wird.
  •  Die Akzeptanz der Idee, dass sich die Biologie und grundlegende Lebenserfahrung durch Wissenschaft und Technologie ändern kann und wird, was als Transhumanismus bezeichnet wird.
  • Das Ausweiten der Solidarität zur nächstmöglichen Solidarität: Liebe und Fürsorge für alle fühlenden Wesen, zu allen Zeiten, aus allen Perspektiven, von der größtmöglichen Tiefe unseres Herzens.


Der Text stammt aus dem Buch: Hanzi Freinacht: The Listening Society. A Metamodern Guide to Politics. Book One. Metamoderna 2017, S. 361 - 370, Übersetzung mit leichten Kürzungen.

Hanzi Freinacht wurde von den schwedischen Wissenschaftlern Daniel Görtz und Emil Ejner Friis erfunden.