Donnerstag, 30. November 2017

Erzeugen wir unsere Gedanken?

Erzeugen wir unsere Gedanken oder erzeugen uns unsere Gedanken? So könnten wir fragen, wenn wir uns mit den Schlussfolgerungen auseinandersetzen, die immer mehr Forscher aus verschiedenen neurophysiologischen Befunden ziehen.

Lange Zeit waren die Denker und Denkforscher der Meinung, dass Gedanken, Bewertungen, Glaubensannahmen und all die anderen Denkinhalte, die tagtäglich unseren Kopf füllen, Teile dessen sind, was man mit Bewusstsein bezeichnet. Deshalb nehmen wir auch an, dass wir diese Gedanken bewusst erzeugen, indem wir sie denken. Dem widersprechen nun Forscher, die Belege dafür gefunden haben, dass die Gedanken nicht aus unserer persönlichen Bewusstheit stammen, sondern dass sie in unbewusst ablaufenden Systemen entstehen, die im Hintergrund laufen.

Das würde bedeuten, dass wir unsere Gedanken nicht bewusst auswählen, sondern dass wir uns ihrer nur bewusst werden, wenn sie schon fabriziert sind und nachdem sie sich von sich aus in unser Bewusstsein gedrängt haben. Solche Ansichten widersprechen der großen Tradition des Denkens, die vom autonomen Denk-Subjekt ausgeht, das seine Gedanken steuern, formen, entwickeln und verändern kann. Was heißt dann noch „Nachdenken“, „Hinterfragen“, „Reflektieren“?


Innenschau


Wenn wir nach innen in unseren Kopf spüren, mit dem Ziel, unseren Gedanken beim Entstehen „zuzuschauen“, werden wir leicht erkennen, dass sie „von irgendwo her“ kommen. Wir beginnen damit, uns den Kopf als leer vorzustellen und merken dann, dass die Gedanken vom Rand dieses leeren Raumes in ihn eindringen und dabei Gestalt annehmen, wie Personen, die aus dem Dunkel langsam ins Licht treten. Es wird in dieser Innenschau ganz offensichtlich, dass es die Gedanken schon geben muss, bevor sie ins Bewusstsein treten. Sie werden aber erst durch dieses vom Hintergrund in den Vordergrund-Kommen zu Gedanken. Wir „wissen“ ja nicht, was sie vorher – oder im Hintergrund waren.


Studien und Schlussfolgerungen


Zwei britische Forscher, David A. Oakley vom University College London und Professor Peter Halligan von der Cardiff University, haben aus verschiedenen Untersuchungen den Schluss gezogen, dass wir unsere Gedanken nicht bewusst und absichtlich wählen, sondern dass sie uns einfach nur bewusst werden. So zeigen Experimente, dass unser Gehirn gleichermaßen reagiert, wenn der Arm von einem Flaschenzug gehoben wird oder als Folge einer hypnotischen Suggestion, während beim absichtlichen Armheben ganz andere Hirnareale aktiv werden. Andere Studien und viele praktische und klinische Erfahrungen mit Hypnose belegen, dass unsere Stimmungen und Gedanken durch Suggestionen, also durch die Beeinflussung des Unbewussten verändert werden können. 


Daraus folgern die Wissenschaftler, dass die unbewusst operierenden Systeme unseres Gehirns in der Lage sind, „alle psychologischen Aktivitäten durchführen können, von denen traditionellerweise angenommen wurde, dass sie vom ‚Bewusstsein' abhängen. In Übereinstimmung mit dieser letzteren Ansicht wurde auch argumentiert, dass die bewusste Kontrolle des Verhaltens eine reine Illusion darstellt.“


Diese Annahme wird dadurch gestützt, dass auch Bewegungsabläufe zunächst in den unbewussten Systemen vorbereitet werden und „dass die Bewusstheit über die Absicht zum Bewegen erst dann erfahren wird, wenn die Vorbereitung Teil eines fortlaufenden, unbewusst erzeugten persönlichen Narrativs wird.“ 


Zusammenfassend heißt das, dass das persönliche Selbst-Bewusstsein ein Erzeugnis von vorher unbewusst ablaufenden Prozessen des Gehirns ist und dass es deshalb für sich keine funktionale Rolle in der Beeinflussung der nachfolgenden Gehirnzustände hat. Deshalb kann die Erfahrung der Bewusstheit als ein Epiphänomen bezeichnet werden, als etwas, das kausal entstanden ist, ohne selbst eine kausale Wirkung auszuüben, also ein Randphänomen mit geringer Bedeutung in der unendlichen Vielfalt der Vorgänge.
(Hier zur Quelle der Zitate - Übersetzung WE)


Die persönliche Erzählung


Woher kommen all diese Gedanken? Sie kommen aus der gleichen Quelle, die auch unsere Gefühle steuert. Wir verfügen über ein autobiografisches Gedächtnis, in dem unsere Lebensgeschichte abgespeichert ist. Der Speicher wird laufend auf den neuesten Stand gebracht. Diese persönliche Erzählung, die uns darüber Auskunft gibt, wer wir sind und was wir erlebt haben, existiert parallel zur persönlichen Bewusstheit, wobei die Forscher davon ausgehen, dass die letztere über die erstere keinen Einfluss ausüben kann.

Wir brauchen das persönliche Narrativ für Überlebenszwecke. Aus dem Erlebten können wir ableiten, wie sich andere Menschen verhalten und wie wir mit anderen Umweltbedingungen umgehen sollten, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Doch dafür brauchen wir kein Bewusstsein; der evolutionäre Vorteil hat sich gerade aus dem unbewussten Funktionieren ergeben: Wir sollten, sobald es ums Überleben geht, eben nicht lange nachdenken, was denn nun das Richtige zu tun oder zu lassen wäre. Stattdessen sollte die Reaktion möglichst spontan erfolgen, um die Gefahr abzuwenden.

Wir nutzen den narrativen Speicher auch, um Ideen und Wissensinhalte und soziale Normvorstellungen, die wir im weiteren Sinn für das Überleben und die Verbesserung der Kultur benötigen, mit anderen Menschen zu teilen, wodurch die Leistungsfähigkeit der Gruppe und darüber hinaus der Gesellschaft insgesamt gesteigert wird.


Wozu dient dann überhaupt das Bewusstsein?


Die Wissenschaftler sind der Meinung, dass es die Kommunizierbarkeit des Inhalts des eigenen Narrativs ist und nicht die eigene Bewusstheit, die den Menschen ihre Überlegenheit gegenüber den anderen Lebewesen gebracht hat. Die letztere ist dann nur ein passiver Begleiter von autonom im Unterbewusstsein laufenden Prozessen, gewissermaßen der Zuschauer im Kino, der keinen Einfluss auf den Film hat, der vor seinen Augen abläuft.

Möglicherweise ist dieses Bewusstsein, auf das wir uns so viel einbilden, ein zweckfreies Überschussprodukt der Evolution, wie ein Regenbogen, der zwar schön anzuschauen ist, aber keinen praktischen Zweck hat und nur solange existiert, als es Betrachter gibt, die das Phänomen im richtigen Winkel und Abstand beobachten.


Gedankenwandern und Unterbrechungen


Soweit die Ergebnisse der zitierten Forschungsarbeiten. In einem früheren Blogartikel habe ich die Erklärungen von Thomas Metzinger zum Gedankenwandern vorgestellt. Vieles, was hier oben angesprochen wurde, deckt sich mit den Ansichten von Metzinger, doch möchte ich auch einen wichtigen Unterschied hervorheben. Das Gedankenwandern, dem wir den Großteil unserer wachen Zeit unterliegen, kann gut aus unbewusst ablaufenden Prozessen erklärt werden. Die Phänomene des Meta-Bewusstseins allerdings passen dann nicht mehr in das Schema. Wir können mentale Abläufe durch bewusste Intentionen beeinflussen. Z.B. können wir Gedankenketten unterbrechen, indem wir „absichtlich“ an etwas anderes denken. Wir können mit Gedanken spielen, indem wir sie als Objekte verkleiden oder ihnen Farben geben. Wir können uns in Zustände der Gedankenfreiheit durch Meditation begeben usw.

Zu diesen Akten des Meta-Bewusstseins zählt auch die Reflexion, das Sich-Bewusst-Machen dessen, was gerade ist. Auch hier wird der rastlose Ablauf der Gedanken unterbrochen und durch eine übergeordnete Perspektive ergänzt und relativiert. Wir erleben uns als aktiv in die innere Wirklichkeit eingreifendes Ich.

Zwar könnte es sein, dass auch die Mentalhandlungen des Meta-Bewusstseins von unbewusst ablaufenden Gehirnprozessen vordeterminiert sind, aber in diesen Fällen ist es wichtig, der Phänomenologie den Vorrang vor der Empirie zu geben. Die subjektive Erfahrung der Autonomie, also des ohne kausale Ursache Beginnens einer Aktivität, gibt sich selbst die Priorität vor jeder möglichen nachträglichen Kausalerklärung dessen, was vorher abgelaufen sein kann. In der reflexiven Selbstvergewisserung verlassen wir die empirische Beobachter- und Forscherposition und werden zu aktiv handelnden Personen, die in der Lage sind, für sich selber das Zentrum und den Ausgangspunkt des Denkens und Handelns zu definieren.

Die Relativierung dieser pragmatischen Position, ohne die kein soziales Zusammenleben funktionieren könnte, ist ein wertvolles Unterfangen, weil es uns hilft, mehr von der Komplexität unseres Inneren zu verstehen und Fehlannahmen über diese Vorgänge zu korrigieren, die sonst in sozialen Zusammenhängen zur Grundlage von Ideologien werden können. Je mehr wir verstehen, wie stark unser Unbewusstes unser Leben lenkt, desto leichter können wir uns dort entspannen, wo wir uns Fehler vorwerfen und desto besser können wir unsere reflexiven metabewussten Mentalhandlungen kultivieren. Denn deren letztlicher Zweck liegt darin, zu erkennen, dass jede Form unseres Zutuns ein Geschehen ist, dem wir uns hingebungsvoll überlassen können.

Auf dieser Ebene begegnen sich dann die Erkenntnisse der Neurowissenschaften mit den Weisheiten des spirituellen Bewusstseins - die einen kommen von außen und die anderen von innen.


Zum Weiterlesen:
Geistwandern und mentale Autonomie
Die Illusion des bewussten Selbst

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