Posts mit dem Label digital werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label digital werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 11. März 2021

Wenn aus Beziehung Markt wird

In einem Artikel in der “Zeit” wird ein Experiment aus Israel geschildert. Eltern, die ihre Kinder verspätet vom Kindergarten abholt, wurden von den Betreuern missbilligend empfangen. Im Experiment wurden Strafzahlungen für das verspätete Abholen eingeführt, mit der Erwartung, dass die Eltern nunmehr pünktlicher beim Abholen sein würden. Doch das Gegenteil war der Fall: Es kam zu viel mehr Verspätungen. Und hier die Erklärung: Vorher war die Situation als soziale Abmachung wahrgenommen worden und die Eltern schämten sich, wenn sie die Betreuer zusätzlich belasteten. “Mit dem Geld kam die Möglichkeit ins Spiel, sich die längere Betreuung zu erkaufen. Die Scham wich dem Anspruchsdenken. Aus einer zwischenmenschlichen war eine finanzielle Frage geworden, aus Beziehung wurde Markt.” 

Immer mehr von dem, was es auf der Welt gibt, wird käuflich. Damit sind nicht nur Dinge gemeint, sondern auch soziale Beziehungen. Das ist der unerbittliche Zug des Kapitalismus. Wir sind schon längst alle auf ihn aufgesprungen, weil er uns das Leben vereinfacht und vordergründige Sorgen abnimmt. Dieser Prozess verläuft schleichend. Der Verlust an Zwischenmenschlichkeit, der sich unterschwellig vermehrt, wird uns dabei gar nicht oder nur an Symptomen spürbar, die wir dann oft nicht verstehen können. 

Im Mittelalter waren die Besitzverhältnisse auf Grund und Boden, d.h. die Quellen von Reichtum und Wohlstand, auf Beziehungen begründet. Jeder Teil des Landes gehörte einer Person, die sie an andere weiterverlieh oder verpachtete. Ein Netz aus persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen regelte die Besitztümer und die sozialen Verhältnisse. Jeder wusste, wem er in welcher Weise verpflichtet war, von wem er sich Hilfe und Beistand erwarten konnte und wem er selber Hilfe und Beistand gewähren musste.  

Mit dem Siegeszug des Kapitalismus seit dem Ende des Mittelalters wurden all diese persönlichen Abhängigkeitsbeziehungen schrittweise durch Geldbeziehungen abgelöst. Heute ist jedes Fleckchen Erde käuflich und verfügt über einen Geldwert, der über den Markt reguliert wird.  

Das ist nur ein Beispiel, wie die Marktbeziehungen zwischenmenschlichen Beziehungen ersetzen. Ein anderes, das in unseren Tagen immer wichtiger wird, sind die Pflegedienste. Bei Krankheiten und im Alter waren früher allein die Angehörigen zuständig für die Versorgung und Pflege. Doch auch hier gibt es die steigende Tendenz, diese Dienste bezahlen zu lassen, um sich auf dieser Weise der moralischen Verpflichtung zu entziehen und die Schuld gewissermaßen abzubezahlen. Vielleicht wird in nicht allzu ferner Zukunft die Leistung der Nachkommen darin bestehen, für die pflegebedürftige Person einen Roboter zu finanzieren. 

Abstrakte Beziehungen

Wenn sich persönliche Beziehungen in Marktbeziehungen verwandeln, geschieht ein Schritt vom Konkreten ins Abstrakte. Zwischenmenschliche Beziehungen sind konkret, leiblich und sinnlich wahrnehmbar. Die Kommunikation läuft direkt. Marktbeziehungen sind anonym, das jeweilige Gegenüber ist austauschbar und wird nummerisch geregelt, eben mittels Geld. Die Beziehungen sind auf eine abstrakte Ebene verschoben. 

Eine komplexe Gesellschaft kann ohne Marktbeziehungen und Abstrahierung nicht funktionieren. Sie kann auch ohne persönliche Beziehungen nicht existieren, doch verschieben sich vor allem seit der Einführung des Kapitalismus in steigendem Tempo die Verhältnisse, was uns zunehmend verunsichert. Es werden also laufend persönliche durch ökonomische Beziehungen ersetzt, d.h. Individualität durch Austauschbarkeit. So stellt sich die Frage, ob die sozialen Beziehungen irgendwann auf der Strecke bleiben. 

Vor allem dort, wo wir diese Veränderungen nicht verstehen können, machen sie uns Angst. Wir fürchten um unsere Kontakte, um unsere Zugehörigkeit und um die Anerkennung unserer Individualität. Tatsächlich ist es so, dass diese wichtigen Grundsicherheiten im System des Kapitalismus nicht gewährt werden können, weil es dort nur um die ökonomische Verwertung geht. Der Mensch ist Arbeitskraft und Konsument, mehr nicht. Es braucht ein anderes System, das weiterhin auf der Basis von persönlichen Beziehungen und der wechselseitigen Anerkennung der Subjekte beruht. Es nimmt uns die Angst vor dem Verwertetwerden, die Angst davor, nur mehr als Sache und nicht mehr als Mensch zu gelten, indem dort unser Sosein und unsere Zugehörigkeit bestätigt wird.  

Dieses System umfasst alle Beziehungen, die auf Mensch-zu-Mensch-Kontakten beruhen. Es wird manchmal mit dem Begriff der Zivilgesellschaft bezeichnet, geht aber in alle Bereiche, in denen Menschen direkt miteinander zu tun haben. Dieses System verschwindet nicht in dem Maß, in dem Teile von ihm anonymisiert werden. Das ist wohl der subjektive Eindruck, wenn Verluste an Zwischenmenschlichkeit beklagt werden. Vielmehr ändern sich die Formen der Kommunikation, z.B. durch neue Kommunikationsmedien. Dazu kommt, dass wir uns durch die Wohlstandssteigerung, die das kapitalistische System zustandegebracht hat, diese die Geräte für diese Medien auch leisten können. Wir kommunizieren deshalb immer mehr über digitale, also anonyme Wege persönlich miteinander.  

Ob im Zug dieser Entwicklung die Sozialbeziehungen von den Marktbeziehungen aufgefressen werden, bis nichts mehr von ihnen übrigbleibt, ist eine andere Frage. Sie hängt nicht nur von den ökonomischen und technologischen Veränderungsprozessen ab, auf die wir als Einzelne relativ wenig Einfluss haben. Es geht vor allem darum, wie wir leben wollen, d.h. welchen Raum und welche Bedeutung wir hinkünftig den zwischenmenschlichen Beziehungen einräumen wollen, gerade angesichts der Tendenzen, diese in Marktbeziehungen überzuführen. 

Schuld und Scham  

Auf der psychologischen Ebene gehen diese Entwicklungen einher mit Umschichtungen von Schuld- und Schamthemen. Darum soll es im Weiteren gehen. Die These dafür lautet: Auch wenn durch die Umwandlung von persönlichen in geschäftliche und schließlich in Mensch-Maschinen-Beziehungen Schuld- und Schamthemen obsolet werden, entstehen durch diese Veränderungen neue Quellen für diese Gefühle. 

Schuldthemen entstehen, wenn zwischen Menschen Rechnungen offenbleiben, die durch die Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes entstanden sind. Es kann sich dabei um emotionale oder materielle Rechnungen handeln. Meist ist klar, mit welcher Handlung die Schuld behoben werden kann. Ein Kredit ist fällig und das Geld wird zurückgezahlt. Eine Verletzung ist passiert und die Entschuldigung wird akzeptiert.  

Komplizierter ist es mit Schuldgefühlen oder Schuldkomplexen. Sie gehen auf emotionale Rechnungen zurück, die auf unfairen Voraussetzungen beruhen. Denn es geht dabei um Abmachungen, die auf ungleicher Ebene abgeschlossen wurden, in der Regel zwischen Eltern und Kindern, und dazu noch ohne Papiere oder Worte. Es gibt also nur implizite Hinweise auf solche Abmachungen, sie können nirgends nachgelesen oder verifiziert werden.  

Vielmehr handelt es sich um Erwartungen der Eltern, wie Kinder zu sein und zu handeln hätten, Erwartungen, die nicht verhandelbar waren, sondern von den Eltern als Spielregeln vorausgesetzt wurden, und deren Nichteinhaltung mit Schuld in Rechnung gestellt wurde. Aus den angehäuften Schulden entwickeln sich die Schuldgefühle oder Schuldkomplexe, die sich wie eine Grundprägung des Schuldseins und Schuldigseins anfühlen. Tatsächlich haben Schuldkomplexe nichts mit dem Wesen des Menschseins zu tun, sondern sind aus Not gebildete Strategien, die der Sicherung des emotionalen Überlebens dienten.  

Solche Schuldthemen können sich belastend in langen Strecken des Lebens auswirken, solange ihr Ursprung nicht erkannt und verstanden wird. Oft nehmen sie Dimensionen an, die sich weit über den eigenen Verantwortungsbereich hinaus ausdehnen: Schuldgefühle wegen einer privilegierten Lebenssituation angesichts von Hunger und Armut, Schuldgefühle wegen der Lebensweise weiter Teile der Gesellschaft, die die Klimakrise mitverursachen, Schuldgefühle, eine Wohnung zu haben, während andere obdachlos sind usw. 

Die Urscham  

Schuld und Scham haben eine innige Verbindung, die allerdings einseitig ist. Es gibt keine Schuld, die ohne Scham daherkommt, während die Scham so weit vor der Schuld liegen kann, dass sie ganz ohne Schuld ist. Denn die Scham reicht tiefer und rührt an die Grundlage unserer Existenz. Wenn wir uns schämen, stellen wir unser Sein, und nicht bloß unser Handeln, in Frage. Sind demnach grundlegende Erwartungen der Eltern durch die Existenz der Kinder, für die sie verantwortlich sind, bedroht, so nistet sich bei den Kindern eine Urscham ein. Kinder, die ungewollt zur Welt kommen und von ihren Eltern oder von einem Elternteil aus diesem oder aus anderem Grund vor allem als Belastung und als Existenzbedrohung wahrgenommen werden, müssen mit dieser tiefsitzenden Form der Scham leben.  

Verunsicherungen auf der uranfänglichen Ebene des eigenen Seins graben sich als Schamgefühle und Ängste tief in die Seele ein und werden leicht aktiviert, wenn sich die äußeren Bedingungen ändern. Überall dort in der Gesellschaft, wo persönliche Beziehungen in anonyme umgewandelt werden, tritt einerseits eine Erleichterung auf, weil es auf der abstrakten Ebene der ökonomischen Tauschgeschäfte keine Scham gibt. Andererseits werden die angesprochenen Gefühle der Verunsicherung zusätzlich aufgeladen. Die Scham meldet sich hinter jedem Schritt der Anonymisierung von Beziehungen. 

Die Globalisierung der persönlichen Räume 

Es finden Umstellungen in den Beziehungsnetzen statt, die zur Entpersönlichung beitragen. Damit verschieben sich die Quellen für Beschämungen, aber sie werden nicht weniger. Wir sind zwar in vielen Bereichen der digitalen Medien und auch im öffentlichen Verkehr anonym unterwegs und begegnen anderen namenlosen Personen. Aber Abwertungen und Geringschätzungen treffen uns mindestens so heftig, wie die Auswirkungen jedes Shitstorms auf die davon Betroffenen zeigen. Cybermobbing hat schon Menschen in den Selbstmord getrieben.  

Offenbar geben wir fremden Personen eine Bewertungsmacht über uns, obwohl wir sie und sie uns gar nicht persönlich kennen. Und wir maßen uns selbst laufend Bewertungen an, über Menschen, die wir noch nie getroffen und mit denen wir noch nie geredet haben. Es ist, als ob sich unsere persönlichen Grenzen im Maß der digitalen Globalisierung auf die ganze Welt ausgeweitet hätten. In Folge unserer digitalen Präsenz sind wir global exponiert und verletzbar, haben aber auch gleichzeitig die Macht, alle anderen auf der globalen Ebene zu beschämen und zu verletzen. Obwohl oder gerade weil die digitale Welt in vielen Bereichen von anonymen Wesen bevölkert ist, sind die Grenzen der persönlichen Integrität um ein Vielfaches schwerer zu schützen. Es ist für die Einzelne gar nicht mehr überschaubar, wo der eigene Raum endet, wie eine Herrscherin, die über ein Riesenreich gebietet, das sie in ihrem Umfang noch nicht begriffen hat und dessen Grenzregionen sie nicht alle bereisen kann, weil es so viele sind. 

Die Grenzen werden immer verschwommener, was auch bedeutet, dass immer unklarer wird, wo die eigene Verantwortung beginnt und wo sie endet. Diese Entwicklung erfordert immer mehr Anstrengung, für sich und für die eigene Umgebung zu definieren, wo und wie Verantwortung übernommen werden kann und wo sie endet. Sie erfordert auch eine verstärkte Bewusstheit über die eigene Integrität im Umgang mit der globalen Öffentlichkeit. Wir brauchen also ein geschärftes Sensorium für die Scham, die uns aufmerksam macht, wenn wir unsere Integrität, also unsere eigenen Werte verletzen. 

Samstag, 27. Februar 2021

Digitale Einsamkeit: Covid und Psyche

Die Pandemie ist ein faszinierendes Phänomen, dessen Auswirkungen auf die Psyche so viele Facetten haben, wie es betroffene Menschen gibt. Wir können viele dieser Erscheinungen als Retraumatisierungen verstehen, d.h. als Wiederholungen früherer traumatischer Belastungen, die durch aktuelle Erfahrungen auftauchen und zu intensiven Gefühlsreaktionen führen. 

Beängstigende Digitalität 

Für viele Menschen bedeutet diese Zeit, dass sie sich mehr mit den digitalen Techniken und Medien auseinandersetzen müssen, ohne es zu wollen. Soziale Kontakte laufen wesentlich stärker über digitale Kanäle ab als über direkten, leibhaften und räumlich präsenten Austausch. Der Mangel an Nähe und zwischenmenschlicher Wärme, der daraus entsteht, ist offensichtlich; er wird gravierend, wenn durch die aktuellen Erfordernisse Mangelerfahrungen an Körperkontakt und Berührungen aus der Kindheit reaktiviert werden.  

Die Mangelerfahrung wird oft auf die gesamte digitale Welt projiziert mit der Klage, dass die Computer immer mehr Raum einnehmen und das Menschliche immer weiter zurückgedrängt wird. Dieser Trend ist unübersehbar und hängt mit der Unumkehrbarkeit der technologischen Entwicklung und der Dynamik des menschlichen Fortschrittsgeistes zusammen. Menschen wollen erfinden und gestalten, und die Folgen dieser Erfindungen und Gestaltungen melden sich erst nachträglich und müssen auf der sozialen Ebene bewältigt werden.  

Schwierig wird diese Verarbeitung dann, wenn die digitale Welt mit ihrer rationalen Logik und ihren standardisierten Abläufen mit dem emotionalen Klima der eigenen Frühzeit in Verbindung kommt. Schnell erscheint diese Welt undurchsichtig und feindlich, querlaufend mit den eigenen Bestrebungen. Es verschwinden die Perspektiven, wie trotz vermehrter Digitalität die analogen zwischenmenschlichen Beziehungen gepflegt werden können und wichtig bleiben. 

Eltern, die ihren Kindern immer wieder mit Spontaneität, Lebensfreude und Begeisterung begegnen, vermitteln emotionale Lebendigkeit und Sicherheit. Eltern hingegen, für die ein geregeltes Leben mit festgefügten Ritualen und Regeln wichtig ist und die die Erziehung danach ausrichten, dass die Kinder in die vorgegebenen Schemata eingepasst werden, vermitteln den Funktionsmodus als Normalzustand.  

Kinder mit diesem Hintergrund haben dann vor allem zwei Möglichkeiten: Sie identifizieren sich mit dem Funktionieren und richten sich in dieser kargen Welt ein. Ihnen wird die digitale Welt schnell vertraut und sie wachsen leicht in die abstrakten Zusammenhänge hinein. Die anderen bleiben dem Leiden am Mangel verhaftet, sodass sie jede Form der Digitalität an die Leblosigkeit im eigenen Familiensystem erinnert und abstößt. Schon die Eltern wurden als technische Gebilde erlebt, mehr als Maschinen denn als Menschen, deren Funktionsweisen erlernt werden müssen, um das eigene Überleben zu sichern. Zugleich konfrontiert jede Beschäftigung mit dem Medium und den Geräten mit dem Widerwillen gegen und der Abscheu vor den emotionalen Abweisungen in der Kindheit. Jemand, der oft kaltgestellt wurde, vielleicht sogar physisch (in den Keller gesperrt), wird jeden sperrigen digitalen Vorgang mit Kälte und Unlebendigkeit assoziieren. 

Was mit digitalen Geräten häufig passiert: Ein Knopfdruck ist falsch, schon stürzt alles ab. Was früher geschehen sein mag: Ein Blick oder eine Lautäußerung ist falsch, und schon bricht der Kontakt ab. In jedem Moment kann das soziale Überleben in Frage gestellt sein, ohne dass ersichtlich ist, was eigentlich falsch gelaufen ist, welcher Fehler gemacht wurde. In der Fragilität der Technik zeigt sich die Fragilität der frühen Beziehungen. Diese Mangelerfahrungen und Verletzungen steuern die emotionale Ladung bei, die existenziellen Gefährdungen aus den Vorerfahrungen liefern die emotionale Dramatik. 

Aufgezwungene Einsamkeit 

Diese Entwicklungen stehen in Zusammenhang mit den Regelungen für persönliche, also analoge Kontakte. Die Lockdowns haben für die meisten Menschen radikale Einschränkungen der sozialen Kontakte nach sich gezogen. Mit den Verlusten an analogen Formen des Austausches, die nur äußerst mangelhaft durch digital vermittelte Begegnungen ersetzt werden können, haben sich bei vielen Menschen Einsamkeitsgefühle gemeldet. Mit dem Andauern der Maßnahmen sind diese Gefühle langsam zu oft sehr belastenden Grundstimmungen herangewachsen sind, die bis zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit führen können.  

In diesen Gefühlen spiegeln sich alle Erfahrungen des Abgeschnittenseins und Verlassenseins wider, die in der frühen Lebenszeit aufgetreten sind. Es können Geburtserfahrungen sein (die Mutter ist nach der Geburt nicht da oder die Plazenta wurde zu schnell abgetrennt) oder Erlebnisse aus der Kindheit (die Eltern sind häufig weg oder emotional nicht anwesend). Unverstandene Kinder erlebten sich als einsam und verlassen, oft mitten in einer Familie mit vielen Menschen und oberflächlichem Reden.  

Das Gefühl des Abgeschnittenseins, das schon im Wort Lockdown mitschwingt, wird vor allem dann reaktiviert, wenn es frühe Erfahrungen gibt, dass die Verbindung zu den Hauptbezugspersonen verloren geht. Der Beziehungsabbruch kann jäh oder schleichend geschehen, also als akutes Trauma oder als Entwicklungstraumatisierung (subtilere Unterbrechungen der emotionalen Kommunikation, die immer wieder auftreten) erlebt werden. Die Kontaktverbote und Mobilitätseinschränkungen, die im Lockdown angeordnet werden, werden im emotionalen Gedächtnis mit den frühen Frustrationserfahrungen in Verbindung gebracht und können quälende Einsamkeitsgefühle wachrufen. 

Gibt es aus der Kindheit die bittere Erkenntnis, dass die Hoffnung auf die Wiederaufnahme emotional nähernder Beziehungen aussichtslos ist, besteht eine Grundlage für spätere Depressionen. Die Frustration paart sich mit Hoffnungslosigkeit, mit schwarz eingefärbten Zukunftsbildern. “Es wird nie wieder so werden, wie es einmal war. Es wird alles immer schlimmer,” so ist es auch heute oft zu hören. Das resignierte Kind, das sich Auswege in einer Fantasiewelt suchen muss, klingt durch solche Aussagen hindurch. Deshalb blühen die Fantasieserien in der Welt der gestreamten Medien. 

Die Abhängigkeit vom Netz 

Die technischen Geräte gewinnen ihre Informationen aus dem Netz. Ohne Verbindung sind sie in vielen Belangen hilflos und wertlos. Kaum bricht die Verbindung ab, stehen wir vor einer Leere, die wieder Ängste auslösen kann, die in keinem Verhältnis zur aktuellen Lage stehen. Denn die Anbindung ans Netz, die als so existenziell erfahren wird, spiegelt die Einnistungsthematik aus der Pränatalphase wider. Die Abhängigkeit von Kabeln oder kabellosen Verbindungen wird auf einer unbewussten Ebene mit Überlebensnotwendigkeiten assoziiert. Wenn das Kontaktmedium versagt und die Datenübertragung abbricht, gleicht es einer Katastrophe. Das ursprüngliche Kontakt- und Verbindungsmedium, die Nabelschnur im Mutterleib, war die Ader, die uns am Leben gehalten und unser Wachstum gefördert hat. Jede Unterbrechung des Austauschflusses war eine Überlebensbedrohung und jede spätere Erinnerung daran bringt die alten Gefühle hoch.  

Das Netz ist eine interessante Metapher, die an die frühe Schnittstelle erinnert, über die wir zur Außenwelt kommuniziert haben, die Plazenta, ein netzartiges Gebilde, das von kilometerlangen Blutgefäßen durchzogen ist. Wir sind in vielen Bereichen vom Datennetz abhängig geworden, so wie wir als Föten von der Plazenta abhängig waren. Allerdings hängt heutzutage unser Überleben nicht mehr vom Funktionieren der Schnittstellen zu den Informationsflüssen ab, aber die Ängste, die ein Versagen der Netze auslöst, können heftig empfunden werden, sobald die Erinnerungen an früher mitschwingen. 

Diese Lasten aus der Vergangenheit werden in Zeiten wie diesen, die von Unsicherheit und Ungewissheit geprägt sind, besonders leicht reaktiviert. Nur merken wir meist nicht, was wirklich vorgeht, wenn die Gefühle hochgehen und sich Ängste breit machen. Wir schieben die Macht unsere Gefühle auf die Außenbedingungen und schreiben sie den neuen Herausforderungen zu, die durch die geänderten Umstände auftreten. Dabei vergessen wir oft das hohe Niveau an Sicherheit und Berechenbarkeit, das wir erschaffen haben und das unserem Erwachsenenbewusstsein zugänglich ist. Immer wieder gewinnt das verletzte und verängstigte innere Kind die Oberhand – solange es nicht vom Erwachsenenanteil in uns verstanden ist und beruhigt werden kann. 

Zum Weiterlesen:
Faktizität und Innenerfahrung
Krisenängste und ihr Jenseits
Angstkonditionierung und Corona
Scham, Schuld, Corona


 

Samstag, 8. Juni 2019

Die Illusionsmaschine Internet und die Ethik

Mit illusionslosem Eifer und konzentrierter linkshemisphärischer Intelligenz hat die Menschheit eine immense digitale Welt erschaffen. Ihre Zugänglichkeit und Bedienbarkeit wurde soweit vereinfacht, dass sie schon Kinder verstehen und handhaben können, um sich in ihr wie einer zweiten Welt zu bewegen. Ein Medium ist entstanden, das beinahe alles enthält, was die Menschen an Wissen und an Illusionen hervorgebracht haben und laufend erweitern.

Wie viele Erfindungen und technologischen Neuerungen hat auch diese digitale Revolution ihre Licht- und Schattenseiten. Sie brachte uns Wissens- und Illusionsmaschinen. Zu den unbestreitbar positiven Errungenschaften zählen die niederschwellige Verfügbarkeit von Informationen und die kommunikativen Möglichkeiten der Vernetzung. In diesem Sinn ist die Menschheit mehr zusammengerückt, Bildung ist demokratischer und greifbarer für viele und es sind solidarische Aktionen weltweit möglich geworden. 

Auf der anderen Seite spiegeln sich im Netz auch die dunklen Seiten der Menschen. Es wird zur Information genauso genutzt wie zur Desinformation, zur Aufklärung wie zur Irreführung und Manipulation, zur harmlosen Unterhalten und zum Vorspiegeln von Illusionen und . Zwar hat es Betrügereien und Täuschung schon immer gegeben, aber in der digitalen Welt sind die Möglichkeiten um riesige Dimensionen gewachsen. Die ungeheure und stets wachsende Fülle an Informationen, die abgerufen werden können, steht im krassen Gegensatz zur schwindenden Orientierungsfähigkeit der Nutzer. Unsinnigkeiten, Dummheiten, Lügen und Gemeinheiten stehen nahezu ununterscheidbar neben Weisheiten, Fakten und  nützlichen Informationen. 

Damit wird die Urteilskraft zur wichtigsten digitalen Kompetenz: Wie kann der Spreu vom Weizen unterschieden werden? Wie erkennen wir Desinformation? Wie finden wir zu abgesicherten und vertrauenswürdigen Quellen? Wie können wir uns im Wust und Getümmel der Angebote an Produkten, Dienstleistungen und Informationen orientieren, ohne uns selbst – und unser Selbst – zu verlieren?

Die Schwierigkeit liegt darin, dass das Medium selbst eine starke Tendenz unterstützt, vom eigenen Inneren abgelenkt zu werden. Nichts in unserem Inneren funktioniert digital, wir sind rein analoge Organismen. Das Digitale ist ein unkörperliches Produkt unseres Geistes. In seiner Sphäre spüren wir uns selbst nicht, außer wir nutzen unsere bewusste Aufmerksamkeit. D.h. die gesamte Welt des Digitalen hat einen illusionären und irrealen Charakter, auch wenn Realität und Aufklärung über das Medium transportiert werden kann. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben lernen, insoferne als die Digitalität zu unserem Leben gehört. Das Umgehen mit dem Widerspruch kann darin bestehen, bei jeder Beschäftigung mit den digitalen Maschinen uns unserer selbst bewusst zu bleiben, indem wir z.B. immer wieder die Aufmerksamkeit auf den Atem und auf unser Fühlen lenken.


Wissen und Unwissen verbreiten


Information und Wissen haben den Dingen eine Eigentümlichkeit voraus. Wenn wir Wissen weitergeben, wird es mehr. Ich erkläre jemandem die Polyvagaltheorie. Damit entsteht ein neues Wissen in dieser Person, und auch mehr Verständnis für die Theorie in meinem Kopf. Gebe ich jemandem einen Apfel, so bleibt das ein Apfel, den ich jetzt nicht mehr habe. Ich verliere also durch das Geben. Wissen hingegen vermehrt sich mit der Weitergabe. Es wird im genauen Sinn nicht geteilt, sondern wandert mehr oder weniger als Ganzes zur anderen Person, während es bei der mitteilenden Person als Ganzes verbleibt und unter Umständen durch das Mitteilen sogar noch weiter wächst.

Was für die Information gilt, gilt auch für die Desinformation und Manipulation. Unwissen oder Antiwissen wird mehr durchs Verbreiten. Dazu kommt, dass sich die unethischen Motive (Gier, Hass, Machtstreben), die hinter dem Täuschen stecken, mit jeder Weitergabe der Falschinformation ebenfalls fortpflanzen, meist ohne Wissen der weitergebenden Menschen. Das Netz hat die Eigenschaft, dass es bestimmte Nachrichten in Windeseile und an große Menschenmengen verbreiten kann, ohne Kontrolle, ob sich die Nachricht auf erfundene oder reale Gegebenheiten bezieht. Es kann damit auch schnell enormer Schaden angerichtet werden. Denn Missinformationen schaffen Misstrauen, Desorientierung, Vorurteile, Verwirrung und Illusionen. Wo immer die Realitätsprüfung fehlt, entsteht ein Stück geistiger Welt, die keine Verbindung zur Wirklichkeit hat, sondern umgekehrt mittels ihrer Fehldeutungen die Wirklichkeitswahrnehmung verzerrt. 

Wo der Wirklichkeitsbezug fehlt, wird nicht nur die innere Wirklichkeit (die Fantasien, Illusionen, Fehldeutungen) mit der äußeren Wirklichkeit verwechselt. Außerdem werden Einstellungen geprägt, die in Handlungen übersetzt werden. Wird z.B. bei einem Menschen die Angst vor einer Katastrophe durch eine Fehlinformation erzeugt, wird die Person ihre Handlungen gemäß der Fehlinformationen ausrichten, um sich vor der vermeintlichen Gefahr zu schützen. Tendenziell wird sie auch die Menschen in ihrer Umgebung mit der Angst anstecken und auf diese Weise den emotionalen Gehalt der gefälschten Nachricht weiterverbreiten.

Es ist leicht ersichtlich, dass alle Radikalismen und extremen politischen Einstellungen sowie alle daraus resultierenden Gewaltakte und zerstörerischen Handlungen aus solchen Wirklichkeitsverwechslungen entstehen: Was im Inneren ist, wird für etwas im Außen gehalten. Die innere Wirklichkeit wird in die Umwelt projiziert. Das Böse wird im Außen identifiziert und damit wird jedes Mittel legitimiert, um es zu bekämpfen.

Damit hat die Täuschung ihr Ziel erreicht, eine Parallelwelt wurde erschaffen, die nicht mehr auf realen Gegebenheiten oder Ereignissen, sondern auf „alternativen Fakten“, also auf Fantasieprodukten beruht. Die Verwirrung ist komplett, und die Menschen sagen dann: „Man kann niemandem mehr vertrauen. Es gibt so viele Meinungen, und ich halte an dem fest, was ich glaube (also an meinen Vorurteilen).“ „Es gibt zu allem Studien, die einen sagen das, die anderen das Gegenteil, also kann man auch den Wissenschaften nicht mehr trauen. Außerdem sind die Wissenschaftler alle gekauft.“

Um die alternativen Fakten gruppieren sich die „alternativen Blasen“, die ihre Formen des Aberglaubens und der Mythologie für real halten und sich gegenseitig bestätigen. Es entstehen mehr und mehr Paralleluniversen, ähnlich wie die Bereiche unterschiedlicher Konfessionen, die nach unterschiedlichen Grundsätzen und Wirklichkeitsauffassung leben.


Paradox am rechten Rand


Paradoxon am Rande: Diejenigen, die in der gesellschaftspolitischen Diskussion die Entstehung von Ghettos und Parallelgesellschaften als Beispiele der Unmöglichkeit der Integration von Fremden kritisieren, sind jene, die sich besonders leicht in illusionären Zirkeln zusammenfinden, d.h. die, ohne es zu merken, selber in eine Parallelgesellschaft abdriften. Sie spielen zwar in einigen Belangen weiter in den allgemeinen Zusammenhängen mit, indem sie ihrer Arbeit nachgehen, Steuern zahlen und zur Wahl gehen, aber in ihrem geistigen Horizont schließen sie sich ab von dem, was in der Realität abläuft. 

Aktuelles österreichisches Beispiel: Ein führender Politiker breitet in einem Gespräch seine Pläne zum Aufbau einer Mediendiktatur und zur Korruption aus. Nachdem diese Realität an die Öffentlichkeit kommt, beginnt die Blase schnell zu reagieren, konstruiert einen Opfermythos und bagatellisiert die Realität als „besoffene Geschichte“. Auf diese Weise wird die moralische Wertung und die Zuteilung von Verantwortung verhindert und das eigene vorkonstruierte Weltbild zwischen den Guten und den Bösen bleibt bestehen, ja wird noch zusätzlich bestätigt. Viele andere sind entsetzt über das, was sich an Realität geoffenbart hat, doch die Blase hat schon längst ihre Rechtfertigung und ihren Mythos erzeugt, der sich über die Wirklichkeit stülpt wie eine Nebelwolke. Ähnlich wie eine türkische Community in einer mitteleuropäischen Großstadt, die die heimische Sprache nicht verwendet, ihre eigenen Gebräuche, Religion und Normenwelt beibehält, bildet die Blase der rechten Politikerfans eine verschworene Gemeinschaft (deshalb auch der Wahlslogan: „Wir halten jetzt erst recht zusammen!“) mit eigenen Normen und Wirklichkeitskonstruktionen, die vom Rest der Gesellschaft abgeschottet ist.


Integrität und wirkliche Wirklichkeit


Persönliche Integrität braucht einen Halt in der Realität, der verloren geht, wenn die Wirklichkeit nicht mehr von eigenen Angst- oder Wunschfantasien unterschieden werden kann. Aus Integrität wird dann moralische Beliebigkeit. Die ethischen Werte erodieren. Schließlich kann jeder alles tun, ohne dass es Folgen hat, und das, was offensichtlich amoralisch ist, wird umgedeutet, umgewertet und schließlich verherrlicht. Das ist auch das verheerende Image, das der gegenwärtigen US-Präsident pflegt und damit vielen als Vorbild für die eigene Unverschämtheit dient. 

In einer Demokratie ist es möglich, dass respektslose und unhöfliche Menschen von respektslosen und unhöflichen Menschen in die höchsten Ämter gewählt werden und von dort aus die Respektslosigkeit und Unhöflichkeit bei ihren Wählern und darüber hinaus verstärken. Im Internet bedarf es nicht einmal mehr einer Wahl, um zum Influenzer, zum Meinungsführer zu werden.  Es braucht nur genügend Clicks, Shares und Likes, schon wird der eigene Stil zum Trend und manifestiert sich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Integrität und ethisches Bewusstsein ist kein Kriterium.

Umso mehr braucht es die Kraft und Klarheit der Integrität, den Anspruch der Verantwortung und Integrität hochzuhalten, ohne Kompromisse.   verträgt keine Verwaschenheit und ist immun gegen Täuschung und Verwirrtaktiken. Wollen wir die Integrität in diesem Bereich wahren, gilt es, die Mühen der Ebene auf sich zu nehmen: Quellen überprüfen, recherchieren, vergleichen, publizieren. Auch das wird durch das Internet erleichtert, es gibt mehr und mehr seriöse Seiten, die die Fake-Seiten, Hoaxes und Betrügereien beobachten und dokumentieren. Dies gilt für Propaganda, die im Netz als seriöse Information getarnt ist, Halbwahrheiten, die als ganze präsentiert werden, Wirtschaftsinteressen, die sich als Wissenschaft verkleiden, Vorurteile, die als objektive Wahrheiten verkauft werden, Fantasien, die als Wirklichkeiten dargestellt werden usw. Die kritische Prüfung braucht es überall dort, wo Meinungen und Einstellungen geprägt werden – in den sozialen Medien, bei Internet-Zeitungen, Blogs und Foren. 

Wir können uns in virtuellen oder face-to-face-Gemeinschaften gegenseitig unterstützen, um Irrtümer, Irreführungen und Täuschungen zu korrigieren und Manipulationen zu entlarven. Es geht nicht darum, neue Blasen zu bilden, sondern die bestehenden zu öffnen, sodass sie mit Realitäten und Wahrheiten konfrontiert werden. Es geht darum, integre, offene und tolerante Gemeinschaften zu bilden, Foren der Öffentlichkeit, in denen kritische Diskurse geführt stattfinden und der Prozess der Wahrheitsfindung hochgehalten wird. Selbstreflexion und Selbstkorrektur sind die unabdingbaren Voraussetzung für die ethische Verantwortungsübernahme auch im Bereich des digitalen Datennetzes und seiner kommunikativen Auswirkungen.

Zum Weiterlesen:
Hass im Internet
Der trügerische Zauber der Illusion

Donnerstag, 13. März 2014

Rhythmen des Lebens

Rhythmik dürfte der Anfang der Musik sein. Viele archaische Rituale sind mit rhythmischem Trommeln verbunden, das zur Herstellung von tranceartigen Zuständen und zur Bewusstseinserweiterung eingesetzt wird. Die gleichmäßig immer wiederkehrende Abfolge von Schlägen hat einen starken Aufforderungscharakter an unser Bewegungsbedürfnis.

Der bewusstseinsverändernde Einfluss der Rhythmen, vor allem wenn sie durch Trommeln entstehen, die tief in unseren Organismus hinein wirken, zieht vor allem Menschen an, die unter Stress leiden. Der Rhythmus spiegelt einen Aspekt des Getriebenseins wieder, der eine Quelle von Stress ist. Zugleich beruhigt die Gleichförmigkeit und erzeugt ein Zurückfahren der äußeren Sinne. Dadurch entsteht ein Bewusstseinszustand, der dem Alltag entrückt.

Die beruhigend wirkende Monotonie findet bei rhythmusbetonter Musik den Kontrast im Taktschlag, der aufweckt und zur unwillkürlichen Bewegung anregt. So konnte der beat (besondere Akzente auf den unbetonten Taktteilen) eine ganze Generation aufwecken und in Bewegung bringen.

Rhythmus wirkt ansteckend und zwischen den Menschen verbindend zwischen den Menschen. Neulich hatte ich dazu eine Beobachtung. Im Zug sitzend, hatte ich Lust, mit den Händen auf meine Oberschenkel zu trommeln, in einem synkopierten Rhythmus, aber sehr leise, um niemanden zu stören. Ein paar Sitzreihen weiter sah ich einen Fuß zu dem Rhythmus wippen, ohne die zugehörige Person sehen zu können. Die Schwingung hat sich übertragen, ohne dass es der Person bewusst gewesen sein muss. Wir können also schwer stillhalten, wenn uns ein Rhythmus packt.

Analoge und digitale Rhythmen


Jede Musik bis in jüngste Zeit war analog, nicht digital. Wir können leicht irritiert reagieren und fühlen uns verfremdet, wenn ein Rhythmus maschinell klingt, also mit absoluter Exaktheit auf uns einhämmert. Vielleicht suchen wir manchmal diese Verfremdung, wenn wir in die Disco gehen, wobei mir auffällt, dass solche exakten und harten Rhythmen die Menschen vereinzeln, sodass sich jeder in seiner eigenen Weise und ohne Bezug zu den anderen bewegt. Möglicherweise geraten die Tänzer dabei in einen dissoziativen Zustand, in dem sie den Kontakt sowohl zu sich als auch zu den anderen verlieren.
Live-Trommler haben dagegen eine verbindende Wirkung auf Gruppen, und es kann beobachtet werden, wie die tanzenden Menschen ihre Bewegungen zum Teil unbewusst aufeinander abstimmen. Darin spiegelt sich unsere Vertrautheit mit der analogen Rhythmik von Ritualkulturen, wie sie in allen Stammesgesellschaften bestanden haben, die ihre tiefsten Wurzeln in uns hinterlassen haben.

Jeder menschliche Trommler macht winzige Abweichungen von der exakten Zählzeit, die seinem Trommeln eine individuelle Lebendigkeit verleihen. Joachim Ernst Behrend hat einmal über den swingenden Jazz-Schlagzeuger geschrieben, dass dieser so spielen müsse, dass der Eindruck entstehe, als ob das Stück immer schneller würde, wiewohl das Tempo in Wirklichkeit genau am Metrum bleibt. Der Musikphilosoph Theodor W. Adorno wiederum war ein Gegner der Jazz-Musik, weil er der Meinung war, dass diese nur den (digitalen) Rhythmus der Maschinen in den Fabriken wiedergebe und damit die kapitalistische Entfremdung propagiere.

Wenn Menschen Musik mit Hilfe eines Instruments oder der eigenen Stimme erzeugen, entsteht immer analoge Musik, die in der Rhythmik durch eine feine Balance zwischen Exaktheit und Unexaktheit gekennzeichnet ist. Im Rahmen einer vordergründigen Zuverlässigkeit bleibt Raum für individuelle Abweichungen, was in gewisser Weise das archaische Zusammenspiel von Gruppe und Individuum widerspiegelt: Die Gruppe gibt den Grundrhythmus vor, in dem sich alles bewegt, und jede einzelne Person kann in diesem Rahmen ihre eigene Bewegungsform entwickeln.

Deshalb gibt es bei der digitalen Erzeugung von Rhythmen (Drum-Computer) eigene Vorrichtungen, den Rhythmus zu „grooven“, d.h. zufällige minimale Variationen einzubauen, als digitale Imitation von menschlicher Analogie, die den Eindruck erwecken, ein Mensch und nicht eine Maschine würden hier trommeln. Doch können Maschinen im Grund nur plumpe Annäherungen an die menschliche Ungenauigkeit erzeugen, die das lebendige Vorbild nie erreichen können.

Daran merken wir die Anhänglichkeit an natürliche Rhythmen, die uns als Menschheit seit Urzeiten und als Individuen von allem Anfang an vertraut waren. Wir fühlen uns wohl, wenn wir in eine uns gemäße Schwingung kommen und von vertrauten Schwingungen umgeben sind. Wir schwingen „auf der gleichen Frequenz“, und schon ist sie da, die Liebe. So ist führt uns das Rhythmische in die Verbundenheit mit allem Lebendigen und sogar noch mit dem ganzen Universum, falls selbst dieses in seinem eigenen Takt pulsiert.