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Freitag, 27. Februar 2015

Stressansteckung und die Pflicht zum Entspannen

Stress, so scheint es, ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft. Chronischer Stress, das wurde schon öfters auf diesen Seiten erörtert, ist der Hintergrund vieler Erkrankungen und Leidenszustände. Die Voraussetzungen für die Chronifizierung von Stress liegen nicht nur in den Umständen unserer Gesellschaft, sondern auch in den frühen Lebenserfahrungen, die , wenn sie ungünstig waren, eine latente Stresserwartung aufgebaut haben, die dann von den vielfältigen Angeboten der modernen Gesellschaft aktiviert wird.

Ein Phänomen dabei ist die Ansteckung mit Stress. Was wir im Großen von Massenpaniken kennen, die glücklicherweise nicht allzu oft vorkommen, spielt sich im Kleinen in vielen täglichen Begegnungen ab. Die eine Person ist entspannt, die andere angespannt. Selbst wenn die Begegnung nur oberflächlich und kurz ist, wie auf einer Rolltreppe, kann sich schnell der Stress übertragen. Z.B. beginnt sich die entspannte Person über die hektische Person zu ärgern, die sie rempelt. Schon ist die Entspannung weg, und der Stress hat sich schon übertragen, wie ein Grippevirus durch das Husten.

Unsere Ansteckungsfähigkeit hängt ab vom Grundzustand unseres Stress-Immunsystems. Ähnlich wie beim Abwehrsystem des Körpers gegen Krankheitskeime, das andauernd aktiv ist, sodass wir nur dann krank werden, wenn es überfordert oder überlastet ist, hängt auch unsere Stressabwehr von aktuellen und „konstitutionellen“ Faktoren ab. Akute Anstrengungen und Leistungsanforderungen machen uns reizbarer und empfindlicher. Zu den „konstitutionellen“ Faktoren zählen die Stresserfahrungen aus den Früherfahrungen, ihre Intensität und ihre Dauerhaftigkeit, die die Robustheit oder Anfälligkeit unserer Stressabwehr beeinflussen.


Projektion und Stressübertragung


Was passiert, wenn sich Stress überträgt? Es läuft ähnlich wie bei Projektionen. Bei Projektionen wird ein Trauma innerlich aktiviert. Ein wichtiger gefühlsmäßiger Anteil daran wird nicht wahrgenommen und statt dessen abgespalten und bei anderen Menschen wahrgenommen. Wir reagieren emotional auf das Verhalten dieser Personen, mit Furcht, Verletztheit oder Ärger. Und wir bemühen uns, die anderen Personen dazu zu bringen, ihr Verhalten, das uns so aufregt, abzustellen und sich in unserem Sinn zu ändern. Jedoch haben wir meist nur einen beschränkten Erfolg. Auch wenn sich die andere Person bemüht, ihr Verhalten zu ändern, kommt es immer wieder zu Rückfällen. Es kann aber auch sein, dass sich im Maß unserer Bemühungen, die andere Person zu ändern, deren Verhalten sogar verstärkt.

Wir müssen erst einmal einsehen, dass es unser Unterbewusstsein ist, das andere Menschen zu dem Verhalten einlädt, damit wir das eigene Trauma nicht spüren müssen. Dann können wir in uns an der Aufarbeitung des Traumas arbeiten und werden erkennen, wie wir aufhören, auf das Verhalten der anderen Person, das uns früher so störte, emotional zu reagieren. Wir bleiben gelassen. Meistens führt es dazu, dass die andere Person ohne jede Aufforderung und ohne jeden Druck von unserer Seite mit ihrem Verhalten „von selber“ aufhört. Die unbewusste Einladung ist nicht mehr da, deshalb macht das Verhalten keinen Sinn mehr.

Mit Stress verläuft es ähnlich: Wenn sich eine Person im Stress fühlt, versucht sie unbewusst, andere Menschen anzustecken, damit sie sich in ihrem Stressmuster bestätigen kann. Stress wird durch Angst ausgelöst, und unbewusst suchen wir in der Angst Verbündete, die die Angst teilen. Wir erzählen deshalb anderen Menschen, wenn uns etwas Schreckliches passiert ist oder droht, und wollen, dass sich diese genauso aufregen wie wir selbst. Hilft das nicht, dann werden wir aggressiv auf die andere Person: Du verstehst mich nicht, du willst nur beschwichtigen, du ignorierst die Gefahr etc., bis wir die andere Person in einen Stresszustand versetzt haben. All das läuft natürlich nur in seltenen Fällen bewusst und geplant ab (z.B. bei politischer Propaganda), meist sind unbewusste Mechanismen am Werken. Je weiter wir in die Fänge dieser Abläufe geraten, desto schwerer ist der Weg wieder heraus zu finden.

Wenn also andere Personen auf die eigene Stress-Schwingung ansprechen und entsprechend reagieren, geraten sie, ohne es zu merken, in Stress. So bauen sich Stressfelder auf. Jede Person, die neu dazukommt, wird von immer mehr Menschen angedockt, sodass es immer schwerer wird, sich von der Ansteckung fern zu halten. So kann sich Stress wie eine Seuche ausbreiten, historische Beispiele gibt es genug, noch mehr zu denken geben sollten uns allerdings die Alltagsszenen, weil wir von diesen unmittelbar selber betroffen sind.

Paradox erscheint in diesem Zusammenhang, dass das rasante Ansteigen von nichtansteckbaren Krankheiten (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Asthma, usw.) möglicherweise gerade durch Ansteckung mit Stress hervorgerufen oder begünstigt wird. 


Stressresilient werden


Zu lernen, trotz Stressangebot entspannt zu bleiben, ist eine wichtige Voraussetzung nicht nur für Berufe, die mit Notsituationen zu tun haben, sondern für alle Menschen einer stressanfälligen Gesellschaft. Auf der Ebene des Nervensystems formuliert, geht es darum, die Leistungsfähigkeit des Parasympathikus zu steigern. Dazu dienen alle Formen des Entspannungstrainings und der Meditation. Dazu gilt es, die Quellen der chronifizierten Stresserwartungen aufzuspüren und mit Hilfe von Therapie zu heilen.

So bauen wir eine Stresskompetenz auf, die uns hilft,

  • Entspannung in uns zu kultivieren
  • Stressangebote zu erkennen
  • Auf Stressangebote nicht zu reagieren
  • Bei Reaktion auf das Angebot schneller wieder in die Entspannung zu kommen.

Mit verbesserter Stresskompetenz tun wir uns selber viel Gutes: Bekanntlich ist unser Immunsystem stressabhängig, ergo bleiben wir gesünder, wenn wir uns gut entspannen können. Wir leben ausgeglichener, kreativer und leistungsfähiger, zugleich sozial offener.

Wir tun aber auch anderen viel Gutes: Wir helfen ihnen, aus dem eigenen Stressmuster schneller auszusteigen, wenn wir entspannt auf Stressangebote reagieren. Wir reduzieren damit den allgemeinen Stress in unserem Umfeld und setzen Domino-Effekte in der anderen Richtung in Gang: Menschen, die sich in unserer Gegenwart entspannen, entspannen Menschen, mit denen sie in Kontakt kommen.

Wenn wir den Weg der Meditation und Therapie gehen, die aus meiner Sicht in Kombination die wichtigsten Hilfsmittel zum Aufbau von Stressresilienz sind, leisten wir einen nicht unbeträchtlichen Teil zur Ausbalancierung einer Stressgesellschaft. Dafür können wir uns auch anerkennen. Wir können aber auch, angesichts der Offensichtlichkeit der hier angesprochenen Zusammenhänge, einen ethischen Imperativ formulieren, der lauten könnte: Handle so, dass du die anderen Menschen so gut du es vermagst, in einen Entspannungszustand versetzst, indem du alles, was in deinen Möglichkeiten liegt, tust, um dich zu entspannen.

Beginne damit, deinen Ausatem zu entspannen…


Vgl. Ansteckender Stress

Mittwoch, 15. August 2012

Meditation und Langeweile


Ob du mehr oder weniger in Meditation geübt bist – es würde mich wundern, wenn du beim Meditieren noch nie mit Langeweile in Kontakt gekommen bist. Da nehmen wir uns vor, uns eine halbe Stunde hinzusetzen, um nach innen zu schauen. Doch wir finden nichts, was uns interessiert, die Gedanken schweifen immer wieder ab, und das Sitzfleisch beginnt zu schmerzen. So hoffen wir, dass die Zeit endlich um ist. Da schauen wir auf die Uhr … und es sind erst fünfzehn Minuten vergangen. Wir wollen bei unserem Vorhaben bleiben und schließen wieder die Augen und öffnen sie hoffnungsvoll nach einer genügend langen Zeit, nur um zu sehen, dass wir noch immer fünf Minuten bis zur halben Stunde haben. Die Zeit zieht sich ganz seltsam in die Länge, sie dehnt und dehnt sich.


Es wäre ungewöhnlich, wenn uns die Langeweile in der Meditation nie begegnen würde. In der Meditation sollten wir auf alles stoßen, was wir von unserem Erleben kennen. Meditation ist kein vom sonstigen Leben abgesetzter, außergewöhnlicher Zustand, sondern ist die Zeit, die wir uns geben, um unserem Leben von innen her bewusst zu begegnen. Das kann alles umfassen, von Nervosität bis Stille, von Freude bis Traurigkeit, von Gedankenfülle bis innerer Stille, und eben auch Langeweile.

Das Eigentümliche der Langeweile besteht nun darin, dass sie verschwindet, sobald wir uns ihr bewusst zuwenden. Wenn wir also innerlich erforschen, wie wir uns fühlen, wenn uns langweilig ist, ist das nicht mehr langweilig, und das, was wir erforschen wollten, hat sich aufgelöst – in andere Gefühle und Empfindungen, z.B. Nervosität, Unruhe, Bewegungsimpulse, rastlose Gedanken usw. Sobald uns diese Inhalte unseres Bewusstseins bewusst werden, sobald wir also unsere innere Aufmerksamkeit auf sie lenken, werden sie interessant, vielfältig und bunt. Die lähmende und fahle Leblosigkeit, die dem Langeweile-Zustand eigen ist, weicht, und das Starre kommt ins Fließen.

Ich war vor kurzem auf einem Langstrecken-Nachtflug von Brasilia nach Lissabon „unterwegs“ (etwas Eingetümliches bei Flugreisen liegt ja darin, unterwegs zu sein, fast ohne sich bewegen zu können, d.h. der Weg wird nahezu bewegungslos zurückgelegt). Eingekeilt in den engen Sitz, desinteressiert am Filmangebot und unbegabt zum Schlafen im Flugzeug hatte ich viel Gelegenheit, die Langeweile zu erforschen, und am Ende der neun Stunden, als das Flugzeug europäischen Boden berührte, hatte ich nicht den Eindruck, eine endlos langweilige Zeit überstanden zu haben, sondern viel Interessantes erlebt zu haben, sodass sich der Geist frisch anfühlte (im Gegensatz zum Körper...).

Was lernen wir dabei über die Langeweile? Natürlich, sie ist ein Produkt des Verstandes, denn wenn wir im Moment sind, also in der unmittelbaren Erfahrung, so gibt es dort immer etwas Neues, aber keine Langeweile. Der Verstand konstruiert einen Zustand, der etwas Aufregendes fordert, etwas Reizvolles und Spannendes. Er hungert nach Beschäftigung und Herausforderung und übersieht das Unspektakuläre und Einfache, das das Erleben im Moment kennzeichnet, z.B. die Eigenart und Besonderheit des gerade aktuellen Atemzuges.

Der Reizhunger unseres Verstandes folgt einem Suchtmuster. Je mehr wir uns mit Reizen füttern, desto mehr steigt das Verlangen nach noch mehr und noch vielfältigeren Reizen. Das Suchtmuster hat also eine quantitative und eine qualitative Komponente und ist deshalb praktisch unendlich in seiner Gier. Es ist übrigens eine Ableitung aus der im materialistischen Bewusstsein geprägten Steigerungsform im Anhäufen von materiellen Werten. Wir suchen z.B. den Besitz von Geld zu steigern, ohne je zu einem befriedigenden Endzustand zu gelangen, wie auch die Zahlenreihe kein happy end kennt. So treibt das Verlangen immer weiter, bis zur Erschöpfung oder bis zum Tod.

Dem Stillen dieser Gier nach Reizen widmet sich eine riesenhafte Industrie, die das Vertreiben der Langeweile verspricht und dabei immer mehr derselben produziert. Wenn wir uns Fernsehsendungen aus den sechziger Jahren anschauen, halten wir das kaum aus, weil sie so umständlich und langsam dahinplätschern, mit einfachen Mitteln und simplen Dekorationen. Doch wer damals die Anfänge des Fernsehens (zunächst schwarz-weiß und dann farbig) mitverfolgt hat, weiß, wie aufregend jede Sendung war. Seither hat sich unser Reizhunger beständig weiter entwickelt, bis hinein in die Schnitttechnik von Spielfilmen, die in immer kürzeren Sequenzen die Zuschauer in Bann halten will. Beinahe im Sekundenrhythmus muss Neues geschehen, bricht Unerwartetes an Bildern und Emotionen auf das Publikum ein, das damit in Dauerstress versetzt wird. Die Lücken zwischen einem Gag und dem nächsten werden immer kürzer (damit braucht der Gag keine besondere Qualität mehr, muss also nicht besonders witzig sein, weil die Zeit zum Lachen sowieso nur kurz ist).

In dieser Art wird die Stresserwartung unseres Verstandes befriedigt und zugleich gekräftigt. So dreht sich die Spirale weiter, immer schneller. Innerlich dehnt sich die Spannung zwischen maximaler Reizfütterung und Erschöpfung. Langeweile muss um jeden Preis vermieden werden, da sie uns auf uns selbst zurückwirft und uns zwingt, uns selbst zu spüren. Das ist unangenehm, deshalb gieren wir nach dem nächsten Außenreiz.

Wie wohl tut uns deshalb die Natur, weil sie uns einen beständigen ruhigen Fluss von sanften Reizen vermittelt. Die Natur verspricht nie mehr als sie ist und geht nicht auf unsere Stresserwartungen ein, sondern zeigt uns, wie wir uns mit der Fülle dessen, was schon da ist, begnügen können und entspannen dürfen.

Und wie wohl tut uns Meditation, in der wir uns auf den Weg zur inneren Stille machen. Dass wir dabei der Langeweile begegnen, sollte uns nicht verwundern. Sie zeigt uns, wie wir unser Leben bis an den Rand mit Dingen ausgefüllt haben, damit uns keine Lücke Angst machen kann. Wenn wir in die Angst hineinspüren, die dort auftauchen kann, wo es innerlich leer wird, kommen wir an die Wurzel der Langeweile-Stimmung. Wir machen uns vertraut mit der Angst und nehmen ihr ihren Schrecken. Dabei wandelt sich die Sucht nach Außenreizen in ein inneres Abenteuer, das uns näher zu uns selbst führt. Je mehr wir diesen Innenraum zu schätzen lernen, desto freier werden wir von den Verlockerung der Unterhaltungsindustrie und zugleich von der öden Stimmung der Langeweile. Statt dessen lernen wir den Reichtum in der Einfachheit zu schätzen und zu mehren.

Vgl.: Störungen in der Meditation