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Donnerstag, 2. Dezember 2021

Ethischer Perfektionismus und seine Überwindung

Die Ethik erforscht die Beweggründe des menschlichen Handelns und ihre Auswirkungen auf das Zusammenleben der Menschen. Sie stellt die Frage nach dem Guten und dem Bösen und bewertet die Maßstäbe und Werte, nach denen die Menschen ihre Handlungen setzen. Ich gehe im Folgenden auf die ethischen Paradigmen ein, die vom Übergang von der fünften, personalistischen, zur sechsten, systemischen Bewusstseinsebene wichtig sind. In den vorhergehenden Blogbeiträgen zur Impf-Debatte habe ich vor allem auf das systemische Ethikparadigma zurückgegriffen, ohne es explizit zu erläutern, was hier nachgeholt wird.

Die personalistische Ethik

Ein wichtiges Merkmal der personalistischen Bewusstseinsstufe besteht darin, dass die Person in den Mittelpunkt der Ethik gerückt wurde: Jeder Mensch ist für seine Handlungen voll verantwortlich, und sein Gewissen gibt ihm Auskunft darüber, was gut und was böse ist. Der ethische Maßstab für das Bewerten der Handlungen wird ganz ins Subjekt verlegt, es muss vor sich selber rechtfertigen, was es tut. Diese Verinnerlichung der Ethik, bei der es primär nicht um das Befolgen von Standards geht, die von au8en durch die Gesellschaft oder die Machthaber vorgegeben sind, geht zurück auf den Einfluss des Christentums. Besonders durch die Reformation im 16. Jahrhundert wurde der Akzent der ethischen Fragestellung rigoros von außen nach innen verlegt.

Die Schuldspannung im personalistischen Bewusstsein  - das nie erreichbare Ideal des durch und durch guten Menschen ist die Grundlage für den ethischen Perfektionismus. In der religiösen Perspektive mit einem Schuldkonto verknüpft, das nach dem Tod ausgewertet und eingelöst wird und die Lebenschancen für die jenseitige Zukunft bestimmt, die mit der Ewigkeit gleichgesetzt ist. Das ganze Leben steht unter dem Gewissensdruck, es nie gut genug zu machen. Am Horizont wartet die Vorerinnerung an den Tod und an das unerbittliche Gericht, das danach kommt.

Hier liegen die Wurzeln des ethischen Perfektionismus, der Vorstellung, dass jede Handlung von der Erfüllung der höchsten Wertvorstellungen bestimmt sein muss und dass von ihrer Richtigkeit die persönliche Integrität abhängt. 

Alles, was diesem Anspruch nicht gerecht wird, muss als böse charakterisiert werden, in theologischer Sicht als Schädigung der Gottesbeziehung, profan betrachtet, als gemeinschafts- und sozialschädlich. Nach reformatorischer Ansicht kann nur Gott von der Schuld der ethischen Unvollkommenheit erlösen. Da immer ein Stück Unvollkommenheit selbst bei der besten Lebensführung verbleibt, gelingt es nie, diese Schuld vollständig zu tilgen. Es bleibt ein moralisches Minderwertigkeitsgefühl, das den Menschen ganz von der göttlichen Gnade abhängig macht.

In dem permanenten verinnerlichten Schulddruck findet sich einer der Gründe der Abkehr von der göttlichen Überinstanz in der Ethik, die noch von personalistischen Denkern wie Friedrich Nietzsche vollzogen wurde. Denn den  Autonomiebestrebungen, mit denen sich die moderne Person aus Abhängigkeiten befreien und selbst verwirklichen will, steht jede außermenschliche Moralinstanz im Weg.

Die systemische Ethik

Auf der folgenden Bewusstseinsebene wird auf die göttliche Korrekturinstanz in ethischen Belangen verzichtet und der Bezugspunkt der Ethik richtet sich auf das dynamische Gleichgewicht der Elemente von Systemen sowie der jeweiligen Systeme untereinander. Was ein System destabilisiert, widerspricht der Ethik, was es fördert und wachsen lässt, entspricht ihr. Der Blickpunkt geht weg vom Subjekt, das immer auch als Teil eines Systems wahrgenommen wird. Alle Entscheidungen, die wir treffen, alle Handlungen, die wir setzen, betreffen alle anderen Elemente des Systems und werden im Licht dieser Auswirkungen bewertet. Genauso sind wir von allen Entscheidungen und Handlungen der anderen Elemente mitbetroffen. Die Ethik dient also als Korrekturinstrument für die Abläufe in den Systemen. Alle Bewertungen sind relativ, auf den jeweiligen Kontext bezogen. Es gibt keine absoluten Moralinstanzen mehr, von denen alle abhängig sind und auf die man sich berufen kann.

In Bezug auf die Impfdebatte heißt das, dass es keine absolut richtige oder falsche Entscheidung geben kann. Es geht um die Abstimmung der Erfordernisse der einzelnen involvierten Systeme. Das eigene Körper-Seele-System steht, wie schon besprochen, im Sinn der personalen Ebene bei vielen im Vordergrund der Entscheidung, ob für oder wider die Impfung. Da diese Ebene untrennbar mit der sozialen Ebene verknüpft ist, gibt es in diesem Feld die meisten Auseinandersetzungen, die, weil sie personal geführt werden, zu keinen Fortschritten führen, sondern dazu, dass sich die unterschiedlichen Positionen verfestigen. Die Geimpften fühlen sich bedroht von den Nichtgeimpften, die Ungeimpften fühlen sich von den Geimpften unter Druck gesetzt und moralisch abgewertet. Manche von ihnen greifen darüber hinaus die Geimpften als die vergifteten und eigentlichen Bösewichte an, usw.

Die systemische Ebene fragt nicht danach, wer Recht hat und wer nicht, sondern sie wägt zwischen den Erfordernissen der Personen und der unterschiedlichen Systeme ab. Dazu werden nicht nur individuelle Erfahrungen und Urteile herangezogen, sondern vor allem die wissenschaftlichen Befunde, die den Blick auf größere Einheiten und deren Verfasstheiten ermöglichen. Nur über wissenschaftliche Datenerhebung kann abgeschätzt werden, welche Maßnahmen langfristig zu Erfolg führen und welche nicht. In der individuellen wie in der politisch-kollektiven Entscheidungsfindung, die sich in Hinblick auf das Impfen stellt, sollte das allen zugängliche und nachvollziehbare wissenschaftliche Wissen eine prominente Rolle spielen, weil es in der Lage ist, Egoismen, die von der personalen Ebene kommen, auszugleichen.

Das Ende des ethischen Perfektionismus

Auf der systemischen Ebene macht der ethische Perfektionismus keinen Sinn mehr. Je deutlicher sichtbar ist, in wie viele komplexe Zusammenhänge jedes menschliche Handeln eingebunden ist, desto klarer wird, dass es keine absolut richtigen Handlungen und Entscheidungen geben kann. Es gibt bei jedem Tun oder Nichttun Bereiche der Wirklichkeit, die Schäden erleiden. Jede Handlung ist ein Kompromiss zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen der verschiedenen Systeme, deren Teil wir sind. Wenn wir viel konsumieren, schädigen wir die Umwelt; wenn wir wenig konsumieren, schädigen wir den Handel. Wenn wir uns impfen lassen, nehmen wir das Risiko von Nebenwirkungen und eventuellen langfristigen Schäden auf uns; wenn wir uns nicht impfen lassen, nehmen wir das Risiko von schwerer Erkrankung auf uns, ebenso wie das Risiko, im Fall der Infektion verstärkt andere anzustecken. 

Es sind diese beiden Risiken, die mich zur Einschätzung gebracht haben, dass das Impfen im Sinn der sozialen Systeme die ethisch bessere Entscheidung ist als das Nichtimpfen. Während für das Impfen die eigene Gesundheit wie die Gesunderhaltung anderer spricht, hat das Nichtimpfen nur einen möglichen (und nicht einmal wahrscheinlichen) individuellen Vorteil auf seiner Seite. In diese Einschätzung fließt das ein, was ich als Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen aufgefasst und verstanden habe. Es ist zwar keine absolut gültige Einschätzung, allerdings eine, die ich mit vielen teile und für die ich auf gute Argumente zurückgreifen kann. 

Die Bedeutung der Transparenz

Jede andere Einschätzung verdient Respekt und Achtung, muss sich aber auch die Anfrage an die Kriterien, auf denen sie beruht, gefallen lassen. Denn zur Wirksamkeit der Ethik in Systemen gehört ihre Rückkoppelungsfunktion. Das, was eine Person als wirk- oder heilsamer für ein System erachtet, kann nicht einfach vom Tisch gewischt oder ignoriert werden; dadurch würde nicht nur die Person, sondern das ganze System geschwächt. Es braucht die Debatte und Auseinandersetzung, die nur dann weiterführt, wenn sie ohne Machtansprüche oder Manipulationen abläuft. 

Eigene Entscheidungen, die das Ganze mitbetreffen, müssen in ihren Motiven transparent gemacht werden, damit es zum wechselseitigen Verständnis im System kommt. Auf dieser Basis entsteht Verständnis und Verbindung, wichtige Grundlagen für die von der Gemeinschaft getragene Weiterentwicklung. 

Es muss klar werden, welcher Anteil der Motivation aus der personalistischen Ebene stammt und nur den Eigeninteressen der Person gilt und welcher für die Gemeinschaft relevant ist. Es ist legitim, die eigenen Interessen mit zur berücksichtigen, doch nur, wenn sie öffentlich bekannt gemacht und untereinander abgestimmt sind, wenn also die personale mit der systemischen Ebene verknüpft wird. Korruption z.B. besteht darin, dass der individuelle Vorteil auf Kosten der Allgemeinheit gesucht wird und die entsprechenden Machenschaften geheim bleiben.

In der systemischen Ethik werden die Sichtweisen abgewogen und die Personen als gleichrangig betrachtet. Die eigene Person hat einen Platz, so wie die anderen. Ebenso haben die verschiedenen Wirklichkeitsbereiche ihren Platz: Die Gefühls- und die Gedankenwelt, das Regionale, das Nationale und das Internationale, das Innere und das Äußere, das Ich und die anderen usw. Die Ethik baut Brücken und saniert sie, wo sie brüchig werden. Denn alle Verbindungen müssen aufrecht bleiben und möglichst gut im Fluss sein, dann gedeihen die Systeme und bewältigen ihre Herausforderungen. 

Die universalistische Stufe

Das systemische Paradigma der Ethik ist nicht der Weisheit letzter Schluss, deshalb gibt es im Modell der Bewusstseinsevolution noch eine siebente Stufe. Sie ist jenseits der Ängste angesiedelt, die auch auf der systemischen Ebene noch eine Rolle spielen. Sie ist in Momenten gegenwärtig, in denen wir einfach tun, was zu tun ist, weil es sich in sich stimmig anfühlt. In dieser Stimmigkeit sind die beiden vorher besprochenen Bewusstseinsebenen enthalten. Das Gute und das Böse spielen keine Rolle mehr, weil die Bewertungsfreiheit der systemischen Ebene mitschwingt und verallgemeinert wird. Da diese Ebene in unserer Welt erst sporadisch vorkommt, spielt sie bei praktischen Fragen wie der Pandemiebekämpfung nur eine geringe Rolle. Sie kann uns jedoch dazu verhelfen, die Dramatik und Verbissenheit der Streitkulturen hinter uns zu lassen.

Zum Weiterlesen:
Impfen, Wissen und Wissenschaft
Die Ethik des Impfens
Fixierungen in der Impfdebatte



Donnerstag, 25. November 2021

Impfen, Wissen und Wissenschaft

Aus einer systemischen Sicht, die sich auf die systemisch operierenden Wissenschaften und auf die integrale Ethik bezieht, gibt es zwei Argumente für die Corona-Impfung. Erstens: Sie stellt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Schutz vor schweren Verläufen dar und schränkt die Gefahr, Viren weiterzugeben, stark ein. Außerdem wird dadurch das Risiko vermindert, dass sich Mutationen bilden. Sie hat also einen subjektiven und einen sozialen Nutzen. Die Nebenwirkungen, die auftreten können, sind statistisch gesehen gering, und damit überwiegen die Vorteile bei weitem die Nachteile. Das ist die Botschaft der Wissenschaft – wenn auch nicht aller Wissenschaftler und Leute, die in diesem Feld publizieren. Ich beziehe mich in dieser Argumentation auf das Modell der Bewusstseinsevolution aus meinem Buch „Vom Mut zu wachsen“. 

Zweitens: Geimpfte tragen mehr zur Eindämmung der Pandemie bei als Ungeimpfte; sich nicht impfen zu lassen, trägt nichts zur Eindämmung bei, sondern fördert die weitere Verbreitung des Virus und verlängert die Krisensituation. Da die Pandemie weiterhin viel Leid und viele Todesfälle bewirkt, besteht die ethische Pflicht darin, das zu tun, was die Not wendet, und dazu gibt es nach allen vorliegenden Daten vor allem die Möglichkeit der Impfung. Ungeimpfte, die diesen Schritt nicht vollziehen, tragen damit eine höhere ethische Mitverantwortung für die Opfer der Pandemie als die, die sich trotz des Risikos von Nebenwirkungen impfen lassen. Mit jedem Tag, an dem sich jemand nicht impfen lässt, steigt die Mitverantwortung für das Weiterwachsen der Ansteckungen und der damit verbundenen Auswirkungen. (Ausgenommen sind natürlich jene wenigen, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen dürfen.) Auf dieses zweite Argument gehe ich in einem weiteren Artikel noch ein.

Wissenschaftliche Erkenntnis und Einzelbefunde

Auch wenn dieser Befund vielen nicht gefallen wird, müssen erst stichhaltige Gegenargumente gefunden werden. Das Wissenschaftsargument kann nicht mit Einzelerfahrungen ausgehebelt werden, nach dem Schema: “Ich kenne jemanden, der … hatte einen schweren Impfschaden oder der ist mit zwei Impfungen auf die Intensivstation gekommen.” Es gelten auch nicht Einzelmeinungen von selbsternannten Oberexperten, die sich als Wissenschaftler bezeichnen, während sie sich gegen “die” Wissenschaft stellen. Es sind Personen, die oft mit dem Habitus auftreten, “die” Wahrheit erkannt zu haben und damit die Blindheit der Masse – in den Wissenschaften, in den Medien und in der Gesellschaft – durchleuchten. Sie wollen alles besser gewusst haben und sind oft nicht einmal dialogfähig. 

Menschen, die solchen Propheten nachlaufen, haben offenbar den Charakter der Wissenschaft nicht verstanden. Sie besteht nicht aus einer Summe von Einzelmeinungen, hervorgebracht von fehlbaren Einzelpersonen, und erschafft ein Feld von widersprüchlichen Botschaften, aus dem sich jeder herauspicken kann, was gefällt oder die eigenen Vorurteile bestätigt. Vielmehr beruht die Wissenschaft auf Ergebnissen, die aus dem Zusammenwirken – je nach Themenbereichen – von dutzenden, hunderten und tausenden Forschern entstehen. Da die Corona-Frage zu den zentralen Themen der Gegenwart zählt, geht die in diesem Feld arbeitenden Forscher und Forscherinnen wohl in die Zehntausende. Die Ergebnisse dieser Arbeiten sind nicht beliebig wie das, was eine Einzelperson mit medialer Unterstützung als Wahrheit kundtut und als wissenschaftlich anpreist. Wissenschaftliche Ergebnisse werden laufend weiterevaluiert und nach dem Falsifizierungsprinzip weiterentwickelt. Wissenschaftler können nie von letztgültigen oder absoluten Wahrheiten reden; wenn sie das tun, reden sie nicht als Wissenschaftler. 

Die Selbstkritik in den Wissenschaften geht so weit, dass es schon lange die Disziplin der wissenschaftlichen Wissenschaftskritik gibt. Die Erkenntniskritik, die in der Philosophie beheimatet ist, sorgt für die Klärung der Grundlagen der Wissenschaften und ihrer Geltungsansprüche. Was die Erkenntnis der Wirklichkeit anbetrifft, haben wir keine bessere Vorgehensweise als die wissenschaftliche. Sie führt uns also am nächsten an die von den Subjekten unabhängige Wirklichkeit heran. Alle, die heute gegen die Wissenschaft wettern, tun das mit den Mitteln und auf Grundlagen, die die Wissenschaft entwickelt hat. Die aktuelle Wissenschaftsskepsis zumindest in den Medien beruht auf erfolgreichen wissenschaftlichen Forschungen. Und sie gründet auf den Errungenschaften der Aufklärung, die immer wieder zur Kritik und Überprüfung von herrschenden Meinungen auffordert.

Der Personalisierung der Wissenschaft 

Wir können die Wissenschaft und ihre Form der Wahrheitsfindung nur verstehen, wenn wir uns auf der systemischen Bewusstseinsstufe befinden. Solange wir wissenschaftliche Erkenntnisse personalisieren, also einzelnen Personen zurechnen, haben wir nicht voll verstanden, worum es in der Wissenschaft geht und wie sie funktioniert. Das Misstrauen in die Wissenschaft kommt aus dem Misstrauen gegenüber der Fehlerhaftigkeit von Personen. Wir wissen alle, dass Menschen fehleranfällig reagieren und manchmal von “niedrigen” Antrieben gesteuert und korrumpierbar sind. Das hat aber nichts mit der Wissenschaft zu tun, die ausgefeilte Mechanismen der Selbstreinigung enthält, durch die die individuelle Fehleranfälligkeit und Korrumpierbarkeit einzelner Forscher ausgeglichen wird. 

Aus systemischer Sicht haben Fehler eine andere Wertigkeit, sie gelten als Chance und Anlass für Verbesserungen. Aus personalistischer Sicht allerdings bedrohen die Fehler anderer Menschen die eigene Integrität und das eigene Weiterkommen. Fehler werden deshalb auf dieser Stufe moralisiert und Personen dafür angeklagt. Die Wissenschaftsskepsis, die oft mit der Impfverweigerung einhergeht, hat in der Fixierung auf die personalistische Sichtweise ihre Ursprünge, also auf der Weigerung oder Unfähigkeit, die eigene Sichtweise systemisch zu erweitern und zu differenzieren.  

Wird das personalistische Bewusstsein absolut gesetzt, also als der Weisheit letzter Schluss angesehen, so ist es möglich, die scientific community, also die weltweiten selbstkorrektiven Netzwerke der Forscher, in der eigenen Fantasie in eine Summe von Einzelpersonen aufzulösen. Dann fällt es leicht, die Wissenschaftler allesamt unter Generalverdacht zu stellen und sie als potenziell käuflich und den Mächtigen gegenüber willfährig darzustellen. Die eigene Korrumpierbarkeit wird auf den anonymen Bereich der Forschung projiziert, sodass die Ergebnisse, die aus diesem Bereich kommen, pauschal für wertlos oder sogar gefährlich erklärt werden können. 

Verschwörungstheorien und die Väter 

Geglaubt wird nur dort, wo positive Vaterprojektionen ihren Anker finden: Bei Figuren, die den trotzigen Widerstand gegen den Mainstream, gegen das Herdenbewusstsein, gegen die verbreitete Blindheit verkörpern: Menschen, die sich als Aufdecker der Machenschaften aller unredlichen und unanständigen Geister präsentieren, Helden, die scheinbar mutig gegen den Strom schwimmen und das Ruder dieser Welt, die auf Abgründe zusteuert, herumreißen. Das Strickmuster ist aus jedem James-Bond-Film und vielen anderen Blockbustern bekannt und vertraut. 

Oft paart sich die Wissenschaftsablehnung mit dem Glauben an verschwörerische dunkle Hintergrundgestalten, die die Geschicke der Menschheit in Händen halten und nach Belieben in die eine oder andere Richtung lenken. Auffällig dabei ist, dass es sich dabei immer um Männer handelt, aktuell z.B. George Soros oder Bill Gates. Auch bei den “Bilderbergern” sind m.W. nur Männer vertreten. Frauen sind mir in diesen Zusammenhängen nie aufgefallen.  

Wir haben es offensichtlich psychologisch mit der Dynamik zwischen dem guten Vater (dem Helden, der dem Guten gegen das Böse zum Durchbruch verhilft, zumindest kurzfristig, bis die nächste Folge der Serie kommt) und dem bösen Vater, der immer wieder für tödliche Bedrohungen sorgt. Der böse Vater muss umgebracht werden, nur so kann die Gefahr gebannt werden. Und dazu müssen wir den guten Vater stärken, also dem Helden folgen, der durch seine immensen Körperkräfte und seinen einzigartigen Durchblick die Erlösung aus jeder aussichtslosen Lage schaffen kann. 

In der Ausweglosigkeit, in der sich viele Menschen angesichts der Pandemie und der drohenden Impfpflicht sehen, bieten solche Projektionen eine willkommene Möglichkeit zur scheinbaren Klärung: Die Guten und die Bösen werden auseinandersortiert, die eigene Opferposition wird klar und die Retter müssen unterstützt werden. Es gibt wieder Handlungsoptionen, z.B. durch das Demonstrieren gegen die personalisierten oder die anonymen Täter, darunter der böse Vater-Staat.  

Möglicherweise sind also personalisierte Verschwörungstheorien eine Auswirkung der "vaterlosen Gesellschaft", eine Folge der Abwesenheit der Väter im eigenen Aufwachsen, woraus sich ein weites Spielfeld von positiven und negativen Projektionen öffnet. Dabei spielen die Angst vor dem Bösen und die Sehnsucht nach dem Gutem im Vater die treibende Rolle.  

Erst die Bewusstmachung dieser Dynamiken erlaubt es, die vermeintlichen Verschwörungen als Spiel der eigenen Fantasie aufzudecken und im eigenen Inneren zu entmachten. Der Blick auf die Realität wird wieder frei, Vorurteile können überprüft und Verschwörungsmythen entlarvt werden. 

Auch bei denen, die sich impfen lassen, können Projektionen eine Rolle spielen. Sie wollen z.B. dem guten Vater-Staat Folge leisten und brave Untertanen sein, indem sie vorbildlich die Vorschriften und Empfehlungen einhalten. Dann können sie den anderen, den “schlimmen Geschwistern”, den Spiegel vorhalten und sich über deren Ungehorsam empören. Solange solche Projektionen die tragende Rolle spielen, erinnern die entsprechenden Debatten an Sandkistenrivalitäten. Jeder zeigt mit dem mahnenden und besserwisserischen Zeigefinger auf den anderen, um ihn anzuschwärzen oder auszurichten. 

Von Projektionen befreien

Menschen sind immer von unterschiedlichen und oft widerstrebenden Motiven beherrscht. Viele von ihnen sind unbewusst. Viele von ihnen stammen aus der eigenen Lebensgeschichte und deren frühen Prägungen. Viele werden durch Einflüsse von anderen Menschen und über Medien erzeugt oder verstärkt. Das Thema der Corona-Impfung hat aus verschiedenen Gründen eine massive emotionale Rolle im Innenleben vieler Menschen bekommen, sodass sich ganze Parteien bilden, die sich nur diesem Anliegen widmen. Wir kommen als Einzelne und als Gesellschaft nur weiter, wenn wir möglichst viel Licht und Bewusstheit in diese Motive bringen und ihre Wurzeln und Quellen erforschen. Dann können wir besser unsere Wirklichkeitssicht weiten und unsere Verantwortung für uns und für die Gesellschaft wahrnehmen. Dann können wir umfassender zu unseren Entscheidungen stehen.

Zum Weiterlesen:
Aufklärung in Zeiten einer Pandemie
Von der Angst zur Ethik
Die Ursprünge der Opferrolle
Krisenängste und ihr Jenseits


Samstag, 20. Mai 2017

Das Ego in der Medien-Demokratie

Es scheint, als würde es unsere Demokratie und damit unser öffentlich verfasstes Bewusstsein nicht auf die systemische Stufe der Bewusstseinsentwicklung schaffen. Gerade in diesen Tagen erleben wir in Österreich einen fast unheimlichen Rückfall in die personalistische Idolisierung und Instrumentalisierung der Demokratie. Die Person, und das heißt in diesem Zusammenhang in der griechischen Bedeutung für „Maske“, des politischen Mandatars zieht die Öffentlichkeit in ihren Bann. Ein Jungstar hat sich aus der zweiten Reihe nach vorne manövriert, nach allen Regeln der Machtkunst, wie ihm viele Beobachter bescheinigen. Er ist dynamisch, modern, fesch und gestylt, und hat sich eine ganze Partei unter den Nagel gerissen. Wenn man im Internet die Homepage der Partei aufruft, trifft man seit dem Coup auf nichts anderes mehr als den Star und die Möglichkeit, ihm die Gefolgschaft anzudienen oder nicht. Der einzige Link führt auf die private Homepage des Stars. Alles andere, was diese ehrwürdige Partei sonst ausmacht, ist ins Abseits verbannt worden. Es wird damit der Eindruck erweckt, dass etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes, die Bühne betreten hat, und damit die Geschicke des Landes und seiner Bewohner einer hoffnungsfrohen Zukunft zuführen wird. Alles Alte, das mit dem Parteinamen verbunden ist, gibt es nicht mehr und hat keine Wirkung mehr.

Geschichtslos tritt der Star auf, so als gäbe es keine Traditionen, die prägen, als wäre die konservative und wirtschaftsliberale Partei, aus der er stammt, nur mehr eine Gruppe von belanglosen Statisten und Handlangern. Er selber braucht keine Werte und keine Inhalte zu vertreten, es genügt zu sagen, dass er die Macht in der Partei in seiner Hand konzentriert hat, und schon fliegen ihm die Herzen zu. Er braucht nur in die Kameras zu strahlen, und die Partei, die jetzt nur mehr unter seinem Namen und unter seinen Direktiven läuft (und zu laufen hat), bekommt in den Umfragen plötzlich um 50% mehr Stimmen und schnellt damit von der dritt- zur erststärksten Partei hinauf.

Offenbar ist es nicht nur der Neuigkeitseffekt, der die Menschen fasziniert. Es ist auch die perfekte Inszenierung: Die Parteigremien tagen, die Journalisten sind gespannt, ob sich die „Granden“ der Partei den Bedingungen des neuen Helden fügen werden, und es wird scheinbar debattiert, und die Debatte endet genau zu dem Zeitpunkt, zu dem die Österreicher ihre Fernsehgeräte einschalten: Genau zu Beginn der Hauptnachrichtensendung erscheint der neue starke Mann den Millionen Zusehern vor den Fahnen des Staates und der EU. Er hat damit den maximalen Aufmerksamkeitseffekt erzielt und ein unvergessliches Event erschaffen, das mit seiner Person verknüpft und von ihr erfüllt ist: Der Tag, an dem der Star zum Helden wurde.

Warum sollen Politiker nicht alle Strategien der Werbung und der medialen Beeinflussung nutzen? Schließlich müssen sie ja ihre Botschaften „unter die Leute“ bringen, und dazu müssen sie und ihre Aussagen wahrgenommen werden. Was allerdings bedenklich stimmt, ist die Rangordnung: Die Person kommt vor allen Inhalten, das Gesicht vor der Botschaft, das Auftreten vor den politischen Werten und Zielen. Der politische Diskurs wird auf das Betrachten und Liken von Personen reduziert. Die Politikshowkonsumenten werden auf ein Gesicht, eine Stimme, einen Habitus konditioniert, damit sie in der zweiten Phase, wenn dann Politik gemacht wird, nicht auf die Inhalte schauen, sondern wieder nur blind die Maske verehren.

Natürlich ist der Aufmerksamkeits- und Begeisterungseffekt nicht von Dauer. So schnell sich das Feuer in der medialen Landschaft entzündet, so schnell verlischt es wieder. Doch die Demokratie in den Zeiten sozialer Medien steht in Gefahr, auf eine Abfolge von medial vermarktbaren Effekten reduziert zu werden. Kurze einprägsame Wortfolgen, mit Überzeugung vorgetragen und NLP-mäßig abgefeilt, den Seitenblick auf die Umfragewerte, das ist die Rezeptur für die Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit der Meinungsmache. Wer die flotten Sprüche und den frechen Schmäh drauf hat, wirkt sympathisch, und wer Argumente bringt und reflektiert abwägt, ist langweilig.

So wie der amerikanische Präsident keinen Text mehr auffassen kann, der länger als eine Seite ist, so beschränkt in der Auffassungsgabe ist offenbar der durchschnittliche Medienkonsument von heute, der nicht mehr als die Schnellschüsse aus den diversen Bildschirmen braucht, die ihm den angenehmen Adrenalinstoß bewirken, auf den er schon längst süchtig ist. Deshalb wird dieses System der Aufregungsproduktion immer wieder ihre Protagonisten produzieren und wieder verschleißen.

Schade ist nur, dass dabei die Zeit vergeht, in der politische Gestaltung stattfinden könnte, also die Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens zu mehr Gleichheit, Freiheit und Solidarität. Doch die Reformen und Innovationen, die dafür notwendig sind, bedürfen der systemischen Abwägung, der Berücksichtigung von vielfältigen Voraussetzungen und Bedürfnislagen, um einen möglichst breiten Nutzen für die Allgemeinheit zu bewirken und nicht die lautstärksten oder finanzkräftigsten Partikularinteressen zu fördern. Für die Prozesse der ausgleichenden Vernunft braucht es keine im Scheinwerferlicht glänzenden, aber innerlich hohle Stars, sondern Menschen, die ihr Ego so weit im Zaum halten können, dass sie für andere denken können.

Erst mit dieser Kompetenz kann ein Staatswesen, das den Namen Demokratie verdient, verwirklicht werden. Personen, die sich selber mit ihrer medialen Ego-Performance in den Mittelpunkt stellen, um für ihre Eitelkeit bewundert zu werden, stehen der Demokratie, in der also das Volk und für das Volk Politik gestaltet wird, diametral gegenüber. Solche Personen nutzen die Demokratie für ihre eigenen Zwecke. Sie nutzen auch die Ego-Schwächen der Staatsbürger und Volksmitglieder, die sich aufgewertet fühlen, wenn sie das große Ego, das sich vor ihnen aufplustert, bewundern und verehren können. 


Und, wie schon oft bemerkt wurde, jedes Land hat die Regierung, die seinem Bewusstseinsstand entsprechen. In diesem Sinn sind Wahlen immer von Interesse. Auch dafür, einen Beitrag zur Weiterentwicklung und nicht zur Verringerung dieses Bewusstseinsstandes zu leisten.


Zum Weiterlesen:
Wird die Demokratie gekidnappt?

Samstag, 21. Januar 2012

Durchschnitt und Individualität

Markus Hengstschläger, Genetiker an der Uni Wien, hat ein Buch mit dem Titel „Die Durchschnittsfalle“ (Ecowin-Verlag) verfasst. Die These darin lautet, dass es die Gesellschaft darauf abgesehen hat, alle auf einen Durchschnitt hin zu trimmen, und dass sich die Menschen auch dahinein fügen. Als Beispiel nennt er einen Schüler, der in der Schule in einem Fach sehr gut ist, aber in vier Fächern hängt. Alle sagen zu ihm, dass er darauf schauen muss, in den vier Fächern besser zu werden. So wird er das eine Fach, in dem er Spitze ist, vernachlässigen, und schließlich in allen Fächern nur Durchschnitt sein. Hengstschläger meint nun, dass es im Gegenteil besser wäre, sich noch mehr auf das Fach zu konzentieren, in dem die Begabung liegt und in den anderen Fächern nur das Notwendige zu machen. Dann könne in diesem Fach eine Spitzenleistung entstehen. Wenn alle sich an das Prinzip hielten, gäbe es viel mehr kreative herausragende Beiträge zur Gesellschaft. Alle dagegen, die sich am Durchschnitt orientieren, übersehen, dass sie etwas ganz Individuelles besteuern können und stagnieren in ihrem Mittelmaß. Auch die Gesellschaft zielt darauf ab, alle auf ein Durchschnittsniveau zu bringen.

Dahinter steckt die aus der historischen Erfahrung gewonnene Einsicht, dass die Evolution dort Fortschritte macht, wo etwas unerwartet Neues geschieht. Menschen, die ein Risiko eingehen, die über Konventionen hinweggehen, bringen die Menschheit weiter. Und dass es solche Menschen schwer haben, weil sie zumeist von ihren Zeitgenossen belächelt, bekämpft oder sogar umgebracht werden.

Hengstschläger votiert aber nicht für ein Elitesystem, wie das häufig von konservativer Seite vertreten wird, die von Begabtenförderung reden und eigentlich wollen, dass die traditionellen Oberschichten unter sich bleiben, dass also die höhere Ausbildung und damit die besseren Verdienstmöglichkeiten und Machtpositionen den Angehörigen der eigenen Sozialschicht vorbehalten bleiben.

Solche Konzepte funktionieren nicht. Denn da entsteht wieder nur ein Durchschnitt innerhalb der Elite, und die, die kreative Impulse beisteuern könnten, aber nicht in die maßgebliche Schicht hineinkommen können, bleiben auf der Strecke und ebenso die Gesellschaft, die auf diese Ideen verzichten muss.

Predigt Hegstschläger einen neuen Elitebegriff der Individualisten, derjenigen, die es schaffen, aus dem Durchschnittsmaß auszusteigen? Gerät er in die Falle des personalistischen Weltbildes, das schließlich jeder individuell herausragenden Leistung ein Denkmal setzt und die Genies verehrt, die idealisiert werden? Es ist die besondere Zugabe zur Evolution, die wir aus dieser Entwicklungsstufe übernehmen können, die von Hengstschläger nochmals betont wird. Die Schöpfung oder die Evolution bringt lauter Individualisten hervor, nicht einmal ein Ei gleicht dem anderen, geschweigedenn ein Mensch. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich voneinander. Und die besondere Kraft, die in dieser Vielfalt liegt, wird erstmals auf der Stufe des personalistischen Bewusstseins in seiner Bandbreite erkannt und wertgeschätzt.

Frühere Gesellschaftsformationen, vor allem diejenigen in der hierarchischen Bewusstseinsstufe, deren soziale Steuerungen und technische Produktionsmittel schwach entwickelt waren, konnten sich die Entfaltung der Individualität nur in eingeschränktem Maß leisten. Deshalb wurden Minderheiten brutal unterdrückt, abweichende medizinische, sexuelle, philosophische und spirituelle Orientierungen grausam verfolgt und die Behinderten und Schwachen sich selbst überlassen. Alles, was nicht in den Durchschnitt passte, wurde beseitigt. Menschen sind leichter beherrschbar, wenn sie möglichst gleich sind. Deshalb haben die Nazis die Wiener Schlurfe verfolgt, die sich die Haare länger wachsen ließen, und deshalb sollten sich die Chinesen unter Mao nicht einmal in der Kleidung voneinander unterscheiden.

Das materialistische Bewusstsein hat zwar einen enormen ökonomischen und technischen Fortschritt angekurbelt. Es ist jedoch nicht in der Lage, einen Qualitätsbegriff zu formulieren, der das Individuelle einer bestimmten Leistung herausheben wprde. Nachdem es vom Prinzip der Zahl dominiert ist, zielt es immer auf berechenbare Durchschnitte. Der statistische Mittelwert verbürgt den größten und sichersten Erfolg.

In diesem Klima entsteht das darwinistische Prinzip des „survival of the fittest“, das ja vor allem in Deutschland mit dem „Überlebenskampf der Starken“ übersetzt wurde. Damit ist gemeint, dass sich die Gene so verteilen, dass es überlebensfähigere Individuen einer Gattung gibt und weniger überlebensfähige. Daraus haben Rechtsextreme (bis zu manchen der bestverkauftesten Anwandlungen des deutschen Publizisten Thilo Sarrazin) den Fehlschluss gezogen, dass die Gene vorgeben, ob jemand tauglich ist für das Leben oder nicht. Folglich sollte nach genetischen Gesichtspunkten ausgesiebt werden: lebenswertes Leben gehört gefördert und lebensunwertes Leben ausgemerzt.

Nun bietet uns die Genetik keinen Selbstbedienungsladen, wo auf jedem DNS-Segment ein Etikett mit allen Informationen drauf steht – Preis, Inhaltsstoffe, Haltbarkeit usw. Bekanntlich können die genetischen Ähnlichkeiten zwischen einem blonden blauäugigen „nordischen“ Menschen und einem Schwarzafrikaner größer sein als zwischen ihm und seinem ebenso blonden blauäugigen Nachbarn. Und wir können nicht wissen, welche genetische Ausstattung für Probleme der Zukunft, die wir noch gar nicht kennen, optimal wäre. Vielleicht brauchen die Gesellschaften Mitteleuropas gerade jene Gen-Cocktails, die die vielgeschmähten Zuwanderer aus Mittelanatolien mitbringen. Jedenfalls ist nicht gesagt, dass der Fundus, den Mitteleuropa genetisch und kulturell bereitstellen kann, dafür ausreicht, die Herausforderungen, die die Zukunft bringen wird, zu meistern.

Aus den Argumenten, die Hengstschläger vorbringt, folgt jedenfalls, dass wir am besten für diese Zukunft aufgestellt sind, wenn wir möglichst viel an Variabilität und Individualität zulassen und fördern. Das heißt, dass der Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft, auf dem wir uns offenbar befinden, die besten Zukunftschancen bietet, während alle „Österreich den Österreichern“ und „Ausländer raus“-Parolenschreier nicht nur das Klima in der Gegenwart vergiften, sondern auch der Weiterentwicklung in die Zukunft das Wasser abgraben. Jeder, dem ein kreativer Fortschritt wichtig ist, müsste die Zuwanderung unterstützen (nicht nur jene, die an die Absicherung der eigenen Pension denken). Und wir liegen auch falsch, wenn wir von „qualifizierter Zuwanderung“ sprechen, also nur jene in unser Land hereinlassen wollen, die eine besondere Ausbildung oder Begabung vorweisen können. Denn wir können nicht wissen, welche Qualifikationen wir für die Zukunft brauchen. Das wird sie uns erst mitteilen, wenn sie da ist. 

Nebenbei: Das ehrwürdige England erschüttert gerade eine Debatte über Elitebildung: Eine 19-jährige Apirantin hat der Universität Oxford nach dem Aufnahmegespräch, noch bevor sie das Ergebnis erfuhr, mitgeteilt, die Uni habe „leider nicht den Standards entsprochen“, die Nowell an Unis anlege, solle deshalb aber „nicht enttäuscht“ sein. Die Uni könne gerne noch einmal bei ihr antreten, ihre Chancen stünden jedoch schlecht, wenn Oxford es nicht schaffe, zu einer fortschrittlicheren Uni zu werden.