Mittwoch, 14. Januar 2026

Misstrauen und Opferrolle

Das Thema Misstrauen gehört im Grund vor der Soziologie und Politologie zum Forschungs- und Erfahrungsbereich der Psychologie. Denn jedes Misstrauen ist eine subjektive Angelegenheit und entsteht im Inneren eines Menschen. Es wird oft durch objektive Faktoren in der Gesellschaft beeinflusst und verstärkt. Aber seine Wurzeln hat es in der individuellen Lebensgeschichte, von sehr früh an.

Menschen sind unterschiedlich empfänglich für Misstrauen, bzw. gehen unterschiedlich mit der Enttäuschung von Erwartungen um. Manche bleiben in ihrem Grundvertrauen, auch wenn sie nicht mit allen Abläufen einverstanden sind. Andere verschreiben sich einem Grundmisstrauen, weil sie nicht das bekommen, was ihnen nach ihrer Meinung zusteht. Solche Mangelgefühle haben kindliche Entstehungsbedingungen, die mit unsicheren Bindungen zusammenhängen. Kinder erwarten zu Recht, dass ihre emotionalen Bedürfnisse von den Eltern ausreichend erfüllt werden. Ist das nicht der Fall, so sind sie enttäuscht, und ihr Vertrauen in die Menschen und in die Welt wird erschüttert. An die Stelle der Zuversicht und dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten treten Gefühle der Ohnmacht und der Aussichtslosigkeit.

Emotionale Mängel in den frühen Beziehungen werden später auf die Gesellschaft projiziert, und das Misstrauen, das eigentlich unzuverlässigen oder lieblosen Eltern gilt, die ihrem Kind vieles schuldig geblieben sind, richtet sich dann auf die „großen Eltern“, die Mächtigen in der Welt. 

Gerade, wenn die Herausforderungen schwierig erscheinen, braucht es Mut, um handlungsfähig zu bleiben. Das Misstrauen unterbricht die Verbindungen zu den eigenen Ressourcen und Potenzialen und führt zu einer Opferhaltung mit der Flucht aus der Verantwortung. Es ist bequemer, andere für das eigene Schicksal verantwortlich zu machen als selber etwas daran zu ändern.

In der Projektion auf die Gesellschaft ist es ein Leichtes, auf Machthaber und Entscheidungsträger zu schimpfen, als selbst aktiv zu werden und sich für die eigenen Anliegen oder die der ganzen Gesellschaft einzusetzen. 

Verschärft sich das Misstrauen zu Hass und Feindschaft gegen die bestehenden Umstände, so entsteht das Gefühl einer gewissen Eigenmächtigkeit, die aber folgenlos bleibt, weil sie sich in Aggressionen auf Menschen und Institutionen austobt, die davon nicht angekratzt werden. Die hinter diesen Gefühlen steckende Ohnmacht wird auf diese Weise nur zusätzlich verstärkt. So entstehen selbstverstärkende Muster, die das Opfergefühl stabilisieren. 

Misstrauen ist Selbstmisstrauen

Misstrauen ist immer auch Selbstmisstrauen, also der Zweifel an sich selbst, an den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Oft sind es nicht verkraftete Enttäuschungen, die im Lauf des Lebens geschehen sind und sich im Inneren auftürmen und verdichten, wodurch der Selbstwert schrittweise untergraben wurde. Manche nehmen die Schuld an der eigenen Misere zur Gänze auf sich und entwickeln Depressionen. Andere wenden sie nach außen und beschuldigen die Gesellschaft, das System, die Eliten, die Ausländer usw. Den Hass, den sie auf sich wegen ihrem eigenen Unglück haben, richten sie gegen andere und entlasten sich dadurch vom Selbsthass. In der Folge graben sie sich in ihre misstrauische Abwehrhaltung gegen die Gesellschaft ein und isolieren sich von allen, die ihren Hass nicht teilen. So geraten sie in eine persönliche Abschottung, die sie sich gleichzeitig für die Gesellschaft wünschen: Wenn nichts Fremdes in das eigene System eindringen kann (z.B. durch Grenzzäune) und alles Fremde, das schon da ist, zuverlässig entfernt wird (z.B. durch „Remigration“), entsteht die Erwartung auf eine trügerische Sicherheit, in der es nichts Bedrohliches mehr gibt. 

Die Isolation in der eigenen Blase ähnelt der Abkapselung einer depressiven Person, mit dem Unterschied, dass das Ausdrücken von Hass und Feindschaft den Anschein von Mächtigkeit und Überlegenheit vermittelt.

Doch schränkt das Misstrauen unweigerlich die Freiheitsräume und Handlungsmöglichkeiten ein und immobilisiert langfristig die Personen – emotional und kognitiv. Die Gefühle kreisen um die Objekte des Hasses und der Feindschaft, die Gedanken rechtfertigen die Gefühle. Den eingeschränkten Handlungsalternativen entspricht das eingeschränkte Innenleben. Neue Perspektiven müssen abgewehrt werden, um nicht die durch das Misstrauen gewonnene Sicherheit zu verlieren.

Auswege aus der Fixierung auf das Misstrauen

Diese Muster können nur außer Kraft gesetzt werden, wenn sie erkannt und durchschaut sind. Dann können die ursprünglichen Verletzungen verstanden und angenommen werden. Ein verständnisvolles Gegenüber ist eine Gute Hilfe, um der Opferrolle zu entrinnen und die Selbstmächtigkeit wiederherzustellen. Denn Verständnis für das eigene Leid zu bekommen, stärkt das Vertrauen – in andere Menschen, in die Welt und in sich selbst.

Es gibt also Auswege, die aber nur gefunden werden, wenn das Leid, das in jeder Opferrolle steckt, erkannt wurde und wenn eine Erleichterung des Leidensdrucks gesucht wird. Um diesen Weg zu beschreiten, muss die Verantwortung für das eigene Schicksal übernommen und kompetente Unterstützung gesucht werden. Dann kann es gelingen, die Projektionen zurückzunehmen, mit der Erfahrung, dass jemand da ist, der ohne Urteil und Erwartung zuhört und für das Leid Empathie aufbringt.

Verständnisvolles Zuhören

Ein positives Zukunftsbild entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass mehr und mehr Menschen verständnisvolle Zuhörer und Wegbegleiter werden, für sich selbst und für die Menschen in ihrer Umgebung. Ein Gespräch, in dem ein Verstehen spürbar wird, erleichtert die Seele und erzeugt Vertrauen. Dieser Effekt tritt jedoch nur dann auf, wenn es sich nicht um ein naives oder blindes Verstehen handelt, indem einfach in allem Recht gegeben wird, sondern wenn das Gespräch hilft, sich selbst und die Zusammenhänge des Lebens realistischer zu sehen – mit den Stärken und Schwächen, die jeder hat, und mit dem Guten und dem Bösen, das es in allen Menschen gibt.

Sich tiefer verstanden zu fühlen gibt das Vertrauen und das Selbstbewusstsein, die Prüfungen des Lebens bestehen zu können. Kinder, die von früh an mitbekommen, dass sie wertvoll und fähig sind, und auch, dass sie für ihre Fehler und Mängel Verständnis bekommen, gehen zuversichtlicher durch ihr Leben und haben weniger Ängste vor der Zukunft. Kinder, die immer wieder ermutigt wurden – ermutigt, Neues zu erkunden, Abenteuer zu suchen, ihren Impulsen zu folgen –, werden mutig und bauen ihr Grundvertrauen und ihre Selbstsicherheit aus. Sie nehmen diese Gefühle  als solide Basis in ihr Leben mit und entwickeln daraus die Kraft, ihre Sicherheitszonen immer mehr ausweiten zu können. Ermutigte Kinder werden mutige Menschen. Zum Mut gehört, nicht nach jeder Enttäuschung die Flinte ins Korn zu werfen, sondern neue Kraft zu schöpfen, wenn etwas schief gegangen ist oder die Erwartungen nicht erfüllt wurden. Mutige Menschen sind bereit für die kleinen Heldentaten des Alltags, deren Meisterung zu einer vertrauensvollen Sicht auf die Zukunft beitragen. Es sind auch Menschen, die ein Versagen oder eine Krise als Lernchance und als Aufgabe sehen, und nicht als Niederlage, durch die sie in die Opferrolle fallen. 

Zum Weiterlesen:
Misstrauen und Zukunftsbewältigung
Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen


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