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Donnerstag, 1. Januar 2026

Misstrauensgemeinschaften - Hintergründe und Folgen

Menschen sind soziale Wesen, und Vertrauen ist ein unabdingbares Element menschlicher Gemeinschaften. Ohne Vertrauen zerfällt ein soziales Gebilde sofort. Es ist zwar auch in gewisses Maß an Misstrauen notwendig, um Gemeinschaften lebensfähig zu halten, z.B. muss darüber gewacht werden, dass sich alle an die Regeln halten; jede Kontrolle beinhaltet ein Misstrauen. Das Misstrauen bleibt nur so lange konstruktiv, als das Vertrauen größer ist und mehr Raum in der Gemeinschaft einnimmt. Wenn aber das Misstrauen das Vertrauen überwiegt, bricht die Gemeinschaft über kurz oder lang auseinander. Denn das Misstrauen wirft die Mitglieder der Gemeinschaft auf sich selbst zurück, und der Aufwand, die Beziehungen aufrechtzuerhalten, wird immer größer. Es müssen immer mehr Sicherheitsvorkehrungen getroffen und Kontrollen eingebaut werden, damit der Austausch unter den Mitgliedern noch stattfinden kann. Misstrauen bedeutet z.B., dass jeder befürchten muss, von anderen angelogen zu werden.  Also muss er sich mit verschiedenen Mitteln versuchen, in jedem Fall den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Da Wahrheit immer auch einen sozialen Aspekt hat, also von anderen Menschen abhängt, kann diese Überprüfung nie restlos gelingen. Folglich bleibt immer zumindest ein Rest an Misstrauen.

Der deutsche Soziologe El-Mafaalani geht in seinem Buch „Misstrauensgemeinschaften“ von dem Befund aus, dass Gesellschaften wie unsere, die immer komplexer werden, immer mehr Vertrauen brauchen, dass aber aus verschiedenen Gründen die Zunahme von Misstrauen wahrscheinlicher ist.

„Wer stark vertraut, verzichtet auf Kontrolle und auch auf die Vorstellung, das Vertrauen könne gebrochen werden. Man blendet Gefahren aus und entlastet sich von sozialer Komplexität. Dadurch wird man handlungsfähiger, zugleich macht man sich verletzlich, denn es ist nie ausgeschlossen, dass Vertrauen enttäuscht wird.“ (S. 19)

Der Preis und der Vorteil des Vertrauens

Vertrauen hat also immer einen Preis und enthält ein höheres Risiko. Zugleich bietet es mehr Möglichkeiten zum Handeln und dadurch zur eigenen Lebensgestaltung. Es erweitert also den Spielraum für Selbstwirksamkeit, ein wichtiges Element, um das Vertrauen in sich, in die Welt und in die Zukunft aufzubauen. Mit dem riskanten Vertrauen entsteht also ein konstruktiver Regelkreis, der das eigene Vertrauen und damit die Selbstsicherheit steigert – solange das Vertrauen nicht enttäuscht wird. In solchen Fällen kommt es darauf an, wie die Fähigkeit beschaffen ist, mit Enttäuschungen umzugehen, über wieviel Enttäuschungsresilienz ein Mensch verfügt.

Meist bedarf es einiger Enttäuschungen, bis das Vertrauen gekündigt wird; dann aber ist es oft auf Dauer verspielt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, sagt der Volksmund. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Vertrauen gekündigt wird. Der Weg zurück zum Vertrauen ist dann sehr aufwändig: „Während man auf dem Weg von Vertrauen zu Misstrauen eher an einen Kipppunkt gelangt, an dem es zu einer schlagartigen  Veränderung kommt, ist der Weg von Misstrauen zu Vertrauen langwierig und mühsam.“ (S. 77f) Verspieltes Vertrauen ist also nur sehr schwer wiederzugewinnen.

Diese Mechanismen kennen wir von uns selbst und von unseren privaten Beziehungen. Sie wirken aber auch in gesellschaftlichen Belangen. Die Krisen der letzten Jahrzehnte (Finanzkrise, Corona, Ukraine-Krieg, Umweltkrise) haben viele Menschen zu diesen Kipppunkten gebracht, sodass sie das Vertrauen in tragende Institutionen der Gesellschaft, z.B. zu den Wissenschaften, zum Finanzsektor, zum Gesundheitswesen, zum Bildungswesen und auch zum Staat als Ganzem verloren haben. Bei manchen betrifft das Misstrauen einzelne Bereiche, bei anderen führt es zur Ablehnung des gesamten „Systems“. 

Wer misstrauisch ist, vertraut Misstrauischen

Daraus entwickelt der Autor die These: Wer misstrauisch ist, vertraut Personen, die misstrauen. Das Vertrauen zu Personen, die man gut kennt, ist verlorengegangen. Z.B. haben sich viele Menschen in der Coronazeit mit Freunden und Familienangehörigen überworfen und sind bis heute zerstritten oder voneinander isoliert. Um aber den Aufwand, den die Stabilisierung des Misstrauens erfordert, verringern zu können, werden andere Vertrauenspersonen gesucht. Das sind oft Menschen, die man gar nicht kennt, z.B. Leute, die medial auftreten, und die eigene Meinung teilen. Das Vertrauen wird oft geschenkt, also nicht näher überprüft, wenn diese Leute nur das gleiche Misstrauen aufbringen, das man selbst für gerechtfertigt hält.

Auf dieser Basis bilden sich die Blasen, die Misstrauensgemeinschaften, in denen sich Leute zusammenfinden, oft ohne persönliche Kontakte, im virtuellen Raum von bestimmten Plattformen. Es entstehen also digitale Infrastrukturen, in denen das eigene Misstrauen bestätigt und Vertrauen mit Fremden aufgebaut wird. Es gibt deshalb solche Kreise von Gleichgesinnten, die einander auf der persönlichen Ebene fremd sind, aber die gleichen Meinungen zur Notwendigkeit von Fremdenfeindlichkeit teilen. Vertraue nur jemandem, der das gleiche Misstrauen hat wie du, so lautet dann der Wahlspruch und es gibt eine Orientierungsleitlinie für das Dickicht der komplexen Gesellschaft.

Am Punkt der Vertrauensaufkündigung warten schon populistische Politiker und Verschwörungstheoretiker, um die Misstrauenden hinter sich zu scharen. Manchmal überschneiden sich die Angebote: Populisten, die zugleich Verschwörungsmythen propagieren, bzw. Verschwörungserzähler, die in die Politik gehen, manchmal nicht. Deshalb gibt es Misstrauische, die nur einzelnen Verschwörungsmythen anhängen (in den USA sind es 50%) und andere Misstrauische, die keine Verschwörungsmythen teilen, aber eine populistische Politik vertreten.

Destabilisierung durch Populismus und Verschwörungstheorien

Jedenfalls verstärken diese beiden Elemente, Populismus und Verschwörungstheorien, das Misstrauen und damit die Destabilisierung der Gesellschaft. In beiden Ansätzen ist das folgerichtig. Populisten predigen, dass der Staat oder das System nicht reformierbar ist (und sie haben dazu auch keine konstruktiven Ideen und Vorschläge), sondern dass es ganz umgekrempelt werden muss, ohne genau sagen zu können, wie es dann ausschauen soll. Z.B. wollen sie raus aus der EU oder aus der NATO oder aus dem Kapitalismus und kümmern sich nicht darum, was danach kommt, außer dass sie versprechen, dass alles besser wird. 

Verschwörungstheoretiker sehen geheime Mächte an den Schalthebeln der Gesellschaft, sodass diese durch und durch korrumpiert und unglaubwürdig ist. Also müssen diese Eliten entmachtet werden und einer neuen Gesellschaft, wie auch immer diese dann ausschaut, Platz machen. 

Die Profiteure des Misstrauens sind gar nicht an Verbesserungen interessiert, im Gegenteil, jede Verschlechterung ist Wasser auf ihre Mühlen, weil sie durch jeden Anstieg von Misstrauen an Zulauf gewinnen. Sie brauchen nichts zu tun, als alles schlecht zu reden, was verbessert wird. Alle, die sich in irgendeiner Weise benachteiligt oder unberücksichtigt vorkommen, laufen ihnen dann zu. 

An diesem Punkt ist die Unterscheidung von zwei Formen des Misstrauens wichtig. Das funktionale Misstrauen ist jenes, das die Aufgabe hat, die Abläufe in der Gesellschaft zu verbessern. Z.B. braucht jede Gesellschaft Vorrichtungen zur Bekämpfung von Korruption. Es gibt in jeder Gesellschaft Menschen, die sich Vorteile auf Kosten anderer oder auf Kosten der Gemeinschaft erschleichen wollen. Um ihnen das Handwerk zu legen, müssen Kontrollen eingebaut werden, die von Misstrauen getragen sind.

Normatives Misstrauen

Die andere Form des Misstrauens ist normativ. Sie ist gegen die Gesellschaft als Ganze oder gegen einzelne Teilbereiche gerichtet und ist von einer grundsätzlichen Ablehnung und Feindschaft getragen. Normatives Misstrauen versteht sich also nicht als Mittel zu einem Zweck, sondern als ethische Verpflichtung und neigt deshalb zu moralischer Radikalität. Sie kann sich nie mit pragmatischen Veränderungen zufriedengeben, sondern glaubt daran, dass das ganze System gekippt werden muss, damit alles besser wird. Moralische Radikalität voll von Misstrauen und Feindschaft wird von Menschen vertreten, die sich von Misstrauen und Feindschaft umgeben sehen. Häufig sehen sie keinen anderen Ausweg als Gewalt, gerechtfertigt durch die Gewalt, der sie sich ausgesetzt fühlen.

In jedem Fall trägt jede Steigerung des Misstrauens dazu bei, dass die Gesellschaft unsicherer wird. Misstrauen, das zusätzlich noch für das Erlangen von politischer Macht gesät wird, erzeugt noch mehr Verunsicherung. Und mehr Verunsicherung lässt mehr Leute misstrauisch und feindselig werden. 

Wie können diese Teufelskreise durchbrochen werden? Diese Frage ist essenziell für den Fortbestand der liberalen Demokratie und Marktwirtschaft. Was wir bisher wissen, bringt es nichts, wenn moderate politische Kräfte radikale populistische Forderungen aufgreifen. Zunehmend orientieren sich konservative Parteien in Rhetorik und Thematik an rechten und rechtsextremen Parteien, nur um noch mehr Stimmen an diese zu verlieren. Außerdem lassen sich radikale Forderungen im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung nicht umsetzen, sodass Widersprüche zwischen großmäuligen Ankündigungen und fehlender Umsetzung auftauchen, die wiederum Misstrauen erzeugen.

El-Mafaalani weist darauf hin, dass viel Sorgfalt und Sensibilität aufgebracht werden muss, um die Kommunikationsprozesse von den Entscheidungsträgern zu den Betroffenen offen und transparent zu halten. „Misstrauen wächst insbesondere dort, wo Austausch unterbleibt, Öffentlichkeiten parallel verlaufen, Kommunikation sehr asymmetrisch organisiert ist oder Konflikte unterdrückt werden.“ (84f) Förderlich ist auch eine öffentliche Konfliktkultur, in deren Rahmen konstruktiv gestritten wird. Missstände sollen aufgezeigt und unterschiedliche Positionen zur Sprache gebracht werden. Die Diskurse sollten möglichst viele Menschen einschließen, die dann eventuell auch in Entscheidungen eingebunden werden. 

Der Autor geht auch auf Kinder und Jugendliche ein, die in polarisierten und unsicheren Zeiten aufwachsen, „wodurch für sie der Ausnahmezustand der Normalzustand ist, ohne dass ihre Interessen angemessen berücksichtigt werden oder adäquate Beteiligungsmöglichkeiten bestehen. Daher überrascht es nicht, dass das Vertrauen in andere Menschen und Institutionen bei Jugendlichen geringer ausgeprägt ist.“ (85)

Der Staat sollte seinen Mitgliedern gegenüber mehr Vertrauen zeigen. Statt immer mehr Berichtspflichten und Kontrollen einzubauen, sollte er sich auf seine zentralen Aufgaben konzentrieren und mehr auf die Selbstverantwortung der Bürger und Bürgerinnen setzen.

Versprechen für die Zukunft

Die Strömungen, die die liberale Demokratie gefährden (Populismus, Verschwörungstheorien und libertäre Bestrebungen zur radikalen Demontage des Staates), sind aus dem Misstrauen vieler gespeist. Es ist zu befürchten, dass die destabilisierenden Kräfte bei einer weiteren großen Krise, die in der Zukunft auftauchen kann, noch mehr Zulauf bekommen und die Gesellschaft noch mehr polarisieren. Deshalb scheint es eine zentrale Aufgabe zu sein, positive Zukunftsideen zu verbreiten, die zu positiven Zukunftserwartungen führen, „die wie ein Kompass auch in krisenhaften Zeiten wirken und Vertrauen stärken.“(88) Positive Zukunftsaussichten haben mit Versprechen zu tun, die in der Vergangenheit in Bezug auf Wohlstand, Fortschritt und Sicherheit erfolgt sind. Offenbar bedarf es neuer und realistischer Zukunftsbilder, die das Vertrauen stärken können.

Aber was kann einer Generation versprochen werden, die mit den Folgen der Erderwärmung konfrontiert ist und dazu noch mit der Infragestellung der Weltordnung der letzten 80 Jahre beschäftigt ist und all die Herausforderung an die liberale Demokratie, dem politischen Erfolgsmodell dieser Zeit meistern soll?

Das Buch endet noch vor dieser Frage. So überzeugend und gut belegt die Analyse der Misstrauensgemeinschaften dargestellt wird, so dünn wird die Suppe, wenn es um die Gegenmittel geht. Deshalb gehe ich in den nächsten Artikeln auf dieser Seite noch mehr auf diese Frage ein.

Quelle: Aladin El-Mafaalani: Misstrauensgemeinschaften. Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2025

Donnerstag, 6. August 2020

Politik nach Corona

Die Covid-Krise stellt die Regierenden in der ganzen Welt vor komplexe Herausforderungen. Es gibt ein klares Resumee: Die Krise kann nur gemeistert werden, wenn die Regierenden Experten zuhören. Sie können keine Richtlinien aus ihren Ideologien finden, um diese Krise zu meistern. Denn es gibt keine Ideologie zur Bewältigung einer Pandämie. Ideologien mischen sich allenfalls in die Regelungen der Auswirkungen der Krise: Soll der Staat den Leuten, die ihre Arbeit und ihr Geschäft wegen eines Lockdowns verlieren, unter die Arme greifen oder sie ihrem Schicksal überlassen? Sollen Regeln erlassen werden, um die Gefährdeten zu schützen oder soll jeder machen, was er will? 

Ideologien können sich auch in das Krisenmanagement einmischen, wie das manche Politiker versucht haben: Wir sind die heroischen Einzelkämpfer einer gesunden Rasse und setzen auf die Herdenimmunität, d.h. wir nehmen die Toten in unseren Reihen in Kauf, um dann am Ende als die strahlenden Sieger dazustehen. Oder: Das Virus ist eine Erfindung unserer Gegner, die unsere Wirtschaft treffen wollen, aber es ist viel zu harmlos. Wir lassen uns nicht einschüchtern, wir machen weiter, als wäre nichts und sind dann die Besseren.  

Mittlerweile ist absehbar, dass diese ideologischen Einmischungen gescheitert sind. Nach den Erfahrungen mit der Unberechenbarkeit des Virus und seiner ganz unterschiedlichen Auswirkungen sind zunehmend mehr und mehr Regierende auf eine Linie eingeschwenkt, nämlich jene, die von der großen Mehrzahl der Experten vorgeschlagen wurde. 

Das Versagen der Populisten


Die Populisten haben auf ganzer Linie versagt, sie konnten nichts beitragen zur Verringerung von Infektionen oder Todesfällen. Populisten sind zumeist Feinde von Expertenwissen, weil sie denken, selber die Experten in allen relevanten Belangen zu sein. Sie sind auch den Wissenschaften gegenüber misstrauisch, weil sie ihren subjektiven, gefühlserzeugten Wirklichkeitsbegriff gegenüber den Wissenschaften inhaltlich nicht verteidigen können. Auf dem ideologisch eingefärbten Wirklichkeitsbegriff mit seinen Freund-Feind-Mustern beruht der ganze Erfolg der populistischen Propaganda. Differenziertere Sichtweisen, wie sie von den Wissenschaften kommen, passen nicht zu den vereinfachten Weltbildern. Deshalb müssen die Wissenschaften diskreditiert werden. Alles, was komplex erscheint, ist verdächtig. 

Populisten verfügen über die Schläue, die ihren Machthunger unterstützt, aber nicht über ein Gespür für Feinheiten und Komplexitäten. Sie müssen sich eine eigene Wirklichkeit erschaffen, denn die „wirkliche“ Wirklichkeit ist differenziert und komplex. Und sie müssen die Erforscher dieser Wirklichkeit bekämpfen, damit sie ihr simples, von Emotionen erzeugtes Realitätsmodell aufrechterhalten können.

Rückkoppelung mit Experten


Dort, wo die Politik Erfolge in Bezug auf die Pandemie verzeichnen kann, stützt sie sich auf Experten aus verschiedenen Gebieten zwischen Medizin, Soziologie und Mathematik, die die relevanten Fakten, Berechnungen und Entscheidungsgrundlagen liefern. Die Verantwortung der Politiker ist es dann, die Entscheidungen zu treffen, aber eben nicht aus irgendeinem Bauchgefühl heraus, sondern in Abstimmung mit denen, die sich in dem betreffenden Bereich am besten auskennen.  

Faktenbasierte Politik ist kein Zauberwort, sondern entspricht der Aufgabe von demokratischen Politikern, Politik im Sinn des Gemeinwohls zu gestalten, also eine größtmögliche Zahl von Interessen und Bedürfnissen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten zu berücksichtigen. Dafür ist der Austausch notwendig, zwischen den Entscheidungsträgern und den Betroffenen sowie mit den Experten, die tiefere Einblicke für bestimmte Sachbereiche mitbringen, also eine dia- oder multilogische Politgesellschaft, eine zuhörende Gesellschaft nach Hanzi Freinacht.  

Wer mit Regierungsmacht ausgestattet ist, braucht sich nicht durch ein Besserwissen auszuzeichnen, sondern durch eine besondere Gabe, die richtigen Fragen an die richtigen Leute zu stellen und das Ganze der Gesellschaft immer im Auge zu behalten. Die Besserwisserei ist ein Hindernis für eine evolvierte Form der Machtausübung. 

Ein Modell für die Zukunft


Das ist ein Modell für die Zukunft: Experten kommen zusammen, die Politiker hören zu, Experten helfen bei der Evaluation des Expertenwissens und bereiten die Entscheidungsgrundlagen auf, mittels derer dann die Politiker entscheiden. Die Folgen der Entscheidungen werden von den Experten evaluiert und die Maßnahmen werden dann notfalls rückgängig gemacht oder verbessert und den veränderten Bedingungen angepasst.  

Österreich hatte durch die Gunst der Umstände die Chance, für einige Monate das Experiment einer Expertenregierung zu erproben. Die Zufriedenheit mit dieser Regierung in der Bevölkerung war hoch, die Abwesenheit von Ideologien als bestimmenden Momenten für die Machtausübung wurde offensichtlich nicht vermisst. Politik, die die Experten gehört hat und hinter sich weiß, genießt offensichtlich mehr Vertrauen als eine, die nur durch perfekte mediale Selbstdarstellung glänzt oder Ideologien vor sich her trägt. 

Die Corona-Zeit könnte ebenfalls als wegweisend in diese Richtung genutzt werden: Die politische Macht in den Dienst einer Problembewältigung mit ausgewogener Berücksichtigung der sachlichen und der sozialen Notwendigkeiten unter Einbeziehung der Wissensressourcen aus den Wissenschaften zu stellen.  

Politik kann es nie allen recht machen, das gelingt uns schon im Kleinen von Familien oft nicht. Auch das zeigt die Corona-Zeit: In einer entwickelten Gesellschaft wird es immer unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen geben. Die oft extrem weit auseinanderliegenden Gefahreneinschätzungen und subjektiven Perspektiven auf das Phänomen dieser Infektion und die starken Emotionen, die davon ausgelöst werden, weisen einerseits darauf hin, dass eine entwickelte Gesellschaft einen weiten Toleranzbereich benötigt, und andererseits, dass sie von ihren Mitgliedern verlangen müsste, die eigene Emotionalität soweit zu kennen, um unterscheiden zu können, ob situationsadäquate Realitätswahrnehmungen möglich sind oder kindliche Erfahrungsmuster die Reaktionskontrolle übernommen haben. 

Der Vorzug von Expertenwissen besteht darin, dass es in der Regel unabhängig von eigenen Interessen und Werthaltungen ist und dass es also einen höheren Objektivitätsgehalt hat als alle anderen Formen des Wissens. Dieses Wissen entsteht in Prozessen permanenter Rückkoppelung und Überprüfung und wird laufend verbessert und weiterentwickelt. Es entzieht sich damit der Verfügungsgewalt von Einzelnen, die immer manipulations- und korruptionsanfällig sind.  

Deshalb braucht auch eine Politik, die die Gesellschaft in einer allen Mitgliedern dienlichen Weise weiterentwickeln möchte, eine Rückkoppelung zu solchen Formen des Wissens. Auch politische Entscheidungen müssen permanent evaluiert werden, nicht nur im Sinn ihrer vordergründigen Popularität oder Akzeptanz, sondern auch im Sinn der Effektivität und Verträglichkeit in Hinblick auf die Gleichheit in der Gesellschaft und auf die Natur im Ganzen.  

Das Virus, das uns in Bann hält, zwingt uns genau dazu. Wenn wir einen Funken unseres Verstandes nutzen, wird er uns nahelegen, diese Form des Politikmachens mit Rückkoppelungen zum Expertenwissen und Zuhören auch für andere Bereiche der Zukunftsgestaltung zu verwenden. 

Mittwoch, 8. Mai 2019

Links-Rechts – Versuch einer Unterscheidung

Die Etikettierung “links” und “rechts” wird immer wieder in der politischen Diskussion vorgenommen, in letzter Zeit verschärft um die Variante “linkslinks” (gerne von rechter Seite für die Wochenzeitung “Der Falter” verwendet). In diesem Artikel soll es darum gehen, ein paar Aspekte dieser Gegenüberstellung näher zu beleuchten. Es ist klar, dass es bei dieser Erörterung nicht ohne Pauschalierung geht; es mag “Rechte” oder “Linke” geben, die sich in dieser Charakterisierung nicht wiederfinden. Es gibt Rechte und Linke, die sich selber nicht so einschätzen, aber von vielen anderen so wahrgenommen werden, und es gibt auch das Gegenteil. Ich verhehle nicht, dass ich mehr Sympathien für die linke als für die rechte Orientierung empfinde, aber keinen Bedarf habe, mich irgendwo einzuordnen. Ein Resümee dieser Überlegung liegt darin, dass beide Seite lernen müssen, kognitiv und emotional, wenn sie daran interessiert sind, die Gesellschaft insgesamt zu verbessern, und dass jedes Mitglied der Gesellschaft lernen muss, von beiden Seiten. 

Die klassische Zuordnung und die aktuelle Problematik


Seit der französischen Revolution gibt es die Unterscheidung von links und rechts im Spektrum der politischen Orientierungen. Linker Veränderungswille gegen rechten Wunsch zur Bewahrung des Bestehenden – diese Zuordnung stand am Anfang. Gilt sie auch heute noch?  

Ich schlage hier eine Neudefinition von links und rechts vor, bei der es um die aktuellen Debatten um die weitere Entwicklung der westlichen Gesellschaftsordnungen geht, also in jenen Ländern, die die reichsten der Welt sind. Die Wohlstandssättigung ist zwar relativ, denn nach oben gibt es immer noch Zuwachsmöglichkeiten. Dennoch ist in diesen Ländern der Wohlstand bei so vielen Menschen angekommen wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Dazu kommen noch die hohen sozialen Standards in den west- und mitteleuropäischen Ländern und die weitgehende öffentliche Sicherheit. Was hat die Unterteilung der politischen Landschaft in links und rechts unter diesen Umständen noch zu sagen? 

Links bedeutete seit dem 18. Jahrhundert, auf der Seite der sozial Benachteiligten zu stehen und sich für eine sozialen Ausgleich einzusetzen. Im 19. und 20. Jahrhundert ging es dabei vor allem um die Verbesserung der Rechte der Lohnarbeiter. Je nach Spielart ging es um die Verstaatlichung der Produktionsmittel oder zumindest um eine hohe Besteuerung der Kapitalisten. Die Linken glaubten an den Fortschritt und an eine bessere Zukunft. Rechts war, wer Gott und Vaterland ehrte, alte Werte, Sitten und Hierarchien bewahren wollte, dem Fortschritt nicht traute und sich lieber auf die gute alte Zeit berief und deshalb auch keine grundlegende soziale Veränderung wollte. Dann gab es noch den Liberalismus, der mehr Freiheitsrechte für die Staatsbürger, für die Wirtschaft und die Nationen einforderte. Der Nationalismus, der die eindeutige Zuordnung von Sprach- und Kulturgemeinschaft und Staatsgebiet vertrat, wanderte schon im 19. Jahrhundert von den Liberalen zu den Konservativen und fand dann nach dem 1. Weltkrieg in den faschistischen Bewegungen eine gewaltbereite Form, die in den 2. Weltkrieg mündete. Scheinbar hatte damit der Nationalismus an Anziehungskraft verloren. Ein neuer Konservativismus konzentrierte sich auf den Wiederaufbau und das Vergessen der Schrecknisse und Brutalitäten. Der Liberalismus orientierte sich zunehmend über die Einzelstaatlichkeit hinaus zur Überstaatlichkeit (Gründung der europäischen Gemeinschaft) und wirtschaftlichen Globalisierung. 

Mittlerweile haben sich die Bedeutungen der politischen Zuordnung neulich gewandelt. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt in seinem Buch „21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“ davon, dass sämtliche seit dem 18. Jahrhundert gebräuchlichen „Erzählungen“, also die vorherrschenden Ideologien, ausgedient haben: Die nationalistisch-faschistische hat sich mit dem Nationalsozialismus, dem Holocaust und den Trümmern des 2. Weltkriegs diskreditiert, die kommunistische ist 1989 in sich zusammengebrochen und die liberale hat durch die Abspaltung der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin und schließlich durch die Erfolge des Populismus verloren.  

Die „Sieger“ dieser Bewegung, der US-Präsident Trump, der russische Präsident Putin und die Brexiteers haben zwar wichtige Machtpositionen gewonnen, sie können aber keine Erzählung vorweisen, außer die der Korruption, Selbstbereicherung und Machtgier. Sie haben keine Visionen für die Zukunft mit ihren Verteilungs- und Nachhaltigkeitsproblemen und für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschheit. Sie bedienen Emotionen, die die Probleme mit einem einfachen „Raus“ lösen wollen: Raus aus der EU, ohne zu wissen, was dann kommt, raus mit den Ausländern, ohne zu wissen, wie das Bevölkerungsproblem gelöst werden kann, raus mit den Liberalen, ein Hauptanliegen des ungarischen Ministerpräsidenten, raus mit den 68ern, ein Hauptanliegen der europäischen Rechtsparteien, usw. Die Idee dabei ist es, dass wenn das „Raus“ gelungen ist, alles besser wird. In Hinblick auf den Brexit ist es mittlerweile für jeden Beobachter einsichtig, welche Chaotik mit einer blinden, verantwortungslosen und kurzsichtigen Entscheidung, hinter der keine Strategie und keine Vision steckt, anrichtet werden kann. Und die Demagogen in all den anderen Ländern, in denen sie an die Macht gekommen sind, haben außer patzigen Reden und Besetzen von einflussreichen Posten keine besonderen politischen Erfolge noch inspirierende Zukunftsvisionen vorzuweisen. 

Psychologie der einfachen Rezepte 


Die Psychologie findet ein reichhaltiges Betätigungsfeld in diesem komplexen Szenario. Allein die Narzissmusforschung bekommt tagtäglich neues Futter durch die Äußerungen und Taten der diversen Potentaten. Nicht selten gehen Menschen in die Politik, um ihre Komplexe ausagieren zu können. 

Hier ein weiteres Beispiel zum Verständnis der “Raus”-Dynamik: Die Vorstellung, etwas, was da ist und den eigenen Vorstellungen im Weg steht, zu beseitigen, um damit Freiheit zu gewinnen, ist emotional einleuchtend und psychologisch verständlich. Vergegenwärtigen wir uns einfach diesen Zusammenhang: Wir alle haben eine Geburt hinter uns und wollten da natürlicherweise die Probleme, vor allem die räumliche Enge gegen Ende der Schwangerschaft, durch das Raus aus der Enge der Gebärmutter lösen. Wir haben uns nicht überlegt, wie es dann weitergeht, warum auch. Wenn wir dieses simple Muster nun auf die komplexen Situationen der Erwachsenenwelt umlegen, können wir nur Schiffbruch erleiden. Denn zum Unterschied von der Geburtssituation haben wir eine Verantwortung für das, was nach unseren Entscheidungen kommt und sollten uns vorher überlegen, was die Resultate sind. Schnellschüsse gehen meist nach hinten los, vor allem wenn sie von Emotionen angetrieben sind. 

Prä- und Postfaschisten 


Der Faschismus markiert aus vielen Gründen eine Zäsur in der europäischen Geschichte. Ich schlage deshalb die folgende erneuerte Unterscheidung von links und rechts vor, in Hinblick auf die Geschichtstherapie, die auf diesen Seiten mehrfach angesprochen wurde. Geschichtstherapie heißt, dass das Potenzial zur Gestaltung der Zukunft aus der Aufarbeitung der kollektiven Traumatisierungen und Belastungen aus der Vergangenheit erwächst. Es geht in unserer Geschichte bei der Einteilung von links und rechts im politischen Sinn vor allem um die Aufarbeitung der Erfahrungen des Faschismus vor 80 Jahren: Links sind Menschen, die eine postfaschistische Gesellschaft wollen und rechts die, die eine präfaschistische Gesellschaft wollen. An den Extremen gibt es dann Auffassungen, die entweder eine neue Form des Faschismus propagieren und die alte verherrlichen oder die Sehnsucht nach der Rückkehr einer kommunistischen Diktatur. Das sind Randphänomene, die aus eben diesem Grund verstärkt zur Gewalt als Mittel der Durchsetzung ihrer Ideen setzen, nach allen Statistiken der letzten Jahre weitaus häufiger auf der rechten als auf der linken Seite. 

Linke sind in der politischen Diskussion jene Menschen, die für eine tiefgehende Aufarbeitung der faschistischen Vergangenheit eintreten, damit die Gesellschaft frei wird von den Lasten der Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft, die zu mehr Gerechtigkeit und Gleichheit führen soll. Rechte sind solche, die eine Aufarbeitung der Vergangenheit für unnötig halten und ihren Sprachschatz aus dieser Zeit beziehen und deren Ideen für die Gestaltung der politischen Ziele nutzen. Von ihrer Seite ist häufig zu hören, man solle endlich aufhören, in der Vergangenheit herumzugraben; andererseits werden die Rechten immer wieder dabei ertappt, dass sie sich genau dieser Vergangenheit im Denken und Reden bedienen. Abgeändert auf die aktuelle Situation, werden die alten Vorurteile des Antisemitismus auf den Islam übertragen, dessen Vertreter mit einem Hass und einer Angstmache bedacht werden, der jenem ähnelt, der die Juden in Nazi-Deutschland der Vernichtung auslieferte. Feindbilder werden aus solchen Ängsten abgeleitet und aufgebaut, um der Politik die Kampfziele vorzugeben. 

Die Einseitigkeit des Diskurses 


Der eklatante Mangel an Intellektualität auf der rechten Seite macht die Linke hilflos, weil es keine ebenbürtige Diskursebene mit den Rechten gibt. All ihre Überzeugungskraft, all ihr humanistisches Engagement trifft auf keine Resonanz, die Antworten kommen statt dessen oft unter der Gürtellinie. Die Linke kann sich auf eine lange Tradition von Dichtern und Denkern berufen, und auf die Nähe zu den Liberalen, mit denen “ein Stück des Weges” gemeinsam gegangen werden kann. Die Linke hat viele wegweisende Intellektuelle hervorgebracht, und viele prominente Intellektuelle hegten und hegen Sympathien für die Linke. Dennoch kann sie dieses geistige Potenzial nicht für Erfolge bei der Masse der Wähler nutzen. 

Auf der rechten Seite herrscht eher gähnende Dumpfheit in diesem Bereich. Manche der Rechten berufen sich auf Friedrich Nietzsche als Ahnherrn für ein rassistisches Denken und müssen bei näherer Beschäftigung mit dem Philosophen des Hammers schnell die Segel streichen. Die Identitären beziehen sich auf Carl Schmitt, einen nationalsozialistischen Staatsrechtler, und Ernst Jünger, einem nationalistischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit. Auch Antonio Gramsci, ein italienischer marxistischer Schriftsteller, der von den Faschisten eingesperrt wurde, wird mit seiner Theorie der kulturellen Hegemonie verwendet, aus der die in vielerlei Hinsicht absurde Idee der völkischen Einheit destilliert werden soll. Auf diesen Zusammenhang möchte ich noch in einem späteren Blogbeitrag eingehen. 

Dieser traurige Befund des Denkmangels in der rechten Theorielandschaft führt zu einem Ungleichgewicht. Die Linken argumentieren und streiten über Argumente, die Rechten einigen sich hinter vereinfachenden und emotionalisierten Feindbildern: “Wir sind alle gegen ...”, “Wir wollen alle, dass endlich...”, denn: ”Wir sprechen für das Volk”.  

Gefühlsmenschen gegen Denkmenschen? 


Die unvermeidliche Position der linken Überlegenheit in Theorie und Reflexion wird von den Rechten als Arroganz wahrgenommen, der mit Emotionen begegnet wird. Dort, wo Rechte an der Macht sind, beginnt sehr schnell ein Kulturkampf, indem mit gewaltsamen Mitteln der “linken Ideologisierung” Einhalt geboten werden soll, sei es, indem kritische Medien zuerst als links gebrandmarkt und dann stillgelegt, Bücher verbrannt oder einfach alle Gebildeten umgebracht werden. Die Intellektuellen zu vernichten, war das erste Ziel der Nazis im besetzten Polen. Die kritischen Journalisten mundtot zu machen, wird heute in Polen ebenso wie in Ungarn versucht. Die Rechte in Österreich versucht sich ebenfalls an dieser Front. Wo die Argumente fehlen, wollen die Machthaber die öffentliche Meinung ans Gängelband nehmen, notfalls mittels Fake-News und Social-media-Shitschwemmen. Die simple Argumentation der Rechten: Recht hat, wer die Mehrheit mit welchen Mitteln auch immer hinter sich versammeln kann. Die Macht definiert richtig und falsch. 

Die Kehrseite liegt in der Verachtung der Linken gegenüber den beschränkten Rechten. Beides, die Verachtung auf der einen und die Minderwertigkeitsgefühle auf der anderen Seite können sich zu Hass auf die Gegenseite auswachsen. Eine sinnvolle Auseinandersetzung oder gar ein Dialog wird dadurch nicht mehr möglich. 

Geht es also um die Konfrontation zwischen Denkmenschen und Gefühlsmenschen? Und wer soll die Richtung in der Politik vorgeben und damit die Zukunft der Gesellschaften gestalten? Sollen wir uns nach dem Denken oder nach den Gefühlen orientieren? 

Lernen auf beiden Ebenen von beiden Seiten 


Wie stets, geht eines ohne das andere nicht. Wir können keine ausgedachte und durchgeplante Welt gestalten, sie muss uns auch gefallen, und dafür brauchen wir die Gefühle. Und wir brauchen ein tiefgreifendes Verständnis für die Emotionen, die den Veränderungen im Weg stehen, die nach aller Vernunft schon längst hätten stattfinden müssen. 

Gefühle spielen die Hauptrolle bei unseren Entscheidungen, gerade deshalb müssen wir unsere Gefühlswelt genauso weiterbilden wie unsere kognitiven Fähigkeiten. Viele unserer Gefühlsmuster und emotionalen Gewohnheiten stammen aus unserer Kindheit; wie sollen wir aber mit dieser Ausstattung in einer Erwachsenenwelt leben? Die Herrschaft der Gefühle bedeutet dann nur, dass kindliche Antriebe, Bedürfnisse und Frustrationen maßgeblich sind, und mit diesem Repertoire können keine der Herausforderungen der Menschheit gemeistert werden, vielmehr kommen viele, wenn nicht alle unserer Probleme aus der kindlichen Gefühlswelt der Menschen - Ängste, Gier, Arroganz, Hilflosigkeit, Machtstreben. Eine ausreichende “Bildung des Herzens” ist die Voraussetzung dafür, dass Gefühle einen konstruktiven Platz in der politischen Arena einnehmen können. Erwachsene Gefühle sind mit Selbstverantwortung verbunden; aus dieser Perspektive wissen wir, wie sehr die emotionale Ebene auf das Denken mit seinem Abwägen von Risiken und Chancen angewiesen ist.  

Unser Lernen, das wir brauchen, um die Gesellschaft menschenwürdig und naturachtend weiterzuentwickeln, muss auf beiden Ebenen erfolgen. Wir brauchen ein elaboriertes Denken, das die wissenschaftlichen Befunde und die ethischen Imperative in planerische Szenarien einbinden kann, und ein bewusstes Fühlen, das die Entscheidungen treffen und in Handlungen umsetzen kann. Wir brauchen die vorausschauende und historisch erfahrene Intelligenz der Linken und ein Verständnis für die Emotionalität der Rechten. Dazu muss die linke Seite ihr Besserwissen, ihre Überheblichkeit und Verachtung überwinden und lernen, die Menschlichkeit im politischen Feind zu erkennen und zu verstehen.  

Entscheidend wird sein, ob es nicht nur den Linken, sondern einer noch breiteren Öffentlichkeit gelingt, den Ängsten, die von den Rechten verbalisiert werden, so viel Verständnis und Sicherheit zu vermitteln, dass sich diese Gefühle in konstruktive und verantwortungsvolle Impulse umwandeln können.  

Natürlich darf in diesem Zusammenhang der geniale Dichter Ernst Jandl mit seinem Gedicht „lichtung“ nicht fehlen: 

manche meinen 
lechts und rinks 
kann man nicht velwechsern 
werch ein llltum 

Zum Weiterlesen:

Freitag, 19. April 2019

Integrität in der Politik

Die Gemeinwohlorientierung, die unsere Gesellschaft aus den Sackgassen der angst- und giergeleiteten neoliberalen Ökonomie führen kann, kann nur dann nachhaltig erfolgreich sein, wenn sie auf ethischer Integrität ruht. Unter Integrität verstehe ich eine hohe ethische Qualität, die Personen zukommt, die in ihrem Handeln und Urteilen von den Erwartungen, Ansprüchen und Begehrlichkeit anderer Menschen unabhängig sind sowie weitgehend frei von inneren destruktiven Antrieben wie Angst, Gier und Hass sind. Auf dieser Grundlage kann ein integrer Mensch seine Entscheidung aus dem eigenen Inneren heraus treffen und dafür die Verantwortung übernehmen. 

Menschen können zu dieser Haltung nur gelangen, wenn sie in ihrem Inneren Ordnung gemacht haben (wenn sie ihre Traumen und Verletzungen aufgearbeitet haben) und wenn sie die Bedeutung des geistigen Wachstums im Sinn der Befreiung von den Einschränkungen und Fesselungen des Egos erkannt und in ihre Lebenspraxis integriert haben. Das Streben nach ethischer Integrität, das einen zentralen Stellenwert für den Aufbau einer menschenwürdigen Gesellschaft hat, ist auch ein spirituelles Streben, das die eigenen Überlebensängste und -strategien hinter sich gelassen hat und damit das Ego immer wieder von sich distanzieren kann. 

Integrität kann nur über integre Individuen in die Strukturen der Gesellschaft Eingang finden. Die offene Gesellschaft braucht die Durchlässigkeit für die Integrität auf allen Ebenen, in all ihren Ecken und Winkeln und besonders in den Entscheidungszentralen und meinungsbildenden Knotenpunkten. Und sie kann nur offen bleiben, wenn ein gewisses Maß an Integrität erhalten werden kann. Nur auf diese Weise können integre Strukturen entstehen, mit Verfahrensweisen und Prozeduren, die einzelne Individuen, die aufgrund persönlicher Schwächen aus der Integrität rausfallen, auffangen können und die dadurch entstandenen Folgeschäden schnell in den Griff bekommen. 

Die Integrität ist übrigens eine hohe menschliche kognitiv-emotionale Kompetenz, die nie von digitalen Maschinen übernommen werden kann. Denn sie erwächst aus der menschlichen Liebesfähigkeit (der Erfahrung zu lieben und geliebt zu werden) und dem inneren Verständnis für die Verletzbarkeit und Fehlbarkeit der Existenz, setzt also Erfahrungen voraus, die Maschinen prinzipiell nicht machen können. Außerdem können menschliche Erfahrungen nicht digitalisiert werden.

Viele Menschen spüren intuitiv, dass sie der Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit von Politikern vertrauen wollen, denen sie ihre Stimme geben. Politiker, die lügen und täuschen, die das in sie gesetzte Vertrauen missbrauchen, müssen dann mit der berechtigten Wut der enttäuschten Bürger rechnen. Die Quittung kann allerdings nur alle paar Jahre bei der Wahl gelegt werden. 

Wir legen an unsere Politiker mit vollem Recht hohe ethische Maßstäbe an, wenn wir ihnen die Macht über uns und unsere Belange überantworten. Wir geben ihnen mit unserer Stimme einen Vertrauensvorschuss, den sie erst einmal in ihrem Handeln einlösen müssen. Deshalb schauen wir ihnen gerne auf die Finger. Dabei helfen uns die unabhängigen Medien und Journalisten, die die Integrität der Politiker überwachen und Abweichungen von diesen Ansprüchen dokumentieren. Auf diese Weise erfüllen sie eine wichtige Funktion in der Rückkoppelung zwischen den politischen Akteuren und denen, die sie gewählt haben. Das ist auch der Grund, warum sie mit öffentlichen Geldern (Presseförderung etc.) unterstützt werden; umso weniger ist vertretbar, wenn abhängige Medien gefördert werden, die die Selbstdarstellung der Politiker verbreiten, statt kritisch über die Diskrepanzen zwischen Reden und Handeln, Programmatik und Pragmatik zu berichten.


Die Politikverdrossenen


Der Polit-Frust ist eine Reaktion auf die hohen Ansprüchen, die die Staatsbürger zurecht an ihre Volks-Vertreter und Diener (=Minister) stellen. Parteien, die die öffentliche Verschwendung anprangern und selbst verschwenderisch mit Steuergeldern umgehen, Politiker, die die Korruption bekämpfen und selber bestechlich sind, schüren das Misstrauen in die Politik insgesamt. Sie erwecken bei vielen den Eindruck, dass die gesamte Sphäre der Politik von Eigennutz und Machtgier durchtränkt ist, der sich niemand, keine Bewegung und kein Individuum entziehen kann, sobald man sich in diesen Dschungel begeben hat. 

Die Politiker und Parteien, die sich ihre Hände nie schmutzig gemacht haben und mit bestem Wissen und Gewissen für das öffentliche Wohl gearbeitet haben, werden dabei gerne übersehen. Denn sie verschwinden oft so weit unter der Wahrnehmungsschwelle, die von den Skandalen und Verfehlungen geprägt ist, dass sie nicht mehr wiedergewählt werden. Denn die öffentliche Wahrnehmung giert nach dem, was aufregt, nach dem, was das Nervensystem in Alarm versetzt. Die guten Nachrichten sind uninteressant, wir wollen ja statt dessen über alles informiert sein, was uns möglicherweise bedrohen könnte.

Wenn Widersprüche zwischen den eigenen, öffentlich verkündeten Zielen und der aktuellen Politik auftauchen, entsteht starkes Misstrauen, das bei vielen in eine allgemeine Politik-Skepsis und -Verdrossenheit mündet. Wir hören von Parteien, die sich angeblich für die kleinen Leute einsetzen, und ungeniert die Transferleistungen für die Ärmsten und Schwächsten in der Gesellschaft kürzen; Parteien, die sich christlich nennen, und eine menschenfeindliche Sozialpolitik durchsetzen; Parteien, die gegen das Großkapital eingestellt sind, und deren Gewinne fördern usw. Nicht immer kann ein Partei- oder Wahlprogramm eins zu eins praktisch umgesetzt werden, das ist realistisch in den komplexen Spannungsfeldern, in denen die Politik ihre Entscheidungen fällt. Aber wenn die Diskrepanz zu weit auseinanderklafft und nicht mehr erklärt werden kann, verschwindet die Glaubwürdigkeit der Akteure und ihrer Ideologie.

Viele schließen dann daraus, das „ganze System“ wäre unethisch, alle bestallten Vertreter würden nur für die eigene Tasche und Machtabsicherung handeln. Das allgemeine Wohl sei zu Lippenbekenntnissen verkommen, während es in der Praxis mit Füßen getreten wird. Also wenden sich viele Staatsbürger von dem „garstigen Lied“ ab, das in der Politik mehr gekrächzt als gesungen wird, und ziehen sich auf die trotzige Position des Verweigerns zurück: Wir wüssten ja alles besser, aber niemand fragt uns, also sind wir machtlos und hilflos und ziehen uns, weil wir uns missachtet fühlen, in eine Haltung der Verachtung der gesamten Politik gegenüber zurück. 

Die frustrierten Wähler geben ihre Stimme dann allenfalls einer Leitfigur, die neu auf der politischen Bühne auftaucht und vollmundig verspricht, das System als Ganzes von Grund auf umzukrempeln. Dann dauert es oft nicht sehr lange, bis auch bei dieser Person wieder ethische Mängel und Widersprüche auftauchen, kaum ist sie an der Macht. Die enttäuschten Wähler sind erneut frustriert und in ihrer Grundskepsis dem System gegenüber bestätigt. Die gesamte Sphäre der Politik wird in diesem Frustrationsprozess als Degeneration von einer Sache der Allgemeinheit zum Selbstbedienungsladen für eine abgehobene Elite gesehen, an dessen Ende ein System voll von menschenverachtendem Zynismus steht, das nur mit Zynismus verachtet werden kann.

Natürlich helfen Zynismus und Verachtung nicht weiter, weder in der Politik noch in ihrem Publikum. Der Maßstab der Integrität muss bei jeder Maßnahme, bei jeder Verordnung, bei jedem Gesetz und bei jeder Stellungnahme angelegt werden. Widersprüche und Abweichungen von dieser Norm müssen dokumentiert und verbreitet werden. Der kritische Diskurs muss aktiv und vielseitig bleiben, in den Köpfen der Beobachter und am Marktplatz. Die unerbittlichen Forderungen der Ethik, die auf das Gemeinwohl und den gesellschaftlichen Ausgleich hinweisen, müssen immer wieder formuliert, und wenn nötig, mit Nachdruck demonstriert werden. Wenn es den Spitzenpolitikern an Integrität mangelt, muss sie ihnen von den Staatsbürgern entgegengehalten werden. Politiker können nur so integer sein wie es ihre Wähler sind, um diesen Zusammenhang etwas zu überzeichnen. Das heißt, dass es zur Verantwortung für die eigene Integrität gehört, ihre Maßstäbe in den öffentlichen Diskurs einzubringen und ihre Verwirklichung einzumahnen. Nicht nur jede Macht, sondern auch jede Integrität geht vom Volk aus. Das ist das Wechselspiel, das die Demokratie lebendig erhält. 


Nicht-Integrität als Marke


Es gibt Wähler, die sich mit den Widersprüchen der von ihnen verehrten Politiker identifizieren, in denen sie ihre eigenen Widersprüche verehren. Kein Mensch möchte gerne und überzeugt menschenfeindlich und menschenverachtend sein, aber jeder hat menschenfeindliche Tendenzen in sich. Der psychische Mechanismus der Abspaltung springt ein, um diese Diskrepanz zu entschärfen: Man ist nett und freundlich zu den Menschen in der engeren Umgebung und zu Gleichgesinnten, und aggressiv verachtend zu allen, die ferner stehen oder andere Meinungen vertreten. 

Politiker, die in Tat und Rede zu ihrer Menschenfeindlichkeit stehen und sie als Haltung vertreten, ernten bei den einen Abscheu und Verurteilung, während die anderen bei ihnen eine Bestätigung für ihre eigene Menschenfeindlichkeit finden. Der Hass gegen andere Mitglieder der Gesellschaft wird damit zu einer geteilten und öffentlich geduldeten und möglicherweise sogar geschuldeten Tugend, und der auf dieser Schiene erfolgreiche und zu Macht gelangte Politiker dient als Identifikationsobjekt und Legitimierungsinstanz für die eigene Menschenfeindlichkeit. 

Die Nicht-Integrität, also die offen bekundete Abhängigkeit von destruktiven und sozialfeindlichen Persönlichkeitsanteilen ist eine eigene Marke im Feld der politischen Konkurrenz. Wie wir aus der Geschichte wissen, bildet sie die Voraussetzung für die Errichtung totalitärer Diktaturen, und das entbehrt nicht einmal der Logik: Menschenverachtung mündet, wenn sie mit Macht ausgestattet ist, in Menschenvernichtung. Auch wenn dieser Zusammenhang allgemein bekannt ist, gelingt es immer wieder Politikern und Publizisten, auf der Schiene des Hasses Zustimmung und Unterstützung zu bekommen, vor allem von jenen, die es ihren Vorbildern gleichtun wollen.

Die kaltschnäuzige Verbannung der Integrität aus der Politik darf nicht hingenommen werden, im Gegenteil, sie muss mit äußerster Integrität bekämpft werden. Es ist nicht die Tagesaktualität auf der Seite der Integren, aber die langfristige Perspektive. Hassprediger und menschenverachtende Populisten sind wie ein Strohfeuer, das hell auflodert, aber dann über kurz oder lang in Asche zusammenfällt. Der Hass ist nicht als Dauerfutter geeignet, denn er nährt den Hasser nicht, und es ist anstrengend und kräftezehrend, in diesem Feld voller innerer Konflikte zu bleiben. Jeder Hasser sehnt sich nach Frieden, mit der Hoffnung, irgendwann zur Integrität zurückzufinden, die sich viel besser anfühlt.


Die Integrität der Unscheinbaren


Gäbe es nicht auf allen Ebenen des öffentlichen und politischen Lebens, in der Verwaltung und im Bildungssystem Menschen, die in vielleicht nur unscheinbaren Positionen ein Leben lang ihr Bestes auch im ethischen Sinn geben, dann wäre die Gesellschaft schon lange in einen Jeder-gegen-jeden- Krieg zerfallen. Das Ausmaß an Integrität, das ohne Aufsehen in vielen Bereichen besteht, kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter aufrechterhalten, auch wenn es gerade an der Spitze oft zu massiven Ausfällen kommt. Z.B. halte ich den gegenwärtigen österreichischen Innenminister für eine sehr weitgehend integritätsferne Person; dennoch ist die öffentliche Sicherheit noch nicht zusammengebrochen, einesteils, weil es gesetzliche Spielregeln gibt, die ein Minister nicht brechen kann, und andererseits, weil Tausende Mitarbeiter in ihrem Tätigkeitsbereich weiterhin mit einem hohen Maß an Integrität wirken.

Auch wenn wir als Einzelne nur einen winzigen Beitrag zum allgemeinen Wohl leisten können, sind wir wichtig wie jeder und jede andere auch. Wir haben nur unsere kleine Verantwortung, aber diese Verantwortung haben nur wir und sonst niemand, wir stehen zu ihr oder nicht. Wann immer wir diese Verantwortung wahrnehmen, sind wir in der Integrität und steigern damit das Ausmaß der Integrität in der Gesellschaft. Und wir verringern den Spielraum der Nicht-Integrität.

Zum Weiterlesen:
Hass im Internetzeitalter
Nachhaltigkeit in der Demokratie
Wer die Würde nicht respektiert, verliert seine eigene

Donnerstag, 28. Februar 2019

Notwendigkeit und Macht des objektiven Wissens

Wissen ist Macht, und wer definieren kann, was als Wissen anerkannt wird und was nicht, hat die Macht über diese Macht und damit über die unmündigen Menschen, die sich nicht selber ein Urteil bilden wollen. Das haben viele Diktaturen im Lauf der Geschichte bewiesen, und allem Anschein nach motiviert es gerade in unseren Tagen viele Nachahmer dazu, sich der Definition von Wissen zu bemächtigen und sich damit den Schlüssel zur Herrschaft über die Menschen zum eigenen Vorteil zu sichern. Der Vorgang ist immer der gleiche: Subjektive Überzeugungen werden als objektives Wissen ausgegeben, und objektives Wissen wird zu subjektiver Meinung herabgestuft.

Deshalb ist eine tragfähige Unterscheidung von subjektivem und objektivem Wissen notwendig. Während es einfach ist, subjektives Wissen zu definieren, gibt es um das Verständnis von objektivem Wissen mehr Klärungsbedarf. Hier möchte ich argumentieren, dass eine Klarstellung ganz wesentlich für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft und Demokratie ist. Objektives Wissen ist ein zentrales Gut, weil es einen privilegierten Zugang zur Wahrheit verkörpert. Deshalb konkurrenzieren  verschiedene Interessen um diesen Zugang. Objektives Wissen ist eine Geburt der menschlichen Kreativität und Schaffensfreiheit, darum will es von vielen festgenommen werden.


Das subjektive Wissen


Subjektives Wissen ist etwas, das eine Person aufgrund eigener Erfahrung für wahr hält. Wenn ich spät schlafen gehe, habe ich nächsten Tag in der Früh Kopfschmerzen. Wenn ich Bohnen esse, bekomme ich nachher Bauchdrücken. Wir machen einzelne Erfahrungen, und solche, die sich wiederholen, bezeichnen wir dann als Wissen. Subjektives Wissen heißt, es gilt für mich persönlich und ich halte es für wahr. Ich kann mein Verhalten danach ausrichten, dieses Wissen hat also einen praktischen Wert für mich. Wenn ich Bauchdrücken vermeiden will, esse ich keine Bohnen. Wenn ich gut ausgeruht sein will, gehe ich früher schlafen. Für andere mag das anders sein.

Subjektives Wissen ist nicht falsifizierbar im Sinn von Karl Popper. Niemand kann mich dazu bringen, meine Geschmacksvorlieben oder Lebensüberzeugungen für falsch zu erklären. Auch wenn alle anderen nicht meiner Meinung sind, kann ich dabei bleiben. Subjektives Wissen braucht auch nicht falsifiziert zu werden. Es besteht so lange, als ein Subjekt daran glaubt und es für wichtig erachtet und in seiner Lebenspraxis anwendet. 


Objektives Wissen


Objektives Wissen ist solches, das für alle gilt, das also alle für wahr halten. Um diese Form des Wissens zu gewinnen, haben die Menschen die Wissenschaft erfunden. Sie soll eine Form des Wissens garantieren, die unabhängig von subjektiven Vorlieben und Interessen ist und die von allen eingesehen und genutzt werden kann.

Die traditionelle und bewährte Regelung von wissenschaftlichem Wissen besteht darin, dass jeder, der dazu bereit ist, zur gleichen Erfahrung kommt. Mit den geeigneten Messinstrumenten müsste jeder Mensch, der die Schwerkraft misst, zum gleichen Ergebnis kommen. Jeder, der ein Elektronenmikroskop bedienen kann, erkennt die gleichen Zusammenhänge in einem Atom. Jeder, der das Doppelspaltexperiment durchführt, kommt zu den gleichen Beobachtungen. Die Ergebnisse hängen nicht vom Subjekt und den Geschmacksvorlieben der Forscherperson ab.

Objektives Wissen ist demokratisch


Diese Rahmenbedingungen geben dem wissenschaftlichen Wissen eine Sonderstellung in Vergleich zu verschiedenen anderen Wissensformen. Wissenschaftliches Wissen hat eine demokratische Struktur, weil sie eben jeder Mensch gleichermaßen, ohne Machteinflüsse, erzeugen, erwerben und für sich verwenden kann. 

Dazu kommt, dass die Ergebnisse der Wissenschaften vom Prinzip her allen zugutekommen sollen. Sie sind vom Anspruch geleitet, Wirklichkeit in einer Weise zu erkennen und zu erklären, die jeder Mensch in sich hat und für sich aktivieren kann (soweit jemand das Erwachsenenalter erreicht hat und nicht durch eine geistige Behinderung gehandicapt ist). 


Objektives Wissen beruht nicht auf Willensbildung


Diese Berufung auf eine grundsätzliche Gemeinsamkeit aller Menschen als Erkenntnisvoraussetzung für objektives Wissen schließt eine Mehrheitsstruktur, wie sie in demokratischen Willensbildungen vorkommt, aus. Denn objektives Wissen kommt nicht durch subjektive Entscheidungen zustande, sondern durch die Erforschung der Wirklichkeit. Über die Richtigkeit eines objektiven Wissens kann nicht die Mehrheit in einer Abstimmung entscheiden. 

Solche Prozeduren können höchstens über die Geltung des Wissens in einer Gesellschaft bestimmen. In diesem Sinn war zwar zu Beginn der Neuzeit das geozentrische Weltbild (die Erde als Mittelpunkt des Weltalls) geltendes Wissen, aber das objektive Wissen weniger Wissenschaftler auf der Basis einer verbesserten Datenerhebung und Datenerfassung hatte schon das heliozentrische Weltbild als überlegen und richtig erkannt. Über längere Zeit hatte dieses Wissen noch für eine kleine Minderheit, oft im Geheimen, verbindlich gegolten, bis es schließlich zum Allgemeingut der Menschheit wurde und nur mehr von einer sehr kleinen Minderheit bestritten wird.

Ein Staat oder eine Gemeinschaft kann also z.B. beschließen, dass es keine menschengemachte Erderwärmung oder keine Evolution des Lebens gibt. Sie setzt damit fest, dass das objektive Wissen, das das Gegenteil belegt, nicht gilt und deshalb auch nicht angewendet wird. Unter Umständen wird die Ideologie – und darum handelt es sich bei sozial festgelegten Wissenssystemen ohne objektive Rückbindung und ohne Selbstinfragestellung – mit Macht und Autorität durchgesetzt, indem z.B. “Andersgläubige” verfolgt und abweichende Meinungsäußerungen unterdrückt werden. Im Bildungssystem wird wissenschaftliches Wissen durch Glaubenswissen oder Ideologie ersetzt. Schüler und Studierende werden nicht in der Anwendung des kritischen Denkens geschult, sondern mit vorgegebenem ideologischem Wissen, also verallgemeinertem subjektivem Wissen indoktriniert. In diesen Fällen wird objektives Wissen für unwichtig und irrelevant erklärt und der – grundsätzlich subjektive – Glaube wird zur Richtschnur der Wahrheitsdefinition. 

Mehrheitsentscheidungen beruhen auf verallgemeinerten subjektiven Wissensinhalten. Es wird behauptet, dass eine subjektive Einsicht wahrer ist als eine andere. Mit der aktuellen und verräterischen Rede von “Postfaktizität” und “alternativen Fakten” wird zusätzlich suggeriert, dass das objektive Wissen auch nur die Spielart eines subjektiven Wissens wäre, so wie eine rechte US-Politikerin die Meinung vertritt, dass die Leugner des Klimawandels genauso richtig lägen wie die Vertreter der Gegenposition. Auf diese demokratiefeindliche Weise wird das Feld des Wissens durch eine ideologisierte Debatte auf die Konkurrenz subjektiver Meinungen nivelliert, mit dem Ziel, durch Manipulation und Gehirnwäsche die Macht an sich zu reißen und gegen alle demokratisch motivierten Versuche abzusichern, mittels objektivem Wissen die herrschende Subjektivität zu entmachten.


Wissensformen und diskursive Kommunikation


Ist die Subjektivität an der Macht, so gibt es keine Basis mehr für eine diskursive Wahrheitsfindung. Diskurse dienen dann einzig dem Austausch von subjektivem Wissen, ohne Aussicht auf einen substantiellen Abgleich von Stärken und Schwächen einer bestimmten Argumentation, geschweigedenn auf einen Konsens. Eine Person sagt: Für mich ist die Theorie A (z.B. in Konzentrationslagern wurden keine Menschen umgebracht) wahr, die andere sagt das Gleiche über die Theorie B (In NS-Konzentrationslagern wurden systematisch Millionen Menschen umgebracht). Jeder hat seine Gründe für die eigene Überzeugung, die Meinungen stehen gegeneinander und bleiben so fixiert. Es gibt keine Basis, auf der diese Gründe verglichen werden könnten, z.B. die Basis von Augenzeugenberichten, Messungen, Forschungsberichte oder Quellenstudien. Eine diskursive Übereinstimmung gibt es nur dort, wo sich subjektive Meinungen gleichen oder angleichen, wo sich also Gleichgesinnte treffen und sich in ihrer Blase gegenseitig die gemeinsame Wirklichkeitskonstruktion bestätigen. 

Im Gegensatz dazu muss sich jeder Anspruch auf objektives Wissen dem kritischen und offenen Diskurs aussetzen, der das Zustandekommens des Wissens überprüft: Hat hier jemand kurz die Augen geschlossen und sich eine Theorie zusammenfantasiert oder hat jemand Fakten gesammelt, Daten analysiert und ausgewertet, Messinstrumente angewendet, andere Theorien und Forschungen studiert und verglichen usw.? Ist also jemand nur seiner momentanen individuellen Eingebung gefolgt oder hat er sich mit der äußeren Wirklichkeit in einer Weise auseinandergesetzt, die jeder andere imitieren kann, um zu überprüfen, ob das gleiche Resultat herauskommt? Vertritt da jemand ihre Meinung als allgemeingültige und unveränderliche Wahrheit oder meint sie, dass sie nur über vorläufiges und verbesserbares Wissen verfügt?

An einem kritischen Diskurs kann sich jeder beteiligen, sofern er die Grundvoraussetzung der objektiven Wissensgewinnung teilt und sich der entsprechenden Anstrengungen unterzieht. Es gibt also eine verbindliche Basis zur Wissensgewinnung und Wissensüberprüfung. Objektives Wissen ist grundsätzlich veränderbar und offen für Weiterentwicklung und Verbesserung. Objektives Wissen ist also immer dynamisch und flexibel. Es haftet auch nicht an einzelnen Personen wie das Werk eines Dichters oder Komponisten, oder auch eines politischen Ideologen. Vielmehr ist dieses Wissen immer eine Gemeinschaftsproduktion und muss sich im kritischen Diskurs bewähren.


Zwei Welten in der Wissenslandschaft


Um Welten liegen diese beiden Formen der Wissenserzeugung auseinander. Häufig beginnt die Gewinnung von objektivem Wissen bei subjektiven Einsichten, dem berühmten Einfall in der Badewanne. Doch dann erst kommt der lange Weg der Wissensgewinnung und -absicherung, die Mühsal der Ebenen, die erst die Entstehung von Objektivität ermöglichen. Ohne Arbeit, kritische Reflexion und Zusammenwirken von Methoden, Vorwissen und Diskussion kommen wir nicht zu objektivem Wissen. 

Aber der Weg lohnt sich, weil das objektive Wissen dadurch, dass es mehrfach intersubjektiv gegen subjektive Einflüsse abgesichert ist, zuverlässiger und nutzbringender ist als jedes subjektive Fürwahrhalten. Kein Smartphone würde einen Pipser von sich geben, wenn es allein auf der Grundlage von subjektiven Fantasien zusammengebastelt wäre. Jedes technische Gerät ist eine Manifestation von Unmengen an objektivem Wissen, das systematisch von jeder Subjektivität gereinigt wurde. Ohne die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung der Fluorkohlenwasserstoffe auf die Ozonschicht der Erde wäre das Loch einfach weitergewachsen. Und es waren nicht die Wunderheilungen, die die Überlebenschancen bei Krebs in den letzten Jahrzehnten drastisch verbessert haben, sondern die Fortschritte in der medizinischen Forschung.


Der Objektivitätszustand



Es gibt offenbar einen Bereich im Gehirn, in dem sich Menschen hinreichend ähnlich sind, sodass sie, wenn dieser aktiv ist, bei bestimmten Prozeduren zu den gleichen Ergebnissen gelangen. Einleuchtend ist das bei der Mathematik, in der es immer um ein eindeutiges Richtig oder Falsch geht. Auch in den anderen Wissenschaften geht es um die klare und objektiv nachvollziehbare Unterscheidung von Faktizität und Fiktion. Die Kriterien dafür haben sich im Lauf der Wissenschaftsgeschichte entwickelt und wurden immer mehr verfeinert. Die Menschen haben auch die Philosophie entwickelt und für unseren Zusammenhang besonders wichtig die Instanz der Erkenntnis- und Wissenschaftsphilosophie, die für die Geltungskriterien für ein objektives Wissens zuständig ist und sie mit ethischen Standards in Verbindung bringt. Die Überprüfung der “Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung” nach Immanuel Kant stellt die Qualität objektiver Erkenntnisse sicher und grenzt sie klar von subjektivem “Dafürhalten” ab.

Faktizität ist das, was alle Menschen für richtig nehmen können, wenn sie sich in einem bestimmten Geisteszustand befinden und sich mit der äußeren Wirklichkeit beschäftigen. Diesen Geisteszustand könnte man den Objektivitätszustand nennen. Es braucht dazu ein nüchternes Wachbewusstsein, das frei von starken Emotionen, aber auch frei von Eitelkeit ist. Nach Tacitus sollte die Geschichtserforschung „sine ira et studio“, also ohne Zorn und Eifer, nach Seneca ohne Hass und Sympathie betrieben werden. Vielmehr sollte das Streben nach dieser Form des Wissens durch Neugier und Interesse motiviert sein. Wir können schwerlich zu objektiven Erkenntnissen gelangen, wenn wir angeheitert oder todmüde sind. Auch wenn wir uns über etwas oder jemanden aufregen, unter Schock stehen oder wegen eines Todesfalles trauern, sind wir nicht in der Lage für diese Form der Wahrheitserforschung. Wir sollten auch weitgehend frei sein von Ego-Antrieben wie Geltungssucht oder Geld- und Machtgier.


Objektivität und Ethik


Jeder, der objektives Wissen erarbeitet, ist ein Subjekt und also solches anfällig für Emotionen, Denkmuster usw., die zu unethischem Verhalten verleiten. Mischen sich solche Elemente in die Forschung ein, gibt es andere, die die Fehler, Irrtümer oder Irreführungen aufklären und korrigieren können. Das objektive Wissen ist ein geistiges Feld, an dem alle Subjekte mitarbeiten können, und am Schluss bleibt das Wissen über, das in ethischer Weise entstanden ist, weil es in der Wirklichkeit anwendbar ist und zu erwünschten Resultaten führt. 

Objektivität in der Erkenntnis ist also eng mit der Ethik verbunden. Innere Integrität ist erforderlich, um in der Haltung der bedingungslosen Wahrheitsverpflichtung zu bleiben, wenn es um die Wirklichkeitserfahrung geht. Emotional aufgeheizte Egomuster verzerren die Wahrnehmung und deren Interpretation. Für die Erlangung von Objektivität braucht es eine Intention, eine klare innere Entscheidung, nämlich von Ego-Erwartungen und Ego-Bestätigungen abzusehen. Ein um Objektivität bemühter Forscher muss bereit sein, ein Scheitern seiner Hypothesen in Kauf zu nehmen, wenn es sich aus der Forschung ergibt, und das ist nicht immer leicht, wie die Wissenschaftsgeschichte belegt.

Wir verfügen damit über eine zuverlässige Basis für die Objektivierung von Wissen, die zur Gewinnung von Wissen dient, das allen Menschen nachvollziehbar und zugänglich ist und dessen Nutzung prinzipiell allen offen stehen sollte. 

Nicht-Objektivität ist etwas, das laufend passiert, wenn die unbewussten Muster Oberhand gewinnen. Dann werden wir parteilich, egoistisch, rechthaberisch oder gläubig. Wir neigen zu vorschnellen Schlüssen und Urteilen, wir verallgemeinern, wir unterliegen Denkfehlern usw. Das entspricht unseren Tendenzen zu Bequemlichkeit und Vereinfachung, aber auch unseren Prägungen zur Sicherung unseres individuellen Überlebens. Zur Objektivität kommen wir nur mit Anstrengung, z.B. den ersten Eindruck von einer Sache mit mehreren weiteren zu vergleichen, Quellen für Behauptungen zu suchen, Erforschungen anzustellen, eigene Vorurteile zu erkennen. Und wir brauchen eine soziale Einstellung, dass es nicht um die Durchsetzung eigener Interessen geht, sondern um die Erweiterung des Wissensschatzes der Menschheit.


Ohne objektives Wissen ist die Demokratie schutzlos


In jedem Rückfall auf Glaubenssysteme wird die demokratische Macht des objektiven Wissens außer Kraft gesetzt, und darum ist es wichtig, die Freiheit der Wissenschaften zu sichern und gegen alle ideologischen Angriffe zu schützen und damit die zuverlässigen Quellen des objektiven Wissens garantieren. Sonst hat das Machtstreben der Machtbesessenen keinen Gegenhalt, und die Gesellschaft fällt zurück auf einen vormodernen Status, in der die Mächtigen willkürlich bestimmen, was wahr und falsch ist, welchen Menschen das volle Menschsein zugesprochen wird und welchen nicht. 

Der Weg in eine Zukunft mit mehr Menschlichkeit gelingt nur, wenn er von Erkenntnissen geleitet ist, die sich auf objektives Wissen stützen. Gäbe es ein solches nicht, wüssten wir gar nicht mehr, was Menschlichkeit ist.

Freitag, 13. Oktober 2017

Ängste und das Wahlverhalten

Auch bei der ins Haus stehenden Wahl spielen Ängste eine zentrale Rolle. Die drei stärksten Parteien streiten darum, wer mehr auf die Ängste vieler Menschen vor den Fremden, Ausländern, Asylanten, Flüchtlingen usw. hört und wer besser dagegen Abhilfe schaffen kann. Die meisten Wähler werden sich offensichtlich nach diesen emotionalen Motiven entscheiden: Wer schützt mich mehr vor den vielen fremden Menschen, die mir Angst machen?

Und dann gibt es Wähler, die haben Angst, dass die Angstmacher an die Macht kommen, und wählen deshalb die Parteien, die gegen die Angstmacher sind. Also auch hier spielen Angstmotive eine zentrale Rolle im Wahlverhalten.

Populismus wird häufig so erklärt, dass der Populist Ängste schürt und die eigene Politik dann als Abhilfe vor diesen zuvor produzierten Ängsten verkauft, ähnlich einem Versicherungsmakler, der mögliche Katastrophen an die Wand malt, damit er einen möglichst hohen Versicherungsvertrag abschließen kann. Eine solche Masche ist relativ leicht zu durchschauen. Wieso aber bekommen die Populisten immer mehr Zulauf, wenn zugleich der Wohlstand steigt und steigt, die Sicherheitslage objektiv besser wird, der Bildungsgrad in allen Schichten angehoben wird und das Sozialsystem laufend weiter ausgebaut wird? Folgen die Menschen blind ihren Rattenfängern?

Vielleicht verhält es sich so: Menschen haben im Allgemeinen immer vor etwas Angst, da es so vieles gibt, was unsicher ist. Je komplexer die Welt wird, in der wir leben – und sie wird laufend komplexer, und wir alle arbeiten und konsumieren dafür –, desto mehr Risiken und Gefahrenquellen tun sich auf. Wer ein Smartphone sein Eigen nennt, hat das Risiko, dass es kaputt geht. Ich frage mich z.B. manchmal, was ein Fluggast macht, der seine Boarding-Karte auf dem Handy hat, wenn sein Gerät eingeht, bevor er ins Flugzeug kommt. Dieses Risiko hat es vor der Einführung von elektronischen Tickets nicht gegeben. Ein massiveres, recht unheimliches Thema ist die Frage, welche Auswirkungen die Einführung von komplexen Maschinen (Robotern) auf das Arbeitsleben haben wird – welche Jobs werden da übrig bleiben? Noch drastischer ist die Ungewissheit, wie sich der stetige Wandel des Klimas auf die elementaren Lebensverhältnisse der Menschheit auswirken wird.

All diese und noch viel mehr andere Unsicherheiten sind Quellen von Ängsten. Wir wissen vieles nicht, was unsere Zukunft anbetrifft, und all das ist Anlass für Besorgnis. Warum also sollten diese Ängste nicht in die Wahlentscheidung einfließen? Und da die Welt nicht überschaubarer oder kalkulierbarer wird, ist es wahrscheinlicher, dass Wahlen immer mehr von Ängsten dominiert werden, ob sie nun manipulativ erzeugt und verstärkt wurden oder nicht.

Wir wissen, dass Ängste nicht naturgesetzmäßig durch komplizierte äußere Bedingungen hervorgerufen werden. Wir „müssen“ also nicht Angst kriegen angesichts der Unübersichtlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung. Wir können auch den Moment wahrnehmen und darauf vertrauen, dass uns der nächste Schritt im Leben die Lösung für das Problem zeigt, das uns jetzt gerade plagt. Wir können die Wurzeln unserer Ängste erforschen und befrieden und auf diese Weise immer mehr Gelassenheit und Achtsamkeit kultivieren. Wir haben diese Optionen, sie erfordern aber auch unser Engagement und unseren Mut. Wir müssen den Hang zu Gewohnheiten und Bequemlichkeiten überwinden, denn selbst und gerade mit halbbewussten Ängsten lässt es sich ganz angenehm leben.

Alle hingegen, die diese Option nicht wählen, bleiben weniger Marionetten der Politiker, die ihre Ängste für die eigenen Machtzwecke ausnutzen, als viel mehr noch Marionetten ihrer inneren Grenzen, in denen die Ängste genährt, wenn nicht sogar gemästet werden.

Vielleicht liegt das „Gute“ (im Sinn der Bewusstseinsevolution) am Erfolg der Populisten darin, dass sie irrationale Ängste, Zorn, Hass in den Diskurs einbringen, Gefühle, die bislang keine Stimme hatten, obwohl sie in den Tiefenschichten vieler Menschen angelegt sind. Es macht keinen Sinn, mit Statistiken zu belegen, dass die Angst vor Ausländern unberechtigt ist; der Ängstliche will in seiner Angst gesehen und verstanden werden. So weit, so gut. Der nächste Schritt ist entscheidend: Erwächst aus dem Verständnis der Ängste eine Botschaft, die zur eigenen Kraft ermutigt oder eine, die zum Abtreten der Eigenmacht auffordert? Heißt es also im Diskurs: Ja, ich verstehe die Angst und ich vertraue, dass wir Lösungen finden, um die Ängste zu verringern – oder: Ja, ich verstehe die Angst, und du musst mir vertrauen, dass ich die Ursachen deiner Ängste beseitige.

Aus Ängsten kann Kraft und Autonomie erwachsen. Wir müssen dazu unsere Ängste ernstnehmen, in uns selbst und mit-einander, und sie in uns annehmen. Dann bestimmen sie nicht mehr unsere Entscheidungen und Handlungen. An die Stelle von Ängsten tritt die Freiheit, die uns erlaubt, unsere Menschlichkeit und Liebesfähigkeit zu erweitern und zu vertiefen.

Montag, 21. August 2017

Dopamin und unsere Anfälligkeit für Verführung

Das bekannte Hormon Dopamin ist ein trickreicher Botenstoff, weil es auf die Erwartungs- und Belohnungszentren im Gehirn wirkt. Es ist deshalb besonders in Zusammenhang mit unseren Unterhaltungsbedürfnissen aktiv. Und diese sind ein zentrales Objekt des Marketings in den entsprechenden Industrien. Man könnte auch sagen, dass die neurobiologische Aufgabe von Marketing und Werbung darin besteht, dass möglichst viele dopamingierige Synapsen für ein bestimmtes Produkt im Gehirn möglichst vieler Konsumenten hergestellt werden.


Werbung im Kopf


Beim Fernsehen und auch bei der Internetnutzung sind wir einem zunehmend stärker werdenden Strom an Werbung, Propaganda und Manipulation ausgesetzt, der es darauf abgesehen hat, unsere Fähigkeiten zu rationalen Entscheidungen und Gedanken durch emotionale Aktivierungen des Unbewussten zu behindern und zu blockieren. Denn das Unbewusste sagt schnell „Ja“ zu allem, was in ansprechenden Bildern und Tönen rüberkommt, selbst dann, wenn wir uns sicher sind und glauben, dass wir uns von Werbung nicht beeinflussen lassen. Unser Unterbewusstsein ist viel wehrloser und passiver, als wir glauben.

Denn es kann nicht zuverlässig zwischen fiktionalen und realen Bildern unterscheiden. Für diese Aufgabe müssten höhere Denk- und Analysefunktionen herangezogen werden, die wir allerdings im Unterhaltungskontext meistens hintan halten wollen: Wir wollen uns ja nicht anstrengen und mit komplizierten Fragen beschäftigen.  

Dazu kommt, dass das Unterbewusstsein alle Informationen, die auftauchen, bewerten und einschätzen muss, und wenn uns die visuelle Werbung mit Entscheidungsfragen überschüttet, wird schon ein großer Teil der zur Verfügung stehenden täglichen Reserven an Willenskraft für diese Zwecke verbraucht. Schleichend verlieren wir auf diese Weise das Interesse für aufwändigere Sachverhalte, die mehr Anstrengung in der Bewertung und Abschätzung erfordern und begnügen uns auch dort mit den einfacheren Lösungen. Insofern fördert die Überfütterung mit visueller Werbung zusätzlich zur Konsummanipulation die politische Verdummung.


Alltags-Pornos


Der Blogautor Dr. Alex Rinehart, Chiropraktiker und Ernährungsberater, vergleicht die Medienwerbung mit Pornographie. Wenn jemand pornographische Bilder oder Videos betrachtet, erkennt das Unterbewusste die virtuellen Personen als real. Es werden die Dopaminpfade aktiviert, was die Wahrscheinlichkeit von riskanten Entscheidungen und riskanten Handlungen erhöht. Ebenso reagiert das Gefühlssystem, wenn es von Schlussverkäufen, Schnäppchen, Superrabatten etc. hört: „Das Angebot ist nur kurze Zeit gültig, schlagen Sie schnell zu!“ Sieht unser Unterbewusstes in einer emotional aufgeladenen Situation (z.B. während einer Fußballübertragung) eine knapp bekleidete junge Frau, die mit Hochgenuss irgend ein ungesundes Nahrungsmittel („Ess-Porno“) verzehrt, kann es zu Handlungen verleiten, die unserer Gesundheit auf vielen Ebenen schaden. 

Deshalb empfiehlt Rinehart, auf die Werbung zu zeigen, wann immer sie in den Medien auftaucht, und zu sich selber zu sagen: „Oh, das ist ja pornographisch!“ Dann fällt es leichter, die Sendung gleich auszuschalten. Denn chemisch läuft im Gehirn beim Werbungschauen der selbe Vorgang ab wie bei explizit sexuellen Inhalten. 

„Sex sells“ heißt dann auch: Einkaufen soll zu einem sexuellen Erlebnis werden. Die Aufgeilung vermehrt den Stress, führt unser Unterbewusstsein in die Irre, irritiert unsere Sexualität und belastet unsere Gesundheit.

Welche Aktivitäten helfen, wenn wir Stress reduzieren wollen?
Hier die Empfehlungen von Rinehart:
Sport, entweder mit Übungen oder mit Spielen
Beten oder religiöse Rituale
Lesen
Musikhören
Zeit mit Freunden oder der Familie verbringen
Eine Massage bekommen
Spazierengehen
Meditieren oder Yoga, beides mit kohärentem Atmen verbunden
Kreative Hobbys ausüben

Was sind die bekannten stress-förderlichen Aktivitäten?
Gewinnspiele
Shoppen
Rauchen
Alkohol trinken
Essen
Videospiele spielen
Ausgiebig im Internet surfen
Mehr als zwei Stunden am Tag Fernsehen

Warum ist die erste Liste gescheiter?

Die Aktivitäten in dieser Liste fördern die Ausschüttung Serotonin, GABA und Oxytocin.

Die zweite Liste enthält Aktivitäten, die im Belohnungssystem des Gehirns zentriert sind, das auch als Dopamin-System bezeichnet wird. Es ist auf die Vorwegnahme zukünftiger Belohnungen ausgerichtet. Es erzeugt angenehme Gefühle, bis die Belohnung ausbleibt. Dann entsteht Unzufriedenheit und Unausgefülltsein. Man kann sich isoliert und unruhig fühlen, ein Anzeichen dafür, dass das Gehirn den nächsten Dopamin-Schub herbeisehnt.

Dieser suchtartige Kreislauf drängt uns zu kurzfristig wirksamen Dopamin-liefernden Tätigkeiten, obwohl wir es innerlich besser wüssten, dass die oben als Serotonin-, GABA- und Oxytocin-fördernden Aktivitäten viel besser für uns wären. (GABA steht für Gamma-Aminobuttersäure, ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der schmerzstillend und schlaffördernd wirkt.)


Die Verführungsmacht von Dopamin


Das Belohnungshormon Dopamin erzeugt selber nicht direkt eine Erfahrung der Lust und des Genusses, sondern vermittelt die Vorwegnahme eines zukünftigen Vergnügens, und das ist ein bedeutsamer Unterschied. Die Antizipation eines Vergnügens ist für Menschen deshalb so wichtig, weil dieses Gefühl die Grundlage für Motivation darstellt: Wenn ich mich für ein längerfristiges Ziel entscheide, suche ich ein erfüllendes Gefühl, das mir die Erreichung des Ziels verspricht, und so mobilisiere ich die Energien, die für die Erreichung des Zieles notwendig sind. Das Motiv, etwas zu erschaffen oder zu erreichen, das in der Zukunft liegt, benötigt Dopamin als Treibstoff.

Werbeexperten und politische Manipulatoren haben auf dieser Ebene das gleiche Ziel: stabile Dopamin-Kreisläufe bei den Adressaten zu erzeugen, die verlässlich feuern, wenn es um Entscheidungen für die eigene Sache geht: Du sollst aufgeregt und begeistert an den Erwerb meines Produkts denken; du sollst meinen Wahlsieg wie deinen persönlichen Erfolg verspüren, der dir sofort ein besseres Leben beschert. 

So können wir den Fanatismus verstehen, in den manche Anhänger von Demagogen ausbrechen, wenn ihr populistischer Star seine Gegner niederredet und für seine eigenen Anliegen das Blaue vom Himmel verspricht – Dopamin-Ausbrüche, die dann hysterisches Geschrei und Begeisterungsstürme auslösen. Die narzisstischen Politiker, die gerade in einigen Ländern Hochkonjunktur haben, verstehen sich vor allem auf diese Meisterschaft: Aus ihrem eigenen Dopamin-Programm heraus an die Synapsen der Anhänger anzudocken und auf diese Weise Abhängigkeiten zu erzeugen: Menschen, die fest daran glauben, dass erst und nur wenn ihr Kandidat die ganze Macht hat, das eigene Leben besser wird. Süchtig nach den Erfolgen anderer werden Menschen, denen das Leben sonst wenig Gelegenheit für dopaminerge Motivationszyklen geboten hat.


Die Vorweg-Belohnung


Das Problem mit der Vorwegnahme einer Belohnung liegt darin, dass eine innere Spannung zwischen der Erwartung und der Angst vor einer Enttäuschung aufgebaut wird. Manche Menschen unterbinden, ohne es zu wissen, ihre Dopamin-Erzeugung, indem sie sich jede Vorfreude auf mögliche Erfolge und Zielverwirklichungen verbieten, weil ja nichts sicher ist, und sie Angst davor haben, dass die Enttäuschung umso größer sein könnte, je größer die Vorfreude ist.

Andere wiederum setzen darauf, die Angst und den Zweifel an der Sicherheit der Zielerreichung zu unterbinden, indem sie sich alle negativen Gedanken verbieten und versuchen, nur positive innere Bilder vom ersehnten Erfolg zuzulassen. Sie kultivieren zwar ihre Dopaminerzeugung, allerdings neigen sie dazu, Risiken oder Unklarheiten in Hinblick auf die Zielerreichung zu übersehen oder zu ignorieren.


Die Kultivierung der Achtsamkeit


Der Ausweg aus der Problematik der Vorwegnahme liegt für beide Fälle in der Achtsamkeit auf das Erleben im Moment. Wenn wir vordringlich darauf  achten, was sich jetzt gerade im eigenen Innen abspielt, sind wir vor irrealen Ängsten vor der Zukunft und aus der Vergangenheit geschützt. Wir können unsere Motivation aufrechterhalten, indem wir unsere Ziele als Resultate unseres Wollens bejahen und die Ängste, die dabei auftreten, mit unserer liebevollen inneren Aufmerksamkeit einhüllen, bis wir sie in unterstützende Kräfte für unsere Zielerreichung verwandelt haben. Auch können wir auf diesem Weg überprüfen, ob Ziele, die wir uns wünschen, oder Dinge, die wir haben möchten, wirklich aus unserem Wollen kommen und nicht aus äußeren Quellen stammen, deren Botschaften sich ohne unser Bemerken in unser Unterbewusstsein eingeschlichen haben. 

Das beste Training, um uns vor allen ungewollten und manipulativen Einflussnahmen auf unser Unbewusstes und die von ihm inszenierte Hormonregulation zu schützen, ist die Kultivierung der Achtsamkeit. In einer Reihe von Forschungsarbeiten wurde belegt, dass Übungseinheiten von mindestens fünf Minuten, innerhalb von acht Wochen täglich durchgeführt, zu messbaren Veränderungen im Gehirn führen: Z.B. werden die Verbindungen zwischen den bewussten Gehirnteilen und den Belohnungszentren gestärkt, d.h. wir verbessern unsere Kompetenz darin, das bewusste Wollen von unbewussten Programmierungen zu unterscheiden. Die Dopamin-Produktion wird dann nicht mehr von emotionalen Spannungen auf der unbewussten Ebene ausgelöst, sondern von rational überlegten und festgelegten Entscheidungen und deren Projektion in die Zukunft. Zusätzlich wird die Oxytocin-Produktion gesteigert, die unsere Ängste hemmt.

Wenn wir also von stressgetriebenen zu entspannten und gelassenen Menschen werden wollen, die ihre Motivation aus einem breiten Angebot an Gefühlen (und damit verbundenen Botenstoffen) und rationalen Abwägungen schöpfen, empfiehlt es sich, dass wir uns der Kultivierung der Achtsamkeit widmen.

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