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Sonntag, 20. April 2025

Die Globalisierung von Konflikten durch die Aktivierung von Traumen

In vielen Gebieten der Welt herrscht unermessliches Leid als Folgen von gewaltsamen und langwierigen Konflikten. Das berührt auch die anderen Mitglieder der Menschenfamilie und führt oft zu einem tiefen Mitgefühl für die Opfer dieser Konflikte.

Humane Katastrophen bringen die Menschen dazu, nach Erklärungen für die Auslöser zu suchen. Denn solche Ereignisse sollten nach Möglichkeit in Zukunft verhindert werden. Die richtige Erklärung sollte dazu helfen.  Die einfachste Erklärung besteht darin, einen Schuldigen zu finden, der dann ausgeschaltet oder bestrafen werden kann. Doch führen die einfachen Erklärungen meist in die Irre. Die menschlichen Angelegenheiten sind bekanntlich immer vielschichtig und komplex.

Allerdings werden diese Konflikte zu emotional aufgeladenen Themen vereinfacht und verbreiten sich weit über die Konfliktgebiete hinaus. Dort schaffen sie zusätzliche, sekundäre Konflikte, die weitere Opfer fordern. Denn das Leid von Menschen wird in Waffen für alle möglichen politischen Interessen umgeschmiedet. Aus schrecklichen Unmenschlichkeiten werden ideologische Konstrukte gefertigt, die nichts mehr mit dem Leid der Betroffene zu tun haben, sondern anderen Zwecken dienen. Ein wichtiger Aspekt solcher Konstrukte ist es, Unbeteiligte dazu zu bringen, sich in das ideologische Freund-Feind-Schema einzugliedern, um die eigene Position zu stärken und den eigenen Hass zu rechtfertigen. 

Der Nahostkonflikt in globaler Polarisierung

Eines dieser Themen ist der Nahostkonflikt – seit es ihn gibt. Der Terrorüberfall am 7. Oktober 2023 und die darauf folgende militärische Reaktion Israels haben dieses Thema in einem unglaublichen Ausmaß emotional aufgeladen und zu massiven Polarisierungen geführt, die sich gleichsam durch die ganze Welt ziehen. Die Frontlinien verlaufen ungefähr so: Wer für Israel Partei ergreift, wird von der anderen Seite als Unterstützer eines Genozids eingeschätzt; wer sich auf die Seite der Palästinenser stellt oder die Politik der israelischen Regierung kritisiert, wird als Antisemit gebrandmarkt. 

Je mehr emotionale Aufladung herrscht, desto schwerer wird es, differenziert zu argumentieren; es geht nur mehr um die Frage: Bist du für oder gegen mich/uns? Es gibt nur eine Wahrheit, wer sie teilt, ist ein Freund, wer sie bestreitet, ist ein Feind und muss bekämpft werden. Emotionale Aufladung bedeutet immer Stress; Stress bewirkt die Vereinfachung des Denkens und die Aktivierung des Freund-Feind-Schemas. 

Aktivierung von Traumen

Solche Themen werden oft von Menschen aufgegriffen, die direkt gar nichts damit zu tun haben, weil sie andere Interessen bedienen und politischen Erfolg mit einer Parteinahme erreichen wollen. Tiefer betrachtet, nutzen sie unbewusst solche Themen, um bei den Menschen in ihrer Zielgruppe Traumareaktionen auszulösen. Denn die Energien, mit denen solche Themen emotional aufgeladen und mit Wut und Hass belebt werden, stammen aus Traumen, in denen die Person das Opfer von übermächtiger Gewalt war und meint, sich jetzt gegen diese Gewalt wehren zu müssen, um nicht wieder in die ohnmächtige Opferrolle zu geraten. Das ist also eine unbewusste Dynamik, in der sich die individuelle Traumaerfahrung mit dem kollektiven Traumafeld verbindet.

Identifikation mit den Opfern

Im Nahostkonflikt gibt es auf beiden Seiten viele Opfer, aber das eigene Trauma bewirkt bei Unbeteiligten, sich mit einer Seite der Leidenden zu identifizieren und für diese Seite mit allen Mitteln zu kämpfen. Stellvertretend für das eigene erlittene Opfersein sollen die aktuellen Opfer aus ihrer bedrohlichen Position befreit werden und damit soll ein Sieg über das Böse, das ursprünglich die Schuld am eigenen Trauma getragen hat, erreicht werden. 

Als Folge dieser Ausbreitung der Konfliktfelder entstehen Konfliktgräben auf der ganzen Welt, und die Parteien mit all ihren Stellvertretern stehen sich wie zwei steinzeitliche Heerhaufen in mörderischer Absicht gegenüber – die einen drohen mit der Keule des Genozids, die anderen mit der Keule des Holocausts. Dazu kommt, dass alle, die da nicht mitmachen wollen, gezwungen werden sollen, Partei zu ergreifen, oft nach dem Motto: Bist du nicht bedingungslos für uns, dann bist du unser Feind. Damit wird weit abseits der Konfliktgebiete eine Debattenkultur erschaffen, die die Grausamkeit der realen Kriege in die ganze Welt trägt, von Aggressionen aufgeladen ist und mehr und mehr Menschen in ihren Bann zieht.

Natürlich gibt es die verschiedensten Interessensgruppen und Lobbys, die daran arbeiten, dass politische Konfliktthemen emotional aufmunitioniert werden. Sie wollen die Traumawunden für sich nutzen, die tief in der Psyche der meisten Menschen verankert sind. Die Propaganda dieser Gruppen ist schon geschult darin, die Sprache zu finden, mit denen die individuellen und kollektiven Traumen getriggert und aktiviert werden. Wenn dazu noch eine Lösung oder gar ein Erlöser präsentiert wird, gelingt es leicht, Anhänger zu finden und an die eigene Gruppierung zu binden. Einmal eingefangen, ist es für die Zielobjekte dieser Masche schwer, wieder zu einer eigenen Meinung und einer ausgewogenen Sichtweise zurückzufinden. 

Die sogenannten sozialen Medien tragen viel dazu bei, diese Rekrutierungsmanöver noch effektiver zu gestalten, denn ihre Algorithmen sind darauf eingestellt, die entsprechenden Traumaschleifen zu verstärken und zu vertiefen, wenn sie ihnen einmal durch das Nutzerverhalten auf die Spur gekommen sind. Sie verschärfen die Polarisierung und die Überzeugung, dass es überlebenswichtig ist, auf der einen Seite zu stehen und die andere zu verdammen.

Die Macht des Traumas in Verbindung mit den von der Propaganda angebotenen Abwehr- und Verlagerungsstrategien ist so dominant, dass das Feindbild zu einem Teil der eigenen Identität wird, ja werden muss, denn für das Unterbewusste sichert die Klarheit über die Gefahr und die „wirklichen“ Bösewichter das Überleben.

Schnell wird das Opfer-Täter-Retter-Dreieck vervollständigt: Zunächst findet die Identifikation mit dem Opfer statt, z.B. mit den Palästinensern im ausgebombten Gaza-Streifen oder mit israelischen Familien, die um das Leben einer Geisel bangen. Dann werden die Täter namhaft gemacht, und die Wut und der Hass aus der eigenen Traumawunde werden auf sie gerichtet. Schließlich bietet sich ein Retter an, z.B. ein Politiker, der kompromisslos und vehement für eine Seite des Konflikts engagiert ist, oder eine Partei, die die eigene Sichtweise auf die Opfer- und Täterrolle teilt.

Der Ausstieg aus solchen Dynamiken fällt enorm schwer und kann meist ohne Hilfe von außen nicht gelingen. Eine solche Hilfe ist nur dann wirksam, wenn sie auf die emotionale und nicht auf die rationale Ebene der Bindung an eine bestimmte Position in einem konfliktreichen Thema eingeht. Jemanden von seiner Überzeugung, die stark in die eigene Identität aufgenommen wurde, abzubringen, ist umso schwieriger, je stärker die emotionale Aufladung ist.  Die Identifikation mit der Opferseite und mit dem Hass auf die Täterseite dient der Abwehr des emotionalen Schmerzes, der mit dem erlittenen Trauma verbunden ist. Die Aggressionen, die auf die Täter in der aktuellen Thematik gerichtet werden, stammen aus den Kräften, die zum Überleben des Traumas beigetragen haben und müssen deshalb aufrechterhalten bleiben. Darin liegt der Grund, warum immer wieder nach neuen Quellen und Bestätigungen für die Wut- und Hassgefühle gesucht werden. Es darf keine Schwäche zugelassen werden, weil sie an das Ausgeliefertsein, an die Verletzlichkeit und an den Schmerz erinnern würde, an die schamerfüllte Ohnmacht in der ursprünglichen Traumaerfahrung.

Zum Weiterlesen:
Kollektive Traumen und ihre Folgen


Freitag, 20. Oktober 2023

Parteilichkeit verstärkt die Gewalt

Der aktuelle Nahostkonflikt berührt und verunsichert viele Menschen und bringt viele Fragen in den Vordergrund, die eigentlich schon lange unbeantwortet sind, aber immer wieder in den Hintergrund treten und schnell in Vergessenheit geraten. Bevor ich auf die Frage der Parteilichkeit angesichts der gegenwärtigen Situation eingehe, versuche ich darzustellen, worin die Grundregeln im menschlichen Zusammensein bei Gewaltereignissen bestehen. Unter Grundregeln verstehe ich Übereinkünfte, die für das Weiterbestehen der Gruppe oder Gemeinschaft notwendig sind, wenn es zu Regelüberschreitungen durch Gewalt geht. Diese Regeln bestehen seit Urzeiten und gelten für alle Formen von menschlichen Sozialformen. Sie hängen mit der sozialen Verfasstheit des menschlichen Seins zusammen.

Grundregeln im Umgang mit Gewalt

Wenn Mitglieder einer Gruppe Gewalttaten begehen, reagieren die anderen mit Entsetzen und Betroffenheit. Sie fühlen mit den Opfern mit und unterstützen sie. Sie verurteilen die Taten und fordern Konsequenzen für die Täter, denn Verbrechen sollen nicht ungesühnt bleiben. Die menschliche Gemeinschaft muss auch nach Akten der Barbarei weiterbestehen, und das geht nur, wenn die Taten verurteilt und die Täter bestraft werden. Die Opfer verdienen Solidarität, Trost und Wiedergutmachung. 

Bei jeder Bestrafung muss klar zwischen der Person des Täters und der Tat unterschieden werden. Es darf kein Täter entmenschlicht werden, auch wenn seine Tat unmenschlich war. Denn eine Gemeinschaft, die einem ihrer Mitglieder das Menschsein abspricht, wird selber unmenschlich. Entmenschlichung erzeugt Verunsicherung und Angst bei allen Mitgliedern, und das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl wird brüchig. Die Zugehörigkeit muss bedingungslos garantiert bleiben, selbst wenn jemand grob gegen alle Regeln verstößt. Sonst drohen der Gemeinschaft Zerfall und Anarchie. Gemeinschaftliche Gewalt ist nur zur Eindämmung von individueller Gewalt erlaubt. Z.B. darf die Polizei nur dann Gewalt ausüben, um Gewalttaten zu verhindern oder zu beenden. Eine willkürliche Gewaltausübung durch Organe der Gemeinschaft ist noch schlimmer als individuelle Gewalttaten, denn die Folgen sind Angst und Gegengewalt und die Destabilisierung der Gemeinschaft. Gewalt, die eine Gemeinschaft gegen ihre Mitglieder anwendet, muss regelkonform bleiben, sonst dient sie der Unterdrückung.

Parteilichkeit mit den Opfern

Soweit ein paar Überlegungen zum generellen Umgang mit Gewalt und ein Versuch, die Bedingungen zu beschreiben, wie menschliche Gemeinschaften mit Gewalt umgehen können, ohne die Grundlagen ihrer Gemeinschaft zu untergraben. Die aktuelle Gewalteskalation zwischen Palästinensern und Israel enthält natürlich vielfältige und komplexe Komponenten aus der Geschichte und aus den internationalen Zusammenhängen, die hier nicht erörtert werden. Ich möchte darauf eingehen, wie wir als unbeteiligt Beteiligte mit der emotionalen Belastung umgehen können, die mit jeder Gewaltausübung, die in der Menschenfamilie auftaucht, verbunden ist. Wir sind nach dem persischen Dichter Saadi Shirazi wie ein Körper, in dem jedes Glied den Schmerz spürt, wenn ein anderes Glied leidet.

Die nobelste Haltung, die wir entsprechend dieser Einsicht einnehmen können, besteht im Mitgefühl mit jedem Leid, das durch die Gewalt entsteht, ohne jeden Unterschied und ohne jede Bewertung. Die Parteilichkeit gilt den Opfern, auf welcher Seite sie auch entstehen. Zu dieser Haltung gehört die Forderung nach ausgleichender Gerechtigkeit, die die Ahndung der Gewalttaten und die Wiedergutmachung für die Gewaltopfer beinhaltet. Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden, und damit setzt die Menschengemeinschaft ein klares Signal, dass Gewalt nicht geduldet wird, sondern dass andere, gewaltfreie Formen der Konfliktbewältigung gesucht werden müssen.

Das Freund-Feind-Schema

In Konfliktfällen, bei denen wir nicht unmittelbar beteiligt sind, gibt es immer die Versuchung, eine Seite sympathischer oder rechtschaffener zu empfinden als die andere, woraus sich der Impuls ergibt, für diese Seite Partei zu ergreifen. Wer sich in einem Konflikt auf eine Seite schlägt, sollte sich allerdings bewusst sein, dass er oder sie mit diesem Schritt eine friedliche Lösung des Konflikts behindert und erschwert. Denn durch die Parteinahme wird die eigene Gewalttendenz verstärkt. Sie besteht darin, dass eine Seite als Freund und die andere als Feind gesehen wird. Der Freund ist der Gute, der Feind der Böse. Jemanden als Feind zu sehen, rechtfertigt Aggressionen, denn das Böse muss bekämpft werden. Die Gewaltbereitschaft im Inneren wird auf diese Weise genährt und gerechtfertigt. Anhänger einer Seite fordern Aggressionen und Zerstörungen, die der anderen Seite zugefügt werden sollten, und sind zufrieden, wenn diese erfolgen. 

Das verinnerlichte Feindbild billigt und unterstützt das stellvertretende Ausüben von Rache, nach dem Motto: Recht so, den Feinden muss Leid zugefügt werden, sie sind so böse. Gewalt muss mit Gewalt beantwortet werden. Was die Bösen angerichtet haben, muss solche Konsequenzen haben, dass sie niemals wieder auf die Idee kommen, Böses zu tun. Der nächste Schritt wäre, aktiv auf einer Seite mitzuwirken und so die eigene Gewaltbereitschaft mit dem Gefühl der Rechtschaffenheit ausleben zu können.

Das Freund-Feind-Denken entwirft eine binäre Struktur. Jedes binäre Schema enthält eine Polarität und erzeugt damit eine Polarisierung, die eine angstgeladene Spannung enthält. Solche Spannungen sind mit einer Gewaltbereitschaft verbunden, die jederzeit explodieren kann. Weltpolitische Konflikte sind immer Auswuchs aus historischen Verwicklungen und ungelösten Spannungen, die sich dann immer wieder entladen, solange es zu keiner nachhaltigen Friedenslösung kommt. Die Frage, wer den Konflikt begonnen hat und damit die Hauptschuld trägt, ist in solchen Fällen sinnlos. Deshalb dient ein Freund-Feind-Schema, das über die komplizierte Situation gebreitet wird, nur den eigenen unbewussten Rache- und Hassimpulsen. Schwarz-Weiß-Muster sind bequemer und verhelfen zu einer einfachen Orientierung, während die Auseinandersetzung mit der Komplexität immer wieder zu Ungewissheiten und Uneindeutigkeiten führt. Wir wollen ein klares und eindeutiges Bild, und wenn es ein solches nicht gibt, basteln wir es uns selbst, damit wir uns leichter tun und die Unklarheit nicht aushalten zu müssen. Wir blenden alles aus, was nicht in das Schema passt, und sammeln all das, was unser Schema bestätigt. Eindeutige Orientierungen geben uns Sicherheit, allerdings um den Preis der Realitätsverzerrung.

Die Wurzeln der Gewaltbereitschaft

Psychodynamisch betrachtet gilt eine latente Gewaltbereitschaft immer anderen Personen, denen gegenüber wir uns früher ohnmächtig gefühlt haben. Die Racheimpulse stammen aus Erfahrungen, einer ungerechten und willkürlichen Macht ausgeliefert zu sein, ohne Chance, sich zu wehren. Das Gefühl, Opfer einer übermächtigen Gewalt zu sein, führt dann zur Identifikation mit einer Konfliktpartei, deren Schicksal an das eigene erinnert. 

Als wir klein waren, konnten wir uns nicht für Demütigungen rächen, sondern mussten sie ertragen und die Verletzungen uns begraben. Solche Erfahrungen melden sich, wenn wir im Außen Geschichten von Tätern und Opfern hören. Dann finden wir schnell heraus, wer die Guten und wer die Bösen sind, und ergreifen für die Guten Partei, um sie zu ermutigen, den Bösen Leid zuzufügen und freuen uns, wenn das gelingt. Wir merken dabei nicht, dass die aggressiven Gewaltimpulse eigentlich Personen in unserer Geschichte gelten und offene Rechnungen aus unserer Kindheit begleichen sollen. Der Bündnispartner im Außen, die Konfliktpartei, mit der wir uns identifizieren, soll dafür sorgen, dass die Rache durchgeführt wird.

Mit der Parteinahme wird also der Konflikt weiter befeuert. Aus dieser Sicht gibt es nur einen Lösungsweg, nämlich die gewaltsame Zerstörung oder Unterwerfung des Gegners. Im langen Atem der Geschichte kommt irgendwann der Moment, wo diese Gewalt wiederum ihre Rächer findet. Gewalt gebiert Gewalt, ist aber selber nicht in der Lage, der Gewalt ein Ende zu setzen. Darum ist der Schritt aus der Parteilichkeit in eine Haltung des Mitgefühls für alle Leidenden ein Beitrag zur Entschärfung des Konflikts.

P.S. Was bedeuten diese Überlegungen für den Ukraine-Russland-Krieg?
Natürlich ist es wichtig, für die Opfer auf beiden Seiten Mitgefühl zu haben. Aber die Gewalt ist klar von Russland ausgegangen als Überfall auf ein freies Land, das damit zum Opfer einer ungerechtfertigten Aggression wurde. Die Haupttäter und Hauptverantwortlichen sitzen in der russischen Regierung und sollten zur Rechenschaft gezogen werden, was aber leider nicht möglich ist. Denn es gibt keine übergeordnete Instanz, die die Täter vor Gericht stellen kann. Parteinahme für die Ukraine heißt, sie gegen die fortlaufende Gewalt zu stärken. Natürlich braucht die massive Gewalt des Angreifers Gegengewalt, um sie in die Schranken zu weisen und die gesamte Bevölkerung der Ukraine nicht der Willkür der Angreifer auszuliefern. Deshalb ist hier eine Parteinahme für das Opfer des Angriffs und für den schwächeren Teil des Konflikts notwendig und sinnvoll. Täter sollen nicht ermutigt werden, mit ihrem aggressiven Potenzial weiteren Schaden anzurichten. Es gibt in diesem Fall und bei ähnlich gelagerten Beispielen keine andere Möglichkeit, als Gewalt durch Gegengewalt einzudämmen.

Zum Weiterlesen:
Krieg und Scham


Freitag, 24. Januar 2020

Krieg und Scham

Kriege erzeugen Lawinen an Scham – und sie werden aus Gründen der Scham begonnen und geführt. In allen Rechtfertigungskonstruktionen für Kriege geht es um eine verlorene oder bedrohte Ehre, die wiederhergestellt werden muss, also um eine Beschämung, die durch Gewalt aufgehoben werden soll. Kriege sollen Scham wiedergutmachen, ohne dass bemerkt wird, wieviel neue Scham durch die Gewaltanwendung ausgelöst wird. Außerdem wird übersehen, dass im Fall des Sieges der Feind durch die Niederlage beschämt wird und deshalb, zur Wiederherstellung der eigenen Ehre, nach Revanche trachtet. 

Freundschaft und Feindschaft

Es wird deshalb übersehen, weil es nur im Spiel nicht beschämend ist, jemanden zu besiegen. Im Spiel regiert entweder das Glück und der Zufall oder die bessere Leistungsfähigkeit in einer bestimmten Dimension, z.B. beim Schachspiel. Die Regeln sind überschaubar und vorher definiert. Spielerisch lernen wir, Niederlagen und Siege zu verkraften (also mit der Beschämung umzugehen) und uns selber besser einzuschätzen. Außerdem spielen wir mit Freunden, und Spiele stiften und vertiefen Freundschaften.

Der Krieg beruht auf dem Konzept der Feindschaft und nutzt die Anfälligkeit der Menschen für die Aktivierung von existenzielle Bedrohungen. Wir alle verfügen über Angstspeicher, die unsere Überlebensängste enthalten. Wenn die entsprechenden Schlüsselreize auftreten, spulen sich die angstgesteuerten Programme ab und bewirken, dass die Außenwelt als feindlich erlebt wird. Auf diese Weise können aus friedlich nebeneinander lebenden Nachbarn und Freunden Feinde werden. Die Entfesselung der Überlebensängste bewirkt die Bereitschaft zur Gewalt. Was mein Überleben bedroht, muss vernichtet werden.

Krieg kann es nur geben, wenn genügend Menschen in diesen Bedrohungszustand versetzt werden. Im Sinn der Polyvagaltheorie muss die vagale Bremse übersprungen werden, sodass die Energien des sympathischen Nervensystems voll zum Tragen kommen. Mitmenschen werden dabei in Feinde verwandelt, sie werden von harmlosen Zeitgenossen zu potenziellen Bedrohern des eigenen und des kollektiven Lebens. Die von der Kriegspropaganda angestiftete Kriegshysterie führt dazu, dass die Bedrohungsszenarien viral werden, von einer Person zur anderen übertragen werden, bis die ganze Gesellschaft infiziert ist. Das war in vielen beteiligten Ländern die Stimmung zu Beginn des 1. Weltkriegs, wie in vielen Augenzeugenberichten überliefert wurde.

Kriegsbedingte Persönlichkeitsdeformationen

Die Realität des Krieges führt zur Ernüchterung und zur Konfrontation mit der Scham. In vielfacher Weise deformieren die kriegerischen Handlungen und Erfahrungen das Selbstbild der beteiligten Menschen. Sie müssen das Freund-Feind-Schema in ihr ganzes Wesen implantieren. Es darf nichts dazwischen geben. Es muss Eindeutigkeit herrschen: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die Fremden müssen umgebracht und die Eigenen geschützt werden. Damit schließt sich die Gruppe in der Gegnerschaft nach Außen fester zusammen, und im Inneren der Menschen wird das eigene Böse abgespalten und nach außen projiziert. Das eigene Handeln wird gerechtfertigt, auch wenn es den eigenen Werten widerspricht, da ja das Böse bekämpft wird.

Die Scham ist der unweigerliche Wächter vor jedem Selbstbetrug und markiert den Preis, der für jede Projektion bezahlt werden muss. Jeder Verlust der inneren Substanz, die mit Integrität bezeichnet wird, führt zu einem Schamgefühl. Wenn wir uns selbst verraten, schämen wir uns. Die Beteiligung an Kriegshandlungen geht nicht ohne diesen Selbstverrat, und entsprechend ist die Belastung mit Scham. Da es die massive Überlebensangst im Krieg nicht zulässt, diese Scham zu spüren, muss sie abgewehrt und umgewandelt werden. Eine häufige Umwandlung besteht in der Beschämung der Gegner. Von frühmittelalterlichen Kriegen ist überliefert, dass sich die Parteien lauthals gegenseitig beschmäht und beschimpft haben, bevor sie aufeinander losgegangen sind. Kriegsverbrechen sind ein Ausfluss der Schamabwehr.

Die Kriegsfolgen

Was bleibt nach dem Krieg? Ursprünglich hieß es, dass jeder selber mit seinen Erfahrungen zurechtkommen muss, außer Feiglingen und Hypochondern. Dann wurde deutlich, dass Kriegstraumatisierungen massive physiologische und psychologische Folgen haben und behandelt werden müssen. Die Wichtigkeit des Augenmerks auf die mit den Traumatisierungen verbundene Scham ist noch wenig bewusst. 

Aber das Ausmaß an vernichteten Menschen und Gütern bewirkt das Ausmaß an Scham. Bei den Verlierern senkt sie den Blick, bei den Siegern hebt sie ihn hoch. In beiden Fällen wird der Blick in den Spiegel vermieden: der Blick auf das eigene Versagen und auf das eigene Böse, der Blick, der am schwersten auszuhalten ist. 

Es gibt also keinen wirklichen Sieg nach einem Krieg, sondern nur unterschiedliche Formen der Beschämung. Kriege enden in der Regel durch die Erschöpfung, und wer weniger erschöpft ist, hat gewonnen. Alle kommen mit schmutzigen Händen aus dem Krieg zurück. Doch der Schmutz, der da klebt, ist die Scham, und die kann nicht einfach abgewaschen werden. Sie kann nur durch ein ehrliches und schonungsloses Erzählen und ein empathisches und nichtwertendes Zuhören gelöst werden. Jede Lüge, jede Vertuschung, jede Verherrlichung und jede Verdrehung von Fakten verhindert die Lösung und vertieft die Scham.

Kapitalismus statt schamgetriebene Machtpolitik

In Mitteleuropa wurde nach dem 2. Weltkrieg eine neue Erzählung versucht, die die Mechanismen der durch die Beschämung ausgelösten Rache außer Kraft setzen sollten. Angesichts der kolossalen Zerstörungen und der gescheiterten Ideologien blieb nur ein Neuanfang, der die Logik des Kapitalismus über die Logik der Machtpolitik stellte, indem man bei der Gründung der Europäischen Gemeinschaft durch wirtschaftliche Zusammenarbeit sicherstellen wollte, dass Kriege unwahrscheinlicher werden. Das Kalkül ist bis heute aufgegangen und hat den größten Wirtschaftsraum in einem Gebiet geschaffen, das seit Jahrtausenden Schauplatz zahlloser Kriege war.   

So erfolgreich diese Strategie in Hinblick auf die Eindämmung des Krieges und auf die Schaffung von Wohlstand war, so wenig leistete sie für die durch den Krieg ausgelösten psychischen und sozialen Konflikte. Denn die kapitalistische Produktions- und Konsummaschinerie kümmert sich nicht um das Innenleben der Menschen und ebensowenig um ihren Gruppenzusammenhalt. Deshalb leben und weben die Schamkonflikte weiter und erzeugen immer wieder übelriechende Blasen, die aus scheinbar unergründlichen Sümpfen aufsteigen. Der Morast enthält all die unverarbeiteten Schamthemen und Traumatisierungen, die vor Generationen entstanden sind und durch die Verleugnungen und Projektionen weiterwirken und verstärkt werden.

Schamthemen im Kapitalismus

Der Kapitalismus und die in ihm verankerte Gier als Triebkraft haben zusätzlich dazu weitere Schamkonflikte heraufbeschworen, mit noch bedrohlicheren Auswirkungen als alle bisherigen Kriege: Die globale Ungerechtigkeit und Ungleichheit, was Lebenschancen anbetrifft, und die voranschreitende Zerstörung der Biosphäre auf unserem Planeten. Und wir wissen bis dato nicht, welche Kriege durch die soziale Schieflage und durch die Verknappung der Lebensgrundlagen noch drohen können. Diejenigen, die am meisten davon betroffen sind, sind am stärksten mit der Beschämung konfrontiert, die diese Umstände auslösen. Die Erkenntnis, dass es sich die Wohlhabenden und Reichen immer besser richten können als die Minderprivilegierten, löst Scham und Hass aus.

Deshalb ist es die zentrale Aufgabe der reichen und privilegierten Länder und Gesellschaften, zum globalen sozialen Ausgleich und zum Schutz der Lebensgrundlagen alles in ihren Kräften Stehende beizutragen, statt überproportional fortgesetzt beide Bereiche zu verschlechtern. Nur so kann das Ausmaß an Beschämung und damit das Risiko künftiger gewaltsamer Konflikte verringert werden.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Donald Trump und die Ängste in der "strengen Weltsicht"

Die Soziologin Elisabeth Wehling (University of Berkeley) beschreibt in einem Artikel im Standard die Erfolge von Donald Trump im US-Präsidentschaftswahlkampf damit, dass er ganz bestimmte Werthaltungen, die in Nordamerika tief verwurzelt sind, konsequent anspricht und damit seine Wähler emotional engagiert. Sie benennt das als „strenge Weltsicht“, die auf fünf Säulen ruht:  Selbstbezogenheit, Sozialdarwinismus, Hierarchie, Fürsorge für die eigene Gemeinschaft und ihre Verteidigung gegen das Böse auf der Welt durch eine starke, männliche Autoritätsfigur. Ich möchte in diesem Artikel die angesprochenen Werte auf das Modell der Bewusstseinsevolution beziehen.

Die Selbstbezogenheit


Trump präsentiert sich als vollkommener und rücksichtsloser Egoist und begeistert damit seine Anhänger. Seine Botschaft ist: „Wenn du so egoistisch bist wie ich, kommst du an die Spitze. Wenn wir als Land so egoistisch sind wie ich, dann bleiben wir an der Spitze.“

Der Egoismus als Ideologie hat seine Wurzeln im Zerfall der tribalen Strukturen und im daraus resultierenden Zerfall der verbindenden Werte der Gemeinschaft. Er entsteht im Übergang zur emanzipatorischen Bewusstseinsebene und ist von der Angst bestimmt, dass man niemandem vertrauen kann als sich selbst und dass man deshalb primär immer das eigene Überleben sichern muss.

Wie schon öfter auf diesen Seiten belegt wurde, ist der Egoismus keine „natürliche“ Eigenschaft des Menschen, sondern eine Reaktionsform auf frustrierte Bedürfnisse, also die Trotzhaltung, die entsteht, wenn die sozialen Beziehungen brüchig werden.

Sozialdarwinismus


Trump im Originalton: „Das Gute an mir ist, dass ich reich bin, reiche Menschen sind reich, weil sie schwierige Probleme lösen.“ Der Sozialdarwinismus ist die Ideologie des Egoismus. Er besagt, dass der rücksichtslose Kampf um die knappen Mittel zeigt, wer der stärkere ist, und dass dem Sieger im Kampf legitimerweise die Beute plus die Macht über den Unterlegenen gehört.

Das darwinistische Prinzip für die Evolution des Lebens besagt: Survival of the fittest, also das Überleben der am besten Angepassten. Der Sozialdarwinismus macht daraus: Survival of the strongest, also je brutaler, desto überlebensfähiger. Diese Ansicht war grundlegender Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie (die ja auch in den USA viele Anhänger hatte) und diente als Rechtfertigung für die Vernichtung alles Schwachen und Minderen. Der Machtwahn, der aus dieser Denkfigur stammt, kann nur gebrochen werden, wenn er in der eigenen Vernichtung endet, denn er muss bis zum letzten Quäntchen seiner Kraft beweisen, dass er der Stärkere ist.

 Der Sozialdarwinismus ist ein Produkt der personalistischen Ebene der Bewusstseinsentwicklung, in der zwar die Persönlichkeit des Einzelnen verherrlicht und verfeinert wurde, aber auch eine ideologische Überhöhung stattfand. Der Sozialdarwinismus überträgt die Brutalität des wirtschaftlichen Konkurrenzkampfes und der rücksichtslosen Ausbeutung auf den gesamten gesellschaftlichen Prozess und umgibt sie mit einem ideologischen Glorienschein. Er wird mit der Macht der Natur und der Natürlichkeit ausgestattet: Im Ganzen des Lebens ginge es so zu, also kann es unter den Menschen nicht anders sein.

Hierarchie


Diese Werthaltung sieht es als gottgegeben an, dass es unter den Menschen Rangordnungen gibt, die einigen Menschen die moralische Autorität über andere verleihen: Männer über Frauen, Weiße über Schwarze, Heteros über Homos usw.

Die Idee der political correctness dagegen besagt, dass niemandem aufgrund von Merkmalen wie Geschlecht oder Hautfarbe Rechte und Privilegien, die andere haben, vorenthalten werden dürfen, die andere genießen. Sie ist eines der größten Feindbilder für  die konservativen Amerikaner.

Diese Idee ist eine Anleihe aus dem hierarchischen Bewusstsein. Dieses stellt den Ausweg aus der Schrankenlosigkeit des emanzipatorischen Egoismus dar. Es installiert Unterschiede unter den Menschen, die durch die Geburt definiert werden und unveränderlich sind. Damit gibt es eine klare Zuordnung der Vorrechte für die einen und der Benachteiligung für andere, und niemand darf sich beklagen.

Es widerspricht freilich auch im konservativen Weltbild dem „naturgegebenen“ Überlebensegoismus, denn die jeweils Untergeordneten müssen zugunsten der Übergeordneten auf ihre Egoismen verzichten und werden mit der Gewalt der Rechtmäßigkeit der „heiligen Ordnung“ in ihrer Selbstdurchsetzung eingeschränkt, wie die Demonstranten bei Trumps Veranstaltungen, die verprügelt werden müssen, weil ihnen als Untergeordneten keine Meinungsäußerung zusteht.

Fürsorge


Man sorgt für Seinesgleichen, und zwar gut. Andere gehen einen nichts an, die sollen selber schauen, wie sie zurecht kommen. Der Kreis der „Seinesgleichen“ wird willkürlich definiert: Wer sich den eigenen Werthaltungen unterwirft, gehört dazu und wird unterstützt, wer andere Einstellungen vertritt, bleibt ausgeschlossen.

Hier tritt das Urmotiv des tribalen Bewusstseins auf, allerdings in der pervertierten Form der willkürlichen Zuordnung und der aggressiven Ausgrenzung. Dazu gehört der, der sich unterordnet, im Sinn der NS-Parole: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Wer das Volk ist, wird ideologisch festgelegt.

Das tribale Bewusstsein dagegen ist begründet in einer selbstverständlichen und vorgegebenen Zugehörigkeit, die nicht willkürlich festgelegt und verändert werden kann. Alle Menschen tragen die Sehnsucht nach einer derartigen Zugehörigkeit in sich, weil nur diese ihnen Geborgenheit und Sicherheit auf einer ganz tiefen emotionalen Ebene gewähren kann. Die Gemeinschaftsideologien, die in späterer Zeit, besonders im 19. Jahrhundert, in dem auch die Hauptbesiedelung in Nordamerika stattgefunden hat, entstehen, nutzen diese emotionalen Bedürfnisse für ihre Zwecke aus.

Freund-Feindschema und starke männliche Autorität


„Die Welt ist gespalten in Gut und Böse, und um die eigene – selbstredend gute! – Gemeinschaft zu verteidigen, braucht es eine starke männliche Autorität, die nicht zimperlich ist und auch mal zupacken kann – zum Beispiel in Form von Angriffskriegen oder Folter.“ (Wehling)

Hier finden wir wieder das Motiv des Helden, der als der Gute gegen das Böse kämpft, Thema in all den bombastischen Hollywood-Leinwandepen. Der Preis der vereinfachenden Aufteilung der Welt in Schwarz und Weiß ist die Paranoia, die Angst, die auf Dauer gestellt ist. Wir müssen immer auf der Hut sein, das Böse schläft nie und schlägt gerade dann zu, wenn wir uns am sichersten fühlen. Wie sagte der Psychiater zum Paranoiker: „Bloß weil Sie Paranoiker sind, brauchen Sie nicht zu glauben, dass Sie nicht verfolgt werden.“

Der Preis der Paranoia ist auch der Wirklichkeitsverlust, denn diese ist weder gut noch böse, sondern vielschichtig und differenziert, und sie verändert sich dauernd. Wer sich dem Freund-Feind-Schema verschreibt, hat es nicht mehr mit der Wirklichkeit zu tun, sondern mit den Gespenstern im eigenen Kopf.

Das Freund-Feindschema stammt nach meiner Auffassung unmittelbar aus dem Kampf-Flucht-Mechanismus unserer urtümlichen Stressreaktion. Unter Gefahr müssen wir uns schnell orientieren, um der Bedrohung effektiv zu entgehen und brauchen dafür das einfachste Schema, das es gibt: Sicher oder unsicher, gut oder böse. Wenn wir das Schema internalisiert haben, haben wir eine Daueranspannung in uns etabliert.

Wieder wird am Übergang von der tribalen Sicherheit in die emanzipatorische Willkür angesetzt. Außerhalb der Stammesgemeinschaft gibt es nur feindliche Wildnis, und ich brauche eine einfache Perspektive, um damit zurechtzukommen. Jedem, der mir eine solche verspricht, muss bedingungslos gefolgt werden.

Zusammenfassung


Diese Analyse zeigt, dass sich dieses „strenge Weltbild“, an dem sich das konservative Amerika orientiert, aus den Ängsten verschiedener Bewusstseinsschichten nährt, dass dabei die erste Ebene in ihrer ursprünglichen Qualität ausgeblendet bleibt und die sechste und siebte Stufe nicht vorkommen, weil diese alle durch diesen Wertkomplex repräsentierten Einstellungen in Frage stellen und als mangelhaft und überholt erklären. Die weiße und noch schlimmer die schwarze Bevölkerung der USA ist im Bewusstsein des endgültigen und unwiederbringlichen Verlustes der tribalen Sicherheit in ihr neues Land gekommen. Ein völliger Neuanfang, bei dem jeder ganz auf sich gestellt ist, musste gewagt werden. Manche haben das gut geschafft, manche weniger. Danach teilt sich das Land ein, und jeder seiner Bewohner weiß um seinen Platz in der unsichtbaren Hierarchie. Eine selbstverständliche Zugehörigkeit gibt es nicht (und deshalb auch keine selbstverständliche Sozialfürsorge). Donald Trump steht für diesen Pioniergeist und bietet sich als Identifikationsfigur an für alle, die es so weit bringen wollen wie er.

Dieses wilde Gemisch an Bewusstseinselementen kann auch die Folie sein, vor der vielen von uns Donald Trump wie ein skurriles Wesen von einem anderen Stern oder aus einer anderen, längst überwundenen Zeit vorkommt. Tatsächlich tragen wir alle die Spuren der angesprochenen Bewusstseinsschichten in uns. Womit wir allerdings einen Unterschied machen können, ist die Bereitschaft, die eigenen Werthaltungen beständig zu überprüfen und dafür die Maßstäbe des systemischen und des holistischen Bewusstseins zu nutzen. Dann fällt es uns leichter, Licht in die dunkelsten Vorgänge zu bringen und zugleich die eigenen Verwicklungen mit diesen Bereichen der Seele zu lösen.

Für deutsche Leser: Was bedeutet dieses Profil für das Verständnis von Pegida und AfD? Für österreichische Leser: Wie kann man die Erfolge der FPÖ vor diesem Hintergrund verstehen?