Dienstag, 14. Juni 2011

Der Alkohol und seine Kultur 2


Wie verläuft die Alkoholsozialisierung?

Manche Eltern finden es putzig, wenn die Kleinen schon Alkohol, aber sicher doch nur in winzigen Dosen, zu sich nehmen. Sonst bleibt das Getränk den Großen vorbehalten, und jedes Kind wünscht sich, irgendwann auch einmal mit dabei zu sein. Deshalb wollen die Jugendlichen bei den Alkoholritualen der Eltern mitmachen. Die Erlaubnis, mit bei den Alkoholtrinkern zu sein, zählt als Eintritt in die Erwachsenenwelt, und es wirkt wie eine Initiation, wenn der Vater dem Sohn zum ersten Mal das Glas mit dem Wein füllt oder ihm einen Schnaps gestattet.

Bekanntlich rutscht die Schwelle kontinuierlich tiefer, Jugendliche machen immer früher die ersten intensiven Bekanntschaften mit dem Trinken. Und dann entsteht der Wettlauf mit dem ersten Rausch, der wie eine Mutprobe bestanden und bewundert wird.

Hier die Zahlen: Österreichs Jugendliche liegen beim Alkoholmissbrauch im europäischen Spitzenfeld. Ein Drittel der 15-jährigen Mädchen und etwa die Hälfte der 15-jährigen Burschen haben schon mehrere Rauscherfahrungen durch Alkohol gemacht. Aber sogar schon sieben Prozent der elfjährigen Kinder trinken einmal wöchentlich Alkohol. (Anton-Proksch-Institut)

Was aber ist so mutig daran, solange zu trinken, bis man umfällt? Die Überwindung der Ekelschwelle? Das Zuführen von Gift? Die Bereitschaft, jede Kontrolle zu verlieren? Den Erwachsenen zu zeigen, dass man mit ihnen mithalten kann?

Es ist die ambivalente Haltung der Gesellschaft zu der Droge, die sie sich selber gestattet und bei der sie annimmt, dass jeder ihre Gefahr richtig einschätzen und mit ihr umgehen kann. Deshalb hat sich jeder, der in sie hineinwächst, der Herausforderung zu stellen, muss sein Verhältnis zur Droge definieren. Es wird nicht gestattet, sich dieser Herausforderung überhaupt zu entziehen, unter Androhung von Ausschluss und Abwertung in der Bezugsgruppe.

Interessant finde ich auch, dass es bisher keine Jugendbewegung gibt, die sich vom Alkoholkonsum der Eltern abgrenzt. Viele andere Konsumgewohnheiten der vorigen Generation werden von der nächsten entwertet und abgelehnt und durch neue ersetzt, doch die Gewohnheiten des Alkoholtrinkens werden unbefragt übernommen, nur in der Quantität wird möglicherweise versucht, die vorige Generation zu übertreffen, mit oft verheerenden Folgen. Der Alkohol hat es geschafft, sich aus den Generationenkonflikten herauszuhalten oder sogar noch daraus an Nachfrage zu gewinnen.

Alkohol und Leistungsgesellschaft

Es ist ja niemandem zu verdenken, der den Leistungsdruck und die Fremdbestimmung der Arbeitswelt durch Bier, Wein oder Schnaps vergessen lassen will. Ein bequemer Weg, sich ein Glas einzuschenken, und schon geht es wieder besser, das nächste Glas gibt vielleicht eine Ahnung von Glück, und das dritte steigert noch mehr das Wohlbefinden. Niemandem soll diese Quelle der Regeneration genommen werden. Jedoch macht es keinen Sinn, die Augen vor der Realität zu verschließen, die darin besteht, dass Alkohol, in welcher Form auch immer, für den menschlichen Körper ein Gift ist, das er neutralisieren muss, um nicht darunter zu leiden, und dass der regelmäßige Konsum zu Schädigungen im Körper führt.

Wer besondere Weine genießen mag, wer eine Flasche Bier nach dem Sport gewohnt ist, wer nur ab einer bestimmten Promillegrenze lustig sein kann, möge seinen Wünschen Genüge tun. Da soll niemand reguliert oder eingeschränkt werden, da soll sich niemand einmischen. Ein guter Wein ist ein guter Wein, ein schlechter ein schlechter. Mehr aber brauchen diese Getränke nicht an Privilegierung, Verehrung oder Verherrlichung, ebenso wenig wie die Konsumenten. Einer verträgt mehr als der andere, eine ist sensibler als die andere.

Denn Alkohol ist neben all den institutionalisierten Verwendungsweisen eine gefährliche Droge, die wesentlich mehr materielle und psychische Schäden angerichtet hat als verbotene Drogen wie Heroin oder Kokain. Dass der Alkohol nicht verboten ist wie andere suchterzeugende Substanzen, liegt vor allem daran, dass sein Konsum so fest im Brauchtum und in den Gewohnheiten der Bevölkerung verankert ist und mächtige Wirtschaftszweige an seiner Erzeugung und seinem Vertrieb verdienen.

Alkohol kann zwar in kleinen Mengen ohne drastische Folgen genossen werden, das gilt aber für andere Drogen auch. Es gibt auch gesellschaftliche Normen, die extremen Alkoholkonsum einschränken. Doch durch die leichte Zugänglichkeit der Rauschdroge ist für suchtartigen Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Der Genussfaktor

Das Argument, dass alkoholische Getränke eben schmecken und deshalb getrunken werden müssen, lasse ich übrigens nicht gelten;-)! Geschmack ist konditionierbar und dekonditionierbar, d.h. er wird durch die Übung erlernt. Je öfter ich bestimmte Getränke trinke, desto besser schmecken sie mir. Vielen ist vielleicht anfangs Bier zu bitter, Wein zu sauer und Schnaps zu scharf, als dass diese Getränke beim ersten Mal schmecken könnten. Anfangs wehrt sich der Körper gegen die Zufuhr der Substanz, denn es ist Gift, so klein auch die Menge sein mag. Doch bei der zweiten Überwindung geht es schon leichter, und bald hat sich der Körper adaptiert und die angenehmen Folgen überformen den ursprünglichen Ekel.

Wir interpretieren diese Anpassung, die darin besteht, dass der Körper ein Notprogramm aufbaut, um mit einer Gefährdung zurechtzukommen, als Reifungsschritt: Jetzt schaffen wir es, den Ekel zu überwinden, jetzt gehören wir zu den Großen, Starken, Coolen. Und wenn es uns dann auch noch schmeckt, sind wir voll integriert im Alkohol-Establishment. Wenn wir erst „trinkfest“ sind, gehören wir schon zu einer Elite.

Die Abstinenten

Ist es nicht seltsam, dass Leute, die keinen Alkohol trinken, als abstinent bezeichnet werden? Das klingt so, als würden sie etwas von sich fern halten, was eigentlich das Normverhalten ist. Ein Abstinenter sitzt im Lokal, studiert die Weinkarte und denkt sich dann, nein, doch nicht. Alle also, die keinen Alkohol trinken, sind eigentlich Alkoholiker, die sich nur am Trinken durch Willenskraft hindern. Wir bezeichnen ja auch nicht alle, die kein Heroin zu sich nehmen, als clean. Niemand käme auf die Idee, den Bundespräsidenten oder den Kardinal von Wien mit diesem Prädikat zu versehen.

Alkohol und Bewusstheit

Was folgt nun daraus, oder was sollte daraus folgen? Alkoholverbote sind sinnlos, das haben die 20er Jahre in den USA unter Beweis gestellt. Meines Erachtens sollte ein Umdenken einsetzen, das durch mehr Bewusstheit entsteht. Die Verankerung der Droge in der Alltagskultur kann dadurch deutlich gemacht werden und geschwächt werden. Die hohe Akzeptanz von Alkoholgetränken in allen Gesellschaftsschichten, Regional- und Subkulturen sollte herabgesetzt werden, indem andere alkoholfreie Rituale eingeführt werden. Der Rechtfertigungsdruck sollte umgedreht werden: Warum trinkst du Alkohol? Statt: Was, du trinkst keinen? Der Gebrauch von Alkohol sollte zu begründen sein: Warum wird bei dieser Feier Alkohol ausgeschenkt, warum wird bei jenem Ereignis mit einem alkoholischen Getränk angestoßen usw.
 
Menschen, die Interesse daran haben, in ihrer Bewusstheit zu wachsen, können sich fragen, was ihre eigentlichen Motive sind, Getränke zu sich zu nehmen, die ihrem Körper Schaden zufügen. Menschen, die Interesse daran haben, sich gesund zu erhalten, können sich fragen, ob die Annehmlichkeiten des Alkoholkonsums dafür stehen, dass sie ihrem Körper schädliche, giftige Substanzen zuführen. Auch kleine Mengen von Gift sind giftig, und wir nehmen ja auch nicht Arsen oder Cyankali in Dosen zu uns, die uns nicht umbringen.

Die Zahlen

Österreich: 18 % trinken in gesundheitsgefährdendem Ausmaß, fünf Prozent der Einwohner über 16 Jahre gelten als chronisch alkoholkrank (insgesamt erkranken zehn Prozent der Bevölkerung). Zehn Prozent der Todesfälle sind Alkoholiker. (wikipedia)


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