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Montag, 18. November 2024

Pränatale Wurzeln der Fremdenangst

Warum haben viele Menschen Angst vor dem Fremden? Bei Kleinkindern ist das Fremdeln eine übliche Phase, die sich dann wieder legt. Aber unter Erwachsenen ist dieses Phänomen weit verbreitet und bildet bei vielen ein Hauptmotiv bei der Wahlentscheidung in den wohlhabenden Ländern des Westens: Welche Partei schützt mich am besten vor dem (den) Fremden? Angstreaktionen, sobald etwas Fremdes auftaucht oder sobald von Fremdem die Rede ist, melden sich mit der impliziten Botschaft, dass effektive Schutzmechanismen ergriffen werden müssen. Die Gefahren sind oftmals nicht real, aber das Unbewusste suggeriert eine wirkliche Bedrohung und löst die Stressachse aus. Da sich Bürger in den demokratischen Systemen alleine hilflos und ohnmächtig fühlen, suchen sie sich Machtträger, die ihnen Schutz vor den eingebildeten Bedrohungen anbieten und die dafür notwendigen Narrative propagieren, mit denen die Bedrohtheitsgefühle verstärkt werden. Damit wollen sie ihre Macht stärken, eine Schlagseite vor allem bei rechten und rechtsextremen Politiker.  

Hier möchte ich den Blick auf die Pränatalzeit richten. In dieser Phase unseres Lebens finden wichtige Prägungen im Emotionalgedächtnis statt, die sich im späteren Leben aus dem Unbewussten heraus ins Alltagsleben und –erleben einmischen. Aus dieser Perspektive stoßen wir auf den Hinweis, dass das Fremde Angst macht, wenn die Einnistung schwierig war. Die Nidation findet zwischen dem 6. und 10. Tag nach der Empfängnis statt. Die Blastozyste fällt vom Ende des Eileiters, in dem die Befruchtung stattgefunden hat, in die Gebärmutter und sucht dort einen Platz, an dem sie sich in die Uterusschleimhaut einwachsen kann. Es ist ein neuer, fremder Ort, in dem jetzt eine Heimstatt gefunden werden muss, an dem die weitere Reifung bis zur Geburt erfolgen kann. Wenn nun der mütterliche Organismus dem Embryo mit ambivalenten Gefühlen begegnet oder ihn ablehnt, wird dieses Fremde als feindlich und unnahbar erlebt. Das werdende Menschenwesen muss selber schauen, wie es Fuß fassen und sich einwurzeln kann, um überleben zu können. Das Fremde ist das Bedrohliche, mit dem ums Überleben gekämpft werden muss, statt mit ihm zu kooperieren. Dieser Eindruck verfestigt sich im Inneren und wirkt später weiter. Die Angst und Unsicherheit bei der Einnistung wird zusätzlich bestärkt, wenn ein Kind schon bei der Empfängnis spüren musste, dass es nicht willkommen ist. 

Solche Schwierigkeiten können auch der Grund für einen Frühabgang sein, wenn der Embryo zu schwach ist, sich gegen den Widerstand einen Einnistungsplatz in der Gebärmutter zu schaffen. Ohne das Andocken an der Gebärmutterwand ist der Embryo nicht lange lebensfähig. Gelingt jedoch das Verbinden von Plazenta und Gebärmutter, dann hat das Leben eine Chance, weiterzuwachsen, auch wenn es vielleicht durch einen holprigen Beginn überschatten sein kann. 

Auf diese Verunsicherung gibt es zwei Reaktionsmöglichkeiten, die sich in unterschiedlichen Haltungen ausprägen. Zum einen gibt es Menschen, die sich nirgendwo zuhause fühlen und oft übersiedeln, weil sie sich nirgendwo sicher und vertraut fühlen. Sie können nirgends dauerhafte Wurzeln schlagen. Zum anderen verwurzeln sich Menschen besonders tief an einem Platz und wollen von dort um keinen Preis wieder weg. Dieser Platz muss auch vor allem Fremden geschützt sein, damit die einmal gewonnene Sicherheit nicht mehr verloren geht.

Das Fremde und das Lernen  

Lernen besteht darin, Fremdes aufzunehmen und zum Eigenen zu machen. Wenn wir z.B. eine Fremdsprache lernen, müssen wir uns mit deren Fremdheit anfreunden. Wir müssen zulassen, dass sie sich in unserem Inneren Platz nimmt und sich ausbreitet. Auf diese Weise verwandeln wir Fremdes in Eigenes.

Lernhemmungen entstehen dort, wo das Fremde, das gelernt werden soll, abgelehnt wird, weil alles Fremde als feindlich erlebt wird – die Wiederspiegelung eines Einnistungstraumas. Die Neugier wird in diesem Fall von der Angst unterbunden. Neues wird mit Misstrauen beäugt. Beim Lernen kann es sein, dass sich der von der Angst geleitete Widerstand unbewusst so auswirkt, dass das Fremde nicht behalten werden kann und immer wieder vergessen wird.

Die Fremdenfeindlichkeit

Auch das Phänomen der Fremdenfeindlichkeit, das in der Politik eine wichtige Rolle spielt, können wir als Ausdruck dieser Früherfahrung verstehen. Eine Gebärmutter, in deren Wand die Einnistung stattfinden muss, damit das Überleben gewährleistet ist, und die als ablehnend und abweisend erlebt wird, führt zu dem Eindruck, dass dem Fremden grundsätzlich nicht vertraut werden kann. Es gibt keine Basis für einen Vertrauensvorschuss, der notwendig wäre, um das Fremde näher kennenzulernen. Das Vertrauen kann nur in sich selber aufgebaut werden, und das Fremde muss draußen bleiben. Es bedroht die innere Sicherheit. Deshalb kann man sich nur möglichst lückenlos davon abschotten. 

Das Fremde wird also nicht als Feld des Lernens und der Erweiterung des Horizonts genutzt, vielmehr wird es als Gefahrenquelle gesehen. Daraus entsteht die Überzeugung, dass das eigene Überleben nur dann gesichert werden kann, wenn dem Fremden misstraut wird. Für die eigene Existenzsicherung muss man aus eigenen Kräften sorgen. 

Schon während der Schwangerschaft hat diese Überzeugung zu Dauerstress geführt, der oft noch weit darüber hinaus gewirkt hat. Jede neue Begegnung mit etwas Fremdem kann dann die alte Angst und Stressreaktion auslösen. 

Mit diesem Verständnis der Fremdenangst wird auch klar, warum Fremdenfeindlichkeit dort am größten ist, wo am wenigsten Fremde leben, ähnlich wie der Antisemitismus dort am stärksten verbreitet ist, wo am wenigsten Juden leben. Der Kontakt mit dem Fremden verändert notgedrungen die Perspektive und ermöglicht neue Einsichten. Das ist wie bei jeder Angst: Wenn wir uns mit ihr auseinandersetzen, ihr ins Auge schauen, wird sie kleiner; wenn wir uns vor ihr verstecken oder von ihr abtrennen, wenn wir sie also aussperren, wird sie mächtiger.

Zum Weiterlesen:
Die Höhenangst und ihre pränatalen Wurzeln
Das volle Boot und die Angst vor Überflutung

  


Montag, 26. September 2022

Der Mythos vom verlorenen Glück

Es gibt den Mythos, dass die tribalen Gesellschaften, also die präzivilisatorischen Naturvölker ein „besseres“ Leben hatten als wir heute. Die Menschen hatten mehr Freizeit, entspannte Beziehungen und eine liebevolles Verhältnis zu den Kindern. Sie waren frei von den Belastungen und Problemen, die das moderne Leben kennzeichnen: Kein Stress, keine Gier, kein Geiz, also ein unbeschwertes Leben mitten in der Natur. 

Im Zug der Entdeckungs- und Eroberungsexpeditionen im 15. und 16. Jahrhundert kamen die Europäer in Kontakt mit Stammesgesellschaften. Zunächst galt das Hauptaugenmerk der Missionierung – die gottlosen Heiden sollten zum Christentum bekehrt werden. Bald wurde auch der „edle Wilde“ als Gemeinplatz der Zivilisationskritik salonfähig: Die verkommenen und dekadenten Sitten der in Luxus und Verschwendung lebenden adeligen Oberschichten wurden z.B. bei Jean-Jacques Rousseau einer unverdorbenen Naturverbundenheit und Ursprünglichkeit von „Eingeborenen“ entgegengestellt. Das glorreiche Duo von weißem Supermann und edlem wilden Indianerhäuptling prägt auch die Karl-May-Romantik, die Hauptlektüre vieler Generationen in den deutschsprechenden Ländern. 

In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sorgte Jean Liedloff mit ihrem Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“ (1980) (Original: The Continuum Concept, 1975) für eine neue Welle dieser Romantik. Liedloff hatte mehrere Jahre bei den Yequana in Venezuela verbracht und dort erkannt, dass der permanente Körperkontakt zwischen Mutter und Kind in den ersten Jahren entscheidend ist für das emotional und physisch gesunde Aufwachsen der Kinder. Außerdem plädierte sie für einen Stillrhythmus, der vom Kind und nicht von vorgegebenen Zeitplänen diktiert wird. Die aufwachsenden Kinder haben viele Vorbilder unter den Erwachsenen, mit denen sie zusammenleben, und lernen auf diese Weise, was sie fürs Leben brauchen. 

Liedloff unterschied zwischen evolvierenden Gesellschaften, die sich an die angeborenen Bedürfnisse der Menschen anpassen, und zivilisierten Gesellschaften, die von den Kindern ohne Rücksicht auf überlieferte Kenntnisse laufend neue Anpassungsleistungen einfordern. Wieder steht eine ideale Lebensform bei indigenen Völkern verkommenen Gesellschaftsformen gegenüber, die das Glück verloren haben. Verschiedene Autoren haben Liedloff vorgeworfen, die von ihr beschriebene Stammeskultur zu idealisieren und in ein simples Schwarz-Weiß-Schema einzubauen. Dabei habe sie auch Gewaltelemente in der Yequana-Kultur übersehen.

Gewalt bei Naturvölkern

In nicht allzu ferner Vergangenheit war die Familie in den meisten Fällen ein Ort von selbstverständlicher Gewalt. Die Einsicht, dass Gewalt gegen Kinder unmoralisch und auch für deren Entwicklung schädlich ist, ist relativ jung und stellt eine große Errungenschaft in der Bewusstseinsentwicklung dar. Gewalt gegen Kinder wurde in faktisch allen Kulturen sowohl theoretisch als auch in der Realität gerechtfertigt und als notwendig erachtet. 

Die entsprechenden Praktiken waren auch bei indigenen Völkern weit verbreitet, was dem Mythos von den glücklichen Stammeskulturen widerspricht. Zum Beispiel starben bei den Yanomano-Stämmen (die in Nachbarschaft zu den Yequanas leben) 43 % der Mädchen im ersten Lebensjahr, davon ca. die Hälfte durch Kindstötung. Ähnliche Praktiken berichtete Margaret Mead aus Neu-Guinea: Die Leute würden ständig ihre Babys wegschmeißen. Neugeborene wurden an den Fluss gebracht und ihre Lippen mit Wasser befeuchtet. Ein Kind, das das Wasser nicht annehmen wollte, wurde weggeworfen. In vielen Stammeskulturen gibt es grausame Initiationsriten, in denen z.B. den Jugendlichen die Frontzähne gefeilt werden, Zähne herausgeschlagen werden oder die Genitalien verstümmelt werden. Der französische Ethnologe Pierre Clastres schreibt: „In den primitiven Gesellschaften ist die Folter das Wesentliche des Initiationsrituals.“ Sexueller Missbrauch von Kindern war in vielen Gesellschaften Teil der Kultur, z.B. im alten Griechenland, wo die Jungen für die sexuellen Bedürfnisse der älteren Männer zur Verfügung stehen mussten. 

Untersuchungen haben ergeben, dass bei den Maori in Neuseeland, bei den Aborigines in Australien sowie bei den Indigenen in Nordamerika (USA und Kanada) das Ausmaß an körperliche Gewalt der Eltern gegen die Kinder sowie zwischen den Eltern weit stärker ist als bei der Vergleichsbevölkerung. Es gibt viele Befunde, die darauf hinweisen, dass in früheren Gesellschaften, gleich ob mehr oder weniger entwickelt, das Ausmaß an häuslicher Gewalt, das die Kinder betroffen hat, weit höher war und erst durch den zivilisatorischen Fortschritt sowie durch die damit verbundenen wirtschaftlichen Veränderungen zurückgedrängt wurde. Nicht-staatliche Gesellschaften zeigen insgesamt ein höheres Niveau an gewaltvollen Todesursachen. Während etwa die Mordrate in Österreich bei 0,7 (pro 100 000) liegt, beträgt sie im Schnitt von 93 untersuchten traditionellen Gesellschaften 182,9. 

Der Rückschluss scheint berechtigt: Gewalt wird ausgeübt, weil Gewalt erlebt wurde. Täter sind ehemalige Opfer. Diese Dynamik dürfte bei indigenen Gruppen besonders stark wirksam sein, während in staatlich organisierten Gesellschaften die Gewaltausübung in vielen Bereichen unter Strafe gestellt wurde – lange Zeit allerdings nicht die häusliche Gewalt und damit die Gewalt gegen Kinder.

Die Verklärung indigener Kulturen und die pränatale Regression

Warum neigen wir dazu, einfachere Lebensformen zu idealisieren und sie wieder herbeizuwünschen? Wir wissen, dass diese Lebensformen gravierende Schattenseiten haben. Aus der Sicht der pränatalen Psychologie steckt hinter der „Suche nach dem verlorenen Glück“ die Sehnsucht, aus den Widrigkeiten des erwachsenen Lebens in die Geborgenheit des Mutterleibs flüchten zu können. Eine „unverdorbene“ oder „unschuldige“ Welt, in der das Glück selbstverständlich ist. Es gibt sie in der Rückprojektion, in der Ausflucht aus der Gegenwart in eine als heil konstruierte Vergangenheit. Es handelt sich dabei um einen dissoziativen Vorgang, also um eine Abspaltung von der aktuellen Erfahrungswelt.

Dieser psychische Mechanismus wird genutzt, wenn wir indigene Völker und ihre Lebensweisen verklären. Der schlechten modernen und westlichen Lebensweise wird ein scheinbar intaktes und glücksverheißendes Stammesleben gegenübergestellt. Wir kennen diesen Kontrast aus unserer eigenen Entwicklung; wir neigen allerdings auch hier besonders dann zur Verklärung der Vergangenheit, wenn sie besonders belastet war. Viele Menschen beschreiben ihre Kindheit als „glücklich“, und können sich an nichts mehr erinnern. Das ist ein Anzeichen dafür, dass es sich um eine Wunschfantasie handelt, mit der sich die Psyche vor Erinnerungen an dunkle und schwere Zeiten in der Kindheit schützen will.

Fortschritte in der Menschlichkeit

Die Impulse von Liedloff haben neben den Konzepten der sanften Geburt nach Leboyer und Odent und den Forschungen zur Bindungstheorie viele Einstellungen in Bezug auf Geburt und frühe Kindheit in der westlichen Kultur verändert. Eltern achten mehr darauf, ihren Babys ausreichenden Körperkontakt zu geben und auf ihre Rhythmen bei Ernährung und Schlaf zu achten. Die Konzepte der strengen oder schwarzen Pädagogik, die auch im Nationalsozialismus propagiert wurden, haben an Einfluss verloren, während gewaltbefreite und bedürfnisorientierte Umgangsformen mit den Kindern mehr und mehr zum Standard werden. 

Hier sind wichtige Erkenntnisse aus der Psychologie und eben auch aus der Ethnologie und Kulturanthropologie zusammengeflossen und haben neue Einstellungen hervorgebracht. Manchmal berichten Klienten in der Therapie, dass sie als Kinder geschlagen wurden und dass solche Praktiken gerechtfertigt gewesen wären. Aber ihre eigenen Kinder würden sie nie so behandeln.

Kindern wird heutzutage in unseren Breiten von Anfang an mehr Achtung und Respekt entgegengebracht und sie werden mehr in ihrer Eigenentwicklung gefördert, statt sie vordringlich an Erwartungen und Normen anzupassen. Diese Entwicklung hat auch damit zu tun, dass Kinder in der modernen Zivilisation mehr als eigene Individuen gesehen werden. Nachdem es keine vorgegebenen Lebensentwürfe mehr gibt, die z.B. festlegen, dass der erstgeborene Sohn den Hof oder den Handwerksbetrieb übernimmt und entsprechend sozialisiert werden muss, können und müssen die Kinder freier aufwachsen, indem sie ihre Fähigkeiten und Talente entwickeln, mit denen sie dann die Herausforderungen des Erwachsenenlebens meistern können. Kinder sind damit in schwächerem Ausmaß belastet von Rollenerwartungen und haben mehr Spielräume für die Eigenentfaltung und Kreativität, die sie in einer Gesellschaft brauchen, die sich schnell verändert.

Bei diesen Tendenzen handelt es sich um ein Zusammenspiel von individuell gewonnenen Einsichten und gesellschaftlichen Trends, die wiederum von ökonomischen Veränderungen beeinflusst sind. Damit ist es zu einem weitreichenden Bruch mit alten Erziehungsgewohnheiten gekommen, die von Generation zu Generation weiter gegeben wurden und die wir heute in ihrer Dysfunktionalität und Zerstörungskraft verstanden haben.

Die Geschichte der Kindheit enthält viel Grausamkeit und Unmenschlichkeit. Die Beschäftigung mit ihr lehrt uns aber auch, dass wir in einer neuen Epoche leben, in der die Integrität der Kinder mehr geschützt und geachtet wird als je zuvor. Es ist die Epoche des Respekts und der Wertschätzung unserer schwächsten und verletzbarsten Mitmenschen. Diese Epoche ist noch lange nicht auf der ganzen Welt angekommen: Denn weltweit wird die Mehrheit der Kinder regelmäßig von ihren Eltern geschlagen. Doch mehr und mehr Eltern erkennen, was sie ihren Kindern und sich selber antun, wenn sie das Kostbarste, das sie haben, misshandeln. Diese Entwicklung können wir unterstützen, und wir leisten damit einen wichtigen Beitrag, dass unsere Welt menschlicher wird.

Es gibt keine ideale Zeit in der Menschheitsgeschichte und es gibt keine ideale Kindheit. Aber es gibt eine deutlich sichtbare und auch empirisch nachweisbare Entwicklung, die es ermöglicht, dass die Kindheit für mehr und mehr Kinder eine Zeit des spielerischen Lernens und Erkundens der Welt ist, in der sie die Rahmenbedingungen zur Verfügung gestellt bekommen, dass sie zu mitfühlenden und emotional stabilen Menschen werden können.

Literatur:
Sven Fuchs: Die Kindheit ist politisch! Mattes Verlag 2019
Steven Pinker: Gewalt. Fischer Verlag 2011


Mittwoch, 29. September 2021

Das volle Boot und die Angst vor der Überflutung

Die Horrorerzählung vom vollen Boot

Wir alle kennen die Bilder vom Untergang der Titanic dank des filmischen Monumentaldramas. Wenn das Boot übervoll ist, gehen alle unter, die drauf sind. Leicht verständlich ist die Metapher und leicht übertragbar auf abstraktere Zusammenhänge. Ein Staatsgebiet ist das Boot, mitten in einem stürmischen Ozean und randvoll mit den Leuten, die auf dem Boot heimisch sind. Und da wollen jetzt noch andere an Bord, die im Ozean herumschwimmen, knapp vor dem Ertrinken. Wie jede Metapher, hinkt auch diese: Ein Staat ist natürlich kein Boot, sondern ein umgrenztes Landgebiet. Dieses Land ist von Millionen Menschen bevölkert, aber es noch genug Platz für weitere Millionen da, zumindest räumlich. Es gibt keinen Ozean, auf dem es schwimmt und dem es auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. In der Umgebung sind in der Regel andere Staaten, manchmal auch Küsten. 

Der Sinn der Metapher vom vollen Boot liegt darin, Angst zu erzeugen. Es soll ein Gefühl einer Einengung erzeugt werden, die das eigene Leben bedroht. Andere, Fremde, nehmen weg, was man selber zum Überleben braucht. Also muss man sie mit allen Mitteln abwehren. 

Die Metapher ist deshalb so eindringlich, weil wir solche Gefühlszustände kennen. Es wird eng, die Luft wird knapp, die Angst schnürt alles ein. In jedem natürlichen Geburtsverlauf gibt es Situationen, in denen die Versorgung durch die Nabelschnur knapp wird und der Wehendruck alles eng macht. Wir haben die Erfahrung überstanden, aber wir wollen sie nicht nochmals erleben. Sie ist in unserem Unterbewusstsein gespeichert, ebenso wie die Impulse, ähnliche Situationen in Zukunft zu vermeiden.

Diese Impulse werden geweckt, wenn wir mit der Metapher vom vollen Boot erschreckt werden. Die Gefühle können sich gleich massiv melden und die gedanklichen Kontrollen ausschalten. Wir fühlen uns unter Druck und werden aggressiv, weil es scheinbar um unser Überleben geht. Wir müssen uns unter allen Umständen wehren, und denken nicht weiter darüber nach, was wirklich Sache ist. Das Böse ist im Außen und muss dort bekämpft werden.

Die Metapher mit dem vollen Boot wird verwendet, wenn es um Flüchtlinge und Asylsuchende geht, die ihre Heimat verlassen haben, weil dort Krieg, Hungersnot oder andere schwierige Lebensumstände herrschen. Sie wollen anderswo auf der Welt ihr Leben sichern und ihr Glück suchen.  Mit der Metapher suggerieren Politiker, dass wir um unser Überleben fürchten müssen, wenn Leute von außen hereinkommen, weil sie uns unsere Lebensgrundlagen wegnehmen. Und sie präsentieren sich als die Retter vor dieser Not und Gefahr.

Wie wir wissen, hat es immer wieder in der Geschichte Menschengruppen gegeben, die unfreiwillig unterwegs waren; der ganze amerikanische Kontinent wurde großteils von politischen, religiösen und wirtschaftlichen Flüchtlingen aus Europa besiedelt. Jede der europäischen Nationen ist ein Sammelsurium von verschiedenen Ethnien, die sich im Lauf der Jahrhunderte überlagert und vermischt haben. Die Einwohner eines Landes unterscheiden sich nur in der Dauer der Sesshaftigkeit ihrer Herkunftsfamilien. Es ist ein bekanntes Phänomen, dass sich vor allem jene, die noch nicht so lang im Land sind, deutlicher und vehementer gegen neuen Zuzug wehren als jene, die über viele Generationen angesiedelt sind. 

Klar ist, dass es kein objektives Kriterium dafür gibt, ab wann das Boot Staat voll ist, sprich von so vielen Menschen bewohnt wird, dass niemand Weiterer mehr Platz hat. Selbst die dichtest bevölkerten Staaten haben immer noch ausreichend Platz für Zuzügler. Klar ist auch, dass es Eingliederungs- und Anpassungsprobleme gibt, wenn in ein Land mit 8 Millionen Einwohnern innerhalb weniger Monate 100 000 Zuwanderer kommen. Aber zu sagen, dass ab nun das Boot voll ist, kann auf keinen nachvollziehbaren Grund verweisen, sondern ist eine subjektive Einschätzung. Die Integration von Zuzüglern wirft immer Probleme auf, und je mehr kommen, desto mehr Probleme gibt es. Wo aber ist die Grenze, ab der diese Probleme nicht mehr bewältigt werden können? Es gibt sie nur in Einschätzungen und Willenskundgebungen: Ich will nicht, dass noch mehr Leute reinkommen – weil sonst mein Sicherheitsgefühl ramponiert würde. 

Die subjektiven Einschätzungen, auf deren Grundlage vom „vollen Boot“ geredet wird,  sind aus der eigenen Emotional- und Traumabiografie unterfüttert und spiegeln das Ausmaß an Grundsicherheit und Grundvertrauen wieder, das in der Kindheit grundgelegt wurde. Sie treten zwar mit dem Anspruch auf objektive Gewissheit auf, können aber auf nichts zurückgreifen, was den Anspruch objektiv untermauern könnte.

Die Metapher von der Überflutung

Das Bild von der Überflutung von außen ist eine weitere Metapher, die Angst und Schrecken erzeugen soll. Sie hat auch mit dem Wasser zu tun wie die Metapher vom vollen Boot. Diesmal ist es das Wasser selbst, das in seiner Übermacht die Angst auslösen soll. Interessant ist die traumapsychologische Querverbindung. Ein Kennzeichen für ein Trauma besteht in der Überflutung mit feindlichen und bedrohlichen Reizen. Es strömen zu viele angstauslösende Informationen von außen auf den Organismus ein, der sie nicht mehr verarbeiten kann. Die inneren Systeme brechen zusammen, und Notfallsmechanismen übernehmen das Kommando, die ihrerseits dafür sorgen, dass flutartig Hormone ausgeschüttet werden. 

Solche Erfahrungen kennen wir alle in mehr oder weniger schlimmer Ausprägung. Die ersten Traumaerfahrungen sammeln wir im Mutterleib, etwa wenn die Mutter unter starken Stress gerät und ihre Stresshormone über die Nabelschnur ungefiltert einströmen. Wir werden von außen überflutet mit schädlichen Stoffen, und im winzigen Körper kommt es zur massiven Ausschüttung von eigenen Stresshormonen.

Wenn nun Szenarien des Überflutens von Politikern oder Medien heraufbeschworen werden, meldet sich im Inneren die Alarmreaktion von frühen Überflutungserfahrungen; das Denken wird ausgeschaltet, die Wirklichkeitswahrnehmung verzerrt, und die ganze emotionale Energie wendet sich gegen die Bedrohung, ob sie nun real ist oder fantasiert. Auf diese Weise gelingt es schnell, die verängstigten Menschen hinter einer politischen Parole zu versammeln. 

Die pränatalen Wurzeln der Ideologien

Ideologien nutzen gerne pränatal geprägte Metaphern, um die Emotionalzentren der Menschen anzusprechen und ihre Rationalität zu unterlaufen. In den hier genannten Fällen liefern sie damit Vorwände, die die Schamgefühle mindern sollen, die unterschwellig aktiviert werden, sobald es um die Fragen der Aufnahme von Notleidenden, Flüchtlingen und Vertriebenen geht, also um die Menschen, die unter dem Schutz der UN-Flüchtlingskonvention stehen. Diese Konvention, die die meisten Staaten unterzeichnet haben, wird zu einem leeren Stück Papier, sobald die emotional angetriebenen Ideologien die Oberhand gewinnen, mit Hilfe aller Ortsansässigen, die auf ihre Propaganda hereingefallen sind.

Donnerstag, 30. April 2020

Die Archetypen und die pränatale Welt

Die Welt der Archetypen, die wir aus Märchen, Sagen, Träumen und aus der Psychologie von C.G. Jung und seinen Nachfolgern kennen, enthält ein weites Geflecht an Verbindungen mit unserer pränatalen Welt. Wir verstehen in diesem Zusammenhang üblicherweise die Archetypen als Gestalten eines kollektiven Unbewussten, das die Menschheit seit ihren Anfängen aufgebaut hat. Eine weitere Zugangsform bietet die pränatale Sichtweise, indem die archetypischen Figuren als Repräsentanten früher Beziehungserfahrung im Mutterleib untersucht werden. Denn unser individueller Anfang ist genauso mythisch wie der kollektive Anfang der Menschheit – gehüllt in die Schleier der Bilder- und Gefühlswelten, lange vor den Umwälzungen durch das Erwachen der kognitiven Gedankenwelten.

Archetypen sind keine Figuren nach den rationalen Maßstäben der nüchternen Erwachsenenwelt, sie haben kein Verhältnis zu Zahlen und technischen Ursache-Wirkung-Gesetzmäßigkeiten. Sie sind von einer mythischen Aura umgeben und verhalten sich unberechenbar und spontan. Sie finden deshalb in der linkshemisphärischen Welt der Zweckrationalität und Marktökonomie keinen Platz, aber begegnen uns immer wieder an den Rändern unseres Klarbewusstseins. Allerdings sind wir zum geringen Teil in diesem Bewusstsein, das als die Norm gilt, z.B. weil wir da vor dem Gesetz zurechnungsfähig sind oder beim Schulunterricht aufpassen können. 

Vermutlich widerspricht das auch unseren Selbstüberzeugungen, weil wir intuitiv annehmen, dass wir permanent präsent und direkt mit der äußeren Wirklichkeit verbunden sind. Die Wissenschaft hat dagegen herausgefunden, dass wir einen Großteil des Tages mit Gedankenschleifen, Fantasien und Tagträumen verbringen. Unsere Gedankenwelt liebt Konstruktionen und Projektionen, die sich aus Anleihen von der Außenwahrnehmung speisen und daraus eigene Süppchen kochen. Erst recht sind wir in der Nacht in Bereichen weit jenseits der Kontrolle unseres Verstandes. Wir sind also viel irrationaler aufgestellt und verhalten uns in weiten Bereichen nach den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt als wir von uns selber glauben. In all diesen Bereichen können die Archetypen eine ordnende und sinngebende Rolle einnehmen.

Das Erleben der Innen- und Außenwelt in der pränatalen Zeit bis weit in die Kindheit hinein ist von der mythisch-emotionalen Geisteshaltung bestimmt. In unseren Anfängen nutzen wir vor allem die rechte Gehirnhälfte und ihre Vorläufer zum Verständnis der Wirklichkeit und zum Erinnern und Lernen. Die linke wird nur langsam geformt und erreicht ihre volle Reife erst im frühen Erwachsenenleben. 

Es kann also durchaus sein, dass die mythische Welt der Archetypen zugleich die Erlebenswelt im Mutterleib repräsentiert und dass der eigentlicher Sinn und Nutzen der Beschäftigung mit ihnen darin besteht, dass wir uns in unseren Anfängen besser verstehen lernen. Sie dienen also als Hinweise auf dem Weg zur Ganzheit, in zweifacher Weise: zeitlich im Sinn einer durchgängigen Kontinuität unserer Lebensgeschichte von den märchenhaften Anfängen bis ins vernunftgeleitete Erwachsenenleben, und holistisch im Sinn der Integration aller Seelenanteile und Wirklichkeiten in uns selbst. Denn es gehört beides zu uns: die sagenumwobenen und gefühlsdurchdrungenen Welten und die wohlstrukturierten, rational gestalteten.

König und Königin


Nehmen wir das Beispiel von zwei Archetypen: König und Königin oder: Kaiser und Kaiserin. Diese Figuren haben heutzutage nur mehr wenig Bedeutung in der sozialen Wirklichkeit. Es gibt noch ein paar Monarchien auf der Welt, die ihre ehrwürdigen Traditionen pflegen und Stoff für Klatschgazetten liefern, aber sonst wie museale Erinnerungsstücke an eine längst überkommene Vergangenheit wirken, mit der entsprechenden diffusen Verklärung. Die Leute, die noch vor einiger Zeit noch in unseren Landen mit wehmütiger Verzückung sagen konnten: „Unterm Kaiser war alles ganz anders“, sind inzwischen verstorben. Demokratische Republiken sind seit dem 19. Jahrhundert das Erfolgsmodell, und selbstaufgestellte Diktatoren, die immer wieder mal auftauchen, bringen es nur zu plumpen Imitationen ohne die Aura des Erhabenen und Ehrwürdigen, mit kurzem Verfallsdatum und meist schändlichem Nachruf.

In der pränatalen Welt gibt es diese erhabenen Gestalten noch, die alle Macht in sich vereinigen und Strenge und Güte ausstrahlen. Es sind Vater und Mutter, die Inhaber und Verwalter von Leben und Tod. Alles hängt von ihnen ab, alles ist ihnen untergeordnet. Eine Fingerbewegung genügt, und die Welt wird gut oder schrecklich. Die Allmacht, die gottgleiche Überlegenheit, das Innehaben aller Rechte und Gesetze, die Zuständigkeit für alle Lebensgrundlagen, das sind die Befugnisse der Eltern, an denen ein Kind keinen Zweifel hat. Es besteht ein Gefälle zwischen dem, was ein winziges Kind als absolut und allmächtig wahrnimmt, weil es keine Grenzen der elterlichen Gewalt erkennen kann, und der eigenen Schwäche und Hilflosigkeit, Dieses Verhältnis ist durch ein einseitiges Ausgeliefertsein gekennzeichnet, der das Kind nur seine emotionale Kraft entgegensetzen kann.

All diese Elemente finden sich in den traditionellen Rollenbildern von Monarchen und Untertanen. Der Absolutismus als letzter Höhepunkt des regierenden Königtums spiegelt die schrankenlose Hoheit der Eltern über das Wesen, das im Leib der Mutter heranwächst. Die einfach geltende Unterordnung ist dem winzigen Kind so klar wie dem Bauern im Feudalismus: Wer größer ist, hat das Sagen, wer kleiner ist, muss folgen. Das Kind muss seine Regenten nehmen, wie sie sind: gütig und wohlwollend oder streng und abweisend, genauso wie der Untertan im russischen Zarenreich den Herrscher akzeptieren musste, ob er weise oder verrückt war. Das Thema des Protests oder der Revolution, der Infragestellung der Autoritäten und des Sturzes der Denkmäler gehört zu einem anderen nachgeordneten Kapitel, sowohl in der Individual- wie in der Menschheitsgeschichte.

Der Archetyp im Inneren


Der König repräsentiert den aktiven Aspekt, die Königin den passiven. Diese Aufteilung entspricht den männlichen und weiblichen Archetypen (Animus und Anima). Natürlich haben wir alle Anteil an beiden Aspekten, und jeder/jede von uns repräsentiert eine individuelle Mischung. Das „monarchische“ Element bringt das Thema der Autorität ein. Die Ausübung von Macht und das Umgehen mit der Macht anderer ist das zentrale Thema dieses Archetyps. Der Drang der Macht besteht im Ausweiten, und in diesem Drang steckt ein Stück Aggression. Der Archetyp des Herrschers ist deshalb auch verbunden mit Wut und Aggression. Die clemencia (Milde) gilt als Tugend des Königs, sie ist jedoch nicht sein selbstverständliches Attribut, sie kann von den Untertanen nur als Gnade erwartet werden. Sie ist ein Entwicklungspotenzial, das in diesem Archetypus angelegt ist. Denn das Weiche besiegt nach taoistischer Lehre das Harte. Die Wut braucht eine Kontrolle, um das Königreich in Balance zu halten.

Die weibliche Autorität unterscheidet sich im archetypischen Prinzip auch von der männlichen Autorität. Vom Archetyp her heißt es, die männliche Macht ist härter als die weibliche. Jene gilt als entscheidungsorientiert, konfliktbetont und dominanzgerichtet. Die weibliche Form der Machtausübung kann mit Konsenssuche, Interessenausgleich und Partizipation umschrieben werden. Es gibt natürlich Frauen in der Politik, die die männliche Härte verkörpern (Beispiele: Margaret Thatcher, Golda Meir), und Männer – weniger in der Politik, wo eben die Durchsetzungskraft gefragt ist –, die die weichere Seite der Machtausübung beherrschen. 

Ordnung und Struktur


Die Archetypen von König und Königin stehen auch für Ordnung und Struktur. Sie erlassen Regeln und achten auf deren Einhaltung. Damit geben sie dem Leben einen sicheren Rahmen, innerhalb dessen es sich entfalten kann. Jedes Kind braucht einen solchen Rahmen, für den schon vorgesorgt ist und fortlaufend gesorgt wird, sodass es sich auf sein eigenes Wachsen und Lernen konzentrieren kann. Es braucht auch eine vorgegebene Orientierung zu dem, was in dem Leben angemessen oder unangemessen ist, damit es seine inneren Werte aufbauen kann. Die Leitfiguren sind die Eltern, die vor allem mit der Konsistenz und Klarheit in ihrem Verhalten und weniger durch ihre verbalen Botschaften für die Ordnung sorgen und die entsprechenden Grenzen setzen und verstehbar machen.

Grenzen geben Sicherheit, und Sicherheit ermöglicht Kindern ein organisches Wachsen. Sie brauchen fraglos geltende Rahmenbedingungen. Es ist auch ein Raum für Grenzdiskussionen notwendig, damit den sich im Lauf der Entwicklung verändernden Sicherheitsbedürfnissen der Kinder Rechnung getragen werden kann. All das fällt in den Aufgabenbereich der Eltern, hinter deren Autorität die Archetypen von König und Königin stehen.

Jenseits der Typen


Ähnlich wie in dem Blogartikel zu Animus und Anima dargestellt, lassen sich auch in der westlichen Kultur die Archetypen von König/Königin nicht mehr für die Deutung des „typisch“ Männlichen oder Weiblichen gebrauchen, nach der Aufklärung und der Emanzipationsbewegung der Frauen. Vielmehr geht es um Grundprinzipien, die im Machtthema angelegt sind und die sich in der Geschichte aus bedingten historischen Gründen auf Männer und Frauen aufgeteilt haben, aber keinen übergeschichtlichen Stellenwert beanspruchen können. 

Mit anderen Worten: Wir brauchen beide Pole des Führungs- und Autoritätskontinuums, die durch die Archetypen des Königs und der Königin repräsentiert werden. Je mehr wir  von diesen Qualitäten in sich entwickelt haben, desto vielfältiger, offener und konstruktiver können Positionen im Rahmen der Machtausübung ausgeübt werden. In der Weite und Flexibilität, mit denen die „königlichen“ Aspekte umfangen und angewendet werden können, liegt das Potenzial für die Lösung des Machträtsels für eine nach- oder metamoderne Gesellschaft.

Aus psychodynamischer Sicht betrachtet, gelingt dieser Schritt nur, wenn die in pränataler und frühkindlicher Zeit geprägten Elternimagos, also die spezifischen Ausprägungen des König-Königin-Archetyps, aufgearbeitet sind, sodass die jedem Menschen eigene Form der Autorität in möglichst umfassendem Rahmen gebildet, entwickelt und ausgeübt werden kann. Die Nutznießer sind nicht nur die Kinder, die mit innerlich ausbalancierten Eltern aufwachsen; dazu noch alle, die von solchen integren Autoritätspersonen lernen können. 

Zum Weiterlesen:
Animus und Anima im 21. Jahhundert


Freitag, 25. Januar 2019

Der elterliche Narzissmus und die Selbstfindung

Unter Narzissmus verstehen wir eine pathologische Form der Selbstbezogenheit und Selbstliebe. Die bekannten Kennzeichen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind die schwach ausgeprägte Empathie, die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und ein starkes Verlangen nach Anerkennung. 

Sigmund Freud hat den primären Narzissmus von einem sekundären unterschieden. Beim ersteren dachte er an einen Einheitszustand mit der Mutter, den jedes Kind in der nachgeburtlichen Phase erlebt und in dem es keine Trennung zwischen Mutter und Kind gibt. Diese Entwicklungsstufe wurde später von Margaret Mahler als „symbiotische Phase“ benannt. Der sekundäre Narzissmus als Störung entwickelt sich, wenn in der ersten Phase wichtige emotionale und kommunikative Bedürfnisse nicht befriedigt wurden, sodass die betroffene Person später unbewusst in die drängende Not dieser Bedürfnisse zurückfällt, die anfangs unerfüllt geblieben sind.

Der primäre Narzissmus


Das freudianische Konzept der ungetrennten Einheit von Mutter und Kind in der nachgeburtlichen Zeit wurde inzwischen als Hypothese widerlegt. Die Erforschung der Mutter-Baby-Beziehungen der letzten Jahrzehnte hat erwiesen, dass ein Säugling von Anfang an eine aktive kommunikative Rolle in dieser Beziehung übernimmt, die voraussetzt, dass er sich als selbständiges Wesen der Mutter gegenüber begreift. Von Anfang an stehen sich zwei unabhängige Personen gegenüber und beziehen sich aufeinander. Im günstigen Fall wirkt eine starke Empathie und Konkordanz, die Übereinstimmung zwischen der Erziehungsperson und dem Baby, für die aber die Bezeichnung als Symbiose irreführend ist. Deshalb ist auch das Konzept des primären Narzissmus wenig hilfreich.

Der Begriff der Symbiose wird zwar in der Alltagspsychologie immer wieder angewendet, wenn von besonders innigen zwischenmenschlichen Beziehungen gesprochen wird, ist aber auch hier missverständlich. Indem wir immer mehr Wissen über die Auswirkungen von frühzeitig abgegangenen Zwillingen gewinnen, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den symbiotischen Beziehungsmustern um Projektionen aus der intrauterinen Zweisamkeit von Zwillingen handelt. Vor allem eineiige Zwillinge, die über identische Erbanlagen verfügen, erleben eine Form der inneren Übereinstimmung und der verschmelzenden Einheit, für die der Begriff Symbiose passt. 

Der sekundäre Narzissmus


Ebenfalls aus der Säuglingsforschung wissen wir, wie wichtig die empathische Konkordanz zwischen der Betreuungsperson und dem Baby ist, damit es sich auf der emotionalen und sozialen Ebene gut entwickeln kann. Die Mutter [da sie faktisch die Hauptbezugsperson in weitaus den meisten Familien ist, wird sie hier immer wieder genannt, auch wenn andere Personen, Väter oder Pflegepersonen ebenso die Rolle einer zentralen Bezugsperson einnehmen können] sollte möglichst genau spüren, welches Bedürfnis sich hinter den emotionalen Äußerungen des Babys befindet, sodass sie adäquat darauf eingehen kann, also nicht, wie ein klassisches Beispiel besagt, wenn das Kind Zuwendung und Unterhaltung möchte, es mit Essen abzuspeisen. Säuglinge verfügen über ein eingeschränktes Repertoire an kommunikativen Ausdrucksmöglichkeiten, die aber von einer einfühlsamen Mutter genau verstanden und beantwortet werden können.

Auf diese Weise baut das Kind eine stimmige Selbstbeziehung auf, weil ihr die Mutter das Vertrauen gibt, dass es auf seine eigenen Bedürfnisse und  Gefühle hören kann. Was eine passende Antwort findet, war eine berechtigte Frage. Das Kind lernt, die eigenen Körpersignale und Gefühlsregungen anzunehmen und durch die „Spiegelung“ seitens der Mutter immer besser einordnen zu können. Mit Spiegelung ist gemeint, dass das Baby ein Bedürfnis äußert und die Betreuungsperson meldet zurück, dass es die Botschaft verstanden hat, indem sie die Handlungen setzt, die das Bedürfnis stillen. 

Mangelnde Spiegelung


Treten in dieser Kommunikation immer wieder Fehler auf, weil die Spiegelung nur mangelhaft gelingt, so kann sich im Kind kein stabiles Selbstgefühl aufbauen. Es kann seinem Körper mit seinen Bedürfnissen und der Seele mit ihren Gefühlen nicht voll vertrauen, sondern fühlt sich unsicher und schnell irritiert. Es muss dauernd nach Bestätigung im Außen suchen, weil diese nicht selbstverständlich kommt, und trachtet danach, sich nach den Mustern und Schemata der Eltern zu richten, damit es zu dem kommt, was es braucht.

Oft geht die Störung so weit, dass dem Kind nicht mehr klar ist, was es braucht und damit auch nicht, was es will. Die Unsicherheit durchzieht das organische und emotionale Selbstverständnis und die Willenskraft. Der Narzissmus als Persönlichkeitsdefizit beruht auf diesen Schwächen in der Selbstbeziehung, die Folgen von Schwächen aus den frühen Kommunikationsbeziehungen sind. 

Wenn wir gemeinhin annehmen, dass Narzissten besonders in sich selbst verliebt sind und nur sich selber wichtig nehmen, so ist das irreführend und entspricht nur einer oberflächlichen Beobachtung, weil sich Narzissten besonders schwer tun mit der Selbstliebe. Im Grund zweifeln sie immer, ob sie in Ordnung sind so wie sie sind. Sie können aber den Eindruck der Selbstsicherheit und Überlegenheit erwecken, wenn sie eine andere Form der Spiegelung gelernt haben, nämlich die der übermäßigen und realitätsfernen Bewunderung und Überschätzung. Und hier kommt die narzisstische Störung der Bezugsperson ins Spiel, die sie an das Kind weitergibt. Zunächst, wie geschildert, fehlt die empathische Feinabstimmung mit den kindlichen Bedürfnissen. Dazu mischt sich dann allerdings häufig eine übertriebene Bewunderung des kleinen Wesens. Es wird von der narzisstischen Mutter nicht nur als das ganz Einzigartige und Besondere erlebt, das es ist, sondern als ein Wunderwesen, das alle anderen Kinder mit seiner Schönheit oder seinen Fähigkeiten in den Schatten stellt. Daraus entwickelt das Kind die Strategie der Selbstbewunderung zur Bewältigung der inneren Unsicherheit und des mangelnden Selbstvertrauens. 

Die Ambivalenz


Der Narzissmus ist durch eine grundlegende Ambivalenz geprägt. Auf der einen Seite wirkt in uns der mächtige Strom der Selbstverwirklichung. Das Leben hat uns viele Kompetenzen mit auf den Weg gegeben und dazu alles bereitgestellt, was es braucht, damit wir umsetzen können, was sich aus uns heraus Wirklichkeit geben will. Das Leben als die Quelle aller Schöpfungskraft will kreative, selbstschöpferische Wesen hervorbringen.

Auf der anderen Seite sind wir mit den Deformationen der Eltern konfrontiert, die aus deren mühsamen Anpassungsprozessen an ihre Lebensrealitäten entstanden sind. All das, was bei ihnen im Sinn dieser Selbstschöpfung auf der Strecke geblieben ist, soll nun über das Kind verwirklicht werden. Mit diesen Erwartungen muss sich das Kind auseinandersetzen und wird, ebenso wie die Eltern in ihrem Leben, Kompromisse bilden, dagegen protestieren und sich immer wieder unterordnen. Denn die Orientierung an Selbstfindung und Selbstwerdung setzt sich der Gefahr aus, die Liebe und Zuwendung der Eltern zu verlieren, die anfangs überlebenswichtig ist. So bildet sich ein innerer Widerstreit zwischen Anpassung und Autonomiebestrebung.

Hinter der Maske der angemaßten Grandiosität des Narzissten wirken die Stimmen der Eltern, die sich selber bewundern in ihrem so besonderen Kind, das sich gleichwohl im Grund unverstanden und einsam fühlt. Das Kind hat die Last zu tragen, großartig sein zu müssen und es doch nie zu schaffen. Diese Ambivalenz ist eine Quelle beständigen Leidens und der Selbst-Infragestellung.

Der elterliche Narzissmus


Jede Form des Narzissmus ist aus Vererbung entstanden, er wird wie eine Erbkrankheit von Generation zu Generation durch systematisch gestörte Kommunikation in den frühen Lebensphasen weitergegeben. In mehr oder weniger stark ausgeprägtem Grad sind deshalb in unserer Gesellschaft alle von der narzisstischen Verstörung betroffen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, Eltern mit narzisstischen Zügen zu haben, die das eigene Werden mit diesen Störungen in Mitleidenschaft gezogen haben. Ein Blick darauf kann helfen, Klarheit in die eigenen Lebensmuster zu bringen.

Der elterliche Narzissmus ist von der folgenden Einstellung geprägt: „Ich liebe mich selbst im Kind. Es ist meine eigene Hervorbringung, und in ihm bin ICH großartig. Mein Leben verwirklicht sich im Kind.“ Mit dieser Einstellung ist der Blick auf das Kind und seine Wünsche und Bedürfnisse von vornherein verstellt. Den Begegnungsraum bestimmt das Unbewusste der Eltern, das das Kind danach bewertet, wie sehr oder wie wenig es dieses Unbewusste bestätigt und dessen Bestrebungen erfüllt.

Unterschiedlich getönt ist der Narzissmus bei Vater und Mutter: Der mütterliche Narzissmus erlebt das Kind als Hervorbringung und Erweiterung des eigenen Körpers, mit der sich das eigene Selbst identifiziert. Die Mutter liebt sich im Kind, das gleichsam als ihr besseres Selbst in ihr heranwächst und sich dann veräußerlicht. Ihr Kind gilt dann als ihre Selbstverwirklichung. Häufig spielt dabei die über die Generationen übertragene Kränkung der weiblichen Selbstliebe und Selbstannahme durch den Patriarchalismus mit: Eine Frau ist weniger wert als ein Mann, aber durch das Gebären eines Kindes gewinnt sie an Wert und gesellschaftlicher Anerkennung.

Der väterliche Narzissmus ist naturgemäß weniger stark von der körperlichen Beziehung bestimmt. Gleichwohl kann auch der Vater das Kind als Selbsthervorbringung bestimmen: „Das Kind gibt meinem Leben den Sinn und die Bedeutung“. Außerdem werden von der väterlichen Seite häufig stärker die „tribalen“ und generationalen Themen eingespeist: Das Kind bekommt die Rolle des „Stammhalters“, des Trägers aller genealogischer Aufträge und wird von Anfang an mit den entsprechenden Erwartungen belastet. Zusätzlich hat es als Projektionsfläche für vom Vater selbst ungelebten Ambitionen zu dienen: Was er im Leben nicht schaffen und erreichen konnte, wird dem Kind als Aufgabe weitergegeben. Also wirkt sich auch beim Vater der Patriarchalismus aus: Sein Status in der Gesellschaft ist davon abhängig, wie weit die eigenen Kinder den Erwartungen entsprechen können. 

Pränatale Einflüsse


Die Bedeutung der vorgeburtlichen Phase rückt immer mehr ins Bewusstsein und spielt auch in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Denn die narzisstischen Züge und Prägungen der Eltern werden nicht erst dann aktiv, wenn das Kind auf die Welt gekommen ist, sondern spielen von Anfang an mit, sogar schon in den Fantasien der Eltern, lange bevor sie sich überhaupt kennenlernen. Sie wirken in die Beziehungsdynamik hinein und hinterlassen deshalb auch eine prägende Spur bei der Zeugung. Eizelle und Samenzelle kommen nicht als leere Blätter zusammen, sondern bringen neben dem genetischen Material auch die epigenetischen Modifikationen mit. Dazu kommen die emotionalen Erwartungen und Vorstellungen beider Eltern, die im Akt der geschlechtlichen Vereinigung ebenso wirksam sind wie im Moment der Verschmelzung von Ei und Samen. 

Das Erkennen der Schwangerschaft durch die Eltern ist der nächste Punkt, an dem sich der Narzissmus einschleichen kann. Die Ängste und Erwartungen der Eltern, die dabei auftauchen, sind aufgeladen mit den eigenen unerfüllten Bedürfnissen. Das werdende Leben erkennt, was abläuft und versucht sich diesen vorgegebenen Programmen anzupassen, um nicht zu enttäuschen. 

Mit all dem, was das Kind während der Schwangerschaft über die Nabelschnur aufnimmt, kommen auf der emotionalen Ebene die vielfältigen Programme mit, die ihm vorgeben wollen, wie es sein soll und was es für die Psyche der Eltern leisten soll. Beide Elternteile versuchen, natürlich nicht in böser Absicht, sondern aufgrund der Funktionsweise des Unbewussten, dem Kind vorzugeben, wie es sein soll und was es aus seinem Leben machen soll. Der von den Eltern vorgefertigte Lebensplan ist vollgeladen mit Aufgaben und Aufträgen, die das Kind abarbeiten soll. Die eigentliche Aufgabe, das eigene Selbst zu entwickeln und daraus die eigene Bindungsfähigkeit und Autonomie zu bilden, kommt dabei nicht vor. Natürlich werden viele Eltern behaupten, dass es ihnen ausschließlich darum geht, dass ihr Kind ein eigenständiges Wesen wird. Aber nur wer die Macht der unbewussten Prägungen kennt und aufgelöst hat, kann vollen Herzens dem Wachsen und Gedeihen des Sprösslings zuschauen und es tatkräftig auch dort unterstützen, wo die eigenen Erwartungen und Planungen enttäuscht werden. 

Der fortwährende Prozess des Sich-Gebärens


Schließlich kommt die Geburt als der große Augenblick, in dem sich das Kind von der Mutter löst, meist in einem langen und schmerzreichen Prozess. Es vollzieht sich darin gewissermaßen die „Unabhängigkeitsdeklaration“ des kleinen Menschenwesens: Ich kann jetzt alleine atmen, ich kann meinen eigenen Raum einnehmen, ich verfüge über meine Körpergrenzen, ich kann mich auf diese Welt beziehen, ich beginne, für mich selber zu sorgen. Natürlich sind die Abhängigkeiten am Anfang noch immer groß, aber der innere Drang zur Unabhängigkeit hat einen gewaltigen Schritt nach vorne getan. 

Neben der körperlichen Unabhängigkeit geht es in diesem Vorgang um die seelische Eigenständigkeit. Das eigene Selbst muss gegen die Projektionen der Eltern entwickelt werden, oder es bleibt verkrüppelt und verbogen. Das Projektionsprogramm der Eltern ist zugleich das Herausforderungsprogramm für das lebenslange innere Wachstum. Das Leben präsentiert immer wieder die genau passenden Situationen, in denen wir die Entscheidung zwischen der narzisstischen Prägung und der Selbstwerdung treffen müssen. Ersteres erscheint meist als der billigere und bequemere Weg, der allerdings auch die Beibehaltung des gewohnten Leids in Kauf nehmen muss, zweiteres verspricht uns als Lohn die innere Freiheit.

Der Ausweg aus den Verstrickungen des Narzissmus ist der Weg der Bewusstwerdung: Was und wer bin ich selber, was habe ich ungeprüft übernommen, damit ich mich angenommen und geliebt fühlen konnte? Mit diesen Erkenntnissen kommen Ängste und Schmerzen, und es muss in jedem Schritt wieder eine Geburt vollzogen werden, mit allem, was dazugehört. In jedem Sich-Gebären wird die mächtige Unterscheidung zwischen dem Selbst und dem Anderen vollzogen. Das ist der einzig gangbare Weg zur vollen Unabhängigkeit, zur Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung. 

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 11. März 2018

Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Dynamik

Die Dynamik der Täter-Opfer-Umkehr ist deshalb so gebräuchlich in der Arena der politischen Konkurrenz, weil wir sie alle aus vielen verschiedenen innerpsychischen Abläufen kennen, die sich für diesen Mechanismus anbieten. Es hängt immer von äußeren Umständen und inneren Vorgeschichten ab, ob sich die Dynamik entwickelt oder ob nur einfach das geschieht, was von der Natur aus geschehen soll. Die Dynamik entwickelt sich nur, wenn sie in den äußeren Bedingungen verankert ist. Sie wird gleichsam von außen aufgesogen, als eine Möglichkeit, unter ungünstigen Umständen das Bestmögliche zu schaffen. Sie bewirkt, dass Abläufe, die an sich gar nicht dramatisch sein müssten, mit emotionaler Ladung versehen bis auf Weiteres verstörende und verstörte Einflüsse ausüben können.


Pränatale Prägungen


Bestimmte Entwicklungsereignisse während den frühen Phasen unseres Lebens bieten sich als solche Prägungspunkte an, bei denen die Figur der Umkehr als Bewältigungsmuster von schwierigen Situationen eingeübt werden kann. Hier ein Beispiel aus der ganz frühen pränatalen Zeit: Die Eizelle kann die Samenzelle als Aggressor erleben, als Eindringling, während der „Täter“, die Samenzelle, zum Opfer wird, indem sie ihren Schwanz mit allen Mitochondrien beim Eindringen verliert und sich ihr Kopf im Inneren der Eizelle auflöst und dort alles außer den Chromosomen absorbiert wird. Zwar handelt es sich bei diesem Geschehen um einen natürlichen Ablauf, der für die Fortpflanzung in vielen Bereichen der Natur notwendig ist und der an und für sich frei von jeder Dramatik ist. Diese entsteht nur, wenn die Ei- und die Samenzelle traumatische Prägungen aus der eigenen Vorgeschichte mitbringen oder wenn die Umstände der Zeugung mit Dramatik einhergeht, die eine Täter-Opfer-Struktur beinhaltet, z.B. bei erzwungenem Sex.

Das nächste Beispiel bezieht sich auf den Vorgang der Einnistung. Das werdende Leben, das einen Platz an der Gebärmutterwand sucht, kann diese als feindlich erleben, weil sich das mütterliche Gewebe mit einer Immunreaktion gegen die fremde Erbsubstanz zur Wehr setzen kann. Diese Reaktion kann dadurch verstärkt werden, dass die Mutter die Schwangerschaft ablehnt oder starke Ängste entwickelt. In weiterer Folge kann sich das Baby auch als Opfer fühlen, wenn über die Nabelschnur schädliche Stoffe kommen, vor denen es sich nicht schützen kann, z.B. Alkohol oder Nikotin. Auch emotionale Dramen im Leben der Mutter, die das Baby mitbekommt, können die Haltung prägen, äußeren Einflüssen hilflos ausgeliefert zu sein.

Bei der Geburt initiiert der Fötus den Geburtsvorgang, der dann gegen den Widerstand des Muttermundes und des Gebärkanals führt und die Mutter in Bedrängnis bringen kann. Das Baby braucht aggressive Kräfte, um die Engstellen beim Geborenwerden zu überwinden, es braucht also die Bereitschaft zur Täterschaft. Aber auch die Mutter kann Aggressionen spüren, z.B. wenn die Geburt sehr schmerzhaft verläuft und sehr lange dauert. Wiederum kann sich das Baby als Opfer fühlen, wenn der Druck durch die Wehen stark ist und dennoch keine Weiterentwicklung stattfindet, insbesondere aber auch, wenn ein Kaiserschnitt vorgenommen oder mit der Saugglocke gearbeitet wird. Die Mutter, aber auch das Baby kann sich als Opfer der Geburtshelfer fühlen, wenn diese unachtsam oder gewaltsam vorgehen.


Kinder als Opfer und Täter?


Das Schreien eines Kleinkindes kann die Eltern zur Verzweiflung treiben oder zornig machen; je nachdem kann sich eine Täter- oder eine Opferfixierung beim Kind ausbilden. Wird die emotionale Innenwelt des Kindes durch die Eltern nicht adäquat gespiegelt und beantwortet, kann das Kind kein ausgeglichenes Selbstgefühl entwickeln und wird im späteren Leben die soziale Welt durch die Täter-Opfer-Brille erleben.

Im Lauf der Kindheit gibt es viele andere Gelegenheiten, in denen sich eine Opfer-Täter-Dynamik ausbilden kann. Ein Beispiel sind Geschwisterrivalitäten, die allein daraus entstehen können, dass ein jüngeres Geschwister den älteren Zuwendung und Aufmerksamkeit wegnimmt oder die emotionale Nahrung seitens der Eltern ungleich verteilt wird. 

Wenn Grundbedürfnisse missachtet oder geringgeschätzt werden und jeder Protest nichts hilft, kann es zur Ausprägung einer Opferrolle kommen, die dann später im Leben in eine Täterrolle umgemünzt werden kann. Eine Mutter, die sich als Opfer ihrer Kinder fühlt (indem sie sich für sie aufopfert), macht die Kinder zu Tätern, die diese aufgezwungene Rolle nur mit einem Schuldgefühl ausgleichen können.

Auch bei der Willensentwicklung, die im 2. Lebensjahr verstärkt einsetzt, öffnet sich schnell die Scheide zwischen Opfer- und Täterrolle, wenn die Erziehungspersonen nicht altersgerecht auf diese Herausforderungen eingehen können. So geraten manche Kinder in die aktive Täterrolle, indem sie  - aus Verzweiflung – den Eltern ihren Willen aufdrängen und über die Maßen dominieren wollen, weil sich diese willfährig unterwerfen. Andererseits sehen viele Eltern nur die Möglichkeit, das Expansionsbestreben ihres Kindes mit rigider Grenzsetzung zu beantworten, wodurch dieses in eine Opferrolle gedrängt wird.

All dies kann sich im Lauf einer „durchschnittlichen“ Kindheit mit „normalen“ Eltern abspielen. Erst recht wenn Kinder zu Opfern von Missbrauch und Gewalt werden, prägt sich die Opferrolle tief in die Psyche ein und fordert später die Umkehr in die Rolle des Täters. Viele, wenn nicht alle erwachsene Gewalttäter waren in ihrer Kindheit Opfer, sodass die erwachsene Aggression als innerpsychischer Ausgleich für erlittenes Leid, als Rache für Demütigung verstanden werden kann. (Verstehen heißt bekanntlich nicht, asoziales Verhalten zu entschuldigen.)

Kinder nehmen nie freiwillig eine der Rollen an, sondern prägen sie ein, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, um das eigene Überleben zu sichern und zu genügend emotionalen Ressourcen zu kommen. Kindsein heißt, noch nicht in der Lage zu sein, Verantwortung für die eigenen Gefühlsabläufe übernehmen zu können. Wenn Kinder eine Täter- oder Opferrolle einnehmen, tun sie dies unbewusst, um so ihr emotionales Überleben zu sichern, und aus Mangel an einer Alternative. 


Verantwortung für eine demokratische Gesellschaft 


Erwachsene hingegen verfügen immer über Alternativen und können prinzipiell Verantwortung übernehmen. Sie sind also der Täter-Opfer-Dynamik nicht hilflos ausgeliefert. Wenn sie ihr unterliegen, regredieren sie in die Muster und Gefühlsabläufe ihrer Kindheit. Sie wollen die Wirklichkeit mit den emotionalen Reaktionsmustern von Kleinkindern verstehen.

Oder, wie ich am Beispiel des Rechtsextremismus zu zeigen versucht habe: Es wird diese Dynamik im politischen Marketing bewusst für eigene ideologische Ziele eingesetzt. Dieser Einsatz von frühkindlich geprägten Mechanismen für manipulative Zwecke muss mit besonderer Wachsamkeit verfolgt werden. Denn wir können als demokratische Gesellschaft nicht wollen, dass manipulativ die Schwächen ihrer auf vielen Ebenen traumatisierten Mitglieder für partikulare Zwecke von politischen Parteien – welcher Couleur auch immer – missbraucht werden. Dazu bedarf es einer geschärften Sensibilität und Achtsamkeit im öffentlichen Diskurs. 

Wir können nur als Erwachsene mit einer ausgeprägten und ausgebildeten Kompetenz im Gefühlsmanagement und im Gebrauch der Vernunft eine funktionierende demokratische Gesellschaft bilden. Regressive Bedürfnisse und Zwänge zum aggressiven Ausagieren, manipulative Machtausübung und narzisstische Kränkungen gehör(t)en eigentlich in die Therapie.

Zum Weiterlesen:
Rechtsextremismus und die Täter-Opfer-Umkehr
Die Täter als Opfer

Mittwoch, 31. Januar 2018

Am Anfang brauchen wir ein Willkommen

Wenn wir Menschen einladen und willkommen heißen, sehen wir es als unsere Aufgabe als Gastgeber, die Menschen, die da kommen, so anzunehmen, wie sie sind und uns daran zu erfreuen. Wenn Kinder auf die Welt kommen, fühlen wir uns (wenn wir ganz bei uns sind) hingerissen und begeistert von den neuen Erdenbürgern. Wir denken gar nicht daran, dass dieses winzige Wesen anders sein könnte als es ist, so vollkommen ist sein Charme.

Wann immer wir etwas Neues anfangen, braucht es dieses Willkommen. Wir brauchen das Gefühl, dass wir einen Platz bekommen, an dem wir uns sicher fühlen und von dem aus wir in das Neue hinein expandieren können. Wir brauchen die Ermutigung und Bestätigung, dass das Neue für uns gut und sinnvoll ist und dass wir am richtigen Platz angekommen sind.

Erst recht gilt dieses Bedürfnis für unseren ganz ersten Anfang, für den Moment der Empfängnis oder Befruchtung. Neues Leben entsteht, und wie die Forscher herausgefunden haben sollen, „feiert“ die befruchtete Eizelle, indem sie durch die Freisetzung von Milliarden Zinkatomen hell zu strahlen beginnt, gewissermaßen so als ob die Natur ein Feuerwerk veranstaltet, um der Welt diesen grandiosen Neuanfang kundzutun.

Doch sind nicht alle werdenden Eltern begeistert über das neue Leben, aus verschiedensten Gründen. Dadurch wird das Willkommenheißen gestört. Wie wir aus der Pränataltherapie wissen, bekommen die winzigen Lebewesen mit, wie ihre engste Umgebung auf ihre Entstehung reagiert – voll Freude und Begeisterung oder voll Sorgen oder gar Erschrecken. Die Ablehnung der Schwangerschaft, so sehr sie aus der aktuellen Lebenssituation der Eltern verständlich erscheinen mag, wirft einen Schatten auf das werdende Leben, das es in seiner Seele mitträgt und das weitere Leben belasten kann.

Das junge Leben ist auf eine sichere und zuverlässige Umgebung angewiesen, um überleben zu können. Doch ist das Überleben in Frage gestellt, wenn bei den Eltern Zweifel oder Ängste bezüglich eines Kindes bestehen, gleich ob bei Vater, Mutter oder bei beiden. Selbst die Ablehnung durch die Eltern der Eltern oder andere nahestehende Personen kann beim Kind Existenzängste auslösen. Denn es ist völlig von Wohlwollen und Gewolltsein durch seine Umgebung abhängig. Es hat keine Macht über sein Schicksal, keine Möglichkeit sich mitzuteilen und kann auch nichts gegen die eigenen Ängste vor dem Ausgelöschtwerden tun.

Nach den Forschungen der Pränatalpsychologie gibt es vor allem zwei Momente, in denen eine solche Traumatisierung erfolgen kann: Gleich bei der Empfängnis, wenn bei den Eltern die Angst vor einer Schwangerschaft in der Sexualität mitspielt, und ein paar Wochen später, wenn die Mutter die Schwangerschaft bemerkt. Natürlich wirken darauf folgende Abtreibungsversuche zusätzlich massiv belastend auf das werdende Leben.

Die für das Kind essentielle Bindung zu Mutter und Vater ist durch eine Infragestellung der Schwangerschaft, also seiner Existenz, von Anfang überschattet und verunsichert. Diese Bindungsunsicherheit kann alle weiteren Beziehungen im späteren Leben erschweren und verkomplizieren. Es kann ein grundlegendes Lebensgefühl angelegt werden, nicht auf diese Welt zu gehören, keinen Platz zu haben, verbunden mit der Sehnsucht, an irgendeinen wunderbaren Ort in der Fantasie weit weit weg ein imaginäres Glück zu finden. Die Ängste, Zweifel und Sehnsüchte werden auf Eltern, Beziehungspartner und Freunde projiziert, die für die Abdeckung der enormen Sicherheitsbedürfnisse für zuständig erklärt werden und von dieser Aufgabe meist überfordert sind. Jedes kurze Zuspätkommen bei einem Termin, jedes unerfüllte Bedürfnis kann dann schon Dramen auslösen.


Die vermeintlichen Wunschkinder


Manchmal erzählen Eltern ihren Kindern, wie sehr sie erwünscht und willkommen waren. Das kann den Kindern guttun und ihre Lebenssicherheit stärken. Doch was bedeutet es, wenn Kinder die Mitteilung am Grund ihrer Seele nicht annehmen können und sich trotzdem unsicher in der Welt zu fühlen? Die wohlmeinenden Eltern sind, wie jeder Mensch, vom eigenen Unbewussten beeinflusst, meist ohne es zu merken. Kinder haben für diese Ebene ein Sensorium, ohne allerdings verstehen zu können, was da abläuft. Es kann sein, dass die Ängste der Eltern vor den Pflichten der Elternschaft verdrängt sind. Es kann auch sein, dass die Kinder mit unbewussten Erwartungen überhäuft werden, ohne dass es den Eltern bewusst wäre. Das Unbewusste der Eltern hat starke Neigungen, das neue Leben den eigenen Zwecken unterzuordnen. Ungelöste innere Konflikte, ungelebte Bestrebungen, unerreichte Ziele und Ideale werden an das Kind delegiert. Das winzige Lebewesen ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt, das sich als Projektionsfläche für das Unbewusste der Eltern anbietet. Es saugt auf, was ihm eingeflößt wird.

Vielleicht auch wollen die Eltern mit ihrem ostentativen Willkommenheißen des Babys die eigene vorgeburtliche Bindungsunsicherheit kompensieren, sodass dieses dann die Sicherheit geben soll, die ihnen selber in ihrem frühen Leben gefehlt hat. Vielleicht wollen sie dem Kind mitteilen, dass sie es voll und ganz akzeptieren, wie sie es sich selber von ihren Eltern gewünscht haben. Vielleicht wollen sie besonders gute Eltern sein, weil sie aus der eigenen Kindheit so wenig davon mitnehmen konnten. Unzählige Varianten gibt es, die Kinder in den eigenen unbewusst agierenden Lebensplan einzubauen und sie damit für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren.


Bedingungsloses Dienen


Was Kinder am Anfang ihres Lebens brauchen, um gut gedeihen zu können und von einem gesunden Fundament aus wachsen zu können, ist die bedingungslose Liebe und Akzeptanz der Eltern: Wir heißen dich genau so, wie du bist, willkommen, und wir wünschen uns, dass du so wachsen und dich entwickeln kannst, wie es deinen Anlagen und deinem Wesen entspricht, und wir versprechen, dich dabei zu unterstützen, so gut wir vermögen. Das ist die Botschaft, die Vertrauen und Sicherheit gibt, die Basis für jede weitere gute Entwicklung.

Frei von eigenen Ambitionen, Erwartungen, Projektionen sollte das Willkommen für ein neues Menschenwesen sein – ein hoher Anspruch. Denn es bedeutet, dass die Eltern, so weit es nur geht, von ihrem eigenen Ego Abschied nehmen müssen, damit dieser Anfang gelingt. Sie sollten über ihre Ansprüche Bescheid wissen. Alles, was sie aus ihrem unbewussten Inneren dem Kind auflasten wollen, sollten sie sich bewusst machen und verabschieden. Denn im Tiefsten will jeder Elternteil, dass sich das eigene Kind frei von Lasten aus sich selbst heraus frei entfalten kann.

Diese Haltung beinhaltet das weitere Programm der Kindererziehung, oder besser: der Förderung und Unterstützung der Kinder bei ihrem Aufwachsen (denn das Wort „Erziehung“ beinhaltet eine vorgegebene Richtung, in die der „Zögling“ gezogen werden soll). Dieses Programm besteht im bedingungslosen Dienen, im Geben ohne Rückversicherung, im Dasein mit und für die Kleinen. Kinder erweisen sich für alles erkenntlich, was sie bekommen, aber oft nicht in der Form, wie es die Eltern erwarten. Im Ganzen gesehen, gleich sich immer alles aus, aber nur, wenn die Haltung, die die Eltern in sich erarbeiten müssen, stimmt.

Der eigentliche Lohn des Elternseins liegt darin, die unvergleichliche Freude, die das neue einzigartige Wesen durch sein Sein als Geschenk anbietet, voll nehmen zu können.

Das meint Khalil Gibran in seinem berühmten Gedicht:


Eure Kinder sind nicht eure Kinder. sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

(Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931)


Lit.: Helga Levend, Ludwig Janus (Hg.): Bindung beginnt vor der Geburt. Mattes Verlag 2011

Zum Weiterlesen:
Der Raub des Selbst

Montag, 20. März 2017

Die Typenwahl im Enneagramm

Wie wird man zu einem Enneagramm-Typen?

Das Enneagramm geht davon aus, dass jeder Mensch eindeutig einem der neun Typen zugeordnet werden kann, bzw. sich selber zuordnen kann. Das unterscheidet dieses Modell von anderen Persönlichkeitsmodellen, bei denen es auch Misch- oder Zwischentypen gibt. Der Vorteil liegt darin, dass das Festgelegtsein auf einen Typus das Ausweichen vor den eigenen Aufgaben, aber auch Stärken erschwert. Wer den eigenen Enneagrammtypen kennt, weiß ziemlich genau, in welche Richtung die Innenarbeit gehen muss, wo die Schwächen liegen und wie die Schattenbereiche aufgearbeitet werden sollen.

Häufig bedarf es einiger Zeit der Beschäftigung mit dem Modell, bis uns der eigene Typ so klar ist, dass wir keine Zweifel mehr haben. Dann können wir uns immer darauf beziehen, wenn wir im Leben auf problematische Situationen stoßen, in denen uns ein musterhaftes Reaktionsverhalten deutlich wird und wir die Richtung suchen, in der wir es verändern und auflösen können.

Wie aber erwerben wir gerade diesen und nicht einen anderen Typ? Sind es Lebensereignisse, die prägend wirken, sodass wir ab dann für immer auf den Typ festgelegt sind, haben die Eltern etwas damit zu tun oder gibt es irgend eine äußere Instanz, die den Typ zuordnet?

Bei den meisten Autoren wird das Enneagramm so verstanden, dass der Typ von Anfang an festliegt. Wenn wir diese Auffassung des Enneagramms ernstnehmen, kann es nur eine Antwort auf diese Frage geben, nämlich die, dass es keine Antwort gibt. Das Modell findet seine Anwendung auf eine bestimmte Person und trifft auf den gesamten Lauf ihres Lebens, von der Zeugung bis zum Tod zu. Der Enneagramm-Typ bildet ein bestimmtes Schwergewicht im Leben jedes Menschen, das wir für unsere Innen- und Außenorientierung nutzen können. 

Gäbe es bestimmte Bedingungen, die einen Typ festlegen, wie z.B. Konstellationen bei der Empfängnis oder bei anderen frühen Entwicklungsereignissen, dann müsste es neun davon geben, die dann den Typen zugeordnet werden könnten. Und es würde sich die Frage stellen, warum gerade welche dieser Entwicklungsereignisse für eine bestimmte Person prägend und für andere nicht bedeutsam sind.


Das pränatale Enneagramm


Es gibt den interessanten Versuch, die Enneagramm-Typen bestimmten pränatalen Erfahrungssituationen zuzuordnen:
Hier einmal das Modell, das Clarence Dowling und Dirk Leinweber aus der Sicht der Pränatalpsychologie vorlegen. Sie nennen das Modell Primär-Enneagramm und gehen von drei Grunderlebnissen aus:
1. Die Beziehung zur Plazenta als dem ersten Liebesobjekt. „Diese Beziehung wird real erlebt und gesteuert über unser Herz und unseren Blutkreislauf. Dieses vorgeburtliche Beziehungserlebnis prägt all unsere späteren Beziehungen.“ (Leinweber)
2. Der Versuch des Kindes, während  der Geburt den Kopf, insbesondere den Kreislauf zum Gehirn, zu schützen. „Dieses Grunderlebnis prägt unser Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz, Wissen und Orientierung im späteren Leben.“ (Leinweber)
3. Die Austreibungsphase, in der das Kind die Bauch-, Becken- und Beinenergie einsetzen muss. Dort wird das Autonomiegefühl geprägt.

Leinweber meint nun, dass diese drei Grunderlebnisse den Grundenergien der Enneagrammtradition entsprechen: Herz (2, 3, 4), Kopf (5, 6, 7) und Bauch (8, 9, 1), also die Dreier-Matrix, die mit den jeweils drei Typen zur Neuner-Matrix wird. Diese drei Typen wiederum unterscheiden sich durch die Art der Stressverarbeitung: blockiert (3, 6, 9), übertrieben (2, 5, 8) oder implodiert (4, 7, 1). Damit ist das Raster der neun Typen vollständig. Also ist z.B. der Dreier ein Herztyp mit blockierter Stressverarbeitung.

Was die Erklärung so verfänglich macht, ist zugleich ihre Schwäche. Zuerst das Herz, dann der Kopf, dann der Bauch, schön angeordnet wie im Kreis des Enneagramms. Aber man könnte die Prägungsreihe ganz anders auch ansetzen: Zuerst entwickelt der embryonale Organismus Körpergewebe (bei den ersten Zellteilungen), dann das Gehirn (3. Woche), und dann das Herz (6. Woche). So geht die Richtung andersrum im Kreis. Die Erklärung erklärt sich aus dem Erklärten. Es gibt keine zwingende Logik, vielmehr zeigt sich hinter dem Augenschein eine willkürliche Zuordnung, die anders auch Sinn machen würde.

Weiters stellt sich die Frage, warum manche ungeborenen Kinder von Phase 1, andere von Phase 2 und die dritten von Phase 3 traumatisiert werden; da müsste ja schon eine bestimmte innere Disposition vorliegen, die dann gerade diese Situation als extrem belastend und die anderen nicht oder weniger schwierig erlebt. Und dann wollen wir wissen, wann sich diese Disposition bildet und warum gerade zu diesem Zeitpunkt bei den einen und zu einem anderen bei anderen.

Alle Kinder müssen durch alle Erfahrungen in der komplexen Embryonalentwicklung durchgehen, und was sie jeweils an Belastungen mitnehmen, hängt von vielen Faktoren ab, die bis in die komplexen Beziehungsfelder sowie in die Kultur reichen, in denen sich die schwangere Mutter mit ihrem Baby befindet.  Natürlich gibt es Unterschiede in der Entwicklung – die einen haben eine leichtere und die anderen eine schwerere Geburt. Beides wird Auswirkungen auf das weitere Leben haben. Aber diese Unterschiede lassen sich nicht einfach kategorisieren mit dem Ergebnis, dass

Wenn es stimmt, dass die Beziehung zur eigenen Plazenta die Beziehung zu allen späteren Liebespartnern prägt und deshalb auch mit der Herzenergie verbunden ist, dann ist schwer verständlich, warum das gerade bei jeder dritten Person so wichtig ist und bei den anderen nicht. Schließlich gibt es kaum Menschen, für die Beziehungen keinen zentralen Stellenwert im Leben haben, und die Gestaltung dieser Beziehungen wird bei allen von den Plazenta-Erfahrungen mit beeinflusst, wenn nicht sogar maßgeblich geprägt sein.

Warum sollen gerade bei ungefähr einem Drittel der Menschen die Plazentaerfahrungen problematisch bis traumatisierend ablaufen, und bei einem anderen Drittel die Austreibungsphase? Wodurch wird die Stressverarbeitung bei pränatalen Erfahrungen so gelenkt, dass sie bei ungefähr einem Drittel blockiert, beim nächsten übertrieben und beim letzten Drittel implodierend abläuft?


Das Typen-Apriori


Die Festlegung des Enneagrammtyps ist also eine apriorische Voraussetzung des Modells, die ein wichtiges Element seiner Wirkkraft bildet. Apriorisch heißt, dass sie eine Grundlage des Modells darstellt, die im Rahmen des Modells selber nicht erklärt werden kann, einfach gesagt: Willst du mit dem Enneagramm arbeiten, musst du diese Voraussetzung akzeptieren. Sie garantiert den maximalen Erfolg der Arbeit. Wir sollten bei dieser Arbeit nie vergessen, dass wir es mit einem Modell zu tun haben, dessen Existenz durch die praktische Anwendbarkeit gerechtfertigt ist. Es ist also ein Werkzeug, das wir für unsere Innenentwicklung und Befreiung nutzen können. Es hat selber keine Wirklichkeit, sondern es stellt uns einen Filter zur Verfügung, mit dessen Hilfe wir die Komplexität der Innenwelt vereinfachen können, um sie leichter handhaben zu können.

Das Primär-Enneagramm nach Dowling und Leinweber verhilft uns dabei zu einem zusätzlichen Erkenntnisgewinn: Wenn wir erkannt haben, welcher Enneagrammtyp wir sind, können wir hier genauer nachschauen, was sich nach diesem Modell in der prä- und perinatalen Zeit abgespielt haben könnte und welche Folgen das hinterlassen hat. Allerdings, wenn wir z.B. ein Kopftyp sind,  enthebt uns das nicht der Nachforschung, welche Erfahrungen wir mit Plazenta und mit der Austreibungsphase gemacht haben, wenn wir unsere Pränatalgeschichte erforschen.

Deshalb sollten wir auch mit Aussagen vorsichtig sein, die dem Enneagrammtyp den Charakter einer Eigenschaft geben, die objektiv und faktisch vorliegt, wie unsere Haarfarbe oder Körpergröße. Wir „sind“ nicht ein Enneagramm-Einser usw. in dem Sinn, wie wir Europäer oder Schulabsolventen sind, d.h. der Enneagrammtyp hat nichts mit unserer Identität zu tun. Unser Typ ist also keine Eigenschaft, die uns anhaftet, sondern eine relative Betrachtensweise, die wir auf uns selber anwenden können, wenn wir sie brauchen.

Wir sind partielle Nutzer des Modells, das wir am besten ausschöpfen, wenn wir so tun, als wäre der Typ der Kern unserer Identität. Sobald wir das Modell nicht nutzen, hat auch der Typ als solcher für uns keine Bedeutung, zum Unterschied von unserer Identität, die unsere Wirklichkeit in jedem Moment ausmacht. Wir können also nicht ohne Identität, sehr wohl aber ohne Enneagrammtyp sein.  Umgekehrt gilt, dass der Enneagrammtyp (im Rahmen des Modells, d.h. nicht in der Wirklichkeit) bestehen bleibt und immer schon fixiert war, während die Identität eine fließende Wirklichkeit darstellt, die sich permanent verändert. Damit diese Veränderungsbewegung mehr und mehr von unserem Bewusstsein durchdrungen wird, dient uns das Enneagramm als nützliches Werkzeug.


Zum Weiterlesen:
Enneagramm und frühe Prägung
Enneagramm und Entstehung des Lebens

Reaktionsweisen auf die Scham nach dem Enneagramm

Dienstag, 26. Mai 2015

Der Verlust des Väterlichen im Patriarchalismus und pränatale Korrekturen

Die Geschichte des Patriarchats hat nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer beschädigt. Hier geht es um die Vaterrolle und die väterliche Emotionalität und
ihre Deformation durch den Patriachalismus. Ich fasse mich kurz, was die allgemeine Geschichte anbetrifft, weil es dazu genügend Literatur gibt. Interessant finde ich darüber hinausgehend die Einsichten, die wir aus der pränatalen Psychologie und Therapie zu diesem Thema finden können.

Der Patriachalismus hat meiner Auffassung nach mit dem Auftreten des emanzipatorischen Bewusstseins, also zu Beginn der Jungsteinzeit begonnen. Die tribalen Stammesformen hatten unterschiedliche, aber prinzipiell ausgeglichene Verhältnisse zwischen Männern und Frauen. Die größeren Organisationsformen, die mit der Einführung der Agrarwirtschaft nötig wurden, sowie die damit verbundenen kriegerischen Machtapparate führten zur gesellschaftlichen Dominanz der Männer. Daraus entwickelte sich die institutionalisierte Geschlechterteilung – Männer beherrschen die Öffentlichkeit und Frauen die Privatheit in den Familien. Wiederum unterschiedlich, aber durchgängig prägte sich die öffentliche Entwertung und Unterdrückung der Frauen aus (z.B. heute noch ungleiche Bezahlung in Mitteleuropa, Autofahrverbot in Saudi-Arabien usw.).

Die Reaktion der Frauen, die Kompensation und Rache für ihre Verbannung aus der Öffentlichkeit, ist strukturell bedingt, also nicht eigentlich persönlich, auch wenn sie sich im da und dort ausbrechenden Männerhass ausdrückt. Sie wirkt jedenfalls großteils unbewusst und entstand daraus, dass die Mütter insbesondere ihre Söhne an sich banden. Sie übernahmen dabei die patriarchale Asymmetrie: Da Männer mehr wert waren als Frauen, waren auch Jungen mehr wert als Mädchen. Vor allem die Mütter gaben das ihren Söhnen und ihren Töchtern zu verstehen und verstärkten damit die eigene Unsicherheit, die ihre Absicherung nur von den Söhnen erwarten konnte. Damit prägte sich von klein auf der Patriarchalismus bei beiden Geschlechtern ein, sodass bis heute viele seiner Züge wie eine natürliche Selbstverständlichkeit gelten. Also, in einer Kurzformel: Entwertete Mütter verwirklichen sich in aufgewerteten Söhnen, entwertete Töchter machen es mit ihren Söhnen genauso. Damit stabilisiert sich das System selbst.

Emotionale Abhängigkeit


Die Kehrseite, in der sich die unbewusste Rache der Mütter durchsetzt, ist die emotionale Abhängigkeit der Söhne von ihren Müttern, bedingt durch die Abwesenheit der Väter. Da die Väter im Intimraum der Familie kaum auftreten, fehlen sie, was die Emotionen anbetrifft, als Identifikations- und Reflexionsposition. Nährende Emotionen kommen nur von der weiblichen Seite.

Und hier öffnet sich die Zwickmühle für den erwachsenwerdenden Jungen: Will der Sohn Mann werden, müsste er sich aus der emotionalen Abhängigkeit von der Mutter lösen. Er würde damit aber den Bezug zur nährenden mütterlichen Emotionalität verlieren. Zwar kann er sich in Frauen verlieben, die ihm ersatzweise mütterliche Emotionen anbieten, verliert diese aber wieder, sobald nach der Heirat die Kinder kommen, vor allem die heißersehnten Söhne.
Unbewusst bleiben deshalb die Männer an die Mutter gebunden, und ihr ganzes Tun und Schaffen, Kämpfen und Rennen dient dem Zweck, sich von dieser Abhängigkeit befreien, obwohl das ganze Agieren genau diese Bindung verstärkt. Denn es ist auf einer Ebene das Programm der Mutter, das die Söhne in ihrer rastlosen Aktivität ausführen, wenngleich Väter diese Intention auch bewusster und expliziter unterstützen. Die Aussichtslosigkeit des Entrinnens aus dem Teufelskreis der Abhängigkeiten bildet die Männerseite des Geschlechterhasses: Projiziert auf die Welt wird in dieser das Lebendige stellvertretend für die emotional allmächtige Mutter bekriegt und tendenziell zerstört.


Die Emanzipation der Männer und die der Frauen


Deshalb blieb, nebenbei erwähnt, die Emanzipation bis ins 19. Jahrhundert ausschließlich eine männliche Angelegenheit. All die Eingriffe, die die Männer in die Geschichte einbrachten, die Kriege, Erfindungen und Eroberungen, die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Un- und Großtaten, können psychodynamisch als Ausbruchsversuche aus der emotionalen Mutterbindung verstanden werden, wobei eben alle diese Ausbrüche wiederum nur die unbewussten Größenfantasien der machtlosen Mütter in die Wirklichkeit umsetzten. Erst mit dem bewussten Kampf um Gleichberechtigung durch die Frauenbewegung konnten sich die Verhältnisse auf der emotionalen Ebene ändern.

All die Unsicherheiten mit der Emanzipation der Frauen, die bei den Männern auftreten, entstehen deshalb, weil die Männer so viel an emotionaler Kompetenz verloren haben. Mannsein im Patriarchalismus war mit der Abwehr von Emotionen und nüchterner Weltbewährung verknüpft. Deshalb müssen die Männer erst wieder die Sicherheit gewinnen, ihre eigene männliche Emotionalität zu entfalten, und an die Seite der weiblichen Emotionalität zu stellen, wenn es um die Kinder geht, sowie auf die gleichrangige Beziehungsebene, wenn es um die Begegnung der Liebesbeziehung geht.


Unsinniger Schuldbegriff


Viele Schuldzuweisungen wurzeln in diesen Zusammenhängen. So könnte man die Mütter beschuldigen, dass sie ihre Söhne ins Unglück treiben, indem diese sich auf den Schlachtfeldern und den Höllen der kapitalistischen Ausbeutungsmaschinen ausbluten, ja, dass sie damit zusätzlich ihre eigene Machtlosigkeit zementieren, also an ihrer eigenen Unterdrückung schuld sind. Klarerweise hat die Schuldfrage hier nichts verloren. Auch die Männer, die ja scheinbar die Nutznießer des Systems sind, weil sie im klassischen Sinn über alles verfügen, was von Bedeutung ist: Geld, Macht, Status, Einfluss, Freiheit usw., sind persönlich nicht schuld. Sie haben in diesem System gerade das schon ganz früh verloren, wonach sie dann ihr ganzes Leben jagen - emotionale Nahrung. Davon mussten sie sich ausschließen, weil sie sonst keine Chance gehabt hätten, Männer zu werden. Mannsein im Patriachalismus heißt: Ohne emotionale Nahrung auskommen zu müssen und sich in der Sehnsucht danach zu verzehren. Die Frustration drückt sich dann in den aggressiven männlichen Veranstaltungen aus: Krieg, Konkurrenz, Ausbeutung, Naturzerstörung. Erfolgreich sind die Männer vor allem darin, die Grundlagen ihrer Sehnsüchte nachhaltig zu zerstören.

So absurd das patriarchalistische System in dieser Betrachtungsweise wirkt, so stabil konnte es sich über die Jahrtausende retten. Abgesichert über die Generationenkette, gab es praktisch keinen Ausweg aus dem Teufelskreis von emotionaler Erpressung und emotionaler Distanzierung. Schuldzuweisungen sicherten das Weiterbestehen des Systems noch zusätzlich ab.

Der Patriarchalismus begann erst am Höhepunkt der Kapitalismus zu kippen, weil durch die Eingliederung der Frauen in die Lohnarbeit die Entemotionalisierung so weit getrieben war, dass der soziale Zusammenhalt vor dem Ende stand. Dadurch entwickelte sich die Bewusstseinserweiterung ins Persönliche hinein und die Idee der Gleichstellung der Geschlechter fand den Weg zur sozialen Verwirklichung. Folglich wurde die Macht des Patriarchalismus nur dort gebrochen, wo die Aufklärung nachhaltigen Widerhall fand. Wo sie weiterbesteht, haben sich auch Aufklärung und moderner Rationalismus noch nicht voll durchgesetzt. Jedoch wirken auch unterhalb der aufgeklärten Moderne und Postmoderne noch überall Züge dieses Systems unterschwellig weiter. 


Einsichten aus der pränatalen Welt


Wir sind jedenfalls heute, in der nachaufklärerischen Gesellschaft, in einer besseren Position. Wir können die destruktiven Mechanismen, mit denen sich solche selbstausbeuterische Systeme selber unterminieren, klarer erkennen. Wir üben uns darin, Vorurteile und Projektionen zu durchbrechen und unbewusste Triebkräfte ans Licht zu bringen. Auf diesem Weg können wir uns mehr und mehr dem Bann des Patriarchalismus entziehen und seine Spuren aus den Seelen sowohl der Männer wie der Frauen tilgen. Dazu dient der Blick zurück an unsere individuellen Anfänge, wie er durch die relativ neue Disziplin der Pränatalforschung intern und extern, also subjektiv und objektiv möglich wird.

Denn wir lernen: Von uns selber in der Rückschau und von jedem neuen Menschenwesen, das in diese Welt tritt. Dabei stoßen wir auf ein tiefes Wissen darüber, was gesehen werden muss, damit der Patriarchalismus nachhaltig und durchgängig überwunden werden kann.

Jeder von uns trägt das Ur-Männliche durch die Samenzelle und das Ur-Weibliche durch die Eizelle in sich. Beides ist individuell gefärbt und geprägt durch die Geschichte des Vaters und der Mutter und damit auch patriarchalistisch infiziert. Beides zusammen macht das neue Menschenwesen aus, das immer Vater und Mutter in sich trägt und von da her die aktive Beziehung zu beiden sucht. Je nachdem, wie diese Beziehung gelebt werden kann - während der Schwangerschaft und dann in der Kindheit, entwickelt sich das innere Bild des Männlichen und des Weiblichen, Animus und Anima. Ist ein Elternteil wenig verfügbar, wird sich das entsprechende innere Bild mit Fantasien und Wunschprojektionen aufladen, aber auch mit ambivalenten Gefühlen. Besteht ausreichende Gelegenheit zum kommunikativen Austausch, wird das Bild konkreter und realitätsnäher, bereichernd und nährend für die kreative Lebensgestaltung sowie für die Vertiefung zwischenmenschlicher Beziehungen. Darüber hinaus hängt der Aufbau der inneren Repräsentanz des Männlichen wie des Weiblichen auch von der Qualität des Austausches ab, vom Ausmaß an Authentizität und Kongruenz, das die Eltern den Kindern gegenüber einbringen können.

Gleich, wie die inneren Bilder in der individuellen Entwicklung inhaltlich ausgeformt werden - das Vaterbild ist genauso wichtig wie das Mutterbild. Selbst wenn die Väter infolge des Patriarchalismus in vielen Fällen nur verzerrt oder am Rand der kommunikativen Welt der Kinder aufscheinen, nehmen sie die Hälfte der Innenwelt der Kinder ein. Das zu sehen ist für Väter und auch für Mütter wichtig - für Väter: den Platz, der ihnen von den Kindern eingeräumt wird, einzunehmen, für Mütter, ihn zu gewähren. Denn die biologische Intimität, die Mütter durch das Heranwachsen des neuen Lebens in ihrem Bauch natürlicherweise entwickeln, können die Väter durch nichts ersetzen. Auf allen anderen Ebenen spielen sie jedoch eine wichtige Rolle, die solange nur Fantasie in den Köpfen der Kinder bleibt, als sie von den Vätern nicht ausgefüllt wird.

Es ist die biologische Strömung, aus der neues Leben entsteht, die ganz ursprünglich den Ton angibt und die Melodie bestimmt. Hier ist beides gleichermaßen notwendig: Das Männliche und das Weibliche. Die Eizelle, die sich mit der Samenzelle vereinigt hat, ist keine Eizelle mehr, sondern ein neues Lebewesen, egalitär aus väterlichem und mütterlichem Informationsmaterial zusammengesetzt und mit dieser Kombination allein lebensfähig. Auch wenn dieser Prozess in der Mutter stattfindet (oder in der Petrischale, was die Geschichte schwer verwirrt), ist das Väterliche ebenso mächtig vertreten. 


Patriarchalische Brille


Unsere patriarchalisch geprägten Augen konnten das nicht wahrnehmen: Dass die Väter von Anfang an für dieses werdende Leben und in ihm von gleicher Bedeutung und zentraler Wichtigkeit sind wie die Mütter. Patriarchalisch betrachtet, zeugen die Väter zwar das Kind (und damit wird es "ihres", wird also potenzieller Fortsetzer und Mehrer des väterlichen Reichtums), aber alles weitere findet in der und durch die Mutter statt. Alles weitere wird auch an die Mutter abgegeben, der Vater hat da nichts zu suchen.

Darum waren ganz klar die Mütter schuld, wenn aus den Kindern "nichts geworden ist", wenn sie also nicht die väterlichen Erwartungen in die gesellschaftliche Karriere erfüllen konnten. Dass sich tatsächlich Mütter bis heute so leicht schuldig fühlen, ist keine Schuld der Männer, die selbst nichts zur Erziehung beitragen und dann die Mängel im Resultat den Frauen zuschieben, sondern ein Resultat der Blindheit für die patriarchale Dynamik, von der Männer wie Frauen unterschiedlich und gleich gravierend betroffen sind.

Für ein Baby, das im Mutterleib heranwächst, sind, wie gesagt, auf der emotional-psychischen Ebene Vater und Mutter gleich wichtig. Das ist auch unabhängig davon, ob der Vater da ist oder nicht (abwesende Väter sind genauso Opfer des Patriarchalismus wie die Mütter und die Kinder, weil Männer gehen, wenn sie sich aus dem Intimbereich vertrieben fühlen). Es ist wirkt deshalb auf das Baby existentiell bedrohend, wenn der Vater es nicht will, ebenso wie die mütterliche Ablehnung. Zwar ist infolge der biologischen Intimität die Gefahr für das werdende Baby akuter und direkter, wenn etwa die Mutter an Abtreibung denkt, aber es nimmt genauso die Einstellung wahr, die der Vater zu seinem Leben einnimmt.


Vatersein jenseits des patriarchalischen Gespenstes


Durch den Patriarchalismus schien ein unbewusstes Arrangement zwischen Vätern und Müttern geschmiedet zu sein, das besagt, dass die Schwangerschaft und das Kinderkriegen eine Sache der Frauen ist. Oberflächlich betrachtet, ist das offensichtlich, weil von der Natur so vorgegeben. Auf allen anderen Ebenen ist es anders, da sind beide Eltern gleichermaßen wichtig. Aber das Arrangement hat bewirkt, dass sich Väter oft vorschnell zurückziehen, wenn Mütter ihren Anspruch auf die Kinder geltend machen. Häufig kommt es z.B. vor, dass eine schwangere Frau einen Abbruch überlegt und der Mann, der vielleicht das Kind möchte, der Frau "den Vortritt lässt", sie soll doch die letzte Entscheidung treffen, weil es ja "ihr Bauch" ist, usw.

Es braucht deshalb die Einsichten in die Uranfänge individuellen Lebens, wie sie aus der pränatalen Psychologie und Therapie gewonnen werden können, dass wir zu verstehen beginnen, was Vatersein gegen Ende des patriarchalischen Gespenstes sein kann: Ein neues Verständnis von Verantwortung und Zugehörigkeit und ein neues Verständnis für die besondere Rolle der väterlichen Emotionalität. Damit bestimmt sich auch ein neues Verständnis von Muttersein, vor allem auf der Ebene der Entschuldung. Und es gibt die Basis für eine neue Beziehungsstruktur zwischen Vätern und Müttern, die wiederum für heranwachsende Kinder zweifach sichere Bindungen ermöglicht.

Je mehr Männer als Väter die emotionalen Räume betreten, die sich im Entstehen und Entwickeln neuen Lebens in besonderer Intensität und Dichte ausbilden, desto mehr können sie ihre tief verwurzelten Sehnsüchte dort befriedigen, woher sie stammen –  aus den eigenen Frühzeiten. So können sie in Hinblick auf die Welt und die Aufgaben, die dort warten, entspannen, weil sie keine von Frustrationen angetriebene Aggressivität mehr dafür brauchen. Vielmehr können sie die Breite ihrer Emotionalität entwickeln, die alle Gefühle in männlicher Färbung umfasst. Die Kinder können dann aus dem Angebot von männlichem oder weiblichem Schmerz, Zorn und Wohlgefühl wählen.

Wo die Männer mehr ins emotionsgeladene Babygeschäft einsteigen, werden die Frauen freier, das Maß an gesellschaftlicher Verantwortung, das sie übernehmen wollen, zu bestimmen. Sie wissen, dass sie den Männern "ihre" Kinder anvertrauen können, wenn sie in die Öffentlichkeit gehen. Das entlastet wiederum die Männer, die im nachpatriarchalischen Übergangsfeld häufig zwischen den Pflichten des Vaterseins, der Partnerschaft und der Unterhaltsvorsorge zerrieben werden.

Die Kinder bauen auf der Grundlage des gleichwertigen Gegenübers von männlicher und weiblicher Emotionalität die Strukturen ihrer eigenen Innenwelt vollständiger und freier auf. Die Söhne müssen sich dann nicht mehr allein von der mütterlichen Emotionalität abgrenzen, wenn es ums Erwachsenwerden geht, sondern  nehmen von beiden Eltern mit, was sie brauchen können, und lassen bei ihnen, was nicht zu ihnen passt. Ebenso wählen die Töchter aus beiden Töpfen, um ihre eigene Identität als Frau zu gestalten.

Jedes neue Menschenwesen verfügt trotz aller übernommenen Einflüsse über einen neuen Blick, vom Leben selbst mit uraltem "Wissen" ausgestattet. Schon die befruchtete Zelle weiß, dass sie von einem Vater und von einer Mutter kommt und dass es diese zwei Personen sind, die sein Leben ermöglicht haben. Sie weiß auch, dass beide es auf tiefster Ebene gewollt haben, und dass sie die Kraft des Lebens dabei unterstützt hat.

Dieses ursprüngliche Wissen macht keinen Unterschied zwischen Vater und Mutter, was die Bedeutung anbetrifft. Denn dieses Leben kann nicht mehr oder weniger weitergegeben werden, sondern nur als Ganzes, und es muss von beiden und von ihrem Zusammenwirken kommen. Das Leben kann auch nicht halbherzig weitergegeben werden, auch wenn sich die Beteiligten als Personen so fühlen mögen, gerüttelt von der Ambivalenz ihrer Egos. Solche Ambivalenzen verletzen dann auch das Ego des Kindes, das sich sehr bald entwickelt.

Aber unterhalb dieser Schutzschicht gibt es eine elementare Dankbarkeit, die dem Zyklus von Geben und Nehmen, der das Leben ausmacht, innewohnt. Diese Dankbarkeit gilt beiden gleichermaßen, Mutter und Vater. Die Liebe, die darin fließt, ist nicht zum einen kleiner und zur anderen größer, sondern hat kein Maß, keine Beschränktheit, die dann eine Aufteilung notwendig machen würde. Sie misst auch nicht an den realen Leistungen; diese werden erst auf einer Ebene wichtig, auf der sich schon das Ego eingeschaltet hat.

Der Weg zur Ur-Ebene des Lebens, die vor allem in der pränatalen Selbsterforschung erschlossen werden kann, ist für die Männer wichtig, um ihre Emotionalität aus einer tieferen Quelle öffnen zu können, als sie die Mütter bieten können. Sie gewinnen damit die Unabhängigkeit von mütterlichem Vorbild und können ihre genuine Gefühlswelt entwickeln und an ihre eigenen Kinder weitergeben.

Zu diesem vorpatriarchalen Wissen vorzudringen, hilft uns allen, die destruktive Macht des Patriarchalismus auf unsere Seelen bewusst zu machen und zu transformieren. Denn die Kraft, die im Geschlechter- und Elternkampf gebunden war, brauchen wir dafür, den Nachwachsenden die Liebe und Unterstützung zu geben, die sie für ihr Leben brauchen, mit mütterlicher wie väterlicher Emotionalität.

In therapeutisch geführter Regression können wir die Spuren, die der Patriarchalismus über Generationen hinweg in Männern wie in Frauen hinterlassen hat, im inneren Erleben der präkonzeptionellen Entwicklungsphasen erforschen und die damit verbundenen traumatischen Ereignisse auflösen. Die Männer können auf diesem Weg den Zug zu ihrer genuinen Emotionalität tiefer öffnen und so an Selbstbewusstsein und Authentizität gewinnen. Auf dieser Grundlage kann das Vatersein in der nachpatriarchalen Phase ganz neue Bedeutungen erlangen.


Vgl. Animus und Anima im 21. Jahrhundert