Leben kann man auch mit Lernen übersetzen. Denn das Leben entwickelt sich stets weiter und erfordert beständiges Weiterlernen. Fürs Lernen brauchen wir Lehrer, die wissen, können oder verstehen, was wir noch nicht wissen, können oder verstehen. Sie teilen ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Einsichten, damit wir sie in unseren Erfahrungsrahmen einbauen können. Sie zeigen uns, wie es geht und wie es nicht geht. Schließlich müssen nicht alle Fehler immer wieder auf die gleiche Weise gemacht werden.
Lehrer-Schüler-Beziehungen begleiten uns durch unser Leben von den Anfängen bis weit ins Alter. Denn das Lernen endet erst mit dem Sterben, was wir als Letztes lernen. Die ersten Lehrer waren unsere Eltern, und sie haben unsere Einstellungen zum Lernen und zum Schülersein geprägt. Unsere nahezu totale Abhängigkeit von ihnen zu Beginn unseres Lebens hat all die anderen Erfahrungen mit den Grundbedürfnissen in diese Ebene eingespeist. Ob Lernen für uns lustvoll und motivierend ist, hängt auch davon ab, in welcher emotionalen Atmosphäre unser Lernen in den ganz frühen Phasen abgelaufen ist. Von Anfang an lernen wir dort am meisten, wo wir das persönliche Interesse eines anderen Menschen an uns als Person und an unserem Lernfortschritt spüren können. Andererseits können Mängel an Zuwendung und Wertschätzung die Lust am Lernen und inneren Wachsen dämpfen und schwächen.
All diese Prägungen fließen in unsere spätere Lernkarriere ein und wirken sich darauf aus, welches Verhältnis wir zu Lehrern und Lehrerinnen aufbauen. War Lernen mit Freude und Anerkennung verbunden, erwarten wir das auch von zukünftigen Lehrern. Herrschten dagegen Druck und Kritik beim Lernen in der frühen Kindheit, so entsteht die Neigung, Lehrpersonen mit Widerstand und/oder Unterordnung zu begegnen. Wenn wir viele negative Erfahrungen mit dem Lernen hatten, suchen wir nach positiven Autoritätsfiguren, die die emotionalen Mängel, die aus den frühen Erfahrungen stammen, ausgleichen sollen.
Geistige Lehrer
An dieser Stelle kommen die psychologischen und spirituellen Lehrer aufs Tablet. Sie werden in diese Lücke eingeladen, die in der Kindheit mit der Autorität des Lehrens auf der emotionalen Ebene offen geblieben sind. Wir suchen nach neuen Formen des Lernens, das nicht von Rechthaben und Macht, sondern von der Wertschätzung des individuellen Lernwegs bestimmt sind. Und wir suchen nach neuen Persönlichkeiten, die diese Qualitäten verkörpern.
Aus dieser Perspektive betrachtet, soll ein Lehrer weniger durch seine Kenntnisse und sein Wissen qualifiziert sein als durch seine emotionalen Beziehungsfähigkeiten. Er soll also über Fähigkeiten wie bedingungslose Wertschätzung, Empathie und Authentizität verfügen, Qualitäten, die Carl Rogers als maßgeblich für die Kompetenz eines personzentrierten Therapeuten beschrieben hat.
Leicht und häufig kann es geschehen, dass eine Lehrerin oder ein Meister zum Fokus der positiven Elternprojektionen wird. Alles, was die Eltern schuldig geblieben sind, soll die neue Lehrerpersönlichkeit abdecken und ausgleichen. Die Schüler wünschen sich einen perfekten Lehrer, weil sie das selber perfekt macht. Ihr Selbstgefühl wird größer, wenn der Lehrer groß ist. So meinen sie, dass alles, was sie geben müssen, die bedingungslose Verehrung des Meisters ist, damit dessen Kraft, Klarheit und Weisheit ungehindert überfließt und sie selbst stärker, klarer und weiser macht. Je reiner und tiefer die Verehrung ist, desto stärker sollte der Rückfluss sein.
Diese Erwartung ist nicht weiter verwunderlich und einer der Gründe, warum psychologische und spirituelle Lehrer einen regen Zulauf haben. Es ist auch nicht weiter verwerflich, mit solchen Projektionen im Rucksack zu Seminaren, Konferenzen und spirituellen Treffen zu gehen. Niemand ist frei von ihnen, und viele erwarten sich gerade die Befreiung von allen Projektionen, wenn sie sich unter die Fittiche eines Meisters begeben.
Narzisstische Dynamik: Verehrung und Verehrtwerden
Solche Projektionen können nur aufgelöst werden, wenn sich die Lehrerin ihren narzisstischen Tendenzen gestellt hat und die darin verborgenen Wunden geheilt hat. Häufig jedoch klappt an diesem Punkt die Guru-Falle zu. Die Bewunderung, die die Schüler der Lehrerin entgegenbringen, fließt ins Ego zum Zweck der Selbstbestätigung der eigenen Großartigkeit. Die narzisstische Dynamik hat sich entfaltet. Sie verleitet die Schüler zur Verehrung und kritiklosen Bewunderung, die leicht in eine Idealisierung mündet: Schwächen oder Fehler des Lehrers werden übersehen oder umgedeutet – ein Phänomen, das in vielen Schulen, Gruppen und Sekten beobachtet werden kann. Die Illusion des makellosen Meisters muss bestehen bleiben, damit sich das eigene Selbst daran stabilisieren kann.
Auf der anderen Seite wird die Lehrerin zum Verehrtwerden und zum Baden in der dargebotenen Bewunderung verleitet und zum Übergehen von Lernchancen. Je mehr Bewunderung über sie ausgeschüttet wird, desto weniger wird sie eigene Fehler bemerken. Vielmehr wächst die Neigung, das idealisierte Bild der Verehrer zu bestätigen und zu verstärken. Das unbewusste Zusammenspiel beider Seiten stabilisiert die Dynamik, die nur aufgelöst oder transformiert werden kann, wenn sie erkannt und bearbeitet wird.
Wir alle lernen, aber die Guru-Falle blockiert das Lernen, für den Schüler wie für den Lehrer. Die narzisstische Wunde wird nicht durch Verehrung und bedingungslose Unterordnung geheilt, sondern vertieft. Schüler haben das Recht und können es von sich aus kaum verhindern, dass sie unbewusste und oft sehr mächtige Projektionen auf die Lehrerpersönlichkeit übertragen. Lehrer hingegen haben die Pflicht, so gut wie möglich darauf zu achten, dass sie auf die unbewusste Einladung zum Hochstilisieren der eigenen Grandiosität nicht eingehen. Sie erfüllen ihre Rolle nur, wenn sie die Dynamik durchbrechen und den Schülern dabei zu helfen, sich dieser Tendenzen bewusst zu werden, indem sie deren Innenreflexion und Selbstermächtigung unterstützen. Mit der Stärkung der Selbstakzeptanz lösen sich die Neigungen zu emotionalen Abhängigkeiten auf. Ein Lehrer, der die Weisheit und Kraft in sich ausreichend gefestigt hat, weiß, dass die Schüler nicht durch die Vorzüge der eigenen Person weiterkommen, sondern durch das in ihnen wirkende Wachstumsmotiv. Er braucht keine Bestätigung durch Verehrung und Bewunderung. Die Hauptquelle der Befriedigung im Lehren liegt im Wohlgefallen am Wachstum der Schüler, und das sollte als Maß für die Neigung zu Bewunderung genügen.
Lehren ist Weitergeben von Empfangenem
Der Lehrer stellt den Rahmen und die eigene Erfahrung zur Verfügung, und innerhalb dieses Raumes entfalten sich die Selbstheilungskräfte und Wachstumsimpulse aus dem Inneren der Schülerin. Alles, was der Lehrer weitergeben kann, hat er von anderer Stelle erhalten. Lehren ist Bekommen und Geben in einem, oder, anders ausgedrückt, ein Weitergeben oder Durchfließenlassen. Keine Lehrerin ist im Besitz der Quelle und damit ihrer Lehrinhalte, vielmehr ist es die Quelle, die alles zur Verfügung steht, damit es möglichst im Geist der Selbstlosigkeit weitergegeben wird. Ihr gilt aller Dank und alle Verehrung. Das gilt sowohl im psychotherapeutischen Prozess als auch im spirituellen Lernen in Meditationsgruppen und Satsangs. Mehr braucht es nicht an Anerkennung für die leitende Person, außer sie hat eine noch nicht aufgelöste narzisstische Tendenz.
Der gesunde Teil in der Dankbarkeit besteht darin, das Geben und die authentische Präsenz der lehrenden Person anzuerkennen. Wer gibt, der soll bekommen, damit das Gleichgewicht hergestellt wird. Spirituell betrachtet: Geben und Nehmen kommen aus dem Ganzen, das über die Personen hinausreicht, doch die Personen danken sich gegenseitig stellvertretend für das Ganze. Jede echte Dankbarkeit, die ohne die Verehrung einer Person auskommt, schwächt den Narzissmus. Es kippt dort ins Ungesunde einer Abhängigkeitsfalle, wo dieses Gleichgewicht einseitig belastet wird und der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler unüberwindlich und fixiert erscheint, so als wären die beiden Ebenen des Lehrens und des Lernens durch zwei Klassen von Menschen getrennt. Oben ist der Lehrer in einer anderen Sphäre des Seins, unten das eigene suchende Ich.
Von einer höheren Perspektive aus betrachtet, gilt: Alle Menschen sind gleichermaßen wertvoll und gleichermaßen durchschnittlich. Einer kann dies besser, ein anderer jenes. Einer kann Stabhochspringern, eine andere Integrale ausrechnen oder Beethoven-Sonaten spielen. Einer kann Satsangs geben oder Meditationen leiten, eine andere hat ein tiefes Verständnis für die Probleme anderer. Niemand ist aufgrund seiner persönlichen Fähigkeiten und Leistungen ein besserer Mensch; niemand ist verehrungswürdiger als irgendjemand anderer. Jeder verdient Anerkennung und Wertschätzung für das eigene Wesen, und all das geht ohne narzisstische Verstrickungen.
Lehrer in der Erleuchtungsszene werden immer beliebter. Sie sitzen meist vor ihrem Publikum und verkünden ihre Einsichten. Wenn Fragen kommen, werden sie beantwortet, aber diskutiert wird nicht. Das Gefälle ist deutlich, eben ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, wo der eine weiter ist und mehr zu sagen hat als der, der lernen will, ob dorthin zu kommen, wo der Lehrer schon ist.
In diesem Blog wurde mehrfach der Unterschied von relativer und absoluter Wahrheit thematisiert. Die hier angesprochenen Lehrer besuchen wir, weil wir mehr von der absoluten Wahrheit erfahren wollen, nicht, weil wir mehr über die Hintergründe des Syrien-Konflikts oder über die Funktionsweise von Abgastests wissen wollen. Doch wie genau nehmen es die Lehrer des Absoluten mit der Unterscheidung des Absoluten und des Relativen?
Es gibt keine Lehre des Absoluten, weil sich das Absolute nicht in Worte fassen lässt und deshalb in keine lehrbare Form gebracht werden kann. Jede Beschreibung des Absoluten ist relativ. Weil sie Worte benutzt, die mehrdeutig sind. Dazu kommt, dass die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler immer relativ ist, weil dabei zwei Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Geschichten und Wahrnehmungsweisen zusammenkommen. Alles, was ausgesprochen wird, bekommt erst durch das Hören seine volle Bedeutung und seinen endgültigen Sinn.
Das ist unsere Grundverfasstheit als Menschen. Wir sind soziale Wesen und deshalb immer in sozialen Netzwerken mit wechselseitigen Abhängigkeiten. Diese Verfasstheit trägt auch jeder Lehrer in sich. Es macht gar keinen Sinn, sich davon befreien zu wollen, denn damit würde man einen Angelpunkt außerhalb der menschlichen Gesellschaft suchen, den es nicht geben kann, analog dem Grundsatz von Paul Watzlawick, dass wir nicht nicht kommunizieren können. Wir können nicht nicht relativ sein.
Dennoch haben wir einen Zugang zum Absoluten. Dieser führt uns aber nicht aus der Relativität heraus, sondern fügt ihr eine neue Dimension hinzu. Der Lehrer dient als Wegweiser in diese neue Dimension, kann das aber nur sein, wenn er die Möglichkeiten und Fallen des Relativen gut kennt.
In jeder Begegnung im Relativen, also auch in der zwischen Lehrer und Schüler, kommen deshalb alle Phänomene des Relativen vor: Gefühle, Machtthemen, Erwartungen, Beurteilungen usw. Die Kunst des Lehrers besteht darin, diese Phänomene transparent zu machen, sodass hinter der relativen Kolorierung durch das Persönliche das Absolute sichtbar oder spürbar wird. Diese Wachsamkeit braucht es auch sich selbst gegenüber, denn kein Lehrer ist davor gefeit, Relatives als Absolutes anzubieten.
Dazu gehört, dass die Schülerin bewusst oder unbewusst versuchen wird, den Lehrer in die eigene Welt des Relativen einzuladen. Er will testen, ob und wieweit der Lehrer innerlich frei ist, ob und inwieweit seine Persönlichkeit im Relativen verhaftet ist. Dort, wo die Verhaftung aufgelöst ist, geht die Verführung ins Leere und begegnet einer bedingungslosen Annahme, die aus einem Zustand des inneren Friedens gespeist ist.
Die Lehrerin braucht die Unterscheidungskraft zwischen dem Relativen und Absoluten, sonst stiftet sie Verwirrung. Der Schüler muss für sich erst lernen, wie der Unterschied gemacht werden kann. Doch viele Lehrer fühlen sich in ihrem Lehren so im Fluss, dass sie leicht den Unterschied übersehen. Sie reden sich vom einen Bereich in den anderen und wieder zurück und überdecken oft mit Eloquenz die Zick-Zack-Wege ihrer Rede. Subjektive Meinung mischt sich mit Einsichten aus der Tiefe des Absoluten, ohne dass der Übergang deutlich gemacht und erklärt würde.
Der Lehrer sollte also immer klarmachen, von welcher Position aus er spricht, damit die Zuhörer wissen, wo sie die Aussagen einordnen können: Ist etwas gewissermaßen die Privatmeinung über ein Thema, die aus der eigenen Lebenserfahrung kommt und die ein relatives Angebot darstellt: Überprüfe als Empfänger, ob du diese Aussage annehmen kannst oder nicht, ob sie hilfreich und weiterführend ist oder nicht, ob du eine gegenteilige Ansicht hast oder nicht. Ein Widerstand gegen eine relative Aussage, den die empfangende Person wahrnimmt, ist wertvoll, weil sie auf der Wahrheitssuche weiterhilft. Um wachsen und sich weiter entwickeln zu können, braucht die relative Wahrheit die kritische Auseinandersetzung. Das beste Beispiel dafür bieten die Wissenschaften, deren Erkenntnisfortschritt in der laufenden Kritik an schon bestehenden Theorien und Forschungsergebnissen besteht.
Relatives ist immer kritikfähig und kritikwürdig. Es darf nicht als Absolutes missverstanden oder ausgegeben werden, sonst wird es schnurstracks zur Ideologie. Kritik ist das Medium im Relativen, das es in Bewegung hält und damit für das Absolute öffnet. Denn die Kritik orientiert sich am Ideal, das im Absoluten beheimatet ist. Alles, was am Absoluten verfestigt wird, ist schon relativ. Dies zeigt uns die Geschichte der Dogmatisierungen.
Die Suche nach der absoluten Wahrheit hat ein anderes Verhältnis zur Kritik. Hier kann ein Widerstand, den ein Schüler gegen eine Aussage wahrnimmt, bedeuten, dass er sich nicht auf die Radikalität des Absoluten einlassen will, sondern bei seiner bequemeren relativen Weltsicht stehenbleiben will. Es ist also ein Widerstand, der weder dem Erkenntnisgewinn noch dem inneren Wachsen dient, sondern von der eigenen Angstkonditionierung gesteuert ist. Hier braucht er einen klaren Hinweis des Lehrers, den dieser nur einbringen kann, wenn ihm selber der Unterschied zwischen dem Relativen und Absoluten vertraut und geläufig ist.
Die absolute Wahrheit kennt ja keinen internen Erkenntnisfortschritt. Denn sie ist ja schon immer fertig. Es gibt nur den äußeren Erkenntnisfortschritt: Mehr und mehr Personen können mehr und mehr Facetten und Zugangsformen zum Absoluten erschließen. Dazu dient die Lehre: dem Schüler zu seinem Zugang zum Absoluten zu verhelfen.
Ob die Übermittelung erfolgreich ist, bemisst sich daran, wieweit der Empfänger einen Grad an innerer Befreiung erleben kann, der sich signifikant von der Alltagserfahrung unterscheidet. Es gibt also kein objektives Faktum, das den Erfolg einer Kommunikation über das Absolute verifizieren könnte. Und es geht auch gar nicht darum, vielmehr geht es um inneres Wachsen, das seine eigene Verlaufsform hat, die in den seltensten Fällen eine lineare Richtung hat.
Je klarer und eindeutiger die Unterscheidung zwischen dem Absoluten und dem Relativen vom Lehrer vermittelt werden kann, desto einfacher gelingt dieses innere Wachsen beim Schüler hin zum Absoluten der Wahrheit, die nur von Moment zu Moment existiert. Was sich nicht mehr sagen lässt, sondern was im Inneren gespürt und was sich von selbst mitteilt, jenseits oder innerhalb der Worte, die gesagt werden, ist außer Streit gestellt.
Vgl. Die zwei Wahrheiten
Die zwei Wahrheiten und die Konfliktkultur
Die zwei Wahrheiten und die Religionen
Die zwei Wahrheiten und der Alltag
Die zwei Wahrheiten und das Ego
Die zwei Wahrheiten und die Sprache
PS. das ist der 300. Blogartikel auf dieser Seite!
Absolute (transrationale) Wahrheiten sind in mehrfacher Hinsicht paradox. Wer sie ausspricht, ist sich dieser Paradoxie bewusst und kann die Paradoxie aushalten. Diese Fähigkeit erwächst zunächst aus der Rationalität, die sich bis an ihre eigenen Grenzen denken will. Dort löst sich die Eindeutigkeit auf, die zu stiften die Rationalität als ihre eigentliche Aufgabe angesehen hat. Zum Beispiel fand Immanuel Kant in den letzten Bereichen, die der Vernunft zugänglich sind, Antinomien, also Erkenntnisse, die sowohl in der einen Form wie auch in ihrer gegenteiligen Form vernünftig bewiesen werden können. Man könnte auch im Sinn von Hegel sagen, dass sich die Vernunft an ihren Grenzen selbst aufhebt.
Wenn sie zurücktritt und der transrationalen Erkenntnisform Platz macht, wird die Paradoxie zum Kennzeichen der Stimmigkeit. Sie besteht schon einfach darin, dass Unendliches in endlichen Worten, Freiheit in der Begrenztheit ausgesprochen wird. Viele Mystiker, aber auch Philosophen, beklagen die Unmöglichkeit, die zeitlosen Erfahrungen in einer an die Zeit gebundenen Sprache auszudrücken (vgl. Blog zur Sprache der Wahrheit).
Ein weiteres Element der Paradoxie besteht in Folgendem: Viele dieser Erfahrungen führen zu einer Auflösung der Körpererfahrung z.B. in einer grenzenlosen Weite oder in einer vollkommenen inneren Leere, Erfahrungen, die gleichwohl in einem Körper stattfinden. Es wird also beides zugleich erlebt: Ein Körper und ein Nicht-Körper. Deshalb ist es ein Charakteristikum von transrationalen Erfahrungen, dass sie diese Paradoxien beinhalten und ihnen Raum geben, weil das Transrationale das Rationale in sich enthält. Auch wenn das Transrationale als das Größere, Bedeutungsvollere oder Erfüllendere erlebt wird, weiß die erlebende Person um die Existenz der begrenzten Welt, und sie hegt dabei nicht den Wunsch, diese begrenzte Erfahrungswelt los werden zu wollen oder aus ihr entfliehen zu müssen. Im Gegenteil, durch die Besuche in den transrationalen Räumen wird die relative Welt immer wieder neu entdeckt und das Dasein in ihr immer mehr wertgeschätzt und in seiner Schönheit erkannt.
In der transrationalen Sphäre gibt es keine Körperverleugnung, -verachtung oder -kasteiung. Der Körper wird manchmal als „Tempel des Geistes“ bezeichnet oder als Quelle von Lebendigkeit und Freude erfahren. Er gilt als eine Ausdrucksform des Geistes, als Äußeres eines Inneren, das es (vermutlich) ohne das Äußere nicht gibt.
Die Angst vor der Rationalität
Auf der prärationalen Ebene wird dagegen Paradoxie als eine Form der Verwirrung erlebt und vermieden. Sie löst Angst aus. Aus dieser Angst nährt sich die Abwertung jeder Form von Rationalität, wie sie manchmal in der esoterischen Szene auftritt. Entgrenzende Erfahrungen sollten vor mentalen Konzeptualisierungen geschützt werden, und von daher kommt der manchmal geäußerte Imperativ, dass der Verstand oder das Ego zerstört oder zertrümmert werden muss, dass der „Kopf“ zum Schweigen gebracht werden muss usw. Die Aggressivität in dieser Sprache zeugt von einer Angst, die mentalen Fähigkeiten unseres Geistes könnten kaputt machen, was sich als kostbare Erfahrung jenseits des Verstandes gezeigt hat. Für die Vorstellung, dass eine reife Intelligenz in der Lage ist, eine umgreifende spirituelle Erfahrung anzuerkennen und wertzuschätzen, ist kein Platz.
Stattdessen wird dem Wiedererleben von dissoziativen Zuständen Tür und Tor geöffnet, weil es kein rationales Korrektiv gibt. Scheinbar spirituelle Erfahrungen wiederholen die Flucht aus der Wirklichkeit, wie sie einst im Traumamoment vor unerträglichen Schmerzen oder Leiden geschützt hat. Hier ist Heilungsarbeit notwendig, die oft mühsam, langwierig und schmerzhaft sein kann. Aber es führt kein Weg darum herum, alle Abschneider führen immer wieder zurück auf den Ausgangspunkt. Nur auf diesem Weg, der Abspaltung nach Abspaltung zusammenführt, kann die Ganzheit und innere Identität gefunden werden, in der Verbindung von lebendiger Emotionalität und klarer Rationalität.
Von dieser Basis ausgehend, öffnet sich dann wie von selber und in natürlicher Weise die transrationale Welt und die Erkenntnis der absoluten Wahrheiten. Das Leben wird als freier Tanz von Paradoxien erkannt, als ein immer wieder überraschendes Fließen vom Einen ins Andere.
Ein Zustand, wie er z.B. im Zen durch das unablässige Meditieren über „Koans“, also über paradoxe Aussagen erreicht werden soll, ermöglicht die Freiheit. Es ist ein Zustand, in dem die Wahrheit in der unmittelbaren Erfahrung auftaucht, die sich im nächsten Moment schon wieder verändert hat und in dem die Veränderung in ihrer Widersprüchlichkeit genossen werden kann. Das große Spiel des Lebens entfaltet sich in seinem Reichtum an Formen und Gestalten, frei von Erwartungen, Kontrollen und Zwängen. Die Emotionalität und die Rationalität dienen dabei als Spielzeug unter anderen. Das Eintauchen in ihre Relativität geschieht bewusst und die Rückverbindung an das Absolute geht nie wirklich verloren.
Die Aufgabe der Lehrer
Ein guter Lehrer braucht ein sicheres Gespür für Prä- und Transverwechslungen, für den Unterschied von Relativität und Absolutheit. So kann er die Schülerin auf alle die Fallen, die sich auf dem Weg versteckt halten, aufmerksam machen. Je freier er selber ist von den Antrieben der relativen Welt, von den Egomotiven und selbstsüchtigen Interessen, zu desto mehr Freiheit kann er seiner Schülerin verhelfen. Er braucht dafür den absoluten Respekt für die Einzigartigkeit des Weges, auf dem sich die Schülerin befinden, sodass er mit ihr lernt, wie sie sich Schritt für Schritt der Befreiung nähert und lernt, mit der Paradoxie umzugehen.
Vgl. Prä-Trans-Verwechslungen
Vgl. Narzissmus
LehrerInnen auf dem spirituellen Weg suchen wir auf, wenn wir den Drang nach geistigem Wachstum in uns spüren und ihm Raum und Zeit geben wollen. Wir brauchen dazu einen anderen Menschen, der schon dort ist, wo wir hinwollen. Wir begegnen diesem Menschen und entscheiden dann oft intuitiv, dass wir von ihm lernen können. Lernen kann heißen, Zeit in der Präsenz des Lehrers zu verbringen, und/oder seine Lehren kennen- und verstehen zu lernen, und/oder seine Methoden anzueignen und zu praktizieren.
Diese intuitive Entscheidung für eine bestimmte Lehrperson enthält meist zwei Komponenten. Die eine entspringt dem Ruf nach dem Weitergehen auf der inneren Reise, nach der inneren Entwicklung. Dieser Ruf will uns von der personalen Ebene in die transpersonale hinüberlocken. Wir haben erkannt, dass wir leiden und Ängste haben, für die wir selber zuständig sind, die wir aber nicht loswerden können. Deshalb wollen wir in einen Zustand, in dem wir frei sind von diesen Einschränkungen. Wir wollen innerlich frei werden. Dieser Teil der Entscheidung ist uns meist bewusst, und wir können leicht beschreiben, warum wir bei diesem Lehrer sind, wenn uns jemand danach fragt.
Die andere Komponente ist uns weniger bewusst, weil sie aus den Teilen unseres Ichs entspringt, die von ungelösten Kindheitsthemen bestimmt sind. Sie sind von Verdrängungsschranken umgeben, die eben dafür errichtet wurden, um die Bewusstwerdung zu verhindern. Sie bewirken Projektionen, die wir in die Lehrerin hineinlegen. Wir wollen in ihr z.B. eine liebevolle Mutter erkennen, die uns all das gibt, was wir bei unserer eigenen Mutter als Kind vermisst haben. Oder wir sehen in ihr eine in allen Lebenslagen kompetente Person, die nicht die Unzulänglichkeiten unseres Vaters aufweist, unter denen wir gelitten haben. Die Lehrerin soll die Defizite in unserer Entwicklung ausgleichen, und wir verehren sie, weil sie uns als makellos und vollkommen erscheint.
Lehrer sind jedoch auch nur Menschen mit Vorzügen und Schwächen in ihrer Persönlichkeit. Auch wenn sie beträchtliche Teile ihrer Ich-Struktur geheilt und gereinigt haben, was uns zu sie hinzieht, können sie in bestimmten Situationen oder bei immer wiederkehrenden Themen in reaktive Verhaltensweisen kommen, was wir auf Grund unserer Projektionen zu übersehen geneigt sind. Wir wollen keinen Schatten auf das Licht fallen lassen, das uns so viel Nahrung und Freude gibt.
Wenn wir jedoch längere Zeit mit einer Lehrerin verbringen, melden sich die Projektionen zu Wort, und wir fangen an zu kritisieren. Wir erkennen die Mängel an der Persönlichkeit der Lehrerin, was uns zunächst verunsichert.
Typische Themen, die in solchen Lehrer-Schüler-Beziehungen auftauchen, können sein:
- Macht: Die Lehrerin hat eine Tendenz, die Schüler klein und ohnmächtig zu halten, sie tut sich schwer, zu sehen, wie Schüler selber mächtig und eigenständig werden und aus der Lehrbeziehung entlassen werden müssten.
- Geld: Der Lehrer sucht einen finanziellen Ausgleich für das, was er den Schülerinnen gibt, und bemerkt nicht, dass er mit zunehmendem Erfolg immer mehr verlangt und immer mehr haben will.
- Lehre: Die Lehrerin beharrt auf ihren spirituellen Einsichten und wertet andere Sichtweisen ab.
- Methoden: Der Lehrer vermittelt bestimmte Methoden der Selbsterforschung oder der Meditation, die strikt befolgt werden müssen, während den Schülerinnen andere Methoden, die auch gut wirken könnten, verboten werden.
- Sex: Die Lehrerin sucht sich unter den Schülern Sexpartner aus mit dem Argument, dass diese dann noch mehr von der Erleuchtungsenergie übermittelt bekommen.
Gute Lehrer nehmen das Feedback ihrer Schülerinnen dankbar an, weil es ihnen hilft, ihre eigenen Schatten zu erhellen. Sie wittern keinen trotzigen Widerstand (Machtthema!) und keine unbewältigte Gier oder Angst (Geldthema!), auch keine Rechthaberei und Besserwisserei, wenn es um die letzten Wahrheiten geht (Lehrthema!) und keine Konkurrenz und Aufmüpfigkeit über den richtigen Weg (Methodenthema!), sowie keine Ablehnung im eigenen Geschlecht (Sexthema!). Vielmehr sind sie dankbar dafür, auf ein Thema aufmerksam gemacht zu werden, von dem sie sich noch befreien können. Sie halten sich trotz ihrer spirituellen Reife nicht für charakterlich oder ethisch vollkommen noch für intellektuell überlegen, sondern freuen sich daran, weiter wachsen zu können.
Gute Lehrerinnen halten klare Grenzen zwischen sich und den Schülern aufrecht und achten darauf, dass keine Abhängigkeitsbeziehungen entstehen. Sie merken, wenn sie zu überschwänglich verehrt werden oder wenn Schüler glauben, nur mehr von ihnen etwas Wertvolles zu bekommen. Sie machen die Schüler auf die Schatten aufmerksam, die sich in solchem Verhalten zeigen. Sie zeigen selber eine bescheidene Lebensart und vermitteln damit das Ideal der Einfachheit.
Der gute Lehrer verfügt über die Kraft der Unterscheidung, die er an sich selbst geübt hat und immer wieder nachschärft. Sie hilft ihm, zu unterscheiden, welche Anteile der Schülerin bereit sind zum Wachstum in den spirituellen Bereich hinein und welche Anteile noch an ungelöste Kindheitsthemen geknüpft sind. Er hat also ein klares Bewusstsein und einen geübten Blick auf die Themen, die in den präpersonalen Bereich gehören und auf jene, die in den transpersonalen Bereich führen. Er hilft den Schülerinnen, diese bei sich selbst unterscheiden zu lernen und für die unterschiedlichen Themen die richtige Methode zu wählen: Für Präpersonales die richtige Therapie und für Transpersonales die richtige Meditation.
Vgl.: Wahre und falsche Lehrer
Der Lehrer sagt dem Schüler: "Du musst ein besserer Mensch werden."
Der Schüler wendet sich beschämt ab.
Ist der Lehrer jetzt ein besserer Mensch?
Wie oft sagen wir Sätze aus dieser Gattung?