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Mittwoch, 13. Februar 2019

Das Lehren und seine Fallen

Leben kann man auch mit Lernen übersetzen. Denn das Leben entwickelt sich stets weiter und erfordert beständiges Weiterlernen. Fürs Lernen brauchen wir Lehrer, die wissen, können oder verstehen, was wir noch nicht wissen, können oder verstehen. Sie teilen ihre Erfahrungen, Kenntnisse und Einsichten, damit wir sie in unseren Erfahrungsrahmen einbauen können. Sie zeigen uns, wie es geht und wie es nicht geht. Schließlich müssen nicht alle Fehler immer wieder auf die gleiche Weise gemacht werden. 

Lehrer-Schüler-Beziehungen begleiten uns durch unser Leben von den Anfängen bis weit ins Alter. Denn das Lernen endet erst mit dem Sterben, was wir als Letztes lernen. Die ersten Lehrer waren unsere Eltern, und sie haben unsere Einstellungen zum Lernen und zum Schülersein geprägt. Unsere nahezu totale Abhängigkeit von ihnen zu Beginn unseres Lebens hat all die anderen Erfahrungen mit den Grundbedürfnissen in diese Ebene eingespeist. Ob Lernen für uns lustvoll und motivierend ist, hängt auch davon ab, in welcher emotionalen Atmosphäre unser Lernen in den ganz frühen Phasen abgelaufen ist. Von Anfang an lernen wir dort am meisten, wo wir das persönliche Interesse eines anderen Menschen an uns als Person und an unserem Lernfortschritt spüren können. Andererseits können Mängel an Zuwendung und Wertschätzung die Lust am Lernen und inneren Wachsen dämpfen und schwächen. 

All diese Prägungen fließen in unsere spätere Lernkarriere ein und wirken sich darauf aus, welches Verhältnis wir zu Lehrern und Lehrerinnen aufbauen. War Lernen mit Freude und Anerkennung verbunden, erwarten wir das auch von zukünftigen Lehrern. Herrschten dagegen Druck und Kritik beim Lernen in der frühen Kindheit, so entsteht die Neigung, Lehrpersonen mit Widerstand und/oder Unterordnung zu begegnen. Wenn wir viele negative Erfahrungen mit dem Lernen hatten, suchen wir nach positiven Autoritätsfiguren, die die emotionalen Mängel, die aus den frühen Erfahrungen stammen, ausgleichen sollen.

Geistige Lehrer


An dieser Stelle kommen die psychologischen und spirituellen Lehrer aufs Tablet. Sie werden in diese Lücke eingeladen, die in der Kindheit mit der Autorität des Lehrens auf der emotionalen Ebene offen geblieben sind. Wir suchen nach neuen Formen des Lernens, das nicht von Rechthaben und Macht, sondern von der Wertschätzung des individuellen Lernwegs bestimmt sind. Und wir suchen nach neuen Persönlichkeiten, die diese Qualitäten verkörpern.

Aus dieser Perspektive betrachtet, soll ein Lehrer weniger durch seine Kenntnisse und sein Wissen qualifiziert sein als durch seine emotionalen Beziehungsfähigkeiten. Er soll also über Fähigkeiten wie bedingungslose Wertschätzung, Empathie und Authentizität verfügen, Qualitäten, die Carl Rogers als maßgeblich für die Kompetenz eines personzentrierten Therapeuten beschrieben hat. 

Leicht und häufig kann es geschehen, dass eine Lehrerin oder ein Meister zum Fokus der positiven Elternprojektionen wird. Alles, was die Eltern schuldig geblieben sind, soll die neue Lehrerpersönlichkeit abdecken und ausgleichen. Die Schüler wünschen sich einen perfekten Lehrer, weil sie das selber perfekt macht. Ihr Selbstgefühl wird größer, wenn der Lehrer groß ist. So meinen sie, dass alles, was sie geben müssen, die bedingungslose Verehrung des Meisters ist, damit dessen Kraft, Klarheit und Weisheit ungehindert überfließt und sie selbst stärker, klarer und weiser macht. Je reiner und tiefer die Verehrung ist, desto stärker sollte der Rückfluss sein. 

Diese Erwartung ist nicht weiter verwunderlich und einer der Gründe, warum psychologische und spirituelle Lehrer einen regen Zulauf haben. Es ist auch nicht weiter verwerflich, mit solchen Projektionen im Rucksack zu Seminaren, Konferenzen und spirituellen Treffen zu gehen. Niemand ist frei von ihnen, und viele erwarten sich gerade die Befreiung von allen Projektionen, wenn sie sich unter die Fittiche eines Meisters begeben.

Narzisstische Dynamik: Verehrung und Verehrtwerden


Solche Projektionen können nur aufgelöst werden, wenn sich die Lehrerin ihren narzisstischen Tendenzen gestellt hat und die darin verborgenen Wunden geheilt hat. Häufig jedoch klappt an diesem Punkt die Guru-Falle zu. Die Bewunderung, die die Schüler der Lehrerin entgegenbringen, fließt ins Ego zum Zweck der Selbstbestätigung der eigenen Großartigkeit. Die narzisstische Dynamik hat sich entfaltet. Sie verleitet die Schüler zur Verehrung und kritiklosen Bewunderung, die leicht in eine Idealisierung mündet: Schwächen oder Fehler des Lehrers werden übersehen oder umgedeutet – ein Phänomen, das in vielen Schulen, Gruppen und Sekten beobachtet werden kann. Die Illusion des makellosen Meisters muss bestehen bleiben, damit sich das eigene Selbst daran stabilisieren kann. 

Auf der anderen Seite wird die Lehrerin zum Verehrtwerden und zum Baden in der dargebotenen Bewunderung verleitet und zum Übergehen von Lernchancen. Je mehr Bewunderung über sie ausgeschüttet wird, desto weniger wird sie eigene Fehler bemerken. Vielmehr wächst die Neigung, das idealisierte Bild der Verehrer zu bestätigen und zu verstärken. Das unbewusste Zusammenspiel beider Seiten stabilisiert die Dynamik, die nur aufgelöst oder transformiert werden kann, wenn sie erkannt und bearbeitet wird.

Wir alle lernen, aber die Guru-Falle blockiert das Lernen, für den Schüler wie für den Lehrer. Die narzisstische Wunde wird nicht durch Verehrung und bedingungslose Unterordnung geheilt, sondern vertieft. Schüler haben das Recht und können es von sich aus kaum verhindern, dass sie unbewusste und oft sehr mächtige Projektionen auf die Lehrerpersönlichkeit übertragen. Lehrer hingegen haben die Pflicht, so gut wie möglich darauf zu achten, dass sie auf die unbewusste Einladung zum Hochstilisieren der eigenen Grandiosität nicht eingehen. Sie erfüllen ihre Rolle nur, wenn sie die Dynamik durchbrechen und den Schülern dabei zu helfen, sich dieser Tendenzen bewusst zu werden, indem sie deren Innenreflexion und Selbstermächtigung unterstützen. Mit der Stärkung der Selbstakzeptanz lösen sich die Neigungen zu emotionalen Abhängigkeiten auf.  Ein Lehrer, der die Weisheit und Kraft in sich ausreichend gefestigt hat, weiß, dass die Schüler nicht durch die Vorzüge der eigenen Person weiterkommen, sondern durch das in ihnen wirkende Wachstumsmotiv. Er braucht keine Bestätigung durch Verehrung und Bewunderung. Die Hauptquelle der Befriedigung im Lehren liegt im Wohlgefallen am Wachstum der Schüler, und das sollte als Maß für die Neigung zu Bewunderung genügen.

Lehren ist Weitergeben von Empfangenem


Der Lehrer stellt den Rahmen und die eigene Erfahrung zur Verfügung, und innerhalb dieses Raumes entfalten sich die Selbstheilungskräfte und Wachstumsimpulse aus dem Inneren der Schülerin. Alles, was der Lehrer weitergeben kann, hat er von anderer Stelle erhalten. Lehren ist Bekommen und Geben in einem, oder, anders ausgedrückt, ein Weitergeben oder Durchfließenlassen. Keine Lehrerin ist im Besitz der Quelle und damit ihrer Lehrinhalte, vielmehr ist es die Quelle, die alles zur Verfügung steht, damit es möglichst im Geist der Selbstlosigkeit weitergegeben wird. Ihr gilt aller Dank und alle Verehrung. Das gilt sowohl im psychotherapeutischen Prozess als auch im spirituellen Lernen in Meditationsgruppen und Satsangs. Mehr braucht es nicht an Anerkennung für die leitende Person, außer sie hat eine noch nicht aufgelöste narzisstische Tendenz.

Der gesunde Teil in der Dankbarkeit besteht darin, das Geben und die authentische Präsenz der lehrenden Person anzuerkennen. Wer gibt, der soll bekommen, damit das Gleichgewicht hergestellt wird. Spirituell betrachtet: Geben und Nehmen kommen aus dem Ganzen, das über die Personen hinausreicht, doch die Personen danken sich gegenseitig stellvertretend für das Ganze. Jede echte Dankbarkeit, die ohne die Verehrung einer Person auskommt, schwächt den Narzissmus. Es kippt dort ins Ungesunde einer Abhängigkeitsfalle, wo dieses Gleichgewicht einseitig belastet wird und der Unterschied zwischen Lehrer und Schüler unüberwindlich und fixiert erscheint, so als wären die beiden Ebenen des Lehrens und des Lernens durch zwei Klassen von Menschen getrennt. Oben ist der Lehrer in einer anderen Sphäre des Seins, unten das eigene suchende Ich.

Von einer höheren Perspektive aus betrachtet, gilt: Alle Menschen sind gleichermaßen wertvoll und gleichermaßen durchschnittlich. Einer kann dies besser, ein anderer jenes. Einer kann Stabhochspringern, eine andere Integrale ausrechnen oder Beethoven-Sonaten spielen. Einer kann Satsangs geben oder Meditationen leiten, eine andere hat ein tiefes Verständnis für die Probleme anderer. Niemand ist aufgrund seiner persönlichen Fähigkeiten und Leistungen ein besserer Mensch; niemand ist verehrungswürdiger als irgendjemand anderer. Jeder verdient Anerkennung und Wertschätzung für das eigene Wesen, und all das geht ohne narzisstische Verstrickungen.

Dienstag, 26. Februar 2013

Entscheidungen – Werkzeuge der Freiheit oder der Illusion

Was hat es mit Entscheidungen auf sich? Besteht unser ganzes Leben aus Entscheidungen? Können wir über unser Leben als Ganzes entscheiden? Auf jeder Entwicklungs- und Erfahrungsebene finden Entscheidungen statt. So können wir uns vorstellen, dass schon ein einzelliges Lebewesen in bedrohliche Situationen kommt, in denen es entscheiden muss, ob es standhalten oder fliehen soll. Viele dieser Entscheidungen betreffen einfache Alternativen mit dem Charakter der Bedrohung oder der Anziehung. Es sind also Entscheidungen zwischen Kampf und Flucht oder zwischen Gut und Besser. Z.B. können sich zwei alternative Nahrungsquellen anbieten, und dazwischen ist eine Wahl zu treffen. Hier ist das Lebewesen von einem inneren Bedürfnis angetrieben, und die Entscheidung gibt die Richtung für die Befriedigung des Bedürfnisses vor. 

Wir können annehmen, dass jede Lebensform über eine einfache Art der Selbstbezüglichkeit verfügt. Auch ganz primitive Organismen sollten in der Lage sein, sich auf die inneren Vorgänge eine Rückmeldung zu geben. In all diese Vorgänge sind Evaluierungen eingebaut, z.B. nach dem Muster: förderlich/gefährlich, angenehm/unangenehm, normal/außergewöhnlich usw. Vorgänge, die „positiv“ konnotiert sind, werden verstärkt, sollen also öfter stattfinden, die anderen sollen abgeschwächt werden. Was sich bewährt, wird wiederholt, was nicht funktioniert, wird abgestellt. Dazu sind Feedbackschleifen notwendig, die die Grundlage für das Gedächtnis bilden. 

In der weiteren Entwicklung differenziert sich diese Rückbezüglichkeit. Je komplexer das Lebewesen, desto komplexer ist auch die Reflexionsfähigkeit, die es benötigt. Schließlich kann sie sprachlich ausgedrückt werden (vgl. den Blogbeitrag zur internen Kommunikation vom Jänner 2013). Im Normalfall unterstützt die Reflexion die Entscheidungen, die auf der organischen Ebene im Sinn der Weiterentwicklung des Lebens gefällt werden, also dem Wachstum und der Gesundheit dienen. Kommt es zu Fehlsteuerungen, die als Folge von Traumatisierungen auftreten, kann es auch bei der Rückbezüglichkeit zu Störungen kommen, sodass sie lebensschwächend wirkt. Die dem entsprechenden Gefühle sind: Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Lebensmüdigkeit, die Gedankenmuster: Das Leben ist sinnlos, es wird nie besser, usw. Damit entwickeln sich „teuflische“ Regelkreise, die gerade jene Entscheidungen auf der Zellebene unterstützen, die zu Beschwerden und Problemen führen. 

Esoterische Entscheidungsmodelle 


In manchen Denkmodellen der Esoterik ist – in Anlehnung an hinduistische und buddhistische Lehren – die Rede davon, dass sich jede Seele vor ihrer Inkarnation für dieses neue Leben mit all seinen Details entscheide. Da sich die Seele vor der Inkarnation im körperlosen „Raum“ befinde, sei sie auch jenseits der Zeit und könne deshalb die eigene Zukunft schon voraussehen, für die sie sich entscheidet. Gewissermaßen können wir keine Katze im Sack kaufen. 

Damit verbunden ist die Idee der Verantwortungsübernahme: Du hast dich entschieden für diese Eltern, für diese Familie, für dieses Leben, also löffle gefälligst die Suppe aus, die du dir eingebrockt hast, und hör auf zu jammern. Nachträgliche Reklamationen werden nicht angenommen. Der Konsumentenschutz ist also in jener anderen Welt noch nicht sehr weit entwickelt. 

Unterstellt wird dabei ein voll entwickeltes Ego, das in diese körperlose Seele hineinprojiziert wird, eine Instanz, die Angenehmes und Unangenehmes bewerten, unterscheiden und über den Zeitraum eines ganzen Lebens bemessen kann und sich auf dieser Grundlage entschließt, die Reise zu wagen. 

Dazu gehört übrigens auch die Vorstellung, dass diese Entscheidung, kaum ist sie getroffen, gleich wieder vergessen wird. Wir kommen also nicht auf die Welt mit diesem Wissen und lassen es auch nicht verlauten, sobald wir der Sprache mächtig sind. Erst ein erwachsenes Bewusstsein stößt auf diese Gedankenwelt und kann darin Sinn finden. Denn es kann ja eine gewisse Sicherheit bietet, annehmen zu können, über Kompetenzen zu verfügen, die mit einer derartigen Macht über das eigene Leben verbunden sind: Ich als entscheidungsbefugt über meine eigene körperliche Existenz: Sage ich nein, geht es zurück in die heiteren und unbeschwerten Bardoräume, sage ich ja, wird die Natur beauftragt, ein neues Leben entstehen zu lassen. Da komme ich schon nahe an den Schöpfergott heran. Und Ich dazu noch mit hellsichtigen Fähigkeiten ausgestattet, für die die Zukunft ein offenes Buch ist, in dem man nur blättern muss, wow! 

Therapeutisch mag es in manchen Kontexten sinnvoll sein, jemanden daran zu erinnern, dass es sein Leben ist, mit dem er umgehen muss, und dass es keinen Sinn macht, darüber zu jammern. Dafür kann es möglicherweise auch nützlich sein, so zu tun, als gäbe es diese große Entscheidung für das eigene Leben am Beginn der Reise, eine wachrüttelnde und mahnende Hypothese gewissermaßen. Die Verantwortungsübernahme mittels Rekurs auf eine präexistentielle Entscheidung funktioniert allerdings nur, wenn die entsprechenden esoterischen Glaubensannahmen geteilt werden, und das kann in Zeiten der Glaubens- und Religionsfreiheit nicht jeder Klientin zugemutet werden. Therapeuten sollten sich überhaupt hüten, irgendwelche Glaubensgehalte in der Therapie vorauszusetzen oder anzubieten und eher danach trachten, die Hintergründe in der Lebensgeschichte der Klienten zu erörtern, wenn sie mit solchen Themen und Interpretationen kommen. 

Ego-Glaube 


Zudem verleitet gerade dieser Glaube zur Stärkung von Egostrukturen, die sich auf dem weiteren therapeutischen Weg der inneren Heilung als hartnäckige Störungen entpuppen könnten, ohne als solche erkannt zu werden. Denn der Glaube vermeint ja, von einer echten Erfahrung auszugehen, glaubt also an eine Wirklichkeit und nicht an eine Konstruktion. Und solche „wirklichen“ Erfahrungen wollen wir am wenigsten aufgeben oder relativieren, weil wir sie mit der Basis unserer Identität verknüpfen, wie das eben Glaubensfanatiker mit den verschiedensten Inhalten machen. 

Eine psycho-biologische Sichtweise 


Für den Skeptiker schwierig vorzustellen bleibt der implizierte Wirklichkeitsbegriff: Eine körperlose Seele hat die Fähigkeit der Erkenntnis, verfügt über eine sinnliche Wahrnehmung, mit der sie die eigene Geschichte voraussehen kann, ohne dass es Sinnesorgane gibt, ohne dass es ein Gehirn gibt, das die Sinneseindrücke erst zu Wahrnehmungen macht. Einfacher ist es da schon, davon auszugehen, dass es sich um Phantasien handelt, die sich das erwachsene Bewusstsein über seinen Ursprung bildet, und dass es die Kraft des Glaubens ist, die diesen Phantasien einen Wirklichkeitscharakter umhängt. In unserer Phantasie sind wir frei, und wir können ihren Produkten nach Belieben (Placebo) Wirkmächtigkeit geben. 

Wie ist es mit einer befruchteten Eizelle: Kann sie sich entscheiden, sich zu teilen? Kann das Ungeborene, wenn es schon weiter entwickelt ist und eine schreckliche Erfahrung erleben muss – z.B. ein Abtreibungsversuch oder der Tod eines Zwillinggeschwisters oder eine schwere Krankheit oder ein Unfall der Mutter – die Entscheidung treffen, unter solchen Umständen weiterzuleben oder aufzugeben? 

Wir sollten davon ausgehen, dass Embryonen noch nicht über Fähigkeiten verfügen, wie sie ein erwachsener Mensch hat, der vielleicht in einer Verzweiflungssituation die Entscheidung trifft, sein Leben zu beenden. Weder haben sie diesen Überblick über sich und ihr Leben als Ganzes noch haben sie die Mittel, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Und das ist auch gut so, sie brauchen diesen Reflexionsüberschuss nicht, vielmehr würde er sie an der Entwicklung hindern. 

Es bildet zwar auf der Grundlage der erlebten Gefühle Denkmuster aus wie „Ich sollte nicht da sein“, wenn es spürt, dass es nicht gewollt ist, oder: „Ich möchte nicht mehr leben“, wenn es spürt, dass es abgetrieben werden soll, oder: „Alles hat keinen Sinn mehr“, wenn ein Zwillingsgeschwister im Mutterleib stirbt, aber – es kann nicht über sein eigenes Leben als Ganzes entscheiden, weil es dieses nicht überblicken kann. 

Vielmehr gibt es die Kraft des Lebens, die stärker ist als die Gefühle und Denkmuster, die ja auch von ihr gespeist werden. Sie „entscheidet“ darüber, ob dieses Leben weiter oder zu Ende geht. Reichen die Ressourcen für das Überleben, so wächst der Embryo weiter, auch mit den lebensschwächenden Gefühls- und Denkprogrammen, sind die Ressourcen zu schwach, kommt es zum Absterben. 

Therapeutische Zugänge 


Therapeutisch wirksamer jedenfalls als den Appell an einer Verantwortung zu richten ist es, die Wurzeln von Verzweiflung und Leiden aufzuspüren und an ihren Ursprüngen aufzulösen; in diesem Fall geht es vermutlich um die Ereignisse im Rahmen der Empfängnis, bei der es zu Problemen gekommen ist. Solche traumatischen Erfahrungen erzeugen ihre spezifischen Dissoziationen, und diese werden dann später mittels der assoziativen Fähigkeiten unseres Gehirns „esoterisiert“, d.h. mittels Versatzstücken aus der Religionsgeschichte mit Sinn verkleidet. Die Glaubensform sichert das Weiterbestehen der Dissoziation und schützt vor dem Wiedererleben der Traumatisierung. 

Die de-dissoziative Traumaauflösung beginnt dort, wo die innere Aufmerksamkeit konsequent auf die Körperebene zurückgeführt wird. Das Spüren der Empfindungen im eigenen Inneren befreit von den Verstrickungen der kognitiven Erklärungsmodelle und Meta-Erklärungsmodelle und führt an den Ursprung der Verstörung. Wenn dort das Traumatische an der Erfahrung aufgelöst ist, verschwindet auch die Notwendigkeit einer esoterischen Entscheidungstheorie. 

Entscheidungsfreie Zustände 


Wenn sich ein Organismus in einem Wachstumszustand befindet, der also von keinem inneren Drang oder äußerer Bedrohung abhängig ist, spielen Entscheidungen keine Rolle, sondern das Leben fließt einfach von einer Situation zur nächsten. Wir können diesen Unterschied erleben, wenn wir uns selber im Fluss befinden, z.B. beim Spazierengehen, bei dem wir uns nicht entscheiden, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Auch können wir die Richtung, in die wir uns bewegen, dem überlassen, was gerade kommt. Ähnlich können wir uns bei einem freien Tanz fühlen. Wir überlassen es dem Körper, die Bewegungen kommen zu lassen, die kommen wollen. Der Kopf mischt sich nicht ein und die Verbindung mit allem rund herum ist einfach da. 

Sind wir mit unserer Kreativität verbunden, so gibt es eine Kraft, die stärker ist als unsere Kalkulationen oder Erwartungen. Ein Schritt der Verwirklichung eines Projekts führt zum nächsten, ohne dass wir vorher wissen müssen, worin er besteht. Es ist so, als würden wir von einer Entscheidung zur nächsten geführt, ohne dass es sein müsste, diese Entscheidungen überhaupt zu treffen oder ohne dass es jemanden geben müsste, der dies vollzieht. 

Wer trifft die Entscheidungen? 


Was bedeutet es, wenn wir die Natur oder das Leben samt dem ihnen innewohnenden Prinzip der Evolution als den eigentlichen Entscheidungsträger ansehen? Sie steuern auf faszinierende Weise die Entfaltung des Lebens mit einer erstaunlichen Kreativität. Warum das Leben so entscheidet, dass es das eine Wesen zur Blüte und das andere zum Verdorren bringt, verschließt sich solange, als wir in der Natur ein uns ähnliches Wesen suchen, bzw. eines, das unserer Ego-Struktur gleicht. Wir entscheiden uns doch für dieses und jenes, also muss auch die Natur so funktionieren. Wenn etwas Schlimmes passiert, muss es einen Täter geben, und dieser muss dingfest und verantwortlich gemacht werden. 

Wenn nicht die Natur, dann gehen wir noch eine Ebene dahinter oder darüber und sehen Gott als den eigentlichen Entscheidungsmacher. Er (oder sie) misst dem Einen das große Glückslos zu, während der andere jede Woche brav den Schein ausfüllt und ein Leben lang nicht gewinnt. Und wenn er nicht in unserem Sinn entscheidet, hadern wir mit ihm, weil er doch der Letztverantwortliche ist für das, was uns zustößt, zumindest für das, wofür wir „nichts können“, d.h. wofür wir uns nicht verantwortlich fühlen. 

Um vieles leichter geht uns, wenn wir gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir uns entscheiden, sondern wenn einfach geschieht, was geschieht, ohne dass sich dieses wichtigtuerische Ich einmischt. Um so viel freier fühlen wir uns in der Erfahrung des Getragens- und Geführtwerdens, im Loslassen unserer Entscheidungslast. Oder? Wenn wir es dem Geschehen überlassen, was geschieht, ohne dass hier jemand mitentscheidet: Mit dem Leben fließen, statt es zu kontrollieren. Dann fühlen wir uns wie im Paradies – oder wie im Himmel.

Montag, 4. Juni 2012

Mit dem Leben fließen

Im Fließen des Lebens schwingen wir im Einklang. Alles ist, wie es ist, und verändert sich, wie es sich verändert. Der Prozess des Lebens und die Erfahrung davon sind unmittelbar miteinander verwoben.

Wenn etwas diesen Fluss unterbricht, weil wir es nicht verarbeiten können, nennen wir es ein Trauma. Dabei wird nicht das Fließen des Lebens unterbrochen, sondern die Beziehung, die wir (unser Bewusstsein) zu ihm haben. Es kommt zu einer Spaltung, einer Dissoziation. Unsere Bewusstheit, unsere Aufmerksamkeit trennt sich von der unmittelbaren Lebenserfahrung. 

Dabei bildet sich unser Ego. Es behauptet, vom Fließen des Lebens abgetrennt zu sein. Doch dient es nur dazu, uns vor den unangenehmen Erfahrungen einer schmerzhaften Wirklichkeit zu schützen. Sobald es diese Funktion erfüllt hat, könnte es sich wieder verabschieden. Gefinkelt, wie es ist, redet es uns jedoch ein, dass wir auf der Hut sein sollten, damit uns das Schreckliche der Abtrennung nicht nochmals geschieht. Es macht sich unentbehrlich, indem es immer neue Gefahren und Bedrohungen erfindet. Schließlich halten wir es für die eigentliche Wirklichkeit, und erleben uns getrennt vom Fließen des Lebens.

Befinden wir uns im Käfig der Abtrennung, leiden wir. Wir spüren die Spannung zwischen der Schönheit des fließenden Lebens, und dem abgetrennten Ort, an den uns das Ego verbannt hat. Wir sind wie ein Gefangener, der am winzigen Fenster seiner Zelle nur ab und zu einen Vogel vorbeifliegen sieht und sich nichts sehnlicher wünscht, als dieser Vogel zu sein, der sich frei durch die Lüfte schwingt. Doch uns ist der Weg versperrt, so mächtig hat das Ego von uns Besitz ergriffen.

Unser Leiden macht uns zu Opfern oder zu Tätern. Entweder wir jammern, weil wir leiden, weil wir unzufrieden sind, weil wir zuwenig von dem und jenem kriegen, usw. Oder wir klagen andere an, die an unserem Unglück Schuld sind und machen uns dadurch zu den Tätern. Wir fügen ihnen Leid zu, weil sie unser Leid verursachen.

Ein kleines Beispiel: Ich mache mich morgens auf zu meinen Tätigkeiten und ziehe mir die Schuhe an. Das Schuhband reißt, und zugleich meine Verbundenheit mit dem Fließen des Lebens. Ich schimpfe auf mich, weil ich zu stark am Schuhband gerissen habe, und warum ich es so spät werden ließ, dass ich jetzt zu wenig Zeit habe, um den Schaden wieder zu reparieren. Ich mache mich zum Opfer. Dann schimpfe ich auf die Leute, die diese Schuhbänder hergestellt haben, die nichts aushalten und bei der kleinsten Belastung reißen. Das kann doch nicht normal sein, die sind doch fast noch neu, und schon reißen sie, so ein Schund, und so ein Betrug, einen derartigen Schund zu verkaufen. Ich mache mich zum Täter. Ich vermiese mir meinen Morgen (Opfer) und bin fest der Überzeugung, dass es andere sind, die mir das antun (Täter).

Wenn ich statt dessen einfach bemerke, dass das Schuhband gerissen ist, kurz überlege, ob es sich ausgeht, es noch zusammenzubinden oder ob ich mir andere Schuhe suchen soll, und dann einfach weitermache, dann bleibe ich mit dem Fließen verbunden. Ich genieße diesen Moment und den nächsten, der kommt. 

Viele Menschen spüren zwar die Spannung, wenn sie nicht mit dem Leben, das sie leben, eins sind. Und weil sie ihr Ego nicht aufgeben wollen, ja, es nicht einmal in Frage stellen wollen, reduzieren sie die Spannung, indem sie das Leben reduzieren. Leiden sie an etwas, gibt es Abhilfen – Betäubung durch Gewohnheiten oder Süchte, Dämpfung durch Medikamente oder Abstumpfung, Ablenkung durch kreisförmiges Denken und sinnentleertes Reden. 

Natürlich geht das Leben weiter, doch der eigene Anteil daran wird immer geringer und geringer. Ein Gefühl der Unwirklichkeit und Sinnleere stellt sich ein. Das Ego triumphiert, und das Leiden ist in einem Nebel der Desorientierung und Verwirrung verschwunden.

Was ist die Alternative? Der Blick führt zunächst zurück zu Ursprung der Spaltung, zum Ursprung des Egos. Wir wagen uns mutig an das Trauma heran. Wir stellen uns dem Schrecklichen und Schmerzhaften, weil wir wissen, dass wir nur so unserem Leiden entrinnen können. Wenn wir den Moment der Traumatisierung erwischen und die Aufmerksamkeit und die Bewusstheit in den Gefühlen, so schrecklich sie sein mögen, beibehalten, löst sich der Bann. Wir finden zurück zum Fließen des Lebens. Wir sind eins mit unserer Wirklichkeitserfahrung. Und der Teil des Egos, der sich in der Abspaltung im Trauma gebildet hat, verschwindet. Statt dessen haben wir ein Stück innerer Freiheit gewonnen und fließen wieder leichter mit dem Leben mit, statt es „von außen“ zu kommentieren.

Schließlich ist ja jedes Kommentieren und jedes Agieren unseres Egos auch Teil des großen Lebensprozesses, allerdings ein Teil, der nichts zum Wachsen des Ganzen beiträgt, sondern sich querlegt. So legen wir immer wieder mal unsere „Ehrenrunden“ ein, wie die Systemiker sagen, die leeren Kilometer, nach denen wir mit Kater aufwachen. Dann aber haben wir wieder die Chance, statt auf das Opfer-Täter-Muster einzusteigen uns gleich wieder mit dem Fließen des Lebens verbinden und mitschwimmen, wohin auch immer es uns trägt.

Sonntag, 13. Mai 2012

Zelebriere deine eigene Zelebrität

Haben wir das alle in uns, dass wir berühmt sein wollen? Und wie ist es bei denen, die sagen, ich doch nicht? Beschwindeln wir uns dabei nicht? Schauen wir nicht alle ein Stück von unten nach oben zu denen, die sich da im Himmel der Celebrities tummeln?

Wir wären keine Menschen (zumindest der westlichen Welt und Erziehung), wenn wir nicht auch eine narzisstische Ader hätten, also geben wir es einfach zu! Eine Spielart davon ist eben der Wunsch nach Ruhm und Bewunderung.

Zu dem Thema eine kleine Fantasie: Herr Einstein trifft Herrn Müller auf einer Party. Beide stellen sich vor, und Herr Müller fragt Herrn Einstein, was er denn so macht. Dieser antwortet darauf: „Ich habe die Relativitätstheorie erfunden.“ Herr Müller meint dazu: „Na, darauf brauchen Sie sich nicht viel einzubilden. Ich sage immer schon zu meiner Frau, wenn sie sich über mich aufregt, dass alles relativ ist, ohne dass das eine Wirkung hätte. Die Relativitätstheorie können Sie vergessen.“

Es wird Millionen von Menschen geben, die selbst von einer Megaberühmtheit wie Einstein nie etwas gehört haben, Millionen, die nicht wissen, wer der Dalai Lama und wer Lady Gaga ist. 

Was ist wirklich der Unterschied, ob mich 20 Leute kennen oder 20 Millionen? Bin ich dadurch als Mensch bedeutender und wichtiger, bin ich dadurch erst besonders und unvergleichlich?

Wir assoziieren viel mit Berühtmheit, Reichtum, Glück, Einfluss, Freiheit von Sorgen, Besonderheit, Macht usw. Im Grund sehen wir im Berühmtsein einen Schlüssel zur Angstfreiheit. Wenn wir berühmt wären, dann könnte es uns nicht mehr passieren, dass uns die Menschen nicht beachten, dass wir uns hinten anstellen müssen. Statt dessen würden uns die Menschen ganz wichtig nehmen, sodass es uns an nichts mehr fehlen kann. Wir kriegen von überall das Beste, an Zuwendung und an Mitteln. Wer berühmt ist, leidet keinen Mangel mehr und ist seiner Probleme enthoben.

Wir projizieren unsere Wünsche auf die Menschen, die oben auf der Rampe stehen und den Jubel huldvoll entgegennehmen. Wir sind darin wie die Kinder, die denken, dass es die Erwachsenen um so viel leichter haben, weil sie so viel können und haben. In diesen Fantasien erholen wir uns von der Verantwortung, die wir für unser Leben tragen, und die uns manchmal belastet. Da hilft es, sich vorzustellen, wie alles gut werden würde, wenn nur der große Sprung gelingt. Solange uns das Glück nicht hold ist, bis es uns endlich aus der Mittelmäßigkeit nach oben katapultiert, solange haben wir Grund, am Jammern und Resignieren festzuhalten.

Unschwer erkennen wir allerdings (und wissen es auch insgeheim), dass jede dieser Fantasien alle einen Pferdfuß haben – viele Berühmtheiten leiden unter ihrer Bekanntheit, dass sie jeder auf der Straße anstarrt oder anredet; andere haben Geld wie Heu und sind trotzdem von nichts anderem getrieben als davon, noch mehr anzuhäufen; wieder andere werden von allen bewundert, kriegen aber ihre Finanzen nicht auf die Reihe; noch andere vereinsamen inmitten ihrer Grandiosität. 

Deshalb lesen wir so gerne die Illustrierten, die uns mit allen Details über Glück und Unglück im Leben der Promis versorgen. Wir werfen Seitenblicke in ihre Welt, um zu erkennen, dass es dort auch nicht anders zugeht als in unserer kleinen Welt. Und doch nähren wir dabei unseren Neid: Schön wäre es doch, dazu zu gehören, sooo viel Geld zu haben, und sooo viele Verehrer, sooo schön zu sein und sooo klug. Denn damit sagen wir uns selber: ich mit meinem wenigen Geld und meiner geringen Bekanntheit, meiner fehlerhaften Schönheit und meiner beschränkten Intelligenz. 

Also sollten wir Nicht-Promis immer wieder den Blick zu uns selbst zurück wenden und, wenn es schon sein muss, unsere Besuche in der Welt der Promis kurz und bescheiden halten. Wenn wir das tun, dann dazu, um unsere eigenen Qualitäten wertzuschätzen, das, was wir haben, was wir aus uns gemacht haben und was wir an Potenzial in uns noch zur Entfaltung bringen können. Wieso soll ein geliftetes und auf ein bestimmtes Schönheitsideal hinoperiertes Gesicht schöner sein als das, das wir von der Existenz geschenkt bekommen haben? Wieso soll das, was wir gut können – Pflanzen zum Blühen zu bringen, für Ordnung in der Küche sorgen zu können, gut mit Freunden reden zu können usw. –, also all die Dinge, die wir als klein bezeichnen und vielleicht für selbstverständlich nehmen, wieso soll all das weniger Wert sein als das Lied eines Sängers, der sich damit Wochen in der Hitparade hält, ein Bild, das am Kunstmarkt einen Höchstpreis erzielt oder ein schönes Tor, das die millionenschweren Beine eines Fußballstars zustande gebracht haben? 

Es gibt eine feine Grenze zwischen dem, was wir an den Begabungen und Leistungen anderer Menschen vorbehaltlos und selbstlos bewundern und dem, was wir auch gerne wären oder hätten. Im einen Fall anerkennen wir die andere Person als das, was sie ist, im anderen steckt hinter der Bewunderung der Wunsch, so zu sein wie die andere Person.

Der Unterschied wird dadurch markiert, ob wir uns mit der anderen Person vergleichen oder ob wir die andere Person in ihrem Sosein genauso schätzen können, wie wir uns selber in unserem Sosein wertschätzen. Sobald wir ins Vergleichen kommen, verlieren wir selber und tun im Grunde auch der anderen Person unrecht, die ja in Wirklichkeit nicht in Bezug auf uns so ist wie sie ist, sondern weil sie ganz einfach so ist, wie sie ist. 

So tappen wir in eine häufig genutzte Egofalle: Wir bewundern die Berühmtheit, wollen so sein wie sie und verleugnen dabei uns selbst. Die einfache Abhilfe besteht darin, zu durchschauen, was wir da aufführen und unsere eigene Besonderheit zu zelebrieren. Gelegenheit dazu gibt es wie Sand am Meer, denn schon fast so viele Prominente werden tagtäglich von der Unterhaltungsindustrie und den Medienmachern produziert, sodass wir der omnipräsenten Prominenz kaum entkommen können.