Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Anhänglichkeit an die Dualität

Das Gute kämpft gegen das Böse, so kommt es uns immer wieder entgegen, besonders in spannenden Filmen. Ist das ein unendlicher Streit, der nie aufhören kann, weil sich hinter jedem Guten wieder was Böses auftut? Schon Immanuel Kant war ja der Meinung, dass die Menschen "aus einem krummen Holz geschnitzt sind, aus dem nie was Grades werden wird". Sein anthropologischer Pessimismus wurde lange vor den soziologischen und psychologischen Einsichten des 19. bis 21. Jahrhunderts formuliert, in einer Zeit, in der das Innere von Kindern und ihre Bedürfnissen weder im Alltagsverständnis noch im gelehrten Bewusstsein vorhanden waren. 

Kant hat die menschlichen Triebe unter Generalverdacht gesetzt und der Macht der moralischen Vernunft unterstellt. Damit verfestigt er eine innere Dichotomie oder Dualität im Menschen, die erst von der nachfolgenden Welle der Aufklärung vielfältig in Frage gestellt wurde. Und damit gehört er auch in die Vorgeschichte der schwarzen Pädagogik, die in Kindern eher Monster, die gezähmt werden müssen, als liebesbedürftige Wesen gesehen hat.

Sigmund Freuds Aufteilung der menschlichen Triebhaftigkeit in Libido und Thanatos spiegelt diese Auffassung wider. Allerdings haben sich viele Nachfolger und Schüler von Freud von dieser Auffassung abgewendet und ein differenzierteres Modell des Menschen bevorzugt. Schließlich haben die Erforschungen der kindlichen Psyche und Kommunikationsfähigkeiten die Liebeskraft des Kindes so deutlich herausgestellt, dass von einem angeborenen oder genetisch geprägtem Bösen keine Rede sein kann.

Bei den Hollywood-Blockbustern feiert die duale Ansicht noch immer Urstände. Ärgste Bösewichter sorgen für Kassenschlager, weil der Held mit der Bosheit und Abgefeimtheit des Gauners wächst. Die moralische Dualität ist in manchen Serien (z.B. StarWars) systemimmanent: Das Böse darf nicht aussterben. Wäre das Böse endgültig besiegt und vernichtet, gäbe es keine Fortsetzung mehr. Die Unendlichkeit der Antagonistik von Gut und Böse ist den Geschichten inhärent, die in solchen Filmen erzählt werden. Es ist die Unendlichkeit der kapitalistischen Gier, die hier wirksam wird. Der Spannungsbogen muss aufrecht erhalten bleiben, damit der Rubel weiter rollt. 

Dualität erzeugt Spannung, und diejenige zwischen Gut und Böse ist die stärkste, weil sie eng mit der Überlebensangst verknüpft ist. Das Prinzip des Bösen ist die Lebensfeindschaft, das des Guten die Verehrung und Vermehrung des Lebens. Deshalb müssen wir uns mit dem Guten identifizieren, und optische Vorlagen und fantastische Geschichten, die uns diese Identifikation leicht machen, lieben die meisten Medienkonsumenten besonders.

Solche Konstruktionen prägen ein Schwarz-Weiß-Schema, das die Wirklichkeit vereinfacht. Sie reduzieren Komplexität um den Preis des Wirklichkeitsverlustes. Natürlich wissen Kinobesucher um die Irrealität von zwei Stunden gefühlsintensiver Erfahrung. Aber das Grundschema, das in dieser Zeit der emotionalen sinnlichen Erfahrung eingeprägt wird, bestätigt innere Muster, die im Traumaschema entstanden sind, sodass eine Wirkung auf das Unbewusste entstehen kann, obwohl unser Realitätssinn normalerweise nach dem Ende der cineastischen Erfahrung schnell wieder hochfährt. Einerseits haben Tiefenschichten in uns, die nach einem dualen Schema funktionieren, eine Verstärkung erfahren, andererseits hinterlässt die mediale Fantasiereise ein Denkschema, das wir allzu leicht unbedarft auf die Wirklichkeit übertragen, wenn wir es verabsäumen, reflexiv zu ergründen, welcher Konstruktion wir uns ausgesetzt haben und welche Spuren das in uns versenkt haben könnte. Halten wir Ausschau nach dem Bösen in unserem Leben, fangen wir an, Projektionen in alle mögliche Richtungen zu verschicken? Verfestigen wir eine negative Anthropologie in unserem Denkapparat, die das Vertrauen in andere Menschen, ins Leben und letztlich in uns selbst untergräbt?

Heute dienen duale Modelle antimodernistischen Positionen und sind geradezu zu Kennzeichen reaktionärer Strömungen geworden. Sie sollen Herrschaftsansprüche absichern, die auf bestehenden Privilegien beruhen und zur Unterdrückung von Bestrebungen zur Erneuerung und Verbesserung von sozialen Strukturen dienen.
Was noch dazu kommt: Das duale Denken erschafft ein Auseinanderklaffen von zwei Teilen der Wirklichkeit, die eine verdinglichte Natur annehmen und die Dynamik, die der Wirklichkeit innewohnt, beschneiden. Wenn wir vom Bösen sprechen, machen wir es zu einer Macht, die unberechenbar und unkontrollierbar ist, die wir in ihrer Gänze nicht kennen, aber aus unseren eigenen Unvollkommenheiten heraus verstehen und mit ihr verbunden sind. Außerdem wollen wir das Böse als etwas sehen, das in seinem Zentrum außerhalb von uns selber liegt. Es beeinflusst uns immer wieder, wenn uns, wie es in meiner Kindheit hieß, "der Teufel reitet". 

Im spirituellen Kontext würden wir sagen: Wir handeln aus dem Ego, oder psychologisch ausdrücken: Ängste bestimmen, was wir tun, nicht unsere reife Vernunft. Wir können nie sicher sein, dass wir in eine Falle gehen, die uns das Ego stellt, dass sich eine Angst in uns meldet und das Kommando übernimmt. Wir alle tragen eine lange Geschichte von Traumatisierungen in uns, und es kann immer passieren, dass von einer dieser unbewusst gespeicherten Erfahrungen Erinnerungsreste in die Gegenwart hineinwirken.

Macht uns das menschlich? Wohl merken wir, wenn wir "böse werden", dass wir nicht besser sind als andere, wir brauchen uns nicht mehr über sie drüber stellen. Wir können allen in Augenhöhe begegnen und zulassen, dass uns alle anderen in Augenhöhe begegnen. Aber dazu brauchen wir kein duales Modell. Ein differenziertes Bild unserer Mitmenschen ist tauglicher: Jeder andere Mensch stellt eine ganz spezielle Mischung aus Genen, Erfahrungen und Reflexionen dar. Jeder Mensch hat seine eigene Traumageschichte und seine eigene Sammlung an Ressourcen. Niemand ist dadurch zur Gänze böse, niemand zur Gänze gut. Jeder Mensch kann Fehler machen, da und dort unethisch handeln, und verdient dafür Verständnis, statt reiner Aburteilung.

Sollten wir, statt als die Guten gegen das reale oder imaginierte Böse zu kämpfen, gegen die Macht des dualen Schemas antreten? Doch was droht dann: Entzaubert die Entmachtung der Über-Erzählung die Wirklichkeit noch mehr, nimmt sie uns noch mehr vom Wundercharakter der Welt, der uns das Staunen lehrt? Wo doch alle Märchen, in die wir uns als Kinder verlieren konnten, gerade aus dieser dualen Folie ihre wundersame Wirkung ziehen! Bleibt dann nur mehr eine nüchterne Welt, in der das Böse auf psychologische Mechanismen reduziert und als heilbare Krankheit oder Störung diversen Therapien zugeführt wird? Werden damit die Abgründe der menschlichen Seele künstlich  und naiv eingeebnet, letztlich auch zum Zweck der Selbstberuhigung, wie sie der Kiffer sucht, dem nach dem Joint alles und jedes lieb und nett erscheint?

Wer das Böse braucht, für diesen oder jenen Zweck, wirkt an seiner Vermehrung mit. Es geht nicht um die Leugnung von Abgründen der Bosheit, dafür liefert die Erfahrung tagtäglich ausreichende Beweise. Es geht darum, den Freiraum in unserem Kopf zu betreten, der hinter dem dualen Weltbild auftritt. Die Märchen können wir weiterhin genießen, müssen aber nicht in ein von Schrecken gekennzeichnetes kindliches Bewusstsein regredieren, das sich nicht gegen die Macht der Dualitäten wehren kann, die ihm vorgesetzt werden. Wir schaffen uns Leid, wenn wir uns ohne innere Distanz in Dualitäten hineinbewegen und uns in ihnen so bewegen, als wären sie Realität.

Mit innerer Distanz ist gemeint: Wir können in Traum- und Fantasiewelten hineingehen und sie differenziert auf die Welt des Wachbewusstseins beziehen, in die unsere Lebensgeschichte hineinverwoben ist. Je mehr wir uns den inneren Ängsten stellen und deren Wirkung abmindern, desto schwächer werden die unbewussten Wirkungen von dualen Modellen und Konstruktionen auf unsere Handlungen und Haltungen. Damit wachsen wir aus der dualen Weltsicht heraus und nähern uns dem wahren Wesen des Menschen an, in uns selbst und in der Begegnung mit anderen.

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