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Freitag, 4. Juli 2025

Des-, Mal- und Missinformation

Die Grenzen zwischen realitätsbezogenen und fantasieerzeugten Informationen verschwimmen immer mehr. Die politischen Machtkämpfe sind zu Informationsmachtkämpfen geworden, und wer die Deutungshoheit in wichtigen gesellschaftspolitischen Themen gewonnen hat, bzw. wer es geschafft hat festzulegen, was die wichtigsten Themen sind, hat den politischen Erfolg in der Tasche. Vielen Politikern ist jedes Mittel recht, um diesen Erfolg zu erlangen, eingeschlossen die Bereitschaft, die Wahrheit zu verraten. 

Nun gibt es viele alte Sprüche, die Politiker mit Lügnern gleichsetzen, z.B. das jüdische Sprichwort „Eine Lüge ist eine Lüge, zwei sind Lügen, aber drei sind Politik.“ Politik gilt schon lange als schmutziges Geschäft, als ein garstiges Lied. 

Dieses verallgemeinerte und stereotype Misstrauen gegen die Politik und die Politiker hat im Informationszeitalter eine neue Dimension erhalten. Es geht nicht mehr um den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, sondern um das zunehmende Verschwinden dieses Unterschieds. Der klassische Lügner weiß, was die Wahrheit ist und dass er sie für seine Zwecke verbiegt. Er anerkennt also die Wahrheit und versteht sein Verhalten als Verstoß dagegen.

Dagegen gibt es für den Lügner aus dem Informationszeitalter nur eine Wahrheit, die sich mit seiner Weltsicht deckt. Er unterscheidet nicht zwischen Subjektivität und Objektivität, sondern erklärt seine subjektiven Ansichten zu objektiven Wahrheiten. Lügner sind dann die anderen, die die eigenen Meinungen nicht teilen, denn sie leugnen das einzige Weltszenario, das es geben kann, nämlich das eigene. Wenn er seine Sichtweise verkündet, kann er gar nicht lügen, weil er meint, nur die Wahrheit zu vertreten.

Der Grenze zwischen Wahrheit und Unwahrheit konnte früher immer wieder aufgerichtet werden, wenn sie von Politikern niedergebrochen worden war. Nach der Propagandalawine im Nationalsozialismus haben Politiker mit einigem Erfolg versucht, Vertrauen aufzubauen. Die 68er-Bewegung hat die Lügen der NS-Zeit und die nachfolgenden Versuche der Vertuschung zum Thema gemacht und die Wahrheit und die Gerechtigkeit, also die Bestrafung aller Täter eingemahnt. 

Die scheinbare Glaubwürdigkeit in sozialen Medien 

Die Neigung der Politik zur Manipulation stellt eine beständige Versuchung dar, die aus dem Festhalten der Politiker an der Macht kommt. Kritische Medien und wache Zivilgesellschaften können und müssen diese Tendenzen bekämpfen. Doch wird diese Aufgabe immer schwieriger, weil der Zerfallsprozess zwischen Wahrheit und Unwahrheit  als Resultat der zunehmenden Vereinnahmung der Wahrheitsfindung durch Informationsquellen aus dem Internet immer undurchschaubarer und unkontrollierbarer wird. 

Inzwischen sind die sogenannten sozialen Medien an die Spitze der Glaubwürdigkeit gerückt. Denn sie suggerieren uns, dass wir von unseren Mitmenschen, von unseren Facebook- und Instagram-„Freunden“ direkt informiert werden, so als säßen sie vor uns und wir können genau abschätzen, ob sie die Wahrheit sagen oder lügen. Wenn Leute früher gesagt haben, etwas wäre wahr, weil es im Fernsehen gesagt wurde, so genügt heute eine Nachricht auf Telegramm, und schon gibt es Tausende, die sich die Information als unhinterfragte Wahrheit einverleiben und weiterverbreiten. Faktenchecks sind mühsam und werden oft einfach deshalb nicht gemacht, weil Nachrichten einlangen, die das eigene Weltbild bestätigen und von vertrauenswürdigen Personen kommen, sodass das Gehirn sofort die völlige Zustimmung signalisiert. 

Gemeinwohlschädigende Interessen

Hinter diesen Vorgängen, mit denen sich die Meinungen einer großen Zahl von Menschen fortlaufend selbst bestätigen, stehen politische Interessen (die wirtschaftlichen Interessen, die untrennbar mit den politischen verknüpft sind, lasse ich in diesem Artikel beiseite.) Politische Interessen, die gemeinwohlschädigend sind, müssen versuchen, sich ein soziales Mäntelchen umzuhängen, um sympathisch zu erscheinen und von den Wählern unterstützt zu werden. Mittels der modernen Formen der Wahrheitsverzerrung gelingt die Verschleierung, indem der Unterschied zwischen Wahrheit und subjektiver Erfindung eingeebnet wird. Das Ziel ist die Beseitigung der Wirklichkeit als Bezugspunkt der Wahrheit, sodass die Propaganda ungehindert ins Bewusstsein der Menschen einfließen kann. Dann ist das Kunststück vollbracht, das Wahlvolk dazu zu motivieren, einer Politik zuzustimmen, die ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen zuwiderläuft.

Desinformation, Missinformation und Malinformation

Der britische Investigativjournalist Eliot Higgins, Gründer des Recherchenetzwerks Bellingcat, unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Desinformation, Missinformation und Malinformation. 

Bei der Desinformation handelt es sich um falsche Informationen, die mit der Absicht geteilt wurden, zu betrügen oder zu schaden. Der menschlichen Bosheit sind keine Grenzen gesetzt, deshalb gibt es so viel Desinformation, aber das Informationszeitalter mit seinen schier unbegrenzten Möglichkeiten hat zum inflationären Gebrauch von solchen Widrigkeiten geführt. Die Flutung der Kommunikationsräume mit Unwahrheiten hat den Hauptzweck, Wahrheit und Lüge ununterscheidbar zu machen.

Missinformation wiederum ist Falschinformation, die von Menschen geteilt wurde, weil sie glaubten, dass etwas wahr ist, ohne es selbst zu überprüfen. Das passiert immer öfter, weil so viele Informationen herumschwirren, dass viele selbst beim besten Willen mit dem Nachforschen nicht zurande kommen. Leuten, denen man vertraut, nimmt man ab, was sie von sich geben und verbreitet es weiter, ohne zu merken, dass sie sich des Luges und Truges mitschuldig machen.

Das Verständnis darüber, dass es eine moralische Pflicht darstellt, die Mitmenschen mit fakten- und wahrheitsgetreuer Information zu versorgen, anstatt ungeprüfte faktenferne und ideologiebeladene Nachrichten einfach weiterzuleiten, ist nur mangelhaft ausgebildet. Es ist eine Untugend, denn für schädliche Folgen von Fehlinformationen, die ohne Faktenabklärung weitergegeben wurden, ist auch die Person verantwortlich, die die Nachricht weitervermittelt. Es gibt allerdings keine Instanz, die diese Verantwortung einfordert, und diejenigen, die Falschnachrichten weiterverbreiten, befinden sich in einer Blase, in der sie die Bestätigung und Berechtigung fürs Täuschen und Manipulieren bekommen.

Bei der Malinformation geht es um wahre Information, die aber mit der Absicht, Schaden zu verursachen, veröffentlicht wird – wenn etwa selektiv bestimmte Dateien geleakt werden, aber nicht in ihrer Gänze und in ihrem Zusammenhang wiedergegeben werden. Es handelt sich um Halbwahrheiten oder herausgepickte Details, die hochgespielt werden. Malinformation sind Informationen, die faktisch korrekt sind, aber aus dem Zusammenhang gerissen, selektiv veröffentlicht oder so präsentiert werden, die verleumderisch oder manipulativ wirkt. Es werden z.B.  nur bestimmte Passagen aus einer Rede gezeigt, während der vollständige Zusammenhang weggelassen wird, was beim Publikum einen verzerrten Eindruck hinterlässt.

Zunehmend werden gefälschte Videos in Umlauf gebracht, um politische Gegner zu desavouieren. Eine weitere beliebte Form der Malinformation stellt das willkürliche Interpretieren von Statistiken oder wissenschaftlichen Forschungsresultaten dar. 

Hier ein aktuelles Beispiel: Im letzten halben Jahr haben die rechten Parteien im EU-Parlament die NGOs als Angriffsobjekt erkoren. Der europäische Rechnungshof hatte bemängelt, dass die Vergabe von Förderungen an NGOs intransparent wäre, ohne jedoch Gesetzesverstöße zu finden. Aus dieser Information haben die genannten Parteien den Vorwurf formuliert, dass die NGOs die Klimapolitik der EU beeinflussen würden und dafür Förderungen bekämen, ohne Beweise vorzulegen. Der festgestellte Mangel: Fehlende Transparenz bei der Förderungsvergabe wird benutzt, um die NGOs zu diskreditieren und die EU als undurchsichtige und korrupte Großorganisation darzustellen.

Kontrolle der Informationsgesellschaft als Aufgabe von allen

Wir stehen somit vor der Aufgabe, kompetente und integre Internetkontrolleure zu  werden, um die verschiedenen Formen des Informationsmissbrauches zu erkennen, aufzudecken und mit ethischen Umgangsformen in der Nachrichtenübermittlung der Verrohung der Sitten entgegenzuwirken. Diese Aufgabe ist unerlässlich, weil eine klare Grenze zwischen Wahrheit und Unwahrheit eine zentrale Grundlage des menschlichen Zusammenlebens darstellt.

Wo sich Untugenden ausbreiten, braucht es Menschen, die die Tugend einfordern und sie gleichzeitig selbst leben. Es  geht darum, ein Schambewusstsein zu wecken und zu kultivieren. Es muss verhindert werden, dass das Ausnutzen der Schwächen der Informationskonsumenten für die eigenen Zwecke zur unhinterfragten Selbstverständlichkeit wird. Das Zerstören des Zusammenhalts in der Gesellschaft durch das Verbreiten von Unwahrheit kann und darf nicht hingenommen werden.

Zum Weiterlesen:
Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts
Wenn Fiktion zum Faktum wird

Montag, 5. Oktober 2020

Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion

In einem Kapitel des Buches „Die IBA-Botschaft“ vergleicht Carsten Rachow die Objektivisten und die Fakeisten, also jene, die Fake-News produzieren. Die Objektivisten sind jene, die möglichst objektive Fakten präsentieren wollen. Zwischen beiden Gruppen tobe ein “seltsamer Meinungskampf” bei den aktuellen Pandemiediskursen. Als Objektivisten werden die „Experten, Virologen und Epidemiologen“ identifiziert, die Fakeisten braucht man nicht extra zuordnen. Der Text läuft darauf hinaus, beiden Seiten ihre Subjektivität nachzuweisen, also die Beliebigkeit ihrer Konstruktionen. In diese fließen „eigene Ängste, Sorgen, Anpassungstendenzen und Weltbilder, aber auch persönlicher Ehrgeiz und die Beeinflussung durch andere Menschen” ein.

Wenn wir einer systemischen Sichtweise folgen, ist unbestritten, dass Wissen immer Konstruktion ist, eine bestimmte Weise, die äußere Wirklichkeit in eine innere Wirklichkeit zu übersetzen. Der maßgebliche Unterschied besteht allerdings in der Weise der Übersetzung. Wissenschaftliches Wissen beruht auf völlig anderen Übersetzungsvorgängen als willkürlich zusammengebastelte oder frei erfundene „alternative Fakten”. Denn die Wissenschaften sind selbstreflektierend und überprüfen sich dauernd selbst, mit Verfahren, die sich über Jahrhunderte ausgebildet und verfeinert haben. 

Inzwischen spielt der Begriff der Objektivität in den Wissenschaften keine Rolle mehr, weil klar ist, dass sich das Wissen ständig weiterentwickelt. Vielmehr geht es mehr um das von Karl Popper formulierte Prinzip der Falsifizierbarkeit, d.h. Theorien so zu formulieren, dass sie prinzipiell widerlegbar sind. Es gilt jeweils die beste der bestehenden Theorien, solange es keine bessere gibt. Insofern versteht sich wissenschaftliches Wissen immer als vorläufig und relativ. Es steht beständig am Prüfstand durch die Forschergemeinschaft. 

Die Fake-News-Produzenten hingegen verkaufen und propagieren ihre Ideen sofort als Wahrheit, manchmal sogar als absolute, zu der es keine Widerlegung oder Verbesserung gibt oder braucht. Sie appellieren also an die (Gut-)Gläubigkeit der Menschen und nicht an ihre Vernunft. Sie nutzen die Lüge oder kümmern sich fahrlässig nicht um eine Überprüfung, bevor sie Falschmeldungen verbreiten.

Das Unbewusste und die Wissensproduktion

Die Psychologisierung der Erkenntnistheorie („Die Wirklichkeitskonstruktion ist geleitet von Ängsten und Sorgen“) trifft sicher auf die Fakeisten zu und könnte sie interessant, falls sie ihren Fokus darauf lenken würden, wie sie zu ihrem Wissen kommen und welche Gefühle und Interessen dabei wirksam sind. Diese Reflexion widerspricht aber den eigenen Grundannahmen und Intentionen.

Die Wissenschaften hingegen verfolgen diesen Prozess schon seit ihren Anfängen und sind laufend damit beschäftigt, Wissen von subjektiven Zutaten zu reinigen, also eine Form des Wissens zu gewinnen, das von Subjekten, ihren Interessen und Vorlieben, weitestgehend unabhängig ist. Es geht darum, Forschungsergebnisse zu erreichen, bei denen jedes Subjekt potentiell zu den gleichen (oder im Fall der Geisteswissenschaften – zu vergleichbaren) Erkenntnissen gelangen kann. Insoferne rennt die psychologische Deutung, dass es in den Wissenschaften subjektive Elemente gibt, offene Türen ein.

Die Gleichstellung von Lüge und Wissen

Im Text heißt es: “Beide Seiten erzeugen, beide Seiten glauben, und beide Seiten halten sich ihre geglaubten Konstrukte vor Augen - doch weil die einen sich hinter ihrer historisch gewachsenen wissenschaftlicher Objektivität verstecken und die anderen hinter ihrer blassen Fake-Objektivität, kommen die eigentlichen Akteure nicht zum Vorschein.”

Was der Text verwischt: Die Formen der Wirklichkeitskonstruktion werden individualisiert, so, als wären alle Wissenschaftler von der gleichen Gefühlslage geprägt, wenn sie ihre Forschungen betreiben. Es geht aber nicht um zwei Individuen, die sich gegenüberstehen.  Individuen haben immer einen Schatten und ungeklärte Ecken in der Gefühlslandschaft. Vielmehr geht es um den Gegensatz zwischen der Tradition der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung mit ihrem Streben nach verbindlichem Wissen und dem subjektiven Fürwahrhalten. Die eigentliche Frontlinie verläuft  zwischen Reflexionsfähigkeit und interaktiver Theoriebildung auf der einen Seite und Reflexionsverweigerung auf der anderen Seite.

Der Gleichstellung zwischen Fakeproduzenten und Wissenschaftsproduzenten, wie sie hier vorgenommen wird, fehlt die sachliche Grundlage. Es kommt immer wieder vor, dass manche Vertreter der Wissenschaft, die in der Öffentlichkeit auftreten, dort ihre Meinung zu bestimmten Themen, z.B. aktuell zu Corona-Maßnahmen, kundtun. Das ist ihr Recht als Staatsbürger, wie für alle anderen auch. Die Meinungen, die sie in diesem Rahmen verbreiten, sind subjektiv. Sie können durch wissenschaftlich erzeugte Fakten abgestützt und belegt sein, aber sobald es um Einschätzungen von künftigen Entwicklungen oder zum Abwägen verschiedener Methoden der Krisenbekämpfung geht, wird das Terrain der Faktizität schnell verlassen. Dann handelt es um subjektive Meinungen, die mit der individuellen Gefühlslage zusammenhängen.

Faktisch kommt es immer wieder zu Streitgesprächen, in denen sich Individuen, die auf die Wissenschaft pochen und anderen, die auf esoterische oder andere undefinierte Quellen zurückgreifen, gegenüberstehen. Solche Debatten führen häufig auf keinen grünen Zweig, weil die Diskursformen nicht zusammenpassen. Der Versuch aber, die Hintergründe und Motivationslagen einzuebnen durch die Feststellung, dass die wissenschaftliche Position um nichts besser, wertvoller oder orientierungsgebender als die der Lügenpropaganda wäre, ist insofern gefährlich, weil eben die Lüge als Mittel der Wahrheitsfindung legitimiert wird. Ist es gleich-gültig, ob ein Wissen aus einem wissenschaftlichen Forschungsprozess kommt oder aus absichtlichem Lügen oder naivem Nacherzählen von Lügen, dann gerät die Gesellschaft auf eine unsichere Ebene. 

Die Psychotisierung der Gesellschaft

Psychologisch betrachtet, ist die Ununterscheidbarkeit von Lüge und Wahrheit Ursache für Psychosen, wie schon Pawlow in Tierversuchen nachweisen konnte. Wenn wir nicht mehr wissen, woran wir sind, ob das, was uns an Fakten präsentiert wird, wirklich ist oder eine Erfindung, werden wir orientierungslos und verwirrt und enden schließlich dort zu sagen, dass man doch niemandem vertrauen kann.

Und genau das ist das Ziel der Fake-Produzenten: Menschen, die nicht mehr unterscheiden können, was wirklich und was unwirklich ist, und die dann nur mehr auf Gefühlsebene Entscheidungen treffen können. Gefühle können herrlich von außen beeinflusst werden, der großflächigen Manipulation ist Tür und Tor geöffnet.

Es ist also äußerst gefährlich in Hinblick auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, von einer Metaposition die Fakisten und die Wissenschaftler psychologisch auf eine gleiche Stufe zu stellen. Fake-Produzenten wollen nichts anderes als die völlige Relativierung der Wahrheitsfindung. Fantasien und Hirngespinste hätten dann den gleichen Wert wie die Relativitätstheorie oder das thermische Grundgesetz. Das geht sich zwar praktisch nicht aus, weil jedes bisschen Technik, das wir nutzen, voll von wissenschaftlicher Forschung ist, die sich als tauglich erwiesen hat, während Fakenews keinen einzigen Fernsehapparat hervorbringen können, sondern höchstens Verwirrung in den Köpfen. Aber verwirrte Menschen können an keinem sinnstiftenden gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen. Wir müssen uns entscheiden, ob wir verwirrte Menschen und damit eine verwirrte Gesellschaft wollen oder nicht. Wenn nicht, gilt es der Psychotisierung der Gesellschaft, die mit dem Produzieren und Verbreiten von Fakenews angebahnt wird, auf allen möglichen Ebenen entgegenzuwirken. 

Zusätzlich sei angemerkt: Wenn die Standards der historischen Forschung durch die Gleichstellung mit Lügenproduktionen weggeworfen werden, dann haben die Holocaustleugner genauso recht wie die Historiker, die die Fakten über die Massenvernichtungen gesammelt haben - es sind ja nur zwei Formen des „Unbewussten“, die da unterschiedlicher Meinung sind.

Demgegenüber ist festzuhalten, dass wissenschaftliches Wissen und falsche Fakten nichts gemeinsam haben und auch auf psychologischer Ebene nicht miteinander verglichen werden können. Außerdem kann es verheerende Folgen haben, wenn dieser Unterschied nicht mit aller Konsequenz aufrechterhalten wird.

Hier zum Text von Carsten Rachow

Zum Weiterlesen:

Absolute Wahrheiten existieren im Moment
Das Absolute im Beschränkten

Die Ko-Produktion der Wirklichkeit und das Absolute
Faktizität und Bullshit


Sonntag, 31. Juli 2016

Wenn Fiktion zum Faktum wird

Unter renommierten Kommentatoren der aktuellen politischen Vorgänge macht ein Stichwort die Runde, das ich hier näher betrachten möchte: die Post-Faktualität. Damit sind Positionen in der politischen Debatte gemeint, die keinen Unterschied zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion machen. Statt dessen wird die emotionale Wirkung zum Maßstab für Wahrheit: Was jemandem gefällt, weil es mit den eigenen Vorurteilsstrukturen zusammenpasst, ist wahr, was nicht, ist erlogen.

Deshalb wird von jenen, die keinen Wert auf die Überprüfung der eigenen Meinungen legen, besonders gerne von der "Lügenpresse" gesprochen und damit jener (immer kleiner werdende) Teil der Presselandschaft gemeint, der mit besonderer Sorgfalt in der Recherche die Faktizität zu den in der Öffentlichkeit diskutierten Fiktionen liefern will. Wird z.B. die Fiktion in die Diskussion eingebracht, dass asylwerbende Flüchtlinge Supermärkte überfielen, dann gelten die Presseorgane, die eine solche Nachricht ungeprüft weiter verbreiten und womöglich mit Kommentaren voll von Entsetzen verstärken, als Wahrheitspresse. Andere Zeitungen dagegen, die sich die Mühe machen und bei den Supermarktketten nachfragen und dann die Auskunft bekommen, dass solche Überfälle nicht stattgefunden haben, die also danach trachten, Faktizität und Fiktion zu unterscheiden, werden als Lügner beschimpft. Wer die Wahrheit sagt, lügt, wer lügt, sagt die Wahrheit.

Handelt es sich um einen neuen Namen für ein Phänomen, das so alt ist wie die Politik unter Menschen, oder haben wir es mit einer Gattung der Verblendung zu tun, die bisher noch nicht in dieser Form und in diesem Ausmaß aufgetreten ist?

Emotionale Korruption


Dass ein fahrlässiger Umgang mit der Wahrheit in der Politik zum täglichen Geschäft gehört, sollte nicht wundern; die Unverfrorenheit, mit der in diesen Monaten Politiker mit Wahrheitsverdrehung, Auftischen von Fantasien als Tatsachen, von Verschwörungsängsten als politischer Theorien erinnert grausam an frühere, längst überwunden geglaubte Zeiten, in denen es für Propaganda, also für die Erzeugung von Fiktion ohne Faktenbasis, ein eigenes Ministerium gab. Es scheint jedoch, dass in unseren Tagen eine neue Dimension zu diesem Phänomen zugewachsen ist.

Politik hat seit jeher ein Doppelgesicht und eine Doppelmoral: Der Einsatz für die Menschen und die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen wird von vielen Politikern mit der versteckten Bedienung eigener Bedürfnisse kompensiert, vor allem materieller Wünsche (dann spricht man von Korruption) und weniger offensichtlich emotionaler Mängel (das möchte ich emotionale Korruption nennen). Die Welt zum Besseren verändern vermochten Menschen, die frei von materieller und emotionaler Korruption Politik gestalten konnten wie Nelson Mandela oder Mahatma Gandhi.

Die materielle Seite der Korruption lehnen wir alle ab; sich selbst aus öffentlichen Geldern zu bereichern, wird als schäbig und unehrenhaft betrachtet, und Politiker, die solcher Handlungen überführt werden, werden in unseren Breiten geächtet. Weniger sensibel sind wir dort, wo es um emotionale Korruption geht.

Um welche emotionalen Mängel geht es dabei? Wenn wir die narzisstischen Charakterzüge betrachten, die alle populistische Politiker gemeinsam haben, erkennen wir die Gier nach Macht und Ruhm, nach Selbstdarstellung und Anerkennung durch die Massen. Wir finden massive Ängste und Traumatisierungen am Werk, die den Hass speisen, der den Hauptgehalt ihrer Botschaften ausmacht. Oder kennen Sie einen populistischen Politiker, der Ruhe und Gelassenheit, Besonnenheit und Umsicht ausstrahlt?

Diese defekte Emotionalität kann deshalb als Korruption bezeichnet werden, weil sie eigene Charaktermängel aus einem öffentlichen Amt ausgleichen will. Es wird also die Bevölkerung mittels raffinierter Täuschung ausgenutzt, indem ihr weisgemacht wird, selber zu profitieren, wenn sie einem Hasspolitiker folgen, da ja dieser die Feinde des eigenen Wohlbefindens und Wohlstandes namhaft machen und vernichten kann.

Ein eindrucksvolles Beispiel für dieses Phänomen lieferte die Brexit-Bewegung in England. Der Führer der britischen Unabhängigkeitspartei, Nigel Farage, verkündete landauf landab, dass bei einem EU-Austritt wöchentlich 350 Millionen Pfund ins Sozialsystem statt in die Brüsseler Schlünde fließen würde. Da freut sich jeder, schließlich will jeder mehr vom Sozialsystem, wer arbeitet, braucht weniger einzuzahlen, wer krank ist, kriegt mehr Leistung, wer Pension hat, mehr Pension etc. Der Feind sitzt im Ausland, der muss beseitigt werden, und schon bricht der Wohlstand aus. Ehrlichere Politiker und an Fakten interessierte Medien versuchten, die Fiktionalität der Zahlg und die Haltlosigkeit solcher Versprechen nachzuweisen; offensichtlich mit geringem Erfolg. Nach dem Referendum verkündete Mr. Farage ohne besonderen Genierer, diese Versprechungen wären ein Fehler gewesen, nach dem Motto, jeder kann sich ja mal ein bisschen irren.

Der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump ist mehrfach der Lüge überführt worden, ohne dass das irgendwelche Auswirkungen auf sein Verhalten noch auf das seiner Anhänger gehabt hätte (vgl. Anne Applebaum in der Washington Post vom 19. Mai 2016)

Aber der Zweck heiligt die Mittel, so denkt ein Politiker mit dieser Schlagseite: Alles, was mir hilft an die Macht zu kommen, ist billig, denn einmal an der Macht bin ich dann der große Wohltäter, den alle bewundern und lieben werden. Ich brauche jetzt keine Ahnung zu haben, wie ich das einmal bewerkstelligen werde, es genügt ja, dass ich erkenne, was die anderen falsch machen. Ich brauche nur deren katastrophe Fehler zu vermeiden.

Das Verwerfliche an solchen Einstellungen ist, dass sie die Täuschung zum Prinzip und den Hass zum Motor der Politik machen. Damit werden emotionale Energien vieler unbedarfter Menschen für die eigenen Zwecke kanalisiert, und das Erwachen kommt erst dann, wenn es zu spät ist.

Mit dem vermehrten Auftreten solcher Figuren in der Politik verschiebt sich das Schwergewicht der Debatte von der Abwägung unterschiedlicher Strategien (wir haben eine zu hohe Arbeitslosigkeit, ein Faktum, und haben verschiedene Möglichkeiten, mehr Arbeitsplätze zu schaffen) zur Frage der Faktizität: Was ist überhaupt wirklich: Das, was man gerne so hätte oder das, was der Fall ist?

Die Folge ist, dass zunehmend mehr Leute glauben, dass es Fakten gar nicht gibt, sondern dass alles ein "Narrativ" ist, also auf Wienerisch, dass Politik nichts anderes als G'schichtln-Druckn ist, und dann wählen sie diejenigen, die das am besten beherrschen: Märchen so zu erzählen, dass sie wie wahr klingen, wie es auch sein könnte oder sich abgespielt haben könnte, knapp dran an dem, was wirklich ist, aber eben raffiniert verfärbt, damit es die Zwecke des Erzählers bedient.

Postfaktische Irrationalität


Haben wir es zu tun mit postmodernen Konstruktivisten oder mit vormodernen Irrationalisten, einer Mischung aus beiden oder einer ganz neue Spezies, die sich nach Jahrzehnten der Fernsehsucht herausmutiert hat und in der handysüchtigen Generation den Bezug zum Faktischen zunehmend verliert und damit den Begriff des Faktischen systematisch desavouiert, weil die Überfülle an verfügbarer Information keine Wertung nach richtig/falsch, wirklich/erfunden zulässt?

Erschreckend an dem Begriff des Post-Faktischen ist, dass er suggeriert, dass die Epoche des Faktischen am Vergehen und drauf und dran ist, durch eine neue abgelöst zu werden, wie die Moderne durch die Postmoderne, ohne Chance, dass sich eine solche Fehlentwicklung wieder zurückkorrigieren könnte. Statt dessen hätten wir zu lernen uns zu adaptieren, indem wir werte- und verantwortungslos im postfaktischen Relativismus herumirren und Erkenntnis durch Gefühl ersetzen. Das wäre das Ende der Aufklärung, des Rationalismus, der verbindlichen Sinn- und Entscheidungsfindung im transparenten politischen Prozess, also der Errungenschaften des westlichen Modells der von Menschen- und Bürgerrechten getragenen Demokratie.

Die Fantasie an die Macht? Ja, aber nicht die neurotische.


Manchen mag es gefallen: Die Fantasie triumphiert über die Realität,  Realität, der Möglichkeitsmensch über den Wirklichkeitsmenschen. Aber wenn wir über keine Kriterien mehr verfügen, die eine neurotische, angstgenerierte von einer kreativen Fantasie unterscheiden können, treten wir in ein Zeitalter des kollektiven Wahnsinns ein, und das nicht in einem emphatisch deklamatorischen Sinn von pessimistischen Zivilisationskritikern, sondern im ganz "faktischen" Sinn: Wahnsinn im Sinn einer Geisteskrankheit, die zur Norm erhoben wird, womit die gemeinsame Konstruktion von Sinn von Zufälligkeiten und Sympathien geleitet von seelischen Leidenszuständen abhängt, ohne jede Verankerung in einer äußeren Realität, ohne Rückkoppelung mit den Abläufen in der Wirklichkeit.

Faktizität in sozialen Medien


Soziale Medien entwickeln ihren eigenen Begriff von Faktizität: Wahr im Sinn der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit ist, was möglichst oft geliked und geteilt wird. Deshalb eignen sich die sozialen Medien so hervorragend für postfaktische Wirklichkeitserzeugung: Es erscheint eine Nachricht, die im Sinn der Faktizität falsch ist (z.B. wird behauptet, ein politischer Mitbewerber leide an Demenz), die Nachricht pflanzt sich blitzschnell weiter und wird zur Realität in vielen Köpfen. Bevor der solchermaßen verleumdetete Politiker mit rechtlichen Schritten einschreiten kann, wird die Nachricht gelöscht - war ja nicht so gemeint. Aber sie hat sich vom Urheber schon verselbständigt und lebt eigenmächtig fort: Ich habe da irgendwo gehört, dass xy dement ist, da muss ja was dran sein.

Verlust der Realität, Verlust der Verantwortung


Überflüssig wird nach der Realität als nächstes die Verantwortung: Ich behaupte etwas, und wenn mir das dann vorgehalten wird, habe ich es so nicht gemeint. Und böse und hinterhältig sind die, die mir das vorhalten. Wer den österreichischen Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer bei der letzten TV-Konfrontation sehen konnte, hat ein schönes Beispiel für diese Taktik: Einer Lüge, Halbwahrheit, Täuschung, Übertreibung - wie auch immer es bezeichnet werden kann, in einer verwirrten jüdischen Frau eine um sich schießende palästinensische Terroristin zu sehen - überführt, stellt sich der Täter sofort als Opfer dar, der verfolgt wird von den bösen Medien und politischen Gegnern - vermutlich wohl wissend, wie stark die gestandenen und anständigen Österreicher auf Opfermythen abfahren. (Zum Nachschauen)

Solche und ähnliche rhetorische Tricks sind im Zunehmen, und die Gerichte, die sich noch auf den veraltenden Begriff der Verantwortung beziehen, haben immer das Nachsehen, weil sie im besten Fall nach lang verstrichener Zeit den Behaupter zur Verantwortung ziehen, also verurteilen und bestrafen. Der Schaden ist aber längst schon angerichtet und kann nicht mehr gutgemacht werden. Und der Schaden ist nachhaltiger: Wenn die persönliche Verantwortung durchlöchert wird, wird der gesellschaftliche Zusammenhalt durchlöchert. Wer soll da noch Verantwortung übernehmen für die Probleme, mit denen die Welt konfrontiert ist? Das World Economic Forum (WEF) hat vor kurzem zehn globale Herausforderungen namhaft gemacht, die nur in Zusammenarbeit der Länder dieser Welt gelöst werden können. Neben bekannten Themen wie Nahrungssicherung, Beschäftigung, Klimawandel und globalen Finanzen findet sich an führender Stelle die "massive digitale Fehlinformation" (Quelle).

Zum Weiterlesen:
Faktizität und Bullshit
Wird die Demokratie manipuliert?
Torheit ist nicht zu loben

Montag, 14. Dezember 2015

Astroturfing - Manipulation vom Feinsten

Astroturfing ist eine Methode der Manipulation und der systematischen Erzeugung von Desinformation, von der sich alle Diktatoren viel abschauen könnten. Sie lanciert Informationen so, als ob sie von Basisbewegungen und –organisationen vor allem im NGO- und Non-Profit-Bereich ausgingen, während sie in Wirklichkeit von Geschäftsinteressen gesteuert sind. Damit sollen die Informationen mehr Glaubwürdigkeit erhalten und Meinungen gesteuert werden. Dazu zählt auch die Nutzung von Computerprogrammen, die es ermöglichen, sich Unmengen von Identitäten zu geben, sodass die eigene Meinung wie eine Massenbewegung erscheint. Die eigene wirkliche Identität verschwindet in der Anonymität dahinter.

Der Begriff bedeutet so viel wie „Kunstrasenbewegung“, in Anspiel darauf, dass spontane Basis-(=grassroot)-initiativen vorgetäuscht werden.

Die New York Times wiesen in einem Artikel darauf hin, dass bezahlte Konsumentenberichte bei potenziellen Kunden Vertrauen erwecken. Ein Drittel der Konsumentenberichte im Internet sollen gefälscht sein, sodass es schließlich schwierig wird, zwischen öffentlichen und vorfabrizierten Meinungen zu unterscheiden.
Ein Beispiel aus der politischen Szene ist die Tea-Party-Bewegung in den USA, die mit allen Wassern des Astroturfing gewaschen ist.

Die US-amerikanische Aufdeckungsjournalisting Sharyl Attkisson beschreibt in einem Youtube-Video ein paar Beispiele zu den Aktivitäten dieser Kreise. 


Attacken auf Nachrichtenorganisationen, die Nachrichten publizieren, die sie nicht mögen, gegen Whistleblowers, Journalisten, die versuchen, das aufzudecken. Sie bringen Mengen an kontroversiellen Informationen in Umlauf, sodass jeder, der sich näher mit einer Sache beschäftigen will,  irgendwann das Handtuch wirft und aufgibt. Sie stellen bezahlte Studien als valide dar und machen es möglichst schwer, die Wahrheit zu entdecken.

Nach Sharyl Attkisson ist mittlerweile auch Wikipedia von Astroturf durchseucht. Scheinbar kann jeder Einträge auf Wikipedia machen, um neue Inhalte darzustellen oder Fehler in bestehenden Artikeln auszubessern. Tatsächlich wird alles, was in Wikipedia erscheint, von anonymen Kontrolleuren überwacht.

Ein berühmtes Beispiel ist die Geschichte des Schriftstellers Philipp Roth. Er fand auf einer Wikipedia-Seite ein falsches Faktum in Bezug auf die Inspiration zu einem Charakter eines seiner Bücher und wollte das korrigieren. Was auch immer er probierte, die Korrektur wurde jedes Mal rückgängig gemacht. Mit viel Mühe kam er schließlich an die Person heran, die für die Korrekturen zuständig ist, und dort wurde ihm erklärt, dass er keine vertrauenswürdige Person sei – für seine eigene Lebensgeschichte. 


Wikipedia


Auch im Bereich der Medizin, wo Wikipedia den Eindruck erweckt, auf dem Stand der wissenschaftlichen Diskussion zu sein, ist Vorsicht geboten. Eine wissenschaftliche Studie in den USA hat Wikipedia-Artikel mit der wissenschaftlichen Diskussion (peer-reviewed Publikationen in Fachmedien) des jeweiligen Themas verglichen und fand heraus, dass in 90% der Fälle der Wikipedia-Artikel im Widerspruch zur Forschung stand.

Wir müssen also damit rechnen, dass es vor allem in den Bereichen, wo es um viel Geld geht, und das ist der Gesundheitsbereich, bezahlte Manipulatoren gibt, die die Interessen der Pharma-Konzerne in den sozialen Medien vertreten und im Hintergrund von Wikipedia arbeiten. Wann immer massive Kampagnen in bestimmten Bereichen des Gesundheitsfeldes lanciert werden, die sich dann über Facebook und Twitter verbreiten, können es Meinungsmacher sein, die damit in die Taschen ihrer Arbeitgeber arbeiten. Bekanntlich ist auch die Google-Suchfunktion mit entsprechender Expertise in bestimmte Richtungen lenkbar, und wer dafür Leute bezahlt, hat das Geld sicher gut investiert.

Sollten wir aufhören, das Internet für Informationsgewinnung zu nutzen, wo doch alles durchseucht ist von Lüge, Manipulation und bewusster Irreführung? Auch die Informationen, die ich in diesem Artikel weitergebe, stammen aus dem Internet, und ich kann meine Meinungen dazu auch nur über das Medium mehr Menschen mitteilen. Es folgt daraus nur, dass wir Information nie mit dem Kontext verwechseln sollten, in dem sie erscheint. Jede Information gewinnt aus dem Kontext ihre Relevanz. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als die Kontexte zu überprüfen, immer wieder und vor allem dann, wenn uns eine Information wichtig ist, z.B. wenn es um unsere eigene Gesundheit geht. 


Pharma ...


Attkisson weist auch darauf hin, dass es in solchen Fragen nicht immer hilfreich ist, „Arzt oder Apotheker“ zu konsultieren. Denn auch die Experten im Gesundheitswesen haben nur eine beschränkte Kontrolle über die Kontexte der Informationen, die sie weitergeben. Sie können angesichts der Fülle der Symptome, die Menschen haben können, nicht in jedem Fall am aktuellen Stand der medizinischen und pharmakologischen Forschung sein und die Fachdiskussionen zu diesen Themen mitverfolgen. Vielmehr kann es sein, dass sie sich in vielen Fällen auf das verlassen, was ihnen der von einer Pharmafirma bezahlte Experte auf einer Konferenz erzählt. Wenn sie dazu noch ein nettes Angebot der Firma kriegen, die den Konferenzbesuch samt Urlaubspaket finanziert, kann man nicht ausschließen, dass solche Verlockungen die Verschreibung der Medikamente beeinflusst. Opfer dieser Kontextunschärfen sind dann die Patienten, die u.U. Medikamente schlucken, deren Hauptwirkungen auf keinen wissenschaftlichen Beweisen beruhen und deren  Nebenwirkungen verharmlost und beschönigt sind.

Ein weiteres, fast absurd anmutendes Beispiel berichtet Attkisson:  Vor einigen Jahren wurde ein Forschungsbericht einer nationalen Schlafstiftung, einer Non-Profit-Organisation, mit dem Ergebnis publiziert, dass die USA ein Land mit epidemischer Schlaflosigkeit sei, ohne davon zu wissen. Die Studie ging durch alle Medien, ohne kritische Hinterfragung. Die Recherche zeigte, dass die Schlafstiftung und die Studie von einer Pharmafirma finanziert war, die gerade dabei war, ein neues Schlafmittel auf den Markt zu werfen. 

Die Aufgabe von Astroturfern ist es, Mythen zu produzieren. Sie machen das z.B. mit dem Trick, gegenteilige Ansichten als Mythen darzustellen. Niemand will einem Mythos aufsitzen, jeder will so wiff sein und die Manipulation durchschauen. Aber gerade darin können wir der Mystifizierung verfallen  und noch der Meinung sein, zu denen zu gehören, die alles besser durchschauen.

Ein möglicher Trost könnte sein, dass uns in Europa all diese haarsträubenden Berichte weniger betreffen. Schließlich geht es in den USA bekanntlich um nichts anderes als um das Geschäft und um die Profitmaximierung. Und hier in Europa gelten ja auch noch andere Werte, die mit Redlichkeit und Unbestechlichkeit zu tun haben. Wenn Geschäftsinteressen hinter politischen oder kulturellen Initiativen ruchbar werden, kann das bei uns noch einen Skandal auslösen. Aber möglicherweise ist das inzwischen auch nur ein romantischer Irrglaube.