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Montag, 2. Dezember 2024

Was macht aggressive Politiker attraktiv?

In vielen demokratischen Ländern des globalen Nordens sind die rechten und rechtsextremen Parteien im Vormarsch. Was dabei auffällt ist, dass die Politiker dieser Parteien mit aggressiven Botschaften Wähler ansprechen und für sich gewinnen können. Um die Themen, die dabei angesprochen werden, nehmen sich auch andere Parteien an. Vor allem rechtskonservative Parteien fahren einen harten Kurs in der Migrationsfrage, verschärfen andauernd die Regelungen für Flüchtlinge und Asylsuchende, und doch verlieren sie ihre Wähler an die noch weiter rechts positionierten Parteien, die sich eine aggressive Rhetorik erlauben. Rechtskonservative haben ihre Wählerschaft auch in Bevölkerungsgruppen, die von Hassparolen abgeschreckt werden und müssen sich deshalb in ihrer Ausdrucksweise mäßigen. Der einzige Unterschied besteht also im Ausmaß der Aggression, das an die Öffentlichkeit gebracht wird. Es ist zwar zu beobachten, dass einzelne rechtskonservative Politiker in die Wortwahl der Rechtsextremen verfallen, doch werden sie dann meistens von ihrer Partei zurückgepfiffen. Die extremeren Politiker können dagegen hasserfüllte Wutreden halten, im Bewusstsein, dass sie ihren Anhängern aus dem Bauch reden, also deren Aggressionen in Worte fassen und in der Öffentlichkeit verbreiten. Wenn jemand anderer die eigene Wut, für die man sich vielleicht selbst schämt, ausdrückt (oder auskotzt), ist man entlastet und fühlt sich zugleich in der eigenen Aggressivität bestätigt und gerechtfertigt. 

In Wahlbefragungen geben z.B. Wähler der FPÖ an, dass sie allein dieser Partei zutrauen, die Missstände, die es gibt oder die sie erleben, abzustellen und bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Es handelt sich dabei offensichtlich um ein Bauchgefühl, weil die Lösungen, die die österreichische Rechtspartei anbieten kann, entweder nicht durchführbar sind (weil sie der Verfassung oder EU-Regeln widersprechen) oder von anderen Parteien genauso oder ähnlich vertreten werden, und weil in den Bundesländern und Gemeinden, wo die Blauen mitregieren, die Zustände auch nicht besser sind. Aber die aggressive Wortwahl der Rechtspartei vermittelt offenbar vielen Wählern die Zuversicht, dass „endlich etwas geschieht“: Da packt wer zu und zieht die Sache durch. Wer auf den Tisch hauen kann, wird auch alles, was einen stört, abstellen. Die eigene mangelhafte Tatkraft und das eigene Ohnmachtsgefühl werden an die starken Männer da oben übertragen, die es dann mit ihrer Durchschlagskraft richten sollen. 

Aggressionen machen Angst, sie versprechen aber auch Abhilfe gegen die Angst. Ohne Zugang zum Gefühl der Wut sind wir ohnmächtig und schwach. Wut ist allerdings niemals konstruktiv. Mit zu viel Aktivierung wird sie immer gewalttätiger und neigt schließlich zur Zerstörung. 

Allzu viele weiße US-Männer wählen keine Frau, und schon gar nicht eine Farbige. Denn sie haben Angst um die Privilegien aus ihrer Männlichkeit und ihrer rassischen Überlegenheit. Nur ein weißer Mann an der Macht kann ihre Ängste beruhigen und ihre Vormachtstellung absichern. Die toxische Mischung aus Patriarchalismus, Autoritätshörigkeit und Aggression habe ich schon an anderer Stelle besprochen.

Die Wut auf „das System“

Die Aggression der rechten Demagogen richtet sich immer wieder gegen abstrakte und anonyme Gestalten wie „das System“. Dieses wird so mächtig und so böse dargestellt, dass es nur einen sinnvollen Weg geben kann, eben dieses System zu zerstören. Und das geht nach der Logik der Revolutionen nur mit Gewalt. Verschwörungsmythen werden genutzt, um diese geheimnisvolle Bedrohung noch mehr aufzublasen.

Alle Rechtsparteien, die an die Macht gekommen sind, haben allerdings „das System“ nie zerstört, sondern im Gegenteil dazu ausgenutzt, um die eigenen Taschen zu füllen. Das Orban-System in Ungarn, das Vorbild für viele Rechtsextreme bis in die USA, ist von systematischer Korruption gekennzeichnet. In Österreich war die FPÖ in diesem Jahrhundert zweimal in der Regierung; die zahlreichen Korruptionsprozesse aus diesen Zeiten (2000 – 2013 und 2017-2019) beschäftigen bis heute die Gerichte.

Aggression als Reaktion auf Komplexität

Schon Alexander der Große hat den komplexen gordischen Knoten nicht durch besonnenes Erforschen und Experimentieren ausgelöst, sondern mit einem Gewaltakt durchschlagen. Die „Männer der Tat“ sind es, die vielen Wählern Hoffnung geben, die sich durch die steigende Komplexität der Welt und der Gesellschaft überfordert fühlen. Donald Trump hat in der Zeit seiner ersten Präsidentschaft kaum Erfolge nachzuweisen, sowohl was die Einwanderung in die USA als auch was die Wirtschaft und den Lebensstandard anbetrifft, und er hat weltpolitisch sehr viel Unsicherheit erzeugt und damit viele Konflikte angeheizt. Aber sein großspuriges und wutdurchtränktes Reden erweckt bei vielen den Eindruck, dass hier jemand bereit ist, die Dinge mit Tatkraft anzugehen, ohne Rücksicht auf Konventionen und Widerstände, ohne sich um die Details zu kümmern, ja sogar, ohne sich um die Wahrheit oder die Gesetze zu scheren. Es ist nicht wichtig, ob die Vorschläge, der er vorgebracht hat, sinnvoll oder zielführend sind; es geht um den emotionalen Eindruck von einem Menschen, der keine Scham kennt und deshalb zu jeder Tat und Schandtat bereit ist. 

Wenn das eigene Leben unüberschaubar oder unkontrollierbar erlebt wird, wenn man sich selber nicht mehr hinaussieht, weil es keine einfachen Lösungen gibt, kommt jemand gerade recht, der selbstbewusst auftritt und seine Vereinfachungen und Falschinformationen lauthals und immer wieder in die aggressionsgeile Medienwelt hinaus posauniert. Je öfter und je eindringlicher etwas gesagt wird, desto wahrer und hilfreicher erscheint es, vor allem, wenn eine innere Deutungsnot besteht. Der Demagoge wird zum Heilsbringer, zum Retter vor allem Übel. Viele Trumpwähler sagen, dass sie zwar die Wortwahl ihres Idols nicht schätzen, aber dennoch meinen, er wäre als einziger in der Lage, für ein besseres Leben zu sorgen. Diese Einschätzung stammt weder aus der Rationalität noch aus einem Wirklichkeitsbezug, weil sie auf einer emotionalen Ebene getroffen wird. Eine rationale Bewertung der Lösungskompetenz und emotionalen Stabilität des Kandidaten müsste zu dem Schluss führen, dass gerade diese Person aufgrund von massiven Persönlichkeitsdefiziten im hohen Maß ungeeignet ist, die Position des mächtigsten Mannes der Welt einzunehmen. Doch treffen Menschen im Allgemeinen keine rationalen Entscheidungen, auch und gerade nicht, wenn sie ihre Stimme bei einer Wahl abgeben. Entscheidungen werden unbewusst in den emotionalen Zentren unseres Gehirns getroffen. Die Rationalität mischt sich nachher ein, indem sie Gründe für die Entscheidung liefert. 

Die Verbreitung der Gewaltsprache

Viele Wähler wählen ja die Rechtsparteien nicht, weil sie so aggressiv auftreten. Es scheint sich die Bevölkerung in den demokratischen hochentwickelten Ländern in zwei Lager abzuspalten: Die einen, denen die Aggressivität in der Politik Angst macht und die sich dafür schämen, und die anderen, die in ihr den einzigen Weg in die Zukunft sehen. Wer auf diese Form der Aggressivität anspricht, verspricht sich von Gewaltlösungen mehr als von abgewogenen und auf unterschiedliche Situationen abgestimmte Maßnahmen. 

Während in den früheren Jahren der Nachkriegszeit die aggressiven Töne in der Politik verpönt waren – allen hallten die menschenverachtenden Propagandareden der Nationalsozialisten in den Ohren nach –, begann sich die Szene in den letzten vierzig Jahren langsam zu verschieben. Immer mehr Gewaltsprache schleicht sich in die politische Debatte ein, und die Leute gewöhnen sich dran. Sie wird Teil des Wortschatzes und zunehmend als normal empfunden. Auf diese Weise werden immer mehr rhetorische Keulen eingeführt und angewendet, und es entsteht eine unheilvolle Dynamik der Aufladung mit immer schärferen Waffen. Irgendwann ist der Schritt zur manifesten Gewalt nicht mehr weit, wie beim Sturm des aufgehetzten rechtsradikalen Mobs auf das Kapitol am 6.1.2021.

Einen wichtigen Beitrag zu der Gewaltaufladung stellt die Verrohung durch die sozialen Medien in den letzten zwanzig Jahren dar. Mit Verrohung ist einerseits ein höherer Grad an Aggression gemeint und andererseits ein höherer Grad an Vereinfachung. Vereinfachte Aggression ist der direkte Weg zur Gewalt. Feindbilder, die die Gewaltbereitschaft steigern, beruhen immer auf vereinfachenden Verallgemeinerungen. Solche plumpen Konstrukte werden von den Demagogen erzeugt und durch die sogenannten sozialen Medien vervielfältigt. 

Von einer ausgleichenden zu einer machtbesessenen Politik

Damit verschiebt sich das öffentliche Gewicht immer mehr vom Überwiegen einer ausgleichenden Erwartung an die Politik zu der Einstellung, dass Politik in Konfrontation und aggressiven Durchsetzung von Machtinteressen besteht. Offenbar wollen immer mehr Menschen, dass nur ihre eigenen Interessen von der Politik befördert werden und verlieren die Sicht auf das Ganze einer Gesellschaft, die nur zusammenhalten kann, wenn möglichst viele Interessen berücksichtigt werden.

Diese Verschiebung bedeutet auch, dass die Rechtsparteien  die anderen Parteien längerfristig dazu zwingen, den gleichen Ton anzuschlagen, mit gleicher Münze zu bezahlen, sobald sie an der Macht sind. Sie zahlen scheinbar nur drauf, wenn sie eine ausgleichende, möglichst viele Teile der Bevölkerung erreichende, also auf eine demokratische Politik verfolgen. Denn viele Wähler und Wählerinnen honorieren nicht das, was ihnen eine ausgewogene Politik gebracht hat, sondern schauen auf das, was ihnen noch immer fehlt oder noch immer zu wenig an materieller Zuwendung oder emotionaler Sicherheit ist. 

Diese Entwicklung, die die Demokratie immer mehr aushöhlt, kann nur umgedreht werden, indem immer mehr Menschen die Gefühlsdynamiken hinter ihrem Wahlverhalten reflektieren und sich nicht mehr von aggressiven Parolen beeindrucken lassen. Zur staatsbürgerlichen Reife gehört auch, dass die Vernunft eine wichtige Rolle bei der Wahlentscheidung spielen muss: Die rationale Einschätzung der politischen Ideen der einzelnen Parteien in Hinblick auf die eigene Lebenssituation, aber auch auf die ganze Gesellschaft, deren Teil jede*r ist.

Zum Weiterlesen:
Gendern und die Wunden des Patriarchats
Fossile Propaganda und Klimazerstörung
Petromaskulinität

Samstag, 5. August 2023

Perspektivenreichtum statt Güterreichtum

Geiz und Gier

Das Anhäufen und Einverleiben von Dingen ist das Ziel der Gier. Es gibt Dinge, die wir für die Erfüllung unserer Grundbedürfnisse brauchen, wie Nahrungsmittel, Kleidung, ein Dach über dem Kopf usw. Dann brauchen wir Dinge, die uns bei der Sicherung der Dinge helfen, die wir unbedingt brauchen, wie z.B. Geld. Und hier beginnt die Gier: Die Grundbedürfnisse sind bei vielen Menschen längst gesichert, aber die Unsicherheit besteht, ob das in Zukunft auch so sein wird. Also kommt der Drang, die sekundären Dinge anzuhäufen, die uns versprechen, dass es nie einen Mangel an primären Dingen gibt.

Ist die Unsicherheit einmal da und wird von der Gier gesteuert, so gibt es kein Limit nach oben, dessen Erreichung Sicherheit geben würde: Jede sekundäre Absicherung verlangt nach einer Absicherung der Absicherung usw. Die Gier will uns signalisieren, dass die einzige Garantie für Sicherheit darin liegt, bis ins Unendliche mehr und mehr materielle Güter anzuhäufen. Wir sollten uns nur mehr dafür anstrengen, sekundäre, tertiäre etc. Absicherungen für unsere Grundbedürfnisse unter Kontrolle zu bringen. Jedes Nachlassen in den Anstrengungen und im Zufluss an neuen Gütern verheißt Unsicherheit und damit die Gefährdung der Erfüllung unserer Grundbedürfnisse, eine Einsicht, deren Wurzel nur mehr im Unterbewusstsein gefunden werden kann. Denn Schicht um Schicht der Unsicherheitsbewältigung hat sich über den Kernbedürfnissen abgelagert, die längst schon in Sicherheit sind, ohne dass diese Botschaft zu Bewusstsein käme.

Die Gier wird vom Geiz unterstützt. Er sorgt dafür, dass wir von den angehäuften Dingen nichts hergeben. Er steht auch im Bann der Angst vor dem Verlust. Die Gier schaufelt neue Güter herbei und der Geiz hortet sie an sicherem Ort, muss aber immer darauf achten, dass niemand anderer an sie herankommt. Argwöhnisch und eifersüchtig wacht er darüber, dass nichts von den Schätzen wegkommt. Am besten bleiben sie geheim: Wenn niemand von ihnen weiß, ist die Gefahr gering, dass sie entwendet werden.
Die Gier saugt auf, der Geiz hält fest. Die Gier rafft, der Geiz hortet. Die Gier will anderen etwas wegnehmen, der Geiz will anderen nichts geben und sich vor deren Gier schützen. Auf die Verdauung übertragen: Die Gier führt zu Durchfall, wenn zu viel hineingeschlungen wird, der Geiz zur Verstopfung, weil jedes Hergeben mit Verunsicherung und Angst einhergeht.

Von den materiellein zu den immateriellen Gütern

Wenn es uns gelungen ist, die Dämonen der Gier und des Geizes zu bändigen, lösen wir uns von dem Zwang, Güter anzuhäufen, die uns eine scheinbare Sicherheit versprechen. Wir begeben uns zum Übergang von Quantität zu Qualität, von materiellen zu immateriellen Gütern. Hanzi Freinacht schreibt dazu: „Unsere frühere Besessenheit mit dem Ansammeln von Besitztümer und materiellem Wohlstand wird zunehmend durch eine Ansammlung von ‚erlebten Erfahrungen‘ ersetzt: Orte, an denen wir waren, Leute, die wir getroffen haben, Fähigkeiten, die wir erlernt haben, Speisen, die wir gekostet haben, Formen von Ereignissen, an denen wir teilgenommen haben, Lebensphasen, die wir überwunden haben.“ (Übers. W.E.)

Das, was im Text als das Frühere im Unterschied zum Jetzigen benannt wird, bezieht sich auf die materialistische Ebene des Bewusstseinsevolution nach meinem Modell; das Jetzige kann mit der personalistischen Stufe gleichgesetzt werden. Der nächste Schritt geht auf die systemische Stufe, die Hanzi Freinacht als metamodern bezeichnet. „Der metamoderne Geist sammelt Perspektiven; er preist sie, poliert sie, schätzt sie, bewundert sie. Das ist auch – in gewissem Sinn – eine blöde Form des Hortens. Es ist ein Horten, das von einer sanften Hand gehalten wird, mit einem ironischen Lächeln über das eigene Verhalten.“

Auf der Ebene, die ich systemisch nenne, gilt der Reichtum an Sichtweisen vor dem Hintergrund der Relativität und Diversität. Viele Perspektiven verstehen und nebeneinander bestehen lassen zu können, erfordert die Loslösung vom Rechthaben- und Belehrenwollen. Allerdings ist es nach wie vor wichtig, die Gültigkeit und Relevanz der jeweiligen Perspektiven zu berücksichtigen. Die Aussage von Frau Müller zum aktuellen Wetter nach dem Blick aus ihrem Fenster hat einen anderen Wert als die Messung einer wissenschaftlichen Wetterforschungsinstitution. Wir sammeln also Perspektiven mitsamt ihren Entstehungskontexten, sonst ist die Sammlung so wertlos wie eine Briefmarkenkollektion, in der die Marken nach Farben oder Größe sammelt sind.

Die Ästhetik des Schrumpfens, von der in einem früheren Beitrag die Rede war, bezieht sich nur auf materielle Güter, die aus den Ressourcen des Planeten hergestellt sind und diese sukzessive aufbrauchen. Immaterielle Güter öffnen einen Bereich des Reichtums, der ins Unendliche geht. Denn sie verlieren nicht an Wert, wenn sie geteilt und weitervermittelt werden, sondern erhöhen im Gesamten das, was als wertvoll erachtet wird. Es kommt also immer zu einem Wachstum bei der Verbreitung von Faktenwissen und Metawissen, das sogar exponentiell sein kann.

Vom Nutzen der vielen Perspektiven

Die Multi-Perspektivität ist deshalb so wichtig, weil sie unser Leben in verschiedener Hinsicht verbessert und erleichtert. Wenn wir in einer Situation über nur eine Möglichkeit verfügen, verlaufen wir uns schnell, weil diese Möglichkeit unter Umständen die ungünstigste oder unpassendste ist. Wir befinden uns in einer Tunnelperspektive. Mehr Möglichkeiten bedeuten, dass wir über einen weiteren Horizont verfügen und ein größeres Bild wahrnehmen können.

Die Vielzahl von Möglichkeiten erschreckt uns manchmal, wenn wir gerade nicht auf unsere Flexibilität vertrauen, sondern wenn wir unter Stress stehen und meinen, es gäbe nur einen und einzigen richtigen Weg. Wir befürchten, wir übersehen das Wahre und Wichtige, wenn wir eine Richtung wählen und uns notgedrungen eine andere damit verbauen. Entscheidungen sind immer riskant, ebenso wie jeder Verzicht auf das Festlegen. Unter Stress wollen wir jedes Risiko vermeiden und auf Nummer Sicherheit gehen, erzeugen aber gerade das Gegenteil, weil wir uns nicht die Zeit zum Abwägen verschiedener Blickpunkte geben, sondern aus alten Gewohnheiten heraus reagieren, die in den seltensten Fällen zur aktuellen Situation passen.

Freiheit in der Vielfalt

Unsere Freiheit ergreifen wir, wenn wir die Vielfalt der Perspektiven wertschätzen können, für die wir uns geöffnet haben. Sie erweitern unsere Innenwelt und geben uns mehr Zugänge zur äußeren Welt. Wir können mehr Farben in unsere Erlebenswelt bringen. Sie wird lebendiger, und wir werden lebendiger, wenn wir uns auf diese Vielfalt einlassen.

Sie eröffnet uns den Zugang zu Alternativen in der Lebensführung, z.B. was unsere Gesundheit betrifft, und sie erleichtert das soziale Leben, weil wir auf weniger Widerstände stoßen, wenn wir die Sichtweisen unserer Mitmenschen verstehen. In der Kommunikation gibt es immer verschiedene Sichtweisen, und wenn wir diese einfache Tatsache verstanden haben, fällt es uns leichter, durch die Tiefen und Untiefen der Zwischenmenschlichkeit zu surfen. Konflikte entstehen üblicherweise aus unterschiedlichen und widersprechenden Perspektiven, ohne dass die jeweils anderen verstanden werden, und sie lösen sich, wenn die Vielfalt der Perspektiven von allen Seiten wertgeschätzt werden kann.

Wir können besser mit den Herausforderungen umgehen, die uns die sich ständig verändernden Vorgänge in der Außenwelt auftischen. Jede neue Situation erfordert neue Sichtweisen, aus denen dann Formen des Herangehens gebildet werden. Mit jeder Perspektive, die wir verstanden und angenommen haben, verfügen wir über eine Handlungsmöglichkeit mehr, die wir bei Bedarf einsetzen können.

Komplexitätskompetenz

Unweigerlich wird die Welt, in der wir leben, immer komplexer. Wir können mit dieser Komplexität nur umgehen, wenn wir über möglichst viele Perspektiven verfügen. Viele Menschen schrecken vor Komplexität zurück und greifen in ihren Reaktionen auf alte Sichtweisen zurück, die oft bewirken, dass sich die erwarteten Effekte ins Gegenteil verkehren. Wenn z.B. in Hinblick auf den Klimawandel nur die Perspektive besteht, dass alles, was Wissenschaftler sagen, erlogen ist, oder dass andere ihr Leben ändern sollen und man selber schon alles Notwendige gemacht hat, wird der Klimazerstörung weitergehen und noch mehr Schäden hervorrufen.

Komplexitätsverweigerung oder Komplexitätsinkompetenz sind Haltungen, die oft bewusst gegen die Zunahme an Komplexität in Stellung gebracht werden, so als könnte man sie dadurch verhindern oder zumindest bremsen. Tatsächlich geht es dabei um Versuche, Primitivität und Naivität aufrechtzuerhalten, damit die Verhältnisse einfach und überschaubar bleiben. Doch richten sich die Verhältnisse nicht nach den Ängsten und kindlichen Bedürfnissen der Menschen, sondern bauen alles, was geschieht, einschließlich aller Formen von Widerstand, in das Weiterschreiten der Komplexität ein.

Das Wachstum an Komplexität kann also nicht durch irgendeine Form von Protest, Verweigerung oder Widerstand verhindert werden. Solange sich Menschen fortpflanzen, werden mit jedem neuen Menschenkind neue Perspektiven geboren, die die Welt komplexer machen. Der Hund kläfft und die Karawane zieht weiter. Wenn wir mit der Karawane in die Zukunft wandern wollen, brauchen wir die Offenheit für Neues und die Bereitschaft für das Risiko der Entscheidung. Statt uns in überholte Perspektiven einzumauern und maulend hinter der Entwicklung der Welt zurückzubleiben, erweitern wir unsere Freiheitsräume, indem wir neue Perspektiven erwerben und nutzen.

Dienstag, 11. Januar 2022

Verschwörungstheorien und Normalitätsscham

Auch wenn es schon lange Verschwörungstheorien gibt und sie immer wieder einen mächtigen Einfluss auf die Gesellschaft und Geschichte ausgeübt haben – ich denke hier nur an die vielen Mythen, die zum Zweck der Entfachung der Judenfeindschaft seit dem Mittelalter erfunden wurden –, stehen wir doch in letzter Zeit in Zusammenhang mit der Pandemie stark im Bann dieses Phänomens. Was sich in der Debatte um den Klimaschutz und um die Regierungsführung des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump geoffenbart hat, wurde seit der Ausbreitung des Corona-Virus mittlerweile zum allgegenwärtigen Diskussionsthema. Denn ein Großteil der Gespräche, die die Menschen führen, dreht sich um die Pandemie, und dabei ist es kaum mehr möglich, Inhalte, die aus dubiosen Quellen stammen, zu vermeiden. Die Lage ist inzwischen so unübersichtlich, dass es einem Laien schwer möglich ist, hieb- und stichfeste, auf Fakten beruhende Aussagen zu treffen. Die Aufgabe, wissenschaftlich valide Erkenntnisse von Spekulationen und Extrapolationen aus Einzelbefunden zu unterscheiden, ist zwar notwendig, um sich in dem Feld orientieren und sinnvolle Positionen beziehen zu können, aber zeitaufwändig und mühsam.

Hier geht es um die Frage, warum Menschen dazu neigen, Verschwörungstheorien zu entwickeln bzw. ihnen Glauben zu schenken. Was treibt sie dazu, nicht den allgemein für verlässlich geltenden wissenschaftlichen Quellen zu vertrauen, sondern Einzelpersonen und Einzelmeinungen? Welche Rolle spielt die Scham in diesem Zusammenhang? Ich möchte für diesen Zweck den Begriff der Normalitätsscham einführen. Diese Schamform tritt auf, wenn sich jemand nicht wohl fühlt, wenn er sich als gewöhnlich, normal oder durchschnittlich wahrnimmt. Nichts Besonderes zu sein, ist schambesetzt; stolz kann man nur sein, wenn man auf etwas verweisen kann, was sonst niemand hat oder kann. Es gibt Menschen, die es brauchen, etwas Einzigartiges darzustellen und sich von allen anderen abzuheben. Es ist, als ob sie nur scheinen können, wenn Scheinwerfer auf sie gerichtet sind. Natürlich ist jeder Mensch auf seine Weise einzigartig, aber nicht alle brauchen den Beweis und die Bestätigung dafür, die den früher erlittenen Mangel an Bedeutsamkeit ersetzen sollen.

Die Angst vor der Durchschnittlichkeit

Wie hängt diese Schamform mit Verschwörungstheorien zusammen? Die Spur ist schnell gefunden. Denn ein wiederkehrendes Argument bei solchen Gedankengebäuden lautet, dass es zwei Wahrheitsquellen gibt: Den „Mainstream“ mit seinen gleichgeschalteten Medien einerseits, und das alternative Wissen mit seinen „alternativen Fakten“, das von der Mehrheitsmeinung unterdrückt wird andererseits. Die alternativen Wissensträger werden oft als Opfer dargestellt oder präsentieren sich selbst auf diese Weise: Sie werden nicht gehört, sie werden nicht zu Debatten oder zur politischen Entscheidungsfindung eingeladen, sie werden wegen ihrer Meinung gekündigt oder sogar verfolgt. Mit den Opfern eines anonymen „Systems“ identifizieren wir uns leicht, vor allem wenn wir eine Empfänglichkeit für die passive Opferscham und den korrespondierenden Opferstolz in uns tragen. 

Das Misstrauen gegenüber der Mehrheitsmeinung hat eine Verbindung zur Normalitätsscham. Was normal ist, verdient Skepsis, was aus der Norm fällt, ist interessant und lehrreich. Mit einer alternativen Sichtweise, die aus einem Eck kommt, das die Mehrheit übersieht, haben wir einen Vorteil und stehen besser da. Wir haben den Durchblick, der allein dadurch schon sinnhafter ist, dass er der Mehrheitsmeinung widerspricht.

Soweit haben wir es mit Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmungspsychologie zu tun: Das Seltene, nicht Vorhersehbare hat mehr Bedeutung als das Regelmäßige und Gewohnte. Wenn es irgendwo im Raum kracht, schauen wir hin und wollen wissen, was los ist. Es könnte ja eine Gefahr drohen. 

Ideologie und Scham

Aber die Theorien werden dann zur Ideologie, wenn sich die Scham einmischt. Sie muss abgewehrt werden und dann verwandelt sich eine einfache Wahrnehmungspriorität in eine zentrale innere Gestalt, um die herum sich ein Weltbild aufbaut. Dieses innere Bild ist emotional aufgeladen, weil es der Gefühlsabwehr dient. Diese Aufladung tarnt sich als Wichtigkeit und missionarischer Eifer, so als ginge es um Leben und Tod. Psychologisch betrachtet, wurde also eine Überlebensstrategie aktiviert: Ich habe den Schlüssel zur Überlebenssicherung gefunden und darüber muss ich jetzt alle informieren und überzeugen. 

Die Auserwählten und die Masse

Um den exklusiven Zugang zur Wahrheit zu verteidigen, wird die Mehrheit oft als dumm, ignorant und naiv dargestellt. Manchmal wird sie mit Schafen, denen irrtümlicherweise geringe Intelligenz zugebilligt wird, und mit Lemmingen verglichen, die sich einer Legende (die aus einem Disneyfilm stammt) zufolge massenweise in den Selbstmord stürzen. Die Gegner mit dummen Tieren zu vergleichen (auch wenn die Vergleiche den Tieren gegenüber unfair sind), bringt einen selber in die Position des überlegenen Vernunftwesens. Wer die allgemeinen Wahrheiten vertritt, hat Scheuklappen auf, ist das arglose Opfer von dunklen Machenschaften und macht sich zum nützlichen Idioten der Machteliten, die im Hintergrund alle Fäden ziehen. Der ganze Ruhm des Aufklärers der bösen Umtriebe fällt auf den, der aufdeckt, was im Verborgenen hinterhältig Schaden anrichten will. Der Stolz dessen, der alles durchschaut hat und es besser weiß als alle anderen, ist der psychische Lohn für den Verschwörungserfinder und für seine Gläubigen. Materiellen Lohn gibt es meist auch genug, wie diverse Recherchen herausgefunden haben. Es gibt viele reiche Leute, die solche Mythenbildner finanzieren, weil sie sich davon Vorteile für die eigene Reichtumsmehrung und die dafür notwendige politische Macht erwarten. In dieser Hinsicht sind also die Verschwörungsanhänger die willfährigen Erfüllungsgehilfen für diese Finanziers.

Religiöse Denkschablonen

Wenn die Allgemeinheit schon allein deshalb im Unrecht ist, weil sie die Mehrheit bildet, folgt daraus, dass das Heilswissen nur von einer Minderheit stammen kann. Eine Denkschablone, die in diesem Zusammenhang mitspielt, stammt aus der Religionsgeschichte: Die Erlösung kommt nie aus der normierten und bornierten Mehrheit (nicht von den „heuchlerischen Pharisäern“), sondern über Außenseiter, die angefeindet und z.T. verfolgt wurden, die aber der bornierten Mehrheit mutig den Spiegel vorgehalten haben. Alle großen Religionsgründer (Buddha, Christus, Muhammad) sind diesen Weg gegangen und haben Großes bewirkt.

Eine zweite religiöse Denkschablone ist die der Auserwählung. Esoterisches Wissen im ursprünglichen Sinn war ein solches, das nur einer eingeweihten Kleingruppe zugänglich war und nur im engsten Kreis weitergegeben werden durfte. Die, die an der Botschaft des Erlösers teilhaben, sind besonders begnadete Menschen, weil sie über ein exklusives Wissen verfügen. Sie unterscheiden sich von allen anderen Menschen, weil sie die Avantgarde darstellen: Sie sind in einen Bereich des Geheimnisses des Lebens eingedrungen, den sonst niemand kennt. Sie sind unter den vielen anderen die Auserwählten.

Die dritte Denkschablone besteht darin, dass die Wahrheit „einleuchtet“ und beim bloßen Anhören überzeugt. Sie ist einfach und braucht keine anstrengenden Studien, um verstanden zu werden. Alles, was nicht sofort intuitiv ankommt, weil es genaueres Nachdenken und komplexere mentale Fähigkeiten erfordert, kann nicht von Wert sein, sondern ist gedacht, die Menschen zu verwirren und in die Irre zu führen. Auserwähltes Wissen 

Ideologie und Wissenschaft

Allerdings geht es bei den Themen, um die sich die Verschwörungsmythen ranken, nicht um Religion, sondern um Gesundheit, Klimaentwicklung usw., also um Themen, die durch die wissenschaftlichen Forschungen erst in ihrer Dringlichkeit erkannt wurde und auf der Basis eines gesicherten Wissens gesellschaftlich gelöst werden müssen und nur auf dieser Basis gelöst werden können, wozu Ideologien und Religionen nichts beitragen können. Im Gegenteil: Alle ideologischen oder religiösen Einflüsse in diese Themen helfen nicht bei der Problemlösung, sondern verkomplizieren die Diskussion und verwirrten viele Menschen, wodurch die Probleme zusätzlich verschärft werden. 

Die Mythenerzähler greifen die Wissensbasis an, indem sie wissenschaftliches Wissen mit nichtwissenschaftlichem Wissen gleichsetzen bzw. sogar überordnen. Damit gibt es keine verbindlichen Standards mehr, mit denen freie Erfindungen und fakten- und evidenzbasierte Erkenntnisse unterschieden werden können. Und das ist auch das Ziel dieser Bestrebungen. Wissenschaftliches Wissen ist gewissermaßen der Hauptfeind der Verschwörungstheoretiker. Deshalb wird auch gerne behauptet, dass die Wissenschaftler von irgendwelchen Geldgebern gekauft sind und deshalb alle Studien und Forschungsergebnisse Fälschung und arglistige Täuschungen darstellen. Je mehr die Wissenschaften diskreditiert werden, desto leichter ist es, die eigenen Behauptungen am Meinungsmarkt durchzusetzen. Die Wissenschaften, die aus dem Zusammenwirken von Tausenden von Forschern bestehen, werden als Summe von Einzelmeinungen dargestellt – das ist ein wichtiger Teil, gewissermaßen der zentrale Hebel bei allen Verschwörungstheorien. Denn das Evidenzmonopol, das die Wissenschaften in der modernen Gesellschaft errungen haben (die es nicht geben würde, wenn es keine Wissenschaften gäbe), ist der natürliche Gegner aller Ideologien und Mythen. 

Natürlich treffen diese Aktionen die Wissenschaften nicht direkt, die weiter im Rahmen ihrer ausgefeilten Normen und Standards Forschung betreiben und die Forschungsergebnisse laufend weiterentwickeln und verbessern. Aber es betrifft die öffentliche Wirksamkeit der Wissenschaften und damit ihre Zukunft. Wenn große Teile der Gesellschaft zur Überzeugung gelangen, dass Wissenschaftler nur in ihre eigene Tasche wirtschaften und falsche und manipulierte Ergebnisse produzieren, dann macht es auch keinen Sinn mehr, die wissenschaftliche Forschung mit öffentlichen Geldern zu finanzieren. Außerdem sehen sich Regierungen zunehmend genötigt, alternative Wahrheitsbehauptungen ebenso in ihren Entscheidungen zu berücksichtigen wie die Wissenschaften, weil sie ja die verschiedenen Bevölkerungsteile vertreten wollen und von diesen gewählt werden.

Der Kampf gegen die Komplexität

Es geht also Verschwörungstheoretikern darum, mehr Macht und Einfluss auf die Öffentlichkeit zu nehmen, und sie nutzen zur Mobilisierung ihrer Anhängerschaft die psychischen Mechanismen der Normalitätsscham. Sie wollen den wissenschaftlichen Konsens zerstören und rütteln damit an den Grundpfeilern der Moderne. Die Vereinfachungen, die typisch für solche Mythen sind (ein Bösewicht oder eine Gruppe von Verschwörern steckt hinter allem Übel, ein Wissenschaftler weiß alles besser als all die anderen…), fachen die Hoffnung an, dass wir mit den Mitteln des vormodernen Denkens die Probleme der Gegenwart lösen können. Die Realität belehrt uns permanent eines anderen: Die Zusammenhänge sind komplex, und deshalb sind auch die Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, um die Probleme zu lösen, komplex.

Das aktuell grassierende Virus ist ein Lehrmeister für die Komplexität, weil es zwar eines der einfachsten Lebewesen ist (es weist nicht einmal alle Eigenschaften eines Lebewesens auf), aber durch seine Mutationsfähigkeit laufend neue Bedingungen schafft. Die Erforschung dieser Variationen und ihrer Auswirkungen muss laufend evaluiert und aktualisiert werden, und das geht nur, wenn Tausende von Wissenschaftlern zusammenarbeiten, die es gewohnt sind, komplex und vernetzt zu denken. Sie präsentieren dann die Erkenntnisse, und die Politiker müssen dann in Verbindung mit den Komplexitätsforschern und anderen Experten ihre Entscheidungen treffen. Die Menschen, die an die Mythen glauben statt an die Komplexität der Wirklichkeit, sind dann misstrauisch, wenn sie sich auf komplexe Bedingungen einstellen müssen, die zudem immer wieder angepasst und verändert werden. Verschwörungswissen ist stabil, Wirklichkeitswissen muss flexibel sein, weil sich die Wirklichkeit dauernd verändert. Verschwörungswissen ist emotional, Wirklichkeitswissen ist nüchtern. Dem Virenproblem und auch den anderen großen Herausforderungen der Menschheit werden wir nicht mit starrem und emotional geladenem Wissen Herr. Vielmehr müssen wir uns der Komplexität stellen, mit einem forschenden und lernenden Geist und nicht einem, der auf Gefühlserlebnisse und Auserwähltheitsfantasien ausgerichtet ist.

Zum Weiterlesen:
Angstkonditionierung und Corona-Reaktion
Wird die Demokratie von Manipulatoren gekidnappt?
Komplexe Themen und komplexes Denken
Impfen, Wissen und Wissenschaft


Donnerstag, 8. Oktober 2020

Das duale Weltbild und seine Grenzen

Ich habe mit Carsten Rachow in den letzten Tagen einen kleinen Austausch gepflogen, im Zuge dessen das Thema der dualen Weltsicht zur Sprache gekommen ist.

Carsten Rachow schreibt dazu in einem Kommentar zum Thema Fakeisten gegen Objektivisten: „Einen besonders wichtigen Wert sehe ich in der Rolle der Fakeisten als ‚Kontrastmittel‘ – sie stärken durch ihre Fakes, durch ihre erfundene Objektivität, durch ihre Unwahrheiten, die Gegenseite ... Wie das Sinnvolle durch die Sinnlosigkeit gestützt wird, wird das Nützliche durch das Unnütze gestützt. Je lauter Fakeisten ihre abstrusen Theorien verkünden, desto besser für die Wissenschaftler – und für uns alle, denn ‚Nützlichkeit‘ ist ein wichtiges Merkmal, wenngleich nur eines unter vielen.“ 

Das sind Gedankengänge, die immer wieder auftauchen, oft im Kontext der dualen Weltsicht, in der sich die Gegensätze gegenseitig fordern, stärken und schwächen. Alles, was ist, hat sein Gegenteil, von dem es lebt, aus dem es seinen Sinn zieht und dem es Sinn gibt.

Unnützes schadet dem Nützlichen

Können wir dieses Weltmodell auf die obigen Beispiele anwenden? Es zeigen sich Schwierigkeiten: Nützliches wird durch Unnützes nicht nützlicher, vielmehr kann das Unnütze den Wert des Nützlichen mindern. Es wird immer Leute geben, die das Unnütze zu schätzen beginnen, sobald es als etwas Nützliches propagiert wird und die dann das Nützliche verachten – eine wichtige Aufgabe der Werbewirtschaft. Es braucht dann zusätzliche Anstrengungen, um das Nützliche in dem Platz, den es eigentlich schon immer hat, zu sichern und zu festigen. Die Folge ist, dass sich die Welt zunehmend mit unnützen Dingen füllt (ganz abgesehen von den vielen unnützen Gedanken, die in unsere Köpfe eingelagert werden).

Ebenso bringt uns ein Mehr an Unwahrheiten nicht weiter. Je mehr von ihnen verbreitet wird, desto mehr Unsicherheit und Skepsis gegenüber den bisherigen Sicherheiten, die in diesem Fall von den Wissenschaften aufgebaut wurden, entsteht. Durch erfundene Fakten wird jede verantwortungsvolle Form des Wissenserwerbs diskreditiert, sodass mehr und mehr Menschen nicht mehr wissen, wem sie Glauben schenken sollen.

Eine Form zu dieser Destabilisierung können wir beobachten, wenn Wissenschaftler in den Medien gegeneinander in Stellung gebracht werden und dann nach außerwissenschaftlichen Extrapolationen oder Einschätzungen befragt werden, in die dann unweigerlich subjektive Elemente einfließen. Hier scheiden sich die Geister: Die einen glauben dem, was gesagt wird, als wäre es ein Dogma, obwohl es nur eine subjektive Sicht widergibt, die anderen nehmen die subjektive Einschätzung als Beleg dafür, dass alles, was von der Wissenschaft kommt, subjektive Erfindung ist.

Regression in die Naivität

Es gibt auch manche Wissenschaftler, die mit dem Pathos der letztgültigen Welterklärung auftreten oder in fachfremden Gebieten ihre Autorität ohne ausreichende Kenntnisse ausspielen (wie z.B. ein US-Klimawandelleugner, der in den 90er Jahren einen Nobelpreis in der Informationstechnologie erhalten hat) und damit ihre Integrität als Forscher missachten. Sie tragen dazu bei, dass Faktenfragen in Glaubensfragen umfunktioniert werden. Jeder Gegenhalt gegen die Gleichsetzung von Meinung und Wahrheit wird für obsolet erklärt, und wir können uns nur mehr dafür entscheiden, dass wir den rechten Glauben haben und die anderen den Aberglauben. Wir sind in die vorwissenschaftliche naive Welt der Fantasien regrediert.

Es erfordert viel Klärungs- und Erklärungsaufwand, die Dinge, die durcheinandergebracht wurden, wieder auseinanderzulegen und Dichtung und Wahrheit zu unterscheiden, ähnlich wie es mehr Arbeit erfordert, Unordnung in Ordnung zu verwandeln als umgekehrt. Ein Teller ist schnell zerschmettert, und es braucht viel Zeit, um ihn wieder zusammenzukleben. Falschmeldungen, ausgestreute Lügen, angemaßte Fachkompetenz sind ganz einfach Phänomene, die der Allgemeinheit Schaden zufügen, die es mühsamer machen und nicht erleichtern, der Wahrheit näher zu kommen. Am Land würde man sagen: „So notwendig wie ein Kropf.“

Mit den Mitteln der sozialen Medien kann heute jeder Computer- und Tastaturbesitzer, der irgendeinen Verdacht, irgendeinen Einfall, irgendeinen Zweifel hat, diesen in die weite Welt schicken mit der missionarischen Glaubensüberzeugung, eine wichtige Wahrheit zu verbreiten, und schon ist Zwietracht gesät, schon sind Ängste erzeugt, schon sind die Unsicherheiten vermehrt.

Wenn durch die Außenbedingungen Zustände von Ungewissheit entstehen, wie es jetzt der Fall ist, werden viele dazu verleitet, sich möglichst einfache Erklärungsmodelle zurechtzuzimmern oder sich anderen mit solchen Modellen anzuschließen, die Gewissheit garantieren sollen. Solche Modelle brauchen keine Basis in der Realität, weil das Vergleichen der eigenen Konstrukte mit der Wirklichkeit Arbeit und Mühe erfordern würde und weil sich gerne der Wunsch nach Einfachheit mit dem nach Bequemlichkeit paart.

Lügen haben lange Beine

Die Wahrheit wird nicht deutlicher, wenn sie durch Lügen infrage gestellt wird. Sie muss sich noch lautstärkerund umfangreicher artikulieren, und das ist im Grund ein unnützer Energieverbrauch. Das Dementi zur Falschmeldung, die vielleicht aus Unwissenheit oder aus Bosheit lanciert wurde, kommt immer zu spät. Es trägt nicht wirklich zur Stärkung der Faktizität bei, weil der Schatten von Unsicherheit bleibt – was, wenn die Falschmeldung doch richtig wäre?

Die meisten Menschen kommen erst durch Falschmeldungen auf die Idee, dass etwas falsch sein könnte, und entwickeln neue Ängste und Sorgen. Aktuelles Beispiel: Irgendjemand bringt das Gerücht auf, dass Kinder durch Maskentragen gestorben sind. Für die virale Verbreitung ist gesorgt, denn das Leben von Kindern ist uns ein wichtiges Anliegen. Die Entwarnung folgt verspätet und dringt möglicherweise nicht zu jenen durch, die sich schon in einem Staat wähnen, der das Leben von Kindern durch unsinnige Maßnahmen aufs Spiel setzt.

Durch jede Falschmeldung werden wir gezwungen, uns mit Dingen auseinanderzusetzen, die uns sonst nicht beschäftigen würden. Aber wir haben dann nur die Alternative, alles zu glauben, was uns vorgesetzt wird, oder alles, was an Informationen herumschwirrt, für manipuliert zu erklären und damit völlig orientierungslos zu sein.

Die wachsende Komplexität und die innere Einfachheit

Die Welt wird von sich aus permanent komplexer; Lügengespinste, Wahrheitsverzerrungen und Falschmeldungen sind künstliche und willkürliche Beiträge, die zusätzlich den Komplexitätszuwachs steigern, ohne einen Erkenntnisgewinn zu liefern und ohne dass sie Anleitungen mitliefern, wie wir die Komplexität reduzieren könnten. Ordnungsstrukturen, Klassifikationen, Systematisierungen etc., die von den Wissenschaften erarbeitet werden, helfen uns bei der Verarbeitung von Information, helfen uns bei der inneren Komplexitätsreduktion. Ohne sie würden wir hilflos durch das Chaos einander widersprechender Informationen taumeln.

Insoferne können wir diese Ordnungsstrukturen als Unterstützung verstehen, die unser Innenleben braucht, wenn es die Erfahrung der Einfachheit des Daseins in sich kultivieren will. Denn wir brauchen diesen Gegenpol zur sich rasend entwickelnden Informationsflut, damit wir im Frieden bleiben können, wenn scheinbar das Äußere in der Unübersichtlichkeit zu zerfallen droht.

 Zum Weiterlesen:

Zwischen Wissenschaft und Lügenproduktion
Die Anhänglichkeit an die Dualität
Polaritäten - Ursprünge und Folgen

 

Montag, 23. September 2019

Komplexe Themen und komplexes Denken

Nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt die Komplexität in physikalischen abgeschlossenen Systemen mit der Zeit immer mehr und in irreversiblen Prozessen ab, bis völliges Chaos (Entropie) herrscht. In der Natur ist die gegenläufige Tendenz zu beobachten, denn sie bildet Ordnungen aus, die das Chaos reduzieren.  Damit kommt es zu einer exponentiellen Vermehrung der Komplexität, die sich seit dem Auftreten der Menschen und der Kulturentwicklung um ein Vielfaches potenziert hat. Gerade in der jüngeren und jüngsten Zeit ist diese Tendenz nochmals beschleunigt worden. Damit wird die Aufgabe, diese Komplexität zu verstehen, zu nutzen und zu verwalten, immer schwieriger und aufwändiger. Denn das Verständnis von Komplexität erfordert eine entsprechende Denkkompetenz.

Um diese Dimension verständlich zu machen, hat Michael L. Commons (theoretischer Verhaltensanalytiker und Systemwissenschaftler) ein Modell der Entwicklung der kognitiven Kompetenzen entworfen. Es heißt das „Modell der hierarchischen Komplexität“ und umfasst alle Lebensformen zwischen Keimen und „Albert Einstein“. Es unterscheidet 16 Stufen:

0. Kalkulatorische Stufe (Moleküle)
Unterscheidet zwischen etwas und nichts (0 und 1 wie ein Computer); die Reaktion auf Reize kann in ihrer Größe nicht gesteuert werden.

1. Automatische Stufe (einzellige Organismen)
Die Reaktion auf Reize erfolgt automatisch, richtet sich aber nach der Quantität des Reizes; verschiedene Reize können nicht koordiniert werden.

2. Sensorische oder motorische Stufe (Amöben)
Auf unterschiedliche Reize kann unterschiedlich reagiert werden, und zwei Reaktionen können koordiniert werden, Körperteile können bewegt werden.

3. Zirkuläre sensomotorische Stufe (Insekten, Fische, neugeborene Menschen)
Ausgreifen, Berühren und Bewegen von Objekten ist möglich; Körperbewegungen nach der Wahrnehmung von Objekten sowie das Erkennen von Dingen geschehen.

4. Sensomotorische Stufe (Ratten, kleine Babys)
Koordination von Bewegungsreihen und Klangabfolgen


5. Nominale Stufe (Tauben, Einjährige)
Beziehungen zwischen Konzepten, die in Worte übersetzt werden können; Namen für Dinge; Verständnis für das, was andere meinen.

6. Sentenzielle Stufe (Zwei- bis Dreijährige)
Aus Worten können Sätze gebildet werden; abstraktere Pronomen werden verwendet (“ich“ ...).

7. Präoperationale Stufe (Drei- bis Fünfjährige)
Einfache Deduktionen, einfache Erzählungen, Verwendung von Konjunktionen (Wenn, dann …); Sätze zur Bildung von Absätzen.

8. Vorschulstufe (Fünf- bis Siebenjährige)
Logische Deduktionen und empirische Regeln; Grundrechnungsarten; Beziehung zu Zeit und Raum; Konstruktion von Geschichten aus Gruppen von Absätzen.


9. Konkrete Stufe (Sieben- bis Elfjährige)
Folgen von komplexen sozialen Regeln, Übernehmen von Rollen und Koordination mit anderen; Erschaffung von bedeutungsvollen konkreten Geschichten; Abschließen von Geschäften, Interesse an Geographie und Geschichte

10. Abstrakte Stufe (Elf- bis Vierzehnjährige)
Formung von abstrakten Ideen und Gedanken: einzelne verallgemeinerte Variablen, die aus einer konkreten Sequenz von Ereignissen in einer Geschichte herausfallen; Erstellen und Quantifizieren von abstrakten Propositionen; Bezug auf Kategorien und Verwenden von Fallbeispielen um das Verständnis dieser Kategorien zu verbessern.

11. Formale Stufe (Vierzehn- bis Achtzehnjährige, wenn überhaupt)
Identifizieren von Beziehungen zwischen abstrakten Variablen und Reflexion über diese Beziehungen, Entwickeln von Formen der Überprüfung; Problemlösung unter Nutzung der Algebra mit einer Unbekannten; Sprachbeherrschung mit einer vollen und reichen Sprache mit Selbstreflexion und unter Verwendung von logischen und konditionalen Schlussfolgerungen.

12. Systematische Stufe (Achtzehnjährige und älter, wenn überhaupt)
Identifizieren von Mustern in linearen Beziehungen, sodass Beziehungssysteme unter abstrakten Variablen gebildet werden; Gleichungslösung mit mehreren Unbekannten; Diskussion von Gesetzgebung, Sozialstrukturen, Öko- und Wirtschaftssystemen.

13. Metasystematische Stufe (frühe Zwanzigerjahre und älter, wenn überhaupt)
Vergleichen und Synthetisieren verschiedener Systeme mit unterschiedlichen Logiken; Aufbau von Metasystemen oder Schlussfolgerungen, die in mehreren Systemen stimmen; Verständnis über Systemveränderungen durch den unterschiedlichen Einfluss von anderen Systemen.

14. Paradigmatische Stufe (Mittzwanziger und älter, wenn überhaupt)
Zurechtkommen mit mehreren sehr abstrakten Metasystemen, um neue Denkformen über die Welt zu erschaffen, neue Paradigmen, Wissenschaften oder Wissenschaftszweige; fraktale Denkweise, sodass die entdeckten universellen Prinzipien auf verschiedene Ebenen der Analyse angewendet werden können.


15. Kreuzparadigmatische Stufe (Späte Zwanzigjährige und darüber, wenn überhaupt)
Zurechtkommen mit mehreren Paradigmen und neue Felder zu erschaffen. Beispiele sind: Newtons Neubestimmung der Physik, Darwins Evolutionstheorie, Einsteins Relativitätstheorie, die Quantenphysik, die Erfindung der Chaostheorie und der Computerwissenschaft, der Aufbau der postmodernen Philosophie, die Einführung der ganzheitlichen integralen Theorie durch Ken Wilber, die Erfindung der Stringtheorie und des vorliegenden Modells der hierarchischen Komplexität.



Hierarchisch heißt in diesem Fall, dass die Fertigkeiten der jeweiligen Stufe gemeistert sein müssen, um auf die nächste zu wechseln, sodass eine neue Stufe auf allen früheren ruht und deren Kenntnisse und Denkweisen enthält, aber in neue Zusammenhänge stellen kann. Die Verteilung der einzelnen Stufen auf die Bevölkerung nimmt drastisch ab; während die 12. Stufe noch bei 20% vertreten sein sollte, wird für die 13. Stufe geschätzt, dass sie bei nur ca. 1,5% der Erwachsenenbevölkerung vorherrscht und meist erst gegen Ende der zwanziger Jahre auftritt. Die weiteren Stufen sind noch viel seltener; bei der letzten Stufe ist die Verbreitung überhaupt unbekannt und eher auf Genies beschränkt.
Das bedeutet, dass sich die Menschen stark in ihrer kognitiven Komplexität unterscheiden und deshalb ganz unterschiedlich geeignet sind, komplexe Problemstellungen zu behandeln. So kann z.B. jemand, der sich intellektuell auf der 10. Stufe bewegt, einen Text über die „Schwachsinnigkeit der menschengemachten Erderwärmung“ als wichtiger und „wahrer“ einschätzen als die wissenschaftlichen Arbeiten von 26 800 Wissenschaftlern, die sich zu „Scientists for Future“ zusammengeschlossen haben. Seine Stimme hat im demokratischen Wahlsystem das gleiche Gewicht wie das von einer Klimawissenschaftlerin, die sich Jahrzehnte mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Da die 10. Stufe im Großteil der Bevölkerung verbreitet ist, aber nur eine Minderheit darüber hinausgeht, ist es wahrscheinlich, dass die einfache und zusammenfantasierte Theorie eines Klimawandelleugners bei mehr Menschen Anklang findet als die komplexen Modellberechnungen der Wissenschaftler, die freilich viel näher an der Wirklichkeit sind als eine Verschwörungstheorie.

Eine Herausforderung war und wird immer stärker darin liegen, wie die Denkfähigkeiten der „klügsten Köpfe“ so in den gesellschaftlichen Diskurs und in den politischen Entscheidungsprozess einfließen können, sodass die anstehenden Probleme mit dem entsprechenden Komplexitätsgrad im Denken und Kommunizieren bearbeitet und gelöst werden. Denn wenn der Komplexitätsgrad der Lösung schwächer ist als der des Problems, kann das nicht funktionieren und wird u.U. das Problem noch weiter verschärfen – wie etwa die Klima- oder Handelspolitik der aktuellen US-Regierung beweist.

Ob es gelingt, diese Herausforderung zu meistern, ist nicht nur für die Frage der Weiterentwicklung der modernen Demokratie und einer egalitären Gesellschaft relevant, sondern auch für die Frage, wie die Natur auf diesem Planeten so erhalten werden kann, dass er weiter Menschen beherbergen kann.

Das Komplexitätsmodell von Commons habe ich aus folgendem Buch entnommen:
Hanzi Freinacht: The Listening Society. Metamodern Guide to Politics. Book One. Metamoderna 2017, S. 177 - 183


Zum Weiterlesen:
Tiefe, eine Dimension des Menschlichen
Metamodernismus - eine Übersicht


Freitag, 13. Oktober 2017

Ängste und das Wahlverhalten

Auch bei der ins Haus stehenden Wahl spielen Ängste eine zentrale Rolle. Die drei stärksten Parteien streiten darum, wer mehr auf die Ängste vieler Menschen vor den Fremden, Ausländern, Asylanten, Flüchtlingen usw. hört und wer besser dagegen Abhilfe schaffen kann. Die meisten Wähler werden sich offensichtlich nach diesen emotionalen Motiven entscheiden: Wer schützt mich mehr vor den vielen fremden Menschen, die mir Angst machen?

Und dann gibt es Wähler, die haben Angst, dass die Angstmacher an die Macht kommen, und wählen deshalb die Parteien, die gegen die Angstmacher sind. Also auch hier spielen Angstmotive eine zentrale Rolle im Wahlverhalten.

Populismus wird häufig so erklärt, dass der Populist Ängste schürt und die eigene Politik dann als Abhilfe vor diesen zuvor produzierten Ängsten verkauft, ähnlich einem Versicherungsmakler, der mögliche Katastrophen an die Wand malt, damit er einen möglichst hohen Versicherungsvertrag abschließen kann. Eine solche Masche ist relativ leicht zu durchschauen. Wieso aber bekommen die Populisten immer mehr Zulauf, wenn zugleich der Wohlstand steigt und steigt, die Sicherheitslage objektiv besser wird, der Bildungsgrad in allen Schichten angehoben wird und das Sozialsystem laufend weiter ausgebaut wird? Folgen die Menschen blind ihren Rattenfängern?

Vielleicht verhält es sich so: Menschen haben im Allgemeinen immer vor etwas Angst, da es so vieles gibt, was unsicher ist. Je komplexer die Welt wird, in der wir leben – und sie wird laufend komplexer, und wir alle arbeiten und konsumieren dafür –, desto mehr Risiken und Gefahrenquellen tun sich auf. Wer ein Smartphone sein Eigen nennt, hat das Risiko, dass es kaputt geht. Ich frage mich z.B. manchmal, was ein Fluggast macht, der seine Boarding-Karte auf dem Handy hat, wenn sein Gerät eingeht, bevor er ins Flugzeug kommt. Dieses Risiko hat es vor der Einführung von elektronischen Tickets nicht gegeben. Ein massiveres, recht unheimliches Thema ist die Frage, welche Auswirkungen die Einführung von komplexen Maschinen (Robotern) auf das Arbeitsleben haben wird – welche Jobs werden da übrig bleiben? Noch drastischer ist die Ungewissheit, wie sich der stetige Wandel des Klimas auf die elementaren Lebensverhältnisse der Menschheit auswirken wird.

All diese und noch viel mehr andere Unsicherheiten sind Quellen von Ängsten. Wir wissen vieles nicht, was unsere Zukunft anbetrifft, und all das ist Anlass für Besorgnis. Warum also sollten diese Ängste nicht in die Wahlentscheidung einfließen? Und da die Welt nicht überschaubarer oder kalkulierbarer wird, ist es wahrscheinlicher, dass Wahlen immer mehr von Ängsten dominiert werden, ob sie nun manipulativ erzeugt und verstärkt wurden oder nicht.

Wir wissen, dass Ängste nicht naturgesetzmäßig durch komplizierte äußere Bedingungen hervorgerufen werden. Wir „müssen“ also nicht Angst kriegen angesichts der Unübersichtlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung. Wir können auch den Moment wahrnehmen und darauf vertrauen, dass uns der nächste Schritt im Leben die Lösung für das Problem zeigt, das uns jetzt gerade plagt. Wir können die Wurzeln unserer Ängste erforschen und befrieden und auf diese Weise immer mehr Gelassenheit und Achtsamkeit kultivieren. Wir haben diese Optionen, sie erfordern aber auch unser Engagement und unseren Mut. Wir müssen den Hang zu Gewohnheiten und Bequemlichkeiten überwinden, denn selbst und gerade mit halbbewussten Ängsten lässt es sich ganz angenehm leben.

Alle hingegen, die diese Option nicht wählen, bleiben weniger Marionetten der Politiker, die ihre Ängste für die eigenen Machtzwecke ausnutzen, als viel mehr noch Marionetten ihrer inneren Grenzen, in denen die Ängste genährt, wenn nicht sogar gemästet werden.

Vielleicht liegt das „Gute“ (im Sinn der Bewusstseinsevolution) am Erfolg der Populisten darin, dass sie irrationale Ängste, Zorn, Hass in den Diskurs einbringen, Gefühle, die bislang keine Stimme hatten, obwohl sie in den Tiefenschichten vieler Menschen angelegt sind. Es macht keinen Sinn, mit Statistiken zu belegen, dass die Angst vor Ausländern unberechtigt ist; der Ängstliche will in seiner Angst gesehen und verstanden werden. So weit, so gut. Der nächste Schritt ist entscheidend: Erwächst aus dem Verständnis der Ängste eine Botschaft, die zur eigenen Kraft ermutigt oder eine, die zum Abtreten der Eigenmacht auffordert? Heißt es also im Diskurs: Ja, ich verstehe die Angst und ich vertraue, dass wir Lösungen finden, um die Ängste zu verringern – oder: Ja, ich verstehe die Angst, und du musst mir vertrauen, dass ich die Ursachen deiner Ängste beseitige.

Aus Ängsten kann Kraft und Autonomie erwachsen. Wir müssen dazu unsere Ängste ernstnehmen, in uns selbst und mit-einander, und sie in uns annehmen. Dann bestimmen sie nicht mehr unsere Entscheidungen und Handlungen. An die Stelle von Ängsten tritt die Freiheit, die uns erlaubt, unsere Menschlichkeit und Liebesfähigkeit zu erweitern und zu vertiefen.

Freitag, 25. Dezember 2015

Bewerten im bewertungsfreien Bereich

Fraktales Gebilde
Der Psychologe Robert Kegan, Professor in Harvard, hat die Merkmale der postmodernen Theoriebildung mit drei Merkmalen beschrieben:
1.    Die Ablehnung aller Absolutsetzungen: Nach Lyotard  gibt es keine Metanarrative (oder Theorien über Theorien), die nicht selber Teilausdrücke einer besonderen Sichtweise sind.
2.    Alle sozialen und politischen Diskurse sind mit Macht oder Dominanz angereichert. Jedes Metanarrativ wird damit zum Ausdruck der Hegemonie einer sozialen und politischen Ordnung.
3.    Unterschiede: Statt zu versuchen, die erklärende oder politische Bedeutung von gegebenen Elementen einer sozialen Situation zu bewerten oder zu bevorrangen, ist festzustellen, dass es keinen klaren und überlegenen Grund gibt, einer bestimmten Position mehr Bedeutung oder Wert zuzusprechen als anderen, weil alle Bedeutungsgebungen nichts als Konstruktionen sind. (Kegan 1994,
S. 325-326)

Weiters unterscheidet Kegan zwei Wege des Postmodernismus:
1) Dekonstruktivismus: Theorien können nicht akzeptiert werden, weil sie begrenzt sind. Sie werden in ihrem Absolutheitsanspruch relativiert.
2) Rekonstruktivismus: Die  Begrenztheit der Theorien werden anerkannt, aber zur Rekonstruktion der Theorien mit dem Ziel einer vollständigen Theorie, die es freilich nie geben kann. Die Prozeduren der Wissenserzeugung werden Prozeduren der Rekonstruktion ihrer Prozeduren und werden damit generativ, ähnlich wie das Leben.

Hier fließen Bewertungen ein:  Theorien über das Erzeugen von Theorien bezeichnen sich überlegen in Vergleich zu Theorien, die das nicht machen. Denn diese sind sich ihrer Tendenzen zur Absolutsetzung nicht bewusst. Dennoch ist diese Bewertung selbst keine Absolutsetzung.
(Ebd. S. 330)

Die Postmoderne oder fünfte Ordnung in dem Modell von Kegan entspricht im Übrigen der Stufe des systemischen Bewusstseins in meinem Evolutionsmodell, das im Buch "Vom Mut zu wachsen" nachgelesen werden kann. 

Komplexität und Differenzierung


Die Zunahme an Komplexität ist eine immanente Eigenschaft der Evolution in der Natur und wirkt in ähnlicher Form in der kulturellen Evolution der Menschheit. Dadurch entsteht die Eigentümlichkeit, dass die komplexere Form die weniger komplexe versteht, denn sie enthält diese in sich, umgekehrt aber nicht, denn streng genommen, weiß sie nichts von ihr; oder: sie hat die Organisationsprinzipien der höheren Stufe noch nicht entwickelt und kann deshalb die dort herrschenden Abläufe nicht verstehen. Ein Regenwaldbewohner kann die Regeln, die in einer Universität herrschen, nicht verstehen, während ein Kulturanthropologe die Regeln der Universität und die der Regenwaldbewohner verstehen kann.

Die Zunahme an Komplexität wird durch den Prozess der Differenzierung hervorgerufen, der im Großen und Ganzen nicht umkehrbar ist. Im Kleineren gibt es Rückentwicklungen, die sich aber im großen Trend wieder ausgleichen. Das Leben kann nur als Negentropie verstanden werden, wie schon Ernst Schrödinger festgestellt hat. (Negentropie heißt, dass Ordnungen aus Chaos=Zufallsverteilung  entstehen). Da alle Lebewesen offene Systeme sind, die in dauerndem Austausch mit ihrer Umwelt stehen, brauchen sie ein großes Maß an Flexibilität, und Flexibilität benötigt ein hohes Maß an Differenzierung. Je komplexer ein System ist, desto flexibler kann es reagieren. Der Mensch ist ein Beispiel dafür. Aufgrund seiner komplexen Intelligenz können wir mittlerweile sogar zumindest zeitweise auf dem Mond überleben.


Bewertungen im Evolutionsprozess


Eine Entwicklungsrichtung der kulturellen Evolution besteht darin, dass Bewertungen als Hindernisse für die Weiterentwicklung erkannt und deshalb zunehmend relativiert werden. Wer bewertet, stellt den eigenen Standpunkt als überlegen gegenüber dem konkurrierenden dar und übt damit Macht aus. „Meine Theorie ist richtiger als deine.“ Solche oft implizit vorgenommenen Annahmen, die als Wirklichkeiten dargestellt werden, werden als Ideologien enttarnt: als Theorien über die Wirklichkeit, die von eigenen Machtinteressen bestimmt sind und deren Durchsetzung dienen. Z.B. diente die Annahme der Überlegenheit der weißen Rasse über die anderen der Rechtfertigung der Versklavung Angehöriger anderer Rassen und der Ausbeutung  von deren Ländern.

Das ist die Aufgabe des dekonstruktiven Prozesses für die weiteren Differenzierung: Die Wirklichkeitskonstruktion wird auf das zugrundeliegende Interesse zurückgeführt und damit in ihrer Erkenntniskraft desavouiert. Sie taugt nicht mehr als Beschreibung der Wirklichkeit, sondern nur als Herrschaftsinstrument. Damit kann die Differenzierung weitergehen, weil ein Hindernis benannt ist und umgangen werden kann.


Reflexives Wissen ist kein Herrschaftswissen


Die kulturelle Entwicklung beinhaltet die Zunahme des Verständnisses für die Notwendigkeiten und Erfordernisse dieser Entwicklung. Die Einsicht in die Natur der Prozesse, was sie weiterbringt und was sie behindert, führt zu einem Metawissen, das nicht den Charakter einer Ideologie hat. Sie ist nicht von einem partikularen Interesse erzeugt, sondern stammt aus der Reflexion über den Ablauf der menschlichen Geschichte.

Auch aus diesem Standpunkt wird eine Bewertung vorgenommen. Andere, weniger komplexe  Positionen werden auf Inkonsistenzen untersucht, auf Widersprüche und Verkürzungen. Die Interessen, die sie bedienen, werden ebenso transparent gemacht wie die Ängste, die sie lenken. Die Bewertung bezieht sich auf die strukturellen Unterschiede und ist begründet in dieser Differenz.


Deshalb muss jemand, der die Menschenrechte vertritt, jemand anderen, der sie missachtet, abwerten. Wer Menschenrechte nicht achtet, befindet sich auf einem einfacheren Organisationsniveau. Es ist zwar aus komplexerer Sicht verständlich, warum jemand Menschenrechte nicht akzeptiert, doch kann das nicht gutgeheißen werden, weil es sonst das Organisationsniveau, das schon erreicht wurde, in Frage stellen würde. Da es in vielfältiger Hinsicht einem einfacheren Niveau überlegen ist, muss sein Bestand gesichert werden. Dazu sind Bewertungen notwendig. Sie sind jedoch immer reflexiv, indem sie sich nicht auf Personen und deren Handlungen beziehen, sondern auf die Werte, die dahinter stehen, und diese dahingehend prüfen, ob sie dem allgemeinen Entwicklungsprozess dienen oder ihn behindern.

Die Positionen von Rechtsparteien oder fundamentalistischen Religionen  zeichnen sich durch Einfachheit und leichte Verständlichkeit aus. Sie münzen Komplexität in schlagkräftige Formeln um und reduzieren vielschichte Probleme auf einfache Nenner. Bei vielen Menschen erzeugt die Vereinfachung den Eindruck von Kontrolle und Handlungsfähigkeit und wirkt deshalb angstverringernd. 

Aus der Position einer fortgeschrittenen Komplexität werden solche Ansichten in ihrer ideologischen Färbung durchsichtig. Sie drücken partielle Interessen aus und wollen diesen im Machtgefüge zum Durchbruch verhelfen. Sie werden aber der Vieldimensionalität der Wirklichkeit nicht gerecht und stehen zudem dem Fortschritt in der Evolution im Weg, sind also ethisch zu hinterfragen.


Der innere Sinn der Entwicklung


Diese reflexive Bewertung impliziert die Annahme, dass der gesamte Prozess der Evolution einen inneren Sinn hat, eine Entwicklungslogik, die in eine Richtung geht, die allen Menschen gleichermaßen dient und dem entspricht, was die Menschheit als ganze will. Diese Richtung gilt nicht die Erfindung einer Person oder einer Interessensgruppe, sondern als eine Grundgegebenheit innerhalb der Differenzierung der Wirklichkeit zu mehr Komplexität. Es geht also um die Grundentscheidung, den Evolutionsprozess als in sich gut und sinnvoll einerseits oder als entweder richtungslos, zwischen Gut und Böse schwankend oder sich zunehmend verschlechternd andererseits zu beschreiben.


Diese Grundentscheidung hat zwei Prüfsteine: Der eine bemisst daran, wie weit die Wirklichkeit mit der Entscheidung verstanden werden kann: Können wir mehr über die Wirklichkeit erfahren, wenn wir annehmen, dass ihr Entwicklungsprozess in eine sinnvolle Richtung geht oder wenn wir annehmen, dass alles zunehmend schlechter und sinnloser wird, oder, was letztlich gleichbedeutend mit letzterer Position ist, dass es keine wie immer geartete logische Richtung in der Entwicklung gibt.

Die zweite Prüfung bezieht sich auf die Ethik: Was wollen Menschen in ihrem Leben, für sich und miteinander? Sind sie vollkommene Untertanen ihres egoistischen Überlebensstrebens oder wollen sie statt dessen den gemeinsamen Nutzen und werden sie nur egoistisch, wenn sie von Ängsten überwältigt sind? Stimmt die erstere, so ist der Mensch des Menschen feind und es ist erklärungsbedürftig, warum es überhaupt gelingen kann, dass die Nachkommen der Menschen überleben, dass die meisten Gemeinschaften in Frieden leben und das Kriegführen die Ausnahme darstellt usw. Ohne irgendeine Form des „kategorischen Imperativs“, also einer Grundorientierung für eine verallgemeinerbare, also für alle verstehbaren und anerkannten Ordnung, ist das Funktionieren von menschlicher Gemeinschaft, von sozialen Gruppen und ökonomischen Abläufen, von kommunikativen Konfliktlösungen und geteilten Entscheidungsfindungen so unwahrscheinlich, dass die gesamte menschliche Geschichte zu einem Zufallsprodukt wird. Der Erklärungswert dieser Grundausrichtung geht damit gegen Null und der Erklärungsaufwand ins Unendliche. 


Die sowohl elegantere wie auch dem Gesamten des Menschen entsprechende Auffassung ist nach meiner Auffassung die Theorie, dass der Mensch von sich aus das Gute anstrebt und auf ein Wachstum in Komplexität und Differenzierung angelegt ist, das jedes Leben zu einem Abenteuer werden lässt und einen Zuwachs an Weisheit beinhaltet. Wir sind allerdings nicht davor gefeit, auf weniger komplexe Formen unserer Innenorganisation zurückzufallen und dann zu unleidlichen bis grausamen Zeitgenossen zu werden. Das hat aber immer tieferliegende Ursachen in unserer eigenen Geschichte und stellt eine Notfallsreaktion dar. In Situationen, wo wir uns hilflos vorkommen und von Angst überwältigt werden, reagieren wir mit unseren Überlebensstrategien, die rücksichtslos egoistisch ausgerichtet sind. Wir sind immer in der Lage, wieder zu uns selber zurückzufinden, zu einem Zustand, in dem wir mit anderen und uns selbst gut auskommen wollen, in dem wir gemeinschaftliche Lösungen für Probleme und Konflikte suchen und Menschen um ihrer selbst willen lieben.

Selbst die Hollywood-Blockbuster gehen mehr und mehr in diese Richtung. Zwar ist das Gut-Böse-Schema noch immer die Hintergrundfolie für die meisten Kassenschlager, aber ab und zu wird zumindest angedeutet, dass die Bösen so böse sind, weil ihnen irgendwann Böses widerfahren ist. Damit ist sogar in diesem Bereich ein Fortschritt in der Komplexität und Differenzierung zu beobachten, und damit im Publikum, dem ein ebensolcher Fortschritt zugetraut wird.


Literatur:
Robert Kegan: In Over Our Heads. The Mental Demands of Modern Life. Harvard University Press: Cambridge, Massachusetts 1994 

Zum Weiterlesen: 
Bewerten: Anmaßung und Beziehungsstörung
Friede ist nicht das Gegenteil von Krieg 
Die Weisheit in der Wellenform 
Ist der Mensch von Natur aus egoistisch oder sozial?
Das Gute und das Böse 

Dienstag, 27. November 2012

Einfachheit und Komplexität


Die Natur hat eine innere Richtung, die von der Einfachheit zur Komplexität führt. Ein Einzeller funktioniert einfacher als ein Vielzeller, Lebewesen mit einem Nervensystem komplexer als solche ohne. Menschen haben einen Komplexitätsgrad erreicht, der ihnen selber manchmal Komplexe macht. 

Auch in der kulturellen Entwicklung der Menschheit erkennen wir diesen Trend von der Einfachheit zur Komplexität: Stammesgesellschaften brauchen wesentlich weniger Regeln und Kompetenzen, um überleben zu können als eine moderne Großstadtgesellschaft. In meiner Jugend gab es Telefone mit Wählscheiben und Fernsehgeräte mit einem Programm, jetzt muss man das Tippen mit dem Daumen beherrschen, um Nachrichten übermitteln zu können und muss hunderte Fernsehsender unterscheiden können. Immer mehr Fertigkeiten, immer mehr Wissen wird benötigt, um die Orientierung in der Welt zu schaffen und um einen sinnvollen Beitrag zu dieser Welt leisten zu können.

Die Systemtheorie hat erkannt, dass es keine wirkliche Alternative zum Wachsen in der Komplexität gibt. Überall, wo diese Entwicklung stagniert, kommt es früher oder später zum Verkümmern und zum Absterben dieser Lebensformen. Stillstand ist gleichbedeutend mit dem Tod, der dadurch gekennzeichnet ist, dass die Zellen ihre komplexen Abläufe einstellen und sich in einfache anorganische Materie verwandeln. Daneben wächst das Leben weiter, unbesehen von Sackgassen und erfolglosen Versuchen der Entwicklung. Was sich bewährt in der Evolution, wird bewahrt und bildet die Grundlage für weitere Umgestaltung. Was weniger Überlebenswahrscheinlichkeiten ermöglicht, wird mehr und mehr an den Rand bedrängt, bis es verschwindet. Vielleicht sind deshalb die Neandertaler verschwunden, ist das römische Reich untergegangen und endeten Hitlers Größenwahnideen von einem Tausendjährigen Reich nach kurzer Zeit in der Katastrophe.

Wir müssen also wachsen, wenn wir leben wollen. In den frühen Jahren unseres Lebens spüren wir diesen Zug zum Wachsen in unserem Körper, der erwachsen werden will. Ab einem gewissen Zeitpunkt wachsen nur mehr die Haare und Nägel, und doch muss sich unser Nervensystem, und insbesondere unser Gehirn weiter entwickeln. Dieses Müssen ist ein Nicht-Anders-Können-Als. Die zunehmend komplexer werdende Umwelt fordert unsere inneren Systeme zur Differenzierung und Spezialisierung, also zum Weiterwachsen heraus.

Natürlich haben wir die Wahl, uns dem Zwang zur Komplexität zu entziehen.  Es packt uns der Wunsch, dem ganzen Wahn zu entfliehen und ein einfaches Leben zu wählen, ohne Handy und Computer, ohne High Tech und Auto. Was aber suchen wir in der Einöde? Ein tieferes Einlassen auf die Natur – und deren Komplexität? Ein ernsthafter Blick nach innen und die Entdeckung der inneren Komplexität? Jede Einfachheit, die wir uns erwerben oder gönnen, konfrontiert uns mit neuer Komplexität. 

Wenn wir nicht nicht wachsen können, heißt das auch, dass wir nicht nicht kreativ sein können. Jeder neue Moment gibt uns die Gelegenheit für eine neue Idee, eine neue Sichtweise, eine neue Erkenntnis. Kreativität ist keine auf Genies beschränkte Sondereigenschaft, sondern ist die Lebenskraft selber, die sich in jedem Wesen, und in besonderer Weise in jedem Menschenwesen äußert. Was unsere Kreativität und damit unser Wachstum zu mehr Komplexität einschränkt, sind Ängste und die damit verbundenen unbewältigten inneren Themen. Wenn uns eine Angst beherrscht, erstarren wir, und wir werden bewegungsunfähig. In solchen Zuständen stagnieren wir und bleiben an dem Punkt stecken, an dem wir uns gerade befinden. Wir drehen uns im Kreis, vor allem, wenn uns die Ängste in den Kopf gestiegen sind und zwanghafte Denkformationen auslösen, die immer nur mehr vom Gleichen produzieren. 

Lösen sich jedoch solche Angstmuster, dann erleben wir die Welt gleich anders und neu, und freuen uns am Wachsen und an der Flexibilität. Dann wollen wir mehr vom Anderen, Überraschenden, Unvorhersehbaren. Dann tauchen wir ein in das Fließen des Lebens, das uns vor immer wieder neue Situationen stellt, uns immer wieder neue Fragen stellt und uns zu immer wieder neuen Antworten anregt. Und überraschender Weise können wir aus solchen flow-Erfahrungen zu einer neuen Einfachheit finden.

Wenn wir auf einer bestimmten Stufe unserer inneren und äußeren Entwicklung einen Zusammenhang von Komplexität gemeistert haben, wenn wir also gelernt haben, souverän damit umzugehen, gewinnen wir ein neues Niveau von Einfachheit, das uns wieder motiviert, neue Situationen der Komplexität aufzusuchen. So wirken wir der Gefahr entgegen, von der Komplexität erstickt und erdrückt zu werden. Der Fluss des Lebens führt uns weiter von ruhigeren zu turbulenteren Strömungen, und wieder weiter zu Phasen des Ausruhens und Integrierens. Wir brauchen uns nur ihm anzuvertrauen, sprich von unseren Ängsten frei zu werden. Dann finden wir die Freude an der Komplexität wieder, die wir als Kinder hatten, als wir unseren Zugang zum Faszinosum dieser Welt mit Begeisterung beschritten haben.

Es lohnt sich, den Mut zu wachsen wirken zu lassen.