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Donnerstag, 16. Juni 2022

Kindsein und Erwachsenensein

Die Kindheit ist eine begrenzte Phase, sie endet spätestens mit der Volljährigkeit, zumindest offiziell und dem Gesetz gemäß. Die Zeit des Spielens ist vorbei, der Ernst des Lebens beginnt, so lautet die traditionelle Richtschnur für diesen Übergang, der in der Regel den Abschied vom Elternhaus und die Begründung des eigenen Lebens unabhängig von den Bedingungen des Herkommens beinhaltet. 

Wir wissen zwar, dass wir in manchen Situationen emotional in die Kindheit zurückfallen, wenn wir uns z.B. maßlos über etwas ärgern oder an kleinen Dingen des Lebens verzweifeln oder bestimmte Gewohnheiten, die wir eigentlich loswerden wollen, nicht überwinden können. Wenn uns dringende Bedürfnisse plagen, können wir ungeduldig wie Kleinkinder werden. Wir sehen diese Rückfälle aber als Ausnahmen von der Regel und fühlen uns im Allgemeinen als Erwachsene, die die Kindheit schon lange hinter sich gelassen haben. Meistens sind solche Erlebnisse mit Scham gepaart, sie sind uns peinlich. Schließlich wollen wir als voll kompetente Erwachsene gelten, die sich keine Ausrutscher leisten und alle Dinge des Lebens gut im Griff haben. Wir wollen auch so von unseren Mitmenschen gesehen werden und erwarten, dass wir auf diese Weise und nur auf diese Weise Achtung und Respekt bekommen. Das Kindliche bezeichnen wir als kindisch, also als einen Mangel an Erwachsenensein und Reife. 

Wirkliches und reifes Erwachsensein ist dagegen inklusiv, indem es das Kindsein nicht ausschließt, sondern mit umfasst. Diese Haltung speist sich aus der Gesamtheit der Vorerfahrungen, bei denen jene aus der Kindheit eine besondere Bedeutung tragen. Wir sind in Frieden mit den Schwierigkeiten aus unserer Lebensgeschichte und nehmen aus jeder Lebensphase wertvolle Ressourcen für die Bewältigung der Alltagsherausforderungen mit. Solange wir einen Gegensatz zwischen dem Kindlichen und dem Erwachsenen für uns festhalten, sind wir mit unserer inneren Kindseite nicht versöhnt. 

Wenn wir hingegen das Kindsein als integralen  Bestandteil des Erwachsenenseins erkennen und verkörpern können, verfügen wir über einen offenen Zugang zu lebenswichtigen Quellen für Lebendigkeit und Kreativität in unserem Inneren. 

Werden wie die Kinder

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Mt 18,3). Vielleicht können wir diese Bibelstelle so verstehen: Wenn ihr es nicht schafft, im Moment zu sein und von Moment zu Moment das Leben neu zu erfinden, werdet ihr kein Glück finden. Ihr werdet getrieben sein, den Idealen des Erwachsenseins nachzulaufen mit dem Gefühl, sie nie zu erreichen und zu erfüllen. Wenn ihr dem Kindlichen keinen Raum in eurem Innenleben gebt, findet ihr keine Ruhe.

Das Kind ist der Vater des Mannes

Dieser bekannte Satz von William Wordsworth (1802) wird so verstanden, dass das Kindsein eine prägende Wirkung auf das Erleben und Verhalten der Erwachsenen ausübt. Wir sind in gewisser Weise Produkte unserer Kindheitserfahrungen und der in dieser Zeit widerfahrenen Traumatisierungen. In dem Sinn, wie wir von unseren Vätern und Müttern gelernt haben, ist es wichtig, dass wir aus dieser Erfahrungsmenge lernen. Das Herauswachsen aus den kindlichen Prägungen ist die Arbeit des Reifens. Es besteht im bewussten Zurücklassen der vergangenen Erfahrungen und im Herausschälen der eigenen Identität, indem die elterlichen Erwartungen distanziert werden und die eigenen Ideale und Werte gefunden und gelebt werden, die ihre Wurzeln im kindlichen Welterfahren haben. 

Das innere Kind

Das „innere Kind“ ist keine Instanz, die nur in der Vorstellung existiert und in der Therapie genutzt wird, um verletzte und traumatisierte Anteile der Seele aufzuarbeiten. Vielmehr ist es ein permanent wirksamer Aspekt von uns selbst,  also ein wichtiges Element des Erlebens und Verhaltens. Es ist ein ganz zentraler Teil unserer Geschichte, aus den Jahren, in denen wir die emotionale Basis für den Rest unseres Lebens gebildet haben. Da wir nichts anderes sind, als das vorläufige Ergebnis dieser Geschichte, gehört es ganz intim zu uns. Es ist lebendig in allen Gefühlsregungen, in unserer Intuition, in unserer Neugier und Spielfreude.

Erwachsenwerden

Erwachsenwerden ist eine komplexe und langwierige Geschichte, die vermutlich ein Leben lang dauert. Es ist in dem Maß erfolgreich, in dem das Kindsein mitschwingen und mitwirken darf. Wenn das der Fall ist, bleiben wir in Balance zwischen Verantwortung und Flexibilität, zwischen Ernst und Leichtigkeit, zwischen Disziplin und Spontaneität. Wenn eine Seite zu stark überwiegt, kommen wir nicht weiter, sondern stecken entweder in einer Verbissenheit fest oder verlieren uns in Zerfahrenheit und Beliebigkeit. „Das Leben ist ein Kampf“: Das ist ein Satz aus dem verkrampften Erwachsenen-Ich, das auf das Kind vergessen hat. Erwachsensein ist so lange mühsam und anstrengend, als es den Bezug zum Kindlichen verloren hat und es nur mehr als kindisch abwertet.

Erwachsensein ist ebenso vielschichtig und mehr ein Projekt in Entwicklung als ein dauerhafter Zustand. Es muss in jedem Moment neu erfunden und neu gestaltet werden. Es beinhaltet die Reflexion, also die Selbstüberprüfung und Evaluierung. Teil dieser Selbsteinschätzung sollte immer auch sein, ob das Kindsein einen gebührenden Platz einnimmt und immer wieder zum spielerischen Umgang mit den Herausforderungen des Erwachsenseins einladen darf.

Das Erwachsenwerden ist nur in dem Maß möglich, in dem die Fundamente in der Kindheit dafür gelegt und ausreichend versorgt wurden. Wer unter materiellem Mangel leiden musste, kann sich als Erwachsener mit eigenen Kräften für den Aufbau eines guten Lebens einsetzen.  Wer emotionalen Mangel erlitten hat, wird sich schwer tun, auf dieser Ebene erwachsen zu werden. Er wird versuchen, den Mangel in Beziehungen auszugleichen und die Verantwortung für diesen Mangel nach außen auslagern, also anderen Menschen umzuhängen. Doch diese Strategie ist selber mangelhaft. Nur die verantwortungsvolle innere Auseinandersetzung mit den unerfüllten Bedürfnissen und offenen Gefühlszyklen holt die Entwicklungsversäumnisse nach und bessert das Fundament aus, wo es nicht stabil genug ist.

Verantwortungsübernahme

Erwachsensein hat mit Verantwortungsübernahme zu tun. Kinder tragen keine oder nur wenig Verantwortung für ihr Leben. Kindsein heißt, dass immer jemand anderer da ist, der dafür sorgt, dass alles, was zum Leben notwendig ist, vorhanden ist, materiell und emotional. Die Erziehung besteht darin, den Kindern immer mehr Verantwortung zu übertragen, bis sie diese ganz selber übernehmen können. Dann hat die Erziehung ihr Ziel erreicht und wird überflüssig. 

Die Erwachsenenverantwortung ist umfassend. Sie bezieht sich auf alles, was wir erleben, ob es unserem Tun oder Erfahren entspringt. Wir haben die Verantwortung für unsere Gefühle und Reaktionsweisen, für unsere Handlungen und ihre Folgen und für die Beziehungen, in denen wir leben.

Mit dieser Verantwortung verbunden ist die Autonomie. Sie bedeutet, sich selber die Regel geben zu können und sich daran zu halten. Erwachsene haben ein klares Verhältnis zur Selbstdisziplin und legen selbst die Prioritäten in ihrem Leben fest. Sie treffen die Entscheidungen, die für sie stimmen und an die sie sich dann halten. Sie geben sich die Orientierung in ihrem Leben selbst und legen die Werte fest, nach denen sie sich ausrichten. Sie passen ihre Orientierung immer wieder an die äußeren Gegebenheiten und ihre Erfordernisse an. Die dafür notwendige Disziplin muss aber nicht stur sein, sondern kann sich, wenn der Einfluss des Kindlichen zur Mitwirkung eingeladen ist, geschmeidig an die unterschiedlichen Situationen anpassen. 

Das Erwachsensein, das ein gutes Verhältnis zum Kindsein hat, hat ein klares Bewusstsein für das Spielerische, das immer dort zu Hilfe gerufen werden kann, wo die Erwachsenenlogik an ihre Grenze stößt und ein neuer Zugang die Verwirrung oder Verkrampfung lösen kann. Wenn das Erwachsenen-Ich mit der Wirklichkeit zu kämpfen beginnt, sollte das kindliche Ich einspringen und mit seiner Leichtigkeit und Fröhlichkeit das Spielerische beisteuern, das noch jeden Karren aus dem Dreck gezogen hat.

Zum Weiterlesen:
Das Kind in uns
Der Raub des Selbst
Der Narr


Freitag, 22. Mai 2020

Der Narr

Freepik.com Nr. 241081589
Der Archetyp des Narren hat eine besondere Stellung unter den verschiedenen Gestalten des kollektiven Unterbewusstseins. Nicht zufällig rangiert er als die Karte Null im Tarot. Die Null steht für das Nichts, die Leere und das Unbestimmte. Die Null steht auch für den Anfang, und deshalb muss der Narr etwas mit unserem eigenen Anfang zu tun haben.

Der Narr ist jemand, der nicht ganz zurechnungsfähig ist, dem es also an der allgemeinmenschlichen Vernunft mangelt. Er weiß auch nicht über die gewohnten Regeln des Zusammenlebens Bescheid oder kümmert sich nicht darum. Deshalb genießt er die Narrenfreiheit und beansprucht damit eine Sonderstellung in der Gesellschaft.

Diese Sonderstellung gleicht der des ungeborenen Wesens und des Kleinkindes. Aufgrund der mangelnden Kompetenzen in fast allen Bereichen benötigen die kleinen Erdenbürger diese spezielle Position, sonst können sie nicht wachsen und gedeihen. Die Menschen werden ja im Vergleich zu anderen Säugern viel zu früh geboren und brauchen viel Zeit, um selbständig lebensfähig zu werden. Durch die Entwicklung der Zivilisation hat sich diese Zeit noch weiter verlängert, nachdem immer mehr schulische Bildungsvorgänge zur gesellschaftlichen Überlebensfähigkeit notwendig sind.

In der Schonposition, die Kinder und Jugendliche für ihre Anfänge brauchen, kann vieles ausprobiert und als Fehlern gelernt werden. Spielerisch wird die Welt Schritt für Schritt erschlossen. Der „Ernst des Lebens“ ist noch weit entfernt. Auch wenn die Kinderseele Dramen und Traumen überleben muss, ist es wichtig, zur Leichtigkeit und Spielfreude zurückkehren zu können. Das Närrische auszuleben, ohne starre Regeln und fixierte Gewohnheiten ist ein Privileg der Kindheit.

Pränatale Hilflosigkeit und Weisheit


Die pränatale Wurzel des Narren liegt in der Naivität des winzigen Wesens, das von nichts eine Ahnung hat, was für die Großen so wichtig ist. Und dennoch weiß es ganz genau, was stimmt und was nicht, was es braucht und was fehlt. Es weiß, wie die Ordnung beschaffen sein sollte, in die es hineingeboren werden wird. Es hat allerdings keine Möglichkeiten, das, was stimmt, zu fördern und das, was nicht stimmt, abzustellen. Es ist den Umständen machtlos ausgeliefert und trachtet danach, wie es sich in die vorgegebenen Bedingungen einpassen kann, so gut es eben geht.

Der Fetus verfügt über eine einfache und doch universell gültige Wahrheit über das zentrale Thema: Was Menschsein bedeutet und wie es gestaltet werden muss. Es geht dabei um die Kraft der Liebe, der Verbindung zwischen den Menschen, des Verstehens und des einander Dienens. Das ist seine Weisheit, die im Prozess des Erwachsenwerdens meistens verloren geht und in der komplexen Welt der Moderne zum Randphänomen verkümmert.


Das Abbild des Kindlichen


Der Narr ist das Abbild des Kindes im Erwachsenen. Er vertritt beides: Die naive Unvernunft und die Weisheit. Er lebt also die Ambivalenz aus und nutzt sie, um die Denkgewohnheiten und Erwartungen der Menschen zu verwirren. Selber durcheinander, irritiert er die erstarrten und betonierten Strukturen der Erwachsenenwelt, die sich so vernünftig und verantwortungsbewusst gibt. 

Das ist seine Gabe: Die Mitmenschen aus ihrer Lethargie und ihren Mustern herauszuholen und in ihrem Selbstverständnis zu erschüttern. Wenn er sich der frühen Wurzeln seiner Aufgabe bewusst ist, nutzt er seinen Narrenstab, um an die Grundweisheiten des Menschseins zu erinnern, aber nie mit dem besserwisserischen Lehrerstock und nie mit plakativen Phrasen. Vielmehr zeigt er in seiner Verrücktheit, was alles zurechtgerückt gehört, und zeigt mit dem Finger dorthin, wo die Menschen vergessen haben, dass sie selber oder die anderen Leute Menschen sind.

Der Narr steht für sprudelnde Kreativität, aber weniger im Sinn des produktiven Schaffens von Neuem, sondern mehr in der Zerstörung dessen, was nicht mehr tauglich ist. Er nimmt den Menschen die Selbstverständlichkeiten weg, auf denen sie ihr angepasstes Leben gegründet haben und die sie an ihrem Weiterkommen hindern. Er zeigt die Enge auf, in die sich viele Angstgeplagte hineinentwickelt haben, ohne es zu merken. Er nutzt den Spott, um die Lächerlichkeit des Getriebenseins, der Gier und des Geizes anzuprangern.


Die Verführbarkeit


Die Närrin kann nur am Rand sinnvoll existieren. Sobald sie ins Zentrum geholt wird, verliert sie ihren Nimbus. Sie ist nicht geeignet für die reinen Erwachsenenthemen wie Organisation, Machtverteilung, Ökonomie. Sie kann mit Ordnungsstrukturen nichts anfangen, außer auf ihnen herumzuhüpfen.
Die Narren haben auch ihre Anfälligkeiten für den Narzissmus. An den Schalthebeln der Macht sind sie äußerst gefährlich und destruktiv in einem fundamentaleren Sinn als oben angesprochen. Es ist nicht die Zerstörungskraft des Narren, die auf Gewohnheiten bezogen ist, sondern das hilflose und ziellose Agieren aus dem Bauch heraus, das nur mehr wild um sich schlagen kann. Narren an der Macht sind in der komplexen relativen Welt der Sachzwänge und Netzwerke verloren und führen sich dort auf wie Kinder, denen man Vernichtungswaffen in die Hand gegeben hat.

Die Mediengesellschaft hofiert den Narren und bittet sie auf die Bühne, damit sie das Publikum unterhalten. Die guten Narren kommen immer mit einem Spiegel auf die Bühne, den sie den Zuschauern vorhalten. Und sie treten wieder ab, sobald die Show vorbei ist. Die schlechten Narren lassen sich blenden und verführen und genießen den Ruhm, den sie erlangen. Sie ergreifen schnell das Zepter, das jemand liegengelassen hat oder das ihnen angeboten wird. Sie lassen sich verehren und in Machtämter wählen, in denen sie dann mit ihrer Verrücktheit maßlosen Schaden anrichten und Schiffbruch erleiden.


Der Hofnarr


Die Stellung des Hofnarren in der früheren Gesellschaft war prekär. Er war wohlgelitten und leistete seinen Dienst im Ausgleichen der inneren Widersprüche und Emotionen des Herrschers. Er dämmte die Machtallüren seines Herrn ein und erheiterte ihn in dunklen Stunden. Er konnte seine Privilegien genießen, doch wenn er den Bogen überspannte, war er der Willkür des Herrschers ausgeliefert. Seine Kunst bestand also auch im Austarieren des Raumes, den er ausreizen durfte. Maßte er sich zu viel Macht an, agierte er also zu erwachsen, dann konnte ihn das schnell den Kopf kosten.


Der Narr in uns


Der Narr, den wir in uns tragen, braucht auch dieses Augenmaß. Er kann es gewinnen, indem er sich immer wieder auf seine Wurzeln besinnt, auf die tiefe und einfache Weisheit des Menschseins, die wir als Grundkapital in dieses Leben mitbekommen haben, um es weise zu nutzen. Er verliert es, wenn er glaubt, etwas Besseres zu sein als all die anderen Narren. Und er verliert sich selbst, wenn er sich mit Verantwortung und Macht zusammentut.

Die Närrin in uns kann uns als Ort der Rekreation dienen. Die Ernsthaftigkeiten des Lebens mit ihren oft unmenschlichen Forderungen und Erwartungen kosten uns viele Kräfte, und das Närrische ist ein unverzichtbarer Ausgleich dazu. Die kindliche Freiheit und Weisheit, die Unbeschwertheit und Unbekümmertheit, das Losgelöstsein von Zwängen und Pflichten, das sind die wirksamen Gegenmittel zur Eindimensionalität der Erwachsenenwelt, die der Archetyp des Narren beisteuert. 

Hier noch ein Beitrag meines eigenen inneren Narrens - zum Corona-Thema.

Mittwoch, 28. September 2016

Das spielerische Universum

Alan Watts, Mystiker und Religionsphilosoph (gest. 1973), beschreibt das Universum als grundlegend spielerisch. „Es gibt für das Universum keinerlei Notwendigkeit. Das heißt, dass es kein Ziel hat, an dem es ankommen sollte. Aber ist kann am besten durch die Analogie mit Musik verstanden werden, weil Musik, als Kunstform, im Wesentlichen spielerisch ist: Wir sagen: ‚Du spielst Klavier‘ und nicht: ‚Du bearbeitest das Klavier.‘
Wenn du reist, versuchst du irgendwo hinzukommen. In der Musik aber macht man das Ende einer Komposition nicht zum Sinn der Komposition. Wenn es so wäre, wären die besten Dirigenten jene, die am schnellsten spielen, und dann gäbe es Komponisten, die nur Finali schreiben. Die Leute gingen ins Konzert,  nur um einen krachenden Akkord zu hören, weil das das Ende ist. Ebenso ist es mit dem Tanzen. Du zielst nicht auf einen bestimmten Punkt im Raum, an dem du ankommen solltest. Der ganze Sinn des Tanzens ist der Tanz.“


Wie geht es uns mit einem singenden und tanzenden Universum?


Wir haben unsere lineare Zeitvorstellung und konstruieren nach ihr unser Leben und darüber hinaus auch alle Prozesse im Universum. Wir haben unsere Vergangenheit, die mit der Empfängnis und der Geburt beginnt, und unsere Zukunft, die wir uns so oder so ausmalen. Ebenso wissen wir um den Urknall und der nach ihm entstehenden Entwicklung, die über Milliarden von Jahren bis zu uns, in diesen Moment geführt hat. Wir haben auch Ideen, wie es weitergehen wird und gehen davon aus, dass es das Universum irgendwann einmal auch nicht mehr geben könnte.

Die Macht der linearen Zeit ist so groß, weil wir sie in unseren täglichen Aktivitäten brauchen. Ohne Zeitpläne könnten wir viele Dinge unseres Lebens nicht erledigen und viele Aufgaben nicht bewältigen. Sie ist tief in unsere inneren Abläufe hineinverwoben und prägt unser Entspannungs- wie unser Stressverhalten.

Es geht auch nicht darum, die lineare Zeitvorstellung abzuschaffen. Da könnten wir keine Termine mehr ausmachen und wüssten nicht, wann wir morgens aufstehen sollten. Wir würden keinen Zug erreichen, noch würde uns ein Zug erreichen.

Hinter der linearen Zeit steckt das Zweckdenken, und darauf hat es Alan Watts abgesehen. Alles, was wir tun, soll einen Zweck haben. Alles, was keinen Zweck hat, ist unnotwendig, weil es nichts zur Linderung einer Not beiträgt. Deshalb werden die Künstler oft etwas mitleidig und herablassend von denen betrachtet, die etwas „Gescheites“ gelernt haben und als Tätigkeit ausüben, eben etwas, das in irgendeiner Weise direkt zur Überlebenssicherung beiträgt.

Die Kunst hingegen übt sich in der Zweckfreiheit, sie ist um ihrer selbst willen da, nicht, weil sie für irgend einen Zweck verwertbar ist. Sie zeigt dem Menschen, dass es anders auch geht – anders als im Hamsterrad steckend immer wieder dieselben Aktionen ausführen, ohne Freiheit und Kreativität. So zumindest sehen viele Künstler ihre nicht kunstschaffenden Zeitgenossen. 


Wie ist also das Universum?


Ist es nach dem Lebensmodell der Künstler beschaffen oder nach dem der Zweckrationalisten? Alan Watts geht von einer reinen Behauptung aus: Das Universum ist so und nicht anders. Wenn wir jeden Drang nach dem Innehaben der letzten Wahrheit zurücknehmen, bleibt uns nur zu sagen: Wir wissen überhaupt nicht, wie das Universum im Ganzen funktioniert, ob es einen Zweck enthält, ob es wie ein Kinderspiel oder wie eine Oper gestaltet ist. Wir wissen, wie einzelne Zusammenhänge im Universum ablaufen, kennen Gesetzmäßigkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Immer mehr davon wird erforscht.

Allerdings übersteigt die Frage nach dem Gesamtprinzip den Horizont des Wissbaren. In Wirklichkeit befinden wir uns im Raum reiner Spekulation. Und wenn wir uns dessen bewusst sind, können wir uns aussuchen, was uns besser gefällt: Ein nach Zwecken entworfenes Universum, z.B. eines, das sich zum immer Besseren weiterentwickelt oder eines, das sich an sich selber zugrunde richtet, oder eines, das von einem Moment in den nächsten geht, ohne Zusammenhang und Sinnverbindung.

Die Inder haben für diese Sichtweise einen eigenen Namen gewählt: Lila, die als die spontane Seite von Brahman gilt, seine Verspieltheit und Absichtslosigkeit zum Ausdruck bringt. Die Vielzahl ihrer Götter bietet den Vorteil, sich für jeden Geschmack oder für jede Lebensstimmung eine jenseitige Vertretung aussuchen zu können.

So ähnlich können wir es handhaben. Es gibt kein Menschenwesen, das einen authentischen Einblick in das große Ganze hat oder haben kann. Und das ist auch gut so. Denn mancher, dem es gerade oder länger schon nicht gut geht, würde sich zusätzlich gefrozzelt fühlen, wenn ihm jemand erzählen würde, sein Unglück sei nur eine Spiellaune des Universums, dem gerade nichts Besseres eingefallen wäre. Und wer daran interessiert ist, dass die Zustände, in denen wir leben, zu mehr Menschlichkeit und Freiheit verbessert werden, hätte auch wenig von einem Weltbild, wo alles, was geschieht, nur ein zweckfreies Tanzen ist, das sich selbst genügt.

Andererseits mag das Bild der tanzenden Götter jemandem helfen, der scheinbar in seinen Handlungszwängen feststeckt. Wie wäre es für den Finanzmanager, der mit dem Aktenkoffer von einem Termin zum nächsten hetzt, wenn er dabei ein paar Tanzschritte einschaltet? Vielleicht könnte eine solche kleine Veränderung ein neues Lebensgefühl erzeugen? Oder wenn jemand, dem irgendeine Routinetätigkeit beim Hals heraushängt, diesen ein paar Mal in alle Richtungen verrenkte?

Kreativität heißt, immer das andere zu nutzen als das, was sich gerade aufdrängt. Wenn wir von der mühseligen Energie der Schöpfergottheit in Anspruch genommen sind, kann es uns befreien, ein Quäntchen von der musischen Göttin lebendig werden zu lassen. Wenn wir im Zweckfreien nicht mehr weiter wissen, können wir uns nach einer Ausrichtung umschauen, die uns mit einer Aufgabe betraut, sodass wir mehr von dem zum Universum beitragen, was wir in uns haben.

Ähnlich geht es uns auf Reisen: wir wollen irgendwo hin, aber dort dann tun, was gerade kommt. Wir setzen uns den Zweck, mehr von der Freiheit zu genießen. Und so können wir vieles in unserem Leben erleben: die Morgenroutine oder das Unterwegssein von A nach B, das Lesen eines Buches oder das Ausfüllen der Steuerabrechnung.

Und auch wenn es um unseren inneren Weg geht, so ist das ein Weg auf ein Ziel hin und zugleich ist er zweckfrei. Wäre er nur ein Tanz, so würden wir nur weitergehen, wenn wir Lust darauf verspüren; wäre es nur zielgerichtete Anstrengung, kämen wir auf diesem Weg nicht weiter, der zur Absichtslosigkeit führt. Wir brauchen Motivation, wenn wir irgendwo steckenbleiben, und wir brauchen Vertrauen, dass im Grund alles gut ist, wie es ist.

So schwindet der Unterschied zwischen dem Zweckhaften und dem Spielerischen: Das Zweckhafte erkennen wir in sich als etwas Verspieltes und das Verspielte hat dann auch seinen tieferen Zweck.