Sonntag, 30. Oktober 2016

Was tut gut an der Wut?

(In diesem Artikel werden die Begriffe Wut, Zorn und Aggression synonym verwendet.)

Wut ist eine schwierige Emotion, weil sie zerstörerisch wirken kann, wenn sie keine Grenzen kennt, und die Lebenskraft einschränkt, wenn sie beschnitten ist. Jedes heranwachsende Kind stellt um das zweite Lebensjahr herum seine Eltern vor die Aufgabe, mit seiner Wut zurechtzukommen. Es erlebt seinen Willen und die Einschränkungen, die ihm auferlegt werden. Daran entzündet sich der Zorn.

Zorn in der Kindererziehung


Die Eltern können mit diesem Zorn in dem Maß umgehen, wie sie mit ihrem eigenen Zorn zurechtkommen. Und diese Kompetenz hat sich maßgeblich in der eigenen Kindheit ausgeprägt. Haben sie in ihrer Kindheit gelernt, dass das eigene Wütendsein zu Liebesverlust und Abwertung führt, so besteht die Kompetenz nur darin, Angst vor der eigenen Wut zu erleben. Die Kraft der Wut ist dann in einer Angst eingekapselt. Oder sie haben gelernt, dass es für die Wut keine klaren Grenzen gibt, sodass sie, für sich selber uneinsichtig, in manchen Situationen übermäßig wütend werden und in anderen sich zuviel gefallen lassen. Die Wut schießt einmal massiv nach außen und zerstört unnötig viel und steht ein andermal nicht zur Verfügung, wo sie gebraucht würde.

Der wirklich kompetente Umgang mit der eigenen Aggressivität wird dann erworben, wenn die Eltern keine Angst vor der Wut ihrer Kinder haben. Dazu müssen sie die eigene Wut kennen und handhaben können. Sie können spüren, wenn sie zornig sind, müssen das aber nicht in jeder Situation ausleben. Sie haben ein wertschätzendes Verhältnis zu diesem Gefühl, ohne es zu verherrlichen. Sie wissen um die Wichtigkeit, einen guten Zugang zur eigenen Lebenskraft und Selbstbestimmtheit zu haben, und um die Notwendigkeit, die Äußerung von Zorn dosieren und situationsadäquat anpassen zu können. 

Mit dieser inneren Sicherheit und Stärke können sie die Kinder gut durch die Zeit der Entdeckung des Zorns führen. Sie werden ihre Kinder nicht für ihren Zorn abwerten, missachten oder sogar bestrafen, sondern verstehen, dass das Gefühl eine Bedeutung und einen Sinn hat, auch wenn dieser nicht immer verstanden werden kann. Zugleich werden sie dem Kind mit ihrer eigenen aggressiven Kraft Grenzen setzen. Diese Kraft kommt im besten Fall aus der Macht des Herzens, also aus einer Liebe, die Grenzen setzen kann, ohne zu verletzen und herabzusetzen. 

Mit solchen Erfahrungen lernt das Kind mit der Zeit, ein Verhältnis zur eigenen Emotionalität zu entwickeln, das beiden Seiten gerecht wird. Einerseits wird die Wut als Quelle der Kraft, der Durchsetzung eigener Interessen, des Ausdrucks von Bedürfnissen und der Wahrung von wichtigen Grenzen wertgeschätzt. Andererseits wird ihr zerstörerisches Überborden verhindert, indem die Wut nie die Alleinherrschaft im Bewusstsein erlangen kann, sondern ihr immer noch eine Instanz vorgelagert ist, die den emotionalen Ausbruch eindämmt und umfängt. Das ist der Riegel, der verhindert, dass sich die Wut in Gewalttätigkeit verwandelt, die keinen Respekt für die Würde anderer Menschen und für den Wert von Dingen kennt und sich in sinnloser Zerstörung selbst vernichtet.

Die Unterdrückung der Wut und die Folgen


Die unterdrückte Wut sucht sich andere Kanäle. Eine Vermutung besteht darin, dass die Menschheit immer wieder Kriege untereinander beginnt, weil damit dem Zorn ein legaler Weg eröffnet wird. Die aggressiven Strebungen werden für ein Ziel eingesetzt, das einem höheren Zweck dienen soll. Jeder Krieg stellt eine enorme Entfesselung der Wut und zugleich deren weitere Unterdrückung dar. Die ganze Aggression muss nach außen gerichtet werden, auf die Vernichtung des äußeren Bösen, das im Feind kristallisiert ist, während das Innere der Gesellschaft frei von Zorn bleiben muss. Jede falsche Orientierung der Wut wird strengstens bestraft.

Deshalb wirken Kriege nie als Therapeutikum, nicht einmal in Hinblick auf die Ökologie der Wut. Die Gewinner wie die Verlierer eines Krieges schleppen ein verunsichertes Missverhältnis zu diesem Gefühlskomplex weiter und übergeben es der nachfolgenden Generation, die wiederum kein ausgeglichenes Verhältnis dazu entwickeln kann.

Bedenkenswert ist auch der Raum für die Wut in der digitalen postmodernen Welt. Wir benötigen immer mehr Feinsteuerung im Umgang mit den komplexen digitalen Geräten, und das verträgt sich nicht mit der Grobheit dieses Gefühls. Wenn wir wütend sind, vertippen wir uns und finden nichts im Dschungel der Apparate. Ein Wutschwall kann die Arbeit eines halben Tages vernichten. 

Deshalb braucht diese Welt ein hohes Maß an Wutkontrolle und -unterdrückung. Sie fordert Personen, die wie Maschinen fehlerfrei und daueraktiv funktionieren. Die Wut, die eine solche Forderung naturgemäß in den Menschen hervorruft, muss auf besondere Weise unten gehalten werden, weil sie die Existenzberechtigung in der digitalen Gesellschaft untergräbt. Die Naturferne im digitalen Raum ist auch eine Gefühls- und insbesondere eine Wutferne.

Deshalb muss sich die Wut heutzutage kreative Nischen suchen, z.B. im Sport, der vielen dazu dient, die Spannungen, die sich im Körper unter den Anforderungen der funktionalen Berufswelt aufbauen, wieder loszuwerden. Wo kein kreativer Weg gegangen wird, gerät die Wut in ungesunde Kanäle, sei es als Aggression und Hass gegen Andersdenkende oder Randgruppen, sei es als Selbstaggression in Süchten und Abhängigkeiten bis zu Autoimmunerkrankungen.

Bevor es dazu kommt, ist es ratsam, sich von innen her mit die verschiedenen Facetten der Wut zu beschäftigen, um sie kennenzulernen und mit ihnen kreativ und konstruktiv umgehen zu können.

Zum Weiterlesen:
Der Bösewicht in uns
Die Wut - das herausforderndste Gefühl

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