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Donnerstag, 22. Mai 2025

Die autoritäre Persönlichkeit und die Trump-Unterstützer

Die New Yorker Psychotherapeutin Harriet Fraad hat sich die Frage gestellt, warum nach all den bisherigen desaströsen Folgen der zweiten Trump-Regierung noch immer 39% der Amerikaner diese Politik für gut befinden. Sie hat sich bei ihrer Analyse auf die Studien zur autoritären Persönlichkeit von Wilhelm Reich, Erich Fromm, Else Frenkel-Brunswik und Theodor W. Adorno bezogen. Betroffen von der Zustimmung vieler Deutscher zum Nationalsozialismus, untersuchte das Frankfurter Institut für Sozialforschung den Zusammenhang von Autoritätshörigkeit und Familie. Die Forschungen wurden dann im Exil fortgeführt und später in die Kritische Theorie der Frankfurter Schule aufgenommen, die in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts stark an Einfluss gewonnen hat.

Die grundlegende Theorie besagt, dass sich autoritäre Charakterstrukturen entwickeln, wenn jemand als Kleinkind von den Eltern autoritär behandelt wurde. Diese Prägung wäre später kaum beeinflussbar und zeichne sich durch Gewaltbereitschaft und Feindseligkeit gegen Andere und gegen Unterlegene aus. Es kommt zu Projektionen auf ethnische, politische oder religiöse Minderheiten, denen alles Böse unterstellt wird.

Die Notwendigkeit einer „demokratischen Erziehung“, in der das Kind mit seinem Gefühlen und Bedürfnissen geachtet wird, kann aus diesen Studien abgeleitet werden. Tatsächlich kam es in Westeuropa und in Teilen der USA zu einer Welle der gewaltfreien und anti-autoritären Erziehung. Sie schoss vielleicht manchmal übers Ziel, in dem den Kindern zu wenig Grenzen gesetzt wurden, hatte aber zur Folge, dass längerfristig die Gewalt gegen Kinder zunehmend verpönt wurde. Auch wenn bis heute die Gewalt aus den Kinderzimmern noch nicht vollständig verschwunden ist, wird sie von einer großen Mehrheit der Menschen in Westeuropa abgelehnt.

Der Bible-Belt und die schwarze Pädagogik

In den USA hat sich dieser Ansatz nur bedingt durchgesetzt. Die Staaten hatten keine Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten, und deshalb blieben in vielen Gegenden Traditionen aufrecht, die in der Vormoderne verwurzelt sind und deren rigide Erziehungsprinzipien mit der Unterstützung evangelikaler Kirchen und Sekten weiter praktiziert werden. Insbesondere im Südosten der USA, im sogenannten Bible-Belt sind Erziehungshaltungen verbreitet, wie sie vor der Aufklärung weitgehend selbstverständlich waren, aber seither, und vor allem seit dem Nationalsozialismus stark in Frage gestellt wurden. Auf diese Phänomene bezieht sich die Analyse von Harriet Fraad. 

Sie sieht in James Dobson den Hauptpropagandist einer Pädagogik, die ihren Zweck in der Unterordnung der Kinder unter die Herrschaft der Eltern sieht. Der „Erziehungsguru“ hat 17 Ehrendoktortitel von Hochschulen mit religiöser Trägerschaft erhalten und vertritt in seinen Reden und Büchern folgende Meinungen: Körperliche Bestrafung sollte auf jeden kindlichen Ungehorsam folgen und nicht etwa als letztes Mittel angewandt werden. Er ist zwar gegen Kindesmisshandlung, aber „ein bisschen Schmerz kann schon bei einem jungen Kind viel erreichen. Die Schläge sollen jedoch von ausreichender Härte sein, damit das Kind wirklich weint.“ Er glaubt, dass Männer die Verpflichtung gegenüber Gott haben, ihre Familien zu führen, und Frauen die Verpflichtung gegenüber Gott haben, sich der Autorität ihres Ehemanns zu unterwerfen. Außerdem hält er die Homosexualität für eine heilbare Krankheit.

In dieser Pädagogik geht es darum, den Willen des Kindes möglichst früh zu brechen, damit die unbedingte Bereitschaft zum Gehorsam nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Die Devise lautet: Wenn die Zeiten hart werden, musst du ohne jede Widerrede der Autorität gehorchen. Zwar ist diese Regel aus tribalen Zeiten abgeleitet, in denen es wichtig war, dass bei Gefahr nicht lange herumgeredet wurde. Aber in der schwarzen Pädagogik ist es der elterliche Stress, der die Not ausmacht, und schuld an diesen Belastungen sind immer die Kinder. Also müssen sie lernen, Befehle und Anordnungen ohne Widerspruch zu befolgen. 

Gehorsam als Überlebensstrategie

Nach dem französischen Philosophen Louis Althusser gibt es drei Systeme, die bewirken, dass sich die Menschen willenlos der staatlichen Autorität unterordnen, ohne dass diese Gewalt anwenden muss: die autoritäre Religion, die autoritäre Familie und das autoritäre Bildungssystem. Kinder, die in solchen Systemen aufgewachsen sind, haben gelernt, dass es das Beste ist, zu kuschen und zu gehorchen, dann sind sie sicher. Das sind Kinder, die wissen, dass es sinnlos ist, Befehle in Frage zu stellen oder dagegen aufzubegehren.

Sie haben gelernt, dass sie gehorchen müssen, auch wenn es gegen ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen geht. Wichtig sind nur die Bedürfnisse und Interessen der Autoritäten, mit dem Glauben, wenn diese befriedigt sind, gehe es allen besser. Sie wollen gar nicht wissen, was wirklich passiert, weil das zu viel Angst auslösen würde. Der allmächtige Vater muss unterstützt werden, um jeden Preis, denn sonst ist die eigene Sicherheit in Gefahr. Alle Fragen und alle Zweifel müssen ausradiert werden, damit der allmächtige Vater ein sicherer Anhaltspunkt bleiben kann. Dafür nehmen die Kinder in Kauf, dass sie ihre eigenen Wünsche zurückstellen, bis sie sie gar nicht mehr erkennen. Sie haben durch die Bestrafungen gelernt, dass ihr Wille und ihre Bedürfnisse schlecht oder böse sind, was so viel bedeutet wie dass sie selber schlecht und böse sind. 

Der Hass, aus dem die Eltern die Rechtfertigung für die Unterdrückung der Kinder ableiten, wird von den Kindern verinnerlicht und in einen Selbsthass umgewandelt. Später findet sich dann der Ausweg, den Selbsthass gegen andere Gruppen zu wenden – die sind dann die Bösen. Da sie Autoritäten vertrauen, glauben sie ihnen auch, wenn diese die Böse benennen und anklagen und folgen ihnen mit diesem Hass. 

Gegen die eigenen Interessen wählen

Aus dieser Dynamik wird auch verständlich, warum viele Menschen Politiker wählen und unterstützen, die gegen ihren eigenen Vorteil und gegen ihre eigenen Interessen ihre Politik betreiben. Es geht diesen Menschen nicht um ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen, denn sie haben gelernt, dass diese nicht wichtig sind – vielmehr geht es ihnen um die Bedürfnisse und Interessen der Autoritäten, denen sie folgen. Sie vertrauen ihnen blindlings und meinen, dass sie immer Recht haben, so wie der eigene autoritäre Vater immer Recht haben musste. Wenn die Führerfigur meint, dass das Einheben von Zöllen für alle im eigenen Land Vorteile bringt, dann unterstützen sie die Maßnahme, selbst wenn sie selber die Zeche zahlen müssen. Wenn die Autorität verkündet, dass die Ausländer an allem Schuld sind, dann befürworten sie deren Vertreibung, auch wenn sie gegen das Recht verstößt oder der Wirtschaft nachhaltig schadet. 

Geistige Dumpfheit

Eine Folge der autoritären Erziehung besteht in einer geistigen Dumpfheit, die als Folge der Unterdrückung der eigenen Impulse, Bedürfnisse und Willensäußerungen entsteht. Menschen mit dieser Geschichte sind nicht dumm, obwohl sie sich oft dumm, im Sinn der Selbstschädigung verhalten. Sie haben nur als Überlebensprinzip angenommen, dass das Nachdenken sinnlos und sogar gefährlich ist, weil es die Sicherheit unterminieren könnte, die eine gnädig gestimmte Autorität garantiert. Und deshalb müssen alle bekämpft werden, die an der Autorität zweifeln, sie kritisieren oder lächerlich machen.

Hier zum Podcast von Harriet Fraad.

Zum Weiterlesen: 

Aufklärung - der natürliche Feind rechter Ideologien
Hass, Zerstörung und Krieg
Taktiken zur Machtergreifung
Der Angriff auf den Wahrheitsbegriff von rechts


Sonntag, 30. Mai 2021

Das Ende des Gehorchens

 Jede von außen geforderte Disziplin ist mit der Erwartung von Gehorsam verbunden. Gehorsam ist gewissermaßen die zwischenmenschliche Komponente der Disziplin: Eine Disziplin, die für eine andere Person und deren Wollen ausgeübt werden soll. Es gibt auf der einen Seite eine Autoritätsperson, die bestimmte Handlungen einfordert, die sie will. Auf der anderen Seite gibt es die untergebene Person, deren Willen nichts zählt. 

Der Gehorsam kann mit verschiedenen Mitteln herbeigeführt werden, z.B. mit Zwang und Druck, mit Manipulation oder mit dem Versprechen von Belohnungen. Das Wort Gehorsam kommt im Deutschen von „Hören“, und es gibt auch die Redewendung: „Auf jemanden hören“ im Sinn von: „Jemandem folgen (im Sinn von Gefolgschaft leisten) oder gehorchen“. Der Stimme der Person, die den Gehorsam verlangt, muss gehorcht werden, sie hat das Sagen und ihr Wort ist mächtig. 

Die Forderung nach Gehorsam setzt also immer ein Machtgefälle voraus und ist typisch für Abhängigkeitsbeziehungen, die immer auch durch unterschiedliche Freiheitsgrade gekennzeichnet sind. Das Gehorchen wird in vielen Fällen von den Untergeordneten als unangenehm und missachtend erlebt, wenn der Sinn des Geforderten nicht nachvollziehbar ist. Manchmal kommen Gefühle der Erniedrigung und Demütigung dazu, vor allem dann, wenn der Befehl mit einer persönlichen Herabsetzung verbunden ist. 

Deshalb tun sich z.B. manche Menschen mit Corona-Regeln schwer, weil sie deren Begründungen nicht teilen und sich bevormundet und herabgesetzt fühlen. Andere wiederum, die an den Nutzen der Regeln glauben, erfüllen die Regeln freiwillig, und solche, die dazu noch viele Ängste vor einer Ansteckung haben, neigen zum Übererfüllen oder zum Einmahnen der Einhaltung der Regeln bei anderen, und fordern damit deren Gehorsam. 

Vor allem, wenn der Befehl mit einer Beschämung verbunden ist, ist der innere Widerstand gegen die Erfüllung des Geforderten groß. Selbst wenn die Einschätzung der Umstände zu dem Schluss führt, dass es opportuner ist, zu gehorchen, bleibt das verletzte, weil missachtete Selbstgefühl bestehen und bewirkt, dass das Anbefohlene nur widerwillig, fehlerhaft, langsam oder anderswie sabotiert wird. 

Denn ein beschämender Befehl, der mit der Abwertung der Person verbunden ist, von der der Gehorsam verlangt wird, will ihr das eigene Wollen absprechen. Anstelle des Eigenwillens soll der fremde Wille treten, der mit Gewalt gleichsam einen Teil des Selbst erobert. Dagegen muss sich das Selbst in irgendeiner Weise zur Wehr setzen und rächen, sei es auch nur mit der heimlichen Verachtung der Befehlsperson. 

Eine kleine Geschichte des Gehorsams

In der Abfolge der Generationen ist nicht selten zu beobachten, dass auf eine Generation mit sturen Regeln eine folgt, die die Zügel ganz locker lässt, worauf wieder eine folgt, die Regeln mit Nachdruck einfordert usw.  Zumindest in den sogenannten westlichen Kulturen gibt es darüber hinaus einen Trend, der wegführt von der Gehorsamsorientierung. Diese Erziehungsmaxime hat im Nationalsozialismus und in anderen Formen des Faschismus ihren Höhepunkt erlebt. Die dort propagierte Verbindung einer disziplinierenden, den Eigenwillen brechenden Erziehung und der Zurichtung von willfährigen Soldaten, die den Befehlen des Führers gedankenlos Gehorsam leisten, ist geradewegs in die Katastrophe des Weltkriegs gemündet. 

Gleichwohl hat die nachfolgende Generation die Militär- und Kriegstraumen der Väter abbekommen, indem viele Kriegsheimkehrer ihr Scheitern und ihren Frust auf ihre Kinder ausgelassen haben. Die erlittenen Demütigungen durch den erzwungenen Gehorsam wurden in vielen Fällen als autoritäres Gehabe an die Frauen und Kinder weitergegeben. Der Reflex auf diese destruktiven Dynamiken führte zur antiautoritären Welle der sechziger und siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit der massiven Kritik an der Gehorsamserziehung. Experimente mit neuen Formen, Kinder großzuziehen, wurden gestartet. Die Rechte der Kinder wurden zunehmend für eminent wichtig erachtet und unter gesetzlichen Schutz gestellt. Oft wurde allerdings in der Erziehung übers Ziel hinausgeschossen, indem jede Grenzsetzung und Forderung an die Kinder von einem schlechten Gewissen begleitet war. Seither ist die Suche nach einer Balance zwischen Konsequenz und Freiheit in der Erziehung im Gange. Gewaltfreiheit im gesellschaftlichen Konsens außer Streit, die körperliche Züchtigung von Kindern ist geächtet, auch wenn damit noch lange nicht alle Elemente der physischen und emotionalen Gewalt aus den Eltern-Kind-Beziehungen verschwunden sind. Doch sind viele Eltern der festen Überzeugung, ihre Kinder nicht zu schlagen, auch wenn sie selber damals noch als „gesund“ gerechtfertigten Watschen bekommen haben.

Gehorsam ist das zentrale Erziehungsziel in einer hierarchischen Gesellschaftsform und Bewusstseinsstufe. Sie hat schon auf den darauf folgenden Entwicklungsstufen nur mehr einen nachgeordneten Rang. Denn sozioökonomisch erfordert schon der Kapitalismus mehr als Gehorsam und Unterordnung. Der äußere Zwang wird zunehmend durch einen inneren ersetzt: Statt dass der Fabriksherr seine Arbeiter mit der Peitsche zur Arbeit zwingt, setzt die Gesellschaft fest, dass nur der, der arbeitet, auch zu essen bekommt. Jeder ist grundsätzlich frei und ohne Zwang, aber wer sich nicht in die vorgegebenen Arbeitsverhältnisse einfügt, geht zugrunde. Also wird es zur Erziehungsleitlinie, das Leistungsprinzip im Inneren der Kinder zu verankern. Sie sollen von klein auf darauf vorbereitet werden, lesen, schreiben und rechnen und was sonst noch notwendig ist, zu lernen, damit sie später im Konkurrenzkampf bestehen und ihre wirtschaftliche Existenz sichern können. Kinder sollen also lernen, dem implantierten Leistungsdenken zu gehorchen.

Dazu kommt allerdings, dass im Fortschritt des Kapitalismus immer mehr Kreativität und Ideenreichtum der Leute notwendig wird. Diese Qualitäten gedeihen aber nicht in einer Atmosphäre des Befehlens und Gehorchens, sondern erfordern entspannte und angstfreie Räume. Mitarbeiter, die sich mit der Firma, für die sie arbeiten, identifizieren, leisten mehr als solche, die ihre Arbeit widerwillig oder unter Druck tun. Deshalb gibt es Modelle der partizipativen und kooperativen Führung, in denen die intrinsische Motivation über das Befehl-Gehorsamsschema gestellt wird.

Das Führen mit Gehorsamserwartung ist nicht mehr modern, auch deshalb, weil es dem wirtschaftlichen Erfolg widerspricht. Hier geht die Entwicklung des Kapitalismus mit den Gedanken der Menschenrechte zusammen, zu denen die Über- und Unterordnung der Menschen, die Voraussetzung für das Befehlen, nicht passt. Alle Menschen sind von Grund auf gleich, deshalb darf es nicht vorkommen, dass eine Person der anderen den eigenen Willen aufzwingt. Alle Menschen sollen sich auf Augenhöhe begegnen können. Jenen, die aufgrund ihres Alters oder wegen Behinderung dazu nicht in der Lage sind, soll mit Respekt und Achtung begegnet werden. Damit hat der Gehorsam als Funktion des Befehlens ausgedient. Wer es nicht schafft, andere vom eigenen Wollen zu überzeugen und das Wollen der Bezugspersonen zu achten, ist weder zum Erziehen noch zum Führen geeignet. 

Von der Bildungsforschung und aus eigenen Erfahrungen wissen wir, dass Lernen unter gewalt- und bedrohungsfreien Bedingungen weitaus besser funktioniert als unter Gehorsamsbedingungen. Im entspannten Zustand, in der Sicherheit vor unerbittlichen Ansprüchen von Personen, von denen man abhängig ist, speichert das Gehirn am besten. Die Motivation, die aus dem eigenen Selbst kommt, ist der beste Garant für das innere Wachstum und für den Aufbau emotionaler und kognitiver Kompetenzen.

Das Prinzip des Gehorsams wird mehr und mehr auf Randbereiche beschränkt, in denen es noch Sinn macht: In der militärischen Befehlskette im Ernstfall oder in anderen Notsituationen. In allen anderen Bereichen geht der Respekt vor dem Eigenwillen der Mitmenschen vor jede Form der Überordnung und Herabsetzung. Gehorsamserwartungen haben keinen Platz in der Kommunikation freier Bürger noch zwischen Eltern und Kindern.

Zum Weiterlesen:
Disziplinierung und Selbstdisziplin
Autonomie und Disziplin


Freitag, 29. November 2019

Das Giersystem im Kapitalismus

Vereinfacht können wir das kapitalistische Wirtschaftssystem als einen Motor der Gesellschaftsentwicklung verstehen, der auf ein paar menschlichen Antriebskräften, die sich im Lauf der Evolution entwickelt haben, beruht. Es sind dies vor allem die Angst und die Gier. Dazu kommen zwei abstrakte Grundannahmen: der Markt und die Zahl. Diese Kombination aus Gefühlen und Ideologien hat sich als enorm erfolgreich erwiesen. 

Der Kapitalismus hat Wohlstandsgesellschaften mit einem nie vorher dagewesenen Ausmaß an Luxus hervorgebracht. Viele Menschen auf der Erde haben genug zu einem ausreichend guten Leben, immer weniger Menschen hungern oder vegetieren am Existenzminimum. Natürlich ist jeder Mensch, der hungert, einer zu viel und natürlich sollte dem abgeholfen werden.

Andererseits hat der Kapitalismus einem Menschenbild zum Durchbruch verholfen, das die menschliche Leistungskraft in das Zentrum stellt, dem alles andere untergeordnet wird. Der Wert eines Menschen bemisst sich nach seinem Beitrag zum Wirtschaftssystem.  Dementsprechend soll der Wohlstand gestaffelt werden, zumindest in der Ideologie. Darum gilt als tüchtig, wer reich ist. Und wer es nicht zum Reichtum schafft, hat zu wenig geleistet und zählt weniger als Mensch.

Die Spannbreite der Wirkung des Kapitalismus auf die Menschen reicht von primitiven Emotionen bis zu mentalen Konstruktionen und Fiktionen. Das trägt zur Macht und Durchsetzungskraft dieses Systems bei, das die ganze Menschheit in Bann gezogen hat.

Die Erzählung des Kapitalismus


Die Hauptfiktion im ideologischen Modell des Kapitalismus liegt darin: Der Mensch sei ein Einzelkämpfer. Die Ideologie ist eine Folge des Kapitalismus mit seiner erodierenden Wirkung auf solidarische Sozialformen und dient zugleich zu seiner ideologischen Rechtfertigung. Das Soziale am Menschen ist in diesem Modell sekundär und fragil, ein Luxusprodukt, das in Extremsituationen außer Kraft gesetzt wird, und der Kapitalismus ist so beschaffen, dass er fortwährend Extremsituationen produziert und damit die Solidarität außer Kraft setzt.

Das Prinzip der Zahl besagt, dass alles ins Unendliche weiter wachsen kann. Der Kapitalismus macht daraus: Es muss alles weiter wachsen. Die Zahlenreihen sind endlos, und dieses Prinzip, auf die Wirklichkeit der Ökonomie übertragen bewirkt den Wachstumsmotor: Es muss immer mehr produziert werden.

Auf die Natur bezogen, der das Prinzip der Zahl fremd ist, bedeutet diese Dynamik eine zunehmende Ausbeutung der globalen Ressourcen, die Hauptursache für den gefährlichen Klimawandel.

Das Prinzip der Zahl passt zur Gier. Sie will immer mehr und kann sich nie zufrieden geben mit dem, was ist. Ist der Hunger kurzfristig gestillt, gibt es nur eine Verschnaufpause. Kaum meldet sich ein Bedürfnis, kommt die Gierdynamik wieder in Gang und fordert noch mehr als vorher. Wäre der Mensch nicht sterblich, würde die Gier bis in alle Ewigkeit weiterwirken. Nietzsche meinte, dass die Lust Ewigkeit will, aber vermutlich ist es die Gier hinter der Lust, die kein Ende finden und akzeptieren kann.

Diese Unersättlichkeit passt zum Kapitalismus. Die Zufriedenheit ist der Tod der Wachstumsmaschine, deshalb macht dieses Wirtschaftssystem alles, damit die Menschen unzufrieden bleiben und nie zur Ruhe kommen. Sie können nicht genug Waren haben, sondern müssen sich beständig Neues leisten. Die Langlebigkeit von Produkten war einst ein Qualitätsmerkmal und wurde offensichtlich sukzessive durch die Obsoleszenz ersetzt, durch die geplante Funktionsuntüchtigkeit von Geräten nach Ablauf der Garantiefrist. Ich besitze ein Nokia-Handy, das seit 18 Jahren seinen Dienst tut, und ein Samsung-Tablet, das nach zweieinhalb Jahren aufgegeben hat – Reparatur erwartbar teurer als eine Neuanschaffung.

Man könnte den Kapitalismus als ein System der fortlaufenden Erzeugung von Unzufriedenheit bezeichnen. Paradoxerweise arbeitet er mit Zufriedenheitsversprechen , so als könnte der Besitz eines neuen Produkts der Seele endlich Frieden geben, aber jeder Mensch weiß eigentlich, dass Dinge keinen Frieden schenken können, und dennoch vergessen wir es immer wieder, verlockt von den glitzernden Angeboten in den hell erleuchteten Schaufenstern.

Ein Beispiel: Die Gier in den sozialen Medien


Gefunden auf Facebook ;-): Unlängst hat der belgische Politiker Guy Verhofstadt auf eine Instrumentalisierung des Kapitalismusprinzips der Zahl hingewiesen: In einer Rede hat der Chef von Facebook, Mark Zuckerberg die eigene Medienpolitik mit der Beschwörung der Meinungsfreiheit gerechtfertigt. Staatliche Kontrollen der Veröffentlichungen im Medium, um z.B. demokratiefeindliche, faschistische, hetzerische und gefakte Nachrichten zu unterbinden, würden die Meinungsvielfalt einschränken und damit ein menschliches Grundrecht verletzen. Verhofstadt weist dagegen nach, dass es Zuckerberg nicht um das Grundrecht auf Meinungsfreiheit geht, sondern um das Prinzip der Zahl: Je mehr Klicks produziert werden, desto höher sind die Werbeeinnahmen. Jede Beschränkung der Inhalte durch eine politische Kontrolle im Sinn der Stärkung der Demokratie reduziert den Verkehr im sozialen Medium und verringert den Börsenwert des Unternehmens. Darin spiegelt sich das Prinzip der Gier im Kapitalismus – und die Perfidie seiner Vertreter, die zu Verschleierung ihrer Gewinninteressen liberale Grundsätze in den Mund nehmen.

Es braucht eine starke demokratische Öffentlichkeit, um kapitalistische Exzesse zu zügeln und die Wirtschaft in einen sozialverträglichen und menschengerechten Rahmen einzupassen. Seit dem 19. Jahrhundert werden Sozialgesetze erlassen, um die Opfer der kapitalistischen Ausbeutung zu unterstützen. Das Versicherungsprinzip ist ein Modell der Solidarität, das Menschen in Krisensituation vor dem Absturz bewahrt hat. An diesen Errungenschaften darf nicht gerüttelt werden, vielmehr ist es dringend gefordert, die Netze der Solidarität auszubauen – das kapitalistische Wirtschaftssystem hat daran kein Interesse.

Nachhaltige Kindererziehung


Es braucht nachhaltige Formen der Kindererziehung, die die Entstehung von Gierstrukturen in den Seelen der Kinder hintanhalten, indem sie die emotionalen Bedürfnisse der Heranwachsenden hinreichend erfüllen und sie mit Verständnis und Liebe ins Leben hineinbegleiten. Kinder wissen von Anfang an, dass sie ihr Glück in sich selbst und in liebevollen Beziehungen finden können. Wenn dieses Licht bis ins Erwachsenenalter erhalten bleiben kann, ist ein effektives Immunsystem gegen die Verlockungen und Manipulationen des Wirtschaftssystems entstanden. Dann kann ein Leben gelebt werden, dass von innen gesteuert ist und nicht von den Bedürfnisse äußerer Gewinnmaximierer.

Das Bildungssystem hat einen ebenso wichtigen Auftrag, den Jugendlichen die Mechanismen der Bedürfnismanipulation zu verdeutlichen und Wege zu vermitteln, mit denen solche Instrumentalisierungen bewusst gemacht werden können. Jugendliche sollen die Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen stärken, indem sie die Strategien durchschauen lernen, mit denen ihnen das Geld aus der Tasche und die Lebensfreude aus der Seele gezogen werden.

Zum Weiterlesen:

Sonntag, 30. Oktober 2016

Was tut gut an der Wut?

(In diesem Artikel werden die Begriffe Wut, Zorn und Aggression synonym verwendet.)

Wut ist eine schwierige Emotion, weil sie zerstörerisch wirken kann, wenn sie keine Grenzen kennt, und die Lebenskraft einschränkt, wenn sie beschnitten ist. Jedes heranwachsende Kind stellt um das zweite Lebensjahr herum seine Eltern vor die Aufgabe, mit seiner Wut zurechtzukommen. Es erlebt seinen Willen und die Einschränkungen, die ihm auferlegt werden. Daran entzündet sich der Zorn.

Zorn in der Kindererziehung


Die Eltern können mit diesem Zorn in dem Maß umgehen, wie sie mit ihrem eigenen Zorn zurechtkommen. Und diese Kompetenz hat sich maßgeblich in der eigenen Kindheit ausgeprägt. Haben sie in ihrer Kindheit gelernt, dass das eigene Wütendsein zu Liebesverlust und Abwertung führt, so besteht die Kompetenz nur darin, Angst vor der eigenen Wut zu erleben. Die Kraft der Wut ist dann in einer Angst eingekapselt. Oder sie haben gelernt, dass es für die Wut keine klaren Grenzen gibt, sodass sie, für sich selber uneinsichtig, in manchen Situationen übermäßig wütend werden und in anderen sich zuviel gefallen lassen. Die Wut schießt einmal massiv nach außen und zerstört unnötig viel und steht ein andermal nicht zur Verfügung, wo sie gebraucht würde.

Der wirklich kompetente Umgang mit der eigenen Aggressivität wird dann erworben, wenn die Eltern keine Angst vor der Wut ihrer Kinder haben. Dazu müssen sie die eigene Wut kennen und handhaben können. Sie können spüren, wenn sie zornig sind, müssen das aber nicht in jeder Situation ausleben. Sie haben ein wertschätzendes Verhältnis zu diesem Gefühl, ohne es zu verherrlichen. Sie wissen um die Wichtigkeit, einen guten Zugang zur eigenen Lebenskraft und Selbstbestimmtheit zu haben, und um die Notwendigkeit, die Äußerung von Zorn dosieren und situationsadäquat anpassen zu können. 

Mit dieser inneren Sicherheit und Stärke können sie die Kinder gut durch die Zeit der Entdeckung des Zorns führen. Sie werden ihre Kinder nicht für ihren Zorn abwerten, missachten oder sogar bestrafen, sondern verstehen, dass das Gefühl eine Bedeutung und einen Sinn hat, auch wenn dieser nicht immer verstanden werden kann. Zugleich werden sie dem Kind mit ihrer eigenen aggressiven Kraft Grenzen setzen. Diese Kraft kommt im besten Fall aus der Macht des Herzens, also aus einer Liebe, die Grenzen setzen kann, ohne zu verletzen und herabzusetzen. 

Mit solchen Erfahrungen lernt das Kind mit der Zeit, ein Verhältnis zur eigenen Emotionalität zu entwickeln, das beiden Seiten gerecht wird. Einerseits wird die Wut als Quelle der Kraft, der Durchsetzung eigener Interessen, des Ausdrucks von Bedürfnissen und der Wahrung von wichtigen Grenzen wertgeschätzt. Andererseits wird ihr zerstörerisches Überborden verhindert, indem die Wut nie die Alleinherrschaft im Bewusstsein erlangen kann, sondern ihr immer noch eine Instanz vorgelagert ist, die den emotionalen Ausbruch eindämmt und umfängt. Das ist der Riegel, der verhindert, dass sich die Wut in Gewalttätigkeit verwandelt, die keinen Respekt für die Würde anderer Menschen und für den Wert von Dingen kennt und sich in sinnloser Zerstörung selbst vernichtet.

Die Unterdrückung der Wut und die Folgen


Die unterdrückte Wut sucht sich andere Kanäle. Eine Vermutung besteht darin, dass die Menschheit immer wieder Kriege untereinander beginnt, weil damit dem Zorn ein legaler Weg eröffnet wird. Die aggressiven Strebungen werden für ein Ziel eingesetzt, das einem höheren Zweck dienen soll. Jeder Krieg stellt eine enorme Entfesselung der Wut und zugleich deren weitere Unterdrückung dar. Die ganze Aggression muss nach außen gerichtet werden, auf die Vernichtung des äußeren Bösen, das im Feind kristallisiert ist, während das Innere der Gesellschaft frei von Zorn bleiben muss. Jede falsche Orientierung der Wut wird strengstens bestraft.

Deshalb wirken Kriege nie als Therapeutikum, nicht einmal in Hinblick auf die Ökologie der Wut. Die Gewinner wie die Verlierer eines Krieges schleppen ein verunsichertes Missverhältnis zu diesem Gefühlskomplex weiter und übergeben es der nachfolgenden Generation, die wiederum kein ausgeglichenes Verhältnis dazu entwickeln kann.

Bedenkenswert ist auch der Raum für die Wut in der digitalen postmodernen Welt. Wir benötigen immer mehr Feinsteuerung im Umgang mit den komplexen digitalen Geräten, und das verträgt sich nicht mit der Grobheit dieses Gefühls. Wenn wir wütend sind, vertippen wir uns und finden nichts im Dschungel der Apparate. Ein Wutschwall kann die Arbeit eines halben Tages vernichten. 

Deshalb braucht diese Welt ein hohes Maß an Wutkontrolle und -unterdrückung. Sie fordert Personen, die wie Maschinen fehlerfrei und daueraktiv funktionieren. Die Wut, die eine solche Forderung naturgemäß in den Menschen hervorruft, muss auf besondere Weise unten gehalten werden, weil sie die Existenzberechtigung in der digitalen Gesellschaft untergräbt. Die Naturferne im digitalen Raum ist auch eine Gefühls- und insbesondere eine Wutferne.

Deshalb muss sich die Wut heutzutage kreative Nischen suchen, z.B. im Sport, der vielen dazu dient, die Spannungen, die sich im Körper unter den Anforderungen der funktionalen Berufswelt aufbauen, wieder loszuwerden. Wo kein kreativer Weg gegangen wird, gerät die Wut in ungesunde Kanäle, sei es als Aggression und Hass gegen Andersdenkende oder Randgruppen, sei es als Selbstaggression in Süchten und Abhängigkeiten bis zu Autoimmunerkrankungen.

Bevor es dazu kommt, ist es ratsam, sich von innen her mit die verschiedenen Facetten der Wut zu beschäftigen, um sie kennenzulernen und mit ihnen kreativ und konstruktiv umgehen zu können.

Zum Weiterlesen:
Der Bösewicht in uns
Die Wut - das herausforderndste Gefühl
Die passive Aggressivität