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Mittwoch, 30. August 2017

So bin ich: Noch nie dagewesen

Wir alle verfügen über spontane Verhaltensmuster für Stresssituationen, die uns angeboren sind oder die schon früh geprägt sind. Grob gesagt, folgen sie dem Schema Kampf oder Flucht, d.h. wir neigen eher entweder zu impulsivem oder zu vermeidendem Verhalten, wenn wir unter Druck sind. Diese Spontanstrategien haben wir von früh an aufgenommen, vielleicht ist die Präferenz auch schon genetisch angelegt. Jedenfalls bestärkt sich die jeweilige Tendenz durch die wiederholte Anwendung im Krisenfall, sodass wir lernen, uns auf diese Weise abzusichern. Zusätzlich bilden wir die Meinung aus, dass die eigene Strategie die einzig sinnvolle ist, was auch soweit verständlich ist, weil wir mit der gegenteiligen Strategie keine Erfahrungen sammeln.

Nehmen wir ein Beispiel: Jemand bietet uns eine neue Stelle an, und sagt, dass wir schnell zugreifen müssen, weil sonst jemand anderer zum Zug kommt. Ein impulsiver Mensch wird sich nur wenig informieren und die Entscheidung rasch treffen, während sich ein vorsichtiger Mensch mehr Zeit nehmen will, um alle Details zu überprüfen, und dadurch unter Umständen die Gelegenheit verstreichen lässt. Der Impulsive dagegen trägt das Risiko einer falschen Entscheidung.

Es gibt keine richtige oder falsche Strategie, keine ist besser oder schlechter, obwohl wir deshalb auch untereinander in Streit geraten können: Warum muss ich so lange warten, bis du dich entscheidest? Warum entscheidest du dich, ohne nachzudenken? Jeder Mensch kann tausende Gründe dafür anführen, weshalb sein Reaktionsmuster besser ist als das des anderen, es wird die andere Person nicht beeinflussen, weil Menschen vor allem in Stresssituationen auf das bewährte und bekannte Muster zurückgreifen und das Erproben eines neuen Musters nur zusätzlichen Stress verursachen würde.

Allerdings haben wir alle die Möglichkeit, unser eigenes Verhalten zu verbessern, wenn wir unsere Tendenz kennen, indem wir nach der jeweiligen Situation abwägen, ob wir ihr folgen sollten oder ob eine andere Strategie besser wäre. Auch wenn sich eine Strategie in hundert Fällen bewährt hat, heißt es nicht, dass sie für die gerade gegebene Situation optimal ist.

Wenn uns vorgehalten wird, dass wir mit unserer Strategie Schiffbruch erlitten haben, sagen wir gerne: Ich bin eben so, und ich kann nicht einfach ein anderer Mensch werden, ich habe es schon immer so gemacht. Auch wenn das letztere Argument stimmen mag, sollten wir uns nicht durch die beiden anderen Sätze einschränken. Wir sind nicht durch unsere Vergangenheit determiniert, sondern entnehmen ihr nur Gewohnheiten, Sicherheiten und Vorlieben. Nicht einmal in unserer Identität sind wir starr festgelegt, vielmehr haben wir uns im Lauf unseres Lebens beständig weiterentwickelt. Wir können in jedem Moment Neues ausprobieren, aus dem gewohnten Muster ausbrechen und mit noch nicht dagewesenen Verhaltensweisen experimentieren.

Dabei hilft uns die Reflexion, die wir zwischen der automatisch auftauchenden Reaktion auf eine herausfordernde Situation und der tatsächlichen Handlung einflechten können: Meine unmittelbare Reaktion besagt A (z.B. die Chance sofort ergreifen); was wäre aber, wenn ich diesmal B (jemanden fragen, was sie davon hält) ausprobiere? Welche Vorteile könnte mir das bringen, mit welchen Nachteilen muss ich rechnen?

Auf diese Weise schule ich meine Flexibilität und Kreativität. Die Unberechenbarkeit, der ich dabei in mir mehr Raum gebe, ist sogar ein Evolutionsvorteil: Natürliche Feinde tun sich am schwersten damit, uns zu erbeuten, wenn sie nicht wissen, wie wir reagieren (diese Einsicht könnte uns behilflich sein, wenn wir es mit unzuverlässigen Menschen zu tun haben, dass wir ihnen gegenüber freundlich bleiben können). Unsere hartnäckigen alten Muster erwischen uns nicht, wenn wir gar nicht dort fixiert sind, wo sie uns normalerweise vorfinden.

Es braucht immer ein Stück Mut, sobald wir aus alten Schienen ausbrechen, und es lohnt sich, wie immer, wenn wir mutig sind, weil sich dadurch unser Selbstvertrauen stärkt. Und ein kräftigeres Selbstvertrauen ermöglicht uns, in künftigen Situationen noch mehr Möglichkeiten auszuprobieren und damit unseren Freiheits- und Gestaltungsraum zu erweitern. Wir gewinnen mehr Macht für und über unser eigenes Leben, weil wir es in der Folge in einem größeren Ausmaß selber bestimmen können, statt dass es von außen bestimmt wird.

So bin ich eben: Nicht nur ein Bausatz aus vorgefertigten Versatzstücken, sondern ein flexibel wachsendes Projekt im Werden, das sich in jedem Moment neu erfinden kann: Hört, hört, so bin ich: Noch nie dagewesen.

Montag, 17. März 2014

Vom Immer-wieder-Anfangen

In jedem Moment beginnt das Leben von neuem, weil es keine Vergangenheit gibt, die die Zukunft vollständig determinieren könnte. Wir können jeden Atemzug, den wir nehmen, als neu erfahren. Kein anderer war je zuvor so wie dieser. Von der Lebensoffenheit, mit der wir uns diese Frische des Lebens immer wieder bewusst machen können, sind wir meist weit entfernt.

Ein Grund dafür liegt in unserer Leidenschaft für Gewohnheiten. Laufen die Dinge in ihren gewohnten Bahnen, dann ist es am einfachsten für uns, sie so weiter laufen zu lassen, bis uns fad wird oder bis wir auf Widerstände stoßen. Das ist besonders der Fall nach schwierigen Erfahrungen, nach begangenen groben Fehlern und nach Schicksalsschlägen. Wir erleben solche Ereignisse wie eine Art von Abbruch in unserer Lebenslinie: So, als gäbe es ein Davor bis zu dem, was passiert ist, in dem die Welt in Ordnung war, und ein Danach, das nur als bange Frage im Raum stehen bleibt.

Dann ist es so, dass wir zu einem neuen Anfang gezwungen werden, und das Anfangen ist mit dem noch nicht verwundenen Schrecken verbunden, vor allem dann, wenn er sich wie eine unüberwindliche Hürde darstellt.

Es gibt Menschen, die bei jedem Aus-dem Haus-Gehen vor dieser Hürde stehen, andere, die vor den kleinsten Verrichtungen zaudernd steckenbleiben, unfähig sich zu bewegen. Was immer solche Blockierungen im Lebensfluss bewirkt hat, es ist wichtig, sie zu überwinden, damit das Leben im Fließen bleibt.

Wir können daran erkennen, dass es einer besonderen Kraft bedarf, um einen Anfang setzen zu können. Doch lohnt sich die Anstrengung, denn jeder gelungene Beginn kann auch zu einer besonderen Klarheit und Weitsichtigkeit verhelfen. Der erste Pinselstrich des Malers kann dem Bild die Gestalt geben, der erste Satz den Roman in Fahrt bringen. Die erste Idee und ihr Schwung können ungeahnte Leistungen initiieren.


Neubeginnen als Lebenskunst


Was für die schönen Künste gilt, gilt besonders für die Kunst des Lebens: Immer wieder anfangen, jeden Tag neu beginnen, aus dem Nichts erwachend, die Wirklichkeit beim Aufstehen neu konstruieren. Oft weiß ich nicht, wo ich gerade bin, wenn ich aufwache. Es fühlt sich wie ein fremder Ort an, ohne zu wissen, welcher es ist. Mit dem Klären des Bewusstseins kommt auch der Ort, an dem ich gerade bin, und der Tag, der gerade begonnen hat.

Noch feiner betrachtet, können wir erkennen, dass jeder Moment ein Neubeginn ist. Mit jedem Moment verabschiedet sich das Alte und unsere Geschichte setzt einen Anfang. Mit jedem Moment öffnet sich ein neues Kapitel, ein neues Stück und eine neue Welt.

Warum erscheint uns das nicht so? Warum gelingt es uns nur selten, die Neubeginne unseres Lebens zu erkennen? Wir haben so viele Programme in uns, tauschendfach mehr als das beste Satellitenfernsehen, Programme, die dauernd im Hintergrund laufen und dafür sorgen, dass es so scheint, als würde alles so weiterlaufen, als würde eins ins andere übergehen.

Deshalb haben wir uns ein Zeitmodell konstruiert und eingebaut, in dem das Vorher noch in den Moment hereinreicht und in das Nachher weiterwirkt. Diese Verschränkung der Momente verhilft uns zu einem Gefühl der Identität in der Zeit. Allerdings übersehen wir auch leicht das Neue am Neuen, weil wir das Bekannte im Neuen suchen, um uns unserer eigenen Identität zu versichern. Wir wollen, dass das Bekannte in der Zukunft bestehen bleibt, zusammen mit dem, was wir selber sind. Ängstlich, unseren inneren Zusammenhalt zu verlieren, basteln wir uns die Zusammenhänge unserer inneren Kontinuität zusammen und schreiben unsere Geschichte in immer wieder aktualisierten und korrigierten Geschichten, gewoben aus den Fäden der Vergangenheit als Sicherheitsnetz für die Zukunft.

Das Neu-Anfangen lohnt sich einmal in Beziehung zu uns selbst. Auch über uns selbst pflegen wir die unterschiedlichsten Erwartungen und Annahmen: Das kann ich, und jenes nicht, da bin ich gut und in diesem Bereich schlecht. Oft stecken hinter diesen Vormutungen Schlussfolgerungen aus Erfahrungen, die uns vor langer Zeit geprägt haben. Was passiert, wenn wir diese Prägungen fallen lassen und Dinge ausprobieren, die wir vermieden haben, weil wir von uns meinten, dass sie uns eben nicht liegen? Was passiert, wenn wir einfache Abläufe anders machen, z.B. anders gehen, beim Geschirrspülen eine andere Körperhaltung einnehmen, die Menschen in unserer Umgebung anders anschauen usw. 


Beziehungen neu gestalten


Auch in unseren sozialen Beziehungen lohnt sich das Neu-Anfangen. Wir gestalten sie gerne aufgrund unserer Erwartungen und Annahmen, die wir als Teile unserer Identität abgespeichert haben. Denn die Bilder der anderen, die wir tief in uns abgelegt haben, prägen unser Inneres. So bilden sich die Vorurteile und Stereotypen: Die Person X ist laut und überheblich (weil sie oft schon so war, aber vermutlich nicht die ganze Zeit).

Machen wir uns doch einmal bewusst, dass wir mit der Person X neu anfangen können. Begegnen wir ihr neu, dann werden wir Verschiedenes und Unterschiedliches wahrnehmen: Lautes und Dominantes, Ruhiges und Zurückhaltendes, und alles mögliche andere dazwischen. Wir erhalten ein buntes Bild statt eines fahlen schwarz-weißen Klischees. Mit bunten Bildern können wir mehr anfangen, im doppelten Sinn. Wir haben mehr Verhaltensmöglichkeiten zur Verfügung und können flexibler kommunizieren, und wir können etwas Neues beginnen - ein Gespräch über ein Thema, über das wir noch nie geredet haben, eine gelassenere oder humorvolle Reaktion auf ein herrisches Verhalten usw.

Die Folge: Ein starres Beziehungsmuster ist plastisch geworden, und damit ist Wachstum und Entwicklung möglich, in uns selber und im Dazwischen.

Manchmal sagen wir: „Mit diesem oder jenem kann ich nichts anfangen.“ Da gibt es etwas, das uns begegnet, das wir nicht fortsetzen wollen oder können. Es soll so bleiben, wie es ist, ohne unsere kreative Zutat. Wir schotten uns ab vor diesem Teil der Wirklichkeit, und haben auch unsere Gründe dafür. Die Wirklichkeit ist so vielgestaltig, dass wir nicht überall etwas Sinnvolles anfangen können. Doch ist es gut, dass wir uns bewusst machen, wo wir auf das Anfangen verzichten und warum uns das notwendig erscheint.

Insbesondere, wenn es um Menschen geht, die wir auf diese Weise aus unserem Leben ausklammern, können wir uns fragen, ob wir uns hinter Grenzen verstecken, die wir vielleicht gar nicht (mehr) brauchen. Offenbar fordern sie von uns etwas, das wir uns selber nicht zutrauen. Wir müssten über eine Grenze gehen, die uns wichtig oder gewohnt geworden ist, weil sie etwas in uns beschützt. Oft handelt es sich um einen Stolz und eine Überheblichkeit, Gefühle, die aus Ängsten entstehen, die wir nicht spüren wollen. So ist es einfacher, die andere Person, die diese Gefühle auslöst, links liegen zu lassen oder sie gar zu verachten, statt dass wir uns den eigenen Schatten stellen. Dann kann nämlich ein neuer Anfang geschehen, indem wir eine neue, offenere Brille aufsetzen.

Wiederum: Es muss uns nicht möglich sein, mit allen Menschen in unserer Umgebung eine friedliche und offene Ebene zu finden. Wir können aber aus jeder Begegnung, die unsere Offenheit herausfordert, besonders viel über uns selbst und unsere sozialen Ängste lernen. Wir brauchen nicht von uns zu verlangen, dass wir frei sein müssten von solchen Ängsten. Besser ist es, wenn wir uns als wachsende Wesen verstehen, indem wir uns immer wieder bereit machen, aus einem Neubeginn im Moment Kraft zu schöpfen. Jedes neue Anfangen bedeutet, eine Grenze hinter uns zu lassen, die uns vielleicht früher als unüberwindlich erschienen ist.

Dienstag, 27. November 2012

Einfachheit und Komplexität


Die Natur hat eine innere Richtung, die von der Einfachheit zur Komplexität führt. Ein Einzeller funktioniert einfacher als ein Vielzeller, Lebewesen mit einem Nervensystem komplexer als solche ohne. Menschen haben einen Komplexitätsgrad erreicht, der ihnen selber manchmal Komplexe macht. 

Auch in der kulturellen Entwicklung der Menschheit erkennen wir diesen Trend von der Einfachheit zur Komplexität: Stammesgesellschaften brauchen wesentlich weniger Regeln und Kompetenzen, um überleben zu können als eine moderne Großstadtgesellschaft. In meiner Jugend gab es Telefone mit Wählscheiben und Fernsehgeräte mit einem Programm, jetzt muss man das Tippen mit dem Daumen beherrschen, um Nachrichten übermitteln zu können und muss hunderte Fernsehsender unterscheiden können. Immer mehr Fertigkeiten, immer mehr Wissen wird benötigt, um die Orientierung in der Welt zu schaffen und um einen sinnvollen Beitrag zu dieser Welt leisten zu können.

Die Systemtheorie hat erkannt, dass es keine wirkliche Alternative zum Wachsen in der Komplexität gibt. Überall, wo diese Entwicklung stagniert, kommt es früher oder später zum Verkümmern und zum Absterben dieser Lebensformen. Stillstand ist gleichbedeutend mit dem Tod, der dadurch gekennzeichnet ist, dass die Zellen ihre komplexen Abläufe einstellen und sich in einfache anorganische Materie verwandeln. Daneben wächst das Leben weiter, unbesehen von Sackgassen und erfolglosen Versuchen der Entwicklung. Was sich bewährt in der Evolution, wird bewahrt und bildet die Grundlage für weitere Umgestaltung. Was weniger Überlebenswahrscheinlichkeiten ermöglicht, wird mehr und mehr an den Rand bedrängt, bis es verschwindet. Vielleicht sind deshalb die Neandertaler verschwunden, ist das römische Reich untergegangen und endeten Hitlers Größenwahnideen von einem Tausendjährigen Reich nach kurzer Zeit in der Katastrophe.

Wir müssen also wachsen, wenn wir leben wollen. In den frühen Jahren unseres Lebens spüren wir diesen Zug zum Wachsen in unserem Körper, der erwachsen werden will. Ab einem gewissen Zeitpunkt wachsen nur mehr die Haare und Nägel, und doch muss sich unser Nervensystem, und insbesondere unser Gehirn weiter entwickeln. Dieses Müssen ist ein Nicht-Anders-Können-Als. Die zunehmend komplexer werdende Umwelt fordert unsere inneren Systeme zur Differenzierung und Spezialisierung, also zum Weiterwachsen heraus.

Natürlich haben wir die Wahl, uns dem Zwang zur Komplexität zu entziehen.  Es packt uns der Wunsch, dem ganzen Wahn zu entfliehen und ein einfaches Leben zu wählen, ohne Handy und Computer, ohne High Tech und Auto. Was aber suchen wir in der Einöde? Ein tieferes Einlassen auf die Natur – und deren Komplexität? Ein ernsthafter Blick nach innen und die Entdeckung der inneren Komplexität? Jede Einfachheit, die wir uns erwerben oder gönnen, konfrontiert uns mit neuer Komplexität. 

Wenn wir nicht nicht wachsen können, heißt das auch, dass wir nicht nicht kreativ sein können. Jeder neue Moment gibt uns die Gelegenheit für eine neue Idee, eine neue Sichtweise, eine neue Erkenntnis. Kreativität ist keine auf Genies beschränkte Sondereigenschaft, sondern ist die Lebenskraft selber, die sich in jedem Wesen, und in besonderer Weise in jedem Menschenwesen äußert. Was unsere Kreativität und damit unser Wachstum zu mehr Komplexität einschränkt, sind Ängste und die damit verbundenen unbewältigten inneren Themen. Wenn uns eine Angst beherrscht, erstarren wir, und wir werden bewegungsunfähig. In solchen Zuständen stagnieren wir und bleiben an dem Punkt stecken, an dem wir uns gerade befinden. Wir drehen uns im Kreis, vor allem, wenn uns die Ängste in den Kopf gestiegen sind und zwanghafte Denkformationen auslösen, die immer nur mehr vom Gleichen produzieren. 

Lösen sich jedoch solche Angstmuster, dann erleben wir die Welt gleich anders und neu, und freuen uns am Wachsen und an der Flexibilität. Dann wollen wir mehr vom Anderen, Überraschenden, Unvorhersehbaren. Dann tauchen wir ein in das Fließen des Lebens, das uns vor immer wieder neue Situationen stellt, uns immer wieder neue Fragen stellt und uns zu immer wieder neuen Antworten anregt. Und überraschender Weise können wir aus solchen flow-Erfahrungen zu einer neuen Einfachheit finden.

Wenn wir auf einer bestimmten Stufe unserer inneren und äußeren Entwicklung einen Zusammenhang von Komplexität gemeistert haben, wenn wir also gelernt haben, souverän damit umzugehen, gewinnen wir ein neues Niveau von Einfachheit, das uns wieder motiviert, neue Situationen der Komplexität aufzusuchen. So wirken wir der Gefahr entgegen, von der Komplexität erstickt und erdrückt zu werden. Der Fluss des Lebens führt uns weiter von ruhigeren zu turbulenteren Strömungen, und wieder weiter zu Phasen des Ausruhens und Integrierens. Wir brauchen uns nur ihm anzuvertrauen, sprich von unseren Ängsten frei zu werden. Dann finden wir die Freude an der Komplexität wieder, die wir als Kinder hatten, als wir unseren Zugang zum Faszinosum dieser Welt mit Begeisterung beschritten haben.

Es lohnt sich, den Mut zu wachsen wirken zu lassen. 

Donnerstag, 1. März 2012

Wirtschaft ohne Wachstum?

Hier geht es um ungeordnete Gedankenspiele zu einem komplexen Thema, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Stringenz oder Fachlichkeit.

Das Wirtschaftswachstum wird als ein wichtiger Kennwert für die „Gesundheit“ einer Volkswirtschaft angesehen. Wächst die Wirtschaft, kann nichts schiefgehen, und wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, um die Wirtschaft und damit um uns selbst. So lautet die Botschaft.

Die Angst vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung ist so groß, dass der Ausdruck „Minus-Wachstum“ erfunden wurde, um die Worte „Schrumpfung“, „Verkleinerung“, „Abnahme“ zu vermeiden, die Ängste auslösen könnten. Wir freuen uns, wenn etwas größer wird, weil wir mit Leben Wachstum verbinden. Rückgang assoziieren wir mit Einschränkung, Schwächung, Verringerung. Wir wollen mehr und mehr und leiden, wenn zu wenig da ist oder wenn das, was da ist, weniger wird.

Der Kapitalismus gewinnt seine Überzeugungskraft aus der Naturmetapher des Wachstums und überträgt sie auf den Bereich der Dinge und Waren. Das ist sein Erfolgsrezept: Lebloses zu vermehren, indem Materie in Waren umgewandelt wird. Die Tatsache, dass Materie endlich ist, dass es also irgendwann einmal keine Waren mehr gibt, wird verdrängt. Der Kapitalismus feiert den Moment und ignoriert die Zukunft.

Wir denken, dass wir gesund sind, wenn unser Bankkonto wächst, wie wir denken, dass die Zimmerpflanze gesund ist, wenn sie neue Blätter und Blüten bekommt. Ein Wirtschaftssystem, das unser Einkommen und unseren Wohlstand wachsen lässt, erleben wir deshalb gesund und attraktiv.

Small is beautiful, ist der Gegenslogan von E.F.Schumacher gegen diese Einprägung (der Untertitel seines gleichnamigen Buches aus dem Jahr 1973 lautet: A Study of Economics as if People Mattered frei übersetzt: Eine Studie über die Wirtschaft, wenn man so tut, als ob in ihr die Menschen eine Rolle spielten.) Wir brauchen diesen Slogan dringend, weil die Wachstumsmetapher nur begrenzt für den Weiterbestand unserer Gesellschaft tauglich ist.

Relativ jung in der Geschichte sind die Phänomene des ungesunden Wachsen, z.B. des Bauches aufgrund von Überernährung, der Institutionen aufgrund der Überbürokratisierung, des Ressourcenverbrauches aufgrund des Überkonsums. Dafür hat sich der Ausdruck der Gesundschrumpfung eingebürgert. Wir wurden 1972 auf die „Grenzen des Wachstums“ aufmerksam gemacht, ein neues Konzept, das der ungehemmten Weiterentwicklung den Spiegel vorhielt. Wachstum geht nicht einfach weiter und weiter, sondern endet spätestens dort, wo es keine Rohstoffe mehr gibt, wo also die Quellen, die uns die Natur zur Verfügung stellt, erschöpft sind.

Trotz dieser Gegenströmungen, trotz des statistisch seit 50 Jahren feststellbaren kontinuierlichen Rückgangs der Wachstumsraten in den hochentwickelten Volkswirtschaften (wobei die krisenhaften Einbrüche weggerechnet werden) hängen wir immer noch am Konzept des quantitativen Wirtschaftswachstums fest: Die Wirtschaft wächst, wenn viele Waffen produziert und viele Medikamente geschluckt werden, und wenn viele Autounfälle und Naturkatastrophen passieren. Die Wirtschaft wächst nicht, wenn die Menschen keine Waffen und Medikamente brauchen oder Unfälle produzieren und wenn Katastrophen ausbleiben.

Wenn es uns gelingt, uns durch bewussteres Konsumieren von der Idee des quantitativen Wachstums abzukoppeln, bedeutet das keinen Stillstand oder Rückfall. Wachstum wird es immer geben, weil Menschen aus sich heraus kreativ sein und Neues entwickeln wollen. Doch sollte sich das Wachstum nicht am Ausmaß an Ressourcenvernichtung bemessen, sondern seinen Maßstab im Zuwachs an Qualität finden – der nur ungenau in Zahlen übersetzt werden kann.

Qualitatives Wachstum besteht darin, dass die Qualität des Lebens der Menschen ansteigt. Das kann sich daran zeigen, dass sie weniger Autofahren und mehr zu Fuß gehen, dass sie sich gesünder ernähren und weniger krank werden, und damit das materielle Wachstum reduzieren. Es kann sich aber auch daran zeigen, dass mehr Dienstleistungen im Wohlfühlbereich konsumiert werden, wie Massagen oder Duftaromen, Saunabesuche oder Fitnessstudios, dass die Menschen die emotionalen Lasten, die sie an der Lebenszufriedenheit hindern, in der Therapie aufarbeiten, dass sie Kunst konsumieren und dabei mehr von ihrer Innerlichkeit entdecken usw., womit auch das quantitative Wachstum stimuliert wird. Und es kann sein, dass mehr Bereiche entstehen, die sich weder so noch so auf das Wachstum auswirken.

Wir brauchen also qualititatives Wachstum, weil wir mehr Qualität in unserem Leben wollen und weil wir gern dazu beitragen: Alles, was wir mit Liebe und Leidenschaft machen, steigert die Lebensfreude und Zufriedenheit. Wir können als Menschen gar nicht anders, als zu wachsen – in dieser Qualität. Die quantitativen Bestrebungen dagegen können wir ohne Bedenken zurückfahren – je mehr wir uns in ihnen verlieren, desto größeren Schaden erleidet unsere Glücksfähigkeit.

Würde man sich selbst und unsere Zeitgenossen befragen, ob sie qualitatives oder quantitatives Wachstum in ihrem Leben bevorzugen, würden wohl die meisten sagen, dass ihnen die Qualität ihres Lebens wichtiger ist als die Menge an Besitztümern (außer jenen, die sagen, dass sie möglichst viele Güter wollen – und wofür? Dass sie eine besonders üppige Qualität in ihrem Leben haben.) Die peinlichere Frage wäre dann wohl, welche Handlungen im eigenen Leben dieser Steigerung der Qualität dienen und welche sie eher mindern. Da käme vielleicht raus, dass viele Aktivitäten gar keinen Bezug zur Verbesserung des Lebens haben, sondern in sich wenig Qualität aufweisen, aber sich aus der Hoffnung auf eine spätere Qualitätssteigerung motivieren. 

Wir tun vieles, nicht weil es uns gut tut, sondern weil wir hoffen, dass, wenn wir es tun, es uns ein andermal gut gehen wird. Wir verbrauchen damit die Ressourcen des Moments (der immer mehr für uns auf Lager hat, als wir wahrnehmen können, z.B. den einfachen Genuss eines tiefen Atemzugs), die mit ihm verschwunden sind, ähnlich wie das quantitative Wachstum die Rohstoffe unwiederbringlich aufbraucht. Nur: der nächste Moment bietet sich wieder an mit all seinen Möglichkeiten, und es liegt an uns, sie zu ergreifen oder sie zu übersehen, weil wir auf ein verheißenes Glück irgendwo irgendwann fixiert sind.

Vgl.: Wirtschaft ohne Gier, Das System der Gier, Kultur der Gier