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Sonntag, 11. Januar 2015

Was heißt: Ein religiöses Gefühl verletzen?

Was ist ein religiöses Gefühl?


Als religiöse Gefühle bezeichnet man z.B. die Erfahrung der Liebe Gottes, die Freude über die Auferstehung, die Erlösung von Schuld oder der Weite der Schöpfung, also innere Befreiungserfahrungen, die mit religiösen Inhalten in Zusammenhang gebracht werden. Es können auch Schuld- und Schamgefühle, Ängste vor einem rachsüchtigen oder strafenden Gott usw. zu den religiösen Gefühlen gerechnet werden, also das, was Erwin Ringel als "ekklesiogene Neurosen" beschrieben hat. Genauer betrachtet, handelt es sich also bei religiösen Gefühlen um verschiedene Wachstums- oder Schutzgefühle, die mit religiösen Inhalten verknüpft sind. Erst durch das Hinzufügen des kognitiven Gehalts wird aus einem x-beliebigen Gefühl ein religiöses.

Was heißt: Ein Gefühl verletzen?


Wir verletzen jemanden, also eine Person, wenn wir unachtsam sind, und nicht ein Gefühl. Wir bewirken durch unser Verhalten ein Gefühl des Verletztseins bei der anderen Person. Bei der "Verletzung religiöser Gefühle" geht es eigentlich darum, dass sich eine Person verletzt fühlt, wenn wir z.B. Gott lästern. Die Person fühlt sich in ihrem Glauben nicht geachtet. Wir können das klarstellen, indem wir zwischen dem Glauben der Person, den wir achten sollten, und dem Gegenstand des Glaubens unterscheiden, zu dem wir unsere eigene Einstellung und Meinung haben dürfen. Wir müssen unsere Kritik nicht in einer Sprache äußern, die die andere Person vor den Kopf stößt (denn dann ginge es uns eigentlich darum, die andere Person zu lästern), sondern können sagen, dass das unsere Meinung und Sichtweise ist, auf die wir auch ein Recht haben, so wie die andere Person auch auf ihre.

Öffentlich geäußerte Kritik oder Lästerung eines religiösen Inhalts ist Teil der Meinungsfreiheit. Wer sich davon verletzt fühlt, sollte dem Autor der Kritik nicht böse sein, sondern sich klar machen, dass das dem eigenen Glauben nichts anhaben kann und noch weniger dem Objekt der Schmähung. Wer den Autor der gegenteiligen Meinung persönlich angreift, statt dessen Meinung die eigene entgegenzustellen, bringt die Auseinandersetzung auf eine persönliche Ebene, wo sie nicht hingehört. 

Damit wird ein unnötiger Streit entfesselt, der darauf hinweist, dass eine Identifikation ins Spiel gekommen ist: Die Person, die sich verletzt fühlt, hat sich mit dem religiösen Inhalt identifiziert, indem sie z.B. denkt: "Ich bin der Gott, der geschmäht wird, also werde ich geschmäht", oder gelinder: "Ich muss den Gott verteidigen, der geschmäht wird", als würde dieser Gott in Gefahr sein, obwohl eigentlich nur mein Glaube an ihn in Gefahr gerät. Ich verteidige durch den Angriff auf den Angreifer meines Glaubens diesen meinen Glauben vor einer Verunsicherung. 

Sobald ich in dieser Weise reagiere, bedeutet das, dass mein Glaube den Test nicht bestanden hat, also zu schwach ist, um dem kritischen Angriff standzuhalten. So muss ich zum Gegenangriff übergehen, bei dem es dann gar nicht mehr um die Kritik geht, sondern darum, dass mein Glaube nicht in Frage gestellt werden darf, weil er zu fragil ist. Ein starker Glaube hält jedem Angriff stand, schließlich kann niemandem selbst mit ärgster Gewalt der Glaube weggenommen werden.

Wenn für das staatlich garantierte Recht auf Schutz von religiösen Gefühlen argumentiert wird, wie z.B. in einem Artikel in der WELT, werden leicht die Ebenen vermischt. Es wird dabei gerne so argumentiert: Der Staat schützt ja Gefühle, z.B. durch die Strafandrohung auf Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede usw. Wenn ich jemanden einen Trottel schimpfe, kann mich die beschimpfte Person auf Ehrenbeleidigung klagen. Damit will der Gesetzgeber verhindern, dass Menschen verbal übereinander herfallen. Weiters wird gesagt, dass der Staat auch Personen vor sexuellem Missbrauch schützt, wo es auch um verletzte Gefühle ginge. Also sollte der Staat auch seine Bürger vor der Verletzung ihrer religiösen Gefühle schützen.

Zunächst besteht die Ungereimtheit der Argumentation in der Verwechslung von Person und Gefühl: Verletzbar und deshalb vom Staat schützenswert ist die Person und ihre Integrität und nicht ein Gefühl. Verletzungen dieser Integrität können Gefühle auslösen. Im diskutierten Fall geht es darum, dass sich jemand verletzt fühlt, weil seine religiöse Anschauung nicht ernst genommen oder beleidigt wird, und diese Anschauung mit der eigenen Integrität verbunden ist.

Die Vermischung der Ebenen besteht darin, dass es bei den Fällen von Ehrenbeleidigung bis Verleumdung um die persönliche Integrität und öffentliche Stellung eines Menschen geht. Wird ein Geschäftsmann zu Unrecht als Betrüger beschimpft, schadet ihm das als Person und in seinem Beruf. Dagegen muss er sich zur Wehr setzen können, notfalls mit Unterstützung des Staates. Beschimpft jemand eine religiöse Instanz, z.B. den heiligen Josef oder den Erzengel Gabriel, so sind das keine Personen im rechtlichen Sinn; wenn es solche wären, könnten sie natürlich die Ehrenbeleidigung einklagen. Betroffen fühlen sich aber Personen, die diese Instanzen verehren und an sie glauben. Angegriffen wird jedoch diese Verehrung und dieser Glaube und nicht die Person, die verehrt und glaubt, oder ihre Integrität. 

Völlig abwegig erscheint in diesem Zusammenhang das Beispiel vom sexuellen Missbrauch, bei dem ja massiv die Integrität der Person verletzt wird, und nicht irgendwelche Gefühle. Diese entstehen unweigerlich und tiefgreifend durch den Missbrauch. Nirgendwo in einem Strafgesetzbuch steht, dass Missbrauch deshalb unter Strafe gestellt ist, weil dabei Gefühle verletzt werden. Dann wäre Missbrauch erlaubt, wenn dabei Gefühle keinen Schaden nähmen.

Anders liegt der Fall, wenn jemand eine andere Person direkt wegen ihres Glaubens abwertet: "Du bist ein Idiot, weil du an die unbefleckte Empfängnis Mariens glaubst." Da geht es um eine Beleidigung und Missachtung der Ehre, also der Integrität der Person. Der Beleidiger zielt primär auf die Person und nutzt dazu nur den Glaubensinhalt. Wenn aber jemand sagt, dass er die Unbeflecktheit der Empfängnis Mariens für einen Schwachsinn hält, kann sich zwar jemand persönlich betroffen fühlen, aber nur über den schon beschriebenen Vorgang der Identifizierung. 
Sobald also reale Personen zusammen mit Glaubensinhalten auf unsachliche Weise abgewertet werden, sollte auch staatliche Hilfe bei der Durchsetzung der eigenen Integrität gewährt werden, dafür sind die Kategorien wie Ehrenbeleidigung oder Rufschädigung usw. ausreichend, die ja für die verschiedensten Fälle gedacht sind. Eine eigene Kategorie im Sinn der religiösen Gefühle erscheint mir nicht nachvollziehbar. Schließlich gibt es auch keinen Schutz vor der Verletzung von philosophischen, ästhetischen, ethischen oder spirituellen Gefühlen. Diese Sonderstellung des Religiösen scheint noch als Relikt aus den Zeiten der innigen Verwobenheit von Staat und Religionsgemeinschaften übrig geblieben zu sein. 

Kritik, die von Hass und Abwertung geprägt ist, gleich an welcher Sache und an welchem Thema, stellt sich selber ins Eck, auch wenn sie gegen Glaubensinhalte gerichtet ist, und verdient nicht, ernst-, geschweigedenn persönlich genommen zu werden. Der emotionale Hintergrund, aus dem sich der Hass speist, ist das eigentlich beachtenswerte, und auf diesen sollte die Öffentlichkeit reagieren. Hasserfüllte Religionskritik muss nicht wegen der Verletzung religiöser Gefühle durch die Zivilgesellschaft und im Extremfall durch den Staat bekämpft werden, sondern wegen des zerstörerischen und gemeinschaftsschädigenden Impulses, der im Hass beinhaltet ist. Intoleranz, gleich von welcher Seite, muss in einer Gesellschaft, in der die Integrität der Menschen und ihrer Gefühle zentral sind, durch Toleranz ersetzt werden.

Was heißt: Beleidigung einer Religion?


Religionen sind keine Menschen, also können sie nicht beleidigt werden. Sie sind in manchen Ländern Rechtsperönlichkeiten, und können sich als solche im Rahmen der Rechtsordnung gegen ungerechtfertigte Angriffe zur Wehr setzen. Wer sich als Mitglied oder Anhänger einer Religion beleidigt fühlt, wenn die eigene Religion abfällig kritisiert wird, ist mit seiner Religion identifiziert. Das ist gerade im Sinn der eigenen Religion ein Sakrileg und religiöser Größenwahn, d.h. der religiöse verletzte Mensch versündigt sich gegen seine eigene Religion. Niemand darf sich mit seiner Religion identifizieren. 

Deshalb wurde z.B. Jesus von den Juden hingerichtet. Er hatte von sich behauptet, Gott zu sein, das steht nach jüdischer Auffassung keinem Menschen zu. Im muslimischen Bereich werden nicht einmal Bilder von Allah gefertigt, weil er so weit von menschlichen Vorstellungen entfernt ist. Wer sich mit Allah identifiziert, versündigt sich. Also jede religiöse Person, die sich beleidigt fühlt, weil ein Teil oder das Ganze des eigenen Glaubens beleidigt wurde, hat sich im Sinn dieser Religion schon versündigt. 

Wenn jemand alle Anhänger einer Religion, z.B. alle Juden schmäht, also antisemitische Parolen verbreitet, so kann sich ein einzelner Jude nur dann beleidigt fühlen, wenn er sich als Repräsentant aller Juden sieht. Das ist auch eine Anmaßung. Unter Verwendung von kommunikativer Vernunft wird sogleich klar, dass die Schmähung auf mangelnder kommunikativer Vernunft beruht. "Alle Juden" können nicht über eine von allen gleichermaßen geteilte Eigenschaft verfügen, die geschmäht werden könnte. Der Schmäher hat also eine unsinnige Aussage gemacht, von der sich niemand betroffen fühlen muss und die niemand ernst nehmen braucht. 

Ernstgenommen werden sollte die Intention, die hinter der Aussage steht, denn wenn kommunikativ unvernünftige Aussagen gemacht werden, sind aggressive und hasserfüllte Gefühle der Antrieb. Deshalb sollten die emotionalen Hintergründe von solchen Aussagen Beachtung und Widerspruch finden, weil aggressive Aussagen (hinter denen aggressive Gedanken stecken, hinter denen wiederum demütigende Erfahrungen) zu aggressiven Handlungen führen können.

Die "Verletzung religiöser Gefühle", die jemand beklagen mag, ist die Verletzung eines maßlos aufgeblähten Egos, das sich im ärgsten Fall mit einem Gott identifiziert hat, mit einer Religion oder mit allen Angehörigen einer Religion. Deshalb kommt es tragischerweise dazu, dass Menschen mit dieser Form des Größenwahns besonders "große Taten" setzen wollen, indem sie möglichst viele Menschen mit sich in den Tod reißen. In Wirklichkeit wollen sie nur ihr eigenes Ego in seiner Maßlosigkeit bestätigen. Bevor sie überhaupt noch zur Tat schreiten, versündigen sie sich schon an ihrer eigenen Religion.

Vgl. Meinungsfreiheit und religiöse Gefühle

Dienstag, 26. Februar 2013

Entscheidungen – Werkzeuge der Freiheit oder der Illusion

Was hat es mit Entscheidungen auf sich? Besteht unser ganzes Leben aus Entscheidungen? Können wir über unser Leben als Ganzes entscheiden? Auf jeder Entwicklungs- und Erfahrungsebene finden Entscheidungen statt. So können wir uns vorstellen, dass schon ein einzelliges Lebewesen in bedrohliche Situationen kommt, in denen es entscheiden muss, ob es standhalten oder fliehen soll. Viele dieser Entscheidungen betreffen einfache Alternativen mit dem Charakter der Bedrohung oder der Anziehung. Es sind also Entscheidungen zwischen Kampf und Flucht oder zwischen Gut und Besser. Z.B. können sich zwei alternative Nahrungsquellen anbieten, und dazwischen ist eine Wahl zu treffen. Hier ist das Lebewesen von einem inneren Bedürfnis angetrieben, und die Entscheidung gibt die Richtung für die Befriedigung des Bedürfnisses vor. 

Wir können annehmen, dass jede Lebensform über eine einfache Art der Selbstbezüglichkeit verfügt. Auch ganz primitive Organismen sollten in der Lage sein, sich auf die inneren Vorgänge eine Rückmeldung zu geben. In all diese Vorgänge sind Evaluierungen eingebaut, z.B. nach dem Muster: förderlich/gefährlich, angenehm/unangenehm, normal/außergewöhnlich usw. Vorgänge, die „positiv“ konnotiert sind, werden verstärkt, sollen also öfter stattfinden, die anderen sollen abgeschwächt werden. Was sich bewährt, wird wiederholt, was nicht funktioniert, wird abgestellt. Dazu sind Feedbackschleifen notwendig, die die Grundlage für das Gedächtnis bilden. 

In der weiteren Entwicklung differenziert sich diese Rückbezüglichkeit. Je komplexer das Lebewesen, desto komplexer ist auch die Reflexionsfähigkeit, die es benötigt. Schließlich kann sie sprachlich ausgedrückt werden (vgl. den Blogbeitrag zur internen Kommunikation vom Jänner 2013). Im Normalfall unterstützt die Reflexion die Entscheidungen, die auf der organischen Ebene im Sinn der Weiterentwicklung des Lebens gefällt werden, also dem Wachstum und der Gesundheit dienen. Kommt es zu Fehlsteuerungen, die als Folge von Traumatisierungen auftreten, kann es auch bei der Rückbezüglichkeit zu Störungen kommen, sodass sie lebensschwächend wirkt. Die dem entsprechenden Gefühle sind: Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Lebensmüdigkeit, die Gedankenmuster: Das Leben ist sinnlos, es wird nie besser, usw. Damit entwickeln sich „teuflische“ Regelkreise, die gerade jene Entscheidungen auf der Zellebene unterstützen, die zu Beschwerden und Problemen führen. 

Esoterische Entscheidungsmodelle 


In manchen Denkmodellen der Esoterik ist – in Anlehnung an hinduistische und buddhistische Lehren – die Rede davon, dass sich jede Seele vor ihrer Inkarnation für dieses neue Leben mit all seinen Details entscheide. Da sich die Seele vor der Inkarnation im körperlosen „Raum“ befinde, sei sie auch jenseits der Zeit und könne deshalb die eigene Zukunft schon voraussehen, für die sie sich entscheidet. Gewissermaßen können wir keine Katze im Sack kaufen. 

Damit verbunden ist die Idee der Verantwortungsübernahme: Du hast dich entschieden für diese Eltern, für diese Familie, für dieses Leben, also löffle gefälligst die Suppe aus, die du dir eingebrockt hast, und hör auf zu jammern. Nachträgliche Reklamationen werden nicht angenommen. Der Konsumentenschutz ist also in jener anderen Welt noch nicht sehr weit entwickelt. 

Unterstellt wird dabei ein voll entwickeltes Ego, das in diese körperlose Seele hineinprojiziert wird, eine Instanz, die Angenehmes und Unangenehmes bewerten, unterscheiden und über den Zeitraum eines ganzen Lebens bemessen kann und sich auf dieser Grundlage entschließt, die Reise zu wagen. 

Dazu gehört übrigens auch die Vorstellung, dass diese Entscheidung, kaum ist sie getroffen, gleich wieder vergessen wird. Wir kommen also nicht auf die Welt mit diesem Wissen und lassen es auch nicht verlauten, sobald wir der Sprache mächtig sind. Erst ein erwachsenes Bewusstsein stößt auf diese Gedankenwelt und kann darin Sinn finden. Denn es kann ja eine gewisse Sicherheit bietet, annehmen zu können, über Kompetenzen zu verfügen, die mit einer derartigen Macht über das eigene Leben verbunden sind: Ich als entscheidungsbefugt über meine eigene körperliche Existenz: Sage ich nein, geht es zurück in die heiteren und unbeschwerten Bardoräume, sage ich ja, wird die Natur beauftragt, ein neues Leben entstehen zu lassen. Da komme ich schon nahe an den Schöpfergott heran. Und Ich dazu noch mit hellsichtigen Fähigkeiten ausgestattet, für die die Zukunft ein offenes Buch ist, in dem man nur blättern muss, wow! 

Therapeutisch mag es in manchen Kontexten sinnvoll sein, jemanden daran zu erinnern, dass es sein Leben ist, mit dem er umgehen muss, und dass es keinen Sinn macht, darüber zu jammern. Dafür kann es möglicherweise auch nützlich sein, so zu tun, als gäbe es diese große Entscheidung für das eigene Leben am Beginn der Reise, eine wachrüttelnde und mahnende Hypothese gewissermaßen. Die Verantwortungsübernahme mittels Rekurs auf eine präexistentielle Entscheidung funktioniert allerdings nur, wenn die entsprechenden esoterischen Glaubensannahmen geteilt werden, und das kann in Zeiten der Glaubens- und Religionsfreiheit nicht jeder Klientin zugemutet werden. Therapeuten sollten sich überhaupt hüten, irgendwelche Glaubensgehalte in der Therapie vorauszusetzen oder anzubieten und eher danach trachten, die Hintergründe in der Lebensgeschichte der Klienten zu erörtern, wenn sie mit solchen Themen und Interpretationen kommen. 

Ego-Glaube 


Zudem verleitet gerade dieser Glaube zur Stärkung von Egostrukturen, die sich auf dem weiteren therapeutischen Weg der inneren Heilung als hartnäckige Störungen entpuppen könnten, ohne als solche erkannt zu werden. Denn der Glaube vermeint ja, von einer echten Erfahrung auszugehen, glaubt also an eine Wirklichkeit und nicht an eine Konstruktion. Und solche „wirklichen“ Erfahrungen wollen wir am wenigsten aufgeben oder relativieren, weil wir sie mit der Basis unserer Identität verknüpfen, wie das eben Glaubensfanatiker mit den verschiedensten Inhalten machen. 

Eine psycho-biologische Sichtweise 


Für den Skeptiker schwierig vorzustellen bleibt der implizierte Wirklichkeitsbegriff: Eine körperlose Seele hat die Fähigkeit der Erkenntnis, verfügt über eine sinnliche Wahrnehmung, mit der sie die eigene Geschichte voraussehen kann, ohne dass es Sinnesorgane gibt, ohne dass es ein Gehirn gibt, das die Sinneseindrücke erst zu Wahrnehmungen macht. Einfacher ist es da schon, davon auszugehen, dass es sich um Phantasien handelt, die sich das erwachsene Bewusstsein über seinen Ursprung bildet, und dass es die Kraft des Glaubens ist, die diesen Phantasien einen Wirklichkeitscharakter umhängt. In unserer Phantasie sind wir frei, und wir können ihren Produkten nach Belieben (Placebo) Wirkmächtigkeit geben. 

Wie ist es mit einer befruchteten Eizelle: Kann sie sich entscheiden, sich zu teilen? Kann das Ungeborene, wenn es schon weiter entwickelt ist und eine schreckliche Erfahrung erleben muss – z.B. ein Abtreibungsversuch oder der Tod eines Zwillinggeschwisters oder eine schwere Krankheit oder ein Unfall der Mutter – die Entscheidung treffen, unter solchen Umständen weiterzuleben oder aufzugeben? 

Wir sollten davon ausgehen, dass Embryonen noch nicht über Fähigkeiten verfügen, wie sie ein erwachsener Mensch hat, der vielleicht in einer Verzweiflungssituation die Entscheidung trifft, sein Leben zu beenden. Weder haben sie diesen Überblick über sich und ihr Leben als Ganzes noch haben sie die Mittel, um ihrem Leben ein Ende zu bereiten. Und das ist auch gut so, sie brauchen diesen Reflexionsüberschuss nicht, vielmehr würde er sie an der Entwicklung hindern. 

Es bildet zwar auf der Grundlage der erlebten Gefühle Denkmuster aus wie „Ich sollte nicht da sein“, wenn es spürt, dass es nicht gewollt ist, oder: „Ich möchte nicht mehr leben“, wenn es spürt, dass es abgetrieben werden soll, oder: „Alles hat keinen Sinn mehr“, wenn ein Zwillingsgeschwister im Mutterleib stirbt, aber – es kann nicht über sein eigenes Leben als Ganzes entscheiden, weil es dieses nicht überblicken kann. 

Vielmehr gibt es die Kraft des Lebens, die stärker ist als die Gefühle und Denkmuster, die ja auch von ihr gespeist werden. Sie „entscheidet“ darüber, ob dieses Leben weiter oder zu Ende geht. Reichen die Ressourcen für das Überleben, so wächst der Embryo weiter, auch mit den lebensschwächenden Gefühls- und Denkprogrammen, sind die Ressourcen zu schwach, kommt es zum Absterben. 

Therapeutische Zugänge 


Therapeutisch wirksamer jedenfalls als den Appell an einer Verantwortung zu richten ist es, die Wurzeln von Verzweiflung und Leiden aufzuspüren und an ihren Ursprüngen aufzulösen; in diesem Fall geht es vermutlich um die Ereignisse im Rahmen der Empfängnis, bei der es zu Problemen gekommen ist. Solche traumatischen Erfahrungen erzeugen ihre spezifischen Dissoziationen, und diese werden dann später mittels der assoziativen Fähigkeiten unseres Gehirns „esoterisiert“, d.h. mittels Versatzstücken aus der Religionsgeschichte mit Sinn verkleidet. Die Glaubensform sichert das Weiterbestehen der Dissoziation und schützt vor dem Wiedererleben der Traumatisierung. 

Die de-dissoziative Traumaauflösung beginnt dort, wo die innere Aufmerksamkeit konsequent auf die Körperebene zurückgeführt wird. Das Spüren der Empfindungen im eigenen Inneren befreit von den Verstrickungen der kognitiven Erklärungsmodelle und Meta-Erklärungsmodelle und führt an den Ursprung der Verstörung. Wenn dort das Traumatische an der Erfahrung aufgelöst ist, verschwindet auch die Notwendigkeit einer esoterischen Entscheidungstheorie. 

Entscheidungsfreie Zustände 


Wenn sich ein Organismus in einem Wachstumszustand befindet, der also von keinem inneren Drang oder äußerer Bedrohung abhängig ist, spielen Entscheidungen keine Rolle, sondern das Leben fließt einfach von einer Situation zur nächsten. Wir können diesen Unterschied erleben, wenn wir uns selber im Fluss befinden, z.B. beim Spazierengehen, bei dem wir uns nicht entscheiden, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Auch können wir die Richtung, in die wir uns bewegen, dem überlassen, was gerade kommt. Ähnlich können wir uns bei einem freien Tanz fühlen. Wir überlassen es dem Körper, die Bewegungen kommen zu lassen, die kommen wollen. Der Kopf mischt sich nicht ein und die Verbindung mit allem rund herum ist einfach da. 

Sind wir mit unserer Kreativität verbunden, so gibt es eine Kraft, die stärker ist als unsere Kalkulationen oder Erwartungen. Ein Schritt der Verwirklichung eines Projekts führt zum nächsten, ohne dass wir vorher wissen müssen, worin er besteht. Es ist so, als würden wir von einer Entscheidung zur nächsten geführt, ohne dass es sein müsste, diese Entscheidungen überhaupt zu treffen oder ohne dass es jemanden geben müsste, der dies vollzieht. 

Wer trifft die Entscheidungen? 


Was bedeutet es, wenn wir die Natur oder das Leben samt dem ihnen innewohnenden Prinzip der Evolution als den eigentlichen Entscheidungsträger ansehen? Sie steuern auf faszinierende Weise die Entfaltung des Lebens mit einer erstaunlichen Kreativität. Warum das Leben so entscheidet, dass es das eine Wesen zur Blüte und das andere zum Verdorren bringt, verschließt sich solange, als wir in der Natur ein uns ähnliches Wesen suchen, bzw. eines, das unserer Ego-Struktur gleicht. Wir entscheiden uns doch für dieses und jenes, also muss auch die Natur so funktionieren. Wenn etwas Schlimmes passiert, muss es einen Täter geben, und dieser muss dingfest und verantwortlich gemacht werden. 

Wenn nicht die Natur, dann gehen wir noch eine Ebene dahinter oder darüber und sehen Gott als den eigentlichen Entscheidungsmacher. Er (oder sie) misst dem Einen das große Glückslos zu, während der andere jede Woche brav den Schein ausfüllt und ein Leben lang nicht gewinnt. Und wenn er nicht in unserem Sinn entscheidet, hadern wir mit ihm, weil er doch der Letztverantwortliche ist für das, was uns zustößt, zumindest für das, wofür wir „nichts können“, d.h. wofür wir uns nicht verantwortlich fühlen. 

Um vieles leichter geht uns, wenn wir gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir uns entscheiden, sondern wenn einfach geschieht, was geschieht, ohne dass sich dieses wichtigtuerische Ich einmischt. Um so viel freier fühlen wir uns in der Erfahrung des Getragens- und Geführtwerdens, im Loslassen unserer Entscheidungslast. Oder? Wenn wir es dem Geschehen überlassen, was geschieht, ohne dass hier jemand mitentscheidet: Mit dem Leben fließen, statt es zu kontrollieren. Dann fühlen wir uns wie im Paradies – oder wie im Himmel.