Donnerstag, 1. April 2021

Die verschüchterte und die böse Schwester: Scham und Rache

Jede Beschämung hat eine Rache zur Folge. Dieser Zusammenhang scheint in der menschlichen Psyche wie ein Naturgesetz zu wirken: Keine Beschämung ohne Rache. Beschämungen werden als Demütigung erlebt, als Verletzungen der eigenen Würde. Um den beschädigten inneren Wert wieder aufzurichten, muss ein Ausgleich geschaffen werden. Der Schaden, der geschehen ist, muss vergolten werden, dann ist das Gleichgewicht wiedergewonnen.

Wir kennen diese Dynamik von der Blutrache, die uns wie ein sinnloses archaisches Ritual erscheint, das nie endet und das wir kopfschüttelnd irgendwelchen primitiv gebliebenen Ecken dieser Welt zuordnen. Tatsächlich aber kennen wir die Rituale der Rache in unserem eigenen Inneren nur zu gut. Die Rache kann viele Formen annehmen. Oft bemerken wir sie gar nicht, weil wir sie nicht bewusst erleben. Wir erleben die Verletzung, die wir erlitten haben, allzu gut, aber was dann in unserem Inneren abläuft, erscheint uns in jeder Hinsicht als sinnvoll und gerechtfertigt. Jede Verletzung sucht Heilung, das ist klar, weniger offensichtlich ist aber, dass wir im emotionalen Bereich und auf der sozialen Ebene auch einen Ausgleich brauchen. Folgt auf die Verletzung eine Entschuldigung, so können wir schnell in Frieden kommen, außer wir sind nachtragend. Kommt zur Verletzung eine Beschämung in Form einer Abwertung oder Beleidigung, so ist nicht nur ein Randteil unserer Psyche betroffen, der leidet, sondern dazu noch ihr Kern, ihr Zentrum. Unser Wesen und damit unsere Existenzberechtigung ist in Frage gestellt, beschmutzt, missachtet.

Schamreaktionen wirken zunächst wie ein Schock, der alles lähmt. Wenn sich die Blockierung löst, dann wird der Schmerz über die Verletzung spürbar, und bald danach regen sich die Racheimpulse, die eine Vergeltung verlangen. Auf diese Weise soll der beschädigte Selbstwert wieder aufgerichtet werden.

Die Logik der Rache

Das ist die Grundstruktur der Rache: Wenn ich wegen dir leide, sollst auch du leiden. Wenn du mir weh getan hast, sollst auch du Schmerzen haben. Dann sind wir wieder gleich. Da ich zunächst Opfer deiner Tat bin, muss ich Täter werden und du bist das Opfer. Die Krux liegt darin, dass das Opfer dann wieder Täter werden muss, und die Auseinandersetzung geht weiter.

Warum hängen wir so an dieser Logik? Wir erwarten uns, dass wir besser verstanden werden, wenn die andere Person das Gleiche erleidet wie wir selber. Wir sind beleidigt worden und beleidigen dann zurück. So soll die andere Person verstehen, was sie angerichtet hat und wie sehr es schmerzt. Um diesen Effekt zu verstärken, verdoppeln wir manchmal die Intensität oder den Gehalt der Verletzung. Klarerweise drehen wir mit diesem Verhalten an der Eskalationsschraube.

Im Grund steckt also ein Hilfeappell hinter der Rache: Bitte verstehe mich, ich leide. Es ist der Wunsch nach Mitgefühl. Wenn jedoch keine Aussicht auf Mitgefühl besteht oder viel zu selten die Erfahrung gemacht wurde, dass Verletzungen verstanden werden und dass Trost kommt, meldet sich schnell der Racheimpuls. Es ist also ein Mangel an empathischer Einfühlung, der die Menschen rachsüchtig werden lässt.

Die Aggression, die in der Rache steckt, kompensiert die Scham und die mit ihr verbundene Schwäche und Hilflosigkeit. Im Impuls zur Vergeltung steckt eine Selbstermächtigung: Ich hole mir zurück, was mir genommen wurde, notfalls mit Gewalt. Da mein Selbstwertgefühl herabgewürdigt wurde, während sich die andere Person über mich gestellt hat, muss ich dafür kämpfen, dass sich das Verhältnis wieder umkehrt und ich wieder Oberwasser habe. Dazu dient die Rache.

Scham, Rache und Krieg

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Beispielen für den unheilvollen Zusammenhang zwischen Scham und Rache. Bei vielen, wenn nicht bei allen kriegerischen Ereignissen finden sich Beschämungen, gefolgt von Rache an prominenter Stelle unter den Auslösern.

Eine der frühesten überlieferten Erzählungen handelt vom Trojanischen Krieg, der mit einer Beschämung beginnt: Menelaos, dem König von Theben wird die Frau vom Sohn des trojanischen Königs entführt. Aus Rache beginnen die Griechen einen Krieg gegen Troja, der zehn Jahre dauert.

Am 23. Mai 1618 werden drei hohe Beamte des Kaisers von Aufständischen aus einem Fenster der Prager Burg gestürzt, eine Beleidigung des Kaisers. Daraufhin beginnt ein Krieg, der dreißig Jahre dauert und weite Teile Mitteleuropas verwüstet.

Deutschland beginnt am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg, der propagandistisch durch die Rede vom „Schandvertrag von Versailles“ vorbereitet worden war. Deutschland habe durch den Friedensvertrag nach dem Ersten Weltkrieg eine Beschämung erlitten, die nur durch eine Revision des Vertrages beseitigt werden könne. Es beginnt ein Krieg, der ein vorher nicht dagewesenes Ausmaß an Todesopfern und Zerstörungen anrichtet.

Am 11. September 2001 werden zwei Wolkenkratzer in New York durch Attentäter zum Einsturz gebracht, mit Tausenden Todesopfern. Die Supermacht USA erleidet eine Beschämung. Als Rache beginnt ein Krieg gegen Afghanistan, der bis heute andauert, und zwei Jahre später ein Krieg gegen den Irak, der das Land nachhaltig destabilisiert hat. Diese Kriege haben hunderttausende Menschenleben gefordert und zwei Staatsgebilde ruiniert. Die Folge war eine Zunahme des islamistisch motivierten Terrorismus, als Vergeltung der Racheaktionen.

Stellvertretende Rache

Manchmal kriegen andere die Aggression ab, wenn wir ein Ungemach erlitten haben. Das typische Beispiel ist der Angestellte, der vom Chef heruntergemacht wird, zuhause die eigene Frau anschnauzt, die das Kind schimpft, das schließlich dem Hund einen Rüffel gibt. Natürlich würden wir uns freuen, wenn der Hund bei nächster Gelegenheit den Chef beißt, aber das gibt die Geschichte nicht mehr her.

Vor allem in hierarchischen Systemen ist es schwer und riskant, direkt Rache für erlittenes Unrecht zu üben, also werden Stellvertreter gesucht, denen die Demütigung zurückgezahlt werden soll und die benutzt werden, um den eigenen Selbstwert wieder zu stabilisieren. Das ist der Kitt im hierarchischen Gefüge, das die Über- und Unterordnung zementiert: Die Hackordnung, die auf allen Stufen Gewalt erlaubt, aber immer nur in einer Richtung, von oben nach unten. Die Geprügelten prügeln, die Misshandelten misshandeln, immer die Schwächeren. Nach oben buckeln, nach unten treten, lautet die Devise.

Die Rache nach oben gibt es allerdings auch, aber meist nur indirekt. Sie äußert sich vor allem im passiven Widerstand, der die aufgestaute Wut kanalisiert. In Organisationen, in denen viel autoritäres Gehabe und Abwertungen vorkommen, sind besonders häufig passive Racheaktionen die Folge, die sich in Verweigerung, Verschleppung, Informationsunterdrückung, Krankenständen usw. ausdrücken.

Viele Racheaktionen werden genutzt, um längst fällige offene Rechnungen aus der Vergangenheit zu begleichen, und beziehen ihre emotionale Wucht aus einem Fundus unbearbeiteter vergangener Kränkungen, die oft weit in die Kindheit und Schulzeit zurückreichen. Wo die Achtung und das Verständnis fehlen und Beschämungen ohne Folgen und ohne Ausgleich bleiben, gedeiht die Missgunst und das Misstrauen, ein inneres Klima entsteht, das Rachegefühle und Racheaktionen begünstigt.

Rache im Denken

Für den Fall, dass wir es uns verkneifen, die Racheimpulse offensiv und direkt auszuleben, haben wir unser Denken zur Verfügung. Es stellt sich zur Verfügung, dass wir hier den gesuchten Ausgleich finden können. Wir erzeugen alle möglichen abwertenden und verletzenden Gedanken, malen uns in der Fantasie aus, was der anderen Person zustoßen sollte, oder schmieden Rachepläne, die wir dann nicht ausführen. Wir sollten allerdings damit rechnen, dass sich die Rachegedanken, wenn wir sie zu umfangreich pflegen, in passiven Aggressionen äußern werden. Aber in solchen Fällen haben wir dann Ausreden zur Verfügung: Ach, deine Lieblingsvase ist mir aus der Hand gerutscht, sie war so glitschig. Ich hatte gestern so viel anderes im Kopf, und obwohl ich immer wieder an deinen Geburtstag gedacht habe, hatte ich überhaupt keine Zeit für einen Anruf.

Indirekt Rache üben wir auch dann aus, wenn wir schlecht über nicht anwesende Personen, also hinter ihrem Rücken, reden. Wir werden unseren Ärger los, müssen uns aber nicht direkt mit der Person auseinandersetzen. Auch hier suchen wir das Verständnis der Mitmenschen, die uns Recht geben sollen, dass wir schlecht behandelt wurden, und die die Täterperson wie wir auch verurteilen. Wir haben eine Allianz gegen den Bösewicht geschmiedet, die ihn zur Strafe isoliert.

Vom Fluchen und Verwünschen

Eine spezielle Spielart der Rache findet sich bei Flüchen und Verwünschungen. Denken wir an das Märchen vom Dornröschen. Die dreizehnte der weisen Frauen, die nicht zum Geburtsfest von Dornröschen eingeladen wurde, spricht einen Fluch über die Königstochter aus, dass sie sich an ihrem fünfzehnten Geburtstag an einer Spinnnadel stechen und daran sterben wird. Aus Rache, dass sie nicht eingeladen wurde, spielt sie ihre Zaubermacht aus und versetzt alle in Angst und Schrecken; der Fluch lastet fortan über der Königsfamilie.

Flüche und Verwünschungen verbinden die Rache mit der Welt der Magie mit ihren besonderen Kräften. Wo die Macht in dieser Welt nicht ausreicht, um erlittene Ungerechtigkeiten auszugleichen, müssen höhere Mächte beschworen werden. Das Böse im Fluch trägt einen besonderen Grauen in sich, weil es nur von der Person, die den Fluch ausgesprochen hat, wieder aufgehoben werden kann. Andererseits hängt die Wirkung vom Glauben an die Macht des Fluches und seiner höchsten Fürsprecher ab, ähnlich wie beim Voodoo-Zauber. Wenn der Adressat des Fluches diesem keine Wirkkraft zuspricht, ist er folgenlos.

Neben diesen „mächtigen“ Flüchen gibt es jene des Alltags, die uns bei den größeren und kleineren Missgeschicken und Schlechtbehandlungen hochkommen. Ein kleines Beispiel: Viele elektronische Geräte sind wohl schon Objekt von Verfluchungen durch ihre Nutzer geworden, aber gemeinhin gehören sie zu jenen, die nicht an die Macht des Fluches glauben. Jede Unfähigkeit, die uns bei den technischen Geräten unterläuft, beschämt ein wenig, und das Fluchen entlastet, indem wir die widerborstigen Objekte durch Beschimpfungen beschämen, in diesen Fällen freilich folgenlos.

Aussteigen aus der Rachedynamik

Ohnmachtserfahrungen, wie sie mit dem Schamerleben verbunden sind, bilden den Ursprung von Rachegedanken und -handlungen. Die Erfahrung einer gelungenen Rache erlaubt eine kurzzeitige Befriedigung, doch keine dauerhafte Befriedung. Vielmehr tendieren Rachedynamiken zur Unendlichkeit: Jede Rache, die ihr Ziel erreicht, beschämt und schafft die Grundlage für eine Gegenaktion. Rache hat Rache zur Folge, und die Gefahr besteht, dass die Gewalt mit jeder Runde zunimmt.

Darum ist es wichtig, die Rachedynamik bei sich selbst abzubrechen, sobald sie bewusst wird. Das ist der einzige Schritt zur Befriedung, der in unserer Macht steht. Macht über andere und ihr Verhalten, geschweige denn ihr Inneres ist uns ja nicht wirklich gegeben.

Verletzungen und Beschämungen sind Aspekte des Soziallebens, die sich nicht einfach abschaffen lassen, sondern immer wieder geschehen können, weil die Kapazitäten zur Achtsamkeit bei uns und unseren Mitmenschen wie alles andere auch beschränkt und unvollkommen sind. Was wir schaffen können, ist die nachträgliche Bewusstheit: Legen wir unser Augenmerk auf unsere Reaktionsgewohnheiten, wenn wir Unachtsamkeiten unserer Mitmenschen erleben und spüren wir, wo sich Racheimpulse aus dem eigenen Repertoire einmischen. Welche anderen Möglichkeiten haben wir, ohne den aussichtslosen Umweg über die Rache zu einer Lösung des Konflikts zu kommen? Nutzen wir unsere soziale und emotionale Kreativität, um unsere Racheimpulse zu durchschauen und abzuschwächen und konstruktive kommunikative Wege für die zwischenmenschlichen Probleme zu erschaffen.

Zum Weiterlesen: 
Die passive Aggressivität
Krieg und Scham

2 Kommentare:

  1. Lieber Wilfried, deine Ausführungen bezüglich Rache sind sehr klar,und erinnern mich an mich selbst.
    Wenn es mir gelingt mir meiner Gefühle bewusst zu sein, wende ich die Empfehlungen von Colin Tippin(radikal Forgivness)an. Ich versuche mit dem gleichen Maß zu messen das ich auch für mich verwende, ich erinnere mich an Gelegenheiten wo ich Menschen verletzt habe, und unachtsam war, und mein Gegenüber großzügig, oder humorvoll agiert hat. Eben nicht reagiert sondern frei von meinem Verhalten, aus seiner/ihrer Perspektive Verständniss für meine Egoblähungen aufbringen konnte. Das löst in mir ein Gefühl der Dankbarkeit aus, und ich konnte durch dieses reife erwachsene agieren für mich neues Verhalten als Vorbild finden.
    Das schätze ich auch an Adler und an Ehrmann, der ganz klar macht,dass das Verhalten von anderen nicht unsere Angelegenheiten sind. Da wir ja nicht wirklich einen Einfluss ohne Kontrolle ausüben können, und das erst Recht in einen Machtkampf ausartet,und es ja hauptsächlich zu unseren eigenen Schaden ist.Böse Gedanken, Abfälligkeiten und Bewertungen in unserem Neuronalen Netzwerk zu verursachen, die sich ja auch auf unsere Mimik auswirken und unsere Gesichtzüge beeinflussen, und Falten verursachen.(ein Schelm der böses denkt)
    Jedes verurteilen anderer, setzt die eigene Latte höher, und erhöht den Druck wie man zu sein hat. Außerdem sind verachtende Gedanken krank machend und lassen inneren Frieden nicht den Raum den wir benötigen, da innerer Frieden nicht abhängig von außen, also von anderen ist.Und innerer Frieden ist glaub ich die Grundlage für ein freudvolles Leben das wir alle letztendlich anstreben. lg Hannes

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    1. Danke, gehen wir weiter auf dem Weg zum inneren Frieden!

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