Mittwoch, 31. Juli 2019

Scham und Verletzlichkeit

Wenn wir uns schämen, werden wir uns der Abhängigkeit von anderen bewusst. Wir brauchen andere Menschen, damit sie unseren Wert und unsere Zugehörigkeit bestätigen. Vor allem, wenn wir noch klein sind, können wir diese Anerkennung nicht erzwingen und so bleibt uns nur, auf das Wohlwollen der anderen zu hoffen. Als Babys schon lernen wir, dass wir sie nur bekommen, wenn wir uns in unserer Verletzbarkeit und Abhängigkeit zeigen, indem wir unsere Scham zeigen. Und mit der Scham signalisieren wir, dass wir bereit sind, uns unterzuordnen und unsere eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. 

Wenn wir größer werden, lernen wir uns aggressiv und defensiv zu verhalten, statt unsere Scham zu zeigen. Denn wir haben oft nicht bekommen, was wir gebraucht haben, auch wenn wir unsere Verletzlichkeit und Scham gezeigt haben. Die offenbare Scham ist von dem Risiko der Bloßstellung oder des Ignoriertwerdens belastet. Deshalb haben wir Haltungen entwickelt, die uns vor der Preisgabe unserer Verletzlichkeit schützen sollen: Angriff oder Rückzug.

Mit diesen Haltungen bleibt die Spannung bestehen, in uns selber und mit den anderen. Wenn die anderen in einer Konfliktsituation genauso reagieren, stecken wir in einem Machtkampf fest, in dem keine Seite ihre Deckung aufgeben will, weil dahinter Ängste und unangenehme Schamgefühle versteckt sind.

Die Scham und das Machtstreben


Letztlich ist wohl alles menschliche Machtstreben durch den Zwang motiviert, dieser Abhängigkeit, die mit der Verletzbarkeit verbunden ist, zu entrinnen. Denn sie ist mit starken Ängsten verbunden, also versuchen wir, Umstände zu erschaffen, die verhindern sollen, dass uns jemand in eine beschämende Situation bringt. Wir nutzen dafür unsere Abwehrkraft, die zur Macht wird, wenn wir sie zur Kontrolle und Beherrschung unserer Mitmenschen einsetzen. Wir wollen unsere Verletzlichkeit schützen, fügen freilich den anderen Verletzungen zu, wenn wir sie mit unserem Machtgehabe unter Druck setzen wollen. Manchmal geschieht das durch plumpe Gewalt, manchmal durch den Einsatz von Manipulation, manchmal durch Erpressung oder durch Drohung.

Die Angst vor der eigenen Schwäche ist der Grund, warum Diktatoren mit besonderer Gründlichkeit und Brutalität gegen alle Kritiker an ihrer Person vorgehen. Sie wollen jeden, der sie beschämen könnte, vernichten. Dass die eigene Verletzlichkeit sichtbar würde, ist das schlimmste, was ihnen zustoßen könnte, und um das zu verhindern, setzen sie rücksichtslos all ihre Macht ein. 

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944, das Hitler mit seiner Verletzbarkeit konfrontierte, reagierte er mit besonderer Grausamkeit, indem er die Rädelsführer der Verschwörung an Klaviersaiten auf Fleischerhaken erhängen ließ. Als er die Opfer seiner Brutalität in ihrem entwürdigten Todeskampf beobachtete, stellte er mit sadistischer Genugtuung scheinbar seine Macht und Unversehrbarkeit wieder her. 

Die andere Seite zeigte sich bei der Festnahme des ehemaligen irakischen Diktators Saddam, der angeblich in einem Erdloch gefunden wurde und sich als müder und abgehärmter Mann widerstandslos ergab. Der einst mächtige Herrscher verkommen im Dreck – ein eindrucksvolles und beschämendes Bild der Verletzlichkeit und Schwäche, der Kehrseite der Macht. Der gestürzte und entmachtete Diktator ist jetzt angewiesen auf die Gnade seiner Opfer, sein Leben hängt jetzt ab von ihrer Nachsichtigkeit und Fähigkeit zum Verzeihen.

Die Masken der Scham


Die Angst vor der eigenen Verletzlichkeit, die mit der Scham verbunden ist, ist der Antrieb für ein mächtiges Überlebensprogramm. Wir können viele Vorgänge in der Welt besser verstehen, wenn wir uns dessen überwältigend impulsive Kraft vergegenwärtigen. Sie steckt hinter jeder Form der Gewaltausübung von Menschen über Menschen und hinter jedem blinden Machtstreben. Viele Menschen haben gelernt, sich die Maske der Überlegenheit und Unverletzbarkeit aufzusetzen, um in dem Überlebenskampf, der allgemein mit dem Erwachsenenleben gleichgesetzt wird, nicht nur zu bestehen, sondern möglichst als Sieger hervorzugehen. 

Diese Maske kann die unterschiedlichsten Gestalten annehmen, gemäß der Ausprägung des jeweiligen Überlebensprogramms: Von brutaler Machtausübung bis zu manipulativer Hilflosigkeit und zu Krankheiten reicht das Spektrum der menschlichen Möglichkeiten, die innere Schwäche und Abhängigkeit, die Entblößung der verletzbaren Seele zu verhindern. Wir tun alles, um diesen inneren Zustand zu vermeiden und zu verbergen. Niemand soll sehen, dass wir einen armseligen und hilflosen Teil in uns haben, niemand soll sehen, dass wir in uns noch das neugeborene Baby erleben, das in seinem Schmerz und seiner Bedürftigkeit so völlig auf die Güte und Barmherzigkeit der anderen angewiesen ist. Niemand soll unsere existentielle Ohnmacht erkennen, weil wir dann völlig schutzlos und abhängig sind. Lieber fallen wir in Ohnmacht, lieber geben wir uns unbewussten Gewaltantrieben hin, lieber stürzen wir uns in sinnlose Ablenkungen und Betäubungen. Das sind Masken, mit denen wir uns selber vor unserer Scham verstecken und sie auch vor den anderen unsichtbar machen wollen. 

Zur Auflösung des Schamgefühls


Wo die größte Gefahr lauert, findet sich der Weg zur Rettung. Das Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins, der Zustand des Beschämtseins, ist der einzige hilfreiche Ausweg aus dem Gefängnis der Schamabwehr. Dafür gibt es allerdings eine wesentliche Voraussetzung: Das Wohlwollen, die Güte, die Offenheit von anderen Menschen, Menschen, die sich ihrer eigenen Scham bewusst sind. Es braucht eine Atmosphäre des Vertrauens, in dem sich die Verletzlichkeit zeigen kann. Denn wir können nur dann zu unserer Angst und Scham stehen, wenn wir einen Rahmen von Sicherheit um uns wahrnehmen können. Wenn eine solche Atmosphäre besteht, wirkt das Zeigen dieser Gefühle  verwandelnd und löst sie auf. Dabei geschieht die Veränderung nicht nur bei einem selbst, sondern auch bei den anderen. Dann kann die Kommunikation frei fließen und Friede kehrt ein. 

Es liegt an uns als Mitmenschen, diesen Raum gerade dort anzubieten, wo sich bei unseren Nächsten Scham zeigt. Wenn wir ihnen das Gefühl geben, dass wir auch nicht besser sind als sie und dass wir die Scham gut kennen, nehmen wir ihnen die Angst, ihre Verletzbarkeit zu zeigen und sich selber einzugestehen. Indem sie unser Vertrauen spüren, finden sie mehr Vertrauen zu sich selbst und stärken ihre Selbstannahme. Das Gefühl, von anderen akzeptiert zu werden und sich selber akzeptieren zu dürfen, löst das Schamgefühl auf. 

Zum Weiterlesen:
Verletzlichkeit und Würde
Scham und Enneagramm
Scham - unser schwierigstes Gefühl
Die Rückkehr aus der Scham

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