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Mittwoch, 31. August 2022

Die Wohlfühlscham

Auf der internationalen Atemkonferenz vor ein paar Wochen haben auch Ukrainer und Ukrainerinnen teilgenommen. Einige von ihnen haben berichtet, dass sie sich schämen, hier zu sein, umgeben von Freunden in einer fröhlichen und liebevollen Atmosphäre, während die Freunde und Angehörigen zuhause unter dem Krieg zu leiden haben. Sie schämten sich dafür, dass es ihnen hier gutginge, während in der Heimat so viel Leid herrscht.

Wenn es in einer Gemeinschaft vielen schlecht geht, entsteht bei jenen, denen es gut geht, ein Schamgefühl. Es ist die Empfindung, dass es einem nicht gut gehen darf, wenn andere leiden, so, als würde man sich von ihnen und ihrem Schicksal abschneiden, wenn man nicht gleichermaßen leidet. Das Gutgehen steht einem nicht zu, wo es doch den anderen so schlecht geht. Die Scham signalisiert jedes Ungleichgewicht im sozialen Netzwerk. Wie bei der Wohlstandsscham, bei der es um ein Mehr im materiellen Besitz geht, wird bei der Wohlfühlscham die eigene Besserstellung im Gefühlsbereich als ungerechtfertigt erlebt.

Überidentifikation 

Eine Komponente dieser Scham besteht in der Meinung, dass die leidende Person noch zusätzlich belastet wird, wenn sie merkt, dass man selber glücklich ist. Also will man sie vor dem eigenen Glücksgefühl schützen, damit sie das nicht weiter nach unten zieht. Als Folge schwindet das eigene Wohlfühlen und macht der Scham Platz. 

Diese Schamform kann so weit gehen, dass man sich jedes Wohlgefühl verbietet, weil es doch irgendwo gerade jemanden gibt, der leidet. Wie kann es Freude geben, wenn anderswo Leid herrscht? Das Mitgefühl nimmt überhand und kommt nicht zur Ruhe, solange nicht alle glücklich sind. Diese Haltung scheint von grenzenloser Menschlichkeit getragen; angesichts ihrer praktischen Machtlosigkeit in Bezug auf die Milliarden von Leidenden auf dieser Erde leidet sie selber an Überidentifikation und mangelndem Realitätssinn. Das Mitgefühl verliert sich im Allgemeinen, während es in der Wirklichkeit nur auf konkrete Menschen angewendet Sinn macht

Die Wohlfühlschamform tritt z.B. bei Flüchtlingen und Migranten auf, die es in ein Land geschafft haben, in dem es ihnen besser geht als denjenigen, die sie im Heimatland zurückgelassen haben. Sie sind in Sicherheit, während die Angehörigen von Bürgerkrieg oder Verfolgung bedroht sind. Sie können aber ihr besseres Leben nicht genießen, weil sie am Leid und an der Angst ihrer Familienmitglieder und Freunde leiden. 

Doch spielt diese Schamform auch in bevorzugten Lebenszusammenhängen eine wichtige Rolle. Wer in einem westlichen Land in einer mittleren Schicht geboren wurde, befindet sich schon, weltweit betrachtet, in einer privilegierten Situation, was den Zugang zu Ressourcen verschiedenster Art anbetrifft. Diese Besserstellung wird jungen Menschen schamvoll bewusst, sobald sie erkennen, wie weit das Elend auf der Welt verbreitet ist und wieviel Mangel dort in der Deckung der einfachsten Grundbedürfnisse besteht. Oft führt diese Einsicht zum Engagement für Randgruppen, Notleidende oder auch für die missachtete Natur. 

Mitleid vermehrt das Leid, Mitgefühl verringert es. 

Natürlich haben die Leidenden nichts davon, wenn sich andere Menschen für ihr Nicht-Leiden schämen. Das Mit-Leiden verstärkt das Leiden – statt einem leiden zwei; das Mitgefühl stärkt und hilft mit, das Leiden besser zu ertragen. Das Mit-Leiden enthält, spirituell betrachtet, eine Anmaßung: Die Verweigerung, das Gute, das einem geschenkt wurde und wird, in Demut anzunehmen und aus ihm heraus Gutes weiterzugeben. 

Das Beste aus dem eigenen Leben zu machen

Der Ausweg aus der Wohlfühlscham besteht in der Einsicht, dass die eigene Lebenssituation dazu da ist, um das Beste daraus zu machen. Je besser man sich fühlt, desto mehr kann man beitragen und anderen geben. Es verbessert das Los derer, die es schlechter haben, um keinen Deut, wenn man sich selber schlechter fühlt. Das Annehmen des eigenen Schicksals beinhaltet auch das Annehmen der guten Seiten, die mit Dankbarkeit quittiert werden können. Bessergestellt zu sein ist dazu da, aus diesen Vorteilen den Nutzen zu ziehen, der für die Allgemeinheit die bestmöglichen Folgen hat. Unser Wohlgefühl macht uns kreativ, konstruktiv und produktiv, mit ihm können wir anderen das Leben leichter machen und ihnen den Mut und die Kraft geben, ihr Schicksal zu tragen. 

Zum Weiterlesen:
Die Wohlstandsscham


Freitag, 30. Juli 2021

Akzeptieren, was ist: Teil 8: Akzeptanz und Scham

Jede Nichtakzeptanz der Wirklichkeit enthält ein Element der Scham. Wenn wir uns einem Aspekt dessen, was uns umgibt und was in uns ist, verweigern, trennen wir uns davon ab und stellen uns über diesen Aspekt – wir wollen etwas Besseres sein oder etwas besser wissen. Wir wollen der Wirklichkeit vorschreiben, wie sie sein soll. Das, was wir ablehnen, ist minder oder schlechter als, das was wir uns ausgedacht oder ausgemalt hätten. Das Gefühl des Stolzes, das dabei aktiviert wird, stellt die Kompensation einer Scham dar. Denn im Verhältnis zur Wirklichkeit stehen wir niemals über ihr. Vielmehr sind wir dem großen Ganzen, das die Wirklichkeit ausmacht, immer untergeordnet und als Teilchen eingeordnet. Die Ordnung besteht unabhängig von uns und erfordert beständig unsere Einstimmung und Anpassung. Wir sind in die mannigfaltigen Zusammenhänge eingebettet, die über das bestimmen, was und wie wir sind. Sie legen fest, wie unsere Handlungsspielräume beschaffen sind, wo sie beginnen und wo sie aufhören.  

Es ist also immer eine Anmaßung mit dabei, wenn wir aus der Akzeptanz mit dem Hier und Jetzt herausfallen. Anmaßung heißt, dass wir uns etwas zumessen, was uns eigentlich, nach den Regeln des großen Ganzen, nicht zusteht. Wir stellen uns fiktiv auf eine Stelle im Universum, die uns nicht gebührt. Wir tun so, als wären wir der archimedische Punkt, um den sich alles dreht, was sonst noch da ist. Tatsächlich werden wir von den verschiedensten Kräften, die auf uns einwirken, gedreht und gewendet, und alles, was wir dabei zustande bringen, ist, den Kurs da und dort ein wenig in unserem Sinn zu korrigieren. Das gelingt manchmal besser, manchmal schlechter, aber gibt uns immer wieder die Illusion, wir wären die großen Macher in unserem Leben und darüber hinaus.

Es ist wie mit dem Wetter: Wir wüssten immer besser, wie es sein sollte, aber das Wetter kümmert sich nicht im geringsten darum. Das einzige, was wir tun können, ist zu akzeptieren, wie es ist, und unsere Handlungen danach ausrichten. Jedes Jammern über das, was ist, ist verschüttete Milch.

All diese Anmaßungen pflegen wir, weil wir uns dem Schamgefühl nicht stellen, das hinter der Ablehnung unserer geschöpflichen Kleinheit steckt. Der Narzissmus in jeder Selbstüberhöhung und Selbstverminderung ist natürlich die Verführung, die uns aus dem „Paradies“ vertreibt, das in diesem Sinn für die stimmige Einordnung unseres Selbst in das große Panorama des Ganzen steht. Denn am richtigen Platz zu sein, führt zum erfüllendsten Selbstgefühl, das uns zufallen kann.

Wir brauchen die herausgehobene Sonderstellung, weil wir uns sonst schämen würden. Lieber baden wir uns in unserer Eitelkeit als dass wir die Scham spüren. Wir wollen nicht, dass es uns geht wie Adam und Eva, als sie sich nach der Übertretung einer Regel des großen Ganzen plötzlich ihrer Kleinheit, ihrer Nacktheit, ihrem Bloßgestelltsein, ihrer Scham bewusst wurden. Die Scham ist unangenehm und quälend, also verstecken wir uns vor ihr und ihrem richtenden Blick. Wir wollen nicht dabei ertappt werden, dass wir uns größer (oder kleiner) gemacht haben als wir sind. Lieber schmücken wir uns mit unseren Errungenschaften und Großtaten (oder mit unseren Misserfolgen und Versagenserfahrungen) als dass wir demütig anerkennen, dass wir in unserer Unvollkommenheit zum großen Konzert des Universums nicht mehr als unsere winzige Rolle beitragen können.

Selbstüberhöhung und Demut

Die Scham hinter der Illusion der Überbedeutung, die wir uns zumessen, gibt es nur wegen unserer Neigung zur Selbstüberhöhung, die immer wieder dazu verführt – die Schlange in der Paradies-Geschichte. Sobald wir aufhören, den Anspruch zu stellen und die Erwartung an uns zu nähren, der Drehpunkt hinter allen Abläufen unseres Lebens zu sein, hat die Scham keinen Nährboden mehr. Wir nehmen in Bescheidenheit und Demut an, was unser Platz und der Handlungsspielraum ist, der uns zugeteilt wird.

Das richtige Maß zwischen Selbstüberschätzung und Selbstverkleinerung zu finden, ist ein wichtiger Zugang zur Lebenszufriedenheit und zum Lebensglück. Solange wir entweder unsere Schwächen nicht wahrhaben wollen bzw. nicht zu ihnen stehen können oder mit unseren Fehlern und Unzulänglichkeiten identifiziert sind, hat uns die Scham in ihren Fängen und verleitet uns zu Ausgleichsaktionen, die in die eine oder andere Form des ungesunden Stolzes führt.

Stolz und Dankbarkeit

Wir dürfen stolz sein auf bestimmte Handlungen, z.B. auf Leistungen, die auf Selbstdisziplin und Selbstüberwindung beruhen, also überall dort, wo wir innere Widerstände („Schweinehunde“) überwunden haben. Freilich ist alles, was wir für diese Taten an Ressourcen, Kräften, Begabungen usw. benötigen, auf andere Faktoren zurückzuführen, die nur minimal in unserem Einflussbereich liegen.

Wir brauchen deshalb nicht stolz zu sein auf das, was wir sind, weil es nur zum geringsten Teil unser Verdienst ist. Was können wir für unsere Körpergröße und Augenfarbe, unseren Intelligenzquotienten oder unsere künstlerischen Fähigkeiten? Hier können wir den Stolz zurückstellen, denn es ist die Dankbarkeit über alles angebracht, mit dem uns das Leben beschenkt hat und immer wieder beschenkt.

Die Formel der Selbstakzeptanz

Selbstakzeptanz bedeutet, dass wir alles, was wir sind und was uns ausmacht, annehmen, indem wir uns den Charakter des Geschenks bewusst machen, der in der Gnade unseres Lebens steckt und in allem, was dazu gehört. Deshalb ist die Selbstakzeptanz ein wirksames Heilmittel gegen die Scham und den überzogenen Stolz. In der Selbstannahme stehen wir zu dem, was uns übergeben wurde und immer wieder übergeben wird. Auf dieser Basis bauen wir auf, wenn wir neue Initiativen setzen und Projekte starten, wenn wir also unsere Beiträge zur Wirklichkeit gestalten.

Die Selbstakzeptanz ist ein guter Stabilisator für einen ausgewogenen Selbstwert, der die Balance zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstüberhöhung bildet. Beide diese Tendenzen haben ihre Wurzeln in unseren frühen familialen Beziehungserfahrungen. Überall dort, wo unsere Grundbedürfnisse nicht ausreichend gestillt wurden, wird unser Selbstgefühl geschwächt und eingeschränkt. Wir haben dann nur die Möglichkeit, nach „unten“ in Richtung Selbstzweifel und Selbstabwertung oder nach „oben“ in Richtung Selbstüberschätzung auszuweichen.

„Ich bin so, wie ich bin, und es ist gut so.“ Das ist die Formel der Selbstakzeptanz. Wir brauchen uns weder für unser Sein und Wesen zu schämen noch darauf stolz zu sein, sondern können uns an unserem So-Sein erfreuen. Wir sind einfach, wie wir sind, und dafür verdienen wir die Wertschätzung, die eigene und die unserer Mitmenschen. Das Leben als ganzes schätzt uns sowieso für das, zu dem sie uns gemacht und gestaltet hat.

„Ich bin so, wie ich bin, und es ist so, wie es ist, und es ist gut so.“ An diesem Punkt schließt sich der Kreis vom Ich zum Ganzen. Wir schwingen mit mit dem, was geschieht. Wir reiten die Welle des Lebens, unseres und des größeren. Wir lassen alles los, was der Selbstannahme im Weg steht.

Zum Weiterlesen:

Das Ja zum Selbst
Sag Ja zum Moment
Selbstakzeptanz und Schamheilung
Akzeptieren, was ist (Teil 1)
Akzeptieren, was ist (Teil 2)
Akzeptieren, was ist (Teil 3)
Akzeptieren, was ist (Teil 4)
Akzeptieren, was ist (Teil 5)
Akzeptieren, was ist (Teil 6)
Akzeptieren, was ist (Teil 7)

Donnerstag, 8. Juli 2021

Die Retter im Drama-Dreieck

Die Opfer-Täter-Dynamik ist ein weitläufiges und vielgestaltiges Feld im Gewirr unserer Seelenlandschaft. Wir wenden uns hier einer dritten Position zu, die das sogenannte Drama-Dreieck vervollständigt: Die Position der Retter oder Helfer. Das Drama-Dreieck stammt aus der Transaktionsanalyse und wurde erstmals 1968 von Stephen Karpman beschrieben.

Opfer-Täter-Konflikte können dramatisch verlaufen und rufen deshalb in vielen Fällen Retter auf den Plan. Das sind Personen, die in den Konflikt eingreifen, mit der Intention, ihn zu schlichten. Sie wollen das Opfer aus der Gewalt des Täters befreien und diesen in die Schranken weisen. Von außen betrachtet, scheint diese Rolle besonders lohnend, angesehen und ehrenhaft. Doch hat sie auch ihre Tücken und Fallstricke.

Wie es in der Transaktionsanalyse beschrieben wird, gehen nämlich solche Eingriffe nicht immer gut aus, auch wenn sie gut gemeint waren. Der Streitschlichter kann zum Opfer der Streitparteien werden, wenn beide sich ungerecht behandelt fühlen, wie z.B. eine Paartherapeutin, die in den Augen des Paares inkompetent handelt und von beiden dafür kritisiert wird, was den paradoxen Effekt haben kann, dass der Paarkonflikt zurücktritt und das Paar plötzlich auf einer Linie ist, trotz der scheinbar unprofessionellen Hilfe. Ein anderes Beispiel liefert ein Polizist, der in einen Raufhandel eingreifen will und dann selbst von beiden Raufbolden verprügelt wird, was für diese dann zur Folge hat, dass sie Opfer eines harten Gerichtsurteils werden, außer ein pfiffiger Rechtsanwalt rettet sie, während dieser dann Opfer eines Shitstorms in einem sozialen Medium werden kann usw.

Die Positionen in dem Drama-Dreieck sind also sehr volatil, sie können fortwährend wechseln und von einem Pol zum nächsten springen. Das Dreieck wird häufig von drei Personen oder Personengruppen ausgeführt, es kann aber auch zwischen zwei Personen, z.B. bei einem Paarkonflikt aktiviert werden.

Ein Beispiel: Bei einem Paarkonflikt wird ein Partner zum Opfer der Aggression des anderen. Er beklagt sich als Opfer wegen der gewaltvollen Art. Daraufhin wird der Angreifer zum Helfer und versucht, den anderen zu trösten, worauf dieser zornig wird, weil er nicht wie ein kleines Kind behandelt werden will. Also wird jetzt er zum Täter und bringt den anderen in die Opferrolle. Usw.

Schließlich gibt es auch die häufig genutzte Möglichkeit, die drei Positionen im eigenen Inneren handeln zu lassen, indem drei verschiedene Persönlichkeitsanteile interagieren. Jemand war unfair oder gemein zu uns. Wir fühlen uns als Opfer, hegen aber zugleich Rachegedanken gegen den Täter und machen uns selbst, zumindest im Denken, zum Täter. Zugleich haben wir das Gefühl, dass wir uns durch dieses Manöver aus der demütigenden Opferrolle befreit haben und aus der schamvollen Erfahrung errettet sind.

Die Retterrolle und die Scham-Stolz-Dynamik

Die Retterin ist vom Antrieb beseelt, Gutes zu tun, wo sich Böses entsponnen hat. Sie findet das, was sie sieht, beschämend für die involvierten Personen und will sie aus dieser Lage befreien. Stellvertretend für die Streitparteien empfindet sie eine Scham über das, was abläuft, sie schämt sich also fremd. Damit ist eine Form der Überidentifikation verbunden, wahrscheinlich mit dem wirklichen oder mit dem scheinbaren Opfer. Genährt aus eigenen früheren Erfahrungen mit der Opferrolle, tritt die Retterin mit dem Anspruch an, dem Opfer zu ersparen, was sie selbst zu erleiden hatte und hofft insgeheim, sich selber nachträglich noch zu unterstützen. Wenn das Opfer aus seiner Bedrängnis befreit wird, befreit sich scheinbar ein Stück der eigenen Leidensgeschichte.

Der ergänzende Aspekt im Seelenraum der Retterin liegt in der Gegenidentifikation mit dem Täter. Er soll stellvertretend für Täter aus der eigenen Vergangenheit in die Schranken gewiesen, angeprangert und, wenn möglich, bestraft werden. Die Retterin möchte endlich selber in die Täterrolle kommen, um offene Rechnungen aus früheren Erfahrungen heimzahlen zu können. Doch diese rachelüsternden Motive sollten lieber nicht ins Bewusstsein kommen, weil sie stark schambesetzt sind.

Die Versuchung zur Anmaßung

Die Retterin will eingreifen, um Gutes zu tun und nachher stolz auf sich sein zu können. Gelingt die Konfliktbefriedung, d.h. kommen Opfer und Täter aus ihren Rollen heraus und können sich versöhnlich die Hand reichen, dann darf die Retterin stolz auf sich und ihren Einsatz sein. Überspannt sie aber ihre Rolle und hilft sie über das Maß der Notwendigkeit hinaus, so hält sie die Opfer in ihrer Position fest und lässt sie nicht selber herauswachsen. Oder sie geht in selbst wiederum ungerechter und überzogener Weise gegen den Täter vor und baut damit eine neue Frontlinie für einen Opfer-Täter-Konflikt auf.

An solchen Punkten überschreitet der Stolz die Schwelle zur Überheblichkeit. In die Anmaßung zu kippen stellt eine Versuchung dar, die im Helferstolz inhärent ist. Retter sehen sich gerne als Helden, aber häufig als solche, die keine Kritik ertragen und Bewunderung brauchen, und die andere dann für den Mangel an Anerkennung anklagen oder sie zum Loben zu manipulieren.

Wenn die Retterin merkt, dass sie das Opfer geschwächt statt gestärkt hat oder dass der Täter in eine beschämende Opferposition gerät, meldet sich die Scham. Der nächste Schritt kann darin liegen, die Scham durch Stolz zu kompensieren und dem Opfer gegenüber abwertend mitzuteilen, dass es selber schuld ist, wenn es die Hilfe nicht annimmt oder richtig umsetzt. Auf der gleichen Schiene liegt, wenn dem Täter die Tat in einer Weise angekreidet wird, als hätte man sie selbst erlitten. Hier treffen wir auf eine Spielart des Opferstolzes.

Die Scham, die sich dort meldet, wo das Retten mehr Schaden als Nutzen anrichtet, bringt – falls sie sie bemerkt – die Retterin dazu, ihr Verhalten auf ein gebotenes Maß zurück zu regulieren. Sie sollte ihre Hilfe soweit eingrenzen, dass sie das Opfer in der Selbstkompetenz stärkt, also Hilfe zur Selbsthilfe beiträgt. Bleibt sie allerdings bei einer Form der Hilfe, die entmündigt und die Verantwortung abnimmt, dann erhöht sie auch die Schambelastung beim Opfer, dem eigentlich geholfen werden sollte.

Vollends schwierig wird die Retterrolle, wenn gar nicht klar ist, wer bei einem Konflikt Opfer und wer Täter ist. Das ist üblicherweise die Situation bei Paarkonflikten, oft aber auch bei Konflikten in Organisationen und Gruppen. Die Retterin gerät in ein Geflecht von Projektionen, die sie erst einmal auseinander sortieren müsste, um sich überhaupt orientieren zu können und Lösungsperspektiven zu erarbeiten.

Es liegt eine maßlose Überschätzung der eigenen Kräfte in dem Glauben, in solchen Situationen irgendetwas oder irgendjemanden retten zu können. Die Retterposition ist also häufig mit der Gefahr verbunden, in eine anmaßende Einstellung zu geraten, mit der Meinung, besser für die anderen zu wissen, was für sie gut ist. Anmaßung führt zu ungesundem Stolz oder ist durch ein Bedürfnis nach diesem Stolz motiviert. Aus diesem Zusammenhang stammen die missionarische Ansprüchen, die häufig von Retterinnen vertreten werden: Wenn du machst, was ich dir sage oder empfehle, wirst du gerettet, sonst nicht.

Das Drama-Dreieck in Aktion

Wie wir gesehen haben, ist das Drama-Dreieck eine fließende Angelegenheit. Meist gibt es (bei Erwachsenenbeziehungen) keine fixen Rollen, sondern Sprünge zwischen den einzelnen Positionen, die sich in den Personen selbst noch einmal überlappen können. Aus Opfern werden Täter, aus Rettern Opfer usw. Manchmal gerät die Retterin in die Opfer- und zugleich in die Täterrolle, und braucht schließlich selber Hilfe.

Oft stammen die Rollen, die wir spontan einnehmen, wenn wir in einen Konflikt geraten, aus der Kindheit, also aus unserem Familiensystem. Manche Kinder übernehmen in einer dysfunktionalen Familie die Retterrolle und versuchen, allen aus der Mangelsituation herauszuhelfen, den Eltern und den Geschwistern. Sie kriegen dafür vielleicht eine besondere Anerkennung und nehmen diese Rolle deshalb mit ins weitere Leben. Da aber die Rolle, wie jede andere auch, schon in der Kindheit eine starke Überforderung bedeutet hat, wird auch die Tendenz, sich selbst für andere auszubeuten, mit übernommen – die Spur zum Helfersyndrom und zu Burn-Out-Störungen ist gelegt.

Die eingeprägte Retterrolle führt nämlich dazu, überall Opfer zu sehen, die der eigenen Hilfe bedürfen. Wie wir oben schon gesehen haben, steckt die eigene Opferrolle hinter diesen Projektionen: Das Opfer, das in der Übernahme der Retterposition auf sich genommen wurde. Letztlich geht es also der Retterin darum, aus der eigenen Opferrolle befreit zu werden und als die Person, die sie ist, Anerkennung und Wertschätzung zu bekommen. Retter wollen sich selbst retten.

Von der Retterposition zur Allparteilichkeit

Um die stolzbedingten Fallen zu vermeiden, die im Rettenwollen verborgen sind, ist es ganz wichtig, die eigenen Intentionen zu reflektieren und zurückzunehmen und damit auch die Stolzerwartung, die zum Rettenwollen oder Rettenmüssen drängt, zurecht zu rücken. Erfolgreich wird eine Friedensstiftung nur sein können, wenn es gelingt, eine Haltung der Allparteilichkeit einzunehmen und den Selbstregulationskräften, die es in jedem System gibt, zu vertrauen. Statt also alle Opfer mit den eigenen Händen aus dem Sumpf zu ziehen, gilt es, die Opfer an ihre eigenen Kräfte zu erinnern, damit sie sich selber aus ihrer misslichen Lage befreien können. Und statt als Rächer gegen die Täter vorzugehen oder ihn moralisierend zu demütigen, ist es sinnvoller und hilfreicher, ihm einen Weg zu zeigen, wie er den Schaden, den er angerichtet hat, wieder gutmachen will. Umso leichter gelingt das, wenn dem Täter vermittelt werden kann, dass er trotz seiner Tat ein wertvoller Mensch ist.

Die Falle für die Retterin, die Verantwortung von Opfer und Täter an sich zu ziehen, wird vermieden, indem die Verantwortung dort belassen wird, wo sie hingehört. Die Hilfe zur Selbsthilfe oder Selbstrettung braucht keine Anmaßung und hilft zugleich, aus der Retterrolle heraustreten zu können.

Von der Rolle des zwanghaften Rettenmüssens, die uns selber belastet und überfordert, können wir uns nur dann lösen, wenn wir die Hintergründe unserer Helferimpulse sorgfältig reflektieren und die in sie hineinverwobenen Scham- und Stolzthemen erkennen und überwinden. Anderen Menschen zu helfen oder sie aus Notsituationen zu retten, ist eine ehrenhafte Sache, solange diese Handlungen frei von solchen Themen sind.

Zum Weiterlesen:
Der Opferstolz in Beziehungen
Der Stolz der Opfer
Die Ursprünge der Opferrolle
Opferstolz und Opfermentalität
Die innere Geschichte der Täter-Opfer-Dynamik
Die Täter-Opfer-Umkehr als Wurzel für Schuldkomplexe
Kinder in der Täterrolle
Das System der Gier


Samstag, 27. Juni 2020

Die Anmaßung im schlechten Gewissen

Schlechtes Gewissen entsteht, wenn wir etwas getan oder unterlassen haben, das jemand anderem oder uns selber geschadet hat, das Verletzungen nach sich gezogen hat oder Konflikte nach sich zog. Es zeigt uns an, dass wir eine Schuld auf uns geladen haben, die wir begleichen oder ausgleichen sollten. Wenn das gelingt, verschwindet das schlechte Gewissen.

Das schlechte Gewissen kann sich aber auch mit der Scham verbinden und dadurch zu einer wiederkehrenden inneren mahnenden Stimme werden. Wenn die Schuld beglichen wurde und die Scham bleibt, mischt sich eine alte Abwertungserfahrung in die aktuelle Geschichte ein und bewirkt, dass sie nicht unter „erledigt“ abgelegt und vergessen werden kann, sondern immer wieder aus den Hintergründen der Seele mit nagender Qual auftaucht. Denn die Scham hinter der Schuld sagt, dass uns nicht nur einen Blödsinn unterlaufen ist, sondern dass bei uns als Person grundlegend etwas faul ist.

Scheinbar will uns die Scham darauf aufmerksam machen, dass wir etwas schlecht gemacht haben und uns in Zukunft bessern müssen, dass also, wenn wieder Ähnliches geschieht, wir anders reagieren müssen. Doch setzt sie viel zu tief an und korrumpiert die Grundlagen unserer Persönlichkeit. Auf diese Weise kann ein schlechtes Gewissen zu einer hartnäckigen Gewohnheit der Selbstkritik werden. Wir hegen und pflegen es in uns, obwohl es uns äußerst unangenehm und lästig ist.

Die Anmaßung im schlechten Gewissen


Das schlechte Gewissen wird also unter dem Einfluss der Scham zur schlechten Gewohnheit der Selbstabwertung. Es speist sich im Grund aus einer Anmaßung, die wir uns selber zufügen. Wir tun nämlich so, als ob wir jetzt besser wüssten, was irgendwann in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Damals wussten wir, konnten wir, verstanden wir, was wir wissen, können und verstehen konnten, nicht mehr und nicht weniger. Durch die Erfahrung sind wir klüger geworden, wir haben gelernt. Wenn wir aus dem Jetzt in die Vergangenheit zurückschauen, ist es leicht, den Richter zu spielen, der den Fehler hervorstreicht und die Verurteilung ausspricht.

Als Richter über uns selbst nehmen wir jedoch eine angemaßte Position ein, mit der wir uns einerseits aufwerten (= arroganter Stolz), um uns andererseits abzuwerten (= Scham). Das Ergebnis aus diesem Additions-Subtraktionsspiel liegt im Minus, weil die Selbstverurteilung übrig bleibt und hartnäckig an unserem Selbstwert nagend weiterwirkt. Die Anmaßung entsteht daraus, dass die nachträgliche Sichtweise selbstverständlicherweise umfassender und passender ist als die ursprüngliche, und dass wir aus dieser Selbstverständlichkeit eine Überlegenheit basteln. Die Anmaßung besteht zweitens darin, dass wir über etwas urteilen, was wir nicht aus sich heraus, sondern aus der nachträglichen Perspektive verstehen („Nachher sind wir immer gescheiter“). Drittens ist es anmaßend, so zu tun, als könnte die Vergangenheit verändert werden. Was geschehen ist, ist geschehen, ob es uns jetzt passt und gefällt oder nicht. Die Geschichte kann nicht mehr umgeschrieben werden. Es gibt kein Playback, mit dem wir zurückspulen und ganz andere Worte oder Taten in die Erzählung einspeisen könnten. Von einem Standpunkt des Besserwissens etwas zu verurteilen, was für immer so und nicht anders in der Vergangenheit bestehen bleibt, ist naiv, überheblich und sinnlos, weil es keinen konstruktiven Beitrag zu irgendeiner Verbesserung liefert.

Ja, ich hätte besser das oder jenes nicht getan. Hätte ich doch an diesen Aspekt noch gedacht, dann wäre alles anders gelaufen. Hätte ich diese emotionale Reaktion rechtzeitig gezügelt, wäre die Eskalation unterblieben. Wäre ich rechtzeitig abgebogen, hätte ich das Ziel leicht gefunden. Hätte ich den Pullover angezogen, wäre ich jetzt nicht verkühlt… Endlos ist die Liste mit unseren Verfehlungen, und viel Energie verpufft darin, sie immer wieder aus der Vergangenheit in die Gegenwart zu bringen, um uns dort abzuwerten.

Der rückwärts gewandte Konjunktiv


Der rückwärts gewandte Konjunktiv ist eine gefährliche Waffe, die wir manchmal gegeneinander richten, um eine vergangene Handlung eines Mitmenschen zu verurteilen und dessen Person dabei gleich mitbetreffen („Hättest du A statt B gemacht, wäre das nicht passiert, und du hättest mir C erspart.“). Sie ist auch gefährlich uns selbst gegenüber. Wir verfangen uns in Gedankenschleifen, die uns nur ermüden und schwächen, ohne ein konstruktives Resultat hervorzubringen.

Wir übersehen die einfache Wahrheit, dass wir in jedem Moment unseres Lebens immer das tun, was in dem Moment geschehen kann – aus den Fähigkeiten, dem Wissensstand und der emotionalen Stimmung heraus, die zu diesem Zeitpunkt vorhanden waren. Wäre der innere Ressourcenzustand anders beschaffen gewesen, hätten wir uns anders entschieden, anders gehandelt, anders reagiert. In diesem Sinn tun wir immer das Beste, das uns im Moment des Tuns möglich ist. 

Natürlicherweise ändert sich das, was das Beste für uns Mögliche ist, von Moment zu Moment, und oft erscheint in der Nachschau die Alternative völlig logisch und einsichtig. Natürlich wäre es besser gewesen, das Netzkabel mitzunehmen als es zu Hause liegenzulassen. Natürlich wäre es besser gewesen, freundlichere Worte im Streit zu wählen als beleidigende. Nur hatten wir im Moment des Geschehens eine andere Logik und Einsicht. Das können wir jetzt nicht mehr ändern und werden wir nie ändern können.

Die Anmaßung im aufgeblasenen schlechten Gewissen will sich über die Geschichte stellen und ihren Richtspruch andauernd wie ein Mantra wiederholen. Wir sollten die zwiespältige Ego-Agenda in dieser Form der destruktiven Selbstreflexion durchschauen und damit dem schlechten Gewissen seine Macht nehmen. Wir haben unsere Schuld getilgt und ausgeglichen, was wir aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Wir müssen uns selbst noch verzeihen, solange, bis uns das schlechte Gewissen endlich in Ruhe lässt.