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Donnerstag, 18. Oktober 2018

Wahrheit und Illusion

Die wirkliche Wirklichkeit 


Der Begriff der Illusion ist beliebt bei spirituellen Lehrern. Er geht zurück auf die Gestalt der indischen Göttin Maya, die unter anderem für geistige Verblendung, Illusion und Zauberei steht. In der Advaita-Tradition bezeichnet der Begriff den Zustand des begrenzten Ichs, das die Welt nur über die Sinne wahrnehmen kann, während die “wirkliche” Wirklichkeit, das wahre Selbst, erst im Zustand der Befreiung erfahren werden kann. Demnach gibt es ein Leben in der Illusion, bei dem die Menschen den Täuschungen der Sinne und des Geistes unterworfen sind, und als Kontrast dazu ein Leben in der Wahrheit, bestimmt von der wirklichen Erkenntnis des Seins. 


Das Höhlengleichnis 


Aus der westlichen Geistesgeschichte ist das Höhlengleichnis aus der Politeia des griechischen Philosophen Platon überliefert. Das Gleichnis beschreibt den inneren Läuterungsweg eines Menschen, der zuerst mit den anderen Menschen in der Höhle lebt und Schattenbilder, die dort gezeigt werden, für die Wirklichkeit hält. Nachdem er aber aus der Höhle geführt wird und am Sonnenlicht die Dinge in ihrer farbenfrohen Wirklichkeit sieht, kann er die Schattenbilder in der Höhle nur als täuschende Illusionen abtun. Allerdings glauben ihm die Menschen nicht, denen er von seinen Erfahrungen im Sonnenlicht erzählt, so stark sind sie in ihre Gewohnheiten eingebunden. 

Das Vermittlungsproblem, um das es in diesem Artikel gibt, wurde auch schon von Platon thematisiert. In ihrem festsitzenden Unglauben machen sich die Unwissenden über den Wissenden lustig und drohen sogar damit, alle, die sich von der Unwissenheit befreien wollen, umzubringen. Historisch wird damit auf den Tod von Sokrates angespielt, der von den “Unwissenden” wegen seiner Art der Wissensvermittlung angeklagt wurde und den Freitod wählte. Lieber halten die Menschen mit Gewalt an ihren Illusionen fest, als dass sie sich von einer neuen Perspektive überzeugen lassen, so die pessimistische Schlussfolgerung von Platon.  


Wahrheit und Illusion in der aktuellen Lehre 


Weniger von Platon, aber mehr von der Tradition des Vedanta-Advaita  ist die zeitgenössische spirituelle Szene geprägt, aus der hier ein paar Zitate zum Thema folgen. Der spirituelle Lehrer Mooji spricht von der Illusion in jeder spirituellen Suche: “Auf die Suche nach dem Selbst (als Ziel) zu gehen, ist eine Illusion.” Der Advaita-Meister Ramesh Balsekar sagte: “Der eigene Eindruck des Agierens ist eine Illusion, der freie Wille ist eine Illusion.” Und Osho meinte: “Was immer du siehst, hörst, fühlst, alles ist Illusion. ... Die ganze Welt ist Illusion, du bist es nicht.” Eckart Tolle spricht davon, dass alle Probleme Illusionen des Verstandes sind. Es wären Folgen von Konditionierungen, die uns vorspiegeln, dass wir wichtig sind, dass wir etwas darstellen und auf uns selber eingebildet sein können.  

Viele Menschen, die die Erfahrung der profunden Befreiung erlebt haben, sei es auch durch Nahtoderfahrungen, Meditationserlebnisse oder spirituelle Krisen, beschreiben einen klaren Unterschied von vorher und nachher als Unterschied von Illusion und Wirklichkeit, eben wie ein Aufwachen aus einem Traum oder eine Erleuchtung aus einer Dunkelheit. In diesem Zusammenhang wird die Rede von der Illusion oder der Täuschung sinnvoll, weil sie einen subjektiv erlebten Erfahrungsprozess beschreibt. 

Das Belehrungsgefälle 


Problematisch wird der Begriff der Illusion allerdings dort, wo er in die Kommunikation mit Menschen eingebracht wird, die solche oder ähnliche Erfahrungsprozesse nicht erlebt haben. Denn in diesem Zusammenhang fließt sofort eine Bewertung in die Unterscheidung von Illusion und Wahrheit ein. Einer Illusion verfallen zu sein ist im allgemeinen Verständnis einfach dumm oder naiv, während über die Wahrheit zu verfügen als weise gilt. Die Unterscheidung schafft ein Gefälle: Oben ist, wer über die Wahrheit verfügt, und unter ihm befinden sich jene, die in einer Illusion feststecken. Wer oben ist, ist überlegen, die unteren fühlen sich beschämt. Ihnen fehlt etwas Wesentliches, und sie sollten sich anstrengen, um auch nach oben zu kommen. Eine spirituelle Überlegenheit kann leicht zu einer spirituellen Überheblichkeit werden. 

Natürlich verwenden Lehrer provokative Begriffe, um die Schüler an ihren Schwachpunkten und Fixierungen zu erreichen und sie darauf aufmerksam zu machen. Sie wollen die Menschen aufwecken, um ihnen zu verdeutlichen, dass sie nur über eine limitierte Erfahrungsweise verfügen, die an ihren Problemen und ihrem Leiden beteiligt ist. Dazu nutzen sie auch plakative Unterscheidungen und verwenden Begriffe, die aus ihrer Sicht genau beschreiben, worum es geht, oft ohne darauf zu achten, wie diese Begriffe verstanden werden und welche Funktion sie auf der Vermittlungsebene bekommen.  

„Wenn du ein Problem hast, unterliegst du einer Illusion. Du bildest dir das Problem nur ein. Ich weiß das, weil ich mehr über die Wirklichkeit verstanden habe als du.“ Das mag aus der Perspektive einer absoluten Einsicht stimmen, ob es allerdings ein hilfreiches Wissen ist oder als herablassende Belehrung ankommt, die verstört, kann nur der jeweilige Adressat für sich entscheiden. 


Absolutes kann nur relativ kommuniziert werden 


Auf der Vermittlungsebene ist jeder Lehrer nur ein Lehrer, gleich ob er über Relatives oder Absolutes spricht. Das Absolute ist also auf der Ebene der zwischenmenschlichen Kommunikation immer ein Relatives, denn jeder Empfänger hat sein individuelles vorpräpariertes Empfangssystem. Dazu kommt, dass jeder Lehrer des Absoluten unterschiedliche Erklärungsmodelle und Zugangsweisen verwendet. Sobald ein Inhalt aus dem holistischen Bewusstsein öffentlich und kommunikativ mitgeteilt und dargestellt wird, spielt sich das schon auf einer anderen Bewusstseinsstufe ab, im besten Fall im systemischen Bewusstsein, wo die Relativität jeder Aussage als kommunikatives Grundprinzip erkannt und etabliert ist. 


Illusionen als Überlebenshilfen 


Andererseits behauptet der Lehrer, der über Illusionen spricht, von einem absoluten Standpunkt aus zu sprechen, von dem aus alle relativen Sichtweisen „unwirklich“ sind, also als wertlose Einbildungen des verwirrten menschlichen Verstandes erscheinen. Bei dem, was als Illusionen bezeichnet wird, handelt es sich freilich um wichtige Errungenschaften der Evolution und der innerpsychischen Entwicklung, notwendig zur Realitätsbewältigung in einer relativ strukturierten Welt, in der zunächst einmal überhaupt keine absoluten Wahrheiten vorkommen. Psychodynamisch betrachtet, haben wir es bei dem, was als Illusion etikettiert wird, im weitesten Sinn mit Überlebensprogrammen und den daraus abgeleiteten angstgesteuerten Schlussfolgerungen zu tun, die sich als Folge von Traumatisierungen faktisch bei allen Menschen zeigen. In vielen Fällen spielen sie schon lange keine konstruktive Rolle in der aktuellen Lebensgestaltung mehr, sind aber dennoch weiterhin als unbewusste Antriebe wirksam, solange, bis die zugrundeliegenden Verletzungen und Traumatisierungen bearbeitet sind.  

Folglich tragen wir viele dysfunktionale Denkstrukturen und Motive in uns herum, viel psychisches Gerümpel, das wir eigentlich schon längst nicht mehr brauchen. Es kann uns einleuchten, wenn da jemand kommt, der uns darauf aufmerksam macht. Aber wir sollten uns deshalb nicht abgewertet fühlen und schämen, wenn uns jemand sagt, wir befänden uns in einem Käfig von Illusionen und wären unfähig, die eigentliche Wahrheit zu erkennen. Denn das gilt für alle, die sich in der relativen Welt bewegen und mit ihren Komplexitäten umgehen müssen. Auch ein erleuchteter Mensch kommt nicht umhin, den Lastwagen als Realität anzuerkennen und am Straßenrand zu warten, bis er vorbei ist; die Ansicht, dass der Lastwagen nur eine Illusion ist, ist dazu relativ belanglos und unter Umständen lebensgefährlich. 


Erkenntnis und Mitgefühl 


Ein spiritueller Lehrer sollte darauf achten, ob und wo er in seinem Lehren in eine subtile Abwertung der Schüler kippt. Die Vermittlung des Absoluten ist in Worten nicht möglich, denn Worte führen immer direkt ins Dickicht der menschlichen Relativität. Es sind die kommunikativen Zusammenhänge, die die Bedeutungen festlegen, und dieser Dynamik kann sich kein spiritueller Lehrer entziehen. Ein Lehrer ist nur so gut, als er die Befindlichkeiten und Aufnahmekapazitäten seiner Rezipienten berücksichtigen kann.  

Platon drückt das in Hinblick auf das Höhlengleichnis folgendermaßen aus: “Wenn einer Vernunft hätte, (…) würde er (…), wenn er eine (Seele) verwirrt findet und unfähig zu sehen, nicht unüberlegt lachen, sondern erst zusehen, ob sie wohl von einem lichtvolleren Leben herkommend aus Ungewohnheit verfinstert ist oder ob sie, aus größerem Unverstande ins Hellere gekommen, durch die Fülle des Glanzes geblendet wird; und so würde er dann die eine wegen ihres Zustandes und ihrer Lebensweise glücklich preisen, die andere aber bedauern; oder, wenn er über diese lachen wollte, wäre sein Lachen nicht so lächerlich als das über die, welche von oben her aus dem Licht kommt.” (Politeia 106 c nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher). wir brauchen die Vernunft, um zu erkennen, ob ein Wissen, das uns begegnet, aus einer verengten oder einer geweiteten Perspektive kommt, d.h. ob wir es vernachlässigen oder ob wir von ihm lernen können. 

Die Rede vom Illusionären der phänomenalen Wirklichkeit, also der Welt der Alltagswahrnehmung, trifft genau auf diese Welt mit all ihren Verstrickungen. Der Schleier auf dieser Welt verschwindet nicht dadurch, dass er benannt wird. Allenfalls wird durch das Aufzeigen der Wunsch im Zuhörer ausgelöst, dass sich der Schleier lüften möge, er muss aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es dazu keinen Weg gibt. Es ist nämlich gleich darauf die Rede davon, dass jeder Weg in diese Transzendenz ebenso illusionär ist. Auf diese Weise führt das Aufzeigen der getäuschten Weltsicht zu einem Koan, einem unauflöslichen Widerspruch. Du befindest dich im Gefängnis der Selbsttäuschung, und die einzige Erkenntnis ist, dass es sinnlos ist, einen Ausweg zu suchen.  

Wenn es dem Adressaten der Rede gelingt, die Spannung dieses Widerspruchs aufrecht zu erhalten, dann erreicht die Botschaft, was sie erreichen will. Die Lösung des Rätsels liegt darin, sich selber in seiner Kleinheit wahrnehmen zu können, in einer Haltung der Demut zu akzeptieren, wie sich der Widerspruch anfühlt und auf das zu vertrauen, was nun von selber geschieht. Spirituelle Einsicht trifft sich mit dem Mitgefühl und der Hingabe, die Kräfte von Dhyana (Erkenntnis) und Bakthi (Liebe) nach der hinduistischen Terminologie vereinigen sich. Im Annehmen dessen, was gerade ist und was sich daraus entwickelt, ist auf einmal der Schleier der Illusion durchbrochen.

Zum Weiterlesen:
Die Illusion des bewussten Selbst
Illusion und Lebenspraxis

Samstag, 7. Oktober 2017

Bewerten: Anmaßung und Beziehungsstörung

Bewertungen schlagen einen Keil in den Beziehungsraum, schreibt Annette Kaiser in ihrem Buch: Erwachende Seele. Die zwölf Phasen des Gebets (München: Kösel 2010). Immer wieder sind wir verletzt, wenn wir von nahestehenden Menschen abgewertet werden. Immer wieder verfallen wir selbst ins Bewerten, wenn wir uns über etwas oder jemanden ärgern, und richten damit in den Beziehungsräumen Schaden an.

Wenn ich eine andere Person oder ihr Verhalten bewerte, stelle ich mich über sie. Ich gebe vor, dass ich über einen Maßstab verfüge, an dem ich Menschen abmesse, und lege diesen Maßstab an, wie ein Schneider an den Anzugsstoff. Ich will über die Messung feststellen, ob die andere Person zu meinen Kriterien passt. Das ist grundsätzlich nicht falsch und etwas, das wir die ganze Zeit automatisiert machen: Was passt zu uns, was unterscheidet sich von uns, was gefällt uns, was nicht, wer ist uns sympathisch, vor wem müssen wir uns in Acht nehmen usw. Diese unbewusst fortwährend ablaufenden Bewertungen dienen ja dazu, dass wir uns in der unübersehbaren Vielgestaltigkeit der Welt zurechtfinden.

Wenn wir die Bewertungen auf die bewusste Ebene bringen und sie in die Kommunikation einbringen, gilt es, ethisch mit ihnen umzugehen. Wir müssen uns klarmachen, dass sowohl unsere Maßstab als auch die Kriterien, der er abbildet, aus unseren eigenen Normen von richtig und falsch abgeleitet sind. Wir nehmen an, dass unsere eigenen Maßstäbe und Kriterien richtig sind und dass sie andere notwendiger Weise und zu ihrem besten Nutzen übernehmen sollten und dass mit ihnen etwas falsch ist, wenn sie das nicht tun.

In der Bewertung gebe ich also vor, eine übergeordnete objektive Position einnehmen zu können, von der ich auf andere herunterschauen kann, die an einem objektiv auffälligen Mangel leiden, nämlich dass sie meine objektiv überlegenen Standards nicht teilen. Mit der Bewertung will ich erreichen, dass sie auf diesen Mangel aufmerksam werden und gebe ihnen die Chance, den „besseren“ Standard zu übernehmen. Dann kann ich von meiner Bewertung lassen; im anderen Fall muss ich sie aufrechterhalten, bis bei der anderen Person eine Besserung, eine Veränderung in meine Richtung eingetreten ist. 


Die Überheblichkeit im Bewerten


Als Bewerter bin ich von der Überzeugung getragen, dass ich der anderen Person etwas Gutes tue, wenn ich sie bewerte, weil ich meine, ich müsse sie auf ihrem Irrtum, der ihr ja schadet, aufmerksam machen. Wenn sie meine Standards übernähme, würde sie von diesem Irrtum genesen, ein besserer Mensch werden –  und mir mein Leben leichter machen.

Das Ego mischt sich beim Bewerter also mehrfach ein: Zum einen will es im ethischen und kognitiven Sinn besser sein als die bewertete Person. Zum zweiten will es vermeintlich Gutes für die Adressatin der Bewertung und zum dritten möchte es ein eigenes Problem aus der Welt schaffen, an dem es leidet, das es sich aber nicht anschauen möchte. Für das Ego ist es immer die Patentlösung, dass andere sich ändern, wenn es Probleme mit ihnen hat.


Die Seite des Empfangens


Aus der Sicht des Empfängers der Bewertung betrachtet, schaut das Bild naturgemäß anders aus. Nur wenn die emotionale Schwingung, mit der die Bewertung ausgesprochen wird, wertschätzend und annehmend ist, also wenn die Bewertung im Rahmen einer gleichrangigen Beziehung ohne Involvierung des Egos geäußert wird, wird sie der Empfänger als Hilfe und Unterstützung annehmen können. Sobald sich auf der emotionalen Ebene Überheblichkeit und Besserwisserei oder sogar aggressive Ablehnung dazumischt, wird die Bewertung als verletzend und beleidigend empfunden. Die Kommunikation erleidet eine Störung und Belastung, und der Beziehungsraum wird in Mitleidenschaft gezogen.

Bewertungen können also schnell zu kommunikativen Waffen werden, mit denen wir andere Menschen in Frage stellen und sie auf diese Weise in ihrem Existenzrecht bedrohen. Sie dienen uns dazu, uns anzumaßen, über andere Macht auszuüben, nämlich die Macht, Wert zu- oder abzusprechen. Eine ethische Einstellung zu anderen Menschen beginnt mit dem Anerkennen des individuellen Wertes jedes Menschen. Das ist die Grundlage für zwischenmenschlichen Respekt: Jeder Mensch ist gleich viel wert. Niemand kann mehr Wert für sich beanspruchen als jemand anderer. Nur wenn diese Ebene sicher und von Vertrauen getragen ist, macht es Sinn, andere Menschen auf ihre Schwächen und Fehler aufmerksam zu machen.


Das ökonomische Werten


Hier trennt sich die ethische von der ökonomischen Einstellung. In der letzteren hat alles einen unterschiedlichen Wert, Dinge sowieso, deren Wert in einem Preis berechnet wird, und Menschen ebenfalls, die mittels der unterschiedlichen Verfügung über Dinge (messbar an der Menge an Geld und Sachwerten, die die betreffende Person besitzt) auf einer unendlichen Skala voneinander unterschieden sind. Für US-Amerikaner ist ihr Jahreseinkommen Teil ihrer Identität. Der ökonomische Wert kann in Zahlen ausgedrückt werden und ist damit eindeutig fixiert. Er wird vom Markt bestimmt und ändert sich gemäß Angebot und Nachfrage.

Auf der ethischen Ebene hingegen lassen sich die Menschen nicht quantitativ (=messbar) voneinander unterscheiden, sondern qualitativ. Diese Unterschiede können nicht mit einer Messlatte verglichen werden, weil jeder Mensch einen eigenen Maßstab bräuchte. Qualitative Unterschiede können nicht eindeutig bewertet werden, wir können sie nur differenziert beschreiben, wie wir die Unterschiede zwischen den Blättern eines Baumes oder den Blüten einer Pflanze verbal oder zeichnerisch darstellen können, aber nicht in Zahlenverhältnissen. Menschen sind unausschöpflich und unausdeutbar, unbegrenzt und unendlich individuell im Sinn von einzigartig. Deshalb gibt es keine ethisch vertretbare Rangfolgen unter den Menschen, keine Rankings, sondern eine grundsätzliche Gleichbewertung der jeweiligen Individualität.

Auf der ethischen Ebene wissen wir, dass die menschliche Gemeinschaft nur auf dieser Grundlage existieren kann, dass sie somit auch die Basis für jede Form von Ökonomie darstellt. Menschliche Gesellschaften können nur einen begrenzten Rahmen von Ungleichheit und Ausgrenzung erlauben, sonst brechen sie zusammen. Und das Bestreben nach Wertgleichheit unter den Menschen wird immer ein mächtiger Impuls zur gesellschaftlichen Änderung sein. Denn im Grund leiden alle Mitglieder der Gesellschaft an bestehenden Ungleichheiten, die auf Abwertungen von Menschen gegründet sind. Die Kerben, die sich durch die Gesellschaft ziehen, betreffen alle, ob sie auf der einen oder auf der anderen Seite stehen. 


Zum Ursprung des Bewertens


Wir verstehen und erkennen leicht, dass das Bewerten ein Reflex ist, der aus unserer Kindheit stammt. Eltern sind oft der Meinung, dass sie ihre Kinder in eine bestimmte Richtung erziehen müssen, die sie für richtig und förderlich erachten, und versuchen das innere Wachstum ihrer Sprösslinge mit positiven wie negativen Bewertungen auf diesen Weg zu lenken. Kleine Kinder nehmen grundsätzlich an, dass die Eltern mit ihren Ansichten und Strategien Recht haben, obwohl sie spüren, dass sie in ihrem Sein und Werden beschnitten werden.

Üblicherweise tun wir unseren Mitmenschen das an, was uns als Kindern angetan wurde, zu einem Zeitpunkt, als wir uns nicht wehren konnten, sodass wir damals schon den unbewussten Glauben entwickelten, dass es normal und sinnvoll ist, andere Menschen abzuwerten. Sobald wir als Erwachsene irgendwie in die Enge kommen und uns etwas Angst bereitet, haben wir die Strategie des Abwertens bei der Hand, um uns zu schützen. Das ist der einfache psychologische Mechanismus hinter der Gewohnheit des Abwertens, den wir erst außer Kraft setzen können, wenn wir uns den Ängsten stellen, die wir als Kind erlebt haben, wenn uns die Erwachsenen abwertend und abschätzig behandelt haben, am besten in der Gegenwart von einer Person, die uns bewertungsfrei und akzeptierend begegnet.


Zum Weiterlesen: Bewerten im bewertungsfreien Raum

Donnerstag, 10. März 2016

Schuldgefühle und ihre Hintergründe

Wir machen uns schuldig, wenn wir anderen Menschen etwas antun und ihnen Leid zufügen. In den seltensten Fällen tun wir das absichtlich, geplant und gewollt. In den meisten Fällen handeln wir aus der Einsicht und den Kräften heraus, die uns gerade zugänglich sind. Es passiert jedoch etwas, was anderen Personen Probleme bereitet, sie verletzt und enttäuscht, sie unter Stress setzt und irritiert.

Dann sind wir, wie es schon die griechische Tragödie thematisiert hat, unschuldig schuldig. Unschuldig, weil wir nicht wissen konnten, dass die andere Person verletzt wird, schuldig, weil wir die Verletzung verursacht haben.


Schuld und Entschuldigung


Für diese Fälle gibt es die Ent-Schuldigung, um die wir die andere Person bitten, wenn wir erkannt haben, dass unser Handeln einen physischen oder emotionalen Schaden bei ihr angerichtet hat. Mit der Entschuldigung gestehen wir ein, dass wir in unserem Handeln nicht alle Auswirkungen mitbedacht haben und dass wir einsehen und anerkennen, dass unser Handeln Auswirkungen hatte, die die andere Person belasten.

Im Grund können wir nicht mehr tun als das. Wir stehen zu unserer Schuld und tragen sie. Es liegt dann bei der anderen Person, die Entschuldigung anzunehmen und damit den Zyklus abzuschließen. Wir können diese Annahme nicht einfordern, sie kann nur aus der anderen Person kommen.

Die Annahme der Entschuldigung beinhaltet, dass der Fall damit einvernehmlich geschlossen und in die Vergangenheit verabschiedet wird. Wenn die Person, die sich beleidigt fühlt, nach dem Akt des Entschuldigens und der Annahme weiter Vorwürfe und Beschwerden über den Vorfall äußert, hat sie die Entschuldigung nicht wirklich akzeptiert und setzt sich damit selbst ins Unrecht, lädt Schuld auf sich. Wenn wir eine Entschuldigung nur scheinbar oder überhaupt nicht annehmen können, die offen und ehrlich von der anderen Person kommt, liegt es daran, dass die Verletzung, die passiert ist, eine tiefere Wunde in uns angerührt hat, die weit in die Vergangenheit zurückreicht und nichts mit der Person zu tun hat, die sie aktiviert hat.

Wenn wir auf den weisen Teil in uns hören, können wir jeder Person, die uns gekränkt hat, danken, dass sie uns auf ein Thema aufmerksam gemacht hat, das wir noch nicht aufgelöst haben. Wir können uns für die Hilfe, bewusster zu werden, bedanken. In jeder Verletzung steckt ein möglicher Gewinn für uns selber, wenn wir sie annehmen und ihre Hintergründe erforschen.


Unschuldig in der Schuld


Leider tun wir Menschen uns schwer damit, einzusehen, dass wir in jeder Situation immer nur das tun, was wir gerade als das Beste in unseren Kräften stehende zu tun vermögen; denn könnten oder wüssten wir es besser, würden wir es anders machen. Wir haben in jedem Moment genau jene Kräfte und Potenziale, Fähigkeiten und Durchblicke zur Verfügung, die uns zugänglich sind. Wir sind in jedem Moment genau so gut oder schlecht, wie wir eben sind. Dafür sollten wir uns selbst zuallererst Verständnis und Nachsicht gewähren. Diese Barmherzigkeit uns selbst gegenüber dient dann als Brücke für die Versöhnung mit denjenigen, die uns etwas angetan haben.

Die Überheblichkeit des Schuldgefühls


Wir leiden an Schuldgefühlen. Sie machen uns innerlich Druck, schmälern unseren Selbstwert und verringern unser Wohlgefühl. Unter ihrem Einfluss stellen wir uns selbst in Frage, werten uns ab und machen uns schlecht.

Deshalb mag es seltsam klingen, Schuldgefühle mit Überheblichkeit in Zusammenhang zu bringen. Schuldgefühle entspringen der Annahme, dass wir perfekt sein müssten, unfehlbar und makellos. Und dass wir die Kontrolle und Übersicht über die Wirklichkeit haben müssten, ebenso über die Folgen unserer Handlungen. Doch sind wir nur beschränkte Wesen mit begrenzten Wahrnehmungen und Denkfähigkeiten. Wir sind der Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit der Welt ausgesetzt. Wenn wir diese Tatsache ignorieren, sind wir überheblich. Wir halten uns für mächtiger als wir jemals sein können, wir verwechseln Möglichkeit und Wirklichkeit.

Letztlich ist im Schuldgefühl ein Sich-über-den Lauf-der-Dinge-Stellen-Wollen enthalten, so als hätten wir eine umfassende Macht über das, was passiert – wir haben sie aber nicht. Und das Eingestehen der eigenen Schwäche und Unvollkommenheit ist der erste Schritt zum Verabschieden der Schuldgefühle. Die Regie in unserem Leben liegt nicht bei uns, wir haben nur einen kleinen Gestaltungsspielraum bei dem, was das Ausfüllen unserer Rolle anbetrifft. Wir können neues lernen und damit unsere Freiheitsräume erweitern. Aber der große Teil unseres Denkens und Tuns, selbst unseres Wahrnehmens ist unserer willentlichen Kontrolle entzogen. Nur ein Bruchteil der Operationen, die unser Gehirn vollzieht, ist dem Bewusstsein und der willentlichen Steuerung zugänglich.

Bei unseren Mitmenschen ist es genauso. Deshalb können wir uns vornehmen, ihren Fehlerhaftigkeiten und Unzulänglichkeiten mit Nachsicht und Verständnis zu begegnen, auch wenn wir uns im ersten Moment beleidigt und verletzt fühlen.


Wurzeln in der Kindheit


Unsere Schuldgefühle haben sich ausgeprägt, als wir noch klein waren. Scheinbar waren die Großen, die uns umgeben haben, frei von Fehlern und Irrtümern, scheinbar haben sie immer alles richtig gemacht. Als die Kleinen konnten wir ja nicht wissen, was gut und schlecht, richtig und falsch ist. Erst langsam haben wir erkannt, dass auch die erwachsenen Bezugspersonen unvollkommen sind. Doch da waren unsere Selbstabwertungen innerlich längst schon fest etabliert. Oft wurden wir in unseren Fähigkeiten, uns richtig zu verhalten überfordert, und haben bald begonnen, uns selbst zu überfordern. Deshalb ist der Leistungsdruck eng mit Schuldgefühlen verbunden: Wann immer wir nach irgendeinem Maßstab nicht genug leisten, sollten wir uns schuldig fühlen.

Doch blockiert das Schuldgefühl die Leistungsfähigkeit. Wir können uns zwar von ihm angetrieben und motiviert fühlen, kommen aber unter seinem Druck schnell in Stress, der dann wieder die Leistungsfähigkeit hemmt, weil diese auch einen Entspannungsfaktor braucht. Stress macht uns unkonzentriert und dadurch fehleranfälliger, was die Schuldgefühl-Spirale antreibt und verstärkt.

Schuldgefühle können deshalb die Selbstausbeutung fördern: Über unsere Grenzen gehen, um ja nicht äußerer Kritik zu verfallen, um ja die Erwartungen anderer lückenlos zu erfüllen, tun wir alles, was in unseren Kräften steht, bis diese über die Maßen erschöpft sind. Dieser Mechanismus ist leider eine zentrale Antriebskraft der Leistungsgesellschaft, die die Menschen über die Erfolge definiert, die sie im Leben erzielen, von denen ihre Fehler und Misserfolge abgezogen werden.


Ungeschehen machen


Manchmal wollen wir ungeschehen machen, was passiert ist. Wir haben einen blöden Fehler gemacht, und haben das Gefühl, dass wir mit den Folgen des Fehlers nicht fertig werden können. Deshalb fantasieren wir den Fehler weg, indem wir denken, wie wir anders hätten handeln müssen, damit der Fehler nicht passiert wäre. Wir werden zu Kindern, die noch glaubten, dass magische Kräfte die Welt regieren, die Vergangenheit wie die Zukunft, und dass diese Kräfte auch etwas, was schon geschehen ist, wieder löschen können. Wir meinen, wir könnten die Zeit zurückdrehen und die Geschichte in einer harmloseren Version neu schreiben, sodass wir als die Guten und Vollkommenen aussteigen.

So sind wir mit diesen Fantasien beschäftigt und müssen uns nicht mit den Folgen unseres Fehlers praktisch auseinandersetzen – was uns allerdings in den allermeisten Fällen nicht erspart bleibt. So schieben wir nur hinaus zu tun, was zu tun ist, was wiederum in vielen Fällen den Fehler noch verschlimmert, sodass noch mehr getan werden muss, um ihn auszubügeln. Wir vertrauen nicht auf die Kraft, die wir haben, um nach jedem Versagen wieder aufzustehen, sondern klammern uns an die Illusion, dass wir ohne Anstrengung weiterkommen.

Ein Psychologe sagt vielleicht, dass die Fantasien, die die Vergangenheit umschreiben wollen, einem Probehandeln dienen: Wir wollen imaginär üben, wie wir es beim nächsten Mal besser machen. Mir ist der Blumentopf beim Gießen runtergefallen und indem ich die missglückte Aktion Revue passieren lasse, wie sie hätte ablaufen sollen, ich präge mir ein, wie ich den Fehler das nächste Mal vermeide. Nur: Das nächste Mal gibt es nicht in dieser Weise, die Bewusstheit ist bei der nächsten ähnlichen Handlung ohnehin erhöht. Ich lerne unmittelbar aus den Folgen meines Tuns, was in das nächste Mal einfließt. Fehler schulen meine Achtsamkeit.


Das Vergangene der Vergangenheit


Was geschehen ist, ist geschehen, es lässt sich nicht mehr ändern. Wir wissen es ja, wollen es aber oft nicht wahrhaben, wenn wir noch im Schock des Fehlers stehen. Auch der Fehler gehört in die Vergangenheit, ins Jetzt gehört das Umgehen mit den Folgen – Reparieren, was kaputt gegangen ist, Wiedergutmachen, was als Schaden angerichtet wurde usw. Wenn getan wurde, was getan werden kann, sollte das Leben wieder weitergehen und das ganze Ereignis, die fehlerhafte Handlung und die Bewältigung der Folgen, in die Vergangenheit verabschiedet werden. Wir haben die Lektion gelernt und sind in Bewusstheit und Achtsamkeit gewachsen.

Wenn wir die von Überheblichkeit geprägte Haltung der eigenen Selbstüberschätzung hinter uns gelassen haben, brauchen wir keine Schuldgefühle mehr. Wir wissen, dass wir manches gut und manches weniger gut machen, dass wir fehleranfällig sind, eben Projekte im Werden, die durch Lernen flexibler und kreativer werden. Mit Schuldgefühlen binden wir uns an die Vergangenheit und hindern uns daran, den gegenwärtigen Moment voll auszuschöpfen und mit unserer Kraft und Gestaltungsfreude mitzugestalten.