„Gibt es eine dunkle Macht, die so feindlich und herrisch einen Faden in unser Inneres spinnt, woran sie uns dann packt und fortzieht auf einem gefahrvollen, verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muss sie sich in uns, wie wir selbst gestalten, ja unser Ich werden; denn nur so glauben wir an sie und weichen ihr den Platz, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.“ (E.T.A. Hoffmann)
Die dunklen Mächte im Inneren sind abstoßend und faszinierend zugleich. Die Beschäftigung mit dem Dämonischen ist riskant, wie Hoffmann in mehreren seiner Erzählungen geschrieben hat (“Der Sandmann”, “Die Elexiere des Teufels”, “Das Fräulein von Scuderi”). Denn sie fordern das rationale Ich heraus. Gewinnen sie die Oberhand, so kann das Ich zerfallen und dem Wahnsinn Platz machen. Gelingt es, sie mit Mut und Umsicht zu zähmen und zu bändigen, so wachsen die Persönlichkeit und ihre Ich-Autonomie. Wer mit den inneren Mächten Freundschaft geschlossen hat, den kann nichts mehr erschüttern.
„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“
(Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 146)
Das Ungeheuer im Inneren ist das Dämonische, die Verkörperung der Schattenseiten, der dunklen Bereiche der Seele. Es sind vor allem die zerstörerischen Kräfte, die im Seelengrund schlummern, aber immer wieder an die Oberfläche drängen. Wenn man mit ihnen kämpft, wird man zum Krieger, der vernichten will, wird also selbst zum zerstörerischen Ungeheuer. Wenn man den Kampf verweigert, bleiben die Scham und die Angst. Wer sich wegduckt und klein macht, verharrt in der Position der Ohnmacht und erzeugt einen inneren Druck, der dazu führt, dass auf einer anderen Ebene die passive Aggressivität wirksam wird.
Der Blick in den Abgrund erfordert Mut, er bringt in Kontakt mit den Dämonen, und die Dämonen blicken mit der unerbittlichen Botschaft zurück: Stell dich uns oder gib auf! Der Abgrund, der in dich hineinblickt, präsentiert die Herausforderung, dich allen Ängsten, Wut- und Hassgefühlen, allen beschämten Aspekten zu stellen.
Nach Sigmund Freud ist das Unheimliche ein Seelenteil, der verdrängt und dadurch entfremdet wurde. Als Dämonisches drängt es ins Bewusstsein, damit er gesehen und verstanden werden kann. Doch das verängstigte Ich reagiert mit allen Mitteln der Abwehr, um sich dem Schrecken nicht stellen zu müssen. So muss sich das Verdrängte neue Wege suchen, um ans Licht zu kommen. Es wird nicht lockerlassen, bis es an sein Ziel kommt. Träume, Fehlleistungen und neurotische Verhaltensweisen sind Wege, auf denen es sich bemerkbar machen wird.
Die gesellschaftliche Dimension des Dämonischen
Während Nietzsche und Freud das Ungeheuerliche im Inneren des Menschen beschrieb, erkannten die Dialektiker der Aufklärung (Max Horkheimer und Theodor W. Adorno) dämonische Dimensionen in der Verstrickung der menschlichen Vernunft mit dem technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Die Natur soll beherrscht werden, aber am Ende ist es der Mensch, der von den Geistern, die er rief, nicht mehr loskommt und von ihnen beherrscht wird. Weil die Vernunft, die zum Instrument der Naturbeherrschung geworden ist, nicht mehr das Ganze im Blick haben kann, wird sie ihrer Aufgabe untreu, das Gerechte und Menschliche einzumahnen.
Neue Formen der Unterdrückung der Menschlichkeit gehen mit den Glücksversprechen der Moderne einher und konterkarieren sie. Während die Menschen mehr Freiheiten und Rechte genießen können, werden sie neuen Zwängen im Konsum und in den Leistungsanforderungen ausgesetzt. Je mehr Glücksmöglichkeiten sich öffnen, desto größer werden die Ängste, das bereits Erworbene wieder zu verlieren. Um diese Spannung zu kompensieren, kommt es zu Rückfällen in den Mythos, zu Versuchen der Welterklärung mit vormodernen Mitteln. Dabei werden die emotional aufgeladenen und zerstörerischen Kräfte dieser archaischen Erzählungen geweckt, in denen alles gebündelt werden kann, was die Moderne an Schattenseiten hervorgebracht hat.
Der Teufelspakt
Thomas Mann, Zeitgenosse und Gesprächspartner von Adorno, griff die Dynamik des Dämonischen in seinem Roman „Doktor Faustus“ auf. Der Komponist Adrian Leverkühn will Musik schaffen, die einer völligen rationalen Kontrolle unterliegt, eine strenge Form der Zwölftonmusik. Es kommt aber zum Umschlag: Die Musik erstarrt, wie gebannt von dem Zwang, der ihr auferlegt wird – so wie in der Dialektik der Aufklärung die Vernunft, statt zur Erweiterung der Freiheit zu führen, in die Unterdrückung umschlägt.
Es kommt im Roman dann zu einer Begegnung des Komponisten mit dem Teufel, also mit dem verkörperten Dämon. Der faustische Pakt, den Leverkühn mit dem Teufel eingeht, ist ein tollkühnes Bündnis mit den unbewussten Kräften, mit dem Zweck, die künstlerische Kreativität aus allen kulturellen Schranken zu befreien. Der Preis, die Überwältigung des rationalen Ichs durch die unkontrollierten Mächte des Unbewussten im Dienst des Absoluten in der Kunst, besteht im Missbrauch des Spirituellen für ungelöste innere Konflikte. Die Vernunft wird also geopfert, um einem Ego-Bedürfnis zum Durchbruch zu verhelfen.
Der historische Wiederholungszwang
Es handelte sich beim sozialphilosophischen und beim literarischen Zugang um den Versuch, die Barbarei des Nationalsozialismus zu verstehen. Die Kapitulation und der Verrat der Vernunft vor den mythologischen Ideologien durch das scheinbar aufgeklärte Bürgertum in den hochentwickelten europäischen Staaten und Kulturräumen hat mit dem unerforschten Dämonischen zu tun, das seine Anziehungskraft aus seiner Verdrängung gewinnt. Es handelt sich dabei nicht nur um Mächte, die im Individuum unterdrückt sind, sondern auch um Dynamiken, die das kollektive Bewusstsein prägen.
Unschwer können wir erkennen, dass wir uns heute wieder in einer Zeit befinden, in der sich die Dialektik der Aufklärung in neuem Gewand zeigt. In den Ländern mit dem höchsten Wohlstand im Vergleich zu ärmeren Regionen und zu allen bisherigen Geschichtsepochen steigen Unzufriedenheit und Unsicherheit, verbunden mit dem Wiederaufleben des Dämonischen, das sich in narzisstischen und empathielosen Politikern zeigt, deren hasserfüllte Parolen immer mehr Menschen faszinieren.
Solange das Dämonische nicht verstanden und integriert ist, wird es sich immer wieder melden. Das gilt auf der individuellen wie auf der kollektiven Ebene.
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