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Dienstag, 31. Juli 2018

Der Verlust und die Wiedergewinnung der Lebendigkeit

Neid auf die Lebendigkeit


Lebendigkeit ist das, was unser Menschsein ausmacht. Lebendigsein bedeutet, die inneren Kräfte nach außen wirken zu lassen, sich auszudrücken und nach innen zu spüren, über Grenzen gehen und sich wieder zurückzunehmen usw. Das Leben, das wir sind, gibt sich die unterschiedlichen Gestalten und nimmt unendlich viele Formen an – wenn es zugelassen wird. Denn die Lebendigkeit kann von früh auf eingeschränkt werden. Wir können davon ausgehen, dass jede Traumatisierung mit dem Verlust von einem Stück an Lebendigkeit verbunden ist, das durch Angst und Anspannung ersetzt wird. Das würde bedeuten, dass umso weniger Energie für das Leben zur Verfügung steht, je schwerer und belasteter die Geschichte eines Menschen verlaufen ist.

Dazu kommt, dass traumatisierte Eltern die eingeschränkte Form, in der sie selber gelernt haben, ihr Leben zu leben, an die Kinder weitergeben. Diese Weitergabe geschieht nicht bewusst, sondern äußert sich in vielen unbewusst ablaufenden Reaktionen auf den Lebensausdruck ihrer Kinder: „Sei nicht so laut, lauf nicht herum, hör auf zu weinen/schreien/lachen, benimm dich …“. Kinder drücken ihre Lebendigkeit über ihre Gefühle aus, von Anfang an. Sie reagieren mit intensiven und heftigen Emotionen, wenn sie Mangel oder Fülle erleben, wenn sie eine Frustration verarbeiten müssen oder wenn sie voll genießen. Aus diesen Gefühlen heraus bewegen sie sich, immer mehr und immer weiter ziehen sie ihre Kreise im Maß der Entwicklung der motorischen Fähigkeiten.

Der unzensurierte und unbefangene Gefühlsfluss, das Lebenselexir der Kinder, erinnert die Eltern an die eigene verloren gegangene Lebendigkeit, und diese Erinnerung löst Sehnsüchte und Ängste aus: Die Bewunderung für und der Wunsch nach dieser freien Form der Lebendigkeit – und die Ängste, die mit den Versagungen und Bestrafungen verbunden waren, die in der eigenen Kindheit auf Gefühls- und Lebendigkeitsausdruck gefolgt sind. Da viele Eltern gelernt haben, als Kinder ihre Gefühle und Wünsche zu verleugnen und mit Anpassung die Angst vor Bestrafung zu bewältigen, geben sie diese Botschaft ans Kind weiter: Lebendigkeit ist bedrohlich, für dich und für andere. Freude und Überschwang führen zu Leid. Zügle deine Lebendigkeit, dämme deine Begeisterung ein, dämpfe deine Freude. Dann kommst du besser zurecht mit einer Erwachsenenwelt, in der es um Anpassung, Verzicht und Selbstbeschränkung geht. Weiter kommst du nicht, wenn du mit deinen Gefühlen verbunden bist, sondern wenn du lernst, sie zu unterdrücken.

In nicht allzu fernen Zeiten waren die christlichen Kirchen in unseren Breiten die moralischen Anwälte der Lebendigkeitsunterdrückung. Sie haben viel dazu beigetragen, dieses Muster als gesellschaftliche Norm zu etablieren: Du hast ein Recht auf Freude erst, wenn vorher Entbehrung war. Freude ist kein Geburtsrecht, sondern etwas, das durch überstandenes Leiden, Anstrengung oder gute Taten verdient werden muss. Die eigentliche Fülle des Glücks wurde zudem nicht mit dem Leben, sondern mit dem Tod verbunden: Wer in rechter Weise, also von den Sünden befreit, stirbt, hat Aussicht auf einen ewig währenden Lebensgenuss. Der Protestantismus hat dieser Verzerrung der menschlichen Natur mit der Auffassung noch eins draufgesetzt, dass nicht einmal die Anstrengung und Leistung im Lauf des Lebens genügen, um sich den Zugang zur ewigen Freude zu verdienen, sondern dass die unvorhersehbare Gnade ein Geschenk darstelle, das nicht eingefordert werden kann.


Funktionieren und Ausflippen


Die Folgen dieser Ideologisierung: eine zweigespaltene Gesellschaft mit lauter zweigespaltenen Menschen, die auf der einen Seite freudlos Leistungen erbringen und auf der anderen Seite die Freuden in der Freizeit maximieren müssen. Wundert es da noch, dass wir das Lachen verlernt oder minimiert haben? Forscher haben festgestellt, dass die Menschen vor 70 Jahren noch 14 Minuten täglich mit Lachen verbracht haben und dass es jetzt nur noch 2 Minuten sind. Was ist da an Lebendigkeit verschwunden und wurde durch „Aktivitäten“ ersetzt – zielgerichtetes Tun, leistungsorientiertes Getriebensein? Pflichtschuldig sind wir von früh bis spät gestresst und unterstreichen damit unsere Wichtigkeit, dauernd in Bewegung, jedoch ohne Bezug zu unserer Lebendigkeit. Pflichtschuldig widmen wir uns unseren Freizeitprogrammen, um dort den entspannten Selbstbezug zu maximinieren.

Funktionieren und enthemmen, anpassen und im besinnungslosen Genuss versinken, wie ein englischer Snob, der vor seinem Bentley steht und meint: „Hier (zuhause in der Luxusvilla) sage ich nur Morgen, ein guter Morgen ist es erst auf der Jacht vor St. Tropez.“ Oft besteht das Vergnügen nur mehr darin, die Last der Entbehrungen loszuwerden. Zum entspannten Genießen und zur stillen Freude bleibt kaum mehr irgendwo Platz.


Die Pflege der Muße


Diese Räume und Zeiten gilt es zu schaffen. Die bewusste Pflege der Muße – etwas, das die „Alten“ offensichtlich noch beherrschten – wird zur Überlebensfrage der entwickelten Gesellschaften. Sollte sich unsere Gesellschaft tatsächlich in eine Richtung entwickeln, dass nur noch eine Minderheit einer Erwerbsarbeit nachgeht, weil ansonsten ein Großteil der notwendigen Tätigkeiten von Maschinen erledigt werden, dann sollten wir schon über die Fähigkeiten verfügen, uns an den großen und kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen und aus diesen Freuden die Kreativität zu entwickeln, um unser Selbst zum Ausdruck zu bringen, zur Freude für die anderen Menschen. Das wird nur gelingen, wenn wir den inneren Bezug zu unserer Lebendigkeit wiederherstellen. 


Die Rückgewinnung der Lebendigkeit


Das Wieder-Inbesitznehmen der eigenen Lebendigkeit kann mit der Rückverbindung mit dem eigenen Körper gleichgesetzt werden. Die organischen Selbstregulationsprozesse, die vom Anfang unseres Lebens an unsere Entwicklung und unser Wachstum gesteuert haben, sind im Lauf der Zeit und als Folge von ungenügend bewältigten Herausforderungen an manchen Punkten aus dem Lot geraten. In ihre Stelle sind Regulationen durch die Erwartungen anderer getreten: Wie soll ich mich verhalten, sodass niemand Anstoß nimmt? Wieviel von meiner Lebendigkeit darf ich zulassen, bevor etwas Schlimmes passiert?

Wir können diese Rückkehr als Re-Inkarnation im wörtlichen Sinn verstehen: Wieder zu Fleisch werden, sprich in der Körper zurückkehren, den wir teilweise verlassen haben und uns tiefer mit der eigenen Lebendigkeit verbinden. Abspaltungen von Teilen unseres Selbst müssen für diesen Schritt aufgelöst werden, Ängste vor der eigenen Energie müssen überwunden werden, dann kann der organische Selbstregulationsprozess in sein Eigenrecht gesetzt werden und findet die Anerkennung, die er braucht.

Das bewusste Atmen verbindet uns mit unserer Lebendigkeit im Moment. Atmend erleben wir uns lebendig. Wir können unsere Atmung auch zur „Wiederbelebung“ unseres Energie- und Gefühlskörpers nutzen – dort, wo etwas abgestorben ist, soll wieder Leben einkehren. Atmend finden wir den Weg zurück zur Ganzheit. Und wenn wir beim Atmen unser Zwerchfell rhythmisch zusammenziehen, könnte es passieren, dass uns ein spontanes Lachen entkommt – willkommen zurück in der puren Lebendigkeit.

Montag, 29. Januar 2018

Leistung statt Freude?

Eine Komponente der „schwarzen“ Pädagogik, der dominanten Erziehungsform, der unsere Eltern-, Groß- und Urgroßelterngenerationen ausgesetzt waren und die deshalb bis heute in uns und unserer Kultur wirkt, stellt die Unterdrückung von positiven Gefühlen dar. Kinder, die sich zu viel freuen, werden den Ernst des Lebens nicht verstehen und nicht die Anstrengungen aufbringen, die notwendig sind, um später diese Herausforderungen zu bewältigen. Deshalb wäre es wichtig, die Freudenausbrüche der Kinder zu unterbrechen und sie konsequent auf den „Ernst des Lebens“ vorzubereiten.

Eltern, die aus dieser Erziehungstradition handeln, sind der (unbewussten) Auffassung, dass ihre Kinder auf eine feindliche Welt vorbereitet werden müssen, in der man sich jede Belohnung mühsam verdienen muss. Eine Position in dieser Welt kann man nur erwerben, wenn man die geforderten Leistungen erbringt. Die Gefühle von Freude und Leichtigkeit stehen dieser Haltung im Weg und müssen deshalb unterbunden werden. Nur so wären die Kinder für eine Welt gewappnet, in der einem nichts geschenkt wird.


Freudlose Religionen


Gespeist wurde dieser Aspekt der Pädagogik zusätzlich noch von der Tradition der Leibfeindlichkeit und Leidenspflege in der katholischen Kirche. Die Gläubigen sollten sich von übermäßiger Freude fernhalten, weil damit vergessen würde, dass sich Jesus durch sein Leiden bis zum Tod für die Erlösung der Menschen eingesetzt hat. Die Selbstaufgabe und der hingebungsvolle Einsatz für andere müsse deshalb im Vordergrund stehen, und alles, was unbeschwerten Genuss und einfache Freude bereitet, müsse mit Misstrauen betrachtet werden, weil die dahinterstehende Haltung der verderblichen Selbstsucht Vorschub leiste.  Außerdem sollten sich die Menschen immer bewusst halten, dass ihr eigenes Leben begrenzt ist und dass dieses dem guten Tun zu widmen sei, um sich damit ein ewiges Leben im Himmel zu verdienen, wo dann erst die Freude, allerdings in ewiger Dauer, zuteil wird. Die Erde als Jammertal und Ort von Mühen und Qualen hat das Weltbild vieler Menschen bis in die Pädagogik hinein geprägt und tiefe Spuren in den Motivationsgefügen der Menschen hinterlassen.

Denn es wird über die Jahrhunderte ein Muster etabliert und eingeprägt: Du bekommst erst ein Recht auf Freude, wenn du vorher Entbehrungen durchlitten hast. Die Freude ist kein natürliches spontanes Gefühl und sie ist auch kein Geburtsrecht der Menschen, sondern etwas, das durch das Durchleiden von Mühsal verdient werden muss.

Der Protestantismus hat dieser Verzerrung der Natur (die sich von sich aus einfach freuen will, wenn es einen Anlass gibt) noch eins draufgesetzt, indem einige der Reformatoren die Auffassung vertreten haben, dass nicht einmal genügt, sich durch Leistung den Zugang zur Freude zu verdienen, sondern dass diese ein unverdientes Geschenk darstelle, das der Gnade Gottes verdankt ist und von einem Menschen nicht eingefordert werden kann. Als Lebensaufgabe bleibt nur, sich permanent anzustrengen, um sich der Gnade für würdig zu erweisen.


Anpassung zum Überleben


Diese freudlosen Botschaften, die in den westlichen Religionen verankert sind, spiegeln die Lebensrealität über weite Strecken der Menschheitsgeschichte wieder. Über Jahrtausende konnten weitaus die meisten Menschen nur überleben, wenn sie sich den harten Außenbedingungen vorbehaltslos anpassten: Karge Ressourcen und starre Unterordnung unter hierarchische Zwänge. Die Kinder mussten von Anfang an dazu gebracht werden, dass sie in diese Korsette passen. Deshalb schien es konsequent, nicht mit der Rute zu sparen, denn es musste von früh an gelernt werden, Strafen durch Anpassung und Unterwerfung zu vermeiden. Auf diese Weise wurde die Selbstbestimmung und Selbstmotivation eingeschränkt, die in der Gesellschaft ohnehin keinen Platz hatte. Besser war es, das eigene Leben nach den Mechanismen von Belohnung und Bestrafung zu fristen.

Die Dynamik der Industrialisierung bis zur Digitalisierung hat dazu geführt, dass dieses Gesellschafts- und Kulturmodell mehr und mehr überflüssig wurde. Zunächst erforderte zwar die Fabriksarbeit Menschen, die zuverlässig und fehlerfrei einfache Vorgänge ausführen konnten, die also über ausgeprägte Selbsthemmungs- und Selbstkontrollmechanismen verfügen mussten. Aber die zunehmende Automatisierung führte zum Verschwinden gerade der einfachen und routinierten Arbeitsabläufe, die eben von Maschinen übernommen werden können.

Die komplexeren Aufgaben, die in der postindustrialisierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft anfallen, erfordern dagegen keine gehemmten und dressierten Individuen, sondern Menschen, die über Eigenmotivation und Kreativität verfügen. Und diese inneren Kräfte werden nur frei, wenn wir in Übereinstimmung mit uns selbst sind, wenn wir die spontanen Gefühle und Impulse in uns selber spüren und zulassen können. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir dauernd neue Fertigkeiten erlernen müssen, und nach Meinung vieler Psychologen ist Lernen nur dann effektiv, wenn es von Begeisterung angetrieben ist.


Arbeit gegen Freizeit


Die Folge ist eine zweigespaltene Gesellschaft, in der auf der einen Seite freudlos Leistungen erbracht werden, und auf der anderen Seite die Freuden in der Freizeit maximiert werden müssen. Funktionieren und Enthemmen, Anpassen und im Genuss Versinken, wie ein englischer Snob, der vor seinem Bentley und seiner Villa steht und meint: „Hier sage ich nur ‚Morgen‘, ein guter Morgen ist es erst auf der Jacht vor St. Tropez.“ Oft besteht allerdings der vermeintliche Genuss nur mehr darin, die Last der Entbehrungen möglichst effektiv loszuwerden – oder, wie im Fall des Snobs, die allgegenwärtige Langeweile zu bekämpfen. Für ein entspanntes Genießen und für die stillen Freuden, für ein Verweilen im Zauber des Moments  ist in diesem Lebensmodell kein Platz.


Zur Psychologie der Freudlosigkeit


Was passiert, wenn Kinder entmutigt werden, Freude und andere positive Gefühle zu genießen, sei es durch das unbewusst wirksame Beispiel, durch Abwertungen oder Androhen von Strafen? Sie sollen gezwungen werden, ein bestimmtes, von außen festgelegtes Verhalten zu zeigen. Die Drohung löst Angst aus, und dadurch wird der Selbstbezug gehemmt. Die Kinder verlernen, sich selber, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Motivationen zu spüren. Selbstbestimmtes Handeln wird gehemmt. Vorsätze, die den eigenen Wünschen entsprechend, können schwerer umgesetzt werden.

Wo es die Möglichkeit gibt, positive Gefühle selbst zum Ausdruck zu bringen und dadurch Selbstmotivation entsteht, kann der Selbstzugang wachsen: Die Selbstmotivation kommt aus dem Selbst, und dadurch wird selbstkongruentes Verhalten möglich. Das Freudeverbot verhindert diesen Weg in das selbstbestimmtes Handeln. Allerdings erleichtert es das Umsetzen von automatisierten und routinierten Verhaltensabläufen, ist also für das Funktionieren in einer einfachen Industriegesellschaft geeignet.

„Hemmt man positive Gefühle, so kann man sogar besonders gut über schwierige, ja sogar völlig unrealistische Ziele und Ideale nachdenken (weil das Intentionsgedächtnis und das Denken durch Hemmung der Freude intensiviert wird) und man kann Aufträge und Instruktionen ausführen, besonders wenn diese keine besondere Planung brauchen, also direkt ausführbare Handlungsroutinen ansprechen. ... Wenn Frustrationstoleranz und Opferbereitschaft mehr eingeübt werden als Freude und Genussfähigkeit, besteht die Gefahr, dass Menschen sich in ihren Idealen und guten Vorsätzen verfangen, bis sie kaum noch etwas von ihren anspruchsvollen Idealen umsetzen können und immer mehr auf Fremdsteuerung durch Routinen, Regeln und Geboten angewiesen sind, die auch ohne positive Gefühle umgesetzt werden können.“ (Aus: Julius Kuhl: Spirituelle Intelligenz, S. 119f)


Neid auf die Lebendigkeit


Warum kommen die Eltern mit der spontanen Begeisterung und Freude der Kinder nicht zurecht? Kinder drücken über ihre Gefühle ihre Lebendigkeit aus, von Anfang an, also sobald sie auf der Welt sind und schon davor. Das erinnert die Eltern an die eigene nicht gelebte Lebendigkeit, und diese Erinnerung löst Sehnsüchte und Ängste aus: Der Wunsch nach dieser Lebendigkeit und die Ängste, die mit den Versagungen und Bestrafungen verbunden waren, die in der eigenen Kindheit auf Gefühls- und Lebendigkeitsausdruck gefolgt sind. Da sie gelernt haben, ihre Wünsche zu verleugnen und mit Anpassung die Angst vor Bestrafung zu bewältigen, geben sie diese Botschaft ans Kind weiter: Lebendigkeit ist bedrohlich, für dich und für andere. Freude und Überschwang führen zu Leid. Zügle deine Lebendigkeit, dämme deine Begeisterung ein, dämpfe deine Freude. Dann kommst du besser zurecht mit einer Wirklichkeit, in der es um Anpassung, Verzicht und Selbstbeschränkung geht.


Leistungsentlastung und die Räume der Freude


Es könnte sein, dass sich unsere Gesellschaft in die Richtung entwickelt, dass nur noch eine Minderheit einer Erwerbsarbeit nachgehen kann, weil ansonsten ein Großteil der notwendigen Tätigkeiten von Maschinen erledigt wird. Wer keinen Platz in der Arbeitswelt findet, kann die Selbstdefinition über Leistung aus Anpassung und Verzicht hinter sich lassen. Sie wird nicht mehr benötigt. Der biblische Fluch, das Brot im Schweiß der Mühsal zu essen, verliert seine Macht, wie alle anderen Formeln und Rituale der schwarzen Pädagogik.

In jedem Fall sollten beginnen, die Relikte der freud- und lustfeindlichen Pädagogik abzuarbeiten, alle daraus stammenden Konditionierung zu überwinden und unsere natürlichen Anlagen zu allen positiven Gefühlen völlig freizulegen. So können alle Gefühle spontan fließen und unseren Selbstausdruck stärken. Wir pflegen und stärken die Fähigkeit, uns an den großen und kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen und aus diesen Freuden die Kreativität zu entwickeln, um unser Selbst zum Ausdruck zu bringen, zur Freude für die anderen Menschen.  In Übereinstimmung mit dem, was sich in uns zeigt, entfalten wir uns am leichtesten und halten mit unserer inneren Harmonie auch unsere Gesundheit aufrecht. Wir können die Räume, die frei werden, mit Freude und Lebensgenuss füllen, sie warten schon drauf.


Zum Weiterlesen: 
In der Mangel des Erfolgsstrebens
Das soziale Gewissen und die Verachtung des Schwachen
Der Verlust und die Wiedergewinnung der Lebendigkeit

Donnerstag, 12. November 2015

Der Neid-Mechanismus

Die gegenwärtige Thematik der Flüchtlingsbewegungen nach Europa gibt auch die Möglichkeit, die Mechanismen des Neides besser zu verstehen. Denn viele Menschen, die am Wohlstand unserer Gesellschaft weniger Anteil haben, reagieren mit Neid, wenn sie hören oder sehen, wie Flüchtlinge ohne „Gegenleistung“ versorgt werden. Und bestimmte politische Gruppierungen greifen das Thema gerne auf, um gegen „die Fremden“ Stimmung zu machen oder sogar zu hetzen.

Ein Szenario, das auch durch diverse Medien gegeistert ist: Ein Schaffner geht durch einen Zug und lässt eine Flüchtlingsfamilie, die keine Fahrscheine hat, mitfahren. Ein einheimischer Fahrgast, der keinen Fahrschein mithat, weil er vergessen hat, ihn zu lösen, muss neben dem Fahrschein auch noch eine Bearbeitungsgebühr bezahlen, wie das eben die Regelung vorsieht. Der Fahrgast fühlt sich benachteiligt: Die (noch dazu Fremde in unserem Land) dürfen gratis fahren, ich (einheimisch und sesshaft) muss noch draufzahlen. Oder: Die Mindestpensionistin schaut auf ihre magere Geldbörse, während sie im Fernsehen sieht, wie die Flüchtlinge an den Grenzen mit Mineralwasser und Bananen versorgt werden, und denkt sich, ich muss jedes Monat schauen, wie ich mit dem wenigen Geld zurechtkomme, und die kriegen einfach so, was sie zum Leben brauchen – wie ungerecht und gemein – ich sollte ja mehr auf mein Konto kriegen, nachdem ich so lange in dem Land lebe und gearbeitet habe.

Solche Reaktionen sind nachvollziehbar, weil wir alle den Neid-Mechanismus kennen. Nun ist ja die äußere Realität eine andere: Flüchtlinge kommen aus Not und Verzweiflung (selbst die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die zuhause nicht um ihr Leben fürchten müssen, nehmen nicht aus Jux und Tollerei die beschwerlichen Fluchtwege auf sich). Sie können nur hoffen, dass sie versorgt werden, aber sie sind so entschlossen, die Gefahren auf sich zu nehmen, dass sie das Risiko des Scheiterns, also des Todes, auf sich nehmen, weil sie sonst keine Perspektive für ihr Leben und das ihrer Familien sehen. Ihr Kalkül dabei ist sicherlich, dass sich die reichen Länder in Europa nicht leisten können, Menschen einfach verhungern zu lassen. Aber das ist nur eine Hoffnung, denn viele sind auf den Fluchtwegen schon umgekommen.

Die andere Seite der Realität ist, dass ein Fahrgast, der vergessen hat, seinen Fahrschein zu lösen, damit rechnen muss, mehr zu zahlen. Die Regelung gibt es, ob nun Flüchtlinge im Zug sind oder nicht. Zum Unterschied von den Flüchtlingen kann er sich die zusätzliche Gebühr leisten und muss nicht deshalb zwei Tage auf sein Essen verzichten.

Die Pensionistin kriegt ihre Pension, und sie wird nicht weniger, wenn Flüchtlinge ins Land kommen. Deren Versorgung wird nicht von ihrer Pension abgezogen. Wenn sich die Krise aufgelöst hat und die Flüchtlingsströme versiegt sind, kriegt sie deshalb auch nicht mehr. Zum Unterschied von Flüchtlingen kann sie damit rechnen, dass sie das Wenige, was sie kriegt, wenigstens Monat für Monat kriegt, wie schon seit Jahren.

An diesen Punkten setzt der Neid an, der ja ein innerer Prozess ist. Die äußeren Gegebenheiten werden gemäß den inneren Erfordernissen arrangiert: Die eigene Frustration (die Mehrgebühr im Zug, die geringe Pension) wird in Relation gesetzt zu einer Beobachtung im außen, die eigentlich mit der Frustration nichts zu tun hat, aber eine innere Ähnlichkeit aufweist. So wird ein neuer Kontext erschaffen, und das eigene Schicksal wird neben das Schicksal anderer Menschen gestellt. Dann wird in einer Weise verglichen, die einen selber als Verlierer aussteigen lässt: Die zahlen nichts für ihr Essen oder für ihre Beförderung, ich hingegen schon. Ausgeblendet werden andere Faktoren, die den Vergleich anders ausgehen ließen: zum Beispiel das Ausmaß an Sicherheit, das der Fahrgast hat, der weiß, wohin er fährt und wo er, wenn er ankommt, übernachten kann und wie sein Leben danach weitergehen wird. Oder das Ausmaß an Selbständigkeit: Die Pensionistin kann mit ihrem Geld machen, was sie will, und sie kriegt es ohne jede Bedingung. Flüchtlinge kriegen nur das, was sie am Notwendigsten brauchen, und solange sie nicht andere Einkünfte haben. Oder das Ausmaß an Ressourcen und Vertrauen, usw.

Es gibt also viele Faktoren, die den Vergleich der eigenen Situation mit der der Flüchtlinge zu den eigenen Gunsten ausgehen ließen, aber der Antrieb des Neides engt das Bild darauf ein, wie man selber schlechter abschneiden kann. Es ist also eine typische Anleitung zum Unglücklichsein. Ich leide an der zusätzlichen Zahlung oder an der geringen Pension. Der Neid bewirkt, dass ich noch mehr daran leide. Denn der Vergleich mit anderen, die es scheinbar besser haben, vermehrt meine Frustration und verbittert mich. Ich entwickle eine Abneigung gegen die Menschen, die sich in Aggression und Hass steigern kann. Diese Gefühle verstärken meine Missstimmung und schränken mich ein in meinen Möglichkeiten, die Wirklichkeit umfassend wahrzunehmen. Damit verliere ich an innerer Freiheit, ohne irgendetwas dazu zu gewinnen. Einzig das Gefühl, eine Scheinbegründung für das eigene Unglück zu haben, kann der Gewinn sein, doch ist der Preis dafür ein hoher. Es ist der Preis, den ich für meine Emotionen zahlen muss, die meine Lebensfreude einschränken.

Es ist klar, dass die Flüchtlinge (die für die meisten Menschen bei uns nur virtuell vorhanden sind) bloß als Auslöser verwendet werden, um über einen unbewussten selbstschädigenden Prozess das eigene Unglück zu vermehren. Der Mangelzustand herrscht im eigenen Inneren, und er sucht sich Angelpunkte im Außen, um sich beklagen zu können und den Hass darüber ausdrücken zu können. Wenn das eigene Leid und die Klagen darüber Verbreitung finden, bei den Nachbarn und Verwandten, oder wenn sie von den Freunden im sozialen Netzwerk geliket und retweedet werden, entsteht ein Gefühl von Solidarität, das die Hoffnung nährt, dass dem eigenen Mangelzustand doch einmal abgeholfen wird. Wenn der Auslöser beseitigt ist (alle Ausländer raus!), dann könnte die Bahn ihre Tarife senken und die Regierung die Pensionen anheben.

Doch der innere Mangel wird nicht behoben, wenn der Schaffner auf die Zusatzgebühr verzichtet und die Pension substantiell erhöht wird. Denn es ist ein Wunsch nach bedingungsloser Liebe, der auf die Flüchtlinge projiziert wird. Dieser Wunsch kommt aus unserem Grundbedürfnis nach Angenommensein, das wir ganz am Anfang unserer Existenz brauchen, um uns sicher zu fühlen. Ohne diese Bedingungslosigkeit müssen wir um unser Leben fürchten. Denn wir können nichts tun, um unser Überleben zu sichern und können nur hoffen, dass unsere Überlebensbedürfnisse von außen gestillt werden.

Diese Furcht tritt uns entgegen, wenn wir Flüchtlingen begegnen, und unser Unbewusstes löst unsere eigenen Überlebensängste aus. Der Neid hilft uns, dass wir diese Angst nicht spüren müssen, sondern sie in Aggression und Hass ummünzen können. Damit gewinnen wir ein Stück Kontrolle zurück, bezahlen aber dafür mit innerer Anspannung und Verbitterung, die unseren Geist verdunkelt und die Wahrnehmung trübt.

Wenn wir jedoch die Wurzeln des Neides und der Frustration freilegen und uns die damit verbundenen Ängste bewusst machen, dann können wir uns befreien: Von Frustration, Neid, Hass und Aggression. Der Lohn dafür sind die Genien von Zuversicht, Lebensfreude und Liebe.


Zum Weiterlesen:
Wann ist das Boot voll?

Großprobleme und der Drang zum Irrationalisieren
Die Flüchtlinge in unseren Köpfen